Archiv für November 2011


Gutt News: Frau Hasselfeldt weiß es doch auch nicht so genau

30. November 2011 - 15:49 Uhr

Neues von der medialen Erregungsfront über den blendenden, brandgefährlichen Baron: Frau Gerda Hasselfeldt ist Vorsitzende der CSU-Landesgruppe in Berlin und das letzte Mal irgendwann zu Kohl-Zeiten auffällig geworden als Gesundheitsministerin. Vermutlich ist sie zudem die einzige Politikerin, die in den letzten Tagen nicht nach ihrer Meinung zu Guttenberg gefragt worden ist. Die FAZ nähert sich ihr deshalb ziemlich investigativ und stellt heute zunächst fest: “Eine Kurzfassung des Gesprächs (…) hat Frau Hasselfeldt offenbar gelesen.” Und weiter: “Auf die Frage, ob sie das ganze Buch lesen werde, antwortete sie: Ich habe es mir bestellt, ja, und werde jetzt mal reinschauen. Ob ich es ganz lese, das wird sich zeigen.” Das ist natürlich mal ein Ansatz, weswegen unser Mann sofort weiter nachhakt bei der Frau Hasselfeldt. Die Frage, on Frau Hasselfeldt das Buch, wenn sie es denn ganz lesen sollte, gerne lesen wird oder nicht so gerne, ist schließlich von so überragender politischer Bedeutung, dass man die Antwort kaum mehr erwarten kann. Sie lautet: “Sie sprach davon, dass sie das vielleicht im Auto oder im Zug tun werde, wobei sie am Dienstag in Berlin nicht den Eindruck vermittelte, das gerne oder interessiert zu tun.” Hm. Aber gewiss ist, dass Frau Hasselfeldt laut FAZ die Äußerungen über die CSU “nicht nachvollziehen” könne. Trotzdem will sie den Stab nicht ganz über KT brechen und stellt deswegen (vermutlich ebenfalls erst nach investigativem Nachfragen) fest, dass Guttenberg vielleicht eine Bereicherung für die CSU sein könne. Oder auch nicht. “Das wird sich zeigen, wenn er da ist.” Ob die Marketingstrategie denn durchdacht gewesen sei, will unser Mann in Berlin am Ende noch wissen und Frau Hasselfeldt sagt, das sei “durchaus fraglich”, was ein Euphemismus ist angesichts der Tatsache, dass man Guttenberg in diesen Tagen wenigstens geraten hat, da zu bleiben, wo der Pfeffer wächst. Dann sagt Frau Hasselfeldt noch, dass sie ja auch nicht wisse, was Guttenberg vorhat und man denkt sich nach der Lektüre von rund 50 Druckzeilen, dass so viel Journalismus schon lange nicht mehr war in Deutschland.

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Vielleicht haben sie sich ja bei der FAZ so über den Leuchtturm des Netzwerks Recherche gefreut, dass sie dringend nochmal Haltung beweisen mussten. Sechs Seiten weiter jedenfalls stellt sich heraus, dass die Redaktion das Buch im Gegensatz zu Frau Hasselfeldt gelesen hat. Man erfährt leider nicht, ob sie das gerne oder interessiert getan hat, aber man erfährt, warum es besser ist, wenn Frau Hasseldfeldt, die CSU und der Rest der Republik von diesen brandgefährlichen 208 Seiten die Finger lässt. Neben kleinen Schnurren wie die Sache mit der indischen Ärztin schlussfolgert der Autor dann auch noch, warum Guttenberg so oder so völlig ungeeignet ist für politische Arbeit in verantwortungsvoller Position: “So minutiös beschreibt er sein chaotisches Vorgehen (…), so wortreich seine Überforderung (…), dass einem angst und bange wird bei dem Gedanken wird, dieser Mann könnte noch einmal die Geschicke Deutschlands lenken (…).” Der Autor der Buchbesprechung, Eckhart Lohse, fand Guttenberg übrigens noch 2010 so wichtig, dass er als Co-Autor einer (zugegeben: nicht unkritischen) Biografie über Guttenberg in Erscheinung trat.

