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Anmerkungen eines Medienmenschen

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Lies and let die…

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Vor ein paar Jahren hat man, wenn es um den Fortbestand der gedruckten Tageszeitung geht, gerne die nachfolgende These vertreten: Es gebe da ein paar ganz wundervolle crossmediale Optionen, eigentlich sei die Tageszeitung ja wie geboren dafür. Weil die Ergänzung zwischen dem schnellen und nachrichtenorientierten Netz auf der einen und der quasi entschleunigten Zeitung auf der anderen Seite nahezu perfekt sei. Man nimmt sich nach einem hektischen Tag im Netz gerne mal die Zeitung in die Hand und liest dann all die schlauen Kommentare, Analysen und Hintergründe, die während des Tages viel zu kurz gekommen sind. Man könnte also meinen, das Netz sei der beste Grund für die Zeitung danach. Würde man dem folgen, was manche Menschen schon seit vielen Jahren fordern (nämlich: weg von der Nachicht, hin zur Geschichte) es müsste unseren Zeitungen an sich gut gehen.

Seit ein paar Jahren gibt es auch noch eine andere Theorie. Derzufolge sind es vor allem die regionalen Tageszeitungen, die mittelfristig gefährdet sind. Die großen, überregionalen Blätter sind davon weniger betroffen. Über die vermeintlichen Schwächen von Regionalblättern ist viel geredet und geschrieben worden. Naheliegend, wenn man zudem bedenkt, dass ein Blatt wie SZ in den vergangenen Jahren der negativen Auflagenentwicklung weitgehend getrotzt und in dem einen oder anderen Quartal sogar leicht zugelegt hat.

Vorbei, das alles, so wie es aussieht. Betrachtet man die Auflagenentwicklung der Tageszeitungen im letzten Quartal 2011, dann fallen zunächst zwei Dinge auf. Zum einen: Bei den Regionalzeitungen sind die größten Gewinner die mit den wenigsten Verlusten. So weit ist es inzwischen also schon, dass man sich als Sieger fühlen darf, wenn man ein bisschen weniger  verliert als die anderen. Die Verluste sind in den seltensten Fällen wirklich dramatisch, eher bewegen sich die Auflagen in einem langsamen Sinkflug. Allerdings: Dieser Sinkflug hält nun beinahe schon seit 15 Jahren an. Es gibt nicht ein einziges Indiz dafür, dass sich daran etwas ändern wird. Was das bedeutet, kann man sich leicht ausrechnen. Obwohl ich nicht daran glaube, dass die gedruckte Zeitung komplett vom Markt verschwinden wird, ebenso wenig wie gedruckte Bücher. Aber unausweichlich ist: Das gedruckte Medium wird in jeder Hinsicht weiter an Bedeutung verlieren, was viele Redaktionen in die absurde Lage versetzt, kaum etwas richtig machen zu können. Es ist das Medium, das langsam stirbt, nicht zwingend der Journalismus, die Inhalte, die gute Geschichte. Anders und salopper formuliert: Das Publikum liest die Zeitung nicht mehr, weil es eine Zeitung ist. Weil es Papier ist. Weil es das Medium ist, das seine Zeit hatte und irgendwann mal das sein wird, was die gute alte Schallplatte heute im Musikgeschäft ist. Etwas für Liebhaber und Nostalgiker, aber nichts mehr für den Massenmarkt.

Grafik/Quelle: IVW

 

Speziell für die Regionalzeitungen kommt aber neben den beschriebenen Effekten der Digitalisierung auch noch anderes hinzu: Sie werden sich einem verstärkten Wettbewerb stellen müssen. Das ist deshalb neu und ungewohnt zugleich, weil die meisten schlichtweg keine Wettbewerbssituation kennen und nie gekannt haben. Regionalzeitung, das bedeutete bisher eben immer auch: Quasi-Monopolist mit dem Stellenwert einer beinahe amtlichen Einrichtung. In einen bestehenden Markt einer Tageszeitung erfolgreich einzudringen, das galt bislang als ein weitgehend aussichtsloses Unterfangen. Das hat sich geändert, weil der Kosten- und Produktionsaufwand beispielsweise für einen Lokalblogger nicht mehr im Mindesten mit dem einer neuen Zeitung vergleichbar ist. Und, ja, auch deswegen: Das Publikum hat viele der Zeitungen in den letzten Jahrzehnten zunehmend öfter so empfunden, wie man halbamtliche Einrichtungen eben empfindet. Man nutzt sie, man braucht sie ein Stück weit auch. Aber man liebt sie dafür nicht unbedingt und die emotionale Bindung ist auch eher überschaubar. Über die vielerorts fehlenden digitalen Alternativen ist (auch auf dieser kleinen Seite) ausreichend viel geschrieben worden, als dass man das Thema noch ausführlich erläutern müsste. Was lediglich erstaunlich ist: In nicht wenigen Häusern ist man sich in den Redaktionen durchaus darüber im Klaren, dass ihre digitalen Angebote selten zukunftsweisend sind. Dagegengehalten wird trotzdem selten. Zumal — auch das muss man aus Journalistensicht durchaus einräumen — speziell bei Redaktionen der Altersschnitt gerne mal jenseits der 40 liegt. Und dass Kollegen dieses Alters nicht immer begeistert sind, sich nochmal auf völlig neue Dinge einzulassen, wer wollte das bestreiten? Ganz und gar kein Journalistenphänomen, das.

Interessant  und auch durchaus neu ist allerdings, dass auch die großen, überregionalen Blätter wie die SZ oder die FAZ inzwischen mit Auflagenschwund zu kämpfen haben. Ebenfalls: nicht dramatisch, keine Zahlen, die sofort alle Alarmglocken schrillen lassen. Aber eben doch Zahlen, die belegen, dass es auch für sie mit den Auflagen nicht mehr nach oben gehen wird, so sehr sie sich auch mühen werden. Überleben? Ja doch, mit guten Onlineangeboten, mit gutem Journalismus für Tablets, die zu den  Datenträgern und Ausspielkanälen der Zukunft werden dürften. Die Prognose sollte nicht zu gewagt sein: So, wie momentan noch in jedem gepflegten Haushalt Printerzeugnisse auf dem Wohnzimmertisch liegen, werden in zehn Jahren die elektronischen Lesegeräte Standard sein. Man kann sich dort jetzt einen guten Platz sichern, man kann es auch lassen. Erstaunlich jedenfalls ist, wie wenig Stellenwert viele Häuser diesem Markt immer noch beimessen, auch die überregionalen Zeitungen tun sich dort im Regelfall nicht durch übertriebenes Engagement hervor. Wann kommt eigentlich mal ein großes deutsches Blatt mit einem richtig großen Wurf? Bisher muss man sich ja freuen, wenn man das Attribut “solide” vergeben darf, bei manchen klugen Köpfen langt es nicht einmal dafür.

Sicher ist: Noch hätten die meisten ihr Überleben durchaus selbst in der Hand. Interessiertes Zuschauen, wie sich etwas entwickelt, hat allerdings bisher noch niemanden gerettet. Zumal sich speziell mit der Entwicklung der Tablets auch anderes gezeigt hat. Spätestens jetzt ist die Geschichte von den langen und hintergründigen Texten, die man ja doch nur gedruckt ordentlich genießen kann, eine Mär.  It´s the story, stupid.

(Dieser Beitrag ist auch deswegen entstanden, weil ich am 19.4. zu diesem Thema auf einem Panel in Hannover u.a. mit dem Vorsitzenden des BDZV, Helmut Heinen, diskutieren werde.) 

Written by cjakubetz

Januar 26th, 2012 at 8:25 pm

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Journalistische Resterampen

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Wie hält es die deutsche Presse (in Form von Tageszeitungen) eigentlich mit ihrer Rolle in der digitalen Öffentlichkeit? Darüber wurde vor lauter Selbstbespiegelung in den letzten Jahren kaum gesprochen, weil die Frage meistens nur lautete: zahlen oder nicht bezahlen? Inhalte online stellen oder eher nicht? Einen anderen Aspekt lassen Verlagsstrategen dabei gerne außer acht. Mit jeder Zeile, die der digitalen Welt vorenthalten wird, entziehen sich die Blätter dem öffentlichen Dialog, ziehen sie sich in eine abgeschlossene Welt zurück — und verlieren damit weiter an Stellenwert und an Reputation. Abgeschlossene Welten können sich vielleicht Apple und Amazon leisten, weil sie Marktmacht besitzen und Produkte anbieten, die aus den unterschiedlichsten Gründen als nicht verfechtbar gelten. Alles Voraussetzungen, die für Zeitungen in Deutschland nicht gelten. Trotzdem geht die Tendenz zunehmend dahin, sich weiter aus der (kostenlosen) digitalen Welt zurückziehen. Dumm nur, dass niemand ihnen im Netz hinterherlaufen wird.  Die Frage ist also gar nicht so sehr “bezahlen oder nicht bezahlen” sondern: dabei sein oder nicht dabei sein? Nicht dabei sein? Auch recht.

