Rundgeshowt (6): Los geht´s
14. Mai 2012 - 9:49 Uhr
Heute Abend, 23 Uhr, Bayerisches Fernsehen.
Anmerkungen eines Medienmenschen
Heute Abend, 23 Uhr, Bayerisches Fernsehen.
Immerhin eines lässt sich nach meiner zweiten Rundshow-Woche verbindlich festhalten: Das Lebensgefühl hat sich geändert. Von “keine Ahnung, was wir hier machen” über ein mehrfaches “Mir dämmert gerade was” hin zu einem: Wir wissen jetzt beinahe, was wir tun. Bevor Sie erschrecken und jetzt denken, dass ein Haufen fröhlicher Dilettanten da im BR sitzt und irgendwas vorbereitet, um dann irgendwas zu senden: So ist es natürlich nicht. Es ist also nicht so, dass uns Ideen fehlen, im Gegenteil, meistens haben wir sehr viel mehr als wie wir umsetzen können. Es ist eher das Fehlen an Routinen und Erfahrungswerten. Will sagen: Während man sich bei anderen Projekten immer so ein bisschen auf Erfahrungen verlassen kann, stehen wir jetzt beinahe bei jeder Entscheidung vor essentiellen Fragen. Die Antworten basieren, zugegeben, immer auch ein Stück auf Vermutungen — weil es eben kein gesichertes Wissen dazu gibt.
Das ist auf der anderen Seite das Tolle daran: ein Ding völlig neu zu entwickeln, ganz nach den eigenen Vorstellungen und ohne sich in einem Rahmen bewegen zu müssen, den so ein Sendeformat in den meisten Fällen dann eben doch vorgibt. Und ja, auch das gebe ich gerne zu: Der Bayerische Rundfunk war nicht unbedingt der Platz, an dem ich so viel Experimentierfreude vermutet hätte. Immerhin hat die “Rundshow” mit konventionellem Fernsehen und den ansonsten im BR zu sehenden Formaten ungefähr so viel zu tun wie München mit Ostwestfalen-Lippe. Tatsächlich aber lässt man uns dort ungestört machen, auch wenn ich manchmal bei der Vorstellung innerlich breit grinsen muss, wie sich der eine oder andere in den höheren Stockwerken fühlen muss, wenn er am Montag um 23.15 Uhr sieht, was da über seinen Bildschirm geht.
Ziemlich sicher bin ich mir allerdings darin, dass wir am Montag und auch in den dann noch kommenden Rundshow-Wochen erst den Start einer Entwicklung sehen werden. Dass wir, wenn wir wirklich zukunftsfähiges TV machen wollen (ich zucke ja immer noch zurück, wenn ich das Social TV nennen soll) ziemlich viel zuhören müssen. Nicht unbedingt im Sinne dessen, wie das früher war: Man liest Kritiken von hauptberuflichen Medienjournalisten und wertet die dann aus. Mir persönlich ist ehrlich gesagt das, was die Kollegen in diesem Fall schreiben werden, eher egal. Was mich interessiert ist: Was sagen die Zuschauer, welche Beteiligungen und welche Rückmeldung bekommen wir über Twitter, über Facebook, Google — und natürlich die App mit dem schönen Namen “Die Macht”? Schaffen wir es wirklich, Fernsehen und Crossmedia zu machen, so dass es die Beteiligten wirklich juckt? Und so, dass sie eben kein Klickvieh oder Kommunikationsattrappen wie die ansonsten handelsüblichen call-ins oder Straßenumfragen werden?
Und schließlich noch ein letztes Geständnis: Ich war eineinhalb Wochen die bayerische Bierruhe in Person, jetzt kommt dann langsam: Nervosität. Montag, 23.15 Uhr. Ich hoffe, dass sie sich dann wieder legt.