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Auch die SZ ist gestern der Frau Hasselfeldt begegnet und einigen anderen hochkarätigen CSUlern auch. Die sind deutlich weniger diplomatisch als ihre Landesgruppenvorsitzende, so viel Mumm, mit Namen dafür geradezustehen, haben sie dann aber doch nicht. Deswegen tauchen sie in der SZ dann auch als “prominente CSU-Bezirksvorsitzende” auf . Oder Kabinettsmitglieder. Die Überschrift fragt freundlich “Ist der entrückt?” und ins Buch geschaut haben die SZ-Kollegen auch, weswegen sie ein paar Sachen aus dem Buch erzählen können, was aber wiederum niemanden überrascht, weil man ja seit Tagen nichts anderes liest als dass Guttenberg entrückt, größenwahnsinnig und voller Hybris sei.

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Ja, und natürlich schreibt auch “Zeit online” etwas dazu. Das ist allerdings etwas schwierig, weil die “Zeit” mit ihrem Interview und dem Buch ihres Chefredakteurs den Stein erst so richtig ins Rollen gebracht hat. Die “Zeit” entwickelt deswegen eine interessante Dialektik, die ungefähr so geht: Natürlich wisse man, was für ein Windhund der Guttenberg sei, darum habe man das Buch ja gemacht (falls Sie jetzt staunen, ich habe es erst auch nicht kapiert). In dem Buch würden Guttenbergs bekannte dramatische Charakterdefizite nochmal offengelegt. Man wartet irgendwie jetzt nur noch darauf, dass das Netzwerk Recherche nächstes Jahr Giovanni di Lorenzo den Leuchtturm verpasst, für diese große investigative Leistung.

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In der Marketingabteilung des Verlags jedenfalls werden sie sich die Hände reiben. Das Sarrazin-Muster greift auch hier wieder: Erst baut man jemanden auf, druckt ihn exklusiv und spektakulär vorab — und regt sich dann darüber auf, dass in dem Buch nichts wirklich Erhellendes oder vielleicht sogar etwas Skandalöses steht. Wie hoch soll die Wette sein, dass Guttenberg kommende Woche auf Platz 1 der Buch-Charts steht?

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Hosianna, Guttenberg!

28. November 2011 - 22:21 Uhr

Um jemanden so richtig abgrundtief zu verabscheuen — muss vorher vermutlich das genaue Gegenteil der Fall gewesen sein. Kein Hass ohne enttäuschte Liebe. Wenn diese Theorie stimmt, dann muss die Liebe zwischen dem gewesenen Minister und Doktor zu Guttenberg und vielen politischen Journalisten in Deutschland ziemlich groß und innig gewesen sein. Das, was man über Guttenberg in den letzten Tagen beispielsweise in “Spiegel”, SZ oder FAZ zu lesen bekam, liest man ansonsten eher über Figuren wie Berlusconi oder Drittweltdiktatoren. Der letzte, der sich in Deutschland über so viele freundliche Worte auf einen Schlag freuen durfte, war Richter gnadenlos Schill, aber den liebten sie auch vorher schon nicht so.

Die Brachialgewalt, mit der jetzt auf den Ex-Darling der deutschen Politik (und ja, auch der Medien) eingeprügelt wird, sagt eine Menge darüber aus, wie der Berliner Politikjournalismus funktioniert. Es ist eine Geschichte von gegenseitigen Abhängigkeiten, von Grauzonen und von einem ständigen Balancieren am Rand. Sie ist aber auch ein Beleg dafür, wie viel Macht Journalisten dann doch zukommt. Und wie sehr sie Aufstiege inszenieren können, genauso gut wie Abstürze. Im Falle Guttenberg haben sie das eine im vergangenen Jahr gemacht, um ihm jetzt zu zeigen, wie es abwärts auch gehen kann.

Guttenberg (und nein, vorab, ich bin keiner seiner Fans) musste in den vergangenen Tagen das folgende über sich lesen: Dass er ein Gaukler sei, ein gefährlicher Politiker, ein Blender. Einer, der auch politisch keinerlei Substanz gehabt habe. Einer, der immer nur betrogen hat, ein Windei sozusagen. Das ist insofern erstaunlich, als dass sich das vor ziemlich genau einem Jahr noch ganz anders las: Da sahen exemplarisch die Kollegen des “Spiegel” die famosen Guttenbergs beim “Paarlauf ins Kanzleramt” und auch SZ und FAZ und viele andere äußerten sich überaus freundlich über den Baron. Was seinen Charakter angeht, dürfte sich Guttenberg im vergangenen Jahr kaum dramatisch verändert haben, es ist also wenigstens erstaunlich, wenn Journalisten jetzt, nachdem sie lange Zeit sehr nahe an ihm dran waren, schrei(b)en: Der Kaiser ist ja nackt!

