Archiv für Februar 2012


Eine kleine App-Kritik (14): WiWo das denn jetzt?

28. Februar 2012 - 19:42 Uhr

Es hätte die erste kleine App-Kritik werden können, die mit einem Satz auskommt: Sie bekommen hier für Ihr Geld eine solide App.

Könnte jetzt hier stehen und gut ist. Tatsächlich gibt es aber zwei Dinge, die einem durch den Kopf gehen, wenn man sich die frisch auf den Markt gebrachte App der “WiWo” so anschaut. Zwei Dinge, die eher genereller Natur sind, bei denen beide Male die “WiWo” ein schönes Beispiel dafür ist, um wenigstens mal darüber zu reden (zumal ich in beiden Punkten, das gebe ich gerne vorab zu, selber etwas unsicher bin).

Punkt eins: Was muss und soll eine App können, die ein Magazin, ein Heft auf ein Tablet bringt? Ich dachte anfangs zunächst auch, es würde mir reichen, wenn ich das Ding schlichtweg am Bildschirm lesen kann, möglichst in einem Layout, das exakt dem des Hefts entspricht. Je mehr ich allerdings Apps genutzt habe, die mehr sind als eine Reproduktion des Heftes, desto mehr habe ich mich an die Möglichkeiten des multimedialen und tabletspezifischen Erzählens gewöhnt (und sie schätzen gelernt). Die “Wirtschaftswoche” macht de facto nichts von alledem, möglicherweise sogar mit Absicht. Wenn man nicht gerade die Standards wie 360-Grad-Fotos oder die eine oder andere interaktive Grafik dazu zählt, dann ist das Heft einfach das Heft hinter einer Glasplatte. Solide, ja — zukunftsweisend, innovativ, ideenreich? Leider nein. Ich bin jedenfalls gespannt, ob es bei diesem aktuellen Standard der deutschen Zeitschriften-Apps bleibt. Momentan geht meine Idee eher dahin: Es kommt irgendwann mal einer, der zeigt, wie es richtig gut gehen könnte. Wie das aussehen soll? Keine Ahnung.

Punkt zwei: Es mag Zufall gewesen sein, aber ich habe heute fast drei Stunden gebraucht, bis ich die Ausgabe überhaupt laden konnte. Bis dahin scheiterte jeder Download-Versuch. Der anschließende Download ging dann fix, dafür dauerte das Entpacken der Ausgabe eine gefühlte Ewigkeit. Ich würde gerne an Zufall oder temporären Andrang glauben, stelle aber auf der anderen Seite immer wieder in letzter Zeit fest, dass die technische Seite bei dem einen oder anderen Anbieter nur eingeschränkt gut funktioniert. Bei der FAS gab es ziemlich böse Probleme und auch meine an sich sehr geschätzte SZ hat in der letzten Zeit auffällige Macken, die letzte Woche mal darin gipfelten, dass eine Ausgabe nur über die Navigation zu lesen war. Nichts mit blättern oder wischen, nur navigieren. Ist das jetzt irgendwie normal, dass Produkte auf den Markt kommen, die technisch eher unausgereift sind?

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Der “Spiegel”: Das Sturmgeschütz des Shitstorms

26. Februar 2012 - 21:39 Uhr

Erst heute hatte ich die kurze Diskussion darüber, weshalb ich eigentlich den “Spiegel” noch abonniert habe. Ich hatte das auch für mich selbst mit einem irgendwie verhuschten “berufliche Gründe” begründet, habe dann aber nach der heutigen Ausgabe und insbesondere einer speziellen Geschichte diese Frage noch viel weniger für mich beantworten können.

Am “Spiegel” habe ich immer die durchaus konfrontative Art gemocht. Am “Spiegel” konnte man sich wunderbar reiben und man konnte auch mal völlig gegenteiliger Ansicht sein, meistens aber hatte man nach Lesen eines Hefts das Gefühl, dass hier Journalismus im besten Sinne gemacht wurde. Sehr fakten- und eben durchaus auch meinungsstark. Inzwischen ist in vielen Fällen leider nur noch meinungsstark als Attribut übrig geblieben.

