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Das ZDF unter den Zeitschriften

19. März 2013 - 0:30 Uhr

Gott sei Dank haben sie beim “Stern” lange und laut genug getrommelt. Sonst wäre mir vermutlich gar nicht aufgefallen, dass sich da irgendwas geändert hat. Auf den ersten Blick fand ich ihn wie immer, auf den zweiten sieht er aus wie der “Stern” mit einer homöopathischen Dosis SZ-Magazin. Dass der neue und künftige Allein-Chef Dominik Wichmann eine entsprechende Vergangenheit hat, sieht man als Magazin-Leser relativ schnell, nicht nur daran, dass er seine Ex-Autorin Meike Winnemuth ausgegraben hat, die jetzt auch im “Stern” nochmal erzählen darf, wie das war, als sie bei Jauch 500.000 Euro gewann und dann auf Weltreise ging.

Auf der anderen Seite hat so eine Stern-Redaktion dann aber auch eine Vergangenheit, die man nicht mal eben vergessen macht. Der treue Leser der Hamburger Wundertüte muss sich deswegen also keine Sorgen machen. Das, was er seit gefühlt einem Jahrhundert im “Stern” findet, findet er unverändert wieder, all die Cartoons, Fotostrecken, Kochrezepte und natürlich das unvermeidliche “Was macht eigentlich…”.  Der “Stern” bleibt also vorläufig das ZDF unter den Zeitschriften, ein Rentner in Jeans, ein Heft, an das man sich gewöhnt hat, das man weiß Gott nicht mehr wirklich braucht, was aber doch irgendwie fehlen würde, wenn es weg wäre, schon alleine deswegen, weil ältere Menschen wie ich den “Stern” so untrennbar zu den Jugenderinnerungen zählen wie ein Raider, die Hitparade im ZDF oder Bonanza-Fahrräder.

Auf Dauer könnte das allerdings ein etwas schwaches Argument fürs Überleben sein. Gut möglich also, dass demnächst deutlich mehr SZ-Magazin im “Stern” steckt.

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GEZ ist aber dann auch wieder gut

18. Januar 2013 - 15:23 Uhr

Vermutlich gibt es momentan bei ARD und ZDF den einen oder anderen, der sich wünschen würde, man hätte beim Thema Rundfunkbeitrag alles beim Alten gelassen. Dann hätte man jetzt einige Debatten weniger am Hals. Was müssen das für schöne Zeiten gewesen sein, als man noch ein paar störrische Zahler als größtes Problem hatte, aber keine Grundsatzdebatte. Vielleicht, das gleich mal vorweg, sollten also die neuerdings zahlreicher auftretenden Befürworter einer GEZ für die deutsche Presse ein bisschen über dieses Thema nachdenken, bevor sie ihre Forderungen wieder stellen. Es ist ja nicht gerade so, als würden jene knapp 18 Euro monatlich bei den Menschen auf allzu große Begeisterung stoßen, selbst dann nicht, wenn man die momentan etwas arg überzogene Berichterstattung von “GEZ-Wutwellen” mal außen vor lässt.

Die Zeitungen also momentan mal wieder. Wobei der Gedanke ja erstmal einleuchten könnte: Wenn Sie sich am Markt nicht mehr finanzieren können, dann muss man ihn eben einen Teil der Gebührengelder abgeben. Oder neue Gebühren für sie erheben. Presse, das ist schließlich keine Kaugummi-Fabrik, sondern eine Aufgabe, die im öffentlichen Interesse liegen sollte. Und gerade nach dem unschönen Ende der WR-Redaktion könnte man ja zudem noch ins Feld führen, dass damit womöglich Arbeitsplätze erhalten blieben.

Doch das führt auf den falschen Weg. Selbst die öffentlich-rechtlichen Sender werden in absehbarer Zeit in eine Legtimationsdebatte laufen, weil man sich ja zumindest fragen könnte, ob sich die Aufgabe einer Grundversorgung in einem Zeitalter der medialen Überangebote überhaupt noch stellt. Und ob das, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland anbietet, für den Begriff “Grundversorgung” nicht hoffnungslos überdimensioniert ist. Welche Begründung sollte es dann erst für eine öffentlich-rechtliche Presse geben? Sind Zeitungen ein öffentlicher Auftrag? Gehören sie zur Grundversorgung? Und müsste man dann nicht, wenn man das mal weiter denkt, in einem möglicherweise sich einstellenden Notfall auch Angebote wie “Spiegel Online” oder “Süddeutsche.de”  unter einen staatlichen Rettungsschirm stellen, wenn es mal heftig zu regnen anfängt? Und will man das überhaupt, neben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch noch eine wie auch immer staatlich lamentierte Presse zu haben? Speziell bei regional erscheinenden Medien kommt noch ein anderes Problem dazu: Warum sollte jemand in München Interesse daran haben, eine Zeitung in Flensburg zu subventionieren? Wo, bitteschön, steckt da das öffentliche Interesse, der öffentliche Auftrag?

Journalismus, so unschön das auch klingt, wird sich auch weiterhin am Markt behaupten können und sich selbst finanzieren müssen. Das gilt für alle gleichermaßen, egal ob Radio, Fernsehen, Zeitung oder Onlineangebote (den erwähnten öffentlich-rechtlichen Rundfunk mal ausgenommen). Nur weil der Markt möglicherweise eine bestimmte Form der Darreichung nicht mehr trägt, ist es absurd, dann jedesmal ein ganzes System komplett in Frage zu stellen.

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Zeitungs-Cocooning in der Kuschelkrise

19. Dezember 2012 - 2:05 Uhr

Also gut, kurz vor Jahresende 2012 scheint das also endgültig common sense in Deutschland zu sein: Wir haben es mit einer echten Zeitungskrise zu tun. Sagen mittlerweile sogar diejenigen, die bis dahin jeden, der auch nur die Möglichkeit einer solchen Krise andeutete, als Defätisten, Schwarzseher, Zeitungshasser oder womöglich sogar noch Schlimmeres bezeichneten. Man könnte sich jetzt freuen über so viel späte Einsicht, aber gut, besser spät als nie. Das Dumme ist nur: Die Feststellung, dass wir eine Zeitungskrise haben, ist leider grundverkehrt. Weil beide Bestandteile dieses Wortes auf die falsche Spur führen: Weder ist das, was wir momentan so alles erleben, ausschließlich auf Zeitungen beschränkt, noch haben wir es mit einer Krise zu tun. Eine Krise wäre etwas, was für einen mehr oder minder kurzen Zeitraum auftritt, ein paar Konsequenzen nach sich zieht – und dann wird doch wieder alles mehr oder weniger gut. Man könnte ja mal die Kollegen bei der FTD oder der FR fragen, ob sie wirklich glauben, sich gerade mal in einer leichten Krise zu befinden. Deshalb: ein paar Gedanken und Beobachtungen aus den vergangenen ein, zwei Wochen aus Mediendeutschland, nicht immer sortiert, aber wenigstens so halbwegs zusammenhängend.

