Archiv für Dezember 2011


Warum “everybody” doch nicht kommt

30. Dezember 2011 - 12:03 Uhr

Vielleicht muss man das am Ende eines Jahres mal so deutlich sagen: In den vergangenen Jahren ist in Sachen Medienzukunft viel Wahres, aber leider auch einigermaßen viel Quatsch erzählt worden. Gerne und bevorzugt übrigens auch von mir. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder mal Dinge als gottgegeben prophezeit und als unumstößliche Wahrheiten postuliert, von denen wir heute feststellen müssen: Ganz so ist es dann doch nicht gekommen, sorry for that. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren den endgültigen Triumph der Blogs über den konventionellen Journalismus prophezeit, den Siegeszug der freien, überall erhältlichen und natürlich kostenlosen wie kollaborativen Nachrichten und den Beginn der aufgeklärten, kritischen und teilhabenden  Mediengesellschaft. Und, ach ja, erinnert sich noch jemand an den Bürgerjournalismus, der die professionellen Journalisten ablöst? Bürger- und Hobbyreporter, die den ganzen Tag mit ihren digitalen Prosumergeräten stehen und lauern und nichts anderes im Kopf haben, als die Ergebnisse ihrer Arbeit sofort irgendwo hochzuladen und zu publizieren? Für mich war dieses Thema erledigt, als vor einigen Jahren “Bild” das Leserreporter-Foto des Jahres prämieren wollte und es dann doch nur ein Schnappschuss des im Papamobil vorbeifahrenden Papstes wurde. Seitdem kann ich mich zwar an ein paar gelungene Interaktionen und Einbindungen zwischen Redaktionen und Nutzern erinnern, aber das alles überragende bürgerjournalistische Projekt in Deutschland habe ich nicht gefunden (und ich glaube auch nicht daran, dass es noch kommen wird). Der Erzähler, die Person kann ein interessanter Nebenaspekt in einer Geschichte sein, wenn die Geschickte gut ist. Oder beides zusammenkommt. Aber, sorry Mr. Jarvis: Nie, wirklich nie dreht sich Geschichtenerzählen um irgendwas anderes als die Öffentlichkeit.

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Vielleicht ist ja auch das Jahresende einfach ein guter Zeitpunkt, um ein wenig Selbstkasteiung zu betreiben. In jedem Fall aber ist es ein Text des US-Journalisten Dean Starkman mit dem schönen Titel “Der Schwindel” (hier in der deutschen Übersetzung). Starkman geht ziemlich unfreundlich mit einer “Clique” um Menschen wie Jeff Jarvis, Jay Rosen oder Clay Shirky um, von denen er schreibt, dass sie im öffentlichen Diskurs momentan die Oberhand habe. Das ist vornehm ausgedrückt, mir drängte sich in den vergangenen Jahren der Eindruck auf, dass es beispielsweise bei Jarvis genügte, wenn er IRGENDWAS sagte, um sofort geretweetet, gepostet und gesonstirgednwast zu werden. Dabei war mir vieles von dem, was irgendwann in die öffentliche digitale Meinung einfloss, wahlweise zu idealistisch, naiv, weltfremd. Und, ja, auch das: zu platt. Mit Thesen wie “What would Google do?” kann ich nicht sehr viel anfangen, weil das tendenziell schnell auf dem Niveau von Erfolgsberatern und Motivationstrainers ist: Schau dir an, wie es XY macht und mach es dann genau so. Und auch an die anderen Thesen habe ich immer nur sehr eingeschränkt geglaubt. Inzwischen zeigt sich, wie unsinnig manches davon ist.

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Starkman hat einige sehr schöne Zitate der US-Gurus rausgekramt. Und ich finde, man kann sie mit einigem Recht inzwischen daran messen. “Narrativer Journalismus dreht sich um den Erzähler und nicht die Öffentlichkeit”, hat beispielsweise Jarvis mal geschrieben Das könnte man als Bagatelle abtun, wäre es nicht so fatal kennzeichnend für die Haltung, die in Digitalen inzwischen oft genug  leider unreflektiert eingenommen wird. Ein Journalismus, selbst ein narrativer, der sich vornehmlich um den Erzähler dreht: Was wäre das noch außer Selbstbespiegelung, Eitelkeit, medialer Elfenbeinturm? Und was ist es für ein überaus merkwürdiges Selbstverständnis zu glauben, es würde irgendjemanden interessieren, wenn ein Journalist in narrativen Erzählungen sich um selbst dreht. Das ist im Übrigen auch immer der Grund, warum ich an manchen Selbstvermarktungsstrategien für (freie) Journalisten große Zweifel habe: Es ist der Inhalt, um den sich alles dreht, sogar bei Twitter, bei Facebook und all den anderen. Niemand will wissen, wie sich der Journalist gerade fühlt und wo er sich gerade rumtreibt, wenn es nicht irgendeinen inhaltlichen Kontext gibt, eine Information, einen Mehrwert. Wir können in unserem Beruf gut sein, konsequent, zielstrebig, kommunikativ – aber wir sind im Regelfall keine Stars, von denen persönlich man sehr viel wissen will. Einen Journalismus, der ein anderes Selbstverständnis hat, als irgendwie für die Öffentlichkeit da zu sein, möchte man sich lieber erst gar nicht vorstellen. Selbst dann nicht, wenn er plötzlich digital-narrativ ist.

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Man möchte ihn aber auf der anderen Seite auch nur ungern so gebeugt erleben, wie ihn andere aus der US-Szene beschreiben. John Paton schreibt davon, dass unser Marktwert (und vulgo damit auch unsere Leistung) “gleich null” sei. Clay Shirky meint sinngemäß, Nutzer könnten Nachrichten inzwischen auch selbst verbreiten und würden dadurch bedingt lernen, dass es nichts Besonderes mehr sei, sie zu produzieren (weswegen eben auch unser Marktwert sinkt). Dan Gilmore fühlt sich “befreit” durch das Wissen darüber, dass seine Leser zusammen sehr viel mehr wüssten als er. Das alles beschreibt richtige Tendenzen und zieht doch die falschen Schlüsse. Ja, natürlich wissen 15 Menschen im Regelfall mehr als einer. Ja, der Stellenwert der Nachricht hat sich verändert und ja, man kann sie inzwischen auch als Nutzer weiter verbreiten, wiewohl man sie immer noch im seltensten Falle selbst erzeugen kann. Aber genau das ist der Punkt: Der Vertriebsweg ändert sich, die Kommunikation ändert sich. Was sich nicht ändert: der Job des Journalisten, Nachrichten und gute Geschichten zu recherchieren und zu veröffentlichen. Den Stoff für eine Anschlusskommunikation zu liefern oder eben auch für die ganzen wunderbaren sozialen Plattformen. Ohne Nachricht, ohne Geschichte gibt´s auch nichts, was man teilen könnte.

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Sieht man davon ab, dass es schon ganz gute Gründe darf gibt, warum man den Journlistenberuf tatsächlich lernen kann und auch soll, gehen die “Wir haben keinen Wert mehr, weil´s jeder kann”-Propheten auch von einer elementar falschen Grundvoraussetzung aus. Nur weil es technisch künftig jeder kann, kann es noch nicht jeder handwerklich. Mindestens genauso wichtig: Vielleicht wollen es viele ja auch gar nicht. Hört man Shirky et al zu, könnte man glauben, die Menschheit habe nur darauf gewartet, endlich selbst publizieren zu können. Was aber, wenn dem gar nicht so ist? Was, wenn unser Publikum es tatsächlich als eine ganz kommode Lage empfindet, uns mal machen zu lassen? Wenn es uns gerne liest und sieht und manchmal auch völlig zu recht kritisiert — ohne aber deswegen auf den Gedanken zu kommen, die ganze Sache jetzt mal selbst in die Hand zu nehmen? Kaum vorstellbar. Und auch nicht verwunderlich. Das Verhältnis zwischen denen, die publizieren und denen, die konsumieren, ist seit jeher ungleich. Daran wird sich nichts ändern, man darf kopieren/weitergeben eben nicht mit produzieren verwechseln. Here comes everbybody? No way, weil everybody gar nicht will. Die Gedanken der digitalen Avantgarde sind deswegen nicht massentauglich, weil es eben die Gedanken einer Avantgarde sind (gerne zugegeben sei allerdings an dieser Stelle, dass ich mich mit manchem, was ich hier in den vergangenen Jahre geschrieben habe, auch getäuscht habe).

