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Die Politik der ruhigen Wand

2. Oktober 2011 - 20:25 Uhr

In einem Interview bin ich gestern sinngemäß gefragt worden, warum ich Journalisten an Tageszeitungen so häufig kritisieren würde. Die Frage fand ich anfangs originell, aber weil mir diese leider etwas unzutreffende Zusammenfassung meiner Bloggerei immer wieder mal begegnet, denke ich mir: Zeit, um mal wieder ein paar sehr grundsätzliche Worte loszuwerden. Und weil ja auch Feiertagswochenende und alles ganz angenehm ruhig ist, gerne etwas länger, grundsätzlicher und deutlicher.

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Ich kritisiere keine Journalisten an Tageszeitungen. Und auch keine Verlage. Zumindest nicht per se und schon gar nicht, weil es Tageszeitungen und Verlage sind. Ich weiß ja, dass Differenzierung nicht jedermanns größte Stärke ist, aber so einfach funktioniert es nicht: Da ist einer also der Dauerkritiker der Verlage und der Zeitungsjournalisten, möglicherweise sogar mit der Attitüde, ein besserer Mensch zu sein, weil er irgendwas mit Online macht. Was für ein banaler Unfug. Ich kenne ausgezeichnete Journalisten und Manager bei Tageszeitungen. Leute, die es begriffen haben. Die den Mut haben, auch mal Dinge auszuprobieren und letztendlich mit der Grundannahme leben können, dass wir es doch alle nicht so genau wissen, wo die Reise hingeht. Ich kenne aber auch die bräsigen, hochmütigen, langsamen Verweigerer, die schlichtweg nicht wollen, dass sich irgendetwas ändert. Und es gibt die putzigen Assoziationsverwirrten, die zwar sehr viel theoretisches Zeug absondern, dabei aber leider übersehen, wie der Zug ohne sie abfährt, während sie am Bahnsteig gerade noch ein paar Begrifflichkeiten zu klären versuchen.  Ich habe mir nicht die Mühe einer statistischen Erhebung gemacht, insofern weiß ich nicht, ob diese Spezies in Verlagen und bei Tageszeitungen öfter vorkommt als anderswo. Vielleicht ist das so, vielleicht auch nicht, letztendlich ist es mir aber auch einerlei. Letztendlich geht es um Journalismus und seine Zukunft, wenn jemand glaubhaft nachweisen kann, dass diese Zukunft auf Schiefertafeln liegt, ist mir das auch recht.

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Wenn es also etwas sehr Grundsätzliches zu kritisieren gäbe, dann die Schablonendenker alter und neuer Schulen. Die Wahrheit ist leider etwas komplexer, als die meisten eingestehen wollen. Sie liegt nicht in einer Totaldigitalsierung, verbunden mit dem sofortigen Verschwinden analoger Überreste. Aber sie liegt eben auch nicht in einem müden Bewahren dessen, was es bisher gab, mit weitgehend ideenlosen Verlängerungen analoger Inhalte in die digitale Welt. Ein Beispiel aus dem nicht-journalistischen Bereich verdeutlicht das sehr schön: Bei Adobe war man über viele Jahre davon ausgegangen, es gebe im Wesentlichen zwei Vertriebs- und Kommunikationswege für das Unternehmen. Neuerdings geht man von 36 aus. Ob es sich dabei tatsächlich um 36 handelt, weiß ich nicht, es ist auch einerlei. Fest steht aber, dass wir es zunehmend mit der Fragmentierung von ungefähr allem zu tun haben.  Bezeichnend dafür ist eine kleine Studie der Fachhochschule Hannover, die eine kleine Gruppe junger Leser die Apps von vier Tageszeitungen testen ließ. Zuvor befragte man diese jungen Leute nach ihren grundsätzlichen Ansichten zu digitalen und analogen Plattformen. Überraschendes Ergebnis: Es gibt gar keine eindeutigen Präferenzen, die Nutzer wollen ebenso gedruckte Zeitungen wie Apps, sie wollen Papier wie Tablets, sie können sich das Ende des Gedruckten nicht vorstellen, leben aber wie selbstverständlich digital. Warum soll das auch ein Widerspruch sein? Es lässt sich ziemlich prima leben damit, in meinem eigenen Leben jedenfalls spielt das Internet genauso eine Rolle wie das Tablet wie das (gedruckte) Buch und die Zeitung. Es gibt Bücher, die ich mir lieber ins Regal stelle (schöne Begründung dazu findet sich bei den Kollegen der SZ). Und es gibt welche, die ich lieber auf dem Tablet habe, das häufig aus eher praktischen Gründen. Sogar auf dem Tablet muss es ja gar nicht zwingend eine einzige Nutzungsform geben: Es gibt Apps, die sind wunderbar, obwohl ich dann auf der anderen Seite genauso gerne mobile Versionen von Webseiten nutze. Keine Ahnung, arum das so ist, es ist ja eigentlich egal, es zeigt nur: Eine halbwegs vernünftige Strategie für Medienhäuser funktioniert nur, wenn sie die Tatsache der Fragmentierung mit einbezieht.