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Man muss die deutschen Verlage ja dann schon wieder bewundern.  Beim ZDF fallen in den nächsten Jahren 400 Stellen weg, beim WDR ist die Rede von 100 Jobs, bei Spiegel TV hat es jetzt mal eben eine zweistellige Zahl erwischt. Trotzdem reden wir immer noch von einer Zeitungskrise; in Bayern macht sich inzwischen sogar die SPD schon Sorgen um die Qualitätspresse, was irgendwie impliziert, dass Qualität und Presse untrennbar zusammen gehören. Man habe sich möglicherweise etwas wenig um die Verlage gekümmert, grämt sich jetzt die SPD. Weswegen man auch darüber nachdenkt, ob man es den so arg Geschundenen nicht etwas einfacher machen sollte mit Fusionen und Übernahmen; selbst eingedenk der Tatsache, dass der Großteil der bayerischen Qualitätspresse in den Händen von gerade mal 11 Verlagen ist. Aber besser eine Konzentration auf ein paar als gar keine Zeitungen mehr, nicht wahr? Sogar in der  ”Süddeutschen Zeitung” ist vor ein paar Tagen ein überaus freundliches Portrait des “Straubinger Tagblatts” erschienen. Dass dort Berufseinsteiger in den ersten Redakteursjahren teilweise mit 1800 Euro (brutto) bezahlt werden und der Verleger gerne mal persönlich beim Oberbürgermeister anruft, wenn Ungemach droht, fand man bei der SZ gar nicht so schlimm. Schlimmer wäre es vermutlich, wenn der Quasi-Monopolist “Straubinger Tagblatt” nicht mehr sein Monopol ausüben und seine Redakteure nicht mehr mit Gehältern deutlich unterhalb der ohnedies bescheidenen Tarife bezahlen könnte. Da darf man schon mal ein bissel nachsichtig sein.

Und weil wir hier gerade die Rede von Quasi-Monopolen ist: Immer, wenn es um die Zeitungskrise geht, kommt man nahezu zwangsläufig auch auf das Thema “Leistungsschutzrecht”. Der Eindruck drängt sich auf, dass das LSR schon alleine deswegen kommen müsse, weil die Qualitätspresse bedroht ist und man kurz vor einem publizistischen Monopol Googles in Deutschland steht, errichtet auf den Trümmern der Verlage. Dann habe ich mich mal (gedanklich) in meiner alten niederbayerischen Heimat umgesehen und festgestellt, dass es beispielsweise im Großraum Passau de facto kein einziges Medium gibt, an dem die “Passauer Neue Presse” nicht wenigstens beteiligt ist. Dass dürfte man dann aber keineswegs Monopol, sondern eher eine große verlegerische Leistung nennen, die es selbstverständlich auch weiterhin zu leistungsschützen gilt. Monopole sind dann böse, wenn sie von Google kommen. Dass in vielen deutschen Regionen weitgehende Verlagsmonopole herrschen, hat die letzten 30 Jahre allerdings niemanden so recht aufgeregt.

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Nur eher zufällige Eindrücke? “Was macht eigentlich die Politik ohne die Printmedien? Wer stellt die Verbindung zu den Bürgerinnen und Bürgern, also den Wählerinnen und Wählern her, wer erklärt den Deutschen künftig die Politik von CDU, SPD, den Grünen, der FDP, den Linken, den Piraten?”, barmte  Ex-WAZ-Vizechefredakteur Alfons Piper jetzt in einem Debattenbeitrag für “newsroom.de” - und brachte eine in dieser Form immer wieder gerne genommene Argumentation aus der Printecke auf den Punkt. Mir wären auf diese gewiss rhetorisch gemeinte Frage eine ganze Reihe von Antworten eingefallen, aber Pieper wollte bestimmt nicht “Radio”, “Fernsehen”, “das Internet” oder anderes hören. Nein, es muss die Zeitung sein, weil sie das über viele Jahrzehnte hinweg getan hat. Für den Fall, dass Ihnen bei den potentiellen Alternativen auch noch womöglich Blogs eingefallen wären, hat Pieper ebenfalls schon eine Antwort parat: “Blogs können Zeitungen nicht ersetzen”, schreibt er und er erklärt auch, warum das so ist. Ich erspare Ihnen die Details. Zum einen, weil man diese Argumentation schon so oft gehört hat, dass sie selbst dem eingefleischtesten Zeitungsmann zu langweilig sein sollte. Und zum anderen, weil diese Debatte “Zeitungen vs. Blogs” irgendwie so 2001 und doch schon lange nicht mehr von Relevanz ist. Das Problem der Verlage sind weiß Gott nicht Blogs. Selbst da, wo es Lokalblogger inzwischen zu einiger Beachtung gebracht haben (Stefan Aigner und Hardy Prothmann seien genannt), ließe sich diese Argumentation nicht anwenden. Wenn die “Mittelbayerische Zeitung” an Auflage und vor allem Umsätzen verlieren sollte, dann ist Stefan Aigner mit seinem regensburg-digital.de bestenfalls ein (kleiner) Profiteur dieser Krise, aber sicher nicht ihr Auslöser; und das bei allem Respekt vor Aigner. Aber diese verengte Sichtweise von Alfons Pieper ist womöglich symptomatisch für die Problematik in vielen Verlagshäusern: Man räumt inzwischen zähneknirschend das Unübersehbare ein, mault ein bisschen gegen Google und das Internet, ist aber ansonsten der Auffassung, dass die Qualität im Journalismus auch weiterhin nur durch sie zu gewährleisten ist.