Zudem: Es wäre nicht möglich gewesen, Guttenberg auch nur ansatzweise in die Nähe des Kanzleramts zu rücken, wenn nicht irgendwann mal Journalisten angefangen hätten zu schreiben, dass sich da einer warmlaufe für die Kandidatur und selbstverständlich dafür geeignet sei. Von Guttenberg fordern sie jetzt echte Demut, Reue, Widerruf – in den Staub mit ihm! Von den Journalisten selber habe ich nur ziemlich dürre Worte darüber gelesen, warum sie dem Gaukler und Blender so sehr auf den Leim gegangen sind. In der SZ stand ein Halbsatz (“auch der Autor dieser Zeilen…”), die FAZ gefiel sich in einer raunenden Andeutung, Redaktionen seien da irgendwie auf Linie gebracht worden. Das ist eine einigermaßen interessante Theorie, über die man gerne mehr wüsste. Schließlich stellt die FAZ da in einem Satz die Integrität des politischen Journalismus in Frage. Was, bitte, soll man Redaktionen noch abnehmen, wenn man über sie leichthin sagen kann, sie ließen sich mühelos instrumentalisieren und auf Linie bringen? Und auf wessen Linie überhaupt — und von wem? Schade, dass sich politische Journalisten so gerne mit anderen auseinandersetzen, mit sich selbst aber dann doch eher nur ungern. Mindestens so spannend wie die Frage danach, wie alle auf Guttenberg reinfallen konnten, wäre also auch die Frage, was eigentlich den Politjournalistenbetrieb in den vergangenen Jahren bewogen hat, Guttenberg zur Lichtgestalt zu stilisieren.

Zumal auch das jetzige Verhalten inkonsequent ist: Man wirft Guttenberg vor, ein Comeback zu inszenieren, betätigt sich aber schon wieder als Teil der Inszenierung. Ohne die “Zeit”, die ihn wohlwollend interviewt und sein Buch vorabgedruckt hat, wäre das Comeback nicht möglich gewesen. Ohne die intensive Berichterstattung über einen Fernsehauftritt in Kanada (!) wäre das Comeback nicht möglich gewesen. Hätte sich irgendein Ex-Minister nach seiner Dienstzeit aus Kanada gemeldet, niemand würde es interessieren. Macht Guttenberg das, kümmern sich Heerscharen von Journalisten darum. Am Spiel zwischen Guttenberg und den Journalisten hat sich also nichts geändert, außer dass sie jetzt nicht mehr Hosianna schreien.

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Universalcode – die nächsten Stimmen

27. November 2011 - 21:26 Uhr

Fast 600 Seiten – die muss man erst mal gelesen bekommen. Deshalb wundert es mich nicht so sehr, dass die ersten besprechungen und Meinungen zu “Universalcode” erst jetzt, rund vier Wochen nach dem Ausliefern der ersten Bücher, eintrudeln. Dafür sind wir alle, ohne Schummeln, mit den bisherigen Resonanzen und Reaktionen sehr zufrieden. Eine ausgiebige Rezension hat Jörg Eschenfelder geschrieben, sie lautet so:

Journalismus findet seit einigen Jahren eine rege Debatte über die Zukunft der Zunft statt. Hintergrund sind sinkende Anzeigenerlöse, Renditeerwartungen seitens der Verleger und Sender, die Gratiskultur des Internets sowie die neuen technischen Möglichkeiten. Die Journalisten stehen inmitten einer medialen Revolution und sind – ratlos. Mit «Universalcode» haben sich einmal mehr Christian Jakubetz, Ulrike Langer und Ralf Hohlfeld in diese Debatte eingebracht.

