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Anmerkungen eines Medienmenschen

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Nur 50 Prozent kürzen für 237 Prozent Erfolg!

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Das Netz ist ein ulkiger Ort für Journalisten. Man kann dort sogar in mathematischen Formeln ausrechnen, wann ein Text ein Erfolg wird oder eher nicht. Man kann Texte optimieren und sich das Handwerkszeug dazu in Barcamps und Werkstätten beibringen lassen.  Man kann Systeme entwickeln und noch ein bisschen anderen Kram machen. Kurzum: Man muss als Journalist im Netz nicht mehr gute Geschichten erzählen und zu sehen, dass man einen Stil schreibt, von dem man möglicherweise einfach nur eines behaupten kann: dass man ihn gerne liest, dass er fesselt, unterhält, informiert.

Mehr müsste so ein Text also gar nicht können. Trotzdem kommt man als Journalistenausbilder seit Jahren nicht mehr an der Frage vorbei, wie man denn nun richtig textet fürs Web. Ganz so, als gäbe es dafür eine Formel, die man mal eben auswendig lernt und dann beizeiten per Spickzettel anwendet, in zehn Schritten zum guten Leitartikel. Oder so. Ich mochte die Debatte schon früher nicht, weil sie die interessantesten Formen von Kreativität in ein starres Regelwerk presst und die besten Pianisten ja auch nicht die sind, die immer stur nach Noten spielen, ohne so etwas wie eine eigene Note zu entwickeln. Aber in den letzten Jahren ist sie penetrant geworden, weswegen es mich auch nicht gewundert har, dass ich für ein Seminar über Onlinejournalismus mal wieder den Punkt “Richtig texten fürs Web” aufgedrückt bekommen habe. Nicht in zehn Schritten, aber so ähnlich.

Am liebsten würde ich dort ja ein paar Sachen sagen, die man in Seminaren blöderweise nicht sagen kann. Ich würde ihnen gerne von dem Unfug erzählen, den man da gerne mal hört. Vor kurzem habe ich beispielsweise von einer Formel gehört, nach der eine Agentur (oder so was ähnliches) festgestellt haben will, mit einer Textkürzung um 50 Prozent, einer ordentlichen Anpassung eines Layouts und einem sachlichen Stil (öh??) bei einer Kombination von diesen Maßnahmen auf eine Verbesserung der Nutzerfreundlichkeit von fast 130 Prozent zu kommen. Dabei müsste jemand, dessen Nutzerfreundlichkeit und Textqualität sich mal eben so um 120 Prozent steigern lassen ohnehin schon journalistisch gesehen klinisch tot sein.

Und ich würde ihnen gerne sagen: Solange ihr euch nicht aufplustert und euch in der eigenen Bedeutung suhlt und mit den Fragmenten eurer Restbildung heischend um euch werft, ist eigentlich fast alles wurscht (in Bayern nennt man sowas übrigens “Gschwoischädel”, aber ich glaube, das versteht man dann auch nur in Niederbayern). Man müsste ihnen außerdem mitteilen, dass bei all dem Gerede ums Netz und dem Kult um Personen nichts so sehr nervt wie textliche und sonstige Selbstverliebtheit,  dass Journalisten immer noch eher Dienstleister als Selbstdarsteller sind und mich ansonsten weder die persönlichen Befindlichkeiten noch andere Assoziatonsverwirrtheiten interessieren. Dass  Geblubber auch dann Geblubber bleibt, wenn man Feuilleton drüber schreibt. Dass man Kreativität nicht verordnen und nicht in Regeln packen kann.  Und schließlich noch, dass diejenigen die klügsten und sympathischsten Köpfe sind, die nicht andauernd das für sich lautstark in Anspruch nehmen. Und, ach ja, glaubt keinen Göttern, auch nicht denen, die behaupten, es seit vielen Jahrzehnten zu sein und darüber mindestens 38 Bücher geschrieben haben.

Das alles würde ich gerne sagen, aber deswegen gehen junge Menschen vermutlich nicht in Seminare und deswegen bieten Seminarveranstalter vermutlich auch keine Seminare an. Auf der anderen Seite: Soll ich Ihnen ernsthaft goldene Schreibregeln erzählen, darüber reden, dass man mit Adjektiven ein bisserl vorsichtig sein soll und man in Überschriften besser keine Fragen stellt, weil es unser Journalistenjob ist, Fragen zu beantworten (meistens jedenfalls)?

Für meinen Teil weiß ich jedenfalls, warum es Menschen gibt, deren Texte ich aus Prinzip nicht lese — und wieso andere selbst über einen Ameisenhaufen so erzählen können, dass ich noch ein paar weitere Stunden zuhören will. Mit Schreibregeln für Netz oder sonstwas in der Welt hat das jedenfalls nicht sehr viel zu tun.

Written by cjakubetz

Oktober 17th, 2011 at 11:51 pm

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Eine kleine App-Kritik (9): Dahinter steckt ein analoger Kopf

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Ich war selten auf eine App so gespannt wie auf die der FAZ. Und selten bin ich nach einer App mit gemischteren Gefühlen am Rechner gesessen wie nach dem ersten Durchgang mit den klugen Köpfen aus Frankfurt.

