Archiv für Januar 2012


Das ganze Leben ist ein Klick

31. Januar 2012 - 17:01 Uhr

ARD, ZDF und die Zeitungsverlage haben eine Lösung gefunden. Zumindest sind sie auf irgendeinem Weg sich zu einigen, wie man künftig im Netz miteinander umgehen will. Kurz zusammengefasst soll das so aussehen, dass die Sender im Netz etwas weniger Text machen und sich dafür darauf konzentrieren, das zu bringen, was es im Fernsehen und im Radio sonst auch so gibt. Nämlich was zum Anschauen und was zum Hören. Die Lösung lautet also, dass man einfach die alte in die neue Medienwelt überträgt, Fernsehen ist Fernsehen und die Zeitung bleibt das tägliche Ding zum Lesen.

So weit, so gut. Man kann allerdings auch ohne juristische Kenntnisse und ohne Ahnungen, ob und wie so etwas juristisch durchgehen würde, schon jetzt absehen, was der Haken an der ganzen Sache ist: Der User wird sich dafür herzlich wenig interessieren. Weil er nicht so denkt, weil er schon Lage begriffen hat, dass die digitale Welt nicht den Prinzipien der analogen folgt und dass die Claims, die man jetzt nochmal abzustecken versucht, keine mehr sind. Niemand, wirklich niemand geht mit der Idee ins Netz: Erst schaue ich ein bisschen fern (beispielsweise bei der “Tagesschau”), danach höre ich Radio und dann lese ich noch etwas Zeitung. User, die man keineswegs für so einfältig halten darf, wie einzelne CDU-Abgeornete es tun, ticken anders. Nicht unbedingt so, als dass man sich als Inhalteanbieter darüber freuen müsste und auch nicht so, dass die ganze Geschichte dadurch einfacher wird. Aber generell denkt der User: Ich will. Jetzt, hier und sofort. Begriffe wie “umschalten”, “umblättern” und andere analoge Lustigkeiten, die wir Älteren noch kennen, sind ihm fremd. Für den digitalen Nutzer ist das ganze Leben ein Klick, das ist die einzige Kategorie und die einzige Währung, in der er denkt. Er kennt kein Programm mehr, keinen Redaktionsschluss, logischerweise auch keine Kanäle und kein Medium und keine Pause mehr, er kennt nur: jetzt und sofort. Klick.

Die Sender und die Verlage tun hingegen tun so, als könne man einfach so weitermachen wie bisher, nur eben digital und im Netz. Und werden, wenn sie sich nicht langsam ihrer neuen Umgebung anpassen, verlieren. Beide. Das Netz ist nicht Zeitung ist nicht Radio ist nicht Fernsehen. Und ja: Es überlebt auch ganz gut ohne.

3 Kommentare » | MEDIENZUKUNFT

Schneider&Raue: Wenn Blinde über Farbe schreiben

29. Januar 2012 - 17:31 Uhr

Eigentlich sind Wolf Schneider, Paul Josef Raue und noch ein paar andere Veteranen der Journalistenausbildung schuld daran, dass ich mich rund ein Jahr lang mit vielen guten und netten Kollegen an das Projekt “Universalcode” gemacht habe. Die Idee entstand beim Durch-den-Wald-Joggen, nachdem ich Tags zuvor von einem Volontär bei einem Seminar den berechtigten Hinweis erhalten hatte, es sei für junge Journalisten nicht eben einfach, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Schließlich gebe es dazu ja so gut wie keine brauchbare Literatur. Beim Joggen durch den Wald ging ich dann im Kopf mal durch, was es an Standards so gibt, wenn es um Multimedia, Online, Crossmedia, das ganze digitale Zeugs eben so geht. Und man kann es ahnen: Wäre mir wirklich viel eingefallen, gäbe es heute Universalcode nicht. Das, was mir an den Dingen einfiel, die man jungen Journalisten heute so gedankenlos hinwirft, will man ihnen Literatur empfehlen, lautet immer noch: Lies mal den Schneider. Oder die ganzen anderen.

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Schneider? Ich habe natürlich den gebührenden Respekt, den man als Journalist haben muss, habe mich aber schon immer furchtbar an dieser restlos unreflektierten Haltung gestört. Wenn Schneider das sagt, muss es ja richtig sein. Deswegen nennt man ihn gerne “Papst”. Raue ist zwar noch kein Papst, aber weil Päpste sich selten mit Priestern abgeben, müsste man Raue wenigstens als eine Art Kardinal bezeichnen. Jedenfalls sind die beiden bekannt genug, um für viele junge Journalisten immer noch als maßgeblich zu erscheinen. Zusammen haben Schneider und Raue schon vor Jahren ein “Handbuch des Journalismus” herausgebracht. Die neueste Ausgabe des Werks trägt inzwischen den Titel “Handbuch des Journalismus und des Onlinejournalismus”, was abgesehen von der etwas ungelenken Formulierung schon alleine im Titel verräterisch ist. So, als müsste man irgendwie hinzufügen, dass es da mit diesem Interdingens noch etwas gibt, was im weitesten Sinne auch noch mit Journalismus zu tun hat. Würde man Onlinejournalismus als etwas völlig Normales betrachten, es würde reichen, weiterhin von einem “Handbuch des Journalismus” zu sprechen. Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, beispielsweise ein “Handbuch des Journalismus und des Zeitungsjournalismus” zu schreiben.

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Jetzt kommt der Teil, an dem es für mich schwierig wird. Es ist an sich eher ungehörig andere zu kritisieren, wenn man selber ein Buch zu einem ähnlichen Thema herausgegeben hat. Sicher sagen kann ich nur, dass ich den gleichen Beitrag auch schreiben würde, wenn es “Universalcode” nicht gegeben hätte, alles andere überlasse ich gerne Ihrer Beurteilung. Ich würde diesen Beitrag vor allem deshalb schreiben, weil ich es für ein Unding halte, wenn der Mann, der sich so gerne unwidersprochen “Papst” nennen lässt, mit seinem Adjutanten in einem der größten deutschen Verlage ein Buch veröffentlicht, von dem es nicht weniger heißt, als dass es der Standard in der Journalistenausbildung sei. Ein Buch, in dem hoffnungslos windschiefe Berufsbilder gezeichnet werden, ein Buch, das das Internet als eher lästige Begleiterscheinung darstellt, dennoch aber natürlich auch das “Handbuch des Onlinejournalismus” genannt wird. Und vor allem: ein Buch, das gerade in diesem Bereich vor Unkenntnis, platten Klischees und – auch das – schlampiger Recherche nur so strotzt.