Der Titel ist ambitioniert: «Universalcode». So heißt das Buch, das nichts Geringeres behandelt als den «Journalismus im digitalen Zeitalter». Die Herausgeber Christian Jakubetz, Ulrike Langer und Ralf Hohlfeld haben dazu 17 Autoren eingeladen – Journalisten, Praktiker und Vordenker -, um über nahezu alle Aspekte des Journalismus im digitalen Zeitalter zu schreiben.

Dabei wird deutlich: Die Revolution im Journalismus ist eine Revolution der Produktions- und Publikationsbedingungen. Diese kann zu einer inhaltlichen führen, da nun mehr und andere Themen veröffentlicht werden können als bisher. Doch die Aufgaben, die Kompetenzen und Qualifikationen, die einen Journalisten definieren, werden sich auch in Zukunft nicht verändern: Geschichten zu erzählen, die das Leben schrieb. Geschichten, die auf überprüfbaren, verifizierten Fakten beruhen. Geschichten, die helfen, im Dickicht des Lebens ein klein wenig Orientierung zu finden.

Das wird bleiben. Ändern wird sich die Art und Weise, wie die Geschichten künftig erzählt und publiziert werden, sowie welche Geschichten künftig erzählt werden. Um diese Geschichten zu erzählen, stehen dem Journalisten stehen künftig im Grunde genommen alle Mittel und Wege offen: Text, Bild, Ton, Video – getrennt oder kombiniert. Am besten so, wie es die Geschichte erfordert.

Die neuen Möglichkeiten nutzen!

Ok, das ist nicht neu. Das gibt es schon länger: Aber erstmals sind die Hürden so niedrig (Smartphones reichen schon aus – so die Autoren von Universalcode), um alle Mittel zu nutzen. Oder anders ausgedrückt: Aus dem Spezialisten für Malerei, Druckgrafik oder Bildhauerei – wird der Allround-Künstler, der alle Werkzeuge einsetzt, um seine künstlerische (oder journalistische) Energie in Form zu bringen. Er muss nicht alle Formen nutzen, aber er kann. Es wird auch künftig Spezialisten geben.

Und: Der Journalist ist, um zu publizieren, nicht mehr von einem Verleger oder einer Sendeanstalt abhängig. Der Journalist kann im digitalen Zeitalter seine Geschichten traditionell oder vollkommen neu erzählen – und sie selber der Welt präsentieren.

Doch das journalistische Handwerk bleibt: Auswahl, Recherche, Erzählen. Die traditionellen Maßstäbe und Regeln für Qualität bleiben – auch im digitalen Zeitalter, ABER es kommen neue Möglichkeiten hinzu und die gilt es zu nutzen, mit denen gilt es zu spielen.

Das machen die Autoren im «Universalcode» deutlich. Die Lektüre macht Lust und Freude auf dieses Experimentieren. Sie gibt die Freiheit wieder, Geschichte doch einfach zu erzählen. Wie? Mit den Mitteln, die am besten geeignet und verfügbar sind. Das ist das große Plus von «Universalcode»: Die Lektüre macht den Blick frei – in einer oft quälenden, teils larmoyanten, teils sich im Kreis drehenden Medien-Debatte.

Feuer für den Beruf

Besonders wohltuend und inspirierend sind die Artikel von Christian Lindner («Macht Content, kein Layout – über den Wandel des Lokaljournalismus») und das Schlusswort von Richard Gutjahr («Nichts um seiner selbst willen»). Sie räumen das Gerümpel beiseite, zeigen, warum es einst schön war, Journalist zu werden: Rausgehen, Zeit haben, mit den Menschen reden und dann Geschichten erzählen. Sie zeigen, dass dies immer noch der Kern von gutem Journalismus ist. Sie zeigen, warum es immer noch wichtig und richtig und gerade mit den neuen technischen Möglichkeiten schön und spannend ist, Journalist zu sein. Das befeuert, macht Lust – und ist wohl die größte Hilfe für den Journalismus im digitalen Zeitalter. Denn ohne Feuer für den Beruf ist alles andere nichts.

