Eine Kapitulation, ein Sapperlott und viele keine Antworten

Manchmal wirkt das Zusammentreffen zweier Ereignisse wie eine blanke Satire. Da ist zu einen der heutige Beginn der „Medientage“ in München, die laut Eigenwerbung „Europas größter Medienkongress“ sind, tatsächlich aber eher eine Recyclingmaschine gut abgehangener Trends darstellen. 61644-logo-pressemitteilung-medientage-muenchen.jpg
Da gibt es heute beispielsweise einen „Online-Gipfel“ (sie haben es dort recht mit den Gipfeln), der die „neuen Regeln der Medienökonomie“ zum Thema hat. Diese Regeln lassen sich laut Webseite mit „anytime, anywhere…“ zusammenfassen – und wenn Sie jetzt den Eindruck haben, diesen Begriff  zum ersten Mal im Jahr 2003 gehört zu haben, dann liegen Sie vermutlich gar nicht so falsch. Dass man dieses Thema vom „Chef Digital Officer“ von Pro7Sat1 und einer Irgendwas von Nestlé diskutieren lässt, passt ins Bild. (Mehr zu den Medientagen lesen Sie beim Kollegen Knüwer).

Und wenn Ihnen das zu abstrakt ist: In den ersten beiden Stunden der heutigen Veranstaltung hat der ZDF-Intendant Twitter als „Quelle“ bezeichnet und der Münchner Mittelgroßverleger Dirk Ippen ganz stolz erzählt, dass in den Redaktionskonferezen seiner Blätter auch immer die Onliner dabei sitzen. Sapperlott, hätte der große Harry Valérien vermutlich dazu gesagt.

Während die Medientage also alles in allem zu einer Veranstaltung geworden sind, bei der sich etablierte Medien und ihre Macher gegenseitig versichern, es sei alles gut und es werde im Fall der Fälle schon nichts so schlimm kommen, wie man immer hört, hat die einstmalige WAZ- und heutige Funke-Gruppe in diesem Jahr zunächst anders zugeschlagen. Der spektakuläre Deal und der damit verbundene Kauf der gesamten Regionalzeitungssparte von Springer wirkte ein bisschen wie die Botschaft: Seht her, es geht doch! Wir glauben an die gute, alte gedruckte Zeitung. So sehr, dass wir uns mal eben für eine knappe Milliarde neue Blätter zulegen. Soll also noch irgendeiner behaupten, Print hätte keine Zukunft.

Dabei sind sie bei Funkes lediglich weniger ehrlich als der gewesene Verleger der „Washington Post“, der freimütig einräumte, der Verkauf seines Blatts an Jeff Bezos habe auch damit zu tun, dass er kein Rezept gegen die Digitalisierung und die Zeitungskrise gefunden habe. Die Funke-Gruppe hat zwar die Springer-Blätter aufgekauft (ein Deal, bei dem Springer deutlich besser abschneidet übrigens), aber in ihrem ureigensten Kerngeschäft bereitet man seit längerem die Kapitulation vor: Noch bis zu Jahresende werden wieder Lokalredaktionen geschlossen bzw. soweit entkernt, dass nur noch eine Fassade übrig bleibt. Und das nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr.

Die Frage ist dabei gar nicht mal so sehr, wie sich das eigentlich mit dem milliardenschweren Zukäufen aus Hamburg verträgt. Die Frage ist sehr viel mehr: Welche Antworten haben Medienunternehmen (und keineswegs nur Verlagshäuser) überhaupt noch auf die aktuelle Entwicklung? Das Schließen und Streichen bei Funkes ist schließlich alles mögliche, nur keine Antwort. Das sind lebensverlängernde Maßnahmen ohne einen Hauch von Zukunftsfähigkeit. So wie es eine ganze Branche schon geraume Zeit gerne macht: Sie behauptet zwar immer, sie werde in der bisherigen Form überleben, ganz sicher sogar. Nur warum das so sein sollte, das beantwortet man leider nicht (übrigens vermutlich auch bei den Medientagen 2013 nicht).

Und nein, das ist kein Verlagsbashing, kein Händereiben angesichts einer „Zeitungskrise“. Das Thema Veränderung geht sehr viel weiter, bis hin in die Grundfesten des linearen Fernsehens. „RTL war gestern, die ARD – vorgestern: Eine Generation wendet sich vom Fernsehen ab“, schrieb beispielsweise die „Zeit“ in diesen Tagen und blieb mit dieser Zustandsbeschreibung weitgehend unwidersprochen. Das Dilemma ist dort das gleiche wie bei den Verlagen: Sehr viel mehr als „wir machen demnächst dann auch mal mehr im Internet“ ist den deutschen Sendern, gleich ob privat oder öffentlich-rechtlich, bisher nicht eingefallen.

Dabei muss man eines ganz nüchtern sehen: Klassische Medien sind gerade dabei, eine ganze Generation von Nutzern zu verlieren. Man nehme die Zahlen des Durchschnittsalters der Zuschauer der deutschen TV-Sender, man nehme die Zahlen der wirtschaftlichen Entwicklung der deutschen Zeitungsverlage, nichts deutet darauf hin, dass diese radikale Abkehr vom System noch zu stoppen sei.

Antworten darauf, so viel ist sicher, wird es in dieser Woche auch in München nicht geben. Außer vielleicht der: Solange man in der Lage ist, glitzernde Kongresse mit Retro-Themen abzuhalten, tut es immer noch nicht ausreichend weh.