Irgendjemand beim “Spiegel” mag anscheinend Dagmar Wöhrl nicht. Dagmar Wöhrl ist eine CSU-Politikerin, die vor ewigen Zeiten mal Miss Germany war, weswegen viele Autoren und natürlich auch der “Spiegel” nicht müde werden, darauf hinzuweisen, es handle sich bei Frau Wöhrl um eine ehemalige Schönheitskönigin. Unlängst war Dagmar Wöhrl in einer Reisegruppe mit dem Entwicklungsminister Niebel nach Myanmar und Laos unterwegs und leistete sich dabei lt. “Spiegel” vom 18. Februar eine Ungeheuerlichkeit: In Myanmar wollte die Abgeordnete bei einer einheimischen Händlerin etwas kaufen. Da sie (ganz die reiche Unternehmergattin eben) nur einen 100-Dollar-Schein mit sich trug, so der “Spiegel”, habe sie publikumswirksam gefragt, ob den jemand wechseln könne. Schließlich hatte sie dort eine 2-Dollar-Tasche im Stile einer imperialistischen Machtpolitikerin gönnerhaft bezahlt und so für (Spiegel) “Fremdschämen in Myanmar” gesorgt.

Unbeschadet ihres Wahrheitsgehalts könnte man sich fragen: Was hat eine solche Geschichte im “Sturmgeschütz der Demokratie” verloren? Für die Nachrichtenmagaziner aus Hamburg stellte sich die Frage anscheinend nicht, im Gegenteil. Im Sinne der Pflege des Investigativjournalismus berichtet das Blatt in seiner morgigen Ausgabe gleich nochmal über die Ungeheuerlichkeiten der Frau Wöhrl. Dabei stellten sich angeblich weitere unfassbare Verfehlungen heraus: Frau Wöhrl war angeblich schon bei der Ankunft verärgert, dass im Reiseprogramm keine Shoppingtour vorgesehen war (die sie später dann angeblich auf eigene Faust nachholte). Sie wollte angeblich partout neben dem Minister sitzen, obwohl da doch eigentlich der Botschafter sitzen sollte. Als ihr der Wunsch nicht gewährt wurde, “fummelte die Ausschussvorsitzende (Wöhrl) den Rest des Abends meist an ihrem Handy rum, statt sich mit ihrem laotischen Tischnachbarn zu unterhalten”. Natürlich darf in der länglichen Schilderung von Ralf Neukirch auch die schon eine Woche zuvor gebrachte Geschichte von dem 100-Dollar-Schein, mit dem sie angeblich “vor den Einheimischen  herumwedelte”, nicht fehlen.

Klar, dass ein solcher Elefant im Porzellanladen es nicht dabei einfach belässt. Angesprochen auf das “strahlende Äußere” der Friedensnobelpreisträgerin San Suu Kyi sagte Wöhrl laut “Spiegel” nur, die Frau habe “schließlich jahrelang keinen Stress gehabt”. Eine ziemlich unpassende Bemerkung, wenn man bedenkt, dass Suu Kyi 15 Jahre im Hausarrest verbracht hat.

Das wäre tatsächlich erstaunlich. Ich kenne Dagmar Wöhrl zwar nicht — aber kann es wirklich sein, dass eine Politikerin auf einer sensiblen Reise vorgeht wie der hinterletzte Trampel aus dem Bayerischen Wald?  Frau Wöhrl dementiert das heftig. Dem “Spiegel” antwortete sie auf dessen Anfrage:

Ich habe im Laufe der Reise zahlreiche Gespräche mit Journalisten, Kollegen und Mitarbeitern der Botschaft geführt, sodass ich mich an den genauen Wortlaut dieses Gespräches nicht mehr erinnern kann. Was ich in mehreren Gesprächen über Aung San Suu Kyi zum Ausdruck bringen wollte, war, dass die Friedensnobelpreisträgerin eine sehr starke Frau ist, der man die 20 Jahre Hausarrest und die auch damit verbundenen physischen und psychischen Qualen nicht ansieht. Dies war durchweg positiv und als besondere Wertschätzung gemeint. Falls meine Wortwahl dies aber nicht so zum Ausdruck gebracht haben sollte, tut mir dies von Herzen leid. Nichts liegt mir ferner, als die durch ihre Standhaftigkeit gebrachten Opfer und Entbehrungen, schmälern zu wollen.

Der “Spiegel” gibt diese Antwort in seinem Text allerdings nicht wieder. Stattdessen schreibt man dort nur:

“Und an Ihre Aussagen zu Aung San Suu Kyi erinnere sie sich nicht mehr im Einzelnen. Sie seien aber “durchweg positiv und als besondere Wertschätzung gemeint” gewesen.

