Kategorie: ONLINE/MULTIMEDIA


Eine kleine App-Kritik (3): Ein spiegelnder Stern

19. November 2010 - 14:06 Uhr

Lustig, oder? Da gibt es gerade mal eine Handvoll Apps aus deutschen Verlagshäusern — und schon kann (muss) man von Standards sprechen. Das kann man auslegen wie man mag, wenn man ein bisschenmotzig drauf ist, könnte man anmerken: Das ist wie bei der Gestaltung von Webseiten, einer (Spiegel Online) macht was vor, die anderen machen es nach. Die “App” des Stern jedenfalls sieht ziemlich stark nach der des “Spiegel” aus und orientiert sich auch inhaltlich deutlich am spiegelnden Vorbild. Soll heißen: Ab und und gibt es noch ein paar multimediale Ergänzungen, die alle ganz nett sind, wobei ich aber weder beim Spiegel noch beim Stern irgendetwas gesehen habe, was ich jetzt wirklich als zwingend bezeichnen würde. Mir kommen diese Sachen eher wie multimediale Giveaways vor, die man irgendwann mal wieder in irgendeiner Ecke liegend bemerkt.

Weil aber wiederum die Standards, die der “Spiegel” in Sachen Apps gesetzt hat, nicht die schlechtesten sind, darf man auch der “Stern”-App wenigstens das Attribut solide verpassen. Die großzügige Optik des Magazins und die meistens immer noch wunderbaren Fotostrecken kommen dem iPad und seinem Display ziemlich entgegen, soll heißen: Auch optisch kann man den Stern auf dem iPad durchaus genießen. Schön finde ich auch die Option “Fliepview”, bei der die Seiten-Miniaturen unten am Bildschirmrand eingeblendet sind. So etwas fehlt mir beim “Spiegel” noch.

Eher unsicher bin ich mir in einem anderen Punkt: Die Lade- und Installationszeiten eines Heftes waren heute zumindest bei mir in einem an sich sehr schnellen WLAN jenseits aller Zumutbarkeitsgrenzen. Wenn das wirklich immer so wäre, dann müsste man zumindest Abzüge in der B-Note geben: Rund 5 Minuten für Download und Installation eines einzelnen Heftes sind indiskutabel.

Und schließlich noch eines: Der “Stern” zeigt unfreiwillig, dass das iPad nach den jetzigen App-Modellen zwar Leser verschiebt, aber keine neuen hinzugewinnen kann. Wer das Heft aufs iPad geladen hat, wird es nicht auch noch gedruckt lesen. Für einen ganz großen Wurf a la “Wired” fehlt es in deutschen Verlagen momentan offenbar noch an Mut.

Kommentieren » | MEDIENZUKUNFT, ONLINE/MULTIMEDIA

Eine kleine App-Kritik (2): Dahinter steckt nicht immer…

1. November 2010 - 18:37 Uhr

Bei der FAZ lässt man sich traditionell gerne etwas Zeit, bis man eine Weiterentwicklung in der digitalen Welt mitmacht. Als alle Welt schon mit Internet-Auftritten am Markt war, kam irgendwann auch mal FAZ.net angeschlappt. Das Warten hatte sich allerdings gelohnt, finde ich. Ich bin kein großer Fan der gedruckten FAZ, mag aber online ihre Unaufgeregtheit — und dass sie sich den Luxus leistet, nicht wie ihr großer Konkurrent SZ wirklich jeden noch so blöden Mist in Klickstrecken zu packen. Anders als beispielsweise “Spiegel Online” kommt die FAZ auch ganz wunderbar ohne Ausflüge ins Reich der Bohlens und Menowins aus. Und sie hat Stefan Niggemeier und Don Alphonso auf eine gemeinsame Blogplattform gepackt, das muss man auch erstmal hinbekommen. Dafür nimmt man eine nicht ganz so große Innovationsfreude der Frankfurter schon mal in Kauf.

Dass die FAZ jetzt auch mit einer iPhone-App reichlich spät daher kommt, ist also noch nicht die eigentliche Überraschung. Erstaunlich ist vielmehr: Man hat sich wirklich reichlich Zeit gelassen — um dann es etwas vorzulegen, was man bestenfalls Standard nennen kann, garniert mit einem ebenso erstaunlichen Finanzierungsmodell. Man soll für eine 30tägige Nutzung 2,99 € bezahlen.

Erst einmal zur App selber: Sie ist, wenig überraschend, sehr solide gut geworden, mit allen wichtigen Funktionen und einer wirklich feinen Optik. Sieht man von der edlen Optik ab, ist das, was die FAZ vorlegt, allerdings auch haargenau das, was man heute als Anspruch an eine funktionerende App stellen muss. Was hingegen irritiert: Auch vor einem Testversuch verlangt die FAZ eine Registrierung, was im iTunes-Store schon zu einigen bösen Kommentaren geführt hat und auch nicht wirklich nachvollziehbar ist. Dass ich mich für die Nutzung einer App irgendwo registrieren muss (außer im Store natürlich), ist mir bisher auch noch nicht untergekommen.

Für 2,99 € pro Monat bekommt der Nutzer dann allerdings nichts, was einen Preis rechtfertigen würde. Letztendlich ist die App die mobiloptimierte Version der Website. Das ist schön, aber irgendwie nur von bedingtem Wert, weil man zwei Mausklicks weiter ebendiese optimierte Version ja kostenlos bekommt. Allerdings zeigt diese Geschichte der FAZ-App exemplarisch auch die Problematik von Apps, insbesondere für das iPhone. Man kann natürlich, wie die Kollegen von meedia, durchaus das Fehlen eines Zeitungs-PDFs beklagen. Aber will man die FAZ wirklich als PDF auf dem kleinen Handyscreen lesen (ich will das jedenfalls nicht)? Ebenso fehlen die Blogs, aber will ich wirklich einen 10.000 Zeichen-Schinken von Don Alphonso auf dem Handy lesen? Und ist die Tatsache, dass man die Mobilversion einer Webseite auf einen Fingertipp statt auf zwei Klicks bekommt, wirklich etwas, wofür man Geld bezahlt (bei mir gilt wiederum: eher nein).

Das alles sind Funktionen, die man sich auf dem iPad mit seinem deutlich größeren Bildschirm gut vorstellen könnte. Eine iPad-App aus Frankfurt gibt es allerdings nicht, aber wenn sie sie so hurtig sind wie immer, dann könnte hier schon im Sommer 2011 die nächste Besprechung einer FAZ-App stehen.