Allerdings gibt es auch Schwachstellen. «Universalcode» liefert keine – wie sollte er auch – Antwort auf die Krise des Journalismus, die eine Krise seiner Finanzierbarkeit beziehungsweise eine Krise der Renditeerwartungen ist. Wie können, sollen Journalisten recherchieren, Geschichten erzählen, wenn die Verlage Honorare kürzen, alle Rechte einfordern, wenn der Wert guter Arbeit nicht mehr honoriert, aber dessen Qualität eingefordert wird? Der Verweis auf Unternehmerjournalismus und die Positionierung des (freien) Journalisten als «Marke» reicht da alleine nicht. Das ist ein alter Hut und wurde andernorts schon abgehandelt.

Unterm Strich bleibt: Der «Universalcode» ist lesenswert. Er fasst eine breite Debatte in einem Buch zusammen. Er zeigt die Probleme auf, weist in manchen Bereichen den Weg und macht bei anderen offenkundig, wie ratlos alle sind.

«Universalcode» ist nicht der goldene Weg in die Zukunft des Journalismus. Aber es ist der lobenswerte Versuch, im Dickicht gangbare Wege zu finden und zu weisen. Ob diese zum Ziel führen? Dafür gibt es keine Gewähr. Also, weg vom Schreibtisch und raus auf die Straße. Für Letzteres macht Universalcode auf jeden Fall Mut. Danke.

Mehr Meinungen zu Universalcode:

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Das NR vergibt einen vergifteten Leuchtturm

22. November 2011 - 11:21 Uhr

Man tut der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vermutlich nicht unrecht, wenn man sie als mindestens sehr konservativ bezeichnet. Das ist ihr gutes Recht, zumal es vermutlich kein ernstzunehmendes Blatt auf der Welt gibt, das nicht eine politische Grundhaltung hat. In den USA und Großbritannien ist so etwas weit ausgeprägter als bei uns, dort werden beispielsweise eindeutige Wahlempfehlungen ausgesprochen. Obwohl das auf der anderen Seite in vielen deutschen Fällen überflüssig ist: Wie eine Wahlempfehlung des Frankfurter Zentralorgans der erzkonservativen Vergangenheitsbewahrer aussähe, kann man sich leicht vorstellen.

Trotzdem ist es überaus irritierend, wenn das “Netzwerk Recherche”, das ja für sich gemnommen schon etwas irrittierend ist, die FAZ jetzt mit dem “Leuchtturm-Preis 2011″ beglückt. Nicht etwa, weil die FAZ Dinge recherchiert habe, die sonst niemand wusste (die eigentliche Aufdeckung der Plagiatsaffäre leistete ein Wiki, keine Redaktion). Sondern weil sie standhaft gegenüber den eigenen Lesern war, die als erzkonservative Unionisten, denen vermutlich selbst Seehofer zu links ist, eine kritische Auseinandersetzung als Angriff auf die eigene Identität empfindet. Das Netzwerk Recherche zeichnet also erstmals explizit eine Haltung aus – und macht damit ungewollt deutlich, wie sehr im deutschen Journalismus Dinge schief laufen.

“Eines Sturms von Teilen der eigenen Guttenberg-begeisterten Leserschaft“ habe sich die FAZ erwehren müssen, jubiliert das NR. Man beweist also eine Haltung, wenn man kein Oppurtunist ist, das reicht schon? Ist man dann umgekehrt ein Oppurtunist, wenn man Giovanni di Lorenzo heißt und mit/über Guttenberg ein Buch macht, obwohl möglicherweise die Leser der Zeit” gar nicht so begeistert von Guttenberg sind? Oder ist di Lorenzo demnach ein held? Waren beim “Spiegel” dunkle Mächte am Werk, als man dort letztes Jahr Guttenbergs möglichen “Paarlauf ins Kanzleramt”  skizzierte?  Ist Frank Schirrmacher von der Linken drei Tage eingekerkert worden, als er unlängst mit bangendem Unterton fragte, ob die Linken nicht doch irgendwie recht gehabt hätten?

Journalismus, zumal wenn er irgendetwas mit Politik zu tun hat, braucht so etwas wie eine Haltung. Haltung heißt aber nicht: grundsätzliches Beharren, z.B. indem man eine Person verteidigt, weil sie der bevorzugten Partei angehört. Haltung heißt auch nicht: dem Leser nach dem Mund reden. Was im Übrigen ja auch gar nicht möglich wäre, weil sich sogar in einer tendenziell homogenen Zielgruppe wie der FAZ immer nochmal jemand findet, der den Untergang des Abendlandes heraufbeschwört, weil die FAZ jetzt auch schon so furchtbar links ist. So wie sich im Übrigen auch beim Publikum des “Spiegel” seit Menschengedenken immer jemand findet, der der Meinung ist, das Blatt sei jetzt aber eindeutig zu rechtsgerichtet oder erliege den Verlockungen des Boulevard.