Das Positive zuerst: Die technische Umsetzung ist sauber und ansprechend, ganz anders als beispielsweise die leider ziemlich hingeschluderte App der taz. Man kann das Blatt im Orginal-Layout lesen, man kann aber auch in eigenen Text-Lese-Modus gehen. Es gibt die schöne Idee eines Merkzettels, auf dem man sich bis zu 80 Artikel aus verschiedenen Ausgaben speichern kann und es gibt eine Art Alert, den man sich einrichten kann und bei dem jede neue Ausgabe automatisch auf vorher festgelegte Schlagwörter durchsucht wird. Das alles dann auch noch zu einem Preis, der mit 1,59 Euro auch noch unterhalb dem der Printausgabe liegt.

Soweit so gut alles — bis hierhin. Leider hat die FAZ wirklich vollständig auf jegliche Verbindungen in die digitale Welt verzichtet. Kein einziger Weg führt zu FAZ.net Wirklich kein einziger. Natürlich: Man kann sich auf das Argument zurückziehen, dass es ja in erster Linie darum geht, die Zeitung zu lesen. Trotzdem Will man etwas nahchschlagen, was evtl. bei FAZ.net zum Thema stehen könnte, muss man erst die App verlassen und zum Browser wechseln. Ich glaube gar nicht, dass man aus der Tageszeitung am iPad unbedingt ein hypermediales Abenteuerland machen muss, aber auf einem hypermedialen Gerät wie dem iPad ein analoges Produkt wie eine Zeitung komplett analog anzubieten, das ist zumindest gewöhnungsbedürftig und schwer erklärbar.

Keine Ahnung, wie DIE App der Zukunft aussieht. Ein Blatt 1:1 aufs iPad bringen — das ist es in jedem Fall noch nicht.

Written by cjakubetz

April 20th, 2011 at 10:01 pm

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Eine kleine App-Kritik (8): Handelsblatt last

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Die App des “Handelsblatts” ist eine ganze Zeit komplett an mir vorbeigegangen. Das hängt mit meinem eher mäßigen Interesse an Wirtschaftsjournalismus zusammen, aber auch damit, dass ich aus Düsseldorf nicht wirklich viel erwartet hatte. Deswegen blieb das iPad lange eine handelsblattfreie Zone. Zumal mich auch noch anderes abschreckte: Das Wunderding sollte nur zur Einführung kostenfrei sein, danach wollte man Geld dafür. So legitim ein solches Ansinnen ist, ich ertappe mich immer öfter bei dem Gedanken: Wie, kosten soll das auch noch was? (Sagen Sie mir nicht, dass das absurd ist, ich weiß es)

Nachdem dieses Ansinnen jetzt gescheitert und die App an Siemens versponsert ist, bin ich dann doch neugierig geworden. Erstmal ganz nüchtern betrachtet: Steht man dem “Handelsblatt” wohlgesonnen gegenüber, nennt man das wohl eine solide App. Man kann sie auch langweilig nennen. In einem Zeugnis für Arbeitnehmer würde wahrscheinlich stehen: Hat sich bemüht. Macht nichts falsch, aber auch nichts überragend gut. Sie ist so wie eine App eben ist, wenn man sehr aus der Zeitungsecke kommt. Man macht irgendwie eine Zeitung am Bildschirm. Viel Text, wenig Fotos. Und wenn, dann eigenartig rechts oben und außerhalb des Textes platziert.

 

Zwei Dinge muss man dann aber doch noch erwähnen — nicht, weil sie so besonders sind, sondern weil sie so gewöhnlich sind, dass sie damit stellvertretend für einiges im (Zeitungs-)Journalismus stehen. Zum einen: Man muss nur ein bisschen Videoerfahrung haben, um zu wissen: Ohne bewegtes Bild sehen Videos irgendwie komisch aus. Das “Handelsblatt” hat für sein 100-Sekunden-Format leider kein Bewegtbildmaterial. Deshalb steht dort regelmäßig eine akkurate Dame und sagt irgendwelche komischen Texte auf, während hinten ulkige Symbolfotos auf dem Screen hin-  und herfliegen. Das ist zwar Video, aber so unterhaltsam wie eine alte Folge von Aktenzeichen XY mit Eduard Zimmermann.

Was uns dann letztlich zum zweiten und wohl entscheidenden Problem führt: Wofür bezahlt man noch in einer Zeit des journalistischen Überflusses? Für mittelgut aufbereitete Nachrichten und eher komische Videos jedenfalls nicht. Das “Handelsblatt” wird wohl weiter einen Sponsor für seine App brauchen. Bei mir fliegt sogar die Gratis-Version wieder runter vom iPad.

Written by cjakubetz

April 19th, 2011 at 8:35 pm

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Wir machen die kleine Flattr

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Vor ein paar Monaten war die Euphorie mal wieder einigermaßen groß: Mit dem einfachen Bezahlen von Kleinstbeträgen sollten Nutzer es ermöglichen, dass Journalisten und Blogger wenigstens ein paar Euro einnehmen können — abseits der ohnehin deutlich kümmerlicher werdenden Honorarsätze in den Strukturen konventioneller Medien. Zugegeben, ich war zwar skeptisch, fand aber dennoch, dass die Idee einen gewissen Charme hatte. Jetzt, ein knappes Jahr nach dem Mini-Micropayment-Boom, stelle ich leider fest: Der Skeptiker in mir hatte recht.