Ist das nicht interessant? Frau Wöhrl dementiert explizit, sich abschätzig geäußert zu haben — und der “Spiegel” macht daraus, sie wisse nicht mehr so genau, was sie gesagt habe? Man sollte sich übrigens überhaupt mal die Mühe machen, die Antworten, die Frau Wöhrl dem “Spiegel” gegeben hat, genau durchzulesen. Man kann das glauben, muss es aber nicht. Sicher ist nur: Es ist journalistisch ziemlich fragwürdig, wenn man jemanden auf drei Seiten mit Vorwürfen überzieht und ihn dann mit seinen Erwiderungen erstens nur ausgesprochen kurz und zweitens auch noch sinnentstellend wiedergibt. Noch ein Beispiel gefällig? Der “Spiegel” schreibt als Wöhrl-Stellungnahme lediglich “Für das Einkaufen habe sie nur 25 Minuten Zeit gehabt” (und verstärkt damit auch noch den Eindruck der lamentierenden Zicke). Die vollständige Antwort der Abgeordneten lautete aber so:

Es stimmt, dass ich mich darüber hinaus für ca. 25 Minuten in der nächsten Umgebung des Hotels nach kleinen Mitbringsel umgeschaut habe, wie ich dies üblicherweise u.a. für meine Mitarbeiter, die meine Reisen inhaltlich und organisatorisch vorbereiten, tue. Da die Zeit extrem kurz war, war ich froh, dass mich der Lebenspartner des deutschen Botschafters kurz begleitet hat. Ein weiterer Grund für meine Besorgungen war, dass ich meinem Bundestagskollegen Koppelin meine gesamten Erkältungsmedikamente gegeben hatte. Da ich nun selbst erkrankt war, habe ich in einer Apotheke Medikamente gegen meine Halsschmerzen erworben.

***

Warum diese kleine Geschichte so ausführlich hier erzählen? Ein Skandal wird daraus nicht mehr werden, nicht mal der strengste Wöhrl-Gegner könnte aus diesen Bagatellen irgendetwas von Relevanz ableiten. Es gibt mehreres, was so bezeichnend ist.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wunderten wir uns über die Diskrepanz in der Wahrnehmung der ganz normalen Leser/User über die Wulff-Berichterstattung. Hetzjagd? Von uns Journalisten? Nicht, dass wir uns falsch verstehen, in der Konsequenz war Wulff untragbar geworden. Unbestritten ist dennoch, dass in der Causa Wulff Bobbycar- und andere Geschichten aufgetischt wurden, die zu einer wirklichen Klärung der Sache nichts mehr beitrugen (ob man, wie heute im “Spiegel” geschehen, den Kontostand Wulffs aus dem Jahr 2008 veröffentlichen muss, würde ich auch noch bezweifeln). Natürlich würde man seine eigene Zunft gerne verteidigen, aber wie soll das gehen, wenn Geschichten wie diese Wöhrl-Sache erscheinen, wo man den Eindruck nicht los wird, da könnte noch irgendjemand eine alte Rechnung offen haben? Und wieso zur Hölle muss man eigentlich bei einer solchen Geschichte noch erwähnen, dass Dagmar Wöhrl in den frühen 70er-Jahren mal in einer Sex-Klamotte namens “Die Stoßburg” mitgespielt hat? Gibt es dafür einen anderen Grund, als sie als irgendwie ein bisschen doof darzustellen?

Es geht aber auch um Journalismus, der sich auch und gerade nach der Wulff-Sache ganz besonderen Ansprüchen stellen müsste. Es ist kontraproduktiv und leider bezeichnend, was der “Spiegel” da gemacht hat. Man haut irgendjemanden in die Pfanne, um ihn in die Pfanne zu hauen. Man lässt die wesentlichen Aussagen der Gegenseite kurzerhand mal weg oder redigiert sie sich so hin, wie man es gerade gerne hätte. Und ja, auch das: Man stolpert geradewegs in die inhaltliche Irrelevanz. Selbst wenn Frau Wöhrl all das gemacht hätte, was der “Spiegel” schreibt: Ist das jetzt schon zwei Erwähnungen in zwei Wochen wert? (Und brauche ich jetzt mein Spiegel-Abo wirklich noch?)

Ja, man fördert damit auch Politikverdrossenheit. Was aber noch viel schlimmer ist, zumindest aus unserer Sicht: Der Spiegel als Sturmgeschütz des Mini-Shitstorms, das fördert auch Journalismusverdrossenheit.

  • Die Anfrage des “Spiegel findet sich hier, Frau Wöhrls Antwort hier.

