Bedingt onlinebereit

Vermutlich werden sie bei der Bundeszentrale für politische Bildung lange gesucht haben, bis sie irgendwann die gute Nachricht entdeckt hatten. Diese gute Nachricht lautet: (Tages-)Zeitungsredakteure in Deutschland verwenden jetzt beinahe alle Facebook und drei Viertel von ihnen twittern auch. Zumindest, wenn es beruflich ist. Selbst dann, wenn man wenigstens aus dem Bauch heraus zumindest die Twitter-Zahl anzweifeln wollen würde, bleibt eine erstaunliche Feststellung:  Man muss es im Jahr 2012 also explizit erwähnen, dass Journalisten Facebook so richtig und Twitter wenigstens halbwegs für sich entdeckt haben. Das, was zunächst als eine gute Nachricht daherkommt, ist in Wirklichkeit Beleg für etwas anderes: Die digitale Welt und die Welt der Printjournalisten entwickelt sich zunehmend auseinander. Was in vielen Redaktionen als Beleg für die eigene Innovationsfähigkeit gesehen wird, langweilt eine kleine Gruppe digital lebender Journalisten schon lange wieder. Dass man sich beispielsweise auf der Re:publica oder in den richtig guten digitalen Redaktionen dieses Landes noch ernsthaft über den richtigen Einsatz von Twitter und Facebook unterhalten würde, kann man getrost vergessen. Zeitungsredaktionen hingegen feiern das als erfreuliche Erkenntnis.

Liest man die Studie der BpB ohne rosane Redaktionsbrille, kommt man zu einer schlichten Erkenntnis: Deutschlands (Zeitungs-)Journalisten sind nur sehr bedingt zukunftsfähig. Das beginnt bei ihrem häufig antiquierten Begriff von Crossmedia und endet bei ihren praktischen Fähigkeiten. Wird beispielsweise in der Studie danach gefragt, wie konkret die crossmediale Arbeit in ihren Redaktionen aussieht, dann kommt sinngemäß als Antwort: Wir haben eine Webseite. Und wir sind auch bei Facebook. Die Autorinnen der Studie formulieren es naturgemäß sehr viel vorsichtiger, aber in der Konsequenz läuft es darauf raus, dass in die Redaktionen und bei vielen Journalisten die Idee vorherrscht, eine Webseite und ein bisschen Facebook seien der Inbegriff des modernen, plattformübergreifenden Arbeitens. Fragt man nach stringenten Konzeptionen, nach klaren Strukturen, nach denen gearbeitet wird, man hört meistens: Fehlanzeige. Zufall.

Und dann gibt es schließlich noch eine andere Zahl, die zeigt, wie groß der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen Selbstwahrnehmung und Realität ist: Gerade mal 15 Prozent der Arbeitszeit in den Zeitungsredaktionen wird für Arbeiten an der Webseite verwendet, mobile Plattformen und iPad-Angebote spielen de facto überhaupt keine Rolle (ausgerechnet die beiden Kanäle, denen die größte Bedeutung für die Zukunft zugesprochen wird). Auch alle anderen Ergebnisse der Studie (eine genaue Analyse der Zahlen findet sich drüben beim Universalcode) weisen sehr deutlich auf einen paradoxen Zustand hin:  Die Journalisten ahnen irgendwo, dass diese Sache mit dem Internet wichtig sein könnte, sie ahnen auch, dass das, was sie bisher tun, für die Zukunft nicht ausreichen wird. Aber gleichzeitig sind sie gefangen in einem Konstrukt, das es ihnen nicht ermöglicht, das zu tun, was sie tun müssten.

Man kann angesichts der Ergebnisse dieser Studie selbst beim besten Willen nicht mehr behaupten, dass der Großteil der deutschen Tageszeitungsredaktionen auf ihre Zukunft gut vorbereitet ist. Führt man sich vor Augen, wie schnell und brutal das Netz und seine Bewohner bisher mit allem und jedem umgegangen sind, die sich der schnellen und permanenten Erneuerung verweigern (in diesem Zusammenhang freundliche Grüße auch von StdiVZ), muss man sich um ihre Zukunft sehr ernste Sorgen machen. Und auch die gerne geführten Debatten wie beispielsweise Print vs. Online oder auch um die vermeintliche Kostenloskultur im Netz rücken angesichts dessen in den Hintergrund . Möglicherweise ist ja einfach nur so, dass hier jemand den Anschluss in die Zukunft verpasst hat, so wie ihn StudiVZ, MySpace und etliche andere Netzmumien versäumt haben. Aus nostalgischen Gründen jedenfalls hat im Netz bisher noch nie jemand überlebt.