Trump – die Chance für den Journalismus

In meinem Schädel blinkt gerade immer nur ein Wort: TRUMP! TRUMP!!!

Außer einer privaten Vorliebe für die USA habe ich mit diesem Menschen nichts zu tun. Ich lese seine diversen Ausfälligkeiten, bin einer seiner Abermillionen Follower und habe am Anfang, kurz nach seiner Wahl gedacht: Mei, die Amis mal wieder. Vier Jahre übersteht der eh nie im Amt. Eigentlich dachte ich, dass da noch irgendwas aus einer dunklen Ecke kommen müsste. Irgendeine handfeste sexuelle Belästigung oder ein paar Bemerkungen, die selbst den Amerikanern zu blöd werden. Irgendwas, weswegen man jetzt beschließen müsste, Trump doch nicht ins Amt zu lassen und stattdessen entweder Obama eine dritte Amtszeit zu gewähren. Oder wenigstens seine Michelle zur Präsidentin zu machen.

Ein paar Tage später weiß ich nicht, ob ich über so viel Naivität lachen oder mich selbst watschen soll. Weil sich ein paar ganz neue Fragen stellen. Eine davon ist: Wenn Trump offen und seine rechtspopulistischen Bewunderer in Deutschland uns Medienmenschen wenigstens verbrämt den Krieg erklären – müssen wir dann nicht auch mal unsere eigenen Positionen überdenken? Eine davon lautet: Wir sind immer neutral, lassen jeweils die andere Seite zu Wort kommen und beziehen Position nur dann, wenn wir ausdrücklich irgendwas mit „Das ist unsere Position!“ drüber schreiben.

Ist es wirklich eine gute Idee, wenn Journalismus sich stillschweigend neutral verhält, wenn andere gerade dabei sind, postfaktische Alternativ-Fakten zu schaffen?

Was wir gerade sehen, ist nicht wirklich neu. Das Schaffen der eigenen Wahrheit durch das kreative Neu-Interpretieren von „alternativen Fakten“ hat schon Orwell in „1984“ beschrieben. Es gehört zum Standardrepertoire von allen, die zumindest autokratische Züge aufweisen. Und wer wollte bezweifeln, dass die Trumps und all die anderen Rechtspopulisten dieser Welt Autokratie zum zentralen Element ihrer Ideologie machen? Kennt irgendjemand eine wunderbar funktionierende rechtspopulistische Demokratie? Na also. Dass Menschen mal besser nicht zu viel Zeit in kritische Gedanken verschwenden, gehört zwingend zu deren Philosophie (bei Trump vermutlich auch zu seiner pathologisch narzisstischen Veranlagung, die ihn denken lässt, er und sein Kabinett hätten den höchsten IQ aller Zeiten; wer braucht da noch ein denkendes Volk oder womöglich sogar Medien?).

Dazu gehört zwingend auch die Idee, Medien und Journalisten zu diskreditieren. Das Prinzip ist ein einfaches. Es funktioniert zuverlässig seit Menschengedenken: Man gibt den Dummdreisten. Sagt, dass das, was andere behaupten, in Wirklichkeit nie passiert ist. Sät solange Zweifel, bis nicht nur die schlichteren Gemüter matsche sind im Hirn. Und natürlich findet man einleuchtende Gründe für das eigene Handeln: Medien sind vom Feind gelenkt, Medien sind zersetzend. Oder aber man macht es auf die ganz billige Tour: Wert 10 der nach oben offenen Trump-Skala ist die Behauptung, Journalisten gehörten zu den unehrlichsten Wesen, die diesen Planeten jemals bevölkert haben.

Vom Gate-Keeper zum Gate-Watcher

Unser Job, der war lange Zeit einfach zu beschreiben: Wir waren die Gatekeeper. Diejenigen, die letztendlich entscheiden, was durch diese Tore durchkommt und was nicht. Das steht hier in der Vergangenheit, weil eine Zeitform selten angebrachter war. Gatekeeping, das ist endgültig Vergangenheit. Genau genommen gibt es gar keine Gatekeeper mehr, außer vielleicht Algorithmen. Ansonsten: Jeder postet und sagt in diesem Zeitalter, was ihm gerade durch den Kopf geht. Das ist manchmal nur hanebüchener Stuss, gelegentlich sind es auch nur Debatten um des Kaisers Bart, beispielsweise darüber, wer mehr Zuschauer oder das beeindruckendere Geschlechtsteil hat. Immer öfter handelt es sich dabei aber auch um gezielte Lügen. Um ganze Kampagnen, die nur ein Ziel haben: Mit den Mitteln digitaler Technik ganze Gesellschaften zu destabilisieren, indem man den Glauben an ungefähr alles untergräbt.

Das alles können wir nicht mehr verhindern. Nicht in einem Zeitalter, in dem sich Präsidenten über Twitter wahlweise auskotzen oder sich auch mal beharken. Oder in dem selbst Menschen, die beim Denken ansonsten eher Pech haben, in der Lage sind, mit ein bisschen Software Zeug in den Umlauf zu bringen, das zwar aus furchtbar schlechten Fälschungen besteht, trotzdem aber immer noch eine ganze Menge Deppen-Abnehmer findet, die gerne das glauben, was sie glauben wollen. Auch das ist kein Phänomen dieser angeblich postfaktischen Tage, sondern unter Wissenschaftlern schon seit Dekaden als das Phänomen des confirmation bias bekannt.

