Mein Kropf gehört mir

Ich  bin Urheber. Und mein Kopf gehört mir. Bevor jetzt jemand beim “Handelsblatt” jubiliert: Nein, die Konsequenz aus dieser dann doch eher banalen Feststellung ist nicht meine Zustimmung zur Anti-Irgendwas-Kampagne, sondern eine weitere banale Feststellung: Es ging mir noch nie so gut wie seit dem Tag, als ich das, was jetzt dort als rasend neue Erkenntnis verkauft wird, für mich selber begriffen habe. Weil meine Konsequenz daraus nicht war, für eine Beibehaltung der Verwerterrechte zu trommeln, sondern mein eigenes Ding zu machen.

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Den einen oder anderen habe ich vermutlich in den letzten eineinhalb Jahren ein bisschen gequält mit diesem Projekt namens “Universalcode”. Aber aus diesem Projekt heraus habe ich die zumindest für mich wichtigste Erkenntnis gezogen, dass ich in den früheren Konstrukten, in denen ich gearbeitet habe, keineswegs irgendwas auch nur halbwegs Schützenswertes, sondern das schwächste Glied einer langen Kette war. Mein Kopf gehörte da zwar auch schon mir, aber die Ergebnisse, die er produzierte, gehörten mir nur so lange, bis ich sie beim Verwerter ablieferte. Das erste Buch, das ich geschrieben habe (Crossmedia, UVK), ist natürlich ein Resultat meines Kopfes, viel mehr noch als “Universalode”, an dem ein sattes Dutzend Autoren beteiligt war. “Crossmedia” habe ich vollständig alleine geschrieben. Trotzdem gehört mir an diesem Buch nichts:  Ich habe es komplett an den Verlag abgetreten, was damals (2008) ziemlich alternativlos war, wenn man nicht gerade ein Book on demand machen wollte. Ohne die Strukturen eines Verlags war es nicht möglich, ein Buch zu veröffentlichen und es wenigstens halbwegs unter die Leute zu bringen. Meine Position war demnach auch nicht gerade gut. Man sagte mir seitens des Verlags und seitens anderer, befreundeter Autoren, dass mit einem Buch in diesen Auflagen-Größenordnungen kein Geld zu verdienen sei, damit war dann auch klar, dass dieses Buch für mich eher ein Ding aus Spaß an der Freud sein würde. Das Buch ging dann zwar sogar in eine zweite Auflage und manchmal habe ich mich ja schon gefragt, wie ein Verlag überhaupt überleben kann, wenn er lauter Sachen auf den Markt bringt, die ihm kein Geld bringen. Zumal ich ja auch wusste, dass andere Bücher, die in dieser Reihe erscheinen, von einer zweiten Auflage einigermaßen weit weg waren. Und der Verlag auch ansonsten in seinem Portfolio keine Millionenseller hatte, mit denen solche vermeintlichen Liebhaberprojekte und Verlustbringer finanziert werden können.

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Ich war also demnach glücklich, vertraglich überhaupt irgendeinen Anteil an diesem Buch zugesprochen bekommen zu haben. Nicht viel, die Details erspare ich Ihnen, aber jeder, der schon mal ein Buch kleinerer Auflage geschrieben hat, weiß, in welch dramatischen Dimensionen sich das bewegt. Man begründete mir das damals damit, dass mein mir gehörender Kopf und ich dafür ja auch die gesamten Leistungen des Verlags in Anspruch nehmen könnten: Das Buch würde vom Verlag lektoriert, gesetzt, beworben, vertrieben. Was mir theoretisch einleuchtete, dennoch begann ich mich mit der Zeit zu wundern. Das Lektorat war de facto ein etwas besseres Korrekturlesen, das Marketing bestand daraus, dass mein Buch in den verlagseigenen Prospekt aufgenommen und ab und an auf Verkaufsständen ausgelegt wurde. Und der Druck? Inzwischen weiß ich in etwa, was der Druck eines 200-Seiten-Buchs kostet, noch dazu ohne Abbildungen, die den Spaß erheblich teurer machen. Die Werbeprospekte wurden eh gedruckt und das Lektorat war, wie gesagt, eher nebenher. Alles in allem habe ich dann mal nachgerechnet und festgestellt: Selbst an einer geringen Auflage verdient der Verlag, den ich zuvor als eher gnädig empfunden hatte, ganz ordentlich. Gut, werden Sie womöglich und der Verlag sogar ganz sicher sagen: Dafür trug er auch weitgehend das unternehmerische Risiko, hätte ja auch sein können, dass sich von dem Buch keine hundert Stück verkaufen. Dass es auch mein Risiko war, weil ich ja schließlich meine Zeit mit etwas ordentlich bezahltem hätte verbringen können, ist mir dann erst später bewusst geworden.