 

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Gauck mal, wer da spricht

26. Februar 2012 - 12:39 Uhr

Es gibt ja Menschen, die immer dann, wenn sie länger nicht gebloggt haben, lauthals verkünden, dass sie ja auch noch glänzend bezahlte andere Jobs haben. Den Joker würde ich jetzt gerne auch ziehen, wenn es nicht so (Achtung: ein Gauck-Zitat!) unsäglich albern wäre, wenn wir Blogger darauf verweisen, fürs Schreiben von anderen gelegentlich auch bezahlt zu werden. Ja, was denn sonst?  Also, kurz gesagt, ich war etwas beschäftigt diese Woche und hatte schlichtweg keine Zeit, um diese kleine Seite zu bestücken.

Als Ersatz würde ich Ihnen gerne den Online-Talk am Samstag bei DRadio Wissen anbieten, bei dem ich über diese ganze Gauck-Netzgemeinde-Geschichte mitdebattiert habe. Und ein paar Sätze, die ich in der Bloggerkolumne des “Tagesspiegel” zur Thematik geschrieben habe.

Zumindest hat mir eines in dieser durchaus turbulenten Woche gedämmert: Es ist inzwischen zu einem journalistischem Standard geworden, bei brisanten Themen mal eben nachzuschauen, was “das Netz” so schreibt. Das ist naturgemäß etwas schwierig, weil die eine, alles zusammenfassende Netzmeinung gar nicht existiert. Dass  es aber neben der ritualisierten Presseschau inzwischen auch so was wie eine “Netzschau” gibt, zeugt von einer gewissen Lernfähigkeit. Und natürlich der Tatsache, dass man am Netz nicht mehr vorbeikommt, so oder so nicht.

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Der Lokaljournalismus sagt beim Abschied leise “Servus”

16. Februar 2012 - 19:48 Uhr

Eine dieser neuen hypergehypten Hyperlokalseiten macht gerade mal nach einem Jahr wieder zu. Das könnte man als Vertreter eines eher konventionellen Lokaljournalismus — vor allem natürlich als Lokalzeitung — wunderbar als Grund nehmen, um zu sagen: Seht her, sagen wir es euch doch dauernd, die gute alte Zeitung ist dann vor Ort eben doch nicht zu ersetzen mit ein bisschen Onlinekram. Doch das ziemlich schnelle Sterben des Passauer Projekts “Lokalnews.de” ist kurioserweise ein Beleg für genau das Gegenteil…

“Lokalnews” startete vor rund einem Jahr in Passau und war ähnlich unentschlossen wie sein englischdeutscher Name: Auf der einen Seite wollte man eine hyperlokale Alternative zur selten guten, aber meistens richtig alten Passauer Neuen Presse sein. Auf der anderen Seite ließ man sich — wenn auch über Umwege — genau von dieser PNP finanzieren und machte eine Seite, die oft so aussah, als wenn sie die PNP bestellt hätte. Jung äußerlich, aber uralt innendrin, so hat der wunderbare Georg Ringsgwandl ein solches Phänomen (in einem anderen Kontext) mal beschrieben. Soll heißen: Klar sahen die Lokalnews irgendwie ein bisschen frischer und jünger aus als die PNP, aber innendrin war es die gleiche alte, langweilige Melange. Die hippen und wenigstens nach außen konzernunabhängigen Onliner machten genau diesen Journalismus, mit dem viele Lokalredaktionen seit etlichen Jahren zuverlässig jedes Publikum ins Wachkoma schreiben: viel von diesem Kram, den eine lokale Agenda vermeintlich vorgibt, irgendwelche Rathausnachrichten, die halt dann Rathausnews heißen, trotzdem aber Sachen verlautbaren, für die sich der durchschnittliche Bewohner einer Stadt schlichtweg nicht interessiert. Kalendergetriebenes Memorieren von irgendwas, aktuell beispielsweise, dass vor 83 Jahren die erste Passauer Buslinie in Betrieb genommen wurde oder vor 41 Jahren das Passauer Kinderheim umbenannt wurde und seinen heutigen Namen erhielt. Polizeiberichte, die Ankündigung, dass Heino demnächst in der Gegend singt und Hansi Hinterseer es schon getan hat — das alles könnte in seiner ganzen öden Routiniertheit auch im Lokalteil der PNP stehen. Und weil es das meistens auch tut, hat Lokalnews es während seines gesamten Bestehens nicht geschafft, die eine und alles entscheidende Frage zu beantworten: Warum soll ich dieses hyperlokale Onlinedings lesen, wenn es gar keinen Unterschied zu dem lokalen gedruckten Ding gibt? Nur weil Internet drauf steht und das Ganze optisch ein kleines bisschen hipper aussieht als die Lokalzeitung liest noch kein Mensch das Internetdings. In Zahlen: Laut Webseite brachte es der meistgeklickte Beitrag bei den Lokalnews auf gerade mal 1400 Leser, der meistkommentierte Beitrag ist bezeichnenderweise die Meldung “In eigener Sache”, dass man den Laden wieder dicht macht. Sechs Kommentare. Wenn die Macher der Seite einen Beleg gebraucht hätten, dass den allermeisten ihr Projekt völlig wurscht ist, hätten sie ihn hier bekommen.