Thierry Chervel stellt bei den “Perlentauchern” noch eine andere interessante These auf: Er vermutet, dass der natürlich nicht öffentlich geäußerte Wunsch in vielen Verlagen immer noch der ist, die Leser aus dem Netz zurückzuholen zur guten, alten Zeitung. Die Idee klingt zwar verwegen, weil man weiß, dass das nicht passieren wird. Aber angesichts von Chervels angeführten Beispielen würde das auf einmal gar nicht mehr so abwegig klingen, vielen Strategien ist die latent vorhandene Abneigung gegen das Netz immer noch anzumerken.

Und auch das: Unverständnis dafür, wie dieses Netz tickt. Man will immer noch “Zeitung im Netz” sein, man denkt immer noch in geschlossenen Strukturen, sowohl was das journalistische Storytelling als auch die Haltung zu Themen wie Interaktion und Kommunikation angeht. Man sieht das auch am Relaunch der FAZ im Netz, den man bestenfalls als halbfertig bezeichnen kann. Sieht man davon ab, ob es eine gute Idee ist, ein Design zu bauen, das so aussieht wie das von Zeit Online vor deren letztem Redesign, ist es eine merkwürdige Vorstellung vom Netz, wenn man es dauernd mit halb fertigen Produkten beglückt. Die App fürs iPad ist wenig ausgereift, der Relaunch so unvorbereitet, dass er (trotz dreijähriger Vorbereitungszeit) immer noch mit dem Warnschild “BETA” versehen werden muss. Dirk von Gehlen hat es via Twitter diese Woche treffend beschrieben: Nach 60 Jahren geht die FAZ in die Beta-Phase. Ja, Gratulation dann auch.

Aber es geht ja nicht um die FAZ alleine. Obwohl man sich schon gerne vorstellen würde, was dort oder in anderen Privathäusern los wäre, würde man eine halbfertige Neu-Ausgabe der Zeitung auf den Markt bringen. Eine “Süddeutsche Beta” beispielsweise. Mit dem Hinweis, es könne noch ein wenig dauern, bis die Zeitung so aussähe, wie man sie gerne hätte. Niemand käme analog auf eine solche groteske Idee, im Netz interessiert es keinen. Interessant fand ich in dem Zusammenhang einen Satz, den der damalige Leiter der DJS, Uli Brenner, in einem Interview für “Universalcode” sagte. Brenner betonte, für die DJS gebe es bei der crossmedialen Ausbildung den Satz “Fürs Internet reicht es” nicht. Man könnte meinen: Was für eine bizarre Idee, so etwas überhaupt betonen zu müssen. Wenn man sich dann aber die Realitäten in vielen Häusern ansieht, dann bekommt man eine Ahnung, warum es sogar Ende 2011 noch nötig ist, immer wieder zu betonen, dass das Netz mehr sein muss als eine journalistische Resterampe. Nach wie vor wird ins Netz eher lustlos investiert, stecken keineswegs immer die klügsten Köpfe hinter Netzaktivitäten, geht man in eine defensive, destruktive, besitzstandswahrende Haltung. Klage gegen die ARD, Kampf um ein Leistungsschutzrecht, das alles ist nicht zukunftsorientiert, zeigt keinen Ansatz von Idee, Begeisterung, von wirklichen Ankommen in einer neuen digitalen Welt. Stattdessen: letzte Versuche, sich diese neue Welt nach den Spielregeln der alten analogen Welt hinzubiegen.

Die neue Welt wird vermutlich sehr mäßig beeindruckt sein.

Written by cjakubetz

Oktober 8th, 2011 at 8:34 am

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Pöbler, Drängler, Straßenkämpfer

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Der Chefredakteur des „Spiegel“ hat dem „Journalist“ in dessen letzter Ausgabe ein Interview gegeben, das man mit etwas Wohlwollen als einsilbig bezeichnen könnte. Die Fragen von Hans Hoff danach, wofür der „Spiegel“ eigentlich noch stehe, ob das Magazin sich nicht etwas sehr häufig in Richtung Boulevard bewege und die Titel-Geschichte über die „Bild“ und das dort enthaltene Interview mit Kai Diekmann nicht etwas dünn gewesen sei, beantwortet Georg Mascolo selten mit sehr viel mehr als eine Satz. Die Antwort „Das sehe ich anders“ kommt in diversen Variationen öfters vor. Sieht man davon ab, dass das Interview unterhaltsam zu lesen ist, kommt man an seinem Ende nicht unbedingt zu dem Schluss, Mascolo habe überzeugende Gründe dargelegt, den „Spiegel“ weiterhin als Sturmgeschütz der Demokratie sehen zu müssen. Dagegen sprechen auch eine Titelgeschichte über die königliche Hochzeit in England oder ein Titel über den Fall Strauss-Kahn, der beispielsweise hier sehr treffend zerlegt wurde. Alles in allem kommt man immer häufiger zu dem Eindruck, dass beispielsweise die Lektüre einer FAS ein sehr viel interessanterer Start in die Journalismus-Woche ist.

In der morgen erscheinenden Ausgabe titelt der „Spiegel“ über den „Straßenkampf“ in der „Rüpel-Republik Deutschland“. Die Geschichte wirkt so, als sei sie von Hans Hoff in Auftrag gegeben worden, um im Nachhinein sein Interview mit Mascolo zu legitimieren. Und sie lässt den Gedanken aufkommen, ob solche dünnen Geschichten wie das Stück über die „Bild“ oder über DSK nicht eher die Regel sind – als die verzeihliche Ausnahme (niemand macht schließlich jede Woche herausragende Titelstücke). Zehn Menschen haben an der Geschichte mitgeschrieben, deren Quintessenz es am Ende bestenfalls ist, dass Radfahrer und Autofahrer auf den Straßen gelegentlich aneinander geraten. Falls die Geschichte überhaupt eine Quintessenz hat, so richtig entdeckt habe ich sie auch nach zweimaligem Lesen nicht.

Vielleicht liegt das daran, dass diese Geschichte gar keine richtige ist, unbedingt aber zum Titel gemacht werden musste, weil sonst nix los ist auf dem Planeten, weil Nineeleven am 12.9. irgendwie durch ist, ebenso wie der Euro und Griechenland und DSK. Nach einer etwas zähen und länglichen Einleitung über diverse Absätze hinweg lernen wir als erstes: An einem Sommertag 2011 wurden in München satte elf Unfälle gezählt, an denen Fahrradfahrer beteiligt waren. Wie schwer diese Unfälle waren, wie hoch die Unfallzahlen sonst sind, wer sie verursacht hat, all das bleibt offen – stattdessen notiert der „Spiegel“, dass ungezählte Flüche und geballte Fäuste zurück blieben, sowie diverse Rangeleien, für die es keine Zeugen und keine Protokolle gibt. Man würde am liebsten da schon aufhören zu lesen, weil man irgendwie eine Ahnung hat, dass es sich um eine unspektakuläre Beschreibung eines unspektakulären Ereignisses handelt, dann aber kündigt die Geschichte im nächsten Absatz an:

„Auf deutschen Straßen verrohen die Sitten. Da wird gepöbelt und gedrängelt; Autofahrer, Fußgänger und Radler kämpfen um ihren Platz auf engen Raum. (…)Quer durchs Land stürzen sich Menschen in diesen neuen Straßenkampf, in einen Wettlauf der Agressionen, doch eine Gruppe treibt es besonders wild: Fahrradfahrer.“

Man sieht also über die mühsame Einleitung hinweg – und wartet auf die Beschreibung eines Straßenkampfs voller Aggressionen. Doch das dauert. Vier Absätze lang, in denen die Autoren darüber fabulieren, dass früher der Mercedes-Stern als „eingebaute Vorfahrt“ galt, jetzt sei es das Fahrrad. Szenen aggressiver Radler werden geschildert, ohne irgendeinen Beleg, ohne einen konkreten Fall; als Quelle muss ausreichen, dass man „nur einmal in Berlin Unter den Linden mit dem Auto vor einer Ampel bremsen“ müsse, die gerade auf Rot springt und Studenten auf dem Weg zur Uni seien. Der Wagen sei in Sekundenschnelle „umzingelt“, links und rechts schießen die Radler vorbei, um danach an der Ampel die „Poleposition“ zu suchen und schließlich fahren sie dann demonstrativ nebeneinander und kümmern sich nicht drum, dass sie den Verkehr aufhalten. Muss man nur mal nach Berlin für fahren, um diesen unerträglichen Straßenkampf zu erleben!