4 Kommentare » | ONLINE/MULTIMEDIA

Der Kunde ist wenig – oder: @Telekom_hilftnicht

31. Oktober 2010 - 15:19 Uhr

Soso, man will das alles gar nicht so sehr mit diesen Sozialen Netzwerken, hat uns u.a. die “WuV” jetzt wissen lassen. Weil das eh alles nicht wirklich funktioniere und tendenziell ja überschätzt sei, so wie das ganze Internet. Dabei wäre es vielleicht sinnvoll, Ursachenforschung in die andere Richtung zu betreiben — um dann die Frage zu stellen: Funktioniert das ganze Social-Media-Gedöns vielleicht deswegen nicht, weil man meint, soziale Netzwerke seien eine Art Selbstläufer, bei dem man nur sein Firmenlabel draufpappen und ein bisschen nettes Marketinggewäsch dahersäuseln muss? Weil man meint, ein Kunde, ein Nutzer, ein Leser müsse glücklich sein, nur weil es das Unternehmens seines Misstrauens jetzt auch bei Facebook gibt?

Dass die Bahn momentan in ein veritables Social-Media-Desaster mit ihrer Kampagne zur Einführung eines neues Tickets schlittert, ist noch nicht mal ein so großes Wunder. Wer momentan mit einem unbeherrschbaren Thema wie Stuttgart 21 zu kämpfen hat, darf sich nicht wundern, wenn dann auch ein Kanal wie Facebook mit dem Thema zugeballert wird, selbst wenn man nur ein Ticket verkaufen will. Ausnahmesituation also (obwohl bei der Bahn die Ausnahmesituation ja fast schon wieder Alltag ist). Erstaunlicher und bezeichnender ist der dunkelgraue Social-Media-Alltag von Firmen und Medienunternehmen, die zwar postulieren, die Segnungen begriffen haben, dann aber letztendlich doch nur RSS-Feeds irgendwo reinlaufen lassen oder albernes Werbedeutsch verbreiten.

Nehmen wir mal die Freunde von der Telekom, die gerade eben ihr Monopol mit dem iPhone verloren hat. Keine Ahnung, ob man auch deswegen in sozialen Netzwerken einiges an Aktivität an den Tag legt. Jedenfalls gibt es die Telekom bei Facebook, wo man sich als Produktester für ein neues HTC-Handy bewerben kann (was natürlich nichts mit dem Verlust des iPhones-Monopols zu tun hat, trotzdem schwärmt man jetzt schon wie wild vom neuen HTC). Und bei Twitter gibt´s einen Account namens @Telekom_hilft.

Bisher war mir dieser Kanal nicht so sehr durch tatkräftige (Über-)Lebenshilfe im magentafarbenen Dschungel aufgefallen. Sondern eher als Werbesäusler, die in einer Tour auf neue Produkte und Tarife hinweisen und ansonsten den Tag gerne mit dem Hinweis beenden, dass er supisupisupi war und dass man sich eigentlich nichts Schöneres denken kann, als den ganzen Tag “Service in 140 Zeichen” anzubieten. Normalerweise bin ich ja dafür, solche “We love what we do”-Gesummsel nicht mal zu ignorieren. Aber weil ich am Freitag ziemlich spontan ein kleines T-Mobile-Problem bekommen habe, dachte ich mir: Versuchst du es mal. Zumal ich es zunächst auf konventionellem Weg versucht hatte und eine Mail an eine Adresse geschrieben hatte, die ja in sich schon irgendwie ein Paradox ist: kundenservice@t-mobile.de. Und immerhin, innerhalb allerkürzester Zeit kam tatsächlich eine Antwort:

Nun gut, denkt man sich, ist zwar automatisiert, aber besser als nix. Und “in Kürze”, das klingt vielversprechend, wenn auch relativ. Zumal ich schon mal früher dorthin hingeschrieben habe und erst nach drei Tagen eine manuelle Antwort erhielt, in der man mitteilen ließ, da leider auch nicht weiterhelfen zu können. Die Frage, ob man eigentlich immer drei Tage für eine solche Antwort benötige, ließ der Kundenservice unbeantwortet (sie werden wissen warum). Passiert ist jedenfalls auch diesmal, was irgendwie zu erwarten war: Auch wenn Kürze ein relativer Begriff ist, habe ich nach ein paar Stunden dann doch etwas die Geduld verloren, zumal meine Frage eine eher simple (trotzdem aber dringende) war. Also nochmal geschrieben, mit dem Hinweis, dass meine Frage simpel, aber dringend sei. Und ob es möglich sei, sie noch heute im Laufe des Tages zu beantworten (die ursprüngliche Mail hatte ich am ziemlich frühen Vormittag geschrieben).

Und weil es ja nicht so ist, dass die Telekom auf drängelnde Kunden nicht eingestellt wäre, kam die Antwort umgehend. Nämlich mit einer Mail (standarisiert), dass ich mich offensichtlich nochmals mit meinem Anliegen an T-Mobile gewendet habe und dass ich schon in Kürze…

Das mit der Kürze kennt man ja inzwischen bei den hilfsbereiten Herrschaften. Weswegen mir in meinem ganzen Elend einfiel: @Telekom_hilft! Twitter! Service in 140 Zeichen! Meine Rettung. Deshalb Frage und Bitte in 140 Zeichen:

Die Herrschaften von @Telekom_hilft kreieren danach eine völlig neue Form: Service in null Zeichen! Sprich: keine Antwort. Aber möglicherweise habe ich mich ja auch einfach nur missverständlich ausgedrückt, oder jemand hat den Tweet übersehen oder die sind überlastet, weil so viele Menschen gerade Service in 140 Zeichen wollen. Was aber irgendwie nicht wirklich plausibel ist, weil man immerhin zwischendrin Zeit für die generelle Miteilung gefunden hat, dass das iPhone ein tolles Telefon, aber das neue HTC mindestens genauso gut sei. Also nutze ich die Gelegenheit, als der Account gerade mal wieder postuliert, wie geil das ist, wenn man den ganzen Tag jemandem helfen könne, um vorsichtig nochmal die Hand zu heben:

Überrascht, dass es wieder keine Antwort gab? Nein? Ich zwar auch nicht, aber ich kann ja hartnäckig wie Beulenpest sein. Und deswegen nochmal der Versuch, diesmal in etwas, nunja, deutlicheren Worten:

Danach: Kapitulation. Drei Tweets, drei Mails, keine Reaktion, außer der vollautomatisierten, dass man bestimmt in Kürze irgendwann vielleicht mal antworten werde. Das heißt, halt…da gibt´s ja auch noch Facebook, wo sich die kundenfreundliche Telekom inzwischen ebenfalls versammelt hat und dort bejubelt, dass man seit September schon über 2000 Fans gewonnen habe (nebenbei bemerkt ist auch das so eine Sache: Um eine Antwort auf eine Frage zu bekommen, MUSS ich Fan dieser Seite sein, was sprachlich gesehen irgendwie Panne ist. Ich will kein “Fan” eines Konzerns werden und Freund eigentlich auch nicht, ich will verdammt noch mal nur eine Antwort auf eine Frage).

