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Selbstbetrug im gedruckten Paralleluniversum

4. Juli 2012 - 9:09 Uhr

Könnte es sein, dass es kaum ein Thema momentan gibt, dass so unterschiedliche Auffassungen hervorruft wie die Zukunft des Lokalen? Und dass es sich dabei um zwei Paralleluniversen handelt, deren jeweilige Bewohner das jeweils andere quasi als nicht existent oder zumindest als komplette Fehlkonstruktion betrachten? Eine kleine Reise zwischen zwei Universen, basierend auf (natürlich subjektiven) Eindrücken aus einer Woche.

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Paul Josef Raue ist Chefredakteur der “Thüringer Allgemeinen” und als solcher offenbar im eigenen Haus nicht restlos unumstritten. Aus der Ferne verbietet sich natürlich ein Urteil darüber, wer im Recht ist und wer nicht. Aber die Diskussionen, die umfangreich auch öffentlich dokumentiert sind, waren nicht nur wegen der internen Kabbeleien interessant. Sondern auch wegen der Argumentationen. Raue nämlich konterte die Kritik an seiner Amtsführung sinngemäß so, dass er gerade dabei sei, seine Zeitung mindestens zu revolutionieren und es dabei eben nicht immer zimperlich zugehe. Raue jedenfalls will das Blatt umbauen, nein, halt er erfindet es gerade neu,  soviel ist sicher. Und welchen anderen Grund für einen Umbau könnte es geben als den, dass man irgendwie erkennt, dass so ein Umbau dringend nötig ist?

Wenn man sich  momentan mit Zeitungsleuten, insbesondere aus den Regionalblättern unterhält, dann ist zumindest eines anders als noch vor wenigen Jahren. Damals wurde man gerne mal als digitaler Spinner belächelt, wenn man den Protagonisten prophezeite, es könnten harte Zeiten auf sie zukommen. Heute denken sie sich das vielleicht noch im Stillen, folgen aber ansonsten ganz dem großen Karl Valentin: Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut. Anders gesagt: Man verflucht inzwischen die digitalen Spinner noch innerlich, kommt aber an der Erkenntnis nicht vorbei, dass es nicht die reine Spinnerei war, was da in den letzten Jahren geredet wurde. Man muss aus Gründen der medialen Korrektheit heute sagen: Ja, das ist schon wichtig, dieses Digitalzeugs. Ob man es dann auch so meint und ob man das alles auch wirklich begriffen hat, das steht ja wieder auf einem ganz anderen Blatt.

 

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Und damit zu Facebook. Dort wiederum postete vergangene Woche jemand den Link zur Raue-Geschichte in der taz. Mit der Frage, wie sich denn der (Lokal) Journalismus nun neu aufstellen müsse, wenn er irgendwie überleben wolle. Sowas löst bei mir momentan ähnlich freudige Reflexe aus wie die grassierende Thesenaufstellerei zu irgendwas, die gerne im Wir-müssen-begreifen-Duktus geschrieben ist. Jedenfalls fühlte ich mich bemüht, einen freundlichen Kommentar zu hinterlassen, in dem es sinngemäß hieß, ob es nicht irgendwie eine kleine Diskrepanz gibt zwischen den dauernden manchmal selbstgeißelnden Anklagen (Wir müssen besser werden *peitschenknall*, wir müssen digitaler werden *peitschenknall*) und dem, was man in der Praxis so erlebt. In der Wahrnehmung meines sehr eigenes Paralleluniversums wird im anderen Universum gerade ein grandioser Selbstbetrug begangen, der sich in drei Worten zusammenfassen lässt: Wir haben verstanden! Genau das muss man aber zumindest in meinem Paralleluniversum bezweifeln, weil fast nirgendwo die Diskrepanz zwischen gefühlten und realistischen Fähigkeiten so groß ist (Journalisten bei Regionalzeitungen glauben übrigens ja auch, in Sachen Social Media so richtig dolle fit zu sein). Und sie glauben auch, das mit dem Internet vollständig begriffen zu haben. Armin Maus, ein an sich von mir sehr geschätzter Chefredakteur in Braunschweig, antwortete mir bei Facebook dann sogar in die Richtung gehend, dass er mir gerne das Archiv seiner Zeitung zeige, damit ich mich selbst überzeugen könne, in welch enormen Schritten die (R)Evolution vorangegangen sei. Ich will ja niemandem seinen Glauben nehmen, aber ich fürchte, dass das einfach nur ein zutiefst menschlicher Reflex ist:Als ich noch selbst bei Regionalzeitungen arbeitete, habe ich nicht einen Chefredakteur/Ressortleiter kennen gelernt, der nicht der Überzeugung gewesen war, Speerspitze von irgendwas zu sein. Sogar bei der PNP in Passau haben wir damals ja sehr ernsthaft geglaubt, irgendwie stilbildend zu sein.Ich war übrigens ziemlich frustriert, als ich mir dann irgendwann eingestehen musste, dass wir diese Meinung ziemlich exklusiv hatten. Dabei hatte mir mein Chefredakteur immer erzählt, wie revolutionär toll wir waren. Das war übrigens irgendwann in den 80ern. Jedenfalls gehört es zu den Phänomenen von Regionalzeitungen (und vielen anderen auch), sich die eigene Lage gerne mal schönzureden.