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Hat er (gemeint ist ein Jungjournalist) seine Ausiedlerreportage am Samstag in der Zeitung nicht unterbringen können, versucht er es am Sonntag nochmal. In der schwach besetzten Online-Redaktion dürfte er Erfolg haben. Allerdings liest kein Redakteur seinen Text. Die Chance, dass ein User kritisiert, ist höher, als dass ein Redakteur das tut. Das Netz hat eben einen großen Bauch, es verschlingt selbst Texte und Bilder, die für eine Zeitung unverdaulich sind.

Was Schneider und Raue zu Beginn ihres Kapitels “Die Online-Redaktion” schreiben, klingt auf den ersten Blick nicht mal unplausibel. Wer wollte bestreiten, dass es solche Zustände gibt? Wer wollte allerdings umgekehrt bestreiten, dass nicht oder nur flüchtig redigierte Texte auch zum Repertoire einer kleinen Lokalredaktion gehören? Oder generell (leider) zum Standard von Unternehmen, wo Journalismus eher als billiges Material zum Füllen des Platzes zwischen den Anzeigen genutzt wird?  Wenige Absätze darauf beschreiben Schneider und Raue die technischen Mängel, die in vielen Onlineredaktionen herrschen, um zu dem Schluss zu kommen: “Nicht selten arbeiten Online-Redakteure mit schwächerer Technik als ihre Leser.” Auch das mag stimmen, aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich aber auch, dass lahme Rechner und veraltete Software  keineswegs das Privileg von Onlineredaktionen sind. Mir fällt beispielsweise eine Tageszeitung im Südwesten ein, die noch immer ihre tägliche Arbeit auf Rechnern leistet, die auf Windows XP laufen. Oder eine große Tageszeitung im Süden, die mal eine Lieferung einer Agentur nicht entgegennehmen konnte, weil ihre Version der entsprechenden Software so veraltet war, dass nicht mal mehr ein Downgrade innerhalb der Agentur geholfen hätte, die Software wurde vom Hersteller nicht mehr supportet. Kurzum: Natürlich kann kann technische und personelle Mängelverwaltung in den Redaktionen gar nicht laut genug kritisieren. Ein Spezifikum des Onlinejournalismus sind sie keineswegs.

Aber sieht man von solchen Schwächen einmal ab: Um welch merkwürdige Haltung handelt es sich eigentlich, wenn zwei Journalistenausbilder jungen Journalisten die Vorzüge einer Onlineredaktion vor allem so anpreisen, als dass dort niemand gegenliest und man dort Texte, die für die hochwertige Zeitungsredaktion unverdaulich sind, irgendwie noch unterbringen kann? Online als Müllschlucker, als Resteverwerter, als Spielwiese, die Driving Range für alle, bei denen es für die journalistische Platzreife nicht ganz reicht? Doch ja, das glauben Schneider und Raue allen Ernstes – um es am Ende des Kapitels nochmal ausdrücklich zu bekräftigen (extra fett gesetzt): Wer diesen ganzen Technikkram also halbwegs beherrsche, der “hat als Anfänger große Chancen, zumal viele Zeitungsredakteure Online wenig achten und beachten”.

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Es gibt dafür sogar einen bekannten Kronzeugen: Thomas Knüwer. Knüwer? Aber ja doch. Unter dem Zwischentitel “Wie arbeitet eine Online-Redaktion” schreiben Schneider und Raue:

“Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können”, sagt Ex-Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer. Mit solch einer Arroganz urteilen Zeitungsschreiber nicht selten,  doch die Klage hat einen wahren Kern. Onliner schreiben unermüdlich Texte um, die sie als Rohfassung vom Newsdesk bekommen; sie kürzen, bearbeiten PR-Texte, indem sie zumindest die Quelle angeben; sie füllen eben das Internet und nicht selten tun sie es ohne Sinn und Verstand.”

Ob Schneider und Raue jemals eine Onlineredaktion von innen gesehen haben, mag man bezweifeln, aber man hat ja Knüwer als Kronzeugen dafür, dass Onliner oft “ohne Sinn und Verstand” das Netz vollschreiben. Und natürlich ist es restlos despektierlich, Sprachpäpsten etwas vom korrekten Zitieren zu erzählen, in diesem Fall muss es allerdings sein. Das korrekte Zitat Knüwers lautet:

 

Aber Onliner sind aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.

Ein Unterschied? Aber gewiss. Zum einen ist es etwas grundlegend anderes, ob jemand sagt, Journalisten “sind” irgendwas. Oder ob man feststellt, dass andere behaupten, der Journalist sei irgendwas. Zum anderen muss man sich das Interview in seinem Kontext durchlesen, um schnell zu merken: In diesem Gespräch werden Missstände im Onlinejournalismus kritisiert, keineswegs aber behauptet, dass Journalisten in diesen Redaktionen dumme Textschrubber seien, die ihre Arbeit ohne Sinn und Verstand ausüben. Kleinkariert? Nein. Nicht, wenn es um einen Autor geht, der seit Jahrzehnten Journalisten penible Vorträge über die richtige Verwendung der deutschen Sprache hält. Davon abgesehen, dass es einigermaßen perfide ist, einen prominenten bekennenden Verlagskritiker und praktizierenden Onliner zum Kronzeugen für die Sinn- und Hirnlosigkeit des Onlinejournalismus machen zu wollen.