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Was man ebenfalls kritisieren darf und was vermutlich das eigentliche Problem vieler Medienhäuser ist: Sie sind schlichtweg zu langsam. Zumindest zu langsam für das Netz, für die Digitalisierung, für den rasend schnellen Umbruch.  Wenn man in diesem Zusammenhang nochmal bei dem App-Thema bleiben darf: Es ist ja dann doch erstaunlich, dass es von den meisten großen deutschen Tageszeitungen immer noch keine funktionierenden Apps gibt (es gibt auch welche, die haben zwar Apps, aber das sind eher programmgewordene Schrotthaufen). Immerhin ist bereits vor drei Jahren erstmals die Rede davon gewesen, dass es mal so was wie ein Tablet geben könnte. Das iPad gibt es jetzt gute eineinhalb Jahre, inzwischen wird an Version 3 gebastelt, Amazon bringt ein eigenes heraus, etliche andere Hersteller haben sich daran versucht und sicher ist, dass Tablets alles andere als eine Modererscheinung sind. Man ist sogar soweit, dass man an Apps nur noch als Übergangserscheinung glaubt, weil schnelles Web und neue Programmiersprachen die App möglicherweise überflüssig macht. Und man geht davon aus, dass unser Leben, egal ob medial oder sonstwie, sehr viel mit der Omnipräsenz von Bildschirmen zu tun haben wird. Während sich das alles also entwickelt, sitzen sie in vielen Häusern immer noch da und tüfteln an Apps, an Übergangslösungen also, deren Ende womöglich jetzt schon wieder absehbar ist. Das Netz also ist zu schnell für viele.  Möglicherweise sind es also nicht mal nur etwas antiquierte Auffassungen von Journalismus und Medienmachen, sondern ein schlichtes Geschwindigkeitsproblem. Wer heute jedenfalls mit der Erstausgabe seiner App rauskommt, sollte nicht unbedingt stolz darauf sein.

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Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die kurze Geschichte der gar nicht mal mehr so neuen Medien. Irgendetwas kam, es kam rasend schnell, während es sich für ein Massenpublikum zu entwickeln begann, war am Ende des Horizonts schon wieder das nächste große Ding zu sehen. Und während dieses nächste große Ding näher und näher rückte, waren viele noch damit beschäftigt, das vorletzte große Ding irgendwie ins Laufen zu bringen. So wie sie es jetzt wieder mit den Apps versuchen, gleichzeitig aber doch noch genug Zeit finden, gegen die ARD zu klagen. Wenn sie schlau wären, würden sie diese Evolutionsstufe einfach überspringen und an schnellen, praktikablen und guten Lösungen für mobile Inhalte arbeiten. Weswegen abzusehen ist, dass irgendwann mal ein Gericht ein Urteil spricht, obwohl die App-Karawane schon lange weitergezogen ist. Wenn sie also alle einfach nur ein bisschen schneller wären, ein bisschen weniger bockbeinig, sich mit etwas weniger Metaebenen bei ihren Debatten befassen würden, es wäre viel gewonnen. Ein Problem von Tageszeitungen? Nein. Ein Problem der Langsamen und der Verweigerer.

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