Das muss nicht unbedingt eine gute Nachricht für die lokalen Platzhirschen sein, nicht in Passau und nicht anderswo. Weil das Scheitern der “Lokalnews” zeigt, dass es nicht einfach nur um die Frage Print oder Online geht. Sondern eher darum, ob Journalisten speziell im Lokalen es schaffen, aus dem routinierten Am-Leser-Vorbeischreiben herauszukommen. Es ist zur bequemen Standardausrede geworden, über das böse, böse Internet zu jammern und es für jedes einzelne verlorene Exemplar verantwortlich zu machen. Dabei geht es vor allem für die regionalen Blätter seit einer Zeit bergab, als vom Internet noch nicht mal im Ansatz die Rede war. Zu sinken begannen die Auflagen der Tageszeitungen schon in der Mitte der 80er Jahre. Dass sie Mitte der 90er Jahre noch einmal erheblich anstieg, war ein Sondereffekt der Wiedervereinigung — rechnet man diese Delle heraus, dann haben es die deutschen Tageszeitungen seit 25 Jahren mit leichten, aber beständigen Rückgängen zu tun. Über die diversen Gründe dafür kann man sich lange streiten. Einer dafür ist aber ganz sicher: ein Inhalt, der vielerorts mit dem Leben des Lesers nichts mehr zu tun hat. Inhalte, die man schon in den Zeiten der nicht vorhandenen Medienvielfalt eher ertragen als gemocht hat. Inhalte, die vielleicht Journalisten, Lokalpolitikern und Schreibtischhengsten in Behörden gefallen haben. Aber sonst auch niemanden. Nebenher fällt mir ein, dass ich beispielsweise heute in einem Lokalteil für das niederbayerische Vilsbiburg einen unfassbar langweiligen 150-Zeiler über die Sorgen des Krankenhauses Vilsbiburg gelesen habe. Da ging es ziemlich lang und breit um irgendwelche Abrechnungsverfahren mit den Versicherungen und darum, dass die Techniker Krankenkasse dem Krankenhaus Vilsbiburg letztes Jahr einen hübschen Preis verliehen hat. Die Geschäftsführerin des Krankenhauses wird sich über die nette Geschichte sehr gefreut haben, bei allen anderen Lesern lag die frühzeitige Abbruchquote vermutlich bei 95 Prozent. Dumm nur, dass eine solche Geschichte in vielen Lokalen nicht mal negativ auffallen würde.

Was könnte man also aus dem frühen Scheitern des Passauer Online-Lokal-Projekts lernen? Dass man endlich anfange müsste, ordentlichen, interessanten, lebensnahen, engagierten (Lokal-)Journalismus zu machen, damit sich die Leser nicht mehr abwenden.  Dass man alle Jahrestags-Kalender und Einladungsmappen am besten weit wegräumt. Dass man sich eventuell auch mal fragen sollte, wen dieses Thema jetzt überhaupt interessieren soll (die Beantwortung dieser Frage hätte den Krankenhaus-150-Zeiler sicher verhindert).

Und dass man es sich mit dem Onlinebashing etwas arg einfach macht. Wenn einem auch online die lokalen Leser wegbleiben, dann stimmen die Geschichten nicht. Wenigstens für diese Erkenntnis müsste man den “Lokalnews” fast schon wieder dankbar sein.

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Universalcode – das E-Book

9. Februar 2012 - 11:38 Uhr

Wenn ich ehrlich bin: Ich hatte die Entwicklung des Themas E-Books als langsamer eingeschätzt. Aber nachdem nun die Fragen, wann es “Universalocde” auch elektronisch gibt, immer drängender wurden, habe ich meine Meinung revidiert und mich ein wenig dahintergeklemmt. Deswegen an dieser Stelle und unter dem winzigen Vorbehalt, dass man ja nie weiß, wie etwas funktioniert, die Mitteilung: Ende März/Anfang April gibt es das Buch als E-Book.  Am schnellsten dürfte es bei Amazon und bei Apple verfügbar sein, alle anderen gängigen Shops werden aber ebenfalls beliefert.

Und wir wollen natürlich auch ein Zeichen setzen: Das E-Book wird spürbar billiger sein als die gedruckte Ausgabe. Genauer Preis und genaues Erscheinungsdatum kommen so schnell wie möglich an dieser Stelle.