Ich verpasse der Seite also auch einen Like-Button, was zu den dreistesten Lügen meines Lebens gehört. Die kleine Flunkerei lohnt sich zudem nicht, weil der Großkonzern Telekom soziale Netze so verstanden hat, wie man sie in der analogen Welt eben so versteht: Es gibt Facebook-Bürozeiten, das Netz schläft am Wochenende. Montag bis Freitag, 8 bis 20 Uhr. Wer danach oder dazwischen irgendwie mit seinem frisch gewonnen Freund Telekom kommunizieren will, hat Pech gehabt (und ich gehe davon aus, dass dies angesichts des morgigen Feiertages auch für den Montag gilt). Kein Wunder also, dass man bei Facebook eine ganze Reihe von kleinen Problemen und unfreundlichen Beschimpfungen lesen kann, die unkommentiert bleiben. Es ist ja schließlich Wochenende und am Wochenende hat auch das Netz Ruhe zu geben. Einer beschwert sich interessanterweise, dass Kundenservice und Qualitätsmanagement zwischenzeitlich anscheinend wieder auf altem und damit leider nicht so sehr zufriedenstellenden Niveau  angekommen seien. Antworten gibt es keine, man liest aber in den Dialogen mit den Kunden dafür umso lieber den Hinweis auf die neuen Kracher-Tarife und natürlich das neue HTC, das ich nicht kenne und momentan auch nicht kennenlernen will, weil ich es schon für nervig genug halte, dass mein iPhone gerade nicht will und ich von der hilfsbereiten Telekom keinerlei Antwort bekomme und vermuten muss, dass dies frühestens am Dienstag der Fall sein wird, rund 100 Stunden nach meiner ersten Mail. Wenn überhaupt. Die müssen ja vermutlich erst mal den ganzen Krempel des langen Wochenendes abarbeiten.

Soziale Netzwerke funktionieren nicht? Das Problem ist ein anderes: dass nämlich viele — Redaktionen und Medienhäuser keineswegs ausgenommen — schlichtweg nicht begriffen haben, wie das funktionieren könnte. Wer sich in ein soziales Netzwerk begibt, gibt gleichzeitig ein Versprechen ab. Das Versprechen, kommunizieren zu wollen. Und keineswegs nur Werbungsgesumms abzuliefern. Zumindest könnte man das als Kunde, der ja immerhin gleich Fan werden soll, erwarten. Standardmails, automatisierte Feeds und vollständig sinnbefreites Gerede will man dort also gerade nicht (gut, das will man sonst auch nicht, aber hier noch weniger).

In der W&V, um auf den Anfang zurückzukommen, postuliert man u.a., dass es das eine oder andere Unternehmen gegeben habe, dass ungebremst in einen Social-Media-Gau geraten sei. Man muss kein Internet-Hasser sein, um zu prophezeien: Da wird es auch weiterhin einige geben. Weil sie sich immer noch weigern, sich ernsthaft mit jenem Medium zu beschäftigen, das ihnen irgendwann mal die Zukunft sichern soll. Mein nächstes iPhone jedenfalls kaufe ich bei Apple, vertragsfrei. Ist das nicht hübsch bezeichnend?

Update 1.11. 16 Uhr: Der Twitter-Account @Telekom_hilft hat sich inzwischen gemeldet und bedauert, dass sich der Kundenservice noch nicht gemeldet hat. Ich solle ihnen doch bitte followen, damit wir per DM kommunizieren könnten. Ich followe denen zwar schon lange, aber immerhin, ein Lebenszeichen. Was man vom Kundenservice nach wie vor nicht sagen kann.

Update 1.11., 18 Uhr: Via DM hat sich der Twitter-Account jetzt bei mir gemeldet und darum gebeten, dass ich per Mail meine Kundendaten schicke. Habe ich jetzt gemacht. Verstehen muss ich das ja jetzt nicht, oder? Der Kundenservice, den ich am Freitag vormittag und somit vor über 100 Stunden angemailt habe, schweigt. Dafür bekomme ich Tweets von der Telekom, dass ich ihnen mailen soll.

5 Kommentare » | MEDIENZUKUNFT, ONLINE/MULTIMEDIA

Gebt den Kindern das Kommando!

26. Oktober 2010 - 19:22 Uhr

Vielleicht muss man ja künftig genau andersrum denken. Also so, dass nicht mehr wir, die wir junge Journalisten mehr oder weniger ausbilden, denen sagen, was zu tun ist. Sondern dass wir vielleicht mehr auf den Nachwuchs hören müssen, damit uns Alten nicht vollkommen entgleitet, was da überhaupt passiert.

Gestern an der Uni Passau: Es läuft ein komplett gruseliges Video, das eine Tageszeitung online gestellt hat. Ich zeige es, weil ich eigentlich die unzähligen handwerklichen Fehler demonstrieren will, die man machen kann, wenn man sich an (Web-)Videos wagt. Dann kommt meine rhetorische Frage: Wie kann es denn dazu kommen, dass ein Video so dermaßen in die Hose geht? Die Antwort einer Studentin verblüfft mich, obwohl ich Nachhinein zugeben muss: So ganz von der Hand zu weisen ist sie leider nicht…

Das müsse, sagt die Studentin, das Video eines älteren Mannes gewesen sein, so sei das erklärbar. Ich frage nach, wie man denn bitteschön einem Video ansehen könne, dass es von einem älteren Mann stammt. Das sei doch völlig klar, erwidert die Studentin: Die Jungen, die jetzt nachkämen, die wüssten ja, wie man mit einer Kamera und einem Schnittprogramm umgeht. Und weil derjenige, der dieses Gruselvideo gemacht hatte, ganz offensichtlich keinen blassen Hauch davon hatte, könne es ja nur ein älterer Mann gewesen sein.