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Könnte also gut sein, dass es uns so schlecht gar nicht geht mit dem Journalismus. Dass es bei aller inhaltlichen Alltagskritik und allen digitalen Wandlungen immer noch ein Grundbedürfnis nach solide recherchierter Information und guten Geschichten gibt. Dass man der Seite 3 der “SZ” möglicherweise doch noch mehr glaubt als einem Blogger, wobei gerade dieses Bild sinnbildlich stehen kann für die Veränderung: Ganz früher hätte es den Blogger erst gar nicht gegeben, dann hätte man ihn pauschal gar nicht als Alternative in Erwägung gezogen, inzwischen kann unter Umständen der Blogger auch mal besser oder zumindest ergänzend zur Seite 3 sein.

 

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Vorschau 2012: Leben am “I hate to be right foursquare”

26. Dezember 2011 - 12:29 Uhr

Januar: Das Jahr beginnt mit einem Paukenschlag: Die “Huffington Post” kommt nach Deutschland, wie durch eine eher ungeplante Kommunikation bekannt wird. Herausgegeben wird sie zur Überraschung vieler von Conde Nast. Wie der Verlag mitteilt, wird Thomas Knüwer Chefredakteur. Nachdem Knüwer ohnehin gerade mit der Zweitausgabe von WIRED (Schwerpunktthema: Gebt Deutschland den Nerds) beschäftigt ist, beschließt der Verlag, dass eine gedruckte Ausgabe der HuPo zusammen mit WIRED einem in einem Bundle mit der GQ erhältlich sein wird.  An seinem Job kommen Knüwer erste Zweifel, als er in München auf offener Straße von einer Delegation des Blogs “Mädchenmannschaft” mit faulen Eiern beworfen und mit Sprechchören wie “Was steht an jeder Ecke? Macker verrecke! Was steht an jedem Haus? Machos raus!” durch den Tag begleitet wird. Bundespräsident Wulff hat inzwischen die Suche nach einem neuen Sprecher beendet. Die Wahl fällt auf Sascha Lobo, der Wulff als erstes eine neue Frisur verpasst. Aufkeimende Kritik an Lobo für dieses Engagement kontert der fröhliche Irokese damit, dass er Wulff zwar auch doof finde, generell aber als Werber dafür werbe, für was er bezahlt wird. Weil Wulff gerade etwas klamm ist und das Lobo-Jahresgehalt von 520.000 Euro nicht bezahlen kann, zieht Lobo vorerst in ein Klinkerbaus in Großburgwedel. In einem Kommentar für evidero.de fragt sich Konstantin Neven DuMont, ob das wirklich als nachhaltige Politik zu bezeichnen sei. In der FAZ sorgt Frank Schirrmacher mit seiner Forderung nach einem “europäischen Facebook”, die er in einem dreiseitigen Aufsatz aufstellt, für Aufsehen.

Februar: Mario Sixtus gibt überraschend sein Format Elektrischer Reporter auf. Das ZDF weist die Kritik, Sixtus habe seinen neuen Job als Moderator von “Wetten, dass…” insbesondere seinen guten Beziehungen zum überraschend neu gekürten ZDF-Chefredakteur Thomas Knüwer zu verdanken, als haltlos zurück. Konstantin Neven DuMont fordert dennoch eine nachhaltige Reform des ZDF. Das Publikum der FAZ staunt über einen Schirrmacher-Aufsatz mit dem Titel “Wäre Oskar Lafontaine doch der bessere Bundeskanzler gewesen?” .

März: In der ARD sorgt die Wahl von Richard Gutjahr in das Amt des neu geschaffenen Super-Intendanten für einige Irritationen. In einem ersten Schritt verringert Gutjahr das Personal um 80 Prozent, ersetzt alle Kameras durch iPhones, moderiert nahezu alle Sendungen selber und reformiert das Programm. Neuer Sendeplatz von Beckmann ist bei Facebook, Sandra Maischberger darf nur noch twittern, Frank Plasberg fühlt sich durch die  Versetzung zu Google + degradiert. Die interaktiven Tagesthemen moderiert grundsätzlich Gutjahr von irgendeinem Ort der Welt aus, an dem er sich gerade befindet. Für Erstaunen sorgt auch das neue ARD-Logo, in dem sich eine “1″ um einen angebissenen Apfel rankt. Das “Wort zum Sonntag” besteht ab sofort aus jeweils 5-Minuten-Episoden aus der Biografie von Steve Jobs. Zu stoppen ist Gutjahr trotzdem kaum. Schließlich wurde er mit nur einer Gegenstimme von Monika Piel (“Wer ist das überhaupt, dieser Gutjahr?”) ins Amt gewählt. In einem Kommentar für evidero.de spricht sich Konstantin NevenDuMont für mehr Nachhaltigkeit in dieser Programmreform aus. Frank Schirrmacher veröffentlicht ein Gespräch mit Sahra Wagenknecht über das Thema “Raubtier-Kapitalismus” unter dem Titel “Vorerst nachhaltig gescheitert”. Spekulationen tauchen auf, ob Schirrmacher mit Wagenknecht, Guttenberg, Gabriele Pauli und Konstantin Neven DuMont eine neue Partei aufmachen will.

April: Das ZDF präsentiert sein neues Moderatorenduo für die Fußball-EM 2012. Die Überraschung ist nicht sehr groß, als Chefredakteur Knüwer verkündet, diese Aufgabe selber übernehmen zu wollen. Lediglich seine Begründung, mit der er den Trainer von Preußen Münster als Nachfolger des geschassten Olli Kahn als neuen Experten einführt, halten Menschen, die wirklich etwas von Fußball verstehen, für gewagt. Unterdessen erscheint das erste WIRED-HuPo-GQ-Bundle mit einem sagenhaften Gimmick, nämlich Panini-Sammelbildchen. Das Unboxing des ersten Bundles wird live in der ARD übertragen, für die sich Hyperchefredakteur Gutjahr drei Tage lang vor den CondeNast-Verlag in München in einem kleinen Zelt einquartiert hatte und nun als erster auf diesem Planeten ein Bundle in der Hand hält.

Mai: In Baku platzt die Neuauflage des ESC-Blogs von Stefan Niggemeier und Lukas Heinser, weil Heinser überraschend und zwangsweise zum neuen Nationaltrainer Aserbaidschans  berufen wird. Das Angebot des Landes, dafür mit Berti Vogts das Bakblog zu gestalten, lehnt Niggemeier ab. Umgekehrt legt Aserbaidschan keinen Wert darauf, dass Niggemeier Heinsers Co-Trainer wird. Auch eine Intervention von Bundespräsident Lobo kann diese dramatische Wendung der Dinge nicht mehr verhindern. Konstantin Neven DuMont wertet die Vorgänge allerdings als eine Chance zur nachhaltigen Verbesserung der Beziehung zwischen den Ländern, plädiert aber gleichzeitig auch für seine deutliche Absenkung der Fangquoten für Thunfisch.

Juni: Der Gewinn des EM-Titels geht einher mit dem Scheitern der schwarz-gelben Koalition in Berlin. Für das ZDF bringt dies den auch aus Kostenaspekten kaum zu überschätzenden Vorteil, dass Fußballexperte Knüwer nach der Übertragung des Finales sofort in das heute-journal umschalten kann, wo Moderator Steffen Seibert Regierungssprecher Knüwer ausführlich befragt. “Ein tolles Duo”, jubiliert Chefredakteur Knüwer, der gleichzeitig eine Umbenennung der Sendung in WIRED-journal ankündigt.