Irgendwann dann mal auf (iPad-)Seite sechs kommt die erste Zahl dieser Geschichte, die Spannung wächst, wie sich dieser tägliche Dschungel denn nun täglich auswirkt: Die Zahl der Verkehrstoten bei Unfällen mit Radlerbeteiligung stieg demnach bis Mai 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 7,9 Prozent. Das klingt erstmal noch nicht so wirklich dramatisch, in den absoluten Zahlen relativiert sich dieser Anstieg noch weiter: Demnach sind das etwa zehn Menschen mehr, die von Januar bis Mai ums Leben gekommen sind. Wohlgemerkt nicht etwa im Berliner Dschungel, sondern in der ganzen Bundesrepublik. Nun ist, um eine ordentliche Binse loszuwerden, jeder Tote einer zuviel. Aber wie man bei einem Anstieg von zehn Toten von einem immer schlimmer werdenden „Straßenkampf“ sprechen kann, wissen sie wohl nur beim „Spiegel“.

Das hat wohl auch den Autoren gedämmert, die sofort im nächsten Absatz relativieren: Das sei natürlich auch immer witterungsabhängig – um dann die Geschichte endgültig zu erledigen: In den vergangenen Jahren sei der Trend „insgesamt sogar rückläufig“. Danach folgen wieder etliche weitgehend faktenbefreite Absätze, als Kronzeugen werden eine Münchner Autorin eines „Fahrradhasserbuchs“ und der Münchner OB Ude angeführt. Ude schrieb ebenfalls mal in einem Buch launig über sein „Leben als Radfahrer“ (der Umstand, dass Ude einen ausgesprochenen Hang zur Satire und Kabarett hat, lassen die Autoren lieber weg). Und, ach ja, in München alleine sei die Zahl der Radlerunfälle im ersten Quartal des Jahres gleich um 40 Prozent gestiegen, wenngleich, so viel räumt man leicht verschämt ein: „auch witterungsbedingt“. Weitere Protagonisten sind der Vorsitzende des „Bundes der Fußgänger“, der seine Spezies als die eigentlich Bedrohten ansieht und dessen Kernaussage ist, dass die Radfahrer immer als die Guten gelten, was generell grundfalsch sei. Irgendjemand fordert dann noch eine neue Kultur des Radfahrens, eingepfercht zwischen kurze Exkursionen in die Geschichte des Rades und der erstaunlichen These, dass dieser neue Chic des Radelns irgendwie auch mit dem Aufstieg der Grünen zu tun habe. Außerdem erfährt man, dass immer noch deutlich mehr Geld für Straßen als für Radwege ausgegeben werden.

„Nichts ist falsch daran, nicht nur den nachrichtlichen Kern zu erzählen. Was zählt, ist, dass die Geschichte Substanz hat“, sagt Georg Mascolo in dem Interview mit dem „Journalist“. Vielleicht sollte er sich die eine oder andere Titelgeschichte des „Spiegel“ genau daraufhin nochmal durchlesen.

Written by cjakubetz

September 11th, 2011 at 6:58 pm

Da sitzen die, die schon immer da sitzen

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Ab und an interessiert es mich ja doch noch sehr, was eigentlich der “Dingolfinger Anzeiger” macht. Das ist vermutlich nichts Ungewöhnliches, weil man ja vermutlich immer gerne weiß, was bei denen los ist, bei denen man seine ersten beruflichen Schritte gemacht hat. Das hat so ein bisschen was von Klassentreffen: Man will ja deswegen nicht gleich wieder in die Schule gehen, aber was aus all denen geworden ist, mit denen man sich durch Mathe und Physik gequält hat, will man ja doch wissen. Zumindest in unregelmäßigen Abständen. Im Falle des “Dingolfinger Anzeigers” gibt es für mich aber noch eine Besonderheit: Wenn man sich permanent mit so tollen Dingen wie der Medienzukunft und dem ganzen digitalen Gedöns beschäftigt, dann erdet es so wunderbar, wenn man satt hipper Blogs und noch hipperer Irgendwasnetze einfach mal nachsieht, wie so die Realitäten in der journalistischen Provinz sind. Oder anders und weniger bösartig klingend: im medialen (Zeitungs)-Alltag. Den, von dem wir immer behaupten, wie sehr er sich eigentlich verändern müsste.

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Da stehen die, die schon immer hier stehen – diesen wunderbar selbstironischen Satz habe ich mal im Eisstadion meiner Wahl als Transparent gesehen (selbstverständlich in Dingolfing). Das ist beim “Dingolfinger Anzeiger” auch nicht anders. Personell hat sich, seitdem ich vor über 20 Jahren weg bin, nicht so viel verändert. Naturgemäß an der Zeitung natürlich auch nicht, was in der Konsequenz bedeutet, dass es für einen Nostalgiker wie mich immer noch ein Traum ist, das Blatt in die Hände zu bekommen. Neumodische Entwicklungen wie beispielsweise Blockumbruch werden dort immer noch konsequent ignoriert und Trends wie den Bürgerjournalismus muss man erst gar nicht mitmachen, weil dort seit jeher der Vereinsvorstand und der CSU-Ortsvorsitzende oder mittelbegabte Hausfrauen ihre Berichte weitgehend selber schreiben und übermäßig hartes Redigieren im Normalfall auch nicht zu fürchten brauchen. Vom Internet hält man dort naturgemäß auch nicht sehr viel. Man veröffentlicht alle paar Tage mal so eine Art Leseprobe von Artikeln, immer versehen mit dem hübschen Hinweis, dass es dazu morgen in der Zeitung sehr viel mehr gibt. Es ist also alles so wie es immer war. Nur, das zwischendrin eine kleine Medienrevolution und ein bisschen Digitalisierung waren, aber das ist ja nur was für Nerds.

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Tatsächlich könnte man den “Dingolfinger Anzeiger” als ein Musterbeispiel dafür werten, dass die Revolution noch warten kann. Dass man auch überleben kann, wenn man einfach eine Lokalzeitung macht. Der “DA” hat keine Webseite, twittert nicht, ist wie selbstverständlich auch nicht bei Facebook und an Apps für Smartphone und iPad denkt kein Mensch. Warum auch? Nach allem, was man sich denken kann, ist das Potential derer, die ihre Lokalzeitung auf dem iPad lesen wollen, in einer niederbayerischen Kleinstadt auch nicht eben riesengroß. Davon abgesehen müsste es ja auch in Verlag und Redaktion für den Fall der Fälle jemand da ein, der sich mit diesem komplexen Kram schon mal beschäftigt hat. Ohne es beweisen zu können, würde ich sagen: Das ist nicht der Fall. Videos und so ein Zeugs gibt´s eh nicht, man macht ja schließlich Zeitung und nix anderes.

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Dingolfing

Liest irgendjemand künftig den “DA”, weil die Redaktion dort hübsch twittert? Oder bei Facebook rumturnt? Oder ein Blog schreibt? Vermutlich nein – und wenn mir der örtliche Verleger sagen würde, dass das in Dingolfing ja auch kein Mensch braucht, könnte ich ihm erstmal nicht widersprechen. Ich könnte ihm ja nicht mal sagen, wie er sein Blatt retten kann, wobei ich wahrscheinlich schon alleine für diesen Gedanken strafende Blicke bekommen würde: Warum soll bei einer Monopolzeitung in einer prosperierenden Kleinstadt überhaupt eine Rettung nötig sein? Vielleicht würde ich ihm raten, seine Zeitung langsam in ein hyperlokales Blog á la Heddesheim umzuwandeln und die gedruckte Zeitung zu einem langsam auslaufenden Modell zu machen. Aber das wäre schon alleine deswegen ein abseitiger Gedanke, weil dort niemand aus der Zeitung ein Dingolfing-Blog machen will. Man will nicht und letztendlich kann man auch nicht, weil diese Idee ein völlig neues Verständnis von Lokaljournalismus voraussetzen würde. Und weil sie letztendlich das Ende des gewohnten Redaktionsalltags bedeuten würde, der irgendwann morgens um 9 beginnt und abends so gegen 18 Uhr endet und inhaltlich im Wesentlichen aus der guten alten “Berichterstattung” besteht.

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Sieht man davon ab, weiß ich nicht mal, ob das funktionieren würde. Das bisherige, typische Lokalzeitungspublikum will ganz bestimmt keinen digitalen “DA”. Und das junge Publikum, das der Zukunft also? Inzwischen begegnet man sogar in Dingolfing der halben Stadt bei Facebook. Oder sonstwo im Netz. Ich habe keine Ahnung, ob man diese Generation überhaupt noch für ein althergebrachtes und letztendlich auch altbackenes publizistisches Modell noch interessieren kann. Ob diese Generation nicht einfach schon den “Dingolfinger Anzeiger” uncool findet, weil es der “Dingolfinger Anzeiger” ist. Ob also nicht, kurz gesagt, der Zug für den “DA” und viele andere Regionalblätter lange abgefahren ist, weil man viel zu lange gedacht hat, es gebe jetzt neben den konventionellen Medien eben jetzt auch dieses Internet.