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Zugegeben, natürlich ist auch der User schuld am grassierenden Online-Elend. Schneider und sein Co-Schreiber halten deswegen auch noch die folgende Zustandschreibung fest:

  • Die meisten Leser wollen gar nicht mehr lesen, sie verzweifeln vor der Masse der Informationen – und wenden sich im Internet gleich den Vergnügungen und Zerstreuungen zu, die einen Mausklick entfernt liegen.
  • Der Dialog im Internet besteht zum Großteil aus Schwachsinn und Dampfplauderei; er kostet mehr Zeit als er Gewinn bringt.
Man liest das, die Kinnlade fällt runter — und man denkt unwillkürlich an die beiden älteren Herren aus der Muppetshow. Das Stereotyp des immerwährenden Unsinns im Netz ist auch von Schneider so oft wiederholt worden, dass es ihm selbst langsam langweilig vorkommen sollte. Und wenn es nicht so unpassend wäre, man würde ihm gerne den Text von Dirk von Gehlen aus dem “Universalcode” in die Hand drücken, ihn die Funktion des “Internet als Dialogmedium” lesen lassen und ihn bitten, dann vielleicht nochmal neu nachzudenken. Wäre aber nicht nur unpassend, sondern sinnlos: Man müsste von Schneider erwarten, dass er sich ein einziges Mal in seinem Leben selbst korrigieren würde. Vorher wächst einem Onliner Hirn, bevor Schneider das tun würde.
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Wenn man ein “neues Handbuch des (Online-)Journalismus” schreiben will,  muss man sich natürlich auch zu diesem Multimedia-Gedöns äußern. Videos beispielsweise. Ob Schneider und Raue jemals eine Videokamera in der Hand hatten, weiß man nicht (vermutlich: eher nein). Bei dem überbordenden Selbstbewusstsein der beiden ist das aber kein Hinderungsgrund, sich auch über das Thema Bewegtbild im Netz auszulassen. Die beiden wissen sehr gut, welche Voraussetzungen es dafür braucht:

“Doch nebenbei ist Fernsehen im Internet (sic!) nicht zu machen. Notwendig sind eine teure Kamera nebst Mikrofon und Kopfhörer, ein Laptop mit großem Speicherplatz, ein gutes Programm zum Schneiden des Rohmaterials, Routine und viel Zeit.”

Ich weiß nicht, was ich mehr bewundern soll: die Chuzpe, über Dinge, von denen man sehr offensichtlich nichts versteht, trotzdem einfach irgendwas zu schreiben. Oder den Mut, ohne irgendeine Recherche zum Thema ein paar steile Thesen aufzustellen. Was ich sicher weiß: Wenn mir ein Student in einer Hausarbeit die Grundlagen der Videoproduktion so erklären würde, wäre er glatt durchgerauscht. Bei Schneider und Raue und rororo wird daraus ein Lehrbuch, das sich als “Standard” bezeichnet. Unnötig zu sagen, dass die Ausführungen zum Thema Podcast von ähnlich dramatischer Sachkenntnis geprägt sind.

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Ja, und irgendwann muss man auch mal was zu Blogs und Social Media und Web 2.0 schreiben, Schneider kennt sich da aus:

Frage: Herr Schneider, lesen Sie Blogs?

Wolf Schneider: Ich benutze gar keinen Computer, aber meine Frau verfolgt ein Dutzend Blogs und Twitter und druckt mir das aus. Kein Tag, an dem ich nicht mindestens zwei Blogs lese.

Der Mann, der sich also mindestens zwei Blogs und ein bisschen Twitter ausdrucken lässt, schreibt jetzt auch über Blogs und Twitter.  Und er schreibt allen Ernstes:

Blog und Twitter haben aber ebenfalls ihre Unschuld längst verloren.  Mit beiden betrieb Obama Wahlkampf bis zur letzten Minute. (…)Beide Medien eignen sich also für eine kostenlose, allgegenwärtige politische Propaganda – in einem Umfang, den die Zeitungsjournalisten ihren Lesern großenteils ersparen.

Nein, das ist nicht (mehr) überraschend. Nicht, wenn man weite Teile dieses Buchs zum Thema “Online” gelesen hat. Das wäre auch alles nicht weiter schlimm, weil jeder denken und schreiben kann, was er will und niemand gegen seinen Willen zum digital native gemacht werden darf. Das Ärgernis ist ein anderes, größeres: Das ist kein kleiner Besinnungsaufsatz, den Schneider und Raue da auf den Markt gebracht haben. Sondern ein Buch, das mit vergleichsweise hoher Auflage jungen Journalisten als Einstiegslektüre in unseren Beruf verabreicht wird. Über das nicht groß nachgedacht und das nicht hinterfragt wird, weil da doch Schneider drauf steht. Das ist fahrlässig und ärgerlich zugleich. Jungen Journalisten, die noch Jahrzehnte ihres Jobs vor sich haben, wird mit diesem Handbuch ein Berufsbild vermittelt, mit dem sie keine fünf Jahre mehr überleben können.

Und irgendwie ertappt man sich bei dem dringenden Wunsch, der Papst und sein Kardinal würden langsam in den Ruhestand treten oder aber sich wenigstens die Mühe machen, sauber zu recherchieren, ordentlich zu zitieren und künftig nur noch über Dinge zu schreiben, von denen sie wirklich etwas verstehen.

Aber für Päpste ist so etwas wie Ruhestand ja nicht vorgesehen.

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Eine kleine App-Kritik (13): Die ausgefallene tz

28. Januar 2012 - 16:42 Uhr

Hier sollte eigentlich eine kleine App-Besprechung der Münchner “tz” stehen.

Sagen kann ich Ihnen nur: Man kann sie super kaufen, die “tz”. Einzelpreis 79 Cent. Sie herunterzuladen, habe ich auch nach 10 Stunden noch nicht hingekriegt. Es ist aber auch schwer mit dem Geldverdienen im Netz.

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Hunger? Werbung!