Juli: Der “Spiegel” veröffentlicht ein Gespräch mit Helmut Schmidt zur Frage, wer Nachfolger von Angela Merkel werden soll. Schmidt zieht an seiner Zigarette, deutet auf das neue WIRED-Titelbild, auf dem Chefredakteur Knüwer sich selbst abgebildet und praktischerweise auch gleich ein Interview mit sich selbst ankündigt hat — und knurrt: ” Er kann es.” Knüwer selbst gibt seine Kandidatur via Twitter bekannt, kurz darauf wird er von Bundespräsident Lobo vereidigt. Im WIRED-journal lobt ZDF-Chefredakteur Knüwer die Wahl Knüwers als eine gute Wahl, weiß aber kurzzeitig nicht mehr genau, zu welchem Job genau er sich gratulieren soll. Für kurze Aufregung sorgt, als Knüwer für seine Regierungszeit ein paar “Zückerchen” ankündigt und sich dafür einen bösen Rant von Felix Schwenzel einfängt. Frank Schirrmacher schreibt in der FAZ, dass wir ein gemeinsames europäisches Blog brauchen. Konstantin Neven DuMont unterstützt diese Forderung, solange das Blog auch den Nachhaltigkeitsgedanken nachhaltig unterstützt.

August: Spektakuläre Wende im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: ARD-Hyperintendant Richard Gutjahr und ZDF-Chef Thomas Knüwer beschließen die Fusion ihrer Sender. Beide begründen dies zum einen mit medienpolitisch gebotener Vernunft, zum anderen aber auch mit ihren anderen Jobs. Nachdem eine Putzfrau auf einer Konferenz versehentlich einen Zetre vergessen hat, aus dem eindeutig hervorgeht, dass WIRED künftig monatlich erscheint, kann auch Knüwer nicht mehr die Wahrheit hinterm Berg halten. Die Nachrichten von ARD und ZDF werden künftig generell gemeinsam ausgestrahlt, sind interaktiv und werden generell von Richard Gutjahr via Livestream von dort aus moderiert, wo er zufällig gerade ist. Neuer gemeinsamer Programmdirektor wird Markus Hündgen, auf den man sich einigt, weil er ohnehin für das ZDF schon den Mayortitel bei Foursquare hält. Sein erstes neues Format “Reporter ohne Reporter und ohne Kamera”, nicht moderiert von Mario Sixtus, sorgt für Diskussionen. Stefan Niggemeier schreibt darüber im “Spiegel” ein launiges Medienlexikon mit dem lustigen Titel “Hünd/chen”, Frank Schirrmacher begrüßt die Fusion, fordert aber gleichzeitig, dass wir eine europäische öffentlich-rechtliche Medienbehörde unter Aufsicht von Marcel Reich-Ranicki benötigen.Konstantin Neven DuMont bringt sich für den Job ebenfalls ins Spiel, sagt aber dann ab, weil es in der Kantine des neuen Supersenders keinen Karpfen geben soll.

September: Die neue FAZ-Herausgeberin Sahra Wagenknecht entlässt überraschend ihren großen Förderer Frank Schirrmacher und auch die anderen Herausgeber. Das Gremium, bestehend aus ihr selbst, heißt ab sofort Zentralkomitee zur Herausgabe hervorragender publizistischer Leistungen. Im “Neuen Deutschland” veröffentlicht Schirrmacher einen Aufsatz mit dem Titel “Hatte Oskar Lafontaine doch recht?”.  Im WIRED-journal antwortet Schirrmachers großer Gegenspieler Knüwer mit einem schlichten “Nein”, Konstantin Neven DuMont ist der Auffassung, dass das schon sein könne, letztendlich aber nicht nachhaltig genug sei.

Oktober:  Sascha Lobo schafft es als erster Twitterer weltweit, dass ein Tweet von ihm geretweetet wird, bevor er ihr abgesetzt hat. Frank Schirrmacher fordert in 140 Zeichen die Einführung eines europaweiten gemeinsamen Twitters. Enttäuschung herrscht allerdings in der Szene, als bekannt wird, dass Bundespräsident Lobo gar nicht selbst twittert, sondern dieser Job von seinem Sprecher Christian Lindner, gleichzeitig Chefredakteur der Rhein-Zeitung, erledigt wird. Die Enttäuschung ist umso größer, als dass in den USA gerade dazu übergegangen wurde, Barack Obama den “amerikanischen Lobo” zu nennen. Da hilft es wenig, dass Thomas Knüwer auch Chris Anderson in den USA ablöst und man Mrs. Huffington empfiehlt, sich ein Beispiel an Richard Gutjahr zu nehmen.

November: Richard Gutjahr kauft Apple.

Dezember: In der aktuellen Ausgabe der WIRED gibt Bundespräsident Lobo bekannt, was ohnehin schon lange überfällig war. Eine zentrale digitale Journalismus-Agentur, die mit Thomas Knüwer, Richard Gutjahr, Mario Sixtus und Markus Hündgen für eine konsequente crossmediale Verteilung von allem nach überall sorgt. Nachhaltigkeitsstaatssekretär wird zur Überraschung aller Frank Schirrmacher, weswegen Konstantin Neven DuMont seine Auswanderung ankündigt. An seinem neuen Wohnsitz im kanadischen Halifax zieht er in eine nachhaltig errichtete Villa am “I hate to be right foursquare”.

 

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2012 – oder: Bleibt alles anders

23. Dezember 2011 - 10:37 Uhr

2011 ist man mit ein bisschen Glück einer ganzen Reihe von ehemals halbanalogen Menschen aus der Branche begegnet, die ziemlich stolz auf sich und zufrieden mit der Medienwelt waren. Das waren sie in erster Linie, weil sie sich angekommen glaubten im digitalen Wunderland. Man sei bei Facebook und bei Twitter, manche haben jetzt auch Blogs, und, achja, natürlich sei man auch im Internet, manchmal sogar mit Videos. Das ist — bei aller Überspitztheit —  sehr häufig die Lage am Markt. Das war schon mal schlimmer, könnte man jetzt denken. Schließlich sind die Zeiten noch nicht so lange zurück, in denen die Notwendigkeit von digitaler Veränderung schlichtweg negiert wurde. Das also ist vorbei. Und trotzdem: 2012 dürfte sich so viel verändern, dass das vermeintliche Aufholen eines Rückstands dann schon wieder einem Hinterherlaufen gleichen wird. Oder anders gesagt: Ich glaube sehr fest daran, dass am Ende des nächsten Jahres sich der Journalismus und seine Rahmenbedingungen so stark verändert haben werden, dass man irgendwann davon sprechen wird, wie alles anfing, damals, 2012…

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Es war in diesem Jahr sehr viel von Richard Gutjahr die Rede, auch hier auf dieser Seite. Gutjahr verstand es großartig, sich selbst und seine Projekte in Szene zu setzen. Mal kabbelte er sich ein bisschen mit der ARD-Vorsitzenden auf einem Podium, dann berichtete er live und multimedial aus Ägypten. Das verleitete eine ganze Menge so genannter Experten, Gutjahr vor allem als das Paradebeispiel einer gelungenen Selbstvermarktung zu benennen. Der Journalist als Marke, dieser ganze Kram, Sie wissen schon. Das allerdings dürfte der größte Trugschluss des vergangenen Jahres sein. Und er führt andere in die falsche Richtung. Weil sie meinen, es würde reichen, ein bisschen zu trommeln und ab und an einen Link bei Facebook zu setzen, welch atemberaubende Geschichte man jetzt gerade wieder irgendwo veröffentlicht hat. Ich habe rührend-naive Versuche in dieser Richtung gesehen,  u.a. den einer mäßig bekannten Journalistin, die einfach mal bei Facebook eine “Fan-Seite” eingerichtet hat. Die Fan-Zahlen blieben in einem sehr überschaubaren Bereich, was nichts gegen die Dame heißen soll. Sondern einfach nur: Es ist absurd zu glauben, dass ein Journalist irgendetwas erreicht, weil er auf Facebook vertreten ist und ab und an einen Tweet absetzt. Natürlich war das auch bei Gutjahr nicht so. Andersrum wird eher ein Schuh draus: Man (Achtung, FDP-Deutsch) liefert erst einmal. Man geht als Journalist in Vorleistung, wenn man schon unbedingt den Marketing-Gedanken bemühen will: Man präsentiert sich mit seinem Können, seiner Arbeit. Erst einmal sind Blogs, Facebook und Twitter nichts anderes als eine Art Schaufenster. Und natürlich müsste in diesen Schaufenster schon auch was drin liegen.