Was aber, wenn man mal eine ganz andere Theorie aufstellen würde? Nämlich, dass natürlich die Digitalisierung eine Rolle bei den aktuellen Verwerfungen spielt, die aber alle Mediengattungen gleichermaßen trifft. Dass aber speziell bei den Tageszeitungen über die Jahre hinweg genau das, was sie für sich lautstark in Anspruch nehmen, zum Problem geworden ist: die Qualität (whatever this means). Dass man sich über viele Jahre darauf verlassen hat, dass es schon so weitergehen wird, so merkwürdige Dinge wie Innovationen eher selten vorgekommen sind und es in vielen Häusern bis zum heutigen Tag die zugegeben abenteuerliche Idee eines innovation Labs gar nicht existiert. Im Grunde beobachten wir doch seit etlichen Jahren ein Phänomen, dass sich quer durch alle Mediengattungen zieht: Medium und Publikum entfernen sich immer weiter voneinander, das Publikum bei konventionellen Medien ist zunehmend überaltert. Beim ZDF (um nur ein Beispiel zu nennen) ist der Durchschnittszuschauer inzwischen über 60. Dafür bekommt das ZDF inzwischen auch ordentlich Häme ab und wer gerne einen guten Witz über die Überalterung und die Spießigkeit von (deutschen) Medien machen will, ist mit dem galanten Einstreuen der Anstalt auf dem Lerchenberg immer auf der sicheren Seite. Ist ja auch sehr einfach, so tüdelig und irgendwie charmant vorgestrig die Mainzelmännchen daherkommen. Auf die Idee, Google und ein paar Blogger seien schuld an den absehbaren Problemen des Senders, der, siehe oben, jetzt eben auch mal auf 400 Jobs verzichten muss, kommt vermutlich niemand.

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Aber was genau ist jetzt an der Erscheinung der “Passauer Neuen Presse” oder der “Glocke” so viel anders als an der des ZDF? Sehr häufig, wenn ich Tageszeitungen in der Hand halte, werde ich den Eindruck nicht los, dass man sich schleichend vom Publikum entfernt hat. Dass man gar nicht mehr realisiert, wie weit weg man möglicherweise schon von der Lebenswelt eines wenigstens nur etwas jüngeren Publikums ist. In der Lokalausgabe Warburg des “Westfalen-Blatts” beispielsweise bin ich vergangene Woche auf eine größere Geschichte gestoßen, wonach man theoretisch ein Bußgeld bezahlen müsste, wenn man den Schnee vor seiner Haustür nicht wegräumt, dass das aber eigentlich nie vorkommt, weil erstens die Leute ihren Schnee eh wegräumen und zweitens man auch bei einem Verstoß ja jetzt nicht gleich zur Bußgeld-Keule greifen müsse. Zum Zeitpunkt des Erscheinens lagen in Warburg in Westfalen übrigens rund drei Zentimeter Schnee. Zusammengefasst: Man macht also eine Geschichte über etwas, was eh nicht passiert und auch deshalb nicht weiter relevant ist, weil ohnedies kaum Schnee liegt. Erstaunlicherweise hat übrigens bisher kein Leser die Kommentarfunktion genutzt. In Passau wiederum war unlängst der Lokalaufmacher, dass zur Zeit Weihnachtsmarkt ist und die Veranstalter zufrieden seien, inklusive einer hübschen Auflistung, dass man dort u.a. Kerzen und Weihnachtsschmuck kaufen kann. Wow, dachte ich mir, da vergisst der 20jährige sofort Facebook und der 30jährige wirft sein Smartphone weg, wenn ihm die Qualitätszeitungen Geschichten über das Schneeräumen und den Weihnachtsmarkt um die Ohren hauen.

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Jaja, bevor Sie es sagen, ich weiß: Man kann in Warburg in Westfalen und in Passau nicht jeden Tag mit den Brüllergeschichten kommen. Ich habe lange genug Lokaljournalismus gemacht, um zu wissen, dass es Städte in diesen Größenordnungen einfach nicht hergeben, es findet sich ja nicht mal in München jeden Tag eine Geschichte, von der man sagt: Die MUSS jetzt aber Lokalaufmacher werden. Und ich weiß auch, dass es immer problematisch ist, mit einzelnen Geschichten zu argumentieren, weil garantiert jemand anderes eines ganz tolle Geschichte in irgendeiner der Tageszeitungen gefunden hat. Trotzdem: Angesichts dieser Bräsigkeit, Lustlosigkeit, Ideenlosigkeit, wie sie sich in Geschichten übers Schneeräumen allzu häufig manifestieren, findet man das ZDF beinahe schon wieder sexy.  Und man steht mehr denn je vor der Frage: Diskutieren wir nicht völlig am Thema vorbei, wenn wir über Google und über Blogs und das Internet als solches reden? Sind also die Zeitungen nicht deswegen im Sinkflug, weil sie , wie Alfons Pieper schreibt, das Internet komplett unterschätzt haben, sondern weil sie ihre Leser schlichtweg von ihrer Verzichtbarkeit überzeugt haben? Oder nochmal andersrum gedacht: Dafür, dass das ZDF inzwischen hauptsächlich Kukidentwerbung senden muss, gibt es eine ganze Reihe inhaltlicher Gründe. Und bei den Zeitungen sollen es jetzt Google und Facebook sein?

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Vielleicht ist es also ganz und gar nicht gut, wenn viele Zeitungen jetzt von der Krise reden, die leider völlig unerwartet über sie hereinbrach und in die sie jetzt schuldlos geraten sind. Möglicherweise lügt man sich sogar in die Tasche,  wenn man jetzt von Google und dem Internet redet. Weil man damit eigene Versäumnisse als mögliche Ursache kategorisch ausschließt. Zumindest sind mir nicht allzu viele Zeitungsleute bekannt, die sich auch mal offen hinstellen und hinterfragen, ob das Produkt, das viele seit Jahren abliefern, nicht einfach die Hauptursache für die zunehmende Schwindsucht ist. Deshalb ist es auch eine kleine Form von Selbstbetrug, wenn man jetzt von von der Krise spricht. Krise, das würde bedeuten, dass dass, was da gerade passiert, ein vorübergehender Zustand ist, nach dem es sicher wieder aufwärts geht. Das aber wird nicht passieren. Das, was da gerade passiert, ist auch das Ergebnis einer Entfremdung zwischen Zeitungen und Publikum.

Wer mir künftig die Welt erklären soll? Ach, Herr Pieper, auch diese Frage ist verräterisch für das Zeitungs-Cocooning: Das machen doch schon längst ganz andere.

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Die spinnen, die Belgier!

14. Dezember 2012 - 11:04 Uhr

Es muss ein ziemlich guter Tag für Belgiens Verlage gewesen sein, als man Google endlich eine Einigung im Streit um die Verwendung von Snippets bei Google News abgerungen hatte. Zumindest klingt das, was dort offiziell verlautbart wurde, nach nicht sehr viel weniger als einem Triumph. Zunächst geisterten sogar Interpretationen dieser Einigung durch die Gegend, in denen es hieß, Google werde künftig für die Verwendung von Verlagsmaterial bezahlen. Eine echte Ermutigung also für die Befürworter des Leistungsschutzrechts?

