Archiv für Juni 2012


Ich schau dir auf den Hintern, Kleines

28. Juni 2012 - 9:16 Uhr

Was tut man, wenn man sich mit etwas nicht so richtig auskennt? Wahlweise verurteilt man es unreflektiert. Oder man malt sich einfach sein Paralleluniversum, in dem die Dinge sind, wie sie sein sollen. Hans Leyendecker beispielsweise, der berühmteste Investigativjournalist aller Zeiten, hat sich jetzt in Tübingen ein bisschen über das Internet ausgelassen. Von allzu viel Recherche zeugten seine Auffassungen nicht, dafür aber schlug Leyendecker ordentlich drauf: ”Ein Großteil der Sachen, die ich dort lese, sind böse, zynisch, verachtend und zum Teil höchst antidemokratisch”. Das plauderte er in Tübingen so aus und fügte hinzu, es gebe immer mehr Menschen, die etwas in Facebook, Twitter oder anderen sozialen Netzwerken publizierten, und das sei meist kritiklos und unqualifiziert. Das Netz ist also großteils böse, sagt Leyendecker und ist mit dieser Auffassung unter uns Journalisten vermutlich gar nicht so alleine, wie man als halbwegs netzaffiner Mensch denken könnte. (Lieber Herr Leyendecker, die kommenden Zeilen werden Sie übrigens in ihrer Auffassung bestätigen, das wird jetzt etwas böse, etwas zynisch, aber keineswegs etwas antidemokratisch.)

Und damit kommen wir zum Rest der Kollegen und dem sozialen Netz.

Während Leyendecker sich für die Draufschlag-Variante entschieden hat, neigt der größte Teil der Journalistenschaft zum Bau des Paralleluniversums.  In dem ist beinahe alles gut, man ist bestens gerüstet, man kann Erfolg oder Misserfolg leicht zählen, in dem man einfach schaut, wie viele Freunde und Follower man angesammelt hat. In dieser Parallelwelt sind Journalisten irgendwie genauso wichtig und relevant wie in der echten Welt, schon alleine deswegen, weil sie anwesend sind. Die Geschichten und Abenteuer von Journalisten gibt es demnach jetzt auf mehreren Kanälen zu lesen, was an sich ziemlich prima ist, weil man sich nicht wirklich darum kümmern muss. Einfach kopieren und dann Freunde und Follower zählen. So schwer ist das ja dann doch nicht mit diesem Social Media, wie man immer gehört hat.

Satire, sagen Sie? Wenn man sich den neuen Social Media Trendmonitor von news aktuell anschaut, dann ist das leider die (zugegeben) zugespitzte Zusammenfassung, wie deutsche Journalisten die Welt sehen. 45 Prozent der Befragten des Trendmonitors 2012 sehen sich und ihre Redaktionen sehr gut oder wenigstens für den Umgang mit sozialen Medien gerüstet, während gerade mal 18 Prozent eher der Auffassung sind, sie seien schlecht oder sehr schlecht vorbereitet. Besonders optimistisch sind übrigens, dies am Rande und ohne lange Kommentierung vermerkt, die Kollegen der Tageszeitungen. 40 Prozent sagen dort: Jawoll, wir haben das drauf mit dem sozialen Zeugs. Dabei führen die Kollegen, die sich gerade eben noch so gerüstet fanden, ihre eigene Meinung gleich wieder ins Absurde. Über die Hälfte der befragten Journalisten glaubt nämlich, dass Social Media für die eigene Arbeit wenig oder gar keine Relevanz habe. Wie aber kann man sich ernsthaft für dieses Thema gewappnet halten, wenn man ihm gleichzeitig keine Relevanz zuspricht? Das kann man, aber nur dann, wenn man unter Social Media die RSS-Befütterung von Facebook und das gelegentliche Posten bei Twitter versteht, dass man jetzt dann mal ins Wochenende gehe.

Endgültig absurd wird es dann, wenn man Journalisten danach fragt, ob Social Media Auswirkungen auf ihre Arbeit habe. 46 Prozent sind bei dieser Frage der interessanten Auffassung, dass ihre Arbeit dadurch besser geworden sei. Wie das mit der anscheinend überwiegenden Meinung zusammengeht,  dass Social Media ja gar keine oder nur wenig Relevanz hat, wird man vermutlich wissenschaftlich klären müssen, einleuchtend ist das erst jedenfalls nicht: Es hat zwar keine Relevanz, die Ergebnisse der Arbeit haben sich aber unbedingt verbessert? Man könnte diese irre Formel auch als Beleg für das ausgeprägte Wunschdenken von Journalisten bezeichnen.