Bloß was? Blogger und Journalisten haben in den letzten Jahren von wenigen Ausnahmen abgesehen eher reagiert statt agiert. Sie haben, wie Wissenschaftler das gerne so nennen, für “Anschlusskommunikation” gesorgt. Was sie nicht getan haben: das, was Journalisten an sich so tun. Nämlich Themen zu setzen, sie selber zu recherchieren, schlichtweg selbst zum Medium zu werden. Bisher haben sich Journalisten bei ihren Netzaktivitäten eher darauf beschränkt, Dinge zu kommentieren. Kann man machen, man kann so eine Art Universalkommentator für alles und jeden werden.  Oder aber eben den anderen Weg gehen: eigene Geschichten machen, Journalismus nicht mehr als Privileg von irgendwo verorteten Redaktionen begreifen. Weil Richard Gutjahr von solchen Geschichten in den letzten 12 Monaten eine ganze Menge gemacht hat, ist er bekannt geworden. Nicht, weil er sich mit Monika Piel gerauft hat oder andere lustige Dinge tut. Das ist eher Nebensache.

Eine Massenbewegung ist aus diesen storyerzählenden Journalisten natürlich noch nicht geworden, aber so ganz alleine ist Richard Gutjahr dann auch nicht mehr (er ist vermutlich nur der einzige mit einer derart hohen Konstanz und Themenbreite). Ich stoße in letzter Zeit immer öfter auf gute Geschichten bloggender Journalisten, von denen ich mir denke, sie hätte jeder “professionellen” Redaktion sehr gut getan. Der ZDF-Volontär Martin Giesler beispielsweise hat eine Serie gestartet, in der er erfahrene Journalisten (Hinweis: Ich bin auch dabei) fragt, wie sie täten, stünden sie heute am Ende ihres Volontariats. Gießler hat es mit dieser Geschichte inzwischen auch auf die Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung gebracht -- und ich denke mir bei solchen Fällen immer: Hey, Medienmagazine, warum habt ihr sowas nicht? Oder anders: Es gibt keinen Unterschied mehr, ob ich eine solche Sache im Netz bei einem ZDF-Volo oder in irgendeinem Fachmagazin bekomme.

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Das ganze wird natürlich unübersichtlicher und schwieriger für Journalisten und Nutzer. Einen derart fragmentierten Markt noch im Blick zu behalten, fällt sogar Profis schwer. Es wäre also kein großes Wunder, wenn Aggregatoren 2012  erheblich an Bedeutung gewinnen würden. Aggregieren und kuratieren, zwei Aufgaben, die nicht nur streng genommen zu den Aufgaben von Journalisten gehören, trotzdem bisher aber kaum wahrgenommen werden (eine Übersicht einiger Aggregaotoren findet sich hier). Es passt in diesem Zusammenhang übrigens gut, dass die Neuauflage von Rivva nicht etwa von einem Medienunternehmen unterstützt wurde. Sondern von, kurios genug, BMW. Soll heißen: Es wäre für jede Redaktion eine gute Idee, sich auch über das Aggregieren von Inhalten Gedanken zu machen. Was erstaunlich ist: Im Lokalen gibt es so gut wie keine Überlegung, dieses Thema anzugehen. Dabei wäre ein regionales Inforportal, basierend auf einem klugen Algorhytmus, ein Projekt, das man wirklich mal gerne sehen würde. Aber davon abgesehen wird ein Trend ganz sicher sein, dass Journalisten und Redaktionen den Gedanken vergessen müssen, jede Information komplett selber zu erstellen. Das geht nicht mehr, das muss auch nicht sein — und ja, letztendlich ist es auch eine Form von Information, einem Nutzer zu sagen, wo er was findet. Hatten wir nicht schon vor 20 Jahren gelernt, dass man dem Leser Orientierung geben muss?

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Weil wir gerade beim Thema Orientierung sind: Vermutlich werden wir uns beim Thema Social Media 2012 wieder mal neu orientieren müssen. Bei Dingen wie Facebook ist das, was wir im Beraterdeutsch so schön “kritische Masse”  nennen, schon lange überschritten, eigentlich ist sie sogar –überzogen. Man muss sich als kommunizierendes Etwas schon seine Gedanken machen,  wie sinnvoll es ist, in einem restlos überlaufenen Raum mit seinem hunderten Millionen Nutzern auch noch dazwischenreden zu wollen. Welchen Sinn macht es, irgendwas bei Facebook zu machen, nur weil irgendwie alle da sind und fröhlichen Quatsch posten? Man wird also nachdenken, nachdenken müssen. Wo erwischen wir die Leute, wo ist wer, wo können wir uns mit ihnen unterhalten, sie informieren, wo haben sie überhaupt Lust auf uns? 2012 wird das Jahr, in dem die Losung “Wir machen da mal was bei Facebook” nicht mehr ausreichen wird.

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Evidero: Rettet die Welt und holt mir einen Nachhaltigkeitsfisch

21. Dezember 2011 - 12:49 Uhr

Vermutlich leide ich an irgendeinem merkwürdigen Beschützerinstinkt.  Oder an einem anderen Defekt. Aber immer dann, wenn eine große Meute auf jemanden gesammelt losgeht, macht mich das stutzig. Und es nervt. Weil es die einfachsten und billigsten Erfolge sind, auf jemanden einzuprügeln, der ohnehin schon am Boden liegt  (dass es dafür ja auch eine Vorgeschichte gegeben haben muss, blende ich gelegentlich gerne aus). Ich ertappe mich ja sogar dabei, die Sache mit Wulff grenzwertig zu finden, wie sie da jetzt alle aus den Löchern kommen und schreien: Ich weiß auch noch was. Dabei sollte mir Wulff wirklich nicht leid tun, sonst fange ich demnächst noch an, Sympathien für Maschmeyer zu entwickeln und spätestens dann sollte ich mal einen Arzt aufsuchen.

Ich habe es aufgrund dieses kleinen genetischen Defekts mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen, als ziemlich genau vor einem Jahr eine ganze Meute über Konstantin Neven DuMont hergefallen ist. Ich habe keine Ahnung, ob er es wirklich war, der in Stefan Niggemeiers Blog all jene wüsten Kommentare losließ und hielt seine Begründung, es seien andere Menschen gewesen, die an seinem Rechner saßen, für etwas abenteuerlich. Auf der anderen Seite hatte ich damals das Gefühl: Wenn es einen Menschen auf dem Planeten gäbe, dem ich das zutrauen würde, dass andere ein bisschen von seinem Rechner Blogs mit Kommentaren fluten, dann KNDM. Ich bin ihm später einmal persönlich begegnet und mein Eindruck hat sich nicht geändert.

