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Nur 50 Prozent kürzen für 237 Prozent Erfolg!

17. Oktober 2011 - 23:51 Uhr

Das Netz ist ein ulkiger Ort für Journalisten. Man kann dort sogar in mathematischen Formeln ausrechnen, wann ein Text ein Erfolg wird oder eher nicht. Man kann Texte optimieren und sich das Handwerkszeug dazu in Barcamps und Werkstätten beibringen lassen.  Man kann Systeme entwickeln und noch ein bisschen anderen Kram machen. Kurzum: Man muss als Journalist im Netz nicht mehr gute Geschichten erzählen und zu sehen, dass man einen Stil schreibt, von dem man möglicherweise einfach nur eines behaupten kann: dass man ihn gerne liest, dass er fesselt, unterhält, informiert.

Mehr müsste so ein Text also gar nicht können. Trotzdem kommt man als Journalistenausbilder seit Jahren nicht mehr an der Frage vorbei, wie man denn nun richtig textet fürs Web. Ganz so, als gäbe es dafür eine Formel, die man mal eben auswendig lernt und dann beizeiten per Spickzettel anwendet, in zehn Schritten zum guten Leitartikel. Oder so. Ich mochte die Debatte schon früher nicht, weil sie die interessantesten Formen von Kreativität in ein starres Regelwerk presst und die besten Pianisten ja auch nicht die sind, die immer stur nach Noten spielen, ohne so etwas wie eine eigene Note zu entwickeln. Aber in den letzten Jahren ist sie penetrant geworden, weswegen es mich auch nicht gewundert har, dass ich für ein Seminar über Onlinejournalismus mal wieder den Punkt “Richtig texten fürs Web” aufgedrückt bekommen habe. Nicht in zehn Schritten, aber so ähnlich.

Am liebsten würde ich dort ja ein paar Sachen sagen, die man in Seminaren blöderweise nicht sagen kann. Ich würde ihnen gerne von dem Unfug erzählen, den man da gerne mal hört. Vor kurzem habe ich beispielsweise von einer Formel gehört, nach der eine Agentur (oder so was ähnliches) festgestellt haben will, mit einer Textkürzung um 50 Prozent, einer ordentlichen Anpassung eines Layouts und einem sachlichen Stil (öh??) bei einer Kombination von diesen Maßnahmen auf eine Verbesserung der Nutzerfreundlichkeit von fast 130 Prozent zu kommen. Dabei müsste jemand, dessen Nutzerfreundlichkeit und Textqualität sich mal eben so um 120 Prozent steigern lassen ohnehin schon journalistisch gesehen klinisch tot sein.

Und ich würde ihnen gerne sagen: Solange ihr euch nicht aufplustert und euch in der eigenen Bedeutung suhlt und mit den Fragmenten eurer Restbildung heischend um euch werft, ist eigentlich fast alles wurscht (in Bayern nennt man sowas übrigens “Gschwoischädel”, aber ich glaube, das versteht man dann auch nur in Niederbayern). Man müsste ihnen außerdem mitteilen, dass bei all dem Gerede ums Netz und dem Kult um Personen nichts so sehr nervt wie textliche und sonstige Selbstverliebtheit,  dass Journalisten immer noch eher Dienstleister als Selbstdarsteller sind und mich ansonsten weder die persönlichen Befindlichkeiten noch andere Assoziatonsverwirrtheiten interessieren. Dass  Geblubber auch dann Geblubber bleibt, wenn man Feuilleton drüber schreibt. Dass man Kreativität nicht verordnen und nicht in Regeln packen kann.  Und schließlich noch, dass diejenigen die klügsten und sympathischsten Köpfe sind, die nicht andauernd das für sich lautstark in Anspruch nehmen. Und, ach ja, glaubt keinen Göttern, auch nicht denen, die behaupten, es seit vielen Jahrzehnten zu sein und darüber mindestens 38 Bücher geschrieben haben.

Das alles würde ich gerne sagen, aber deswegen gehen junge Menschen vermutlich nicht in Seminare und deswegen bieten Seminarveranstalter vermutlich auch keine Seminare an. Auf der anderen Seite: Soll ich Ihnen ernsthaft goldene Schreibregeln erzählen, darüber reden, dass man mit Adjektiven ein bisserl vorsichtig sein soll und man in Überschriften besser keine Fragen stellt, weil es unser Journalistenjob ist, Fragen zu beantworten (meistens jedenfalls)?

Für meinen Teil weiß ich jedenfalls, warum es Menschen gibt, deren Texte ich aus Prinzip nicht lese — und wieso andere selbst über einen Ameisenhaufen so erzählen können, dass ich noch ein paar weitere Stunden zuhören will. Mit Schreibregeln für Netz oder sonstwas in der Welt hat das jedenfalls nicht sehr viel zu tun.

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