Hosianna, Guttenberg!
28. November 2011 - 22:21 UhrUm jemanden so richtig abgrundtief zu verabscheuen — muss vorher vermutlich das genaue Gegenteil der Fall gewesen sein. Kein Hass ohne enttäuschte Liebe. Wenn diese Theorie stimmt, dann muss die Liebe zwischen dem gewesenen Minister und Doktor zu Guttenberg und vielen politischen Journalisten in Deutschland ziemlich groß und innig gewesen sein. Das, was man über Guttenberg in den letzten Tagen beispielsweise in “Spiegel”, SZ oder FAZ zu lesen bekam, liest man ansonsten eher über Figuren wie Berlusconi oder Drittweltdiktatoren. Der letzte, der sich in Deutschland über so viele freundliche Worte auf einen Schlag freuen durfte, war Richter gnadenlos Schill, aber den liebten sie auch vorher schon nicht so.
Die Brachialgewalt, mit der jetzt auf den Ex-Darling der deutschen Politik (und ja, auch der Medien) eingeprügelt wird, sagt eine Menge darüber aus, wie der Berliner Politikjournalismus funktioniert. Es ist eine Geschichte von gegenseitigen Abhängigkeiten, von Grauzonen und von einem ständigen Balancieren am Rand. Sie ist aber auch ein Beleg dafür, wie viel Macht Journalisten dann doch zukommt. Und wie sehr sie Aufstiege inszenieren können, genauso gut wie Abstürze. Im Falle Guttenberg haben sie das eine im vergangenen Jahr gemacht, um ihm jetzt zu zeigen, wie es abwärts auch gehen kann.
Guttenberg (und nein, vorab, ich bin keiner seiner Fans) musste in den vergangenen Tagen das folgende über sich lesen: Dass er ein Gaukler sei, ein gefährlicher Politiker, ein Blender. Einer, der auch politisch keinerlei Substanz gehabt habe. Einer, der immer nur betrogen hat, ein Windei sozusagen. Das ist insofern erstaunlich, als dass sich das vor ziemlich genau einem Jahr noch ganz anders las: Da sahen exemplarisch die Kollegen des “Spiegel” die famosen Guttenbergs beim “Paarlauf ins Kanzleramt” und auch SZ und FAZ und viele andere äußerten sich überaus freundlich über den Baron. Was seinen Charakter angeht, dürfte sich Guttenberg im vergangenen Jahr kaum dramatisch verändert haben, es ist also wenigstens erstaunlich, wenn Journalisten jetzt, nachdem sie lange Zeit sehr nahe an ihm dran waren, schrei(b)en: Der Kaiser ist ja nackt!
Zudem: Es wäre nicht möglich gewesen, Guttenberg auch nur ansatzweise in die Nähe des Kanzleramts zu rücken, wenn nicht irgendwann mal Journalisten angefangen hätten zu schreiben, dass sich da einer warmlaufe für die Kandidatur und selbstverständlich dafür geeignet sei. Von Guttenberg fordern sie jetzt echte Demut, Reue, Widerruf – in den Staub mit ihm! Von den Journalisten selber habe ich nur ziemlich dürre Worte darüber gelesen, warum sie dem Gaukler und Blender so sehr auf den Leim gegangen sind. In der SZ stand ein Halbsatz (“auch der Autor dieser Zeilen…”), die FAZ gefiel sich in einer raunenden Andeutung, Redaktionen seien da irgendwie auf Linie gebracht worden. Das ist eine einigermaßen interessante Theorie, über die man gerne mehr wüsste. Schließlich stellt die FAZ da in einem Satz die Integrität des politischen Journalismus in Frage. Was, bitte, soll man Redaktionen noch abnehmen, wenn man über sie leichthin sagen kann, sie ließen sich mühelos instrumentalisieren und auf Linie bringen? Und auf wessen Linie überhaupt — und von wem? Schade, dass sich politische Journalisten so gerne mit anderen auseinandersetzen, mit sich selbst aber dann doch eher nur ungern. Mindestens so spannend wie die Frage danach, wie alle auf Guttenberg reinfallen konnten, wäre also auch die Frage, was eigentlich den Politjournalistenbetrieb in den vergangenen Jahren bewogen hat, Guttenberg zur Lichtgestalt zu stilisieren.
Zumal auch das jetzige Verhalten inkonsequent ist: Man wirft Guttenberg vor, ein Comeback zu inszenieren, betätigt sich aber schon wieder als Teil der Inszenierung. Ohne die “Zeit”, die ihn wohlwollend interviewt und sein Buch vorabgedruckt hat, wäre das Comeback nicht möglich gewesen. Ohne die intensive Berichterstattung über einen Fernsehauftritt in Kanada (!) wäre das Comeback nicht möglich gewesen. Hätte sich irgendein Ex-Minister nach seiner Dienstzeit aus Kanada gemeldet, niemand würde es interessieren. Macht Guttenberg das, kümmern sich Heerscharen von Journalisten darum. Am Spiel zwischen Guttenberg und den Journalisten hat sich also nichts geändert, außer dass sie jetzt nicht mehr Hosianna schreien.