Warum ein Mann, das leuchtete mir nicht ganz ein, aber davon mal abgesehen: Stimmt, diese Erfahrung habe ich inzwischen auch schon oft gemacht, egal ob an Journalistenschulen, Universitäten oder anderen Projekten. Die allermeisten der heute 20plusjährigen haben zumindest schon mal mit irgendwas Audiovisuellem rumgedreht und via Schnittprogramm irgendwas zusammengestellt. Und diejenigen, die das nicht gemacht haben, für die ist der Umgang mit Software und Technik so vertraut, dass sie sich einfach hinsetzen und mal was probieren.

Noch so ein Beispiel, vorletzte Woche bei den Einführungstagen für die neuen Klassen an der DJS. Als wir Bilanz der Woche ziehen, kommt als grundlegender Tenor, dass das ja alles schön und recht sei mit dem digitalen Leben, den neuen Medien, dem ganzen Kram mit Multi- und Crossmedia — aber dass man ihnen zumindest diese sehr grundlegenden Erwägungen nicht mehr mit auf den Weg geben müsse, weil sie letztendlich ja alle schon komplett digital leben würden und das, was wir Alten da als neue Erkenntnisse abfeiern würden, für sie Alltag sei.

Ist es also denkbar, dass wir in den kommenden Jahren in vielen Redaktionen eine eher absurde Situation erleben werden? Dass diejenigen, die eigentlich das Blatt, den Sender (zukunftsfähig) führen sollen, in Sachen Zukunftsfähigkeit möglicherweise sogar ihren Praktikanten unterlegen sind? Und könnte es sein, dass die Erkenntnis, die der keineswegs als Printfeind in Verdacht stehende Paul-Josef Raue mit seiner Erkenntnis, Zeitungen würden inzwischen sogar Stammleser verlieren, woran die Journalisten selbst schuld seien, nur vordergründig recht hat (ich würde im Übrigen in dem Zusammenhang gerne nochmal auf die These vom Vergreisen der Redaktionen verweisen)? Natürlich klingt es erstmal prima, wenn Raue fordert, Journalismus endlich wieder zu machen statt ihn nur zu verwalten. Das Problem ist nur: Wie will man das hinbekommen, wenn man in den Entscheider-Etagen noch gar nicht begriffen hat, wie dieser neue Journalismus gehen könnte?

Diese beiden Beobachtungen – die jungen volldigitalisierten und die vergreisten Redaktionen – hängen ziemlich unmittelbar zusammen. Man müsste in jeder Redaktion, in jedem Verlag, in jedem Sender die “digital natives” nicht einfach nur ins Haus holen, sie nicht einfach nur für ein, zwei, drei Jahre “ausbilden” und dann wahlweise wieder gehen lassen oder als “Jung-Redakteure” beschäftigen. Man müsste sie viel aktiver einbinden, ihnen die Möglichkeit geben, den Journalismus der Zukunft selbst zu gestalten. Ohne einen “digital native” in der Chefredaktion wird kaum ein Haus überlebensfähig sein. Das klingt nach einer banalen Feststellung, widerspricht aber leider immer noch dem Tagesgeschäft. Ein 50jähriger Chefredakteur geht und wird durch einen 57jährigen ersetzt. Ein 60jähriger hört auf und wird durch einen vollanalogen 50jährigen ersetzt. Zwei Beispiele, die ich in meiner eigenen Umgebung jetzt erst selbst erlebt habe. Nix gegen 50jährige, entscheidend ist ja immer noch, was jemand im Kopf hat. Aber die Diskrepanz zwischen digitaler und analoger Generation wird von Jahr zu größer werden. Mit der Konsequenz, dass die Jungen nicht zu halten sein werden, möglicherweise ganz aus dem Journalismus abwandern — und an der Spitze der Redaktion noch über Jahre hinweg Menschen sitzen werden, deren Denken immer noch vollständig analog geprägt ist.

Letzte Beobachtung noch am Schluss: 17 Teilnehmer habe ich momentan an einer WÜ an der Uni Passau zum Thema “Onlinejournalismus”. Journalisten werden wollen – drei.

13 Kommentare » | AUSBILDUNG, ONLINE/MULTIMEDIA

Eine kleine App-Kritik (1): taz, Brand 1, Österreich

23. Oktober 2010 - 22:02 Uhr

So langsam kommen sie ja dann mal in die Gänge, die deutschen (und nicht nur die) Verlage. Für das vermeintlich lebensrettende Gerät aus dem Hause Apple sind inzwischen dann doch ein paar Zeitungs-Apps zu haben. Zeit, sie sich mal näher anzuschauen.

1. taz:  Die unerträgliche Sinnlosigkeit des Seins

Seit einigen Wochen plagt mich ganz persönlich eine Frage, mit der sich Menschen meines Alters vermutlich des Öfteren auseinandersetzen müssen: Werde ich langsam blind oder wenigstens kurz-bzw. weitsichtig? Ich ertappe mich jedenfalls zunehmend dabei, wie ich mir das eine oder andere Schriftstück etwas weiter von mir entfernt halten muss, um Buchstaben entziffern zu können (das spricht, glaube ich, für Weitsichtigkeit). Am Freitag dann brachte mir eine Teilnehmerin eines Seminars in Hamburg eine Brille mit, damit ich mal testen konnte, wie schlimm es um mich steht. Als ich nach Aufsetzen der Brille ungefähr nichts mehr erkannte, wusste ich, dass es noch nicht so schlimm sein kann. Die taz hat allerdings das Kunststück fertig gebracht, mich an dieser Erkenntnis wieder massiv zweifeln zu lassen. Die Seiten, die man auf der App zu sehen bekommt, sind derart klein, dass man sie auch bei viel gutem Willen nur als Miniatur bezeichnen kann. Vergrößern lassen sie sich auch nicht wirklich, den Grund dafür habe ich später in der Gebrauchsanleitung der App gelesen. Bei den Seiten handelt es sich nämlich nur um Faksimiles, die eigentlich auch gar nicht richtig zum Lesen gedacht sind, sondern dafür, dass man sich einen Überblick über die Druckseite verschaffen kann. Lesen soll man die taz dann in einer eigenen Leseversion, die auf alles verzichtet, was Lesegenuss ausmachen könnte. Keine Bilder, keine Grafik, kein Layout, einfach nur: Bleiwüsten. Bleiwüsten auf dem iPad, das muss man sich mal vorstellen.