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Die Realität sieht ein wenig anders aus. Tatsächlich erkennt Google in Belgien gar nichts an und leistet auch keinerlei “Zahlungen” an die Verlage. Was man abgeschlossen hat, lässt sich als “Gentlemen Agreement” am ehesten beschreiben: Google wird künftig etwas mehr Werbung in den belgischen Zeitungen schalten und zudem sehr schwammig formulierte Hilfestellungen dabei geben, dass die Verlage wieder mehr Geld verdienen. Umgekehrt allerdings gehen die Verlage eine Zwangsehe mit Googles Adsense ein. Das muss keineswegs zum Schaden von irgendjemandem sein und vielleicht ist diese Einigung das Beste, was rauszuholen war.

Und möglicherweise sind die neuen belgischen Verhältnisse ja auch eine Art Menetekel für Deutschland. Betrachtet man die Sache nüchtern, dann wird Google irgendwann ebenso die Keule ziehen wie es jetzt die quengelnden Verlage tun. Soll heißen: Wird man Google tatsächlich irgendwann per Gesetz zu wie auch immer gearteten Zahlungen nötigen, wirft der Suchgigant dann mal eben die Verlage aus dem Index. Am Ende steht dann eine Einigung, wie wir sie jetzt in Belgien sehen. Und das wissen vermutlich beide Seiten jetzt schon sehr genau. Allem Kriegsgeheul zum Trotz.

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Daumenschrauben kommen vor dem Fall

23. November 2012 - 12:15 Uhr

Das eigentlich Lustige in Woche 2 der aufgeregten Krisenberichterstattung vornehmlich der Printbranche über sich selbst ist ja: Die meisten wollen es jetzt doch schon vorher gewusst haben, räumen aber ein,  damit ein bisschen spät dran zu sein, dieses komische Internet dann doch etwas unterschätzt und zu spät wahrgenommen zu haben. Trotzdem haben sie die richtigen Rezepte in der Hand, sagen sie jetzt. Soviel Selbstbewusstsein erstaunt — weil so rasend viel ja in den vergangenen Jahren nicht richtig gemacht worden sein kann, sonst müssten jetzt nicht jeden Tag interessante Grabreden erscheinen, die alle, kurios genug, eine glänzende Zukunft beschwören.

Das macht die ZEIT in dieser Woche ganz besonders intensiv: Eine komplette Titelgeschichte beschäftigt sich mit dem Thema “Zeitungen unter Druck”. Und kündigt zudem an zu wissen, wie “guter Journalismus überleben” kann. Mit dem “guten Journalismus” ist wie immer in den letzten Tagen eigentlich nur der in gedruckten Zeitungen gemeint. Und vielleicht offenbart das schon eine erste Schwäche der Branche: Sie geht immer noch wie selbstverständlich davon aus, dass sie das Alleinvertretungsrecht für “guten Journalismus” hat. Zähneknirschend macht man der Digitalisierung ein paar Zugeständnisse, sagt aber ansonsten, dass man es sich selbst verbockt hat, weil man die Leser mit Brachialgewalt ins Netz geschickt und den Wert der eigenen Arbeit schlecht geredet hat. Jaja, so einfach ist das. Dass möglicherweise die Leser von den täglichen Produkten, die da jeden Tag erscheinen, nur noch so mäßig begeistert sein könnten, wird sicherheitshalber erst gar nicht in Erwägung gezogen.

Glauben Sie nicht?

“Sie (gemeint sind Verleger, Geschäftsführer und Journalisten) begleiteten die Einführung ihrer Online-Angebote so manisch, als hätten sie permanent gekokst.  (…) Was sie damit ihren treuen und bezahlenden Lesern auch vermittelten, war: Schön, dass ihr noch dabei sein, aber das Medium der Zukunft ist ein anderes, es ist das Internet. Entsprechend lieblos wurde plötzlich manche verdiente Regionalzeitung behandelt und mit Sparrunden entkernt; es entstand ein Berufsbild, indem der Journalist kaum mehr ist als ein multimedialer Dienstleister, der den Input seiner Kunden moderiert.”

Zugegeben, auf die Idee muss man auch erst mal kommen: Es waren gar nicht die Leser, die sich vom Produkt Zeitung abgewendet haben. Es waren die Blattmacher, die die Leute vertrieben haben und ihnen gesagt haben, sie sollen sich lieber schon mal auf den Weg ins Netz machen, man komme dann bestimmt auch mal hinterher. Ich hatte das ja bisher anders in Erinnerung: nämlich so, dass die Leser plötzlich mehr und mehr im Netz verschwanden und auch auf ein bösartiges “hiergeblieben!”  seitens der Zeitungen einfach nicht dableiben wollten.

Der diese These mit den selbst vergraulten Lesern aufstellte war übrigens — Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT.

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Das glaubt man also in den Topetagen der Verlage allen Ernstes: Sicher, man habe da die eine oder andere Entwicklung ein wenig zu spät gesehen und man hätte sich vielleicht auch mal wieder auf ein paar journalistische Urtugenden besinnen müssen. Aber ansonsten: Man hat die Leute freiwillig ins (kostenlose) Internet verjagt und dann den Menschen fatalerweise auch noch gesagt, Journalismus sei eh wertlos; zumindest nicht so werthaltig, dass es sich lohnen würde, dafür Geld zu bezahlen.

Wie kann man von Fehlern reden, wenn eine ganze Branche sich einigt, dass geistige Arbeit keinen materiellen Wert hat?

Das sagt FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher auf die Frage der ZEIT, was die Branche in den vergangenen Jahren falsch gemacht habe. Das könnte man lustig nennen oder auch als eine ganz besondere Form der Ironie bewerten — würde es nicht so deutlich den Hochmut und den Realitätsverlust derer aufzeigen, die immer noch meinen, im digitalen Journalismus müsse sich nicht mehr ändern, als dass man endlich Bezahlmodelle finden müsse.  Tatsächlich sagen Schirrmacher, di Lorenzo et al nichts anderes, als dass man ein wunderbar funktionierendes Geschäftsmodell leichtfertig aus der Hand gegeben habe und es sich jetzt eigentlich nur zurückerobern müsse. Ich glaube allerdings anderes: Die ZEIT funktioniert auch deshalb (noch) so gut, weil sie mit Wolfgang Blau und einigen anderen eine der besten Online-Truppen in Deutschland hat. Die FAZ hat da nicht ganz so viel Glück, der Unterschied ist augenfällig.