28. Januar 2012 - 16:35 Uhr

Gesehen bei standard.at:

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Lies and let die…

26. Januar 2012 - 20:25 Uhr

Vor ein paar Jahren hat man, wenn es um den Fortbestand der gedruckten Tageszeitung geht, gerne die nachfolgende These vertreten: Es gebe da ein paar ganz wundervolle crossmediale Optionen, eigentlich sei die Tageszeitung ja wie geboren dafür. Weil die Ergänzung zwischen dem schnellen und nachrichtenorientierten Netz auf der einen und der quasi entschleunigten Zeitung auf der anderen Seite nahezu perfekt sei. Man nimmt sich nach einem hektischen Tag im Netz gerne mal die Zeitung in die Hand und liest dann all die schlauen Kommentare, Analysen und Hintergründe, die während des Tages viel zu kurz gekommen sind. Man könnte also meinen, das Netz sei der beste Grund für die Zeitung danach. Würde man dem folgen, was manche Menschen schon seit vielen Jahren fordern (nämlich: weg von der Nachicht, hin zur Geschichte) es müsste unseren Zeitungen an sich gut gehen.

Seit ein paar Jahren gibt es auch noch eine andere Theorie. Derzufolge sind es vor allem die regionalen Tageszeitungen, die mittelfristig gefährdet sind. Die großen, überregionalen Blätter sind davon weniger betroffen. Über die vermeintlichen Schwächen von Regionalblättern ist viel geredet und geschrieben worden. Naheliegend, wenn man zudem bedenkt, dass ein Blatt wie SZ in den vergangenen Jahren der negativen Auflagenentwicklung weitgehend getrotzt und in dem einen oder anderen Quartal sogar leicht zugelegt hat.

Vorbei, das alles, so wie es aussieht. Betrachtet man die Auflagenentwicklung der Tageszeitungen im letzten Quartal 2011, dann fallen zunächst zwei Dinge auf. Zum einen: Bei den Regionalzeitungen sind die größten Gewinner die mit den wenigsten Verlusten. So weit ist es inzwischen also schon, dass man sich als Sieger fühlen darf, wenn man ein bisschen weniger  verliert als die anderen. Die Verluste sind in den seltensten Fällen wirklich dramatisch, eher bewegen sich die Auflagen in einem langsamen Sinkflug. Allerdings: Dieser Sinkflug hält nun beinahe schon seit 15 Jahren an. Es gibt nicht ein einziges Indiz dafür, dass sich daran etwas ändern wird. Was das bedeutet, kann man sich leicht ausrechnen. Obwohl ich nicht daran glaube, dass die gedruckte Zeitung komplett vom Markt verschwinden wird, ebenso wenig wie gedruckte Bücher. Aber unausweichlich ist: Das gedruckte Medium wird in jeder Hinsicht weiter an Bedeutung verlieren, was viele Redaktionen in die absurde Lage versetzt, kaum etwas richtig machen zu können. Es ist das Medium, das langsam stirbt, nicht zwingend der Journalismus, die Inhalte, die gute Geschichte. Anders und salopper formuliert: Das Publikum liest die Zeitung nicht mehr, weil es eine Zeitung ist. Weil es Papier ist. Weil es das Medium ist, das seine Zeit hatte und irgendwann mal das sein wird, was die gute alte Schallplatte heute im Musikgeschäft ist. Etwas für Liebhaber und Nostalgiker, aber nichts mehr für den Massenmarkt.

Grafik/Quelle: IVW

 

Speziell für die Regionalzeitungen kommt aber neben den beschriebenen Effekten der Digitalisierung auch noch anderes hinzu: Sie werden sich einem verstärkten Wettbewerb stellen müssen. Das ist deshalb neu und ungewohnt zugleich, weil die meisten schlichtweg keine Wettbewerbssituation kennen und nie gekannt haben. Regionalzeitung, das bedeutete bisher eben immer auch: Quasi-Monopolist mit dem Stellenwert einer beinahe amtlichen Einrichtung. In einen bestehenden Markt einer Tageszeitung erfolgreich einzudringen, das galt bislang als ein weitgehend aussichtsloses Unterfangen. Das hat sich geändert, weil der Kosten- und Produktionsaufwand beispielsweise für einen Lokalblogger nicht mehr im Mindesten mit dem einer neuen Zeitung vergleichbar ist. Und, ja, auch deswegen: Das Publikum hat viele der Zeitungen in den letzten Jahrzehnten zunehmend öfter so empfunden, wie man halbamtliche Einrichtungen eben empfindet. Man nutzt sie, man braucht sie ein Stück weit auch. Aber man liebt sie dafür nicht unbedingt und die emotionale Bindung ist auch eher überschaubar. Über die vielerorts fehlenden digitalen Alternativen ist (auch auf dieser kleinen Seite) ausreichend viel geschrieben worden, als dass man das Thema noch ausführlich erläutern müsste. Was lediglich erstaunlich ist: In nicht wenigen Häusern ist man sich in den Redaktionen durchaus darüber im Klaren, dass ihre digitalen Angebote selten zukunftsweisend sind. Dagegengehalten wird trotzdem selten. Zumal — auch das muss man aus Journalistensicht durchaus einräumen — speziell bei Redaktionen der Altersschnitt gerne mal jenseits der 40 liegt. Und dass Kollegen dieses Alters nicht immer begeistert sind, sich nochmal auf völlig neue Dinge einzulassen, wer wollte das bestreiten? Ganz und gar kein Journalistenphänomen, das.

Interessant  und auch durchaus neu ist allerdings, dass auch die großen, überregionalen Blätter wie die SZ oder die FAZ inzwischen mit Auflagenschwund zu kämpfen haben. Ebenfalls: nicht dramatisch, keine Zahlen, die sofort alle Alarmglocken schrillen lassen. Aber eben doch Zahlen, die belegen, dass es auch für sie mit den Auflagen nicht mehr nach oben gehen wird, so sehr sie sich auch mühen werden. Überleben? Ja doch, mit guten Onlineangeboten, mit gutem Journalismus für Tablets, die zu den  Datenträgern und Ausspielkanälen der Zukunft werden dürften. Die Prognose sollte nicht zu gewagt sein: So, wie momentan noch in jedem gepflegten Haushalt Printerzeugnisse auf dem Wohnzimmertisch liegen, werden in zehn Jahren die elektronischen Lesegeräte Standard sein. Man kann sich dort jetzt einen guten Platz sichern, man kann es auch lassen. Erstaunlich jedenfalls ist, wie wenig Stellenwert viele Häuser diesem Markt immer noch beimessen, auch die überregionalen Zeitungen tun sich dort im Regelfall nicht durch übertriebenes Engagement hervor. Wann kommt eigentlich mal ein großes deutsches Blatt mit einem richtig großen Wurf? Bisher muss man sich ja freuen, wenn man das Attribut “solide” vergeben darf, bei manchen klugen Köpfen langt es nicht einmal dafür.