Es soll also ein besonderer Beleg für “Haltung” sein, wenn man über einen Politiker berichtet, der betrogen hat?  Es ist preiswürdig, wenn man damit ein paar Leser vergrault und man jemanden angreift, der der Redaktion politisch mindestens nahesteht? Wenn das wirklich so ist, sollte das Netzwerk Recherche dringend mal ein paar seiner wichtigen Panels veranstalten. Und bei der FAZ sollten sie darüber nachdenken, ob man wirklich einen solchen Preis für eine Selbstverständlichkeit annehmen will.

Man kann ihn auch für ein sehr vergiftetes Lob halten.

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Was mit Universalcode

19. November 2011 - 17:28 Uhr

Was mit Medien #260 – mit Grimme und Mozilla by wasmitmedien

Herr Pähler und Daniel Fiene haben sich für “Was mit Medien” das Thema “Universalcode” nochmal auf Wiedervorlage gelegt, nachdem die beiden schon vor einem Jahr das Thema behandelten, als es noch nicht sehr viel mehr als eine lose Idee war. Jetzt haben sie sich das fertige Buch nochmals vorgenommen und plaudern gewohnt unterhaltsam – nicht nur darüber, sondern auch über ganz vieles anderes. Wie immer schön zu hören, natürlich. Oder wie Herr Pähler sagen würde:  nett.

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Und bist du nicht willig, nöle ich rum

17. November 2011 - 14:34 Uhr

Über kaum etwas habe ich mich in diesem Jahr wahlweise so gewundert und amüsiert wie über Pressestellen. Bei meinem WIRED-Intermezzo hatte ich mehrfach das Vergnügen, mit solchen Abteilungen zu telefonieren Es waren insgesamt sieben, mit denen ich Kontakt hatte. Davon gab es genau eine, die mir meine Anfrage halbwegs so behandelte, wie ich mir das gewünscht hatte und wie es einigermaßen professionell ist. Der Kontakt mit den anderen war eine kuriose Melange aus Lustlosigkeit, Unverständnis und – leider auch das – Unvermögen. Von drei Pressestellen hörte ich , es werde schwierig, mein Anliegen zu erfüllen, weil demnächst Ferien und Urlaubszeit seien, bei anderen wurde ich den Eindruck nicht los, dass sie meine Bitte nicht richtig verstanden hatten. Zugegeben, ich hatte nicht um die Zusendung einer vorgefertigten Pressemitteilung gebeten. Aber ich hatte auch nicht gerade die sofortige Mobilmachung einer Heerschar von Mitarbeitern gefordert. Ich hatte nach etwas gefragt, von dem ich dachte, dass es Standardwissen einer Öffentlichkeitsarbeit sei: Informationen über das Unternehmen bzw. deren Standpunkte zu einem Thema. Und nein, es ging nicht um Rüstungsexporte oder Atomanlagen, sondern um Autos.

Umgekehrt hatte ich dann jemanden an der Backe, der ziemlich quengelig war und mir unbedingt Unterlagen und Infos zu einem Thema zuschicken wollte, das gar nicht keins war und das mich auch nicht interessierte. Am Ende der Veranstaltung hatte ich nur sehr, sehr mühsam rudimentäre Infos zu meinem Thema bekommen, dafür aber einen ganzen Haufen digitalen Kram, den ich nicht wollte und nicht brauchte. In einer Pressestelle (da ging es nicht um Autos) waren sie wenigstens ehrlich und sagten, sie hätten keine Ahnung, was ich eigentlich wolle und wo man das ggf. herbekommen könnte. Kurzum, die Informationen für meine Geschichten habe ich zum größten Teil nicht von denen bekommen, von denen ich dachte, ihr Job sei es, Informationen zur Verfügung zu stellen.