Jedenfalls fand ich es tendenziell unschön, wie man sich vielerorts einen Spaß daraus machte, KNDM zu einer Art Lachplatte der Medien zu machen. Am Ende hatte man den Eindruck, dass sich jeder Praktikant in einer Redaktion ungestraft über KNDM beömmeln durfte. Das Dumme daran ist, dass es mir vermutlich den Blick auf ihn als auch auf das, was er als Verleger/Unternehmer/Whatever macht, verstellt. Das geht mit auch mit seinem Projekt evidero.de so. Ich habe selbst nach intensivem Klicken und Schauen absolut keine Ahnung, was ich davon halten soll. Mein Reflex sagt mir: nicht einfach auf KNDM einprügeln, weil das billig ist und wahrscheinlich heute und morgen alle (oder wenigstens: viele) machen. Auf der anderen Seite sitze man dann mal vor solchen Überschriften:

Mein erster Reflex ist: KNDM anrufen und ihn fragen: Meinen Sie das ernst? Ich soll nachhaltig essen und die Welt retten? Oder ist das Satire und ich verstehe sie nicht? Zu befürchten ist, dass Evidero eine weitgehend ironiebefreite Zone ist (sagen Sie es mir, wenn ich mich täusche…).  Man kann das zumindest aus den Texten schließen, die sich schon mal so lesen:

Fisch ist gesund und liegt im Trend. Doch leider bedenken nur wenige, dass der Konsum von überfischtem Meerestier zu Lasten der Natur geht.Thunfisch steht kurz vor dem Aussterben. Doch allein im Jahr 2010 wurden in Deutschland mehr als 128 Tausend Kilo Thunfisch. Auch drei der anderen fünf beliebtesten Fischsorten der Deutschen – Seelachs, Lachs und Pangasius – sind bedroht. Aber, welcher Fisch darf dann noch auf den Tisch?

Wenn das erst gemeint ist, dann ist es eine löbliche Idee auf merkwürdige Weise umgesetzt. Es hat einen tendenziell pastoralen Unterton, kommt merkwürdigend mahnend des Wegs und ist trotzdem allein in diesem Absatz voller Plattheiten. Fisch ist lecker, aber es gibt nicht mehr so viel davon…tja. Die meisten Texte lesen sich wie Besinnungsaufsätze, für die es vermutlich auch ein Publikum geben wird, aber das dürfte dann ein Publikum der wortschwallenden Dauerentrüsteten sein, die sich in ihrer Empörung selbst genug sind. Ihnen vermittelt Evidero das Gefühl, dass es schon irgendwie ok ist, entrüstet zu sein. Es wimmelt vor artverwandten Begriffen der Nachhaltigkeit, die am Ende für ein krudes Lebensgefühl sorgen: alles Irrsinn, alles ganz furchtbar, rettet die Welt und holt mir vorher ein Bier.

Wäre es nicht sinnvoll, deutlichere Warnhinweise auf nicht-nachhaltige Nahrungsmittel zu schreiben? So wie auf Zigarettenschachteln vor dem Rauchen gewarnt wird? Stattdessen prangen bunte Gütesiegel auf vielen Verpackungen: Ampeln, CO2-Fußabdrücke, Biolabels, Fischereilabels bis hin zu Phantasiesiegeln. Eine einheitlich europäische Absprache steht in weiter Ferne, die Verbände sind untereinander zerstritten, die Verbraucherzentralen verzweifeln. Wer blickt da noch durch? Das schlimmste Durcheinander herrscht jedoch in der Luft und auf den Straßen.

Dem ambitionierten Käufer ist klar, dass auf einem Markt in Köln das Obst aus den Benelux-Staaten einen deutlich kürzeren Transportweg hat als „einheimische“ Früchte aus Hamburg oder Bayern. Und dass regionales und saisonales Einkaufen eine wichtige Regel bei der Nachhaltigen Ernährung spielt. Vollkommen irrsinnig für jeden klar denkenden Menschen ist die Tatsache, dass Deutschlands größter Exportschlager unter den Früchten die Banane ist. Transportwahnsinn findet sich auch bei dem am meisten abgebauten Obst in unserem Land: dem Apfel. Eigentlich gäbe es genügend heimische Früchte für alle, doch ein Teil wird exportiert, damit der so entstandene Mangel wieder importiert werden kann. Oder muss. So wird gewinnbringend spekuliert und billiges Obst kreuz und quer durch die Nationen gekarrt. Solange die Folgeeffekte nicht in die Transportkosten eingerechnet werden, sind und bleiben die Klima-Ziele der Kyoto-Protokoll nur leere Worte.

Der Betroffenheits-Wortschwall zieht sich leider auch durch die Videos, der Grundton klingt ein bisschen nach VHS-Seminar (“Wie wir mit nachhaltigem Irgendwas auch vielleicht irgendwas erreichen können”). Was ein bisschen schade ist, weil der gute KNDM tatsächlich nicht ganz wenig Geld für das Projekt in die Hand genommen hat; er selbst spricht von 200.000 Euro alleine für die technische Ausstattung. Die Seite und die Videos sind sauber und stellenweise auch aufwendig produziert, auch wenn es vielleicht erwartbar ist, dass ein nachhaltiges Grün auch die Farbgebung der Seite maßgeblich mitbestimmt.

Man weiß, er meint es gut, der KNDM. Man muss trotzdem insgeheim lachen, wenn ein Video über den Karpfen mit dem schönen Satz “Evidero über einen Fisch mit einem Imageproblem” angekündigt. Kurz darauf wird der Karpfen der “Nachhaltigkeitsfisch überhaupt” bezeichnet. Das erinnert ein wenig an Edmund Stoiber und den “Problembären”, der ja ganz eindeutig ein “Schadbär” war. Wie es mir mit Evidero und KNDM überhaupt ein bisschen wie mit Stoiber geht: Man kann ja an der berühmten Zehn-Minuten-Hauptbahnhof”-Rede oder am Schadbären nicht wirklich ernsthaft Kritik üben und irgendwie ist diese Unbeholfenheit ja dann fast schon wieder sympathisch. Aber eben doch: unbeholfen. Dass ich ab morgen die Welt rette, indem ich Nachhaltigkeitsfische esse, glaube ich aktuell weniger.

Aber vielleicht verstehe ich das alles ja auch einfach nur furchtbar falsch.

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Journalismus des Jahres: Online

18. Dezember 2011 - 23:23 Uhr

Zugegeben, die Wahl der Journalisten des Jahres im “Medium Magazin” fand ich früher ungefähr so spannend wie die Kür eines “Mitarbeiter des Monats”. Das war zwar immer alles ganz amüsant zu lesen und wirklich protestieren wollte man bei den meisten Wahlen auch nicht. Aber alles in allem waren es dann doch meistens die üblichen Verdächtigen und weil so eine Wahl ohnehin eher folgenlos bleibt, hatte man zwei Tage später schon wieder vergessen, wer da eigentlich gewählt worden war. In diesem Jahr war das anders. Weil zum ersten Mal seit langer Zeit nicht einfach nur Journalisten für ihre Arbeit ausgezeichnet wurden, sondern ein eindeutiger Trend erkennbar ist. Gäbe es diese Kategorie, dann hieße es in diesem Jahr “Online” sei der “Journalismus des Jahres”.

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Es ist noch nicht so rasend lange her, da mussten sich Journalisten, die in eine Onlineredaktion wechselten, fragen lassen, was sie eigentlich angestellt haben. Oder ob sie denn gar nix anderes gefunden haben. Richtig ernst genommen wurden Onlinejournalisten von ihren analogen Kollegen lange Zeit nicht. Wenn man sich die Arbeitsbedingungen vieler ansieht und die gelegentlich immer noch vorhandene Herablassung, mit der man auf die Onliner schaut, dann kommt man zu dem Schluss, dass es bis heute noch ein paar Unverbesserliche gibt, die Onlinejournalisten nicht für Journalisten, sondern Pixelschubser halten. Man hört immer wieder mal die Ansicht, dass das alles ja schön und nett sei mit diesem Internet, aber das wirkliche Geld immer noch mit dem Kernprodukt verdient wird. Und mal im Ernst: Wie viele Redaktionen gibt es, in denen der Onlinechef so bedeutend ist, wie die Print/Senderchef?