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Der “DA” ist ein Quasi-Monopolblatt. Nennenswerte Konkurrenz hat er nicht. Der Stadt geht es gut, mit BMW ist ein Unternehmen vor Ort, das mhr Arbeitsplätze bietet (21.000) als die Stadt überhaupt Einwohner hat (19000). Die Einwohnerzahlen explodieren nicht gerade, aber sie steigen wenigstens langsam. Beste Voraussetzungen also für eine Lokalzeitung. Laut IVW hat der “DA” zwischen dem 1. Quartal 2010 und dem 1. Quartal 2011 rund 160 Abonnenten verloren.

Written by cjakubetz

April 22nd, 2011 at 8:57 am

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Der Skandal, über den keiner staunen kann

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Regelmäßig, wenn ich (Tages-)Zeitung lese, ertappe ich mich bei einem Ritual, das bei Außenstehenden evtl. für leichtes Erstaunen sorgen könnte: Bevor ich zu lesen beginne, schmeiße ich erst mal eine ganze Menge Zeitung weg. Dabei handelt es sich meistens um das Zeug, auf dem mehr oder minder (meistens minder) groß etwas von “Sonderveröffentlichung” steht.  Und innerlich muss ich ja immer lachen über die Dummheit von irgendwelchen Agenturen, die ein Schweinegeld dafür bezahlen, dass sie in irgendeinem erkennbar lieblos bis gar nicht betreuten Umfeld völlig schwachsinnige Texte reingedrückt bekommen. Und darüber, dass vermutlich in irgendeiner Commerzbank irgendein unfähiger Marketingleiter seinem nächsthöheren Chef erzählt hat, wie man für einen sensationell günstigen Preis wieder der XY-Zeitung ein paar Seiten abgeluchst hat. Das kommt dann in eine hübsche Mappe, die sich Pressespiegel nennt — und der oberste Marketingleiter der Commerzbank legt das dann wieder seinem Vorstand vor, der auch irgendwie froh ist, dass seine Bank so hübsch in der Zeitung ist. Würde ich die Commerzbanken dieser Welten beraten, würde ich ihnen als allererstes sagen, dass sie das Geld ebenso gut in den Gully stopfen könnten (oder wenigstens ihre fälligen Zinsen an den Staat zurückzahlen). Gottseidank berate ich keine Commerzbanken.

Vermutlich – man soll Leute ja nicht für dümmer halten als sie sind – werfen eine ganze Reihe Leute den gedruckten Quatsch, den man in diesen “Sonderveröffentlichungen” so drinsteht, auf der Stelle weg. Man weiß ja, wie das ist. Merkwürdig nur, dass es immer noch viele Blätter (und Kunden) gibt, die ein Spiel mitspielen, das so durchschaubar blöde ist. Natürlich, vordergründig bringt es viel Geld, ist sogar leicht verdientes Geld. Trotzdem, gerade weil es so erkennbarer Müll ist: Ich glaube zwar nicht, dass ein normaler Leser das komplette Spiel von “Sonderveröffentlichungen” durchschaut. Aber dass er da ein Stück nicht wirklich ernstzunehmender Zeitung bekommt, hingeschludert, unsinnig, nutzlos, das bemerkt er.

Und deswegen – nein, für einen wirklichen Skandal halte ich es nicht, was die “taz” da aufgedeckt hat. Nur für einen Beleg von ganz, ganz viel Dummheit auf beiden Seiten. Vermutlich sind Commerzbanken und Zeitungen halt nicht mehr so richtig zukunftsfähig.

Written by cjakubetz

April 5th, 2011 at 9:35 pm

Zeitungen und das Warten auf einen abgefahrenen Zug

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Über die Zukunft von Printmedien macht sich die Branche gerade wieder ziemlich viele Gedanken. Das könnte auch daran liegen, dass ein bekanntes Objekt der Printmedien gerade hat verlauten lassen, selbst keine allzu große Zukunft mehr zu sehen. Auch wenn Verlag und Chefredaktion der “Frankfurter Rundschau” naturgemäß die Dinge etwas anders sehen, de facto hat sich die “Frankfurter Rundschau” als eine eigenständige Zeitung weitgehend erledigt. Das ist ebenso schade wie unvermeidlich. Wenn es denn stimmt, dass alleine für 2010 Verluste in zweistelliger Millionenhöhe erwartet werden, dann ist ein Geschäftsmodell am Ende.

Bei allen Besonderheiten, die der Fall “FR” hat: Er ist bezeichnend für das, was wir im Tageszeitungsgeschäft auch in Deutschland in den kommenden Jahren noch öfter sehen werden. Das Siechtum der “FR” ist nicht einfach nur das Siechtum einer Redaktion oder einer einzelnen Zeitung, sondern eines ganzen Genres. Besonders in den letzten enorm nachrichtenintensiven Wochen hat man sehr schön gesehen, woran es hakt. Zum einen: Am (Träger-)Medium selber. Papier ist geduldig, aber eben auch furchtbar langsam. Vor allem dann, wenn man als Maßstab nicht mehr Tschernobyl 1986, sondern die Zeiten des mobilen Internets und der Beinahe-Echtzeit-Kommunikation heranzieht. Damals war die Zeitung als solche noch eine wichtige Nachrichten-Quelle. Ich vermute, dass in den letzten Wochen niemand, nicht mal der größte Digital-Verweigerer (beispielsweise Hauptstadtjournalisten) auf die Idee gekommen wären, sich ihre Nachrichten über Fukushima, Libyien oder Landtagswahlen am kommenden Tag aus der Zeitung zu holen. Noch dazu, wo Fukushima dumerweise an einem Samstag so richtig akut wurde und am Sonntag meistens keine Zeitung erscheint. Soll ich also ernsthaft warten, bis mir die Zeitung am Montag verkündet, dass am Samstag in einem Reaktor eine Kernschmelze eingetreten ist? Dabei ist das für die Blätter kein Ereignis, das man mal eben unter der Kategorie “dumm gelaufen” abhaken kann. Sondern eines, das einen schleichenden Prozess befördert. Je öfter man die Überflüssigkeit eines Mediums vor Augen geführt bekommt, desto größer ist die Bereitschaft, darauf auch dauerhaft zu verzichten. Für die meisten Blätter in Deutschland dürften demnach die vergangenen Wochen im Nachrichten-Dauerfeuer ein böses Desaster gewesen sein.

Und das trotz oder vielleicht gerade wegen des Webs. Nein, nicht weil die bösen Googles und Facebooks dieser Welt den Zeitungen das Wasser abgegraben hätten. Sondern weil viele der kleinen und mittelgroßen Zeitungen in Deutschland mit ihren Onlineauftritten gar nicht darauf eingestellt sind, wochenlange Großereignisse angemessen zu bearbeiten. Das “Straubinger Tagblatt” beispielsweise berichtete am ersten Fukushima-Samstag online so gut wie gar nicht, irgendwie in einem automatisch generierten dpa-Feed stand ganz unten auf der Seite irgendwas von einem Atomunfall in Japan (war ja auch Samstag). Wie soll das auch gehen? Immer noch sind viele Onlineredaktionen von Tageszeitungen kleine Ableger, hoffnungslos unterbesetzt, schlecht ausgestattet, schlecht ausgebildet. Den Anschluss an die großen Redaktionen haben sie lange verloren, was lange Zeit kein Problem gewesen wäre. Die “Glocke” oder die “Kreiszeitung Syke” mussten ja schließlich in analogen Zeiten nicht gegen die “Süddeutsche”, den “Spiegel” oder die “Hindu Times” konkurrieren. Heute müssen sie, ob ihnen das passt oder auch nicht.

Gelesen und gehört habe ich in den letzten Tagen oft die (berechtigte) Frage: wie denn dann weiter? Und immer öfter komme ich zu der banalen Erkenntnis: egal, Hauptsache nicht auf Papier. Man spricht ja momentan immer wieder sehr gerne von der Bedeutung des guten, hehren und qualitativ hochwertigen Journalismus, begeht dabei aber häufig einen Denkfehler. Nämlich zu glauben, dass dieser hochwertige Journalismus in irgendeiner Verbindung zum Trägermedium steht. Zeitungsleute glauben ja oftmals immer noch, dass eine Geschichte gut oder besser ist, weil man sie gedruckt lesen kann. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Eine Geschichte ist immer gut, wenn es keine Rolle spielt, wo man sie liest. Ich habe bis vor wenigen Jahren selber anderes geglaubt und behauptet; ich dachte beispielsweise immer, dass das “SZ-Magazin” eine Sache ist, die man lieber als Heft in der Hand hat. Gestern habe ich allerdings dieses wunderbare Streitgespräch gelesen, auf dem iPad übrigens, und es war mir völlig egal. Es war eines jener Stücke, für die ich das SZ-Magazin so schätze. Papier? Brauche ich nicht. Ich brauche gute Geschichten, das ist alles.