Ich glaube ja zwischenzeitlich, dass viele Zeitungen gerne vergessen, was ihren Vorteil ausmacht. Da reden sie immer von Haptik, aber die interessiert mich nicht. Ich mag ein gutes Layout, ich mag eine ansprechende Optik. Ob die jetzt knistert und raschelt, ist mir einerlei. Das, was die taz abliefert, ist optisch so gelungen wie eine Loseblattsammlung des Steuerberaterverbandes. An einem Tag wie heute, wo auch noch die Sonntaz dabei ist, ist es besonders ärgerlich, wenn man 250-Zeilen-Stücke ohne jedes optische Aufbereiten hinwirft. Außerdem beraubt sich die taz mit dieser lieblosen Aufbereitung auch einer ihrer größten Stärken: Ich mag im Regelfall ihre Titelseiten, ich mag auch ihre eigenwillige Optik. Weg, einfach so. Und auch ein anderes bei der taz gerne gepflegtes Prinzip wird ohne Sinn und Verstand aufgegeben: Wenn man schon Schwerpunkte in einer Ausgabe setzt, dann wäre es prima, die einigermaßen gebündelt und (Achtung, Freunde in Berlin, so gehen digitale Medien!) verlinkt zu bekommen. Man fühlt sich ein kleines bisschen veralbert, wenn als Fußnote unter dem 200-Zeilen-Riemen steht, dass dieses gute Stück in der gedruckten taz auf Seite X zu finden sei und dass in der selben Ausgabe auf Seite Y ebenfalls was zum Thema steht. Gerade das iPad würde die schöne Möglichkeit bieten, solche inhaltlichen Schwerpunkte weiter über die Zeitung zu verteilen — und sie dennoch gebündelt zu präsentieren.

Man kann zwar, wie beispielsweise auch bei der App der “Zeit” zwischen Lesemodus und Seitenansicht springen, die Seite selbst lässt sich aber nicht bewegen, sondern nur minimal vergrößern (und wird dabei so unscharf, dass man dann doch lieber im Lesemodus bleibt). Eine Zeitung, die man nicht als Zeitung lesen kann? Dann lasse ich es lieber bleiben. Zugegeben, das mag geschmäcklerisch sein, aber ich lese auch keine Google-Reader: Für mich spielt Optik auch bei Webseiten immer noch eine Rolle.

Überflüssig zu erwähnen, dass die taz auch sonst keinerlei zusätzlichen Angebote in ihrer App macht. Gut, dafür kostet sie mit 79 Cent auch weniger als die Druckausgabe, aber das ist zumindest für mich nicht das entscheidende. Ich zahle auch gerne den Preis der Druckausgabe, wenn ich dafür ein ausgereiftes und vergleichbares Produkt bekomme. So aber ist das keine Zeitung, kein Multimedia, es ist einfach gar nichts. Für die 79 Cent hätte ich mir besser eine Tüte Weingummi am Kiosk gekauft.

2. Brand eins: Konsequent Brand Eins

Brand Eins macht nichts von dem, was Brand Eins nicht beherrschen würde. Brand Eins liefert das Heft eins zu eins auf das Tablet, schlicht-edel wie immer. Klar und einfach navigierbar, schön zu lesen — und gut ist. Brand Eins ist nun mal ein Magazin, das in erster Linie von seinen Geschichten und seiner Optik lebt. Warum also sollte man irgendwas dazu packen, nur damit irgendwas dazu gepackt ist? Vielleicht gehört das ja auch zu den ersten großen Missverständnissen in der noch ziemlich jungen App-Geschichte: zu glauben, dass man auf dem iPad mit Brachialgewalt multimedial sein müsse. Mir reicht es, Brand Eins zu bekommen. Spätestens seit der letzten “Spiegel”-Ausgabe bin ich in dieser Meinung ziemlich bestärkt: Neben sinnlos eingestreuten Audio-Sideshows bestach der “Spiegel” dabei durch das Video mit einem Redakteur, der eine Geschichte in Australien gemacht hatte. In dem Video saß der Redakteur auf einem Pferd, erzählte im Wesentlichen, jetzt auf einem Pferd zu sitzen, obwohl er doch gar nicht reiten könne, um den Ausflug ins multimediale Wunderland mit der Feststellung zu beenden, er würde es jetzt aber doch mal probieren mit dem Reiten. Dann lieber gar kein Multimedia. Und dafür ein gutes Brand Eins-Heft.

3. Österreich: G´schenkt

Auch die österreichische Tageszeitung, die sich den Landesnamen direkt in den Titel geschrieben hat, verzichtet auf alles Multimediale. Es gibt die Zeitung 1:1, allerdings in Original-Zeitungsoptik, was ein überaus beglückendes Gefühl ist, wenn man sich vorher durch die taz gequält hat. “Österreich” kostet nix und setzt damit konsequent auf eine Reichweitenstrategie, was vielleicht gar nicht mal so dumm ist. Technisch ist das Ding ausgereift, läuft stabil und ist auch ansonsten so, dass man sich sicher die eine oder andere Ausgabe lädt, wenn man sich für Österreich interessiert. Unter den deutschsprachigen Tageszeitungen bleibt aber immer noch die App der “Frankfurter Rundschau” mein Favorit.


Kommentieren » | ONLINE/MULTIMEDIA

Was das Nichts ohne Nichts wäre

5. Oktober 2010 - 13:58 Uhr

Gerade eben habe ich mich online durch die Jubliäums-Beilage des “Straubinger Tagblatts” gequält (bevor Sie fragen: Ich bin in Straubing geboren). Eine Quälerei war es übrigens gar nicht so sehr wegen des Inhalts, sondern weil das gute Stück online komplett flashverseucht und nur unter ziemlichen Anstrengungen und nervigen Ladezeiten zu lesen ist (man könnte übrigens angsichts einer solchen Online-Präsenz einer 120seitigen Beilage auch ein bisschen die Onlinekompetenz im Haus anzweifeln, aber darum geht´s heute ausnahmsweise nicht).