Im “Journalist” hatte ich im letzten Juli ein Stück geschrieben, in dem ich nicht einfach nur vorstellen sollte, wie solche Modelle funktionieren, sondern zudem auch einschätzen durfte,  wie wohl die Chancen stünden, dass sich Redaktionen und (freie) Journalisten dadurch neue und nennenswerte Einnahmequellen schaffen könnten. Schon damals war absehbar, dass Flattr aufgrund des relativ einfachen und nachvollziehbaren Modells wohl die größten Chancen haben dürfte, Kachingle hielt ich für ein aussichtsloses, weil zu komplexes und irgendwie auch zu geschlossenes Modell. Kachingle ist (zumindest im deutschsprachigen Raum) nach meinem Eindruck tatsächlich schon am Ende. Ich kannte ohnehin kaum jemanden, der das System bei sich einsetzte. Die wenigen, die es taten, haben es wieder runtergeworfen. Und die, die damit Geld “eingenommen” haben, müssen sich leicht veralbert vorgekommen sein. Ich kenne jemanden, der mit einem einstelligen Dollarbetrag zu den Top-Verdienern bei Kachingle gehört hat.

Bleibt also Flattr, das im Grundsatz ja wunderbar funktionieren könnte. Es ist für beide Seiten einfach zu bedienen, es funktioniert mit Kleinstbeträggen, es hat also alles, was man an Anforderungen an ein Micropayment-System theoretisch haben könnte. Eingebaut habe ich Flattr letztes Jahr im Sommer und war anfangs auch erstaunt. Nicht, dass man damit Reichtümer verdienen könnte, aber zunächst empfand ich ja schon mal als sensationell, dass überhaupt jemand ganz freiwillig einen Text von mir bezahlte, selbst wenn es nur in Centbeträgen ist. Dieses Gefühl finde ich auch heute noch irgendwie schön, aber unbestritten ist zumindest nach meiner Beobachtung auch, dass  auch bei den Usern die Begeisterung für Flattr schon wieder gesunken ist.

Um es konkret zu machen: In den ersten drei Monaten, nachdem ich den Flattr-Button angebracht hatte, kamen jeweils zwischen 50 und 70 Euro im Monat zusammen. Danach ging es stetig abwärts, obwohl die Zugriffszahlen auf dieser kleinen Seite konstant fünfstellig waren und an guten Tagen auch mal in die Richtung der 10.000 gehen. Weniger ist der Output auch nicht geworden, bleiben also zwei Möglichkeiten: Entweder die Texte sind schlechter geworden oder das Flattrn lässt wieder nach. Letzten Monat (also: März) blieben dann gerade mal noch rund 16 Euro übrig. Ich nehme mich da übrigens selbst nicht aus. Als ich meinen Flattr-Account eröffnete, flatterte ich jeden Tag. Inzwischen erinnert mich Flattr manchmal per Mail daran, dass ich den Monat noch gar nichts geflattert habe und mein Guthaben demnächst einem guten Zweck zugeführt wird. Woran das liegt, kann ich mit nüchternen Argumenten nicht erklären. Weder lese ich weniger noch finde ich meine bevorzugten Blogger schlechter.

Was ich ebenfalls beobachte: Auch viele andere Blogger landen bei relativ müden Flattr-Zahlen, selbst solche, die große Blogs mit hoher Reichweite haben.  Selbst die taz hat ja schon eingeräumt, dass sie höhere Erwartungen an das Experiment Flattr hatte. Ebenfalls beobachtet: Den Löwenanteil an den verflatterten Beträgen teilen sich sehr wenige auf. Ohne es belegen zu können, würde ich sagen: 80 Prozent landen auf 10 Seiten. Nennt man das also wieder Long Tail?

Für freie Journalisten jedenfalls, da bin ich mir sicher, ist soziales Microypayment zumindest in Deutschland nichts, was auch nur minimal in eine Kalkulation einbezogen werden kann. Nichts, womit sich Arbeit finanzieren ließe.  Schade drum — ich würde wirklich gerne lieber anderes schreiben.

Written by cjakubetz

April 8th, 2011 at 2:23 pm

Eine kleine App-Kritik (7): Die Sonntags-RP

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Manchmal, wenn ich danach gefragt werde, welche App-Konstruktion ich für eine Tageszeitung als am besten geeignet ansehe, denke ich mir im Stillen: Ich bin mir nicht so sicher, ob eine tagesaktuell erscheinende App wirklich die beste Lösung ist. Zumindest dann, wenn man wirklich mehr machen will als einfach nur die aktuelle Printausgabe ins Netz zu transferieren. Aufwändig multimediale Geschichten erzählen erfordert einen enormen materiellen und personellen Aufwand, frag nach bei der “Frankfurter Rundschau”.

Auf der anderen Seite liebe ich den Sonntag als Lesetag. Deswegen bin ich ziemlich glücklich darüber, dass es den “Spiegel” für das iPad schon am Samstag gibt, weil ich dann am Sonntag richtig ausgiebig lesen kann. Und auch die Tastache, dass es nur zwei Sonntagszeitungen in Deutschland, bedaure ich bei aller Liebe vor allem zur FAS dann doch sehr.