Womit wir schnell zu einem kommen, der in diesem Jahr einer der “Journalisten des Jahres” gewählt worden ist: Wolfgang Blau ist “Chefredakteur des Jahres” geworden, was nicht nur ohnedies schon eine Leistung ist. Sondern umso bemerkenswerter, weil Blau damit alle Zeitungs-, Radio- und Fernsehchefredakteure hinter sich ließ, sogar den “Zeit”-Chef Giovanni di Lorenzo. Und es ist erwähnenswert, weil man damit nicht nur Blaus Arbeit gewürdigt hat, sondern auch “Zeit Online” als ein eigenständiges, journalistisch geprägtes Medium akzeptiert, das eben sehr viel mehr ist als nur der Ableger der gedruckten “Zeit”. Blaus Arbeit und die von “Zeit Online” ist beispielgebend. Dafür, was man aus einem Onlinemedium machen kann, wenn man erst mal nur bereit ist, das Selbstverständnis zu ändern. Das finde ich an dieser Wahl (bei allem großen Respekt vor Wolfgang Blaus Arbeit) das eigentlich Ermutigende: dass die “Zeit” ihre Onlineseite eben nicht nur als Ableger betrachtet, den man eben irgendwie haben muss. Wie wenig selbstverständlich das ist, zeigt mir die Tatsache, dass ich erst mal eine ganze Zeit überlegen muss, um vergleichbares zu finden. Die SZ mit Stefan Plöchinger  befindet sich unter den großen Blättern da noch auf einem ganz guten Weg, “Spiegel Online” (auch wenn man dessen Inhalt nicht wirklich mögen muss) hat ohnedies seit vielen Jahren eine Ausnahmestellung. Aber sonst? Online ist eben doch noch bei vielen eine eher lästige Pflichtaufgabe.

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Wenn man durch die Redaktionsräume der Rhein-Zeitung in Koblenz geht und es nicht besser wüsste, man könnte auch meinen, man sei in einer klassischen Onlineredaktion gelandet. Die Twitter- und sonstigen Fenster sind dauerhaft offen, der Onlinechef ist mitten im Geschehen und der Chefredakteur vom Janzen ist ohnehin omnipräsent im Netz. Man kommt kaum auf die Idee, dass man sich bei einer mittelgroßen Regionalzeitung befindet, zumal dann nicht, wenn man schon mal andere mittelgroße Regionalzeitungen besucht hat. Christian Lindner als ihr Chefredakteur ist vermutlich der experimentierfreudigste seiner Gattung und deshalb völlig zurecht “Chefredakteur des Jahres regional” geworden. Man beachte auch hier: Lindner ist nicht primär für seine Arbeit am Blatt gewählt worden, sondern dafür, dass er seinem Verlag einen gangbaren Weg in die Zukunft aufzeigt. Dafür, dass er ein Blatt zukunftsfähig macht, ganz praktisch, Tag für Tag, keineswegs nur in irgendwelchen theoretischen Ansätzen. Lindner und die Rhein-Zeitung begreifen ihr Blatt eben nicht einfach nur als Zeitung mit angehängtem Onlineaufritt. Sondern als eine journalistische Einheit, die sich den jeweils am besten geeigneten Kanal zunutze macht. Und mit ihrem Leser ständig kommuniziert.

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Zugegeben, als ich das eine oder andere Projekt verfolgt habe, dass Richard Gutjahr in diesem Jahr gemacht hat, habe ich mir  das eine oder andere Mal gedacht: Jetzt spinnt er, der Richie. Natürlich in einem überaus positiven Sinne, ehrlich gesagt war es mehr eine stille Bewunderung für jemanden, der nicht lange fragt und palavert, sondern sich auf nach Kairo macht und von dort aus authentisch, schnell und pointiert berichtet. Mit einer Ausrüstung, die in jeden Rucksack geht. Ich habe es als unglaublich wohltuend empfunden, wenn sich jemand von diesem ganzen “Das geht nicht”-Genöle abhebt und einfach macht. Oder von den Dauerkritikastern, die zwar ständig den Mund offen haben und ihn vor lauter Schaum davor kaum geschlossen bekommen, selber aber seit Jahren außer raunzendem Genörgel nicht sehr viel auf die Kette kriegen. Gutjahr macht das, was gute Journalisten machen sollten: Er recherchiert gründlich, erzählt gute und fundierte (und multimediale) Geschichten, ist unmittelbar vor Ort — und ja, auch das, er ist ein begnadeter Selbstvermarkter. Ich saß dieses Jahr mal auf einem Panel mit ihm und wusste zwischendrin nicht, was ich eigentlich mehr bewundern sollte: die Fähigkeit, einen nicht ganzen kleinen Saal prächtig zu unterhalten oder die Fähigkeit auch mal zu wissen, wann es gut ist. Gutjahr kennt seine Grenzen, während andere auf diesem Panel noch quatschten, als die ersten murrenden Tweeds angesichts einer offenbaren Selbstverliebtheit aufkamen.

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Aber reden wir nochmal von dieser “Das geht nicht”-Haltung. So unterschiedlich Blau, Lindner und Gutjahr auch sein mögen, ihre größte Gemeinsamkeit ist die Tatsache, dass sie jeweils in ihrem Umfeld und ihrem Job geschafft haben, dieses “Das geht nicht” zu widerlegen. Dass es nicht geht, ein journalistisch profiliertes, eigenständiges und trotzdem tragfähiges Onlineangebot zu machen, hat Wolfgang Blau widerlegt. Dass sehr wohl möglich ist, auch mit den eingeschränkten Möglichkeiten einer Regionalzeitung das Netz mit gutem Inhalt zu füllen, zeigen Lindner und Freunde jeden Tag. Und dass man eben doch auch als One-Man-Show reüssieren und auf Basis eines Blogs und mit einem iPhone und ein bisschen Equipment gute Inhalte macht, zeigt Gutjahr. Das ist mehr wert als jede akademische Debatte und deshalb ist diese Wahl des “Medium Magazins” die beste und richtungsweisendste bisher.

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Nein, Onliner sind auch nicht per se die besseren Journalisten. Es gibt grandios gute Printleute und nicht so gute Onliner und manche, die sich Blogger nennen, sind einfach nur reaktionäre Pfeffersäcke. Das Medium ist nicht die Message und auch nicht der Qualitätsmesser. Entscheidend ist, was man daraus macht. Alles andere sind — Scheindebatten.

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ElRep, die nächste: Das aktuelle Sportstudio

15. Dezember 2011 - 17:08 Uhr


Elektrischer Reporter – 025: Sport, Katzen und Sprache

Es gibt über Gamer eine ganze Menge Vorurteile – aber wie das eben bei Vorurteilen so ist: Sie sind immer nur ein bisschen wahr, wenn überhaupt. In Köln habe ich mich mit zwei Gamern getroffen, die erklären, warum Counterstrike & Co. auch nichts sehr viel anderes sind als, sagen wir, Fußball. Zu sehen in der neuen Folge vom Elektrischen Reporter. Wo es, wie immer, auch viel anderes sehenswertes digitales Zeugs gibt.

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Warum Universalcode nicht bei Amazon ist

15. Dezember 2011 - 11:08 Uhr

Zu Beginn die vielleicht wichtigste Mitteilung des Tages: Man kann Bücher, CD´s und so einen Kram auch woanders kaufen als bei Amazon. Das mag überraschend klingen, aber tatsächlich ist Amazon ebensowenig Monopolist wie Apple, Google oder Facebook. Man muss das schon alleine deshalb festhalten, weil die letzten Publikationen in “Spiegel” und “FAZ” ein bisschen so klangen, als sei der gemeine Webnutzer gefangen in einer vierköpfigen Krake, die den User als solchen nicht mehr auslässt und sich nebenher gegenseitig mit ihren vier Köpfen selbst auffrisst. Das ist ein bisschen so wie die gerne genommene Klage, dass es im Fernsehen auch nur noch Mist gibt — der Knopf rechts unten an der Kiste ist im Regelfall eine sehr gute Alternative.