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Kein Preis für Onliner: Viel Feind, wenig Ehre

8. Februar 2012 - 14:26 Uhr

Was macht eigentlich spezifischen und guten Online-Journalismus aus? Keine Sorge, es geht jetzt nicht schon wieder um Schneider/Raue, sondern um eine grundsätzliche Frage. Die sich deshalb stellt, weil die Jury des CNN-Awards für junge Journalisten inzwischen die Nominierungen für 2012 bekannt gegeben hat — und auf eine Nominierung in der Kategorie Online verzichtet. Bevor Sie jetzt draufschlagen und sagen, man habe das ja schon immer gewusst, wie mies die Qualität der Beiträge im Netz ist: Das was gar nicht die Begründung der Jury. Stefan Plöchinger als Chefredakteur von süddeutsche.de und Jurymitglied hat eine andere Begründung formuliert: Es fehlt überall noch an den spezifischen Erzählformen, die das Netz möglich macht (Plöchinger nimmt von dieser Kritik ausdrücklich niemanden aus). Tatsächlich scheint das das eigentliche Problem beim Journalismus im digitalen Zeitalter zu sein. Wie bekommt man es hin, eine Geschichte wirklich vernetzt zu erzählen? Über verschiedene Kanäle hinweg, multimedial, interaktiv, dazu noch das Netz als wirkliches Dialog-Medium genutzt – was sich in der Theorie so simpel anhört, ist in der Praxis immer noch enorm schwierig.

Man kommt dann aber sich wieder irgendwann zu dem mangelnden Stellenwert, den Online immer noch in vielen Häusern hat. Würde man die unzählig vielen Optionen, die es im Netz gibt, tatsächlich nutzen wollen, man bräuchte neben ein paar klugen Gedanken und ordentlichen Planungen auch anderes. Personal, Equipment und enorm viel Zeit. Wenn man also tatsächlich die momentan anscheinend unvermeidliche Manöverkritik am Zustand des Onlinejournalismus führen wollte, man müsste anderswo ansetzen als bei der Klage darüber, dass Onliner nur als Textschrubber gesehen werden. Sondern bei der Tatsache, dass sich die allerwenigsten wirkliche Gedanken darum machen, was Onlinejournalismus überhaupt sein könnte. Ich würde eine Wette darauf eingehen: Sieht man von ein paar großen und etablierten Redaktionen ab, nur die Wenigsten könnten überhaupt eine stimmige Erklärung vorbringen, was Onlinejournalismus für sie bedeutet. Manchmal nimmt das absurde Züge an, nämlich dann, wenn man zwar nicht wenig Geld zur Verfügung stellt, sich aber trotzdem über die Möglichkeiten keine Gedanken macht. Ich habe einmal die Situation erlebt, dass eine ganze Redaktion mit Premiere Pro für den Videoschnitt ausgestattet war, die Kollegen dort aber weder mit Kameras noch mit handwerklichen Grundlagen vertraut waren. Und dass man aus einem Video auch ganz was anderes machen kann, als den gebauten Beitrag oder den Aufsager, ist dort auch noch nie besprochen worden.

Nein, ich weiß auch nicht, woran das liegt. Wahrscheinlich gibt es eine ganze Reihe von Gründen, darüber würde ich nicht spekulieren wollen. Sicher aber ist: So lange wir gar nicht wissen, was wir vom Onlinejournalismus wollen und was man mit ihm machen könnte, solange wird es auch keinen guten Onlinejournalismus auf breiter Front geben.

Gar keine schlechte Idee also, in dieser Kategorie keinen Preis zu vergeben. Ob das auf der anderen Seite irgendwas bringt, sei dahingestellt. Man muss befürchten, dass der fehlende Preis für viele einfach nur die Bestätigung existierender Urteile über den Onlinejournalismus ist.

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Der Papst übt zitieren

4. Februar 2012 - 22:28 Uhr

Onlineredakteure, die “dummen Textschrubber”? Im Schneider/Raue-Handbuch zum (Online-)Journalismus wird Thomas Knüwer so zitiert. Dieses Zitat war, nun ja, zumindest stark verfremdet — und wird in der nächsten Ausgabe auch nicht mehr auftauchen. Knüwer setzte inzwischen beim rororo-Verlag durch, dass online eine Korrektur vorgenommen und das Zitat in der (zu befürchtenden) nächsten Ausgabe in dieser Form nicht mehr verwendet wird.

So viel zum Thema “Ein Sprachpapst übt das richtige Zitieren”.