Diese beiden Gründe zusammen genommen sind es, warum mir die Idee der “Rheinischen Post” gut gefällt, eine Art Sonntags-Zeitung für das iPad zu machen. Und noch besser als die Idee gefällt mir die Umsetzung. Chapeaux, das ist wirklich gut gemacht. Eine sehr intuitive Benutzerführung, ein ansprechendes Layout – und vor allem: sehr solides multimediales Erzählen, da wo es angebracht und sinnvoll ist. Die Geschichte in der Premieren- Ausgabe über Duisburg ein halbes Jahr nach der Love-Parade ist richtig gut geworden und zeigt, dass multimediales Erzählen eben nicht einfach besinnungsloses Tremolo mit allen irgendwie zur Verfügung stehenden Mitteln ist.

Ebenfalls schön: kein wahlloses Reinkopieren von irgendwelchen Printgeschichten (siehe Hamburger Abendblatt), sondern tatsächlich klassischer Lesestoff für einen halbwegs entschleunigten Sonntag.

Kompliment also: Wenn die weiteren Ausgaben das halten, was die Premiere verspricht, dann gehört das Ding in jede gepflegte App-Sammlung.

Written by cjakubetz

Januar 29th, 2011 at 7:45 pm

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Eine kleine App-Kritik (5): So wird das gemacht!

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Gut, man könnte jetzt das Übliche sagen: Es ist die ARD, da ist viel Geld da, da ist viel Zeit und Personal da. Trotzdem kommt man nicht daran vorbei, als die beiden Tagesschau-Apps für iPhone und iPad erstmal als das Beste zu bezeichnen, was in dem Genre in Deutschland derzeit auf dem Markt ist. Die App ist exakt so, wie man sie sich wünscht. Übersichtlich, sehr funktional, intuitiv zu bedienen, voll mit sinnvollem und gutem Inhalt und noch dazu auch optisch edel.

Im Übrigen erledigt die App der Tagesschau auch vieles der Verlegerkritik quasi im Vorbeigehen. Inhaltlich bietet die Tagesschau nichs anderes als was sie noch sonst auch bieten würde, nämlich eine Kombination aus Texten und Bewegtbild (man darf ja den Teletext wohl auch als Text bezeichnen, ohne gleich von “Presse” zu reden). Sie macht das richtig gut und – mit Verlaub – auch sehr besser als die Kollegen in den Verlagen. Das muss übrigens keine Selbstverständlichkeit sein, man sehe sich dafür nur zum Vergleich mal die App der “Tagesschau” des Schweizer Fernsehens an, die nicht im Ansatz mit der ARD konkurrieren kann. Vom ORF wiederum gibt es noch gar keine.

Also, kurz zusammengefasst: Bei mir hat die ARD gerade mächtig gepunktet — und das Verhalten vieler Verlage kommt mir gerade unfassbar larmoyant vor. Bringt selbst mal sowas auf den Markt, anstatt immer nur zu jammern und zu betonen, wie unersetzlich ihr seid.

Written by cjakubetz

Dezember 21st, 2010 at 9:17 am

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Eine kleine App-Kritik (4): iPad wird ohne Bild erst schön

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Ab heute lese ich auf dem iPad keine “Bild” mehr. Womöglich werden Sie jetzt staunen, dass ich das bisher getan habe. Also, sagen wir es anders: Wenn ich bisher “Bild”auf dem iPad gelesen hätte, würde ich es ab sofort nicht mehr tun. Und nein, in den kommenden Zeilen wird jetzt nicht von irgendwelche Inhalten gesprochen. Sondern davon, wie man sich seinen Ruf beim Publikum mit einer schlechten App ernsthaft ruinieren kann.

Der Reihe nach: Seit heute ist die App von “Bild” auf dem Markt. Und seit heute erhält man auf dem iPad eine unschöne Meldung, wenn man auf bild.de geht. Man wird umgeleitet auf eine Seite mit dem nur mittelorginellen Namen “bildgehtapp”, auf der man wiederum mitgeteilt bekommt, dass man bild.de ab sofort nicht mehr auf dem Browser lesen könne. Dafür aber auf einer ganz wunderbaren und kostenpflichtigen App, die angeblich ganz famose Dinge können soll.

Schaut man sich diese App dann an, kommt man aus dem Staunen kaum heraus. Staunen darüber, dass ein großer und hochprofessioneller Laden wie “Bild” eine App auf den Markt wirft, die in etwa wirkt wie ein knarzender Dieseltraktor, der aus Versehen auf einer Ausstellung für Sportautos gelandet ist.  Die Ladezeiten der App sind indiskutabel, ihre Benutzerführung hochgradig irritierend. Optisch kommt sie so daher wie das Internet aus dem Jahr 1999.  ”Bild” entdeckt den guten alten Frame wieder, den man dann irgendwie wieder wegklicken muss. All die ganze Eleganz und Leichtigkeit eines iPads verschwindet auf einen Schlag, lädt man sich die “Bild”-App darauf — und man würde irgendwie Herrn Döpfner gerne mal fragen, ob es nicht möglich wäre, ein paar iPad-Entwickler zu engagieren, die den Begriff “Ästhetik” schon mal gehört haben, selbst dann, wenn wir von “Bild” reden. Gruselig – ich habe bisher noch von keinem Medienunternehmen eine derart schlampig und wenig durchdachte App gesehen wie in diesem Fall.