…von euch war in letzter Zeit zu hören, es gebe da ein paar Debatten. Über Bezahlschranken und so. Darüber, dass das pöse Internet der gedruckten Ausgabe Leser wegnimmt, was man an Zahlen angeblich gut messen kann. Das Netz legt zu, Print verliert, das nennt man dann Kausalzusammenhang. Ein anderer Kausalzusammenhang wäre es demnach, die Onlineleser bezahlen zu lassen, damit entweder mehr Geld direkt online reinzubekommen — oder die Leser dazu zu bringen, wieder vermehrt das Heft zu kaufen, zumal jetzt auch sehr viel weniger oder aber gar keine Geschichten aus dem Blatt mehr im Netz landen sollen. Das klingt auf den ersten Blick angesichts der vielzitierten “Kostenloskultur” im Netz so mutig wie naheliegend. Irgendjemand muss dem Volk da draußen ja klar machen, dass man den guten Journalismus nicht dauernd kostenlos haben kann.
In dem Zusammenhang war ich natürlich sehr auf euer aktuelles Heft gespannt, weil ich mir dachte, es könnte sich ja lohnen, dieses Ding, das ich seit Jahren abonniert habe, mal unter diesem Aspekt anzuschauen (um dann ggf. Geld zu sparen und künftig nur noch SPON zu lesen, wenn man tatsächlich so simpel Geld sparen kann). Als erstes habe ich mich auf die Facebook-Geschichte gestürzt, weil sie mich zum einen interessiert und es zum anderen immer lustig ist, wenn der “Spiegel” über das Netz schreibt. Viel Grund zum ärgern gab es allerdings nicht, weil die Titelgeschichte weitgehend erkenntnisfrei über etliche Seiten dahin lief. Man weiß jetzt, dass Facebook zwar keine Gebühren verlangt, dafür aber Daten seiner Nutzer verschachert. Und dass sich sogar schon Kinder dort rumtreiben. Dass es gar nicht mal gesagt ist, dass das Wachstum von Facebook ewig so weiter geht. Und schließlich noch, dass auch andere der einstmals großen Netzwerke schon mal den Bach runtergegangen sind. Ich finde es übrigens in diesem Zusammenhang immer wieder erstaunlich, wie eine Redaktion etliche Seiten mit hübschen Satzgirlanden und netten Erzählungen vollbekommt, ohne irgendwas Neues zu schreiben. Das fand ich schon bei eurer Titelgeschichte über Kampfradler bemerkenswert: liest sich alles nicht mal schlecht, hat aber den Nährwert von Knäckebrot.
Und es gibt die Geschichte über Norbert Röttgen; eine dieser Geschichten über wahlkämpfende Wahlkämpfer, die im “Spiegel” immer dann auftauchen, wenn Wahlkampf ist (also nahezu wöchentlich). Muster solcher Geschichten ist meistens, dass der Wahlkämpfer irgendwo in der Provinz komische Veranstaltungen besuchen muss und da nicht glücklich ist. Deswegen ist es nicht so erstaunlich, dass Norbert Röttgen in dieser Geschichte irgendwo in er Provinz sitzt und man ihm anmerkt, dass er jetzt eigentlich viel lieber Kanzler wäre.
Im Sport erfahren wir schließlich in einer etwas länglichen Geschichte, dass Borussia Dortmund in Dortmund einen quasireligiösen Status hat. Da wäre man von alleine gar nicht so drauf gekommen. Das Interview mit Phillip Lahm ist die Wiedergabe braver Sätze eines Musterschülers, der es irgendwie wichtig findet, sich zu informieren, die Entscheidung über alles anderen aber dann gerne anderen überlässt. Das ist schon ok so, was der Phillip da erzählt, aber muss man das jetzt wirklich über zwei Seiten hinweg lesen?
Was ich sagen will, bevor ich einen ähnlich unverbindlichen Plauderton wie der gedruckte “Spiegel” gerate: Vielleicht wäre es ja mal eine Idee, die Zahl der wirklich starken Geschichten, für die der “Spiegel” mal stand, wieder zu erhöhen. Geschichten, bei denen man den Eindruck hat, dass sie diese beinahe 4 Euro wert sind, die das Blatt inzwischen kostet. Altbekanntes über Facebook jedenfalls, da bin ich mir sicher, wird eure Auflage nicht erhöhen. Nicht mal dann, wenn ihr “Spiegel Online” auf der Stelle zusperrt.