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Verdienst? Nahe null, zumindest bei mir. Wenn ich die Arbeitsstunden zusammenrechne, die in “Crossmedia” stecken: Da hinkt sogar der beliebte Hartz4-Vergleich, das geht eher in Richtung eines 1-Euro-Jobs. Unnötig zu sagen, dass ich an diesem Buch keine Rechte habe, auf den Verkauf, das Marketing und alles andere keinerlei Einfluss besitze und meine eigene Position – wie erwähnt – die Schwächste ist. Dass sich der Verlag um mich, meine Rechte und meinen Kopf sonderlich viele Gedanken machen würde, ist mir bisher nicht aufgefallen und dass sich durch die Diebe und Kostenlos-Kretins der Piraten an meiner Lage noch irgendwas verschlechtert hätte, auch nicht.

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Zugegeben: Das alles war auch der Hintergrund, warum ich für “Universalcode” ein solches, klassisches Verlagsmodell kategorisch ausgeschlossen habe. Dazu kam, dass ich ganz am Anfang des Projekts, als es noch gar nicht “Universalcode” hieß, mal mit einem Verlag über die grundsätzliche Idee gesprochen habe. Da war man begeistert und stellte mir in Aussicht, das Buch gerne zu verlegen. Ich müsse lediglich einen Druckkostenzuschuss von 3000,- Euro zahlen, würde aber dann, wenn das Buch die Gewinnzone vielleicht mal erreicht, mit 5 Prozent an den Erlösen beteiligt werden (und nein, das ist jetzt kein Witz). Dass ich die Rechte am Buch, dessen Druck ich selber bezahlt habe, natürlich komplett abtreten hätte müssen, bedarf vermutlich keiner weiteren Erwähnung. Als ich dieses “Angebot” auf dem Tisch liegen hatte, war mir zum ersten Mal klar, dass ich nie wieder in solchen Strukturen arbeiten würde: Der Verlag macht nichts anderes, als das Buch zu setzen, zu lektorieren und zu verschicken und streicht dafür 95 Prozent der Erlöse ein und sichert sich alle Rechte? Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob ich nicht das eher als Diebstahl und Kostenlos-Kultur bezeichnen soll.

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Bevor Sie jetzt irgendwas falsch verstehen: Ich habe bei “Universalcode” gelernt, dass hinter einem Buch auch viel organisatorische und verlegerische Arbeit steckt, die ich durchaus respektiere. Und nein, natürlich ist noch niemand mit dem Buch reich geworden, wir stehen ja auch erst am Anfang, es gibt das Buch jetzt ein gutes halbes Jahr. Aber die Chancen, damit irgendwann Geld zu verdienen und es möglicherweise in weitere Projekte zu reinvestieren, ist deutlich größer als im klassischen Verlagsmodell.  Zumal auch noch anderes anders ist: Alle Autoren, die an “Universalcode” beteiligt sind, haben die Rechte an ihren Texten behalten und sie nur einmalig für dieses Buch zur Verfügung gestellt.  Sprich: Die Urheber haben in diesem Modell alle Rechte an ihren Texten, nicht der Verwerter (in diesem Fall Ulrike Langer, Ralf Hohlfeld und ich). Lektoriert haben wir es selber (genauer gesagt: Tom Leonhardt), das Marketing haben wir hier im Netz und viral selber hinbekommen, das Buch wird von einem Dienstleister verschickt. Kurz gesagt: All die Dienstleistungen, für die ein Verlag 95 Prozent der Erlöse verlangt hätte, haben wir selber gemacht (und zwischendrin sogar die leidvolle Amazon-Problematik wenigstens halbwegs vernünftig gelöst).

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Das hat für mich Konsequenzen gehabt. Ich unterschreibe nirgendwo mehr Verträge, die in Richtung total buy-out gehen. Ich arbeite nicht mehr in diesen Konstrukten, in denen der einzige, der profitiert hat, der Verwerter, nicht der Urheber war. Ich respektiere die Arbeit von Verwertern und natürlich sollen sie für ihre Arbeit angemessen bezahlt werden. Ich ärgere mich nur maßlos, wenn in dieser Urheberrechts-Debatte so getan wird, als sorgten sich die Verwerter um uns Urheber. Das tun sie nicht, sie sorgen sich, womöglich zurecht (siehe oben) um ihr bisheriges und durchaus einträgliches Geschäftsmodell. Sieht man davon ab, wie unfassbar viele sachliche Fehler in der “Mein-Kopf-gehört-mir”-Kampagne stecken, wäre es schön, wenn wenigstens um das debattiert würde, um was es in Wirklichkeit geht. Für mich selber weiß ich (auch da gilt: siehe oben): Es geht mir gut wie nie zuvor – und ob die Piraten oder eine Änderung des Urheberrechts die größere Bedrohung dieses Zustandes wären, würde ich nach aktuellem Stand der Dinge dann doch bezweifeln.

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(Weitere Lesetipps: Thomas Knüwer “Das Handelsblatt schwurbelt durch die irreale Welt”, Dirk von Gehlen “Vom Wissen der Wichser: Zwei Thesen zum Urheberrecht”).