Gleichzeitig erkennt man zum einen, in welchem Dilemma Medienunternehmen in Sachen iPad generell stecken. Und man erkennt zum anderen, dass es eine hochgradig gewagte Strategie ist, die “Bild” dort fährt. Zwar weiß man seit heute auch, dass Matthias Döpfner die Medienbranche vor einer Renaissance sieht, trotzdem ist es auch für einen großen Optimisten kaum nachvollziehbar, wie das “Bild”-Modell gehen soll. Punkt eins: Niemand lässt sich gerne aussperren oder gängeln und fühlt sich deswegen erst mal vor den Kopf gestoßen, wenn ihm sein iPad plötzlich mitteilt: Wir müssen leider draußen bleiben! Dann ist es auch nicht nachvollziehbar, wieso ausgerechnet auf dem iPad. iPhone und Laptop gehen, iPad nicht? Da wird “Bild” einiges einfallen müssen, um diese Logik zu erklären. Wenn ich es denn also ohne bild.de gar nicht aushalten sollte, nehme ich mir ein anderes Gerät. Nur weil ich die Seite auf EINEM Gerät nicht mehr lesen kann, werde ich kaum “Bild” abonnieren (wobei das ohnehin ein Widerspruch in sich ist; “Bild” ist als Zeitung keine Abozeitung — und setzt jetzt auf ein Abo-Modell??).

Und dann ist da ja auch die Sache mit dem Mehrwert. Den erwartet man von einer App, den kündigt “Bild” groß als Evolution an — und den setzt man zwangsweise auch voraus, wenn das gute Stück sogar teurer als die Printausgabe ist (eine Ausgabe kostet immerhin 79 Cent). Wenn man dafür dann etwas bekommt, was man so auch auf bild.de erhält, ergänzt mit ein paar Spielereien, die Menschen immer dann machen, wenn sie sehen, dass es geht, dann ist das kein Mehrwert. Beispiel: In der “Verlierer/Gewinner”-Rubrik fliegt jetzt das ominöse “BILD meint…” irgendwie von der Seite ein, was aussieht wie in einer miserablen Powerpoint-Präsentation, die ein 13jähriger Einsteiger gemacht hat.

“Bild” liefert auf seiner App nicht einen einzigen Grund, sich das gute Stück zu laden. Der Springer-Verlag liefert kein einziges Argument, um sein gebetsmühlenartiges “Paid Content”-Gerede nachvollziehen zu können. Matthias Döpfner liefert nicht einen Grund, warum man die Sache mit der Renaissance und dem iPad glauben sollte.

Denn, kurz gesagt: Das iPad wird ohne Bild erst schön.

Written by cjakubetz

Dezember 8th, 2010 at 6:42 pm

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Eine kleine App-Kritik (3): Ein spiegelnder Stern

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Lustig, oder? Da gibt es gerade mal eine Handvoll Apps aus deutschen Verlagshäusern — und schon kann (muss) man von Standards sprechen. Das kann man auslegen wie man mag, wenn man ein bisschenmotzig drauf ist, könnte man anmerken: Das ist wie bei der Gestaltung von Webseiten, einer (Spiegel Online) macht was vor, die anderen machen es nach. Die “App” des Stern jedenfalls sieht ziemlich stark nach der des “Spiegel” aus und orientiert sich auch inhaltlich deutlich am spiegelnden Vorbild. Soll heißen: Ab und und gibt es noch ein paar multimediale Ergänzungen, die alle ganz nett sind, wobei ich aber weder beim Spiegel noch beim Stern irgendetwas gesehen habe, was ich jetzt wirklich als zwingend bezeichnen würde. Mir kommen diese Sachen eher wie multimediale Giveaways vor, die man irgendwann mal wieder in irgendeiner Ecke liegend bemerkt.

Weil aber wiederum die Standards, die der “Spiegel” in Sachen Apps gesetzt hat, nicht die schlechtesten sind, darf man auch der “Stern”-App wenigstens das Attribut solide verpassen. Die großzügige Optik des Magazins und die meistens immer noch wunderbaren Fotostrecken kommen dem iPad und seinem Display ziemlich entgegen, soll heißen: Auch optisch kann man den Stern auf dem iPad durchaus genießen. Schön finde ich auch die Option “Fliepview”, bei der die Seiten-Miniaturen unten am Bildschirmrand eingeblendet sind. So etwas fehlt mir beim “Spiegel” noch.

Eher unsicher bin ich mir in einem anderen Punkt: Die Lade- und Installationszeiten eines Heftes waren heute zumindest bei mir in einem an sich sehr schnellen WLAN jenseits aller Zumutbarkeitsgrenzen. Wenn das wirklich immer so wäre, dann müsste man zumindest Abzüge in der B-Note geben: Rund 5 Minuten für Download und Installation eines einzelnen Heftes sind indiskutabel.