Das steht hier so ausdrücklich, weil sich die Kollegen von der anderen Seite gerade darüber beklagt haben, von “desinteressierten Journalisten” genervt zu sein. Ein klassischer Fall von Verwechslung: Man meint “Desinteresse”, wenn man doch in Wirklichkeit seinen eigenen Job nicht richtig macht. Das ist in etwa so, als würden sich Journalisten bei Auflagen- oder Quotenrückgängen über “desinteressierte Leser” beschweren und ankündigen, man komme künftig auch ohne dieses undankbare Pack aus.

(Ebenfalls lesenswert zum Thema: Sascha Lobo und Thomas Wiegold).

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Universalcode – die ersten Meinungen

14. November 2011 - 22:38 Uhr

Gunnar Jans hat seinen Universalcode im Strandkorb gelesen…

So langsam trudeln die ersten Stimmen zu “Universalcode” ein. Die Testleser haben ihre Exemplare bekommen, einer davon war AZ-Sportchef Gunnar Jans. Sein Urteil:

Ein Lehrbuch im Sinne von: Ausbildungsbuch? Für Neu- und Quereinsteiger? Vielleicht auch. Doch wenn ich mir die Print-Landschaft anschaue, sei der „Universalcode“ vor allem den etablierten Kollegen empfohlen, die glauben, längst alles zu kennen – und doch nicht wissen, wohin ihr Berufsweg noch führt.

Der „Universalcode“ sollte Standardwerk sein auf den Schreibtischen aller Ressortleiter und von dort aus mit (neugieriger) Leidenschaft ausprobiert werden – bevor bald schon ein Volontär kommt, der den digitalen Wandel längst lebt und den eindimensionierten Dinos von gestern den Chefsessel wegzieht.

Ich glaube an diesen Job, der trotz aller Untergangsszenarien ein Traumjob ist und bleibt. Und dafür liefert mir der „Universalcode“ auch im fortgeschrittenen Stadium mehr als eine Perspektive.

(Anmerkung: Universalcode-Herausgeber Christian Jakubetz ist Autor des Tribünenblogs auf der Homepage der ABENDZEITUNG, deren Sportteil ich verantworte. Hier und da hat er die AZ-Sportredaktion bei crossmedialen Projekten unterstützt. Im Gegenzug habe ich ihn bei Twitter und Foursquare zum Durchhalten ermuntert.)

Eine weitere kurze Besprechung hat uns der bloggende “Medientyp” gewidmet.

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Lesen und lesen lassen

9. November 2011 - 23:38 Uhr

Vermutlich werden sie das bei der SZ nicht gewollt haben – aber ihre iPad-App bringt jeden Tag einen schönen Beleg dafür, warum die Debatten (und demnach auch die Klagen) über und gegen die Tagesschau-App ziemlich sinnlos sind.

In Bayern hat es in der Woche um Allerheiligen eine mittelgroße politische Verwerfung gegeben. Der bisherige Finanzminister Fahrenschon mag nicht mehr Politiker sein, sondern lieber Sparkassenpräsident. Das hat dafür gesorgt, dass Horst Seehofer plötzlich Ersatz für Fahrenschon brauchte und nach ein paar Tagen kam er dann zu dem Ergebnis, lieber Markus Söder als eine gewisse Christine Haderthauer für diesen Posten zu nominieren. Das Ganze ist interessant, wenn man sich für bayerische Landespolitik interessiert und inzwischen schon wieder so gut wie vergessen. In keinem Jahresrückblick außerhalb Bayerns wird diese Geschichte vorkommen. Ihr journalistischer Nachrichtenwert ist überschaubar, für jemanden in Rheinland-Pfalz oder in Schleswig-Holstein reicht dafür: ein Zweizeiler, eine kurze Meldung. Ein bayerischer Finanzminister wechselt, kein großes Ding, das.

Die Redaktion der “Tagesschau”, die naturgemäß auf Nachrichten für mehr als ein Bundesland fixiert ist (und vor allem eben auf: Nachrichten) hat dem Großereignis in den Tagen der Entscheidungsfindung keine drei Zeilen gewidmet. Als es dann endlich soweit war und Söder als Nachfolger feststand, reichte eine kurze Meldung, das war´s. Mehr gibt das nicht her, alles richtig gemacht.