Die ZEIT hat dann auch noch ein paar andere befragt, was man selbst und die Branche denn wohl falsch gemacht haben und was man künftig besser machen könne:

Wir sind zu zaghaft an die durch das Internet ausgelösten Veränderungen herangegangen.” (G&J-Frau Julia Jäkel, die dafür ganz unzaghaft die FTD dicht gemacht hat)

“Wir hätten noch früher und entschlossener auf Abomodelle im Internet setzen müssen.” (Springer-Vorstand Matthias Döpfner)

“Die gesamte Branche hat nichts falsch gemacht, aber einige Geschäftsmodelle haben einfach nicht mehr funktioniert.” (Dirk Ippen, Verleger)

“Wenig. Die Menschen lieben unsere Zeitschriften und geben dafür im Jahr 2,7 Milliarden Euro aus.” (Phillip Welte, Vorstand bei Burda).

Merken Sie was?

Kein Wort davon, dass sich möglicherweise der gesamte Journalismus verändern müsste. Kein Wort davon, dass es vielleicht gar nicht ausreichend ist, einfach nur eine etablierte Marke ins Netz zu verlängern. Stattdessen als Quintessenz: Wir waren ein bisschen langsam und ein bisschen unentschlossen und ein bisschen zu kostenlos.

Indes: So lange man immer noch meint, die Leute kämen dann schon wieder gerne zurück, wenn man ihnen klar machen würde, was sie sich entgehen lassen – so lange sitzen die Daumenschrauben immer noch nicht fest genug. Dass diese Daumenschrauben in den nächsten Monaten allerdings noch ein wenig angezogen werden, davon muss man leider wohl ausgehen.

 

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Es wird uns geben, weil es uns schon immer gegeben hat

20. November 2012 - 12:34 Uhr

(Die Kollegen der taz haben mich gebeten, in einem Kurzdebattenbeitrag für die Wochenendausgabe zum Zeitungssterben etwas zu sagen. Auf den dafür vorgegebenen 1000 Zeichen bringe ich naturgemäß nur das Nötigste unter, der Rest steht deshalb hier.)

Bevor dann vermutlich ab Mittwoch wieder die großen Debatten um das Sterben oder Nicht-Sterben von gedrucktem Papier beginnt, müsste man das Loch dazwischen nutzen und zwischen den Aufgeregtheitswellen noch ein paar Sachen loswerden, die eher auf persönlichen Erfahrungen denn auf Wissenschaft oder Zahlen basieren. Und auf dem Gefühl, dass das größte Problem bei vielen Blättern nicht mal so sehr der Inhalt ist, sondern eher die Haltung. Um ein ganz banales Beispiel zu nehmen: Ich war für viele in der Branche über ein paar Jahre lang der “Zeitungshasser”. Einer, der einfach eine nicht näher zu begründende Abneigung gegen gedrucktes Papier hat und sich einen enormen Spaß daraus macht, die Kassandra zu spielen. Sieht man davon ab, dass ich mit meiner Zeit besseres anzufangen wüsste, als laute Unkenrufe auszustoßen, habe ich mich eine Zeit lang immer gefragt: Warum wohl sollte ich das machen? Dann wurde mir irgendwann mal klar, dass dieses In- die-Ecke-stellen eigentlich eine ziemlich perfide Sache ist: Man nimmt jemandem sämtliche argumentative Glaubwürdigkeit, indem man ihn per se als Kassandra abstempelt. Hört ihm erst gar nicht zu, heißt das ungefähr, der motzt eh nur rum.

Irgendwann in den letzten Jahren begann sich das zu wandeln. Nachdem ich auf nahezu allen öffentlichen Veranstaltungen zum atomaren Gegenschlag ausgeholt und generell eingangs betont hatte, Zeitungen an sich sehr zu mögen und auch lange Zeit bei solchen gearbeitet zu haben, hörte ich dann irgendwann mal, mein Vortrag/meine Beiträge seien “unterhaltsam” gewesen. Das fand ich dann wiederum ebenso erstaunlich wie lustig: Ich bin keiner dieser Schreihälse vor dem Herrn und auch keiner der kulturpessimistischen Untergangspropheten, für die der Anblick von Zeitungsleichen einem Orgasmus gleichkommt. Trotzdem bemerkte ich dann irgendwann mal, dass die Bezeichnung “unterhaltsam” wenigstens genauso perfide ist, wenn man sie gezielt einsetzt: Man macht jemanden dann zum Hofnarren, findet ihn witzig, aber nichtsdestoweniger nicht weiter ernstzunehmen. Davon abgesehen habe ich mir dann immer überlegt, wie ich wohl reagieren würde, wenn mir ein Arzt eine schwere Krankheit diagnostizieren würde. Ob ich dann ihm wohl freudig strahlend die Hand schütteln, mich bei ihm bedanken und ihm sagen würde, dass das jetzt eine der witzigsten Diagnosen meines Lebens gewesen sei? Aber gut, jeder hat ja seine eigenen Vorstellungen von Humor.

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Es ist möglicherweise also eine Frage der Haltung, über die viele Menschen aus dem Printkosmos gestolpert sind und noch stolpern werden (nebenbei bemerkt: damit meine ich keineswegs nur die selbstverständlich immerbösen Verleger, sondern auch viele Journalisten, für deren Beratungsgresistenz man auch erst einmal eine Bezeichnung finden muss). Eine Grundhaltung, die verhindert hat, aktiv zu werden, als noch Zeit dazu war und als es noch weitaus mehr Optionen gegeben hätte als hektische Sparrunden oder Einstellungen ganzer Titel, von denen jetzt ganz viele Menschen ganz furchtbar überrascht sind; ganz so, als hätten sich diese Entwicklungen nicht schon lange abgezeichnet. Ich muss in den letzten Tagen öfter mal an eine öffentliche Wette der geschätzten Kollegen Markus Hündgen und Thomas Knüwer denken; die beiden hatten um ein iPad2 gewettet, wen es dieses Jahr als erstes erwischen würde. Markus Hündgen hatte recht mit seinem Tipp “Frankfurter Rundschau”, aber so betriebsam, wie momentan das Handelsblatt bei allem ein Dementi raushaut, wo auch ansatzweise das Wort “Verluste” enthalten ist lässt tief blicken. Falls Thomas Knüwer die Wette fürs nächste Jahr nochmal anbietet, würde ich nicht dagegen halten, aber das nur nebenbei.