In der Beilage selbst ist erwartungsgemäß viel die Rede davon, dass die Zeitung quietschlebendig und ganz und gar nicht tot sei. Von Internet ist nicht ganz so viel die Rede, weil man ja Zeitung macht. Wenn vom Internet die Rede ist, dann in ungefähr dem Sinne, dass man das auch mache, weil ja gerade die jungen Leute…

Interessantes habe ich dennoch gefunden. Nämlich ein Interview mit dem Vorsitzenden der bayerischen Zeitungsverleger, Andreas Scherer, im Hauptberuf eigentlich Geschäftsführer bei der “Augsburger Allgemeinen”. Scherer sagt da einen Satz, der so ganz wunderbar illustriert, wie es um die Zukunftsfähigkeit vieler Verlage bestellt ist:

“Was wäre ein iPad ohne die Infos aus der Zeitung?”

Dann auf´s Dispaly des ipad geschaut. Nix aus der Zeitung gefunden. iPad trotzdem gut.

Frage beantwortet, Herr Scherer?

Kommentieren » | MEDIENZUKUNFT, ONLINE/MULTIMEDIA, PRINT

Shredder.de

4. Oktober 2010 - 18:36 Uhr

Es ist ja immer wieder lustig zu beobachten, welche erstaunlichen Fehler Leute machen, die mit diesem Internet etwas veranstalten wollen. Die interessanteste Beobachtung des heutigen Tages kommt ausgerechnet vom wackeren Verfechter des Qualitätsjournalismus, Hajo Schumacher, der heute mit einigem Brimborium seinen “Onlineshop für Qualitätsjournalismus” spredder.de online gestellt hat.  Von der etwas arg bemühten Wortwahl abgesehen, staunt man doch sehr über unfassbare lange Ladezeiten, eine offensichtliche Total-Unausgereiftheit der Seite und bizarre URL´s wie diese hier:

https://www.spredder.de/users/gdgkgbglhfgcgfhehkeaghgngbgjgmcogdgpgn/contactdata

Ist es eventuell möglich, dass das Hyperportal für Qualitätsjournalismus ziemlich schnell und eher unausgereift auf den Markt geworfen wurde? Und dass möglicherweise sich der eine oder andere potentielle Download-Kunde ein paar Gedanken macht, wie weit es vielleicht mit der Qualität der Autoren her sein könnte, wenn schon die Seite offenbar eher nicht so qualitativ ist?

Kommentieren » | ONLINE/MULTIMEDIA

Und wo bleibt das Positive (7)?

23. September 2010 - 15:23 Uhr

Ich bin kein Leser der Frankfurter Rundschau. Noch nie gewesen. Es gibt keinen wirklichen Grund dafür, ich habe nichts gegen das Blatt – aber auch nicht wirklich viele, die mich zum Abonnenten lassen würden. Der Umbau ins Tablet-Format hat mich eher kalt gelassen, in welchem Format eine Zeitung erscheint, ist mir eigentlich egal.

Heute dagegen – habe ich mir eine FR gekauft. Nicht am (realen) Kiosk, sondern auf einige Empfehlungen hin für das iPad. Seit heute könnte ich mir vorstellen, die FR regelmäßig zu lesen. Ist das nicht witzig, liebe Verleger?

Erklärt ist das einfach und schnell: Die FR hat seit heute eine App am Start. Eine App, die man gerne nutzt, die gut gemacht ist, die dem Medium gerecht wird, eine App, die nicht einfach nur die Zeitung einszueins auf den Bildschirm holt. Keine Zeitung, sondern ein Bildschirm-Magazin.

Dabei sind viele Dinge, die die FR richtig gemacht hat, eigentlich so furchtbar banal und einfach, dass man sich kaum traut, sie nochmal als grundlegend anzumahnen. Erstens: Ich habe keine Abo- oder sonstwas Verpflichtungen. Wenn ich eine Ausgabe haben will, dann lade ich sie. Einfach, unkompliziert. Am Kiosk muss ich ja auch kein Abo abschließen, wenn ich eine Zeitung kaufe. Zweitens: der Preis. Ich bin keiner der Leser, die wegen einer Preiserhöhung von 10 oder 20 Cent aufhören, eine Zeitung zu lesen. Aber ich habe bis heute nicht verstanden, weswegen ich für eine Einzelausgabe des “Spiegel” mehr bezahle als für ein gedrucktes Exemplar. Merkwürdigerweise: Ich habe zwar gerade noch geschrieben, dass mit bei einem EVP 10 oder 20 Cent egal sind, aber in diesem Fall – ärgere ich mich einfach. 79 Cent hingegen für eine Einzelausgabe der FR, keine Frage, das Vergnügen werde ich mir öfter leisten, auch angesichts der Tatsache, dass der durchschnittliche Preis anderer überregionaler Blätter inzwischen gerne mal in der Größenordnung guter 2 Euro irrlichtert, wobei ich mich bei mancher Dienstags- oder Mittwochausgabe frage, wie man das eigentlich zu rechtfertigen gedenkt (zumal ich dummerweise immer noch die Neigung habe, ab und an in D-Mark-Zeiten zu rechnen und mich dann so rund 4 Mark für eine einzelne Ausgabe einer Tageszeitung immer wieder erschrecken).

Gratuliere also, FR: Das Ding ist gut, es zeigt übrigens in der ganzen Debatte um Zeitungszukunft, dass Menschen sehr wohl bereit sind, Geld für Inhalt und Journalismus auszugeben, wenn sie eine nachvollziehbare, gute Gegenleistung bekommen. Und dass man Zeitungen retten kann, wenn man endlich damit aufhört zu glauben, Zeitungen müssten Zeitungen sein.

3 Kommentare » | ONLINE/MULTIMEDIA, PRINT

Das Burda-Paradox und die Times-Zukunft

10. September 2010 - 9:58 Uhr

Wenn man denn wissen will, wie schwierig es immer noch ist, mit der “old school” über die Zukunft zu debattieren, muss man sich nur zwei Meldungen anschauen, die an ein und dem selben Tag gelaufen sind.

Da ist zum einen der Verleger der New York Times, der etwas gesagt hat, was man letztendlich wenig  überraschend findet: das nämlich irgendwann der Tag kommt, an dem man aufhören würde, die Times zu drucken. Natürlich weiß man nicht, wann das sein wird, aber der Tag, da ist man sich in New York sicher, kommt. In absehbarer Zeit.