Im aktuellen Fall liest sich das so: Wenn man sich mit den Blattmachern und Verlagsmanagern unterhält, wird man erst einmal den Eindruck nicht los, man befinde sich mittendrin in einer irre tollen Revolution. Überall hoch motivierte Leute, überall neue Technologien und Kanäle, die voller Begeisterung und Freude erkundet werden. Und die Zeitungen und ihre Angebote erobern ungebremst das Netz, erst letzte Woche lief wieder so eine Pressemitteilung, aus der hervorgehen sollte, wie sehr die Zeitungsangebote bereits im Netz eine enorm starke Position haben. In meinem Paralleluniversum kommt allerdings anderes an: Wenn man ein paar neue Rubriken und ein paar optische Retuschen als Revolution bezeichnen will, dann stecken wir mitten in einer Revolution. Die meisten Blätter, mit denen ich in den letzten 30 Jahren aus privaten oder beruflichen Gründen in Berührung gekommen bin, sehen genauso aus wie damals, nur moderner. In den letzten Tagen hatte ich öfter mal wieder mit den Serien zu tun, mit denen sie sich irgendwie durchs Sommerloch retten müssen und hatte den Eindruck einer Zeitreise. Jeder dieser Serien und kleinen Geschichten, die jetzt starten, hätten auch irgendwann in den 80ern stattfinden können (und vermutlich haben sie es sogar). Heute heißen sie “innovative Projekte” im Lokalen, weil man möglicherweise noch ein Video dazu stellt. Und immer, auch darauf kann man sich verlassen, wenn man eine solche Kritik anbringt, kommt irgendjemand um die Ecke und zeigt ein Beispiel aus einer der über 300 Tageszeitungen in Deutschland und sagt: Aber hier ist doch mal ein Beispiel, wie man es gut macht. Tja.

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Wenn man dann aber auf der anderen Seite in seinem eigenen Paralelluniversum sitzt und ein wenig schlaumeiert (und ja, liebe kritische Bologneser, damit meine ich mich durchaus auch selber), stellt man dann leider wieder fest, dass es mit den Alternativen dazu nicht so wirklich rosig aussieht. Man redet ja beispielsweise in letzter Zeit sehr gerne vom hyperlokalen Journalismus, erst jetzt gab es wieder die Geschichte zu lesen von einem erfolgreichen lokalen Projekt. Man kramt gerne auch den (Hinweis: geschätzten) Stefan Aigner hervor, der mit “Regensburg digital” ein Projekt betreibt, dass es immer wieder zu überregionaler Beachtung bringt. Man vergisst dabei allerdings gerne, dass Aigners Projekt finanziell alles andere als ein Zuckerschlecken ist und solche hyperlokalen Projekte gerne mal nahe an der Selbstausbeutung sind. Wie sich überhaupt lokale Medien außerhalb der guten, alten Lokalzeitung eher schwer finanzieren lassen. Lokales Fernsehen, lokales Radio und eben auch hyperlokale Onlineprojekte sollte man jedenfalls nicht machen, wenn das Lebensziel “viel Geld verdienen” lautet. Übrigens hat auch die große New York Times jetzt ein hyperlokales Projekt, das sie mit hohen Erwartungen begonnen hatte, eher kleinlaut wieder eingestellt.