Sicher ist: Noch hätten die meisten ihr Überleben durchaus selbst in der Hand. Interessiertes Zuschauen, wie sich etwas entwickelt, hat allerdings bisher noch niemanden gerettet. Zumal sich speziell mit der Entwicklung der Tablets auch anderes gezeigt hat. Spätestens jetzt ist die Geschichte von den langen und hintergründigen Texten, die man ja doch nur gedruckt ordentlich genießen kann, eine Mär.  It´s the story, stupid.

(Dieser Beitrag ist auch deswegen entstanden, weil ich am 19.4. zu diesem Thema auf einem Panel in Hannover u.a. mit dem Vorsitzenden des BDZV, Helmut Heinen, diskutieren werde.) 

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Universalcode, das Update zwischendrin

21. Januar 2012 - 22:09 Uhr

Nein, natürlich ist das mit dem “Universalcode” noch lange nicht vorbei. Momentan gehen die Planungen für das E-Book in den Endspurt, im Frühjahr sollte es hoffentlich soweit sein. Drüben auf dem Portal hat sich auch einiges getan, die erste Auflage hat sich sehr gut angelassen — und es gibt noch die eine oder andere Kleinigkeit in der Pipeline, die aber momentan noch nicht wirklich spruchreif sind.

Und weil es ja diese hübsche Tool namens Storify gibt – gibt es hier die letzten Monate im Zeitraffer:


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Der einsame Mann in Schloss Bellevue

13. Januar 2012 - 10:40 Uhr

Man muss sich Christian Wulff als einen sehr einsamen Menschen vorstellen. Als einen, der seine letzten Tage im Schloss zubringt, der Unterstützung aus der Politik entzogen und vermutlich auch ohne Rückhalt in der Bevölkerung. Sturmreif geschossen von Journalisten, die ganz im Auftrag des Volkes jeden Tag aufs Neue Ungeheuerliches ans Tageslicht brachten. Deswegen wird es jetzt, richtig, zunehmend einsam:

Und der Vollständigkeit halber lesen wir dann noch das hier — um sicherzugehen, wie einsam der Bundespräsident inzwischen ist:

Die Mehrheit der Deutschen findet, dass die Medien den Bundespräsidenten ungerecht behandeln. In einer repräsentativen N24-Emnid-Umfrage beklagen 53 Prozent der Befragten einen “unfairen” Umgang mit Christian Wulff. Nur 42 Prozent halten die Berichterstattung in der Affäre Wulff für “fair”.

Die Medien-Schelte fällt je nach Altersgruppe sehr unterschiedlich aus. So finden sogar 63 Prozent der Jüngeren (bis 29 J.) den journalistischen Umgang mit Christian Wulff “unfair” – bei den Älteren (50+ J.) sind es nur 49 Prozent.

Angesichts der immer weiter schwelenden Affäre um den Bundespräsidenten plädieren die meisten Deutschen nun für einen Neuanfang – und zwar mit Christian Wulff. So sagen 64 Prozent der Befragten, Wulff habe eine “zweite Chance” verdient. Nur 33 Prozent wollen ihm diese “zweite Chance” verwehren.

 

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Wie Journalisten mal den Wulff retteten

12. Januar 2012 - 18:58 Uhr

Wenn Christian Wulff seinen Enkeln in 20 Jahren mal die Geschichte seiner wundersamen Rettung im Amt des Bundespräsidenten erzählen wird, dann könnte seine Erzählung damit enden: “…und stellt euch vor, gerettet haben mich die, die mich eigentlich stürzen wollten.” Und wenn die Enkel dann fragen “Die Geerkens?”, wird der Alt-Bundespräsident laut lachen, an seinem Saft nippen, den er so gerne trinkt, und sagen: “Nein, von den Journalisten.”

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Zurück im Jahr 2012 muss man erstmal feststellen, dass es eigenartige Tage sind und ein bizarres Schauspiel zudem. Journalisten versuchen sich in Machtspielen, verbeißen sich seit Tagen in Angelegenheiten, zu denen es schon seit Wochen nichts neues mehr zu berichten gibt – und lösen statt der zunächst befürchteten Staatskrise (die natürlich nie ernsthaft zur Debatte stand) eher eine Journalismuskrise aus. Kann es sein, dass das Publikum gerade genervt von uns ist? Weil es festzustellen glaubt, dass es hier inzwischen nicht mehr um die Sache, sondern ums Prinzip geht? Diejenigen, die seit Wochen die Causa Wulff immer und immer wieder am Leben zu halten versuchen, haben Wulff unter dem Strich den größtmöglichen Gefallen getan: Indem sie  die Anforderungen und die “Enthüllungen” bis ins Groteske überzeichnet haben, ist ein Solidarisierungseffekt mit Wulff entstanden, den niemand wollte – und der paradoxerweise die Argumentation des Schlossherrn stützt: Irgendwas muss aber dann auch mal wieder gut sein. In der vergangenen Woche nahm die Berichterstattung um Wulff endgültig groteske Züge an. Bettina Schausten wollte die 150-Euro-Bezahlpflicht für Übernachtungen bei Freunden einführen und der “Spiegel” zeigte sich in der jüngsten Ausgabe besonders investigativ: Der Wulff, so konnte man dem Blatt entnehmen, war schon immer so.  Bereits 2008 nämlich habe Wulff gegenüber Kindern gestanden, sich durchaus merken zu können, wenn jemand kritisch über ihn berichte. Und dass er den entsprechenden Redakteur dann schon auch mal damit konfrontiere (sowas aber auch). Die Nachricht war also, dass ein Politiker sich über schlechte Presse ärgert und dem auch mal Luft macht. Diese Meldung kann man vermutlich über ungefähr jeden Politiker in diesem Land veröffentlichen und vermutlich nimmt es nicht mal der Papst immer gelassen, wenn er unerfreuliche Dinge über sich und seine Kirche irgendwo lesen muss. Kurz gesagt: Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem alles gesagt worden ist,  nur noch nicht von jedem.

