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Das NR und die Langschläfer

28. Oktober 2011 - 8:50 Uhr

Die Laufbahn des Cem Özdemir war schon einmal fast am Ende angekommen.  Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass der Grünen-Politiker mit seinen dienstlich erflogenen Bonusmeilen Privatreisen unternahm, war das Geschrei in etwas so groß, als wenn Özdemir den Bundeskanzler niedergeschlagen hätte. Erst nach längerer Zeit im politischen Büßerhemd durfte er an ein Comeback denken — heute redet niemand mehr von den Bonusmeilen. Was daran liegen könnte, dass mit etwas Abstand betrachtet der Anlass zu nichtig war, als dass man einen Politiker für alle Ewigkeiten verbannen sollte. Und vielleicht gab es diese Aufrechnung damals auch, weil man sich, vorsichtig formuliert, bei einem Politiker etablierter Parteien weniger über einen solchen Vorgang gewundert hätte als bei einem Grünen. Wer die moralische Messlatte hoch legt, darf sich nicht wundern, wenn er als erstes an ihr gemessen wird.

Vermutlich ist auch das ein Grund, warum die Aufregung um die Vorgänge beim “Netzwerk Recherche” in diesem Jahr ganz besonders groß war. Finanzielle Unsauberkeiten sind nirgendwo eine Sache, die mal eben weggesteckt wird. Aber beim “Netzwerk Recherche”, dem selbst ernannten “besten Journalistenverein Europas”, den Aufklärern, den Saubermänner, und ja, auch das: den Selbstdarstellern? Es mutete jedenfalls wie ein schlechter Witz an, dass ein Vorstand mit dem vielleicht profiliertesten Investigativjournalisten in seinen Reihen plötzlich eine Sache am Hals hatte, die zumindest ein bisschen müffelte.

Ein bisschen müffelig riecht auch eine Mail, die Interimschef Hans Leyendecker an seine Vorstandskollegen geschrieben har und die jetzt ausgerechnet in den Fängen der “Bild” gelandet ist. Leyendecker schrieb am 5. August an seine Kollegen das Folgende:

“Die Staatsanwaltschaft hat einen AR-Vorgang (Vorermittlungsverfahren, die Red.) angelegt und wartet die Prüfung ab. Sie bekommt den Bericht aber nur dann, wenn sie Druck macht und mit Durchsuchungen droht. Vielleicht verschläft die Staatsanwaltschaft den Vorgang.“

Ist es denkbar, dass Leyendecker eine solche Mail geschrieben hat? Es ist nicht nur denkbar – es ist definitiv so. Ich habe Hans Leyendecker via Mail zu dem Thema zwei Fragen gestellt. Zum einen, ob diese in der “Bild” zitierte Mail tatsächlich von ihm stammt. Und zum anderen, wie sich das mit der angekündigten Transparenz des NR in dieser Sache verträgt. Vorweg: Hans Leyendecker hat innerhalb von 30 Minuten geantwortet. Er schreibt u.a. folgendes:

“Die Mail habe ich so geschrieben, weil zu diesem Zeitpunkt bei der Staatsanwaltschaft noch kein Ermittlungsverfahren anhängig war und man hoffen durfte, dass gegen Leif nicht ermittelt wird. Ein AR-Vorgang ist die Prüfung, ob es einen Anfangsverdacht geben könnte. Gleichzeitig haben aber die von uns eingeschalteten Wirtschaftsprüfer auf unsere Bitte den Kontakt zur Wiesbadener Staatsanwaltschaft gehalten und die Unterlagen dann auch später, als ein Verfahren eingeleitet worden war, übergeben. Mit Verschleierung hat das gar nichts zu tun.”

Das zeigt sehr schön die Problematik in der Causa NR. Natürlich ist inhaltlich und formaljuristisch nichts gegen die Mail Leyendeckers einzuwenden. Sie belegt aber gleichzeitig, dass die Netzwerker, wenn es um die eigene Sache geht, dann eben doch nicht sehr viel anders handeln als diejenigen, denen sie in ihrem täglichen Job auf den Fersen sind. Herausgabe von Unterlagen nur bei Druck darauf hoffen, dass eine Staatsanwaltschaft vielleicht etwas verschläft — man würde gerne wissen, was NR-Mitglieder schreiben würden, würde ihnen ein Schriftverkehr — sagen wir — eines CDU-Parlamentariers ähnlichen Inhalts bekannt. Dein Einstieg beim “Spiegel” beispielsweise könnte man sich schon richtig gut vorstellen.

Wie auch immer: Das NR hat in diesen Jahr viel von seinem wichtigsten Kapital verspielt. Wenn ein Verein, der sich Investigation und Recherche auf die Fahnen schreibt, in den Ruch von Unregelmäßigkeiten kommt, ist das schlimm genug. Wenn der Vorstand intern auch noch darauf hofft, dass die Staatsanwaltschaft etwas “verschlafen” könnte — dann zeigt das, dass die Vorgänge um die Fördergelder intern bestenfalls nur als Betriebsunfall unter der Verantwortung von Thomas Leif gesehen werden. Dass das Problem möglicherweise eines der grundsätzlichen Haltung sein könnte, hat man sich beim NR noch nicht überlegt.

8 Kommentare » | NUR SO DAHINGESAGT