Damit schließt sich der Kreis und zeigt damit gleichzeitig, wie wahnsinnig schwierig es für viele Zeitungen wird, das verlorene Terrain noch zurückzuholen. Denn dass die “FR” jetzt de facto kaputt gegangen ist, lag nicht daran, dass man nicht alles versucht und einiges sehr respektabel gemacht hat. Die “FR” hat einen radikalen Relaunch hingelegt, der unbeschadet der Debatten über Tabloids durchaus dem entsprach, was man von Tageszeitungen schon lange fordert: weniger Nachricht, mehr Hintergrund, Analyse, Reportage, Kommentar. Sie hat ein modernes und ansehnliches Layout bekommen und immer wieder gute, lesenswerte Stücke gebracht. Sie war die erste Tageszeitung in Deutschland, die eine wirklich gute iPad-App hingelegt hat. Alles — oder zumindest vieles — richtig gemacht in der letzten Zeit, für eine Rettung als eigenständiges Blatt hat es trotzdem nicht mehr gereicht.

Das werden wir in Zukunft noch öfter sehen. Für viele Blätter ist der Zug schon abgefahren, sie wissen es nur noch nicht. Sie stehen am Bahnsteig und wundern sich, wo dieser verdammte Zug eigentlich bleibt.

Written by cjakubetz

April 3rd, 2011 at 12:08 pm

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Die Konterrevolutionäre des Lokaljournalismus

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Der Tweet kam irgendwann am Wochenende und er war bezeichnend: Gunnar Jans, Sportchef der “Abendzeitung” in München, machte sich während der Dienstreise nach Bremen den Spaß, ein kleines internes Duell auszutragen. Er nahm sich Zeitungen und ein iPad mit und twitterte aus dem Zug, wie gerade der aktuelle Stand sei. Als netter Randaspekt kam dann die Zwischenmeldung, dass man den Sport der örtlichen Zeitungen in fünf Minuten durch habe. Und dass eine der Zeitungen vor Ort mit der sagenhaften Überschrift “Werder zwischen Bangen und Hoffen” aufgemacht habe. So viel Kreativität beim Texten von Schlagzeilen muss man erst mal haben.

Auf der anderen Seite fand letzte Woche auch das “Form Lokaljournalismus” statt. Bei der 2010er-Ausgabe der Veranstaltung war ich bei einem Panel mit dabei und hatte am Ende des Forums den Eindruck, dass dort zwar nichts gesagt wurde, was direkt falsch war. Aber dass dort irgendwas gesagt wurde, aus dem ich etwas wirklich Zukunftsträchtiges hätte ableiten mögen, so weit ging es dann auch wieder nicht. Weitgehend war man sich einig, dass es so wie bisher wohl nicht weitergehend werde mit dem Lokalen. Und wenn ich mir die Zusammenfassungen und Resultate des Forums 2011 so anschaue, dann würde ich sagen: Richtig weitergekommen sind sie auch dieses Jahr nicht.

Das ist ja alles schön und richtig, was sie dort erzählt haben. Dass es wohl irgendwie auf mehr Dialog mit den Lesern herauslaufen müsste. Dass man, oha, tatsächlich wohl ohne eine Digital-Strategie nicht richtig weiterkommen wird. Und dass man sich, kurz gesagt, irgendwie ändern müsste, wenngleich man noch nicht so genau weiß wie.

Dieses nicht-wissen-wie kommt sehr schön zutage, sieht man sich die Sätze an, die der Präsident der BpB, Krüger, zur Zukunft des Lokaljournalismus gesagt hat (er nannte es übrigens zehn Thesen, was bei mir sofort den Verdacht weckte, dass er zuvor ein paar kleine Handreichungen für künftige Digitalgrößen gelesen hat). Nimmt man sich diese zehn Thesen mal kurz vor, bemerkt man sehr schnell, woran es dem Lokaljournalismus in Deutschland fehlt: an Mut, an Inspiration und an dem Willen, die Dinge gegebenenfalls komplett neu zu denken. Das macht sich bemerkbar auch an den mutlosen Besetzungslisten für solche Veranstaltungen: Katja Riefler beispielsweise könnte man genauso gut als Panelmöbel verwenden (und was sie und andere dort erzählen zur Not auch als Tonband vom Jahr zuvor abspielen).

Aber widmen wir uns nochmal den zehn Thesen der BpB und antworten angemessen darauf:

„1. Lokaljournalismus ist und bleibt als publizistisches Rückgrat der demokratischen Öffentlichkeit unersetzlich.”

Das hat niemand ernsthaft in Frage gestellt. In Frage stellen kann man aber sehr wohl, ob es dieser Lokaljournalismus ist, der angeblich so unersetzlich ist. Ich würde sagen: nein, ist er nicht. In Zeiten der Digitalisierung und der völlig neuen Möglichkeiten des Publizierens werden im Gegenteil diejenigen, die so weitermachen wie bisher, sehr schnell merken, wie leicht verzichtbar er ist.

2. “Wir brauchen in der Zeitungsbranche weder Skeptiker noch Apokalyptiker, sondern kreative Mutmacher.”

Hübscher Kalenderspruch. In welchem kleinen Ratgeberbüchlein gefunden? Und hat es mehr als 6,90 Euro gekostet?

3. “Wer den Lokaljournalismus erhalten will, muss bereit sein, finanzielle Durststrecken zu überwinden.”

Das Büchlein, in dem Sie das gefunden haben, kann aber unmöglich mehr als 4,90 Euro gekostet haben.

4. “Der Lokaljournalismus kann nur geschützt werden, indem in ihn weiter personell und infrastrukturell investiert wird, jedoch nicht durch einen politischen Protektionismus.”

Das haben Sie jetzt aber wirklich schön gesagt. Man soll investieren, wenn man eine Sache voran treiben will? Sieh an.

5. “Nicht Auflage und Umsätze sind die alleinigen Maßstäbe für eine intakte Lokalpresse, sondern vor allem ihre Rechercheleistung, Orientierungsfunktion und Meinungsstärke.”

Da würde ich nicht widersprechen wollen. Ungefähr der Rest der Menschheit auch nicht. Haben Sie eigentlich eine Erklärung dafür, warum alle das sofort vorbehaltlos unterschreiben würden und es trotzdem in der Praxis so selten umsetzen? Und kennen Sie eigentlich den Professor Dr. Balle? Nein? Schade. Zusammen könnten Sie die schönsten Sonntagsreden dieses Landes schreiben.

6. “Lokaljournalisten müssen künftig nicht nur für ihr Publikum denken und arbeiten, sondern mit ihm in einen konstruktiven Dialog treten.”

Jetzt sagen Sie nicht, Sie haben auch schon mal von Facebook und Twitter gehört, Sie kleiner Revoluzzer-Schlingel.

7. “Im Internet liegt die Zukunft des Lokaljournalismus, aber auch die gedruckte Zeitung wird – vorerst – überleben.”

Na na. Jetzt aber nicht übertreiben. Das ist ja fast schon provokativ!

8. “Lokaljournalismus braucht verantwortungsvolle Zeitungsinhaber und Verlegerpersönlichkeiten, keine Buchhalter oder Sprücheklopfer.

Auf nach Dingens, na, da wo Luther auch war! Und an die Wände nageln, diese Thesen!

9. ” Um die Zukunft des Lokaljournalismus neu zu erfinden, brauchen wir weniger Lamento und dafür mehr Wille zum Experimentieren.”

Ich muss gerade an diesen Witz denken. Den mit dem Elefanten, auf dem eine ganze Horde Ameisen sitzt und sich der Elefant einmal schüttelt und alle Ameisen runterfallen und und nur eine oben bleibt und die anderen von unten schreien: Würg ihn, Emil! Würg sie, Krüger, würg sie!!

10. “Die Journalistenausbildung muss an die Möglichkeiten im Internet angepasst werden, und zwar im Dialog zwischen Praxis und Wissenschaft.”

Sorry, auch mein Vorrat an Zynismus ist irgendwann mal aufgebraucht.

Das also soll jetzt den Lokaljournalismus irgendwie retten? Kein Wort von Mobilität, von Communitys, von Interaktion? Man könnte das alles natürlich abtun als die bestenfalls langweiligen Worte eines Schreibtischtäters, der zudem mit dem redaktionellen Praxis nichts zu tun hat. Befürchten muss man allerdings, dass sich bei den Lokalen irgendwie auch noch ein paar Hände zum Applaus rühren und man denkt, so könne es gehen, irgendwie. Zumal das alles nichts wirklich Ungewöhnliches ist. Bei meinem Besuch 2010 in Dortmund ließen Bodo Hombach und Jürgen Rüttgers ähnliche Knallerchen los, danach machte man es sich kuschelig und redete ein bisschen übers Netz und fand sich beinahe avantgardistisch.