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Zu lesen war dann heute auch noch, dass sich angeblich die Kanzlerin und ihre Koalition intern Gedanken machen, wer im Fall der Rücktrittsfälle auf Wulff folgen könnte. Das kann man natürlich ebenfalls als Beleg dafür werten, wie eng es für den Bundespräsidenten werden könnte, zeigt aber auf der anderen Seite sehr hübsch, wie der (Berliner) Politikjournalismus funktioniert. Natürlich werden sie sich ihre Gedanken gemacht haben im Kanzleramt, weil man ja umgekehrt die Verrisse der Politik nicht lesen wollen würde, sollte Wulff tatsächlich zurücktreten und Frau Merkel stünde vor der Presse und würde sagen: Das überrascht mich jetzt. Über einen Nachfolger haben wir nicht eine Sekunde lang nachgedacht. Man stellt sich dann einen entrüsteten Herrn Deppendorf vor, der in den Tagesthemen die Frage stellt, ob Frau Merkel eigentlich von allen guten Geistern verlassen sei. Noch dazu, wo jetzt schon ein gewisser Karl-Georg Wellmann als erster Abgeordneter der Union den Rücktritt Wulffs gefordert hat. Man darf in dem Zusammenhang gespannt sei, ob man den Namen Karl-Georg Wellmann jemals wieder in den Schlagzeilen von Spiegel oder SZ lesen wird. Vermutlich eher: nein.  Aber wenn doch jetzt endlich mal einer aus der Union den Rücktritt fordert, darf man es bringen, selbst wenn es ein Hinterbänkler war. Zur Stunde berichtet “Spiegel Online” zudem noch, dass auch der Vorsitzende des DJV, Michael Konken, seine Teilnahme am Neujahrsempfang des Präsidenten abgesagt hat. Kann es noch klarere Anzeichen dafür geben, dass es um Wulff demnächst geschehen ist?

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Der Sache selbst (und sich selbst natürlich) haben die Dauerempörten in den Redaktionen keinen sehr großen Gefallen getan. Weil es in der Sache natürlich diskussions- und fragwürdig ist, wenn ein Bundespräsident merkwürdige Kontakte zu reichen Freunden unterhält, sich überaus günstige Kredite besorgt und Chefredakteure und Verlagsmanager anruft, um die Berichterstattung wenigstens zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Über diese Sache wird zunehmend weniger geredet, weil es irgendwann einen Solidarisierungseffekt mit jemandem gibt, der als Opfer einer Treibjagd empfunden wird. Am Ende, so schrieb Jakob Augstein heute bei “Spiegel Online”, profitieren davon die, die davon nicht profitieren sollten: die Wulffs und die Guttenbergs. Wulff ist nicht zurückgetreten und wird es allem Anschein nach auch nicht tun. Das kann man bedauern oder eben auch nicht. Einen Rücktritt brachial herbeizuführen, sollte allerdings nicht der Job von Journalisten sein.

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Funktionsmusik für Erotikfilmvorführungen in Einzelkabinen

6. Januar 2012 - 15:05 Uhr

Es gibt Einrichtungen, bei denen es sehr schwer fällt. sie zu mögen. Die GEZ ist beispielsweise so etwas. Oder die GEMA. Die musste man vor Jahrmillionen nicht kennen, weil man als Normalbürger nichts mit ihr zu tun hatte. Seit ein paar Jahren aber kommt der durchschnittliche YouTube-Nutzer in Deutschland vor allem dann mit diesem Namen in Berührung, wenn er mal wieder ein Musikvideo anschauen erfolglos ansehen will. Journalisten hatten mit der GEMA im analogen Zeitalter auch eher weniger zu tun. Seit es jedoch das Netz mit all seinen hübschen multimedialen Möglichkeiten gibt, steht man regelmäßig vor der Frage: Mensch, unter dieses Video, unter diese Audiospur etwas Musik – wäre das nicht was?

Da sei die GEMA vor! Wer etwas produziere will mit Musik, muss sich die Rechte sichern. Soweit so gut, man will ja niemanden bestehlen, als Urheber macht man das bei anderen Urhebern schon gleich gar nicht. Doch dann kommt die GEMA, der Verständnis für Nutzerfreundichkeit und Plausibilität in hartem Konkurrenzkampf mit dem der GEZ steht. Eine Frage, die man sich als juristisch nur so mittelgut bewanderter Laie stellt, ist beispielsweise die: Welche Lizenz brauche ich überhaupt wofür? Auf eine einfache Frage bzw. Stichwortsuche har die GEMA-Webseite viele Antworten parat, auf den Suchbegriff “Lizenz” beispielsweise 104:

Wir lernen dann, dass man beispielsweise für Filmvorführungen in Einzelkabinen selbstverständlich eine GEMA-Lizenz braucht die aber nicht zu verwechseln ist mit der für Erotikfilmvorführungen in Einzelkabinen, weil das nämlich ein Unterschied ist, der allerdings die Frage aufwirft, wer in Gottes Namen sich eigentlich in Einzelkabinen was anderes anschaut als Erotikfilme. Misanthropen, die die Nähe anderer nicht ertragen?

Aber egal, nachdem das für unsere Zwecke nicht in Betracht kommt, suchen wir weiter. Wir stolpern erst über die Freizeichenuntermalungsmelodien (Soundlogos und Ringback Tones) on-Demand mit Speicherung für den Endnutzer (Tarif VR-OD 6) und die Konzerte der ernsten Musik (Tarif E), ehe wir uns denken: Die Hintergrund- und Funktionsmusik für Internetseiten, das könnte es sein. Allerdings verrät uns ein erster Blick in diese Hintergrundfunktionsdingenskirchen, dass es, unbeschadet davon, ob es sich dabei überhaupt um dem richtigen Tarif handelt, schwierig werden könnte, die korrekte Anwendung und die daraus resultierenden Kosten zu berechnen. Weil:

Der Musikanteil errechnet sich aus dem Verhältnis der Anzahl der Zugriffe auf die zugänglich gemachten Werke des GEMA-Repertoires einer Internetseite zur Gesamtanzahl der Zugriffe auf sämtliche Inhalte der- selben Internetseite.