Was also machen Deutschlands so wunderbar gerüstete Journalisten, deren Arbeitsergebnisse durch Social Media so viel besser geworden sind, mit diesen neuen Netzen? Reden sie mit ihrem Publikum, interagieren sie, bauen sie womöglich sogar kleine Communitys auf? Sehr wenig von alledem. Stattdessen geht es ihnen mit ihren Präsenzen dort um anderes: um Imagepflege und Traffic für die eigene Seite, um die Nutzer/Leserbindung zu erhöhen (was auch immer das sein und wie auch immer das gehen soll). Immerhin kommen dann doch mal 34 Prozent auf die Idee, dass der Dialog mit diesen Nutzern auch eine ganz gute Idee sein könnte. Gratulation, damit haben Deutschlands Journalisten bei dieser Idee immerhin schon die magische Grenze von einem Drittel überschritten. Was umgekehrt übrigens bedeutet, dass zwei Drittel der Journalisten, die im sozialen Netz vertreten sind, den Dialog für irgendwie unwichtig halten, von denen, die erst gar nicht dort anzutreffen sind, reden wir erst gar nicht. Blöd aber auch, dass es Menschen gibt, die der Meinung sind, das Netz sei so eine Art dialogisches Medium. Müssen wir mit denen da draußen jetzt auch noch reden?

Nebenher stellen wir dann laut Trendmonitor auch noch fest, dass die lieben Kollegen neuerdings auch noch unter die begeisterten Blogger gegangen sind. 43 Prozent der deutschen Redaktionen führen demnach Blogs, weitere 10 Prozent sagen von sich, Blogs seien in Planung. Man müsste sich also schnellstens auf die Suche nach diesen ganzen Redaktionsblogs machen, deren Start man anscheinend irgendwie übersehen hat. Oder man hat sie bisher vielleicht auch nur deshalb nicht so wahr genommen, weil sie nicht ganz so relevant und großartig sind, wie die euphorisierten Kollegen vielleicht denken mögen.

Wenn man dann noch einen letzten Beleg für die eigenwilligen Sichtweisen von Journalisten auf ihre Social-Media-Welt benötigt, dann gerne noch diesen: Fragt man sie nach den aus ihrer Sicht entscheidenden Kriterien für Erfolg oder Misserfolg im sozialen Netz, dann nennen sie zuvorderst lauter Dinge, die mit Quantität zu tun haben. Die Anzahl der Follower beispielsweise.  Die Anzahl der Erwähnungen. Die neuen Kontakte. Klar, und Boris Becker mit seinen knapp 87.000 Followern bei Twitter ist quasi die größte Erfolgsgeschichte bei Twitter, direkt gefolgt vom hyperaktiven und irre erfolgreichen Oliver Kahn. Das ist so intelligent, als würde man die Intelligenz einer Frau herausfinden wollen, um ihr dafür erstmal auf den Hintern zu schauen (ok, zugegeben, auch das soll´s geben).

Aber vielleicht ist diese Geschichte vom twitternden Kahn und dem ZDF bezeichnend für das, was Journalisten unter sozialen Netz verstehen. Man ist irgendwie anwesend — und hält alleine das schon für einen Erfolg.

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Universalcode – jetzt auch als E-Book

19. Juni 2012 - 13:04 Uhr

Zugegeben, es hat ein wenig gedauert mit der Umsetzung. Aber jetzt haben wir es dann doch mal geschafft, der “Universalcode” ist jetzt auch als E-Book zu haben. Seit dieser Woche u.a. bei Amazon und einigen anderen Shops, bei Apple dann auch, wenn man sich dort davon überzeugt hat, dass wir nicht jugendgefährdend sind. Preislich wollten wir ja mit gutem Beispiel vorangehen und nicht einfach nur den Alibi-Euro billiger sein als ein gedrucktes Buch. Deswegen: statt der 27,90 fürs gedruckte Buch kostet der E-Universalcode nur 19,90. Und wenn ich das mal so deutlich sagen darf: Wir empfehlen und präferieren eindeutig das E-Book, schon alleine deswegen, weil es für den Nutzer viel einfacher und praktischer zu handhaben ist als ein gedrucktes Etwas, das irgendwann mal mit lauter kleinen Post-it´s verunstaltet ist.

Bei Amazon hat´s übrigens schon mal gut angefangen:

 

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Wie das ZDF jetzt das Web ins TV holt…

14. Juni 2012 - 11:57 Uhr

…wollte ich erst hier beschreiben, hab´s dann drüben auf dem Tribünenblog gemacht, weil es viel lustiger ist, dem Olli und der Katrin beim twittern und bei diesem Internet zuzuschauen, als lange halbkritische Betrachtungen darüber in einem Medienblog abzusondern. Wenn ich Sie deshalb einmal hier entlang bitten dürfte, danke sehr.