Und da ist dann auch Phillip Welte, Vorstand bei Burda, des Web-Enthusiasmus weitgehend unverdächtig. Welte kündigt an, dass Burda die Online-Aktivitäten auf ein Minimum absenken wird. Kurz gefasste Variante: Natürlich akzeptiere man die Notwendigkeit von Präsenz im Netz, finanzierbaren (Qualitäts-)Journalismus im Netz hält er aber schlichtweg für gescheitert und nachgerade unmöglich.

Das Absurde daran: Beide haben wenigstens ein bisschen recht (das macht es für Journalismus im Netz leider nicht gerade einfach). Die Zeit der gedruckten Zeitung nähert sich dem Ende. Ich glaube zwar nicht an einen völligen Untergang des gedruckten Papiers, ich kann mir sogar gut vorstellen, dass ein Printobjekt einen ähnlichen Status bekommen wird, wie ihn  heute die Vinyl-Platte hat. Es gibt kaum einen wirklich guten Grund für die Platte, trotzdem: Sie hat ihre Liebhaber, die inzwischen absurd hohe Preise bezahlen. Auch die Zeitung wird ihre Liebhaber behalten. Menschen, die lieber Papier rascheln hören als in einer App zu blättern. Und Menschen, die sich damit schon wieder von der Masse absetzen wollen. Wenn man so will: Die SZ oder die NYT unter dem Arm ist möglicherweise in fünf Jahren ein ähnliches Statussymbol wie es heute der Blackberry ist. Nur dass die Nische derer, die vielleicht mal 5 Euro für eine gedruckte Süddeutsche bezahlen so klein sein wird wie die derjenigen, die für eine Schallplatte 30 Euro ausgeben.

Wahr ist aber schon auch, dass das Geschäftsmodell für ordentlichen Journalismus noch gefunden werden muss. Es ist ebenso wahr, dass man heute schon ganz andere Dinge, bessere Dinge im Onlinejournalismus machen könnte, bestünde denn nur eine Aussicht, sie anständig finanzieren zu können. Natürlich wüsste man theoretisch, wie das gehen könnte: mit Videos, mehr Interaktion,  Animationen, Apps und all dem Zeugs. Nur wird man de Betriebswirte dieser Welt  nur schwerlich von der Notwenigkeit zu investieren überzeugen können, wenn man nicht am Ende irgendeine (schwarze) Zahl präsentieren kann.

Vielleicht ist genau das das Problem. Ich kann mich an einen dieser Controller erinnern, der mich mal gefragt hat, wann genau er bei einem verstärkten Engagement seines Haus in soziale Netzwerk mit einem Return of Investment rechnen können. Weil ich ja ein ehrlicher Mensch habe ich geantwortet: gar nicht. Damit war dummerweise die Debatte beendet, weil er kein Investment ohne Return machen wollte (was man zunächst einmal ja irgendwie verstehen kann. Und weil ich nicht mehr dazu kam ihm zu erklären, dass sein Investment sich an anderer Stelle wieder auszahlen könnte. Weil er beispielsweise mehr Zeitungen verkaufen könnte oder Apps oder sonstwas und dass möglicherweise eine solche Strategie auf Dauer auch ökonomisch interessanter sein könnte, als sich mit iPods oder Kaffeemaschinen ziemlich teuer Abonnenten zu erkaufen.

Aber selbst dann, wenn man Welte folgen würde: An den Feststellung der Freunde in New York kommt auch er nicht vorbei. Selbst wenn man online auf ein lebensnotwendiges Maß reduzieren und sich stattdessen wieder massiv an Print orientieren würde, es ändert sich nichts an der Tatsache, dass Journalismus auf gedrucktem Papier keine große Perspektive hat. So schlicht und vielleicht unlogisch es klingt: Es liegt schon alleine dran, dass es Papier ist. Wenn heute 15jährige mit Papier so gut wie nie in Berührung kommen, wenn sich ihr Leben weitgehend an Rechnern und an Handys abspielt, dann gibt es ungefähr keinen Grund zur Annahme, sie würden dann im Erwachsenenalter plötzlich zu begeisterten Nutzern von Printprodukten (das ist wie mit den Kids, die mit iPods groß geworden sind und denen mal erzähöen will, jetzt, als erwachsene Menschen müssten sie aber CD´s, Platten und Kassetten hören). Die Zahlen schwanken zwar, aber es ist absehbar, dass irgendwann mal demnächst nur noch jeder zweite unter 20jährige überhaupt noch zu Tageszeitungen greift (Tendenz weiter sinkend).

Das ist der entscheidende Fehler in Weltes Strategiewechsel: Vordergründig betrachtet sind seine Analysen schon richtig, denn noch gibt er damit einen entscheidenden Teil von Burdas Zukunftsfähigkeit aus der Hand. Eine lieblose Onlinepräsenz ist eben nicht nur eine Marketing-Gründen geschuldete Notwendigkeit, sondern ein Investition in die Zukunft.  Die Generation @ wird nicht zum “Focus” greifen, weil der vor 20 Jahren mal mittelberühmt war. Wenn sie das überhaupt tun wird, dann deswegen, weil er sie auf allen, vor allem auf ihren Kanälen mit Inhalten versorgt.

Es ist also, wie erwähnt absurd: Welte und die Times diagnostizieren beide erst einmal richtig. Der eine macht etwas, was nach Schluss, Aus, Ende aussieht: Er macht seine Zeitung irgendwann zu — und denkt damit so zukuftsorientiert wie wenige andere in seinem Fach. Der andere will seine Zunft und seine Zukunft retten, in dem er den Geschäftsbereich Online runterfährt — und verspielt die Zukunftsfähigkeit seines Hauses.

6 Kommentare » | ONLINE/MULTIMEDIA

Zwerge im Apfelkosmos

7. September 2010 - 10:51 Uhr

Die Medienseite der “Süddeutschen Zeitung” klang irgendwie enttäuscht in diesen Tagen: All die schönen Hoffnungen, die die Verlage in das iPad gesetzt hatten, seien nicht erfüllt worden, beklagte man. Stattdessen habe sich Apple als eine Art Kontrollfreak erwiesen, der in erster Linie an seinen eigenen Verdienst denke und vor allem den Verlagen die Beziehungen und Kontakte zu seinen Kunden aus der Hand nehmen wolle.