Eines der Argumente, das dort mehr oder weniger unverblümt für das Scheitern angebracht wurde, ist ein ganz besonders spannendes. Weil es vermutlich tabu ist und nie in irgendwelchen öffentlichen Diskussionen gebraucht werden kann (deswegen steht es jetzt hier): Passen journalistische Profis und die Bedürfnisse des Lokaljournalismus überhaupt zusammen? Oder prallen da nicht zwei Dinge aufeinander, die per se nicht kompatibel sind? Bei der Times sprechen sie leicht verbrämt davon, dass es wenig Sinn mache, journalistische Profis auf lokale Themen anzusetzen. Eine Erkenntnis, die nicht neu ist, würde man sich trauen, den Realitäten ins Auge zu blicken. Etliche Lokalteile werden hier von journalistischen Laien gemacht, von Schriftführern, schreibenden Hausfrauen und natürlich dem obligatorischen pensionierten Oberstudienrat. Und das nicht erst heute, im Zeichen der Krise, sondern schon seit vielen Jahrzehnten. Das funktioniert, weil diese “freie Mitarbeiter” (welch netter Euphemismus) ziemlich genau dasselbe Bedürfnis haben wie die meisten Menschen, die irgendwo in einem Mikrokosmos leben. Man weiß  zwar womöglich sehr genau, dass der eigene Mikrokosmos alles andere als perfekt ist, aber man muss das ja nicht auch noch in der Zeitung lesen. In der Beziehung, siehe oben, sind sie Journalisten gar nicht unähnlich. Was wir Journalisten also als “kritische” Berichterstattung empfinden, wird in einem Mikrokosmos schnell mal als Nestbeschmutzung gesehen. Zugegeben, dieselben Leser beklagen sich dann auch mit Leidenschaft darüber, dass in der Zeitung wieder nichts Gescheites gestanden ist, aber das ist eben die Ambivalenz des lokalen Medienkonsumenten. Den Skandal gibt´s immer nur bei den anderen. Macht es also ernsthaft Sinn, sich mühende Journalisten auf Themen und Regionen und Menschen anzusetzen, die das zwar nie zugeben würden, letztlich aber gar kein journalistisches Projekt, sondern eher eine aufgehübschte Heimatchronik wollen?

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Trotzdem ist die Zwickmühle für Regionalzeitungen vermutlich größer als man auf den ersten Blick annehmen mag. Weil es mit einem Softlaunch, ein paar lustigen Serien und ein bisschen Copy&Paste ins Internet nicht getan sein wird. Und weil auch die radikalen Alternativen nicht immer verlockend klingen. Wenn es so einfach wäre, von einer Zeitung einfach mal eben den mit gut abgehangenen Agenturmeldungen vollgestopften Mantel wegzulassen und nur noch Lokales zu machen, hätte das ja jemand vermutlich schon gemacht. Wenn man wirklich mit dem, was wir Journalismus nennen, so einfach Geld verdienen könnte, ob gedruckt oder im Netz, dann gäbe es das vermutlich schon. Vielleicht aber bleibt auch alles einfach nur so, wie es schon ist: Journalisten, die eigentlich gerne etwas anderes machen würden, schreiben Dinge für Menschen, die wissen, dass die Journalisten eigentlich etwas anderes schreiben müssten. Das klingt nicht sonderlich prickelnd – ist aber vermutlich realistischer als die Annahme von der Revolution des (gedruckten) Lokaljournalismus.

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