Scheinriese Twitter

Vielleicht ist es einfach mal an der Zeit, sich ein paar Dinge einzugestehen. Beispielsweise, dass wir in unserer digitalen Journalistenblase gerne mal über Dinge reden, die bei genauerer Betrachtung Scheinriesen sind. Twitter beispielsweise, das ist so ein kleiner, böser Scheinriese. Einer, der uns von weitem betrachtet erst mal enorm groß und bedeutend vorkommt, der aber immer mehr zusammenschrumpft, wenn er näher kommt.

Das wäre erst mal gar nicht schlimm. Die Größe einer Sache falsch einzuschätzen, das passiert täglich irgendwo, in irgendeiner beliebigen Branche auf der Welt. Schwierig wird es erst dann, wenn man beginnt, die Dinge verzerrt wahrzunehmen. Speziell bei Twitter und seiner schnellen Daueraufgeregtheit ist mir das schon ein paar mal aufgefallen (und mehr oder weniger sauer aufgestoßen). Ich erinnere mich an die Nominierung von Gauck zum Bundespräsidenten, bei der ich in meiner Timeline innerhalb kürzester Zeit das Gefühl hatte, demnächst würde sich Deutschland zu neuen Montagsdemos erheben. Ich erinnere mich an den Piratenhype, bei dem man innerhalb der letzten 18 Monate bei Twitter den Eindruck bekommen konnte,die Frage sei nur noch, ob die Piraten die absolute Mehrheit erreichen oder vielleicht doch nochmal einen Koalitionspartner brauchen. Und nach der Wahl am Sonntag musste man davon ausgehen, dass es sich bei dem Ergebnis nur um das Ergebnis eines Staatsstreichs handeln konnte. In meiner Timeline habe ich jedenfalls keinen bekennenden Unionswähler gefunden.

Trotzdem hat es Twitter zu einer verblüffenden Bedeutung gebracht. Kaum eine politische Sendung mehr, bei der es nicht zum guten Ton gehört, irgendjemanden Tweets vorlesen zu lassen. „Was sagen die Menschen bei Twitter“ ist eine gerne suggerierte Frage, dabei ist diese Fragestellung schon falsch: „Die Menschen“ – falls es so etwas gibt – befinden sich gemessen an den Einschaltzahlen einer durchschnittlichen TV-Sendung in einem größeren Kanal höchstens zu einem Bruchteil bei Twitter. Meinungsfreudig und sehr aktiv womöglich, aber eben nur ein Bruchteil.

Nicht einmal das wäre zu kritisieren, müsste man nicht davon ausgehen, bei Twitter eine sehr spezielle Klientel zu finden, die sich zu einem beträchtlichen Teil aus Menschen speist, die irgendwas mit Medien zu tun habe und sich selbst – gelernt ist gelernt – zu einer Art Überrelevanz hochschaukeln. Anders gesagt: Twitter ist wichtig, weil wir wichtig sind, gerne wichtiger wären und gerne hätten, dass sich unsere Wichtigkeit irgendwo entsprechend widerspiegelt. Eines dagegen ist Twitter sich nicht: ein halbwegs repräsentativer Querschnitt durch irgendwas, es sei denn, man nimmt unsere digitale Medienblase als repräsentativ für irgendwas.

Was Journalisten mit Twitter anfangen können from Christian Jakubetz on Vimeo.

Was aber ist Twitter dann? Und was kann man mit Twitter als Journalist anfangen, außer sich selbst in Szene zu setzen und der geneigten Followerschaft jeden Tag die eigene Grandiosität auf 140 Zeichen mitzuteilen (nebenbei bemerkt: Twitter ist vermutlich das narzissmusfördernste Instrument seit Menschengedenken). Mit Frederik Fischer, CEO der Twitter-Suchmaschine „Tame“, habe ich mich darüber unterhalten. Das Ergebnis gibt´s im Video – und mehr über „Tame“ hier.

Und als kleine satirische Erinnerung daran, wie es aussieht, wenn Twitter in Wahlsendungen auftaucht und welche charmanten Rituale Journalisten und Politiker in Wahlsendungen sonst so betreiben – bitte sehr (Transparenzhinweis: Ich bin auch dabei).