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Wolf Heveling und Ansgar Schneider: Tiraden der Brüder im Geiste

1. Februar 2012 - 16:55 Uhr

Soviel wissen wir jetzt also: Zwischen Bloggern und Journalisten herrscht “Krieg”. Wer sich exponiert im Netz bewegt, ist eine “Knallcharge”.  Das Netz bzw. die dort herrschende Netzgemeinde steht kurz vor der finalen Niederlage. Es wird viel Blut geflossen sein, aber am Ende wird das Gute, das Edle, das Hochwertige siegen. Dass ich mal eine derart flache Bilanz einer Diskussion aufschreiben müsste, hätte ich mir auch nicht gedacht. Dass diese flache Bilanz im Jahr 2012 zum Thema Digitalisierung/Neue Medien so ausfallen würde, noch sehr viel weniger.  Im Jahr 15 der digitalen Revolution tobt auf einmal wieder Schlachtenlärm, wabern Rauchschwaden über das virtuelle Kampfgebiet – und kommen auf einmal wieder all jene aus ihren Löchern, von denen man gedacht hatte, sie hätten es aufgegeben. Der Ton ist also eindeutig rückwärtsgewendet, die Fronten sind wieder die, die wir schon 1998 hatten. Ist es Zufall, dass Heveling, Schneider und Hanfeld auf einmal wieder mit einer durch nichts begründeten Selbstgewissheit hinstellen und der digitalen Welt erzählen, wie plump und dumm sie ist? Und versteht nebenher eigentlich irgendjemand, wieso die Dinos immer so tun, als stünde der Untergang des Abendlands unmittelbar bevor?

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Die Unterschiede zwischen Heveling, Schneider und Hanfeld sind nicht sehr groß, weswegen man vermutlich von einem Kulturkampf sprechen muss. Die Argumente ähneln sich, die Geisteshaltung auch, ganz gleich, ob wir von Journalismus, Büchern oder Musik sprechen. Die Lordsiegelbewawhrer, die Gegner des Umbruchs, die Erzkonservativen wollen letztendlich nur eines: Es soll alles bleiben wie es ist. Sie übersehen geflissentlich, dass schon lange nichts mehr so ist wie es war. Sie verweigern sich jeglicher Debatte, erklären sich selbst für überlegen und drangsalieren die andere Seite nicht mit Argumenten, sondern mit Tiraden. Weil ihnen das Neue Angst macht, weil sie es nicht begreifen, weil sie zu bequem und  nicht  in der Lage sind, sich zu ändern bzw. die Veränderungen konstruktiv zu begleiten. Deswegen werden sie destruktiv, pathetisch, formulieren krude Kampfansagen oder Verschwörungstheorien nahe der Peinlichkeitsschwelle.

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Wolf Schneider und Ansgar Heveling kennen sich vielleicht nicht persönlich, müssten sich aber sympathisch sein. Es ist verblüffend, wie ähnlich sie sich in ihren nicht vorhandenen Argumentationen sind. Der eine schwadroniert über eine Netzgemeinde, deren Niederlage unausweichlich und am Horizont deutlich sichtbar ist. Schneider hält Blogger generell für geschwätzig und das Netz als solches für einen Ort, an dem ohne Sinn und Verstand gefaselt wird. Beide argumentieren deswegen nicht, weil sie es nicht können. Es gibt keine Zahlen, keine Belege, man sagt einfach mal so etwas dahin und glaubt, das müsse reichen. Sie machen genau das, was sie in ihren Untergangsvisionen der digitalen Welt vorwerfen: plappern und provozieren ohne nachzudenken. Hevelings krudes Gestammel entlarvt sich schon alleine dadurch, weil man jemandem, der offenbar die Kombination aus Vor- und Nachnamen als Zugangsdaten für seine Accounts verwendet, nicht sehr viel Kompetenz zum Thema Netz zubilligen sollte. Dementsprechend liest sich sein Text wie etwas, was jemand mit seinem Vornamen als Passwort so schreibt. Schneider wiederum weiß sehr genau, was im Netz vor sich geht obwohl er nach eigener Aussage nicht mal einen Computer benutzt. Was also soll man jemandem abnehmen, der das, worüber er schwadroniert, nicht mal kennt?