Ich lebe nicht in NRW oder sonstwo, interessiere mich naturgemäß für alles aus Bayern mehr als für Thüringen und bayerische Landespolitik finde ich immer noch lustig, obwohl ich nicht mehr darüber berichten wollen würde.  Söder vs. Haderthauer vs. den Rest der CSU, dieses Hauen und Stechen fasziniert  mich weiterhin. Kein Wunder, dass ich ungefähr jede Zeile verschlungen habe, die die SZ darüber gebracht hat. Abends, wenn die App kam, habe ich erstmal nach CSU und Fahrenschon gesucht und dann gelesen. Auf die Idee, nach Fahrenschon in der “Tagesschau” intensiv zu schauen, wäre ich erst gar nicht gekommen, weil ich dort Nachrichten suche. Dabei spielt es dann schon auch keine Rolle mehr, ob es sich dabei um Texte oder Videos handelt. Ob die “Tagesschau” also mithin ein “presseähnliches Erzeugnis” ist oder nicht, ist eine akademische Diskussion Es geht nicht darum, wie mir etwas dargereicht wird — sondern um das was. Das “was” sind in der Tagesschau seit ungefähr einem halben Jahrhundert Nachrichten im klassischen Sinne, meinetwegen noch ergänzt mit ein bisschen Hintergrund und Aufbereitung, quasi die Tagesthemen. Aber auf die Idee, dass man in der Hauptnachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Themen finden könnte wie in einer großen, überregionalen Tageszeitung, auf die Idee kommt vermutlich ungefähr niemand, es sei denn, er ist bezahlter Jurist dieser Zeitung. Umgekehrt: Wenn eine Zeitung ihre wesentliche Existenzberechtigung in der Verbreitung von Nachrichten sieht, macht sie im Jahr 2011 ohnedies etwas falsch.

Man könnte das fortführen, man könnte mühelos dokumentieren, wie viele Themen aus den Zeitungen (die SZ ist nur ein Exempel) in der “Tagesschau” nicht vorkommen. Was nie anders war und auch nie anders sein wird. Deswegen haben Menschen schon vor einem halben Jahrhundert die “Tagesschau” gesehen und  Zeitung gelesen, obwohl die Zeitung etwas kostet und das Fernsehen wenigstens gefühlt nichts (dass TV natürlich etwas kostet, mögen Sie jetzt bitte nicht als Einwand bringen).

Es ist ziemlicher Unsinn, wenn man die Probleme von Tageszeitungen daran festzumachen versucht, dass es im Netz kostenlose Konkurrenz gibt, egal woher sie kommt. Was zählt – nach wie vor und auch in Zukunft – ist Inhalt. Mehrwert, Qualität, nennen Sie es, wie Sie wollen – es braucht einen guten Grund, dass jemand für etwas bezahlt. Dass er etwas anders woanders kostenlos bekommt, ist jedenfalls kein Grund dafür.

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ElRep, die Nächste: Ein Blick nach Afrika

9. November 2011 - 14:29 Uhr


Elektrischer Reporter – 020: Afrika, ein Ausweis und ausdehnendes Wissen

Zugegeben, für mich war es erst einmal ein sehr ungewöhnliches Thema: Afrika und das Netz – geht das? Ich war letztes Jahr in Südafrika und hatte das Gefühl, die Sache mit dem Internet sei eher ein Lotteriespiel. Aber wie das immer so ist mit den flüchtigen Urteilen, meistens stimmen Sie nicht. Aber sehen Sie selbst…ElRep, Folge 020.

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Introducing Universalcode

7. November 2011 - 21:36 Uhr

Das BASE_Camp in Berlin macht es möglich: Am 17. November werden wir ab 18.30 Uhr das Buch und das Projekt so halb öffentlich vorstellen, bei Facebook gibt´s eine entsprechende Event-Seite, eine ganze Menge Leute haben intern schon zugesagt, ein paar Plätzchen sind vielleicht noch frei. Wer Lust hat auf ein bisschen Buchplauderei, Hintergrundgespräche und Diskussionen – schnell noch eine Mail an cjakubetz (ät) gmail (dot) com und ich sehe zu, was sich unter Umständen und vielleicht noch machen lässt.

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