2011 redete man übrigens dann noch darüber, welche Berater die Branche braucht. Und am liebsten hätte ich geantwortet: gar keine. Weil euch eh nicht mehr zu helfen ist.

Written by cjakubetz

Januar 31st, 2011 at 9:32 pm

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Eine Zeitung schafft sich selbst ab

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Die Bürger wollen die Politik zurückerobern. Die Politik muss die Bürger gewinnen. Das kann nur vor Ort beginnen. Die Rekonstruktion unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts steht auf der Tagesordnung. Das ist der große Auftrag an den bürgernahen Journalismus vor Ort. Sachlich informieren. Moderieren, Abwägen, aber auch Mobilisieren und Partei ergreifen. Nicht für eine Partei, sondern für Bürgerinteressen.

Irgendwie scheint das momentan sehr angesagt zu sein: So wie Bodo Hombach sich unlängst über die große Zukunft des Lokalen und damit natürlich auch der Lokalteile und somit insbesondere der Lokalzeitungen geäußert hat, äußern sich momentan ziemlich viele. Das Lokale soll es jetzt retten, nachdem man selbst in den eher konservativen Kreisen erkannt hat, dass die Zukunft der Regionalzeitung vermutlich nicht in Kommentaren zum Afghanistan-Krieg bestehen wird. Man hätte diese Erkenntnis zwar schon früher haben können, aber sei´s drum: besser spät als gar nicht.

Mein Terminkalender wollte es so, dass ich die letzten beiden Tage dieser Woche in Passau verbracht habe, was (Sie ahnen es!) zur Folge hatte, dass ich mir zweimal beim Frühstück das Vergnügen ausführlicher PNP-Lektüre gönnen durfte. Und nachdem ich am Donnerstag das Gefühl nicht so recht los wurde, als dass sich in Sachen “mehr Lokales” in Passau noch nicht so rasend viel getan hat, seit der neue Chefredakteur vor gut eineinhalb Jahren das Signal “Wir haben verstanden!” aussandte, habe ich mir das am Freitag nochmal genauer angesehen. Und tatsächlich: Seite 1, nix Lokales. Seite 2, keine lokale Zeile. Seite 3 – seit wann ist eine Seite 3 was für Lokales? Seite 4, so wie eine Seite 4 eben aussieht, ein Restefriedhof. Seite 5, nix Lokales…irgendwann dann auf Seite 8 und 9 kommen dann Niederbayern und Bayern, was zur Folge hat, dass in einer niederbayerischen Lokalzeitung am Ende des Mantels irgendwann mal die ersten Geschichten von bayerischer Relevanz auftauchen. Der Lokalteil ist in der PNP seit vielen Jahren das letzte Buch und deswegen kommt das Lokale ganz am Schluss. Und mit Verlaub: So sieht es auch aus. Nämlich so, als würde die Lokalzeitung PNP das Lokale irgendwie nicht mögen, als würde sie ihr Kerngeschäft hassen. Sie benimmt sich ein bisschen wie ein Friseur, der lieber Maskenbildner geworden wäre und deswegen jetzt all seinen Kunden einen üblen Topfschnitt verpasst.

Man sieht das auch daran, wenn sie denn mal auf die Idee kommt, ein großes und wichtiges und lokal relevantes Thema auch größer aufzuziehen. So wie am Donnerstag, als sie begriff, dass es Unfug ist, permanent von der Aufsteigerregion Niederbayern zu reden, während der letzte Dödel mitbekommt, wie die Region ausblutet und manche Orte vor allem in den grenznahen Räumen regelrecht vergreisen. Also machte man das zum Thema, so wie man eben in den Generationen, die seit hundert Jahren Lokalzeitung machen, glaubt, ein Thema wirklich spannend zu machen: Man traf sich, Chefredakteur und Redakteur, zu einem “Redaktionsgespräch” mit dem Deggendorfer Landrat, der seine Zahlen und Meinungen ausplappern durfte. Als kleines Dankeschön tippte der Chefredakteur dann noch einen ebenso servilen wie merkwürdig meinungslosen Kommentar auf Seite 1, in dem es sinngemäß hieß, dass es schon ein großes Verdienst des Deggendorfer Landrates sei, darauf aufmerksam zu machen, was ohnehin jeder sieht, der nicht gerade mit der Erwin-Huber-Gedächtnisbrille durch Niederbayern geht. Liebe Güte, was wäre das für ein spannendes und gutes Thema für eine Zeitung gewesen – und dann macht man ein Gespräch mit dem farblosen Deggendorfer Landrat draus.

Vermutlich ist das ein mindestens genauso gewichtiger Grund (neben der fehlenden Online-Idee), warum die PNP und die anderen PNP´s dieser Welt zunehmend an Lesern und Auflage verlieren: dieser ritualisierte, vorhersehbare, uninspirierte und vollkommen unnötige Nicht-Journalismus, den niemand mehr braucht in einem Zeitalter, in dem es ein gigantisches Angebot an Medien gibt. Und man muss unwillkürlich lachen angesichts des Dauermantras, wie qualitativ hochwertig unsere Zeitungen doch seien, wie unersetzlich, wie großarzig — und wie himmelweit überlegen diesem ganzen Onliner- und Bloggergesocks. Ach Leute in Passau (and elsewhere) — man muss euch gar keinen Todesstoß mehr versetzen, das macht ihr schon ganz prima selbst. 2020 gibt´s euch nicht mehr, wollen wir wetten?

(PS: Gestern abend hatte die PNP dann noch zu einer großen öffentlichen Veranstaltung eingeladen, die ihre tiefe Liebe zur lokalen Berichterstattung zementierte. Themen und Gäste von hoher niederbayerischer Relevanz waren: Kanzler Guttenberg. Und Richard Holbrooke.)

Written by cjakubetz

November 13th, 2010 at 4:59 pm

Eine bizarre Dreiecksgeschichte

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Kristina Köhler hat einen großen Fehler gemacht. Sie ist nicht mit Alice Schwarzer einer Meinung. Das ist insofern blöd, als dass Frau Schwarzer in den letzten Jahren zunehmend dazu übergegangen ist, Kritik an ihr und an ihrem einigermaßen verengten Weltbild weniger mit Argumenten, als mit wüsten Draufschlägereien zu beantworten. Einige der eher harmlosen Aussagen der Familienministerin in einem Gespräch mit dem “Spiegel” kontert Alice Schwarzer dann wie folgt:

Eines jedenfalls ist spätestens jetzt klar: Was immer die Motive der Kanzlerin gewesen sein mögen, ausgerechnet Sie zur Frauen- und Familienministerin zu ernennen – die Kompetenz und Empathie für Frauen kann es nicht gewesen sein.

Und weil Frau Schröder demnach also mindestens inkompetent ist, fällt Frau Schwarzer ein Urteil mit der Härte, die man von ihr erwartet — mit einer allerdings interessanten Empfehlung am Schluss:

Ich halte Sie für einen hoffnungslosen Fall. Schlicht ungeeignet. Zumindest für diesen Posten. Vielleicht sollten Sie Presse-Sprecherin der neuen, alten so medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünde und ihrer Sympathisanten werden.

In diesen Kreisen kennt sich die “Bild”-Gerichtsreporterin Schwarzer ziemlich gut aus. Weil aber Frau Schwarzers neuentdecktes Leib- und Magenblatt nicht so gerne verschachtelte Debatten über die Rolle der Frau in der Gesellschaft führt, hat man sich entschlossen, die Debatte Schröder vs. Bild-Kolumnisten auf einen eher einfacheren Nenner zu bringen:

Dass es bei dem Streit zwischen Köhler und Schwarzer nur sehr am Rande um Sex geht, geschenkt. Viel lieber macht “Bild” daraus so eine Art verbales Schlamm-Catchen, bei dem man die eigene Kolumnistin, die auch schon mal vom Kachelmann-Prozeß berichtet, ohne überhaupt vor Ort zu sein, zur Siegerin nicht nach Punkten, sondern gleich per Knockout ausrufen kann:

Dann holt Schwarzer zum K.o.-Schlag aus: „Die einzig aufregende Nachricht aus Ihrem Amt war Ihr Namenswechsel von Köhler auf Schröder.“

Mit “medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünden” hat Alice Schwarzer aber sicher jemand anderen als die “Bild” gemeint. Die macht ja schließlich nichts anderes, als Wahrheiten auszusprechen.