Tatsächlich steht das alles hier nicht, um Ihnen Dinge zu sagen, die Sie möglicherweise selbst schon eine ganze Zeit lang geahnt haben. Es soll eher eine Erklärung sein, eine Antwort auf eine Frage, die ich merkwürdigerweise in den vergangenen Wochen und Monaten immer und immer wieder gehört habe:

Warum gibt es Universalocde nicht bei Amazon?

Antwort: Weil wir momentan nicht mögen.  In dem Zusammenhang finde ich es übrigens ein bisschen perfide, was Amazon antwortet, wenn man “Universalcode” als Suchabfrage eingibt:

Das ist zumindest in dieser Form blanker Unsinn. Natürlich ist Universalcode verfügbar. Nur nicht bei Amazon. Und auch nicht, weil wir Lieferprobleme hätten, sondern weil wir schlichtweg Amazon nicht beliefert haben. Das hat einen sehr simplen Grund: Die Konditionen, die Amazon “anbietet” (Angebot ist in diesem Fall eigentlich ein Euphemismus), sind schlichtweg so schlecht, dass wir die Bücher dann auch gleich fast verschenken könnten. Amazon verlangt als Umsatzbeteiligung so viel, dass der Amazon-Anteil der mit Abstand höchste (!) Kostenfaktor dieses Buchs wäre. Das ist absurd. Man sammelt also eineinhalb Dutzend Autoren ein, einen Lektor, eine Grafikerin, eine Klassefrau, die den Satz erledigt, arbeitet mit einem innovativen Verlag zusammen, sieht zu, dass man die Kosten weit unten hält — und bezahlt dann bei jedem Buch einen zweistelligen Betrag dafür, dass Amazon das Buch in eine Tüte packt und verschickt? Da regt sich der zugegeben große Trotzkopf in mir.

Wo es den Universalcode gibt

Euryclia: Manuskrpipte, Projekte, Universalcode — dann Warenkorb
Onlineshop DJV: Hier ist die direkte Ansicht mit Bestellmöglichkeit.

Direkt auf diesem Blog hier ist rechts oben ein Widget eingebaut. Warenkorb, bestellen, dann kommt das Buch sofort. Die meisten Autoren des Buchs haben das Widget ebenfalls eingebaut. Wenn Sie es einbauen wollen (10 Prozent Provision auf jedes verkaufte Buch): Im Widget finden Sie einen embedding code.

Und außerdem denkt sich der Trotzkopf in mir, dass das ja alles ein bisschen absurd ist: Wir jammern immer über die Marktmacht von Amazon & Co., sind aber dann nicht in der Lage, ein Buch mal woanders zu besorgen? Oder woanders zu suchen im Netz? Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich habe nichts gegen große Konzerne, ich nutze sie immer dann, wenn sie wirklich gute Produkte haben. Ich bin leidenschaftlicher Apple-Nutzer, nutze etliches von Google — und bestelle  fast nie bei Amazon. Aus Prinzip nicht. Das, was Amazon mir bietet, machen und können viele andere auch. Also nehme ich das im Zweifelsfall beim kleineren und wenn es sich einrichten lässt, gehe ich übrigens auch mal in einen Buchladen (finden Sie mit etwas Glück auch in einer Stadt Ihrer Nähe).

Ich würde sogar noch weiter gehen: Konditionen wie die von Amazon sind der Tod von jeglicher kleinerer Publizistik. Weswegen ich sie nicht unterstütze und schon gleich gar nicht, indem ich mein eigenes Buch in ein Großauslieferungslager in Bad Hersfeld gebe.Dann verzichte ich lieber auf ein paar verkaufte Exemplare.

Davon abgesehen: Ich glaube, das würde der Idee von Universalcode widersprechen. Wir predigen in diesem Buch immer und immer wieder von den neuen Zeiten und Möglichkeiten. Davon, dass wir uns als Journalisten selbst zur Marke machen können, dass wir keine Großverlage und Sender mehr brauchen, dass wir unsere eigenen Wege gehen können — und dann scheitern wir daran, dass wir es nicht schaffen, ein Buch außerhalb von Amazon zu bestellen? Liebe Freunde, sagt mir, dass das nicht wahr ist. Bis auf weiteres also: kein Amazon in diesem Haus. Sie würden dieser Idee sehr helfen, wenn Sie das an alle weitergeben — die immer noch dort nach “Universalcode” suchen.

Im Übrigen: Es gibt ein Widget auf dieser Seite hier (rechts oben). Darüber können Sie nicht nur bestellen — sondern es auch selbst einbauen. Für jedes Buch bekommen Sie 10 Prozent Provision. Und glauben Sie mir: Die bezahle ich Ihnen weitaus lieber als Amazon.

16 Kommentare » | DAS BUCHPROJEKT, IN EIGENER SACHE

Universalcode zu Weihnachten (oder vielen anderen Anlässen)

11. Dezember 2011 - 11:33 Uhr
Foto: Dirk Kirchberg

Foto: Dirk Kirchberg

Endlich mal wieder unverschämt Werbung machen können: Weil ich in letzter Zeit oft gefragt worden bin, wie und wo man “Universalcode” bestellen kann und wir Amazon als Vertriebsweg momentan immer noch bewusst umgehen, kann man das Buch jetzt direkt hier ordern. Auf dieser Webseite. Schauen Sie mal nach rechts, rechts oben. Da ist so ein Widget, da bekommt man Leseproben und kann sich das dann auch gleich in den Warenkorb werfen. Versandkosten fallen nicht an. Und wer jetzt noch bestellt, hat was Hübsches unter dem Weihnachtsbaum liegen. (Das Widget gibt´s übrigens auch baugleich auf der Webseite zum Buch.)

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Ideenlosigkeit in minimalmedial

9. Dezember 2011 - 10:20 Uhr

Es ist gerade mal drei oder vier Jahre her, da konnte ich die Texte, die ich per Mail bekam, fast schon auswendig: Ob ich wohl ein Seminar machen könne zum Thema Video, das sei gerade so angesagt und man werde in jedem Fall in den kommenden Monaten ganz groß einsteigen. Inzwischen bekomme ich immer noch eine Menge Mails, aber Nachfragen nach einem reinem Videoseminar waren schon lange nicht mehr dabei. Das könnte man erstmal für Zufall halten, aber wenn man sich ein wenig umschaut, wie es die meisten Redaktionen aktuell mit dem Thema Video halten, dann tut man wahrscheinlich niemandem unrecht, wenn man sagt: Wenn es nicht gerade Fernsehsender sind, dann hat sich das Thema bewegtes Bild nicht nur wieder auf, sondern unter Normalmaß zurechtgestutzt. Kaum ein Zweifel, dass sowohl Menge als auch Qualität von Videos im deutschen (Online-)Journalismus schon mal ausgeprägter waren. Man sieht ziemlich viel Agenturzeug, ab und an Eigenproduktionen, selten etwas, was wirklich den Möglicheiten von Webvideos gerecht würde. Kurz: All die Ambitionen, die man noch irgendwann in der Zeit um 2008 hatte, sind erledigt, viele Blätter, die sogar ihr eigenes “XY TV” annonciert hatten, bringen heute bestensfalls noch was, wenn es etwas von dpa oder Reuters gibt. Mir fallen auf den Schlag vielleicht noch fünf Zeitungen ein, die Bewegtbild wirklich systematisch nutzen.