Diese Haltung war und ist von Annahmen geprägt, die ebenso irrational wie absurd sind. Und die fatale Auswirkungen haben. Wenn man nämlich meint, es werde schon alles gut gehen, wenn man tatsächlich glaubt, es sei noch nie ein Medium durch ein anderes einfach so ersetzt worden, dann fühlt man sich mehr oder weniger unangreifbar. Das sind zwar so ungefähr die schlechtesten Argumente, die einem  zu Ohren kommen können, dennoch werden sie in der aktuellen Debatte immer noch gerne gebraucht. Und wie ein Mantra wird auch ein Satz wiederholt, der in seiner ganzen Unsinnigkeit erst einmal dahin geschrieben werden muss: Zeitungen wird es immer geben. Das ist zwar tatsächlich erst einmal nur so dahin gesagt, ohne jegliche Begründung natürlich, aber man sollte da vorsichtig sein. Es gab auch schon Prophezeiungen, die in einem ebensolchen Brustton der Überzeugung davon ausgingen, kein Mensch brauche mehr als 1 MB Speicherplatz. Oder dass es auf der Welt nur Bedarf für vier oder fünf Computern gebe. Die schönste Prophezeiung hat übrigens jemand in einem Brief gefasst. Da schrieb er einer jungen Nachwuchstalent, die Zeit für ihre Musik sei leider endgültig vorbei. Der Mann wurde später berühmt als der Mann, der den Beatles eine Absage erteilte. Man sollte also durchaus aufpassen mit Prophezeiungen, die sich zwar auf kein einziges Argument, dafür aber auf eine umso intensivere Überzeugung stützen können. Sogar diejenigen, die in der vergangenen Woche mittelbar oder unmittelbar vor der Insolvenz der Frankfurter Rundschau betroffen waren, hielten an dieser Überzeugung fest.

Zeitungen wird es immer geben.

Zeitungen wird es immer geben.

Zeitungen wird es immer geben.

Und was – wenn nicht?

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Diese Haltungen beinhalten auch zwei andere interessante Komponenten. Die eine Haltungskomponente lautet: Ja, ich sehe, dass alle anderen in der Krise sind. Wir allerdings nicht. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.

Die andere lautet: Ja, Sie haben recht. Wir müssen dringend unsere Hausaufgaben machen. Wir melden uns umgehend bei Ihnen. Unnötig zu sagen, dass sich natürlich nie wieder jemand meldet. Weil man anscheinend doch festgestellt hat, dass die Hausaufgaben ganz gut erledigt sind. Oder noch Zeit haben. Oder aber einfach zu viel Geld kosten.

Beides ist mir im vergangenen Jahr mehrfach passiert, und es waren keineswegs die kleinsten oder die dümmsten Köpfe, die so etwas gesagt haben. Ein durchaus sehr prominenter Journalist hat mir im vergangenen Jahr von seiner Zeitung erzählt, jaja, die anderen, das sei schon so eine Sache. Man müsste sich ja wirklich Sorgen machen wie das weitergehen werde mit der Tageszeitung in Deutschland, meinte er. Seine Prognose für die meisten seiner eher nicht so rosig. Das eigene Blatt nahm er selbstverständlich von dieser Prognose aus. Seitdem verfolge ich mit besonderem Interesse die Auflagenentwicklung dieser Zeitung. Und auch ihre digitalen Aktivitäten, ebenso wie alles andere. Jeden Tag frage ich mich deshalb mehr, wie dieser Mensch wohl auf diese Einschätzung gekommen ist, seine Zeitung sei von solchen Entwicklungen nicht weiter betroffen.

Bei einer Zeitung habe ich mir zwei Tage lang den Mund tatsächlich fusselig geredet. Am Ende hatte ich eine Reihe von betroffenen Mienen dort sitzen. Und einen Chefredakteur,  der coram publico ankündigte, man noch eher heute als morgen anfangen gegenzusteuern.  Er müsse nur noch mit der Geschäftsführung sprechen, das sollte allerdings kein Problem werden. Man wisse ja, wie diese Geschäftsführer seien. Immer nur die Rendite im Kopf und kein Verständnis für journalistische Probleme. Ich weiß nicht, ob der Chefredakteur später tatsächlich am Geschäftsführer zerschellt ist oder ob er sich einfach nur unter den Druck seiner Ressortleiter gesetzt fühlte. Faktisch passiert ist jedenfalls bis zum heutigen Tage ungefähr gar nichts.

Das ist es, was mich immer wieder so erstaunt an Tageszeitungen. Ich meine, seit Jahren warnen nunmehr unglaublich viele Menschen vor Gefahren, die den Zeitungen drohen. Die so genannten neuen Medien sind so “neu”, dass man sich schon überhaupt nicht  mehr traut, den Begriff überhaupt in den Mund zu nehmen.  Und trotzdem sind jetzt alle ganz erstaunt und betrauern das Ende beispielsweise der “Frankfurter Rundschau”. Vermutlich wird man dasselbe Spektakel erleben, wenn dann irgendwann doch mal die “Financial Times Deutschland” vor die Hunde geht (und das wird, um weiteren Überraschungen vorzubeugen, passieren; wenn nicht jetzt, dann demnächst).

Trotzdem ist die einzige Reaktion bisher: Das sind Einzelfälle. Kann uns nicht passieren. Im Gegenteil, wir sind die künftigen Sieger der Digitalisierung (das ist keine Überspitzung, das habe ich wirklich mal in einem offiziellen Statement gelesen). Ohne uns geht es nicht. Irgendwann, wenn dieser Rausch mit diesem Internet mal vorbei ist, werdet ihr das auch mal kapieren.

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Irgendwann? Irgendwann mal wird es heißen, dass die Zeitungen nicht nur an ihrer veralteten Technik kaputt gegangen sind. Sondern auch an Dünkeln, Arroganz, und einem viel zu späten Erkennen der Zeichen der Zeit.

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Zeitungskrise? Zeitungsende!

14. November 2012 - 12:43 Uhr

(Das möglicherweise Schlimmste für die Kollegen der “Frankfurter Rundschau” ist ja, dass es jetzt so viele schon vorher gewusst haben. Dass sie gesagt bekommen, sie hätten zu lange das versucht, was die Briten “flogging a dead horse“ nennen. Man muss also, wenn man etwas über die Insolvenz dieser Zeitung schreibt, erst einmal furchtbar aufpassen, dass da tunlichst nicht steht, man habe es ja schon länger geahnt. Auch wenn die Verlockung groß ist und dieser Satz auch sachlich nicht so ganz verkehrt wäre.)