Written by cjakubetz

November 9th, 2010 at 2:04 pm

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Zehn Thesen zur Zukunft der Zeitung

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Das mit den Thesen ist momentan sehr angesagt und chic. Und weil mir gerade ein paar Sachen auf einem Flug nach Hamburg durch den Kopf gegangen sind und Flüge eh immer etwas langweilig sind, sind aus diesen losen Gedanken dann doch noch zehn Thesen geworden — zur Zukunft der Zeitung, weil ich inzwischen glaube, dass sie dramatisch anders aussehen wird, als wie sogar alte Nörgler wie ich mir das uns vorgestellt haben. Auslöser der Gedanken waren die neuesten IVW-Quartalszahlen, die nicht spektakulär waren, aber dennoch so bezeichnend, dass sich meine Ansichten zur Zukunft der Tageszeitung einigermaßen schlagartig verdüstert haben.

1.  Das Zeitungssterben kommt schneller als angenommen.

Zwei identische Erlebnisse der letzten zwei Wochen mit unterschiedlichen Protagonisten und ähnlichem Ergebnis:  Nachwuchs-Journalisten, die man mit Studien zur Tageszeitungs-Nutzung junger Leute konfrontiert. Man will ihnen klar machen, dass angeblich nicht mal jeder Zweite in der Gruppe der 14-19jährigen noch zur Tageszeitung greift. Erst erstaunte Blicke, dann ungläubiges Gelächter. Das aber nicht, weil man diese Zahl für zu niedrig angesetzt hält, sondern für viel zu hoch. Tatsächlich lässt sich aus den eigenen Beobachtungen natürlich kein empririscher Trend ablesen, aber dennoch: Fast niemand in dieser Altersgruppe glaubt selbst an diese Zahlen. Und wenn ich mich in den letzten Monaten intensiv in dieser Altersgruppe nach der eigenen Mediennutzung umgehört habe, dann stand die gute alte Tageszeitung immer ganz hinten in der Mediennutzung.

Tatsächlich ist das größte Problem der Tageszeitung nicht mehr, dass sie zunehmend weniger von jungen Leuten genutzt wird und somit der ehemalige Automatismus, dass quasi jede junge Generation auch eine neue Generation von Zeitungslesern bedeutet, nicht mehr greift. Ihr größtes Problem ist ihre Verzichtbarkeit. Und das ist keineswegs nur ein Problem der jungen Leser. Wer Zugang zu digitalen und elektronischen Medien hat, kann sich Tageszeitungen als Luxus leisten, aber er muss sie keineswegs mehr haben, um in seinem Zugang zu Information komplett zu sein. Selbst das viel beschworene Bild, dass Zeitungen als Hintergrundinformation, Analysenlieferant und Kommentator ihre neue Zukunft finden könnten, greift nur sehr eingeschränkt. All das kann das Netz inzwischen auch.

Ein weiterer Beleg für die Tatsache, dass Zeitungen zunehmend als überflüssig empfunden werden, hat kurioserweise gar nichts mit dem Internet zu tun: Der Abstieg der Zeitungen begann bereits Mitte der 80er Jahre. Schon damals sanken die Auflagen. Nicht dramatisch, keine Einbrüche — aber ein vergleichbarer Sinkflug, wie ihn die Verlage heute auch schon erleben. Zwei temporäre Ereignisse brachten die Blätter noch einmal in eine zumindest ökonomisch günstige Situation, sorgten aber zugleich für gefährliche Trugschlüsse, wie sich heute zeigt. Ereignis eins: die deutsche Einheit, die die Auflage der Zeitungen naturgemäß nach oben brachte. Und dann die New Economy, die ebenfalls zu einem Zeitpunkt aufkam, als die Auflagen der Zeitungen zurückgingen. Im Jahr 2000 wurden in vielen Häusern die besten Umsätze aller Zeiten gemacht. Umsätze, die man mit seiner eigenen Bedeutung begründete. Stattdessen waren diese Rekordzahlen einem glücklichen Umstand geschuldet: Das Internet war damals als Werbeträger schlichtweg noch zu klein und irrelevant, um auch nur einen Teil dieses Booms abschöpfen zu können. Zweimal also waren Zeitungen bereits auf dem Weg nach unten, zweimal kamen ihnen äußere Einflüsse zupass, für die sie letztendlich nichts konnten. Ein drittes Mal wird das nicht mehr passieren.

2. Die Wochenzeitung wird die neue Tageszeitung – und nicht umgekehrt

Man müsse sich inhaltlich neu orientieren, mehr Hintergrund, weniger Nachrichten — dann habe die Tageszeitung Zukunft. Sagen sogar die, die der Tageszeitung generell eher skeptisch gegenüberstehen (die ihr positiv gegenüberstehen glauben das sowieso). Man müsse sich inhaltlich also dort positionieren, wo heute die Wochenzeitungen stünden. Demnach also würde die Tageszeitung eine Art täglich erscheinende Wochenzeitung. Allerdings spricht eine Reihe von Gründen dagegen, dass dies so einfach möglich sein wird.

Erstens: Die Wochenzeitungen stehen im Regelfall im Gegensatz zu den täglich erscheinenden Blätter sowohl ökonomisch als auch mit ihren Auflagen einigermaßen gesund da. Zwar erreichen auch sie nicht mehr die Rekordauflagen früherer Jahre, zumindest aber ist der Trend stabil. Tageszeitungen würden hier also auf einen Markt treffen, der einigermaßen gesättigt ist, der nicht mehr großartig wachsen wird — und in dem diejenigen, die ihn momentan beherrschen, kaum solche Schwächen aufweisen, als dass man den Markteintritt etlicher anderer noch begründen könnte.

Zweitens: Tageszeitungen hätten in diesem Segment ein massives Kompetenzproblem. Niemand würde dem “Schwarzwälder Boten” oder der “Passauer Neuen Presse” ähnliche inhaltliche Kompetenz zugestehen wie dem “Spiegel” oder der “FAS”. Zudem liegt es ohnedies in der Natur der Sache, dass man Hintergründe, Analysen, Kommentare möglicherweis eher einmal pro Woche geballt lesen will als jeden Tag. Zumal es manchmal schlichtweg Tage gibt, an denen es nicht viel zu analysieren und zu kommentieren gibt. Der angestrengte Versuch der “Tagesthemen”, wirklich jeden Tag kommentieren zu wollen/müssen, ist Beleg genug für diese Problematik.

Drittens: Analysen, Kommentare und Hintergründe brauchen Zeit. Zeit, die man in einem hektischen Tagesgeschäft selten aufbringen kann. Personell sind zudem die allerwenigsten Tageszeitungen so aufgestellt, dass sie eine solche inhaltliche Ausrichtung auch nur einigermaßen gut bewältigen könnten.

Das wiederum führt gleich zu These 3, nämlich:

3. Die Tageszeitungen sparen sich zu Tode.

Viele Verlage befinden sich bereits in einer tödlichen Spirale. Ihre Erlöse sowohl aus dem Vetrieb als auch insbesondere aus dem Anzeigengeschäft sinken stetig, teils dramatisch. Sie werden dauerhaft nicht zu kompensieren sein. Die Werbegelder wandern dauerhaft ins Netz, zudem sind die Preise, die für Zeitungsanzeigen zu erzielen waren, im Netz nicht zu erreichen. Gleichzeitig müssten die Redaktionen aufgestockt werden, um die zahlreichen neuen Kanäle tatsächlich mit relevanten Inhalten zu versorgen. Tatsächlich herrscht in vielen Häusern schon heute ein krasses Missverhältnis zwischen den Print- und den Onlineredaktionen.  Es ist keine Seltenheit, dass eine Zeitung von 100 Redakteuren gemacht wird, während für Online und soziale Netzwerke nur ein Bruchteil dieses Personals zur Verfügung gestellt wird. Das wiederum hat zur Folge, dass sich die Zeitungen  im Netz nicht richtig etablieren können. Umgekehrt wird auch in den Printredaktionen Personal abgebaut. Die damit zwangsläufig einhergehenden qualitativen als auch quantitativen Einbußen machen sich nicht von einem Tag auf den anderen bemerkbar, tatsächlich aber gilt heute schon in vielen Häusern: Die Leser bekommen weniger Zeitung für mehr Geld. Personalabbau in krassen Fällen von bis zu 40 Prozent lässt sich dauerhaft nicht kompensieren und letztendlich nicht vor dem zahlenden Kunden verstecken. Man müsste also investieren, um zukunftsfähig zu werden. Tatsächlich passiert häufig genau das Gegenteil.