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Bedingt onlinebereit

12. Juni 2012 - 21:09 Uhr

Vermutlich werden sie bei der Bundeszentrale für politische Bildung lange gesucht haben, bis sie irgendwann die gute Nachricht entdeckt hatten. Diese gute Nachricht lautet: (Tages-)Zeitungsredakteure in Deutschland verwenden jetzt beinahe alle Facebook und drei Viertel von ihnen twittern auch. Zumindest, wenn es beruflich ist. Selbst dann, wenn man wenigstens aus dem Bauch heraus zumindest die Twitter-Zahl anzweifeln wollen würde, bleibt eine erstaunliche Feststellung:  Man muss es im Jahr 2012 also explizit erwähnen, dass Journalisten Facebook so richtig und Twitter wenigstens halbwegs für sich entdeckt haben. Das, was zunächst als eine gute Nachricht daherkommt, ist in Wirklichkeit Beleg für etwas anderes: Die digitale Welt und die Welt der Printjournalisten entwickelt sich zunehmend auseinander. Was in vielen Redaktionen als Beleg für die eigene Innovationsfähigkeit gesehen wird, langweilt eine kleine Gruppe digital lebender Journalisten schon lange wieder. Dass man sich beispielsweise auf der Re:publica oder in den richtig guten digitalen Redaktionen dieses Landes noch ernsthaft über den richtigen Einsatz von Twitter und Facebook unterhalten würde, kann man getrost vergessen. Zeitungsredaktionen hingegen feiern das als erfreuliche Erkenntnis.

Liest man die Studie der BpB ohne rosane Redaktionsbrille, kommt man zu einer schlichten Erkenntnis: Deutschlands (Zeitungs-)Journalisten sind nur sehr bedingt zukunftsfähig. Das beginnt bei ihrem häufig antiquierten Begriff von Crossmedia und endet bei ihren praktischen Fähigkeiten. Wird beispielsweise in der Studie danach gefragt, wie konkret die crossmediale Arbeit in ihren Redaktionen aussieht, dann kommt sinngemäß als Antwort: Wir haben eine Webseite. Und wir sind auch bei Facebook. Die Autorinnen der Studie formulieren es naturgemäß sehr viel vorsichtiger, aber in der Konsequenz läuft es darauf raus, dass in die Redaktionen und bei vielen Journalisten die Idee vorherrscht, eine Webseite und ein bisschen Facebook seien der Inbegriff des modernen, plattformübergreifenden Arbeitens. Fragt man nach stringenten Konzeptionen, nach klaren Strukturen, nach denen gearbeitet wird, man hört meistens: Fehlanzeige. Zufall.

Und dann gibt es schließlich noch eine andere Zahl, die zeigt, wie groß der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen Selbstwahrnehmung und Realität ist: Gerade mal 15 Prozent der Arbeitszeit in den Zeitungsredaktionen wird für Arbeiten an der Webseite verwendet, mobile Plattformen und iPad-Angebote spielen de facto überhaupt keine Rolle (ausgerechnet die beiden Kanäle, denen die größte Bedeutung für die Zukunft zugesprochen wird). Auch alle anderen Ergebnisse der Studie (eine genaue Analyse der Zahlen findet sich drüben beim Universalcode) weisen sehr deutlich auf einen paradoxen Zustand hin:  Die Journalisten ahnen irgendwo, dass diese Sache mit dem Internet wichtig sein könnte, sie ahnen auch, dass das, was sie bisher tun, für die Zukunft nicht ausreichen wird. Aber gleichzeitig sind sie gefangen in einem Konstrukt, das es ihnen nicht ermöglicht, das zu tun, was sie tun müssten.

Man kann angesichts der Ergebnisse dieser Studie selbst beim besten Willen nicht mehr behaupten, dass der Großteil der deutschen Tageszeitungsredaktionen auf ihre Zukunft gut vorbereitet ist. Führt man sich vor Augen, wie schnell und brutal das Netz und seine Bewohner bisher mit allem und jedem umgegangen sind, die sich der schnellen und permanenten Erneuerung verweigern (in diesem Zusammenhang freundliche Grüße auch von StdiVZ), muss man sich um ihre Zukunft sehr ernste Sorgen machen. Und auch die gerne geführten Debatten wie beispielsweise Print vs. Online oder auch um die vermeintliche Kostenloskultur im Netz rücken angesichts dessen in den Hintergrund . Möglicherweise ist ja einfach nur so, dass hier jemand den Anschluss in die Zukunft verpasst hat, so wie ihn StudiVZ, MySpace und etliche andere Netzmumien versäumt haben. Aus nostalgischen Gründen jedenfalls hat im Netz bisher noch nie jemand überlebt.

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