Was also bliebe uns anderes übrig, als diese vielen Gates, durch die plötzlich unvorstellbar viel Zeug gepumpt wird, genau im Auge zu behalten? Und immer wieder zu schauen, zu checken, zu überprüfen? Und gelegentlich auch mal eine Lüge als das zu bezeichnen, was sie ist: nämlich eine Lüge? Keine Fake News, keine alternative Facts – sondern eine Lüge. Wer das alles furchtbar aufregend und neu findet und gerade auf der Suche nach einem passenden Namen für solche Truppen ist: Redaktion wäre ein passabler Vorschlag.

Was wir machen müssen. Nein, sollten. Oder könnten.

Was wäre es schön und einfach, wenn wir jetzt sagen könnten: Wir müssen einfach die Wahrheit schreiben. Sagen, was ist, wie es der alte Augstein so griffig formulierte. Das allerdings taugt nur noch für ein paar hübsche Claims. Tatsächlich haben auch Journalisten dazu beigetragen, dass es die Lügenpressebrüller inzwischen so leicht haben. Die Haltung, die Journalisten immer noch oft genug einnehmen, ist nicht selten von einem Verhalten geprägt, das auch Trump nicht fremd ist: Bescheidenheit und (Achtung, jetzt folgt ein furchtbar altmodisches Wort) Demut kommen in den Hauptcharakteristika unseres Standes eher selten vor. Natürlich kann man sich über die SAT1-Rampensau Claus Strunz amüsieren, weil er Kommentare spricht, in denen er der Kanzlerin erklärt, was sie tun müsste. Ehrlicherweise müsste man dann aber noch ein paar hundert andere Kommentare der letzten Jahre aufzählen, deren Inhalt zusammengefasst „Was der Kanzler/der Präsident/die ganze Welt jetzt tun muss“ lautet.

Natürlich ist es hochgradig erfreulich, dass unter uns Journalisten so viele Hochbegabte sind, die der Welt genau erklären können, was sie falsch macht. Ob man sich von solchen Menschen aber immer auch beschulmeistern lassen will, ist eine andere Frage. Und irgendwo muss diese Entfremdung ja herkommen. Wenn jedenfalls ein Buch wie „Gekaufte Journalisten“ trotz seines haarsträubenden Inhalts wochenlang in den Bestseller-Listen steht, kann man natürlich mit den Fingern auf den mittlerweile verstorbenen Udo Ulfkotte zeigen. Ändert nur nichts daran, dass Journalisten ein Problem haben, wenn Menschen offenbar so einfach davon zu überzeugen sind, dass es sich bei ihnen um eine abgehobene Elite handelt. Und es ist ja nicht nur Ulfkotte. Der echte Trump und die ganzen kleinen Trumps machen nichts anderes: Sie brüllen irgendwas mit Elite und können sich auf die entsprechenden Reflexe der Nicht-Elite verlassen.

Es wäre also zumindest schon mal ein Schritt, wenn sich Journalisten auch um ein paar Sympathiepunkte bemühen würden. Schon klar, wenn man geliebt werden will, ist man in diesem Job falsch. Man muss ja trotzdem nicht gleich den Michael Kohlhaas geben: „Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!“

Die Rückkehr des Journalismus: Danke, Trump!

Journalismus ist natürlich nicht nur eine Frage der Glaubwürdigkeit oder Sympathie, obwohl beides nicht schaden kann. Journalismus hält im Idealfall eine Gesellschaft am Laufen, wobei es natürlich vorteilhaft wäre, wenn eine Gesellschaft sich für das, was da gerade passiert, wenigstens halbwegs interessiert. Der ungeliebte Trump könnte also noch einen positiven Effekt haben. Nämlich den, dass sich Menschen wieder für so sperrige Dinge wie Politik und Gesellschaft interessieren. Weil sie bemerken, dass eine funktionierende Gesellschaft nicht der Selbstläufer ist, für den sie ihn versehentlich hielten in Zeiten, in denen jedes Fußballspiel inzwischen zur Breaking News taugt und man sich mit Hingabe über Menschen unterhält, die im australischen Busch campierend einen öffentlichen Wettbewerb in Verhaltensoriginalität betreiben. Gegen den überaus lustigen Dschungel ist prinzipiell nicht das Geringste einzuwenden, solange man sich darüber im Klaren ist, dass es ein paar Dinge gibt, die man auf die Reihe kriegen muss, bevor man sich dem lustigen Blödsinn widmet.

Die New York Times hat rund 200.000 neue Abonnenten dazu gewonnen, seit klar ist, dass ein selbstverliebtes Großmaul Präsident wird. Bei der „Washington Post“ stocken sie gerade die Investigativ-Ressorts spürbar auf. Es könnten also, paradox genug, goldene Zeiten für den Journalismus werden, wenn er seine Aufgabe ernst nimmt.

Dazu gehört allerdings auch, dass dieses onkelige, ritualisierte „Wir sind dagegen!“ aufhört. Schlaue wie ermüdende Aufsätze über die Folgen des Trumpismus habe ich ausreichend gelesen. Journalismus ist auch Haltung, schon klar.

Doch vor der Haltung kommt die Leistung. 2017 sind auch in Deutschland Wahlen. Spannender denn je also die Frage: Wer investiert jetzt in Journalismus – und wer nur in langweilige Technologie?