Im Hinblick auf Musikanteile über 75% wird auf Abschnitt V. 4. verwiesen.

Allerdings stellt sich dann aber raus (wenn ich das richtig verstanden habe), dass dieser Tarif nur für die Musik auf der Seite gilt, nicht aber für Filme und Audios, die man auf der Seite hat. Weil:

Diese Vergütungssätze finden keine Anwendung für die Nutzung von Werken des GEMA-Repertoires auf Internetseiten, für die eigene Vergütungssätze bestehen. Dies gilt insbesondere für Angebote im Internet, deren Zweck die entgeltliche oder unentgeltliche Übermittlung der Werke des GEMA-Repertoires an den Endnutzer ist, wie z.B. für Ruftonmelodie-, User-generated-content-Nutzungen, Freizeichenuntermalungen, Music-on-Demand, Filmvideo-on-Demand, Webradio, Web-TV und Podcasting. In diesen Fällen finden die einschlägigen Vergütungssätze Anwendung. Im Falle von Internetseiten mit Werken des GEMA-Repertoires als Hintergrund- oder Funktionsmusik mit Musikanteilen über 75% (vgl. Abschnitt I.) finden die On-Demand-Vergütungssätze Anwendung. Soweit das Angebot der Internetseite auch andere als die mit diesen Vergütungssätzen geregelte Nutzun-gen umfasst und/oder andere als die tariflich geregelten Rechte berührt, sind die betreffenden Rechte gesondert nach den einschlägigen Vergütungssätzen zu erwerben.

Schwierig, das. Auf der Webseite zu “Universalcode” habe ich diverse Videos und auch Audios, die man gemeinhin als “Podcast” bezeichnen könnte. Ist die Webseite zu Universalcode jetzt eine, deren Zweck die entgeltliche oder unentgeltliche Übermittlung des GEMA-Repertoires ist? Nö, denke ich mir, die Seite mag viele Zwecke haben, aber das GEMA-Repertoire übermitteln ist es weniger. Also, weitersuchen…

Für einen kurzen Moment glaube ich an die “Musik bei Vorführungen von Narrenvereinigungen (Tarif WR-VR-K)”, weniger hingegen an ”Musik in Spielstätten auf dem Gebiet der musikalischen Nachwuchsarbeit (Tarif WR-NWSP)”.  Musik in Verkehrsmittel? Nö, auch nicht, aber halt, das hier, das könnte was sein: Musik bei der Wiedergabe bei Bildtonträgern. Das ist es leider nicht (es bezieht sich mehr auf so Public Viewing-Zeugs), aber ich weiß jetzt, dass ich weiß jetzt, dass ich 10,50 Euro im Monat bezahlen müsste, würde ich diese Wiedergabe in einem Omnibus machen. Also, glaube ich wenigstens.

Aber man muss ihr lassen, dass sie echt kreativ ist, diese GEMA: Die Lizenz zur Wiedergabe von GEMA-Material bei Trauungen ist eine andere als bei Beerdigungen, was letztlich ja auch eine Frage des guten Geschmacks ist. Desweiteren gibt es:

  • Nutzung von Werken des GEMA-Repertoires durch Weiterübertragung von Tonträgermusik mittels einer eigenen Verteileranlage, nicht in Hotels, Pensionen, Gasthöfen, Krankenhäusern, etc. (Tarif W-T 1)
  • Nutzung von Werken des GEMA-Repertoires zur Herstellung eines Filmwerkes auf Bildtonträger für die öffentliche Vorführung außerhalb von Lichtspieltheatern und den privaten Gebrauch (Tarif VR-TH-F 2)
  • Regelmäßige Erotikfilmvorführung (Tarif T-R-E) — nicht zu Verwechseln mit der Erotikfilmvorführung in Einzelkabinen
  • Tarif der ZPÜ über die Vergütung für private Vervielfältigung für Speichermedien des Typs Audio-CD-R / -RW (Tarif Audio-CD)
  • Tarif Premium-Radio (S-VR/PHf-Pr) für die Nutzung von Werken des GEMA-Repertoires durch private Veranstalter von Premium-Radio (alle Sendearten)

Was ich eigentlich suchte? Siehe oben. Gefunden habe ich nichts, zumindest nicht in einer auch nur halbwegs angemessenen Zeit. Ich habe nicht mal im Ansatz eine echte Idee, welcher Tarif für mich in Frage käme, wenn ich ein Webvideo als freier Journalist irgendwohin verkaufen wollen würde. Und welche Lizenz ich für Universalcode bräuchte (deswegen verwende ich grundsätzlich nur GEMA-freies Zeugs).  Sollen wir was sagen dazu, wir Multimedia-Journalisten, die einfach nur eine simple Antwort auf eine simple Frage benötigen? Oder lassen wir in Sachen Komplexität dann doch das letzte Wort der GEMA, diesem irrsinnigen bürokratischen Monster, dem Zeitvernichter und Menschenindenwahnsinntreiber…(bevor Sie übrigens verzweifeln: drüben bei “Universalcode” gibt es eine feine Auflistung, wie Sie den GEMA-Irrsinn vermeiden können).

Sie müssen sich, um unsere Online-Services nutzen zu können, nur einmal auf unserer Website (hier klicken) anmelden. Nachdem Sie Ihre Registrierung abgeschickt haben, erhalten Sie eine E-Mail mit einem Sicherheitslink und der Bitte, Ihre Anmeldung per Klick zu bestätigen. Dieser Link führt Sie zurück auf unsere Website und Sie können dort Ihr Kennwort festlegen.

Wenn Sie bereits Online-Angebote der GEMA wie etwa die Werkrecherche nutzen, haben Sie eine Benutzerkennung für genau diese Anwendung erhalten. Die GEMA ist aktuell dabei, diese einzelnen Benutzerkennungen zusammenzuführen. Sobald man sich für diesen bestehenden Service auch über die ZBV anmelden kann, werden auch die Zugangsdaten zusammengeführt. Das bedeutet, Ihre alten Zugangsdaten gelten nicht mehr nur für den bestehenden Service – in unserem Beispiel die Werkrecherche –, sondern werden Ihr allgemeingültiges ZBV-Passwort.