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Über den mutmaßlichen Untergang der FR ist seit gestern viel geschrieben worden, manches Wahres, mancher Unsinn. Zurecht hat der eine oder andere darauf hingewiesen, dass die Geschichte dieser Zeitung sehr viele spezielle Komponenten enthält; zuviele, als dass man die Frankfurter als Musterbeispiel für die Zeitungskrise verwenden, den Zeigefinger heben und sagen könnte: Seht ihr, so wird es euch allen gehen, wenn ihr nicht Halt macht und umkehrt. Dass auf der anderen Seite die Kollegen der FAZ sich mal wieder zu einem Stoßseufzer hinreißen ließen, wenn denn mal die letzte Zeitung gestorben sei, würde nur noch der Quatsch aus dem Netz weiter existieren (und vulgo die Menschheit weiter verblöde, sofern das noch möglich ist), zeigt vor allem eines: Ganz egal, welche Meinung man zur FR-Insolvenz auch vertritt, es wird immer noch an der eigentlichen Problematik vorbei diskutiert. Letztendlich stellt sich nämlich nicht die Frage, ob jetzt Papier oder digital besser ist, es geht auch nur sehr vordergründig um sinkende Auflagen und Werbeerlöse. Sondern um eine sehr generelle Frage, die zwar schon vor Jahren diskutiert wurde, angesichts der momentanen heftigen Beschleunigung der Problematik wieder relevant wird:

Ist nicht schlichtweg die Idee “Tageszeitung” am Ende?

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Die Maschine

Würde man sich dem Thema so nähern, hätte das ein paar Vorteile. Man müsste zum Beispiel nicht mehr diese alberne Debatte führen, ob Inhalte besser sind, weil sie auf Papier gedruckt sind. Man könnte müde über den FAZ-Herausgeber d´Inka lächeln, der ernsthaft glaubt, der Fortbestand von anständigem Journalismus sei tatsächlich vom Fortbestand der (Tages-)Zeitung ahängig. Und man könnte den Blick freibekommen auf das, um was es geht. Das ist, anders als der FAZ-Mann glaubt, keineswegs die Frage, ob Papier und Zeitung oder eher nicht. Sondern die Frage nach Publikationsformen, die in einer durchdigitalisierten Welt Sinn machen. Die Frage nach der Finanzierung stellt sich natürlich auch, aber ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeigt: Für jedes vernünftige und tragfähige Inhaltemodel gibt es auch die passende Finanzierung.

Tageszeitungen sind – man muss das in den Endzeittagen der FR und wohl auch der FTD nochmal festhalten – eine sterbende Gattung. Das hat nichts mit dem Datenträger zu tun, auch eine als PDF für Tablets ausgespielte Tageszeitung ist erst einmal nichts anderes als eine Tageszeitung. Sie folgt all ihren Prinzipien, die vor 20 Jahren noch relevant waren, inzwischen aber aus einer Reihe von Gründen schlichtweg überholt sind. Die Idee, die die meisten von ihnen immer noch mit erstaunlicher Konsequenz verfolgen, lautet: Wir fassen den gestrigen Tag zusammen. Wenn es nicht so viele immer noch tun und nicht dauernd daraus eine Grundsatzdebatte über das Internet entfachen würden, müsste man es nicht ausdrücklich betonen — so aber bleibt nichts anderes übrig als das nochmal zu sagen: Die Idee ist überholt, nicht so sehr das (Träger-)Medium als solches. Nach der US-Wahl vergangene Woche sind natürlich auch die digitalen Ausgaben der Tageszeitungen ohne ein Endergebnis der Wahl erschienen, wie auch?

Das Beispiel zeigt die Problematik: In der Struktur, in der Tageszeitungen arbeiten, sind sie schlichtweg nicht in der Lage, in des Wortes Sinne aktuell zu sein. Produktions- und auch Redaktionsstrukturen sind nicht darauf ausgerichtet, jenen Echtzeit-Journalismus zu bedienen, wie er durch das Netz inzwischen de facto bereits existiert. Auch dann nicht, wenn das Papier plötzlich ein PDF oder eine App wird (wobei die App wenigstens etwas schnelleres Reagieren ermöglicht).

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Bis vor einigen Jahren galt wenigstens eines als ausgemacht: Natürlich hat die Tageszeitung den Kampf um die Aktualität im Nachrichtengeschäft verloren. Eine Seite des Ressorts “Nachrichten” ist in einer Tageszeitung, wenn man den Begriff wörtlich nimmt, per se ein Witz, es sei denn, man würde ernsthaft behaupten, dass Meldungen, die mindestens12 Stunden alt sind, im Zeitalter von Twitter,Facebook und Smartphone noch als “Neuigkeit” bezeichnet werden können. Die Tageszeitung müsste also, so folgerten viele, künftig anderes leisten: analysieren, einordnen, Hintergründe liefern, Haltungen und Meinungen vertreten. Dagegen gibt es zunächst schon deshalb nichts einzuwenden, weil es zu dieser Idee gar keine Alternative gibt. Das Problem für die meisten Tageszeitungen wird nur sein, dass genau dieses Geschäft schon von vielen anderen ausgesprochen gut und erfolgreich betrieben wird,  man nennt sowas auch Wochenzeitung.  Die Idee also, die Tageszeitung zu einer Art täglichen Wochenzeitung zu machen, ist schon ganz hübsch, die Frage ist nur, ob es für diese inhaltliche Kehrtwende bei vielen nicht schlichtweg zu spät ist. Selbst da muss die FR leider als Beispiel herhalten: Es wäre ja nicht so, dass das Blatt blind in Richtung Abgrund gelaufen wäre. Man hat ja durchaus einiges versucht und am Ende sogar eine durchaus vorbildliche Tablet-App produziert. Die Abwärts-Spirale war trotzdem nicht mehr aufzuhalten.

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Ferienfrühstück

Kurz eingeschoben sei ein anderer Gedanke, weil wir hier gerade von Apps reden: Mir fallen da auf einen Schlag so viele Blätter ein, die sowas wie eine App noch gar nicht haben. Oder unbrauchbare Apps. Oder einfach nur PDF-Ausgaben, deren Problematik oben schon beschrieben ist. Wenn ich mir das gerade eben so vor Augen führe, dann würde ich lieber erst gar nicht wissen wollen, welche Meldungen uns 2013 um die Ohren fliegen.