4. Die Tageszeitungen vergreisen in den Redaktionen.

Wenn man sich als Enddreißiger nochmal richtig jung fühlen will — man muss nur als Redakteur in einer durchschnittlichen deutschen Tageszeitung arbeiten. Vielen Redaktionen fehlt inzwischen ein Unterbau an potentiellem Nachwuchs, der mehr macht, als nur Praktika oder ein Volontariat zu absolvieren. Inzwischen sind die ersten volldigital aufgewachsenen Jahrgänge auf dem Markt. Für sie ist ein Job in einem voll analogen Medium nur noch mäßig interessant. Neben den latenten Nachwuchsproblemen kommt hinzu, dass viele Redaktionen sich bei einem Altersschnitt jenseits der 40 bewegen. Dieser Generation fehlt wiederum häufig jegliches Verständnis für digitale Medien — und letztendlich wohl auch der Wille, sich in ihrem Beruf noch einmal vollständig neu zu orientieren. Das bedeutet in der Konsequenz, dass viele Zeitungen immer noch nach Leitbildern aus den 80er Jahren gemacht werden. Um zukunftsfähig zu werden, bräuchten diese Redaktionen aber zunehmend echte “digital natives”. Sie sind allerdings spärlich in den typischen Tageszeitungsredaktionen gesät. Die Chefredakteure und Ressortleiter in Deutschland, die bis in die letzte Konsequenz digital denken, sind an einer Hand abzuzählen. Und dabei geht es keineswegs nur um das Internet, um digitale Medien alleine. Auch inhaltlich kommen viele Blätter immer noch eher behäbig, betulich und im Duktus mittelalter Männer daher.

5. Als nächstes wandert der Lokaljournalismus ins Netz ab.

Fragt man die Macher von Regionalzeitungen nach ihren eigentlichen Stärken, wird sofort das Lokale genannt. Was auch richtig ist, aber auch hier wiederholt sich gerade Geschichte: Sie ruhen sich auf dieser Stärke und diesem vermeintlichen Monopol aus, übersehen aber, dass auch der Lokaljournalismus sich wandeln wird. Er wird hyperlokal, er geht ins Netz.  Und vor allem haben es potentielle Konkurrenten inzwischen viel leichter, sich zu etablieren. Niemand muss heute einen Verlag haben und Druckmaschinen kaufen, um Lokaljournalismus zu machen. Michael Wagners “Fußball Passau” und die diversen Lokalblogs von Hardy Prothmann sind nur die aktuell bekanntesten Beispiele, wie dieser Trend aussehen wird.  Das Problem, das viele Regionalblätter zudem haben: Vielerorts herrscht Unzufriedenheit mit dem status quo, werden die Zeitungen wahlweise aus Gewohnheit gelesen — und aus der Erkenntnis heraus, dass es ein anderes Lokalmedium mit wirklich nennenswerter Reichweite gar nicht gibt. Dieses de-facto-Monopol hat viele Verlage über die Jahre gerettet. Aber es bröckelt. In Zukunft werden wir deutlich mehr Wagners und Prothmanns sehen. Darauf vorbereitet sind viele Häuser bis heute nicht.

6.  Journalisten und Verleger haben das Netz nicht begriffen.

Das Internet ist kein Verbreitungskanal, sondern ein Kommunikations- und Dialogmedium. Die Kommunikation “one to many” ist dort kein funktionierendes Modell mehr. Das sind Erkentnisse, die man sich kaum mehr traut, noch irgendwo niederzuschreiben. Spricht man von Zeitungen, führt kein Weg daran vorbei — weil es diese banalen Dinge sind, die vielfach immer noch nicht angekommen sind. Ihre Form von Journalismus haben sie häufig  nicht angepasst und weiterentwickelt. Momentan spricht auch nur sehr wenig dafür, dass sie es tun werden.  Vielfach gibt es immer noch die Haltung, dass es ausreiche, dass man Teile der “Zeitung von morgen” schon am Abend im Netz lesen kann und dass man mehr oder minder lieblos gemachte Webseiten ins Netz stellt. Kommunikation und Interaktion finden immer noch kaum statt. Dabei läuft die Zeit unerbittlich. Jeder Tag nach den bisherigen Konzepten und Idee ist ein verlorener Tag. Eigentlich müssten die Redaktionen nichts anderes mehr machen, als sich jeden Tag mit den neuen Herausforderungen zu beschäftigen. Stattdessen gehen die meisten nur so weit, wie sie glauben gehen zu müssen. Innovation und Erneuerung kommen bei den meisten nicht vor.

7. Tageszeitungen verschwinden in der Nische.

Es wird zweifelsohne weiterhin Zeitungen auf gedrucktem Papier geben. Aus den unterschiedlichsten Gründen, sei es Nostalgie oder aus einem ähnlichen Phänomen heraus, warum es heute immer noch (oder schon wieder) Platten aus Vinyl gibt. Man muss die Zeitung nicht mehr haben, aber man behält sie sich trotzdem. Der Standard für das Konsumieren von Journalismus werden allerdings andere Plattformen sein. Nicht eine, nicht zwei — sondern viele. Nur nicht die Zeitung auf Papier: zu teuer, zu unflexibel, zu unökonomisch. Und ja, auch das: zu wenig personalisierbar.

8. Das iPad beschleunigt den Niedergang.

Das iPad als Retter der Verlage? Keineswegs. Im Gegenteil, das iPad ist der größte Feind der konventionellen Verlagsstrukturen. Zum einen, weil jeder noch so große Verlag gegen den ipad-Herrscher Apple ein Zwerg ist. Zweitens — und viel wichtiger: Die Tatsache, dass man auf der glänzenden Oberfläche des Tablets nur noch einer von ganz vielen ist, verstärkt die eigene Bedeutungslosigkeit. Wenn Tablets und Smartphones zu einem neuen Gerätestandard werden, relativiert sich die Notwendigkeit der Zeitung noch weiter. Auf dem iPad konkurriert die Zeitung plötzlich mit allem und jedem und kommt damit in eine völlig neue Situation. Zuvor waren die Claims in der Mediennutzung klar abgesteckt: Soundsoviel Prozent fürs Fernsehen, ein bestimmter Anteil fürs Radio, ein paar Prozente für die Tageszeitung. Diese Mediennutzung verändert sich mit den neuen Geräten drastisch.  Wer zum iPad greift, hat die ganze Welt per Fingertipp vor sich. Sein iPad kann Zeitung sein, aber eben auch: Fernseher, Radio, Internet, Spielzeug. DerKampf um das Wichtigste, was es gibt, ist ja nur vordergründig das Geld des Nutzers. Wichtiger ist seine Aufmerksamkeit, seine Zeit.  Darum kämpfen jetzt nicht nur viel mehr als früher, sondern sie tun es auch auf engstem Raum. Die Zeitung bietet häufig ein veraltetes Inhaltemodell an: Von allem ein bisschen, meistens ganz gut, selten richtig herausragend und von echtem Fachwissen geprägt. Was wiederum zu These 9 führt…

9. Der generalistische Journalismus überholt sich.

Der vielleicht entscheidende Vorteil des Netzes ist ja gar nicht mal unbedingt seine Schnelligkeit. Oder seine ständige Verfügbarkeit. Sondern die Tatsache, dass hier (theoretisch) jeder alles finden kann. Der Politik-Interessierte findet hier Hochwertiges in einer Qualität und in einem Umfang, wie es die Politik-Redaktion der durchschnittlichen Tageszeitung aus den verschiedensten Grüpnden gar nicht leisten kann. Wer was über Fußball wissen will, liest die entsprechenden Fachseiten, der Fliegenfischer findet etwas zu seinem Thema und wer Medienblogs lesen will, findet von ihnen so viele, dass er sich schon wieder entscheiden muss, welche er regelmäßig konsumieren will. Das Argument, man wolle ja auch mal einfach nur einen eher allgemeinen Überblick über das, was auf der Welt passiert, greift nicht: Auch das bietet das Netz in noch nie dagewesenen Mengen. Zudem: schneller, aktueller, umfangreicher, als wie es eine Zeitung leisten kann. Und auch das sei nicht verschwiegen, wenn auch zum Leidwesen vieler Zeitungen: meistens kostenlos. Man muss das nicht gut finden. Aber zumindest als Realität akzeptieren.

10. Die Tageszeitung sitzt zwischen allen Stühlen — und hat nirgends mehr Platz.

Es gibt kein schlagendes Argument mehr für die Tageszeitung alter Prägung. Man kann sie lesen, muss man aber nicht. Sie ist zu langsam, um aktuell zu sein. Sie ist zu sehr im Platz limitiert, um umfangreich zu sein. Sie ist zu sehr generalistisch, zu wirklich in allen Bereichen kompetent zu sein. Sie wird in angestammten Märkten an vielen Rändern bedrängt, hat aber nicht die Option, selbst andere in ihren Märkten anzugreifen. Sie hat häufig über viele Jahre nur reagiert, statt zu agieren. Überleben werden die, die von ihren Lesern aus Überzeugung und Begeisterung gekauft werden. Das ist eine Minderzahl. Verabschieden werden wir uns von denen müssen, die Journalismus nur verwalten – statt ihn zu machen.

Wir werden uns von vielen verabschieden müssen. Bald schon.

Written by cjakubetz

Oktober 21st, 2010 at 3:08 am

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