Ich habe ja immer das Gefühl, dass sich Außenstehende unser Dasein als freiberuflich Digitale als eine Art Lotterleben vorstellen, mit viel Alkohol, anderen Substanzen und fettigen Pizzaschachteln, ständig an irgendeinem Apple-Produkt klebend. Das ist natürlich restloser Unsinn und bestenfalls ein Flachsinns-Klischee für Menschen, die nicht ganz auf diesem Planeten leben. Das geht erst recht nicht, wenn man irgendwie Fernsehen machen soll und wenn es dann auch noch bei einem öffentlich-rechtlichen Sender ist…
Jedenfalls befinden wir uns bei Tag 2 der Wir-tun-mal-so-als-ob-Phase und deswegen ist Frühschicht angesagt. Selbst dann, wenn die Rundshow meistens um 23.15 Uhr beginnen wird: Morgens wird die Grundlage für eine solche Sendung gelegt. Deswegen habe ich jetzt die ersten der Stunden meines Tagewerks hinter mir, wüsste so einigermaßen, was unser Thema heute Abend wäre, hätte einen ersten Rundumschlag für Netz gemacht. Und festgestellt, dass der BR wirklich ein fürsorglicher, großartiger, wunderbarer Arbeitgeber wäre, der Kaffee aus dem Kaffeedingens allerdings alles mögliche ist, nur kein Kaffee. Normal ist das nicht wild, aber um die Uhrzeit…
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Echt, ich staune: Wir sind wirklich bemerkenswert analog dafür, dass wir digital sind.
Es war ziemlich spannend, die heutige Sendung zu konzeptionieren. Schwerpunktthema setzen, Gäste suchen, Ablauf planen, lauter solche Dinge. Sie wundern sich gerade — wo doch heute Abend gar keine Rundshow läuft? Stimmt, an unserem geplanten Erstsendetermin am 14.5. hat sich nichts geändert. Aber man kann natürlich so eine Sendung, ein solches Projekt nicht einfach mal eben on air schicken, ohne vorher ein bisschen geprobt zu haben. Also spielen wir heute das erste Mal Ernstfall. Wir tun so, als würden wir senden. Das klingt erstmal komisch, muss aber sein. Wie sehr, hat sich heute gezeigt, es sind diese unzählig vielen Kleinigkeiten vor allem in den Abläufen, die die Sache komplex machen, zumal die Rundshow ja eben nicht einfach eine Sendung, sondern ein Rund-um-die-Uhr-Projekt sein soll. Beinahe hätte ich vergessen, wie aufwendig dieses Medium Fernsehen trotz aller digitalen Erleichterungen in den letzten Jahren immer noch ist. Wer es jemals gemacht hat, der weiß, was ich meine. Wer es noch nicht gemacht hat: Sie können sich vermutlich kaum vorstellen, wie enorm groß der Aufwand für eine 30-Minuten-Sendung ist, und da reden wir noch gar nicht von irgendwelchem Crossmedia-Gedöns.
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Falls jemand von Ihnen zufällig Sascha Lobo sieht, halten Sie ihn notfalls mit Gewalt fest und sagen Sie dann, er möge mich anrufen.(Edit: Erledigt, sie können ihn wieder loslassen).
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Heute gelernt: Unser executive producer Markus Walsch kann Gurken aus dem Internet animieren. Sollte man für Formate wie dieses als Einstellungsvoraussetzung fixieren.
Das Interessante am klassischen Fernsehen ist ja: Es ist eine gigantisch große Illusionsmaschine. Im TV wirkt alles sehr viel größer als es ist, tatsächlich aber sind solche Studios für jemanden, der sie zum ersten Mal sieht, eher ernüchternd. Trotzdem ist gerade das die Herausforderung: Man braucht ein Studio, das etwas hermacht und das zudem in seiner ganzen Anmutung zu einem Format passt. Gestern haben auch wir große Augen bekommen, weil wir zum ersten Mal “unser” Studio zu sehen bekamen.
Wie der Bayer sagt: Scheeee!