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Angesichts dieser ganzen Entwicklungen wirkt es dann ebenso befremdlich wie urkomisch, wenn plötzlich die Verlagserkenntnis auf den Tisch kommt, man müsse einfach nur aufhören, gute und hochwertige Inhalte zu verschenken. Bezahlschranke runter und alles wird gut, das ist das aktuelle Mantra. Das lässt sich allerdings leicht widerlegen, wenn man tatsächlich die publizistische Idee “Tageszeitung” in Frage stellt. Das wäre dann auch tatsächlich andere Debatte. Was also, wenn gar nicht die vermeintliche “Umsonstmentalität” im Netz das Problem ist, sondern die Frage, ob es man nicht schlichtweg ein überholtes und publizistisch zunehmend irrelevantes Produkt dadurch zu retten versucht, in dem man es teurer macht? Das hat übrigens die Musikindustrie vor 15 Jahren auch schon mal versucht, als sie auf die wunderbare Idee kam, man müsse den sinkenden Absätzen durch eine saftige Preiserhöhung für so genannte “Premium CDs” antworten. Dann wisse der Nutzer endlich, welch hochwertiges Gut er da in Händen halte – und dafür sei er dann auch gerne bereit zu zahlen. Die Argumentation kommt mir bekannt vor, und was aus CD´s geworden ist, weiß man ja nur zu gut.

Trotzdem ist die Musikindustrie mal wieder eine schöne Analogie (ich frage mich ja ohnehin sehr oft, warum sich viele Medienmanager nicht einfach immer wieder mal die dortige Entwicklung anschauen, man könnte eine Menge für sich selbst daraus ableiten). Dort hat man auch über viele Jahre zunächst über den richtigen Datenträger debattiert (CD oder mp3) und dann die Kostenlosmentalität der Nutzer als das Hauptübel ausgemacht. Die Debatte drehte sich also sehr lange darum, ob man nicht einfach mit einer Menge von Restriktionen und Preiserhöhungen den früheren Zustand wieder herstellen könne. Auf die Idee, dass am Ende eine völlig andere Idee des Musikhörens und damit auch ein restlos verändertes Geschäftsmodell stehen wird, sind die Dieter Gornys dieser Welt nie gekommen. Tatsächlich aber ahnen wir heute: Nicht das Kaufen eines Datenträgers, sondern der lizensierte Zugriff auf Datenbanken ist vermutlich das, was Nutzer in der Zukunft als ihre bevorzugte Form des Musikkonsums angeben werden. Weniger kompliziert ausgedrückt: Streaming.

Die Kulturpessimisten werden einwenden, dass angesichts der Minibeträge, die ein Künstler für einen abgerufenen Stream bekommt, kaum mehr Geld zu verdienen ist. Vordergündig stimmt das, bei näherem Hinsehen bestätigt das allerdings nur eine Entwicklung, mit der Musiker schon länger leben müssen: Ihre Haupteinnahmequellen sind nicht mehr der Verkauf von Datenträgern, sondern (beispielsweise) Live-Auftritte. Das muss nichts Schlimmes sein, immerhin bietet das deutlich kostengünstigere Streaming ja womöglich auch die Möglichkeit, dass sich Menschen viel eher mal schnell ein Album anhören, als wenn sie dafür erst 10 Euro bezahlen müssten. Streamingdienst als Appetizer, als Marketingmöglichkeit für andere, teurere Dienste, das könnte ein funktionierendes Konstrukt werden.

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Was ist unser Spotify (vulgo: Streamingdienst), was könnten unsere bezahlpflichtigen und rentablen Zusatzdienste sein? Unter dieser Prämisse müssten Verlage heute ihre Zukunft debattieren. Sie müssten ihre gesamten Strukturen ebenso verändern wie ihr publizistisches Grundmodell. Wenn man beim eingangs geschilderten Bild bleibt: Die Tageszeitung ist ein “dead horse”. Nicht zu verwechseln mit Journalismus. Den werden wir auch weiter brauchen, bloß neu gedacht.

Nur weil Musik künftig mehr gestreamt wird, kommt ja auch niemand auf die Idee zu glauben, wir würden keine Musik mehr hören.

Deshalb: Mach´s gut, Tageszeitung, Ende und aus. Es war trotzdem schön mit dir.

 

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Welche Zeitungskrise (2)?

3. November 2012 - 15:58 Uhr

Augsburger Allgemeine (Personalabbau, Budgetkürzungen in der Redaktion um 3,7 Mio. in drei Jahren)

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Welche Zeitungskrise? (1)

27. Oktober 2012 - 15:08 Uhr
(wird fortgesetzt)

 

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Lokalteile in Nürnberg: Aus drei mach einen

1. Oktober 2012 - 9:00 Uhr

Was sich innerhalb einer Woche in der Zeitungslandschaft einer Großstadt so ändern kann: Am Samstag ist die “Nürnberger Abendzeitung” zum letzten Mal erschienen, seit heute gibt es für die beiden verbliebenen Tageszeitungen nur noch einen gemeinsamen Lokalteil.    (Edit: Ich bekomme gerade den Hinweis via Twitter, dass meine Interpretation nicht ganz korrekt ist. Tatsächlich gibt es ein gemeinsames Buch mit Titel “Mein Nürnberg”, die Lokalteile bleiben aber dennoch erhakten, sorry!) Das ist für Leser, Journalisten und natürlich auch die entsprechenden Verlage nicht gerade erfreulich, aber letztendlich nur so folgerichtig wie erwartbar zugleich: Wenn der Markt und das Interesse an gedruckter Publizistik nicht mehr hergeben, dann bleiben solche Entwicklungen nicht aus, selbst wenn man denen, die das schon länger so prophezeien, ja gerne mal Fatalismus und Schwarzmalerei vorwirft.

Ich würde es auch nicht für ausgeschlossen halten, dass man in 20 Jahren staunende Studentengesichter in Vorlesungen und Seminaren sehen wird, wenn ihnen Dozenten davon berichten, dass es tatsächlich mal in Nürnberg drei gedruckte Lokalteile gegeben hat. Die Realität ist: Heute gibt es nur  noch einen, ob er überlebt, sei dahingestellt – und ob unter den Studenten in 20 Jahren irgendeiner ist, der diese glorreichen Zeitungszeiten von früher als bessere Zeiten empfindet, würde ich auch mal dahingestellt sein lassen.

So sieht das aus Ende 2012 – und ich würde immer noch jedem empfehlen, ab und an mal einen Blick nach Nürnberg zu werfen.

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