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Aber es herrscht ja jetzt eh Krieg, eine Art Kulturkampf. Ich hatte eigentlich gedacht, dass wir diese Zeit hinter uns gelassen hätten und dass wir vielleicht unterschiedliche Auffassungen vertreten. Nicht erwarten musste man dagegen diese radikalaggressive Form, in der die Dinos jetzt noch mal zurückbeißen (es dürfte aber, um es mit Ansgar Dinsgenskirchen zu halten, das letzte Mal sein). Bei Heveling fließt Blut, Schneider erklärt gewohnt selbstverliebt alle anderen für dumm und sich für einzigartig. Und dann gibt es ja noch den FAZ-Hanfeld, der immer dann rot sieht, wenn es um neue Medien geht und auch dann rot sieht, wenn es um öffentlich-rechtliches Fernsehen geht (in der FAZ vertrat er mal die abenteuerliche These, ARD und ZDF bedrohten durch ihre Online-Aktivitäten die freie Presse in Deutschland). Wenn also dann die Schlagworte “öffentlich-rechtlich” und “Web 2.0″ gemeinsam auftauchen, sieht Hanfeld zwangsweise dunkelrot. Deswegen mokiert er sich über Mario Sixtus als jemanden, der sich seine Sichtweise durch seinen öffentlich-rechtlichen Sold finanzieren lässt. Sixtus und Knüwer und all die anderen, die wir uns im Web tummeln und mit den Hevelings-Hanfelds-Schneiders einer untergehenden analogen Welt nicht ganz konform gehen, nennt Hanfeld “Knallchargen”, was man schon machen kann, wenn man es lustig findet. Abgesehen davon, dass das aber nur so mittellustig ist, erstaunt auch hier die Aggressivität und der latent feindselige Unterton. Ansonsten ist Hanfelds Argumentation ähnlich dürftig wie die seiner Brüder im Geiste: Die “Netzgemeinde” habe so reagiert, wie es zu erwarten gewesen sei. Was beweise, so Hanfeld, dass Hevelings kleines Pamplet seine Berechtigung gehabt habe. Ach, Hanfeld, was soll ich Ihnen sagen? Sie haben so geschrieben, wie ich es von Ihnen und der FAZ erwartet habe. Merken Sie was?

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Es läuft ja dann im Endeffekt doch immer auf das gleiche raus: Angst vor etwas Neuem. Das Neue nicht wirklich begreifen. Der feste Glaube daran, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Störrisches Festhalten an vermeintlich Bewährtem. Wären Schneider und Hanfeld Politiker (Heveling ist ja angeblich schon einer), sie würden beide zu diesen in letzter Zeit so ungeheuer populären “Es-gibt-keine-Alternative”-Argumenten greifen. Es gibt keine Alternative zum tradierten Mediensystem, zum Leitmedium FAZ, zum Steinzeit-Journalismus aus den Zeiten des schwarzweiß-Fernsehens. Und es gibt natürlich keine Alternative zu Wolf Schneider, Blogger haben demnächst ohnehin keine Relevanz mehr (reden sich Heveling und Schneider gemeinsam ein). Es ist ein Pfeifen im Wald, das ihnen ihre größte Angst nehmen soll: Plötzlich an der Bedeutung zu verlieren, an der sie sich über mehr oder minder viele Jahre hinweg berauscht haben. Schneider glaubt immer noch, niemand sei so präsent und großartig wie er selbst, Hanfeld glaubt, nur die FAZ betreibe den echten Journalismus und Heveling glaubt, er sei Kermit (in Wirklichkeit weiß ich nicht, was Eveling glaubt).

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Krieg, Kulturkampf? Wenn ja: Die analoge Welt hat ihren verloren und sie weiß es auch. Die Tatsache, dass sie auf keinen einzigen Kritik- oder Diskussionspunkt wirklich eingeht, beweist das nur zu gut. Heveling sagt: Ha,und ich hatte doch recht. Hanfeld sekundiert ihm. Und Schneider fällt nicht mehr ein als eine krude Verschwörungstheorie aufzustellen, wonach ihm lediglich “Altlinke” und irgendwelche an der Nannen-Schule durchgefallene gescheiterte Existenzen Böses wollten. Wäre Schneider nicht immer selbstverliebt bis an die Schmerzgrenze, man müsste es tragisch nennen, dass ein verdienter Journalist in seiner Wagenburg sitzt, sich umzingelt sieht von Feinden und Neidern und nichts besseres mehr weiß als darauf hinzuweisen, dass er immer noch der einzigartige Erfahrene und Populäre sei. Allerdings: Mit Menschen wie Schneider, Heveling und Hanfeld muss man nun wirklich kein Mitleid haben. In ihrer Liebe zu sich selbst und in ihren festen Überzeugungen sind sie sich selbst genug. Uns Knallchargen und geschwätzige Blogger sollte das im Angesicht unserer drohenden Niederlage nicht weiter berühren.

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