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Man solle Steve Jobs jeden Tag…man muss den Satz nicht zu Ende schreiben, um zu wissen, wer und was gemeint ist. Tatsächlich ist man beim iPad (und seinen Epigonen) ziemlich schnell nach den ersten Betrachtungen auf die Idee gekommen, dass das ein toller Platz für bewegtes Bild sein könnte. Das Tablet wäre überhaupt ein ziemlich guter Platz, um endlich die Versprechungen wahr zu machen, die der Onlinejournalismus schon seit Jahren abgibt: die Möglichkeiten des multimedialen Erzählens für alle Sinne auszureizen, Geschichten über mehrere Stationen und Darstellungsformen hinweg zu erzählen. Das Webangebot der Gegenwart und die iPad-Apps der Zukunft müssten demnach so aussehen: voll mit guten und bisher eher selten gesehenen Videoformaten, multimedialen Reportagen, gut gemachten Fotos, interaktiven Anwendungen. An mangelnder Technik kann es inzwischen nicht mehr liegen, die gibt es zuhauf und inzwischen auch in Preislagen, die kein Argument mehr gegen ihre Anschaffung sein sollten.

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In den vergangenen Tagen habe ich mich, weil ich es ohnehin tun musste, mal wieder mit dem Zustand der Onlineausgaben und der iPad-Apps journalistischer Erzeuger (nennen wir das mal so) befasst — und fand den Befund ziemlich niederschmetternd. Statt der erwarteten Feuerwerke fand ich: von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen kein einziges erwähnenswertes Videoformat. Eine gen null tendierende Nutzung des Mediums Audio. De facto nicht existente Multimedia-Reportagen. Seitenlange Textstrecken ohne ein einziges visuelles Element. Kurz, alles, was in den Kapiteln von “Universalcode” steht (dazu gehört auch Datenjournalismus) wird in der Praxis sehr wenig oder wenn, dann eher uninspiriert umgesetzt. Wäre es zuviel gesagt, wenn man Onlinejournalismus in Deutschland als mehrheitlich scheintot bezeichnet?

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In diesen Tagen jährte es sich übrigens zum 20. Mal, dass Rosa von Praunheim Homosexuelle einem öffentlichen Zwangsouting unterzog. Betroffen war damals auch Hape Kerkeling, worauf nicht wenige Redaktionen auf die spannende Idee kamen, eine Klickstrecke zum Thema zu machen, die sich dann durch Kerkelings halbes Leben mäanderten, nebenher in sieben oder acht Bildern nochmal die Tatsache aufarbeiteten, dass Kerkeling nicht “Wetten, dass…” moderieren wird, um schließlich festzustellen, dass Kerkeling sehr viele Gesichter habe und auch durchaus beliebt sei. Mit der Geschichte über das Zwangsouting hat das alles natürlich nicht das Geringste zu tun, aber das macht nichts. Der Onlinejournalist liebt die Klickstrecke und hat sie in den vergangenen Jahren zu seinem bevorzugten Instrument ausgebaut. Die Klickstrecke ist in ihrer ganzen inhaltlichen Beliebigkeit überall anzuwenden und so exzessiv, wie sie in Deutschland angewendet wird, haben sich Redaktionen ein prima Dauerargument geschaffen, sie eigentlich immer und überall einzusetzen: Wenn man eine Geschichte über Zwangsouting mit Bildern von Kerkeling bei “Wetten, dass…” totklickstrecken kann, kann man jeden noch so absurden Zusammenhang konstruieren. Generell gilt inzwischen: Wenn in irgendeiner Geschichte ein halbwegs bekannter Name auftaucht (und in welcher tut er das nicht?) — Klickstrecke einsetzen, am besten mindestens das halbe Leben in Bildern. Die Klickstrecke ist, wenn man so will, der Tod des ernstzunehmenden Journalismus. Nein, nicht wegen ihrer elenden Klickschinderei. Sondern weil sie den Onlinejournalismus in Relevanz und Ernsthaftigkeit und auch im Umgang mit dem Medium Foto vollständig ruiniert.  Es spräche ja nichts gegen Bilderstrecken, wenn man tatsächlich eine Auswahl guter, sehenswerter und mit einem gewissen Informationswert versehener Fotos bekäme. Meistens aber handelt es sich einfach nur um eine lieblos hingeworfene Resteausschüttung aus dem Archiv. Als vergangene Woche übrigens Thomas Gottschalk seine dann doch endgültig wirklich allerletzte “Wetten, dass…”-Sendung gemacht hatte, sahen die darauffolgenden Klickstrecken aus, als wenn sie ein geheimes Klickstreckentool, das in allen deutschen Onlineredaktionen zur Grundausstattung gehört, ausgeworfen hätte.

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Apps werden gerne mal als völlig neues Lese-Erlebnis angekündigt. Als neuartiger Journalismus, als Information, die man noch nie hatte. Gleichzeitig sagen die User der Reynolds-Studie in den USA, dass sie von Apps tatsächlich auch etwas Neues erwarten. Einen Mehrwert beispielsweise. Gut, was die Befragten nicht sagen ist, wie dieser Mehrwert aussehen soll. Es ist vermutlich eher ein unbestimmtes Gefühl: Nutzer haben eine Ahnung, dass dieses Tablett sehr viel mehr sein könnte als ein schnödes Lesegerät oder ein Netbook ohne Tasten. Für dieses Gerät — dass für sie für Vergnügen, Ästhetik, Vielseitigkeit steht — möchten sie die entsprechenden Inhalte. Zugegeben, das ist ein etwas unfaires Spiel, weil einem auf der anderen Seite jemand mit sehr hoher Erwartungshaltung gegenübersitzt, ohne formulieren zu können, was genau er denn gerne hätte. Man muss aber nicht mal sehr hohe Ansprüche haben, um von dem, was viele abliefern enttäuscht zu sein. Ideenlosigkeit in minimedial, es gibt kaum ein Leben jenseits der Klickstrecke.

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Das hat natürlich wieder einmal nachvollziehbare Gründe. Die man auch alle diskutieren könnte, würden sie nicht die bisherige Geschichte des digitalen Journalismus nochmal nacherzählen. Es ist wieder die selbe Zaghaftigkeit wie schon vor 15 Jahren, das gleiche Abwarten. Und wieder schafft es fast niemand, einen wirklich neuen journalistischen Ansatz zu kreieren. Und das hängt natürlich auch wieder mit einer vielerorts anzutreffen mangelnden Investitionsbereitschaft zusammen. Dem eigentlichen vermeintlichen Kerngeschäft wird nach wie vor oberste Priorität eingeräumt, mit der Konsequenz, dass die Abläufe in den nächsten Jahren ähnlich sein werden wie wir das schon beim Wechsel vom analogen in den digitalen Journalismus erbet haben: Auf den Tablets wird sich anderes etablieren. Andere Angebote, anderer Journalismus, andere Anbieter. Natürlich wissen wir jetzt noch nicht, wie diese Angebote aussehen werden, aber es wird sie geben, so wie sich auf Onlineplattformen auch andere Dinge durchgesetzt haben als die “Zeitung am Bildschirm”, von der man Ende der 90er dachte, das sei es nun. Um herauszufinden, was es sein könnte, müsste es (Achtung, Neudeutsch!) multimediale Thinktanks geben, die Ideen für einen neuen Journalismus entwickeln. Die gibt es nicht. Stattdessen gibt es Bildstrecken und Agenturvideos. Der Onlinejournalismus ist kein bisschen weiter als 2008. Und es wäre nicht verwunderlich, würde man den selben Satz in ein paar Jahren auch über die Lage auf den Tablets schreiben müssen.

2 Kommentare » | ONLINE/MULTIMEDIA

Apps: Wer macht was und wie (und warum)

6. Dezember 2011 - 17:01 Uhr

In den letzten Tagen war hier ziemlich viel von Apps die Rede, von sehr guten bis hin zu, naja, nicht so guten. Nachdem es nun auch die Kollegen aus Frankfurt in die digitale Welt geschafft haben, gibt es drüben auf der Universalcode-Seite einen kleinen Überblick, wer auf dem Tablet gerade was macht. Die Frage nach dem “warum” und ob das alles so auch zukunftsfähig ist, bleibt naturgemäß offen.

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