Und schließlich noch eines: Der “Stern” zeigt unfreiwillig, dass das iPad nach den jetzigen App-Modellen zwar Leser verschiebt, aber keine neuen hinzugewinnen kann. Wer das Heft aufs iPad geladen hat, wird es nicht auch noch gedruckt lesen. Für einen ganz großen Wurf a la “Wired” fehlt es in deutschen Verlagen momentan offenbar noch an Mut.

Written by cjakubetz

November 19th, 2010 at 2:06 pm

Eine kleine App-Kritik (2): Dahinter steckt nicht immer…

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Bei der FAZ lässt man sich traditionell gerne etwas Zeit, bis man eine Weiterentwicklung in der digitalen Welt mitmacht. Als alle Welt schon mit Internet-Auftritten am Markt war, kam irgendwann auch mal FAZ.net angeschlappt. Das Warten hatte sich allerdings gelohnt, finde ich. Ich bin kein großer Fan der gedruckten FAZ, mag aber online ihre Unaufgeregtheit — und dass sie sich den Luxus leistet, nicht wie ihr großer Konkurrent SZ wirklich jeden noch so blöden Mist in Klickstrecken zu packen. Anders als beispielsweise “Spiegel Online” kommt die FAZ auch ganz wunderbar ohne Ausflüge ins Reich der Bohlens und Menowins aus. Und sie hat Stefan Niggemeier und Don Alphonso auf eine gemeinsame Blogplattform gepackt, das muss man auch erstmal hinbekommen. Dafür nimmt man eine nicht ganz so große Innovationsfreude der Frankfurter schon mal in Kauf.

Dass die FAZ jetzt auch mit einer iPhone-App reichlich spät daher kommt, ist also noch nicht die eigentliche Überraschung. Erstaunlich ist vielmehr: Man hat sich wirklich reichlich Zeit gelassen — um dann es etwas vorzulegen, was man bestenfalls Standard nennen kann, garniert mit einem ebenso erstaunlichen Finanzierungsmodell. Man soll für eine 30tägige Nutzung 2,99 € bezahlen.

Erst einmal zur App selber: Sie ist, wenig überraschend, sehr solide gut geworden, mit allen wichtigen Funktionen und einer wirklich feinen Optik. Sieht man von der edlen Optik ab, ist das, was die FAZ vorlegt, allerdings auch haargenau das, was man heute als Anspruch an eine funktionerende App stellen muss. Was hingegen irritiert: Auch vor einem Testversuch verlangt die FAZ eine Registrierung, was im iTunes-Store schon zu einigen bösen Kommentaren geführt hat und auch nicht wirklich nachvollziehbar ist. Dass ich mich für die Nutzung einer App irgendwo registrieren muss (außer im Store natürlich), ist mir bisher auch noch nicht untergekommen.

Für 2,99 € pro Monat bekommt der Nutzer dann allerdings nichts, was einen Preis rechtfertigen würde. Letztendlich ist die App die mobiloptimierte Version der Website. Das ist schön, aber irgendwie nur von bedingtem Wert, weil man zwei Mausklicks weiter ebendiese optimierte Version ja kostenlos bekommt. Allerdings zeigt diese Geschichte der FAZ-App exemplarisch auch die Problematik von Apps, insbesondere für das iPhone. Man kann natürlich, wie die Kollegen von meedia, durchaus das Fehlen eines Zeitungs-PDFs beklagen. Aber will man die FAZ wirklich als PDF auf dem kleinen Handyscreen lesen (ich will das jedenfalls nicht)? Ebenso fehlen die Blogs, aber will ich wirklich einen 10.000 Zeichen-Schinken von Don Alphonso auf dem Handy lesen? Und ist die Tatsache, dass man die Mobilversion einer Webseite auf einen Fingertipp statt auf zwei Klicks bekommt, wirklich etwas, wofür man Geld bezahlt (bei mir gilt wiederum: eher nein).

Das alles sind Funktionen, die man sich auf dem iPad mit seinem deutlich größeren Bildschirm gut vorstellen könnte. Eine iPad-App aus Frankfurt gibt es allerdings nicht, aber wenn sie sie so hurtig sind wie immer, dann könnte hier schon im Sommer 2011 die nächste Besprechung einer FAZ-App stehen.

Written by cjakubetz

November 1st, 2010 at 6:37 pm

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Der Kunde ist wenig – oder: @Telekom_hilftnicht

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Soso, man will das alles gar nicht so sehr mit diesen Sozialen Netzwerken, hat uns u.a. die “WuV” jetzt wissen lassen. Weil das eh alles nicht wirklich funktioniere und tendenziell ja überschätzt sei, so wie das ganze Internet. Dabei wäre es vielleicht sinnvoll, Ursachenforschung in die andere Richtung zu betreiben — um dann die Frage zu stellen: Funktioniert das ganze Social-Media-Gedöns vielleicht deswegen nicht, weil man meint, soziale Netzwerke seien eine Art Selbstläufer, bei dem man nur sein Firmenlabel draufpappen und ein bisschen nettes Marketinggewäsch dahersäuseln muss? Weil man meint, ein Kunde, ein Nutzer, ein Leser müsse glücklich sein, nur weil es das Unternehmens seines Misstrauens jetzt auch bei Facebook gibt?