Mit anderen Worten: Sie haben noch keine ZBV-Benutzerkennung, aber zum Beispiel eine Werkrecherche-Benutzerkennung. Dann wird diese zu Ihrem ZBV-Zugang. Wenn Sie bereits mehrere verschiedene Benutzerkennungen erhalten haben, werden Sie eine neue bekommen.

Andersherum funktioniert es genauso: Wenn Sie eine ZBV-Kennung haben, dann gilt diese auch für jeden neuen Service, der der ZBV angeschlossen wird.

Zusätzlich zu Ihrer ZBV-Kennung müssen Sie sich dennoch für jeden neuen Service, den Sie nutzen möchten, anmelden. Dies dient dem Schutz Ihrer Daten, die Sie als Mitglied oder Kunde der GEMA anvertrauen. Für bestimmte Services ist daher für beide Seiten wichtig, dass eine Prüfung und Bestätigung der Identität durch die zuständigen GEMA-Mitarbeiter vorgenommen wird.

 

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Süddeutsche.de: Einfach besser gemacht

5. Januar 2012 - 12:33 Uhr

Onlinejournalismus ist an sich eine furchtbar einfache und unkomplizierte Sache. Wie überhaupt dieses Internet eine einfache Geschichte ist. Oder vielleicht  sogar alle erfolgreichen Produkte — je einfacher, schnörkelloser und erkennbar gut sie gehalten sind, desto besser sind sie. Das Schwierige ist vermutlich, die schwierigen Dinge einfach zu machen. Diejenigen, die das können, haben in der Regel überwältigenden Erfolg, siehe Google, siehe Apple.

Speziell im Onlinejournalismus ist die Gefahr groß, dass man eine Webseite ordentlich überfrachtet. Hier noch eine Rubrik, da noch ein Kasten, darf´s eine Spalte mehr sein? Es gab da immer eine ganze Reihe von Kandidaten, süddeutsche.de war lange Zeit einer von ihnen. Ich fand es immer verblüffend, wie man bei der SZ nahezu alle Onlinechancen konsequent ignorierte und stattdessen ein Angebot hinstellte, dass einem Blatt wie der SZ kaum würdig war. Leider las es sich nicht nur schlecht, sondern war auch optisch wie eines dieser gruseligen freistehenden Einfamilienhäuser in Germering, wo man dann noch ein Erkerchen und ein Türmchen…

Süddeutsche.de hat sich in dieser Woche entschlackt. Und gezeigt, worauf es ankommt. Nämlich ein schlankes, übersichtliches Angebot zu machen, dass sich einfach nutzen lässt, in dem die Dinge da sind, wo man sie vermutet, wo die Neigung zumindest des deutschen Nutzers, einfach nur runterscrollen zu müssen, konsequent bedient wird. Es ist im Grunde nicht mehr als das, was Google auch getan hat. Du willst suchen? Hier ist das Suchfeld. Du willst Nachrichten und Geschichten? Hier sind sie. Man kann zwar durchaus bedauern, dass Nachrichtenseiten in Deutschland inzwischen häufig so aussehen wie ein Klon von “Spiegel Online”, aber das funktioniert eben; besser jedenfalls als das ganze “Zeitung-im-Internet”-Gedöns, an dem sich schon ein paar die Finger verbrannt haben. Der “Tagesspiegel” ist wieder reumütig zurück und bei der FAZ werden sie es schon auch noch lernen.

Jetzt die SZ also, deren Relaunch ohne großes Spektakel daherkommt. Das macht es aber gleichzeitig auch angenehm. Die Seite wirkt deutlich luftiger als ihre Vorgängerversionen, dazu trägt auch der entrümpelte Seitenkopf bei, der vorher ein bisschen wie ein Banner für ein Bestattungsinstitut aussah. Jetzt steht da nur noch “Süddeutsche.de” und “Neueste Nachrichten” und die Uhrzeit. So einfach sind die Dinge manchmal eben. Zuvor war da ein schwarzer Grabstein und viel unmotiviertes Grün und manchmal hat was geblinkt.

Es gibt nicht sehr viel zu mäkeln am Relaunch der SZ. Die Überschriften kommen immer noch etwas groß und klobig daher und beeinträchtigen das luftige Bild der Seite etwas. Farben für diverse Ressorts gefallen mir grundsätzlich gut, mit denen, für die sich die SZ entschieden hat, kann ich mich nur  bedingt anfreunden (aber das ist zugegeben geschmäcklerisch). Und ja, das neue “Digitalblog” ist eigentlich kein Blog geworden bisher, sondern eher eine Ansammlung von Beiträgen, von denen man bisher kaum erahnen kann, warum da “Blog” drüber steht.

Trotzdem, jetzt ist der Platz da, damit sie das können, was sie bei der SZ am besten können: gute Geschichten schreiben, mit witzigen Überschriften spielen, Themen setzen, kommentieren. Ich glaube, dass es keine Zeitung in Deutschland gibt, die dafür ein solches Potential hätte wie die SZ. Bisher haben sie das gut versteckt in Erkerchen und Türmchen, unter sinnbefreiten Klickstrecken und einer eher inkonsistenten Mischung aus irgendwas. Jetzt sieht das nach sehr ordentlichem Onlinejournalismus aus und das alleine ist ja auch schon was: Dass man jemals der SZ so etwas wie Konkurrenz- und Zukunftsfähigkeit in Sachen Internet attestieren könnte, hätte man sich vor einem Jahr auch noch nicht gedacht. Und dass mit den Farben und Schriften und den Blogs lernen sie auch noch in München, ganz sicher.

(Hinweis: sueddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger und jetzt.de-Redaktionsleiter Dirk von Gehlen haben jeweils ein Kapitel für “Universalcode” geschrieben, mit beiden verbindet mich ein tendenziell sehr freundliches Verhältnis).

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