Das ist nun wirklich überraschend — also, nicht etwa, dass Apple in erster Linie sein eigenes Business betreiben will. Sondern dass man in der SZ und in den Verlagen erst jetzt auf eine Erkenntnis kommt, die alles andere als neu ist. Apple, der Riesenkonzern, der es sich sogar erlaubt zu entscheiden, dass eine weltweit gebräuchliche Software nicht auf seine Geräte kommt, ein Konzern, der weltweit den großen Telkos vorgibt, wie und was sie mit seinen hübschen Handys machen dürfen und der es sich erlauben kann, einer einzigen Firma die Exklusivrechte zm Vertrieb seines Handys zu geben und alle anderen, gewiss nicht kleinen Mitbewerber auszuschließen — dieser Konzern also soll besondere Rücksichten auf die Befindlichkeiten deutscher Zeitungsverlage nehmen? Mr. Jobs wird im Stillen lächeln über diese absonderliche Vorstellung. Zuma, es so aussieht, als dämmere es der SZ und einem beträchtlichen Teil der deutschen Verlage, welche Rolle ihnen in der neuen Medienwelt noch zukommt. Es ist eine deutlich kleinere als bisher. Ob die SZ oder sonstwer eine App für das iPad anbietet, ist Apple im Zweifelsfall völlig egal. Der SZ (oder sonstwem) sollte es das nicht sein.

Das das iPad nicht per se die Rettung der darbenden Branche sein würde, war von vornherein absehbar. Das ipad wie alle anderen Tablets auch sind keine Zeitungslesegeräte. Womöglich haben Zeitungen und journalistische Angebite dort auch ihren Platz, aber eben nur neben irgendwelchen Spielen, praktischen Anwendungen und all dem andere mehr oder wenigen nützlichen Kram, der auf einem solchen Ding installiert ist.

Das iPad (wie alle anderen Tablets) ist also kein Papierersatz. Es rettet nichts, außer Apple. Trotzdem ist es unsinnig, jetzt die Enttäuschung herauszukehren und zu lamentieren, dass Apple bei seinem Produkten und seinen Geräten erstmal an sich selbst denkt. Tatsächlich kommt hinzu, dass in vielen Häusern dem iPad anscheinend eine Art Selbstheilungskraft für Verlage zugesprochen wurde. Man geht irgendwie aufs iPad und dann wird alles gut. Gemessen an dieser (unrealistischen) Erwartungshaltung ist enttäuschend wenig passiert.

Der „Spiegel“ hat eine App an den Start gebracht, der man wenigstens attestieren muss: Sie versuchen es. Die App ist schnell und einfach bedienbar, journalistisch gesehen versucht sie sich wenigstens an einigen Mehrwerten. Jeder Ausgabe liegt quasi ein virtueller Beihefter in Form eines größeren Videobeitrags bei, dazu wird der eine oder andere Beitrag mit Videos und Animationen ergänzt. Das ist irgendwie rührend bemüht, weil man sich bei dem einen oder anderen Video, das zu einem Beitrag dazugepappt wird, schon fragt, wo man den denn jetzt rumliegen hatte. Zudem gibt´s vertonte Slideshows oder kurze Video-Gespräche mit den Autoren einer Geschichte. Das alles ist, wie gesagt, ganz hübsch, aber noch kein wirklicher Grund, für die iPad-Ausgabe 15 Cent mehr als für den gedruckten Spiegel zu bezahlen. Immerhin hat man ihn dann jetzt aber schon am Samstag abend, was den meisten eher egal sein dürfte, für Journalisten ist der Zeitvorsprung aber durchaus relevant. Inzwischen gibt es eine neue Version der App, die ein paar zusätzliche Funktionen bietet wie beispielsweise das Offline-Sehen der Videos.

Die „Zeit“ gibt es seit dieser Woche ebenfalls als App — dort geht man den entgegengesetzten Weg. Zwar konzentriert sich die „Zeit“ weitgehend darauf, dass man das gedruckte Exemplar lesen kann, allerdings ist die iPad-App selbst nach Ende der Einführungsphase deutlich günstiger als die gedruckte Ausgabe. Davon abgesehen: Bei der „Zeit“ kommt zumindest für mich ein erheblicher Bequemlichkeitsfaktor hinzu. Das Format der gedruckten Ausgabe fand ich immer unerträglich und ein Kilo Papier irgendwohin mitzunehmen auch. (Nebenbei: Manche Kommentare der „Zeit“ wie jetzt beispielsweise zum Urteil im Brunner-Prozess, das man irgendwie zum Justiz-Skanda verklären wollte, halten mich dann tendenziell von einem Abo ab. Jens Jessen sowieso. Aber es zählt der gute App-Wille).

Und sonst? Die SZ, die sich über Apple beklagt, bietet eine hochgradig ausbaufähige iPhone-App, auf dem iPad ist sie nicht zu sehen. Ebenso wenig wie eine FAZ, ebenso wenig wie viele andere große und mittelgroße Blätter. Und dort, wo man über erste Planungen über eine App nachdenkt, reduziert man sich letztendlich darauf, Inhalte reproduziere zu wollen. Das iPad als neuer Vetriebskanal, das war´s. Das man Journalismus auf dieser Plattform völlig neu denken müsste, neu erfinden müsste — auf die Idee kommen die meisten bei ihren Planungen nicht.

Interessant daran: Fast kein Verlag wird müde zu betonen, dass die lieben Leser durchaus bereit wären, für Inhalte auf dem iPad zu bezahlen. Es gibt sogar die nicht ganz falsche These, dass der Begriff Website bei den meisten die Assoziation “kostenlos” wecke, während man bei einer App wisse: Das kostet was. Nachvollziehbar, nur eine Frage wird ein bisschen arg wenig beantwortet: Für was sollen die Leute denn so gerne ihr Geld ausgeben? Für das, was sie vorher gedruckt schon nicht gekauft haben?

Natürlich hat zur Zeit statistisch gesehen nur jeder 800. Deutsche ein iPad. Aber die Zahl der Tablet- und App-Benutzer dürfte sich in den kommenden zwei, drei Jahren massiv erhöhen. Man muss befürchten, dass das Lamento über die neue Digitalwelt dann in die nächste Runde geht.

8 Kommentare » | ONLINE/MULTIMEDIA, PRINT

« Ältere Einträge     Neuere Einträge »