Dass die Bahn momentan in ein veritables Social-Media-Desaster mit ihrer Kampagne zur Einführung eines neues Tickets schlittert, ist noch nicht mal ein so großes Wunder. Wer momentan mit einem unbeherrschbaren Thema wie Stuttgart 21 zu kämpfen hat, darf sich nicht wundern, wenn dann auch ein Kanal wie Facebook mit dem Thema zugeballert wird, selbst wenn man nur ein Ticket verkaufen will. Ausnahmesituation also (obwohl bei der Bahn die Ausnahmesituation ja fast schon wieder Alltag ist). Erstaunlicher und bezeichnender ist der dunkelgraue Social-Media-Alltag von Firmen und Medienunternehmen, die zwar postulieren, die Segnungen begriffen haben, dann aber letztendlich doch nur RSS-Feeds irgendwo reinlaufen lassen oder albernes Werbedeutsch verbreiten.

Nehmen wir mal die Freunde von der Telekom, die gerade eben ihr Monopol mit dem iPhone verloren hat. Keine Ahnung, ob man auch deswegen in sozialen Netzwerken einiges an Aktivität an den Tag legt. Jedenfalls gibt es die Telekom bei Facebook, wo man sich als Produktester für ein neues HTC-Handy bewerben kann (was natürlich nichts mit dem Verlust des iPhones-Monopols zu tun hat, trotzdem schwärmt man jetzt schon wie wild vom neuen HTC). Und bei Twitter gibt´s einen Account namens @Telekom_hilft.

Bisher war mir dieser Kanal nicht so sehr durch tatkräftige (Über-)Lebenshilfe im magentafarbenen Dschungel aufgefallen. Sondern eher als Werbesäusler, die in einer Tour auf neue Produkte und Tarife hinweisen und ansonsten den Tag gerne mit dem Hinweis beenden, dass er supisupisupi war und dass man sich eigentlich nichts Schöneres denken kann, als den ganzen Tag “Service in 140 Zeichen” anzubieten. Normalerweise bin ich ja dafür, solche “We love what we do”-Gesummsel nicht mal zu ignorieren. Aber weil ich am Freitag ziemlich spontan ein kleines T-Mobile-Problem bekommen habe, dachte ich mir: Versuchst du es mal. Zumal ich es zunächst auf konventionellem Weg versucht hatte und eine Mail an eine Adresse geschrieben hatte, die ja in sich schon irgendwie ein Paradox ist: kundenservice@t-mobile.de. Und immerhin, innerhalb allerkürzester Zeit kam tatsächlich eine Antwort:

Nun gut, denkt man sich, ist zwar automatisiert, aber besser als nix. Und “in Kürze”, das klingt vielversprechend, wenn auch relativ. Zumal ich schon mal früher dorthin hingeschrieben habe und erst nach drei Tagen eine manuelle Antwort erhielt, in der man mitteilen ließ, da leider auch nicht weiterhelfen zu können. Die Frage, ob man eigentlich immer drei Tage für eine solche Antwort benötige, ließ der Kundenservice unbeantwortet (sie werden wissen warum). Passiert ist jedenfalls auch diesmal, was irgendwie zu erwarten war: Auch wenn Kürze ein relativer Begriff ist, habe ich nach ein paar Stunden dann doch etwas die Geduld verloren, zumal meine Frage eine eher simple (trotzdem aber dringende) war. Also nochmal geschrieben, mit dem Hinweis, dass meine Frage simpel, aber dringend sei. Und ob es möglich sei, sie noch heute im Laufe des Tages zu beantworten (die ursprüngliche Mail hatte ich am ziemlich frühen Vormittag geschrieben).

Und weil es ja nicht so ist, dass die Telekom auf drängelnde Kunden nicht eingestellt wäre, kam die Antwort umgehend. Nämlich mit einer Mail (standarisiert), dass ich mich offensichtlich nochmals mit meinem Anliegen an T-Mobile gewendet habe und dass ich schon in Kürze…

Das mit der Kürze kennt man ja inzwischen bei den hilfsbereiten Herrschaften. Weswegen mir in meinem ganzen Elend einfiel: @Telekom_hilft! Twitter! Service in 140 Zeichen! Meine Rettung. Deshalb Frage und Bitte in 140 Zeichen:

Die Herrschaften von @Telekom_hilft kreieren danach eine völlig neue Form: Service in null Zeichen! Sprich: keine Antwort. Aber möglicherweise habe ich mich ja auch einfach nur missverständlich ausgedrückt, oder jemand hat den Tweet übersehen oder die sind überlastet, weil so viele Menschen gerade Service in 140 Zeichen wollen. Was aber irgendwie nicht wirklich plausibel ist, weil man immerhin zwischendrin Zeit für die generelle Miteilung gefunden hat, dass das iPhone ein tolles Telefon, aber das neue HTC mindestens genauso gut sei. Also nutze ich die Gelegenheit, als der Account gerade mal wieder postuliert, wie geil das ist, wenn man den ganzen Tag jemandem helfen könne, um vorsichtig nochmal die Hand zu heben:

Überrascht, dass es wieder keine Antwort gab? Nein? Ich zwar auch nicht, aber ich kann ja hartnäckig wie Beulenpest sein. Und deswegen nochmal der Versuch, diesmal in etwas, nunja, deutlicheren Worten:

Danach: Kapitulation. Drei Tweets, drei Mails, keine Reaktion, außer der vollautomatisierten, dass man bestimmt in Kürze irgendwann vielleicht mal antworten werde. Das heißt, halt…da gibt´s ja auch noch Facebook, wo sich die kundenfreundliche Telekom inzwischen ebenfalls versammelt hat und dort bejubelt, dass man seit September schon über 2000 Fans gewonnen habe (nebenbei bemerkt ist auch das so eine Sache: Um eine Antwort auf eine Frage zu bekommen, MUSS ich Fan dieser Seite sein, was sprachlich gesehen irgendwie Panne ist. Ich will kein “Fan” eines Konzerns werden und Freund eigentlich auch nicht, ich will verdammt noch mal nur eine Antwort auf eine Frage).

Ich verpasse der Seite also auch einen Like-Button, was zu den dreistesten Lügen meines Lebens gehört. Die kleine Flunkerei lohnt sich zudem nicht, weil der Großkonzern Telekom soziale Netze so verstanden hat, wie man sie in der analogen Welt eben so versteht: Es gibt Facebook-Bürozeiten, das Netz schläft am Wochenende. Montag bis Freitag, 8 bis 20 Uhr. Wer danach oder dazwischen irgendwie mit seinem frisch gewonnen Freund Telekom kommunizieren will, hat Pech gehabt (und ich gehe davon aus, dass dies angesichts des morgigen Feiertages auch für den Montag gilt). Kein Wunder also, dass man bei Facebook eine ganze Reihe von kleinen Problemen und unfreundlichen Beschimpfungen lesen kann, die unkommentiert bleiben. Es ist ja schließlich Wochenende und am Wochenende hat auch das Netz Ruhe zu geben. Einer beschwert sich interessanterweise, dass Kundenservice und Qualitätsmanagement zwischenzeitlich anscheinend wieder auf altem und damit leider nicht so sehr zufriedenstellenden Niveau  angekommen seien. Antworten gibt es keine, man liest aber in den Dialogen mit den Kunden dafür umso lieber den Hinweis auf die neuen Kracher-Tarife und natürlich das neue HTC, das ich nicht kenne und momentan auch nicht kennenlernen will, weil ich es schon für nervig genug halte, dass mein iPhone gerade nicht will und ich von der hilfsbereiten Telekom keinerlei Antwort bekomme und vermuten muss, dass dies frühestens am Dienstag der Fall sein wird, rund 100 Stunden nach meiner ersten Mail. Wenn überhaupt. Die müssen ja vermutlich erst mal den ganzen Krempel des langen Wochenendes abarbeiten.

Soziale Netzwerke funktionieren nicht? Das Problem ist ein anderes: dass nämlich viele — Redaktionen und Medienhäuser keineswegs ausgenommen — schlichtweg nicht begriffen haben, wie das funktionieren könnte. Wer sich in ein soziales Netzwerk begibt, gibt gleichzeitig ein Versprechen ab. Das Versprechen, kommunizieren zu wollen. Und keineswegs nur Werbungsgesumms abzuliefern. Zumindest könnte man das als Kunde, der ja immerhin gleich Fan werden soll, erwarten. Standardmails, automatisierte Feeds und vollständig sinnbefreites Gerede will man dort also gerade nicht (gut, das will man sonst auch nicht, aber hier noch weniger).

In der W&V, um auf den Anfang zurückzukommen, postuliert man u.a., dass es das eine oder andere Unternehmen gegeben habe, dass ungebremst in einen Social-Media-Gau geraten sei. Man muss kein Internet-Hasser sein, um zu prophezeien: Da wird es auch weiterhin einige geben. Weil sie sich immer noch weigern, sich ernsthaft mit jenem Medium zu beschäftigen, das ihnen irgendwann mal die Zukunft sichern soll. Mein nächstes iPhone jedenfalls kaufe ich bei Apple, vertragsfrei. Ist das nicht hübsch bezeichnend?

Update 1.11. 16 Uhr: Der Twitter-Account @Telekom_hilft hat sich inzwischen gemeldet und bedauert, dass sich der Kundenservice noch nicht gemeldet hat. Ich solle ihnen doch bitte followen, damit wir per DM kommunizieren könnten. Ich followe denen zwar schon lange, aber immerhin, ein Lebenszeichen. Was man vom Kundenservice nach wie vor nicht sagen kann.

Update 1.11., 18 Uhr: Via DM hat sich der Twitter-Account jetzt bei mir gemeldet und darum gebeten, dass ich per Mail meine Kundendaten schicke. Habe ich jetzt gemacht. Verstehen muss ich das ja jetzt nicht, oder? Der Kundenservice, den ich am Freitag vormittag und somit vor über 100 Stunden angemailt habe, schweigt. Dafür bekomme ich Tweets von der Telekom, dass ich ihnen mailen soll.

Written by cjakubetz

Oktober 31st, 2010 at 3:19 pm