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Qualitätsmerkmal:Papier!
Vor 13 Jahren war die Welt zwar auch schon kompliziert, aber zumindest in Sachen Onlinejournalismus schnell auf den Punkt zu bringen. Es gehe darum, aus 150 Zeilen 15 zu machen, es gehe um “eindampfen, kürzen, schnell sein”. Das schrieb 1997 ein Redakteur der “Drehscheibe” — und ich erinnere mich an die Sätze deswegen so genau, weil ich damals als irrlichternder Redakteur der “Passauer Neuen Presse” Protagonist seiner Geschichte war (ich hatte zwar meinen Job keineswegs so beschrieben, aber ich glaube, der gute Mann war damals einfach nur froh, wenigstens ein bisschen begriffen zu haben, was da an diesen komischen Rechnern passiert). Damals war mein Job, irgendwie so was ähnliches wie ein Onlineangebot aufzubauen. Zugeben, über das wie hatte ich auch keine richtige Ahnung, aber schon damals schien mir die Idee des Kollegen der “Drehscheibe” etwas merkwürdig, dass es online in erster Linie darum gehe, schnell und kurz und präzise zu sein.
Noch merkwürdiger finde ich allerdings, dass diese Grundidee auch heute noch durch viele Köpfe geistert. Zeitungsleute versuchen mit dieser Argumentation gerne zu begründen, warum es weiter Produkte auf gedrucktem Papier geben müsse. Einer der neuesten Versuche war jetzt im Rheinischen Merkur zu lesen. Kernthese:
Denn im Gegensatz zum Netz, das Ad-hoc-Kommunikation und blitzschnelle Aktualisierung ermöglicht, programmieren Printmedien die Entschleunigung, die Verzögerung. Zeitungen und Zeitschriften sind – gewiss nicht immer, aber doch idealerweise – Medien des zweiten Gedankens, die eine Aktualität hinter der Aktualität sichtbar werden lassen. Sie versorgen, wenn es gut läuft, diese Gesellschaft Tag für Tag und Woche für Woche mit neuen Deutungsvorschlägen und Wahrnehmungen.
Das ist der alte Denkfehler, wie er immer noch tausendmal am Tag begangen wird, seit jetzt beinahe 15 Jahren: Zum einen zu glauben, der Inhalt, der Tiefgang, die Qualität einer Publikation hinge von seinem Datenträger ab. Und zum anderen die überkommene Vorstellung, Journalismus im Netz bestünde, um nochmal den Kollegen der “Drehscheibe” zu zitieren, aus eindampfen und kürzen. Wer so argumeniert, hat das Netz leider nicht begriffen. Das ist in etwa so, als wenn man behaupten würde, ein Video sei besser wenn im ZDF liefe als wenn es auf YouTube steht. Der Inhalt und sein Träger haben nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun.
Im Gegenteil: Gerade diese “Zeitung lebt”-Haltung, die man postuliert und damit begründet wird, dass Zeitung ja auf Papier gedruckt sei, macht die Lage für die Verlage so gefährlich. Weil sie suggeriert, dass man auf seinem eigentlichen Feld, dem Qualitätsjournalismus unbesiegt sei. Lass die anderen mal machen, soll das wohl heißen, in diesem hektischen, flüchtigen Netz. Wer nachdenken, reflektieren will, braucht uns und greift zum Papier. Ganz so, als gäbe es im Netz nicht jeden Tag wunderbare lange Hintergrundstücke, die diesen “zweiten Gedanken” aufbringen.
Man greift zum Papier, wenn man den “zweiten Gedanken” haben will? Was für ein blanker Unsinn. Man greift dorthin, wo man ihn bekommt. Den “Spiegel” der kommenden Woche beispielsweise habe ich diese Woche am iPad gelesen und dort eben mehr bekommen als nur auf Papier. Das Video zur Titelgeschichte, die Animation zur Titelgeschichte, das Hintergrundstück zur Auslandsgeschichte aus den USA. Ich will damit nicht sagen, dass es an der Spiegel-App nicht noch einiges zu verbessern gäbe, das ist nicht der Punkt. Es geht mehr um den Maßstab, der an “Qualitätsjournalismus” künftig angelegt wird. Einer dieser Maßstäbe ist, dass er mehrdimensional und vernetzt daher kommt. Auf gar keinen Fall ist der Maßstab, dass der Text gedruckt ist.
Und nein, das hier ist keine der “euphorisch-brüllenden Prognosen, wann die letzte Zeitung gedruckt wird”, wie sie Blogger nach Meinung des “Rheinischen Merkur” so gerne raushauen. Es ist nichts anderes als die Feststellung, dass es um guten Journalismus geht, nicht mehr — aber eben auch nicht weniger.
Noch etwas, am Rande bemekt: Nach der Einführung des iPads kamen aus vielen Häusern die vollmundigen Prognosen, wie sehr man die Menschen jetzt wieder zurück zur Zeitung holen werde. Schaut man sich den App-Store und die Apps so durch, dann stellt man fest, dass die Verlage die Revolution verschoben haben. Mal wieder.
Die euphorisch-brüllenden Prognosen erfüllen sich nur dann, wenn Printverlage nicht endlich aufhören, an die Überlegenheit des Papiers als solches glauben.
Leistungsschutz für meine kleine Zeitungsfarm
Seit Stunden wühle ich mich gerade durch die Online-Angebote deutscher Tageszeitungen. Durch alle (fragen Sie nicht warum). Es ist kein Vergnügen, wirklich nicht.
Aber jetzt, nach vielen Stunden und hunderte Klicks später, ist mir allmählich was aufgegangen. Warum nämlich so viele Zeitungen nicht an den Erfolg und an die Bedeutung von Online glauben. Ganz einfach deswegen: Sie haben keinen damit und sie werden vermutlich auch keinen haben (Stammleser wissen, dass ich in solchen Momenten der Verallgemeinerung gerne mal ein “Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel” einschiebe).
Unfassbar viele Seiten, selbst von Kleinstblättern, die ich bisher nicht mal dem Namen nach kannte, machen mit den ganz großen Dingern auf: Russland. Pakistan. USA. Flut in Sachsen. Das ist insofern nur so mittelgeschickt, weil es alle anderen auch machen und weil man ja ohnehin nur das Agenturmaterial hat, das ungefähr alle anderen auch haben. Gesichtslose, verwechselbare Seiten, die in ihrer Mittelmäßigkeit den Blättern wahrscheinlich nicht unähnlich sind. Nur mit dem Problem behaftet, dass man hier eben nicht mit dem lokalen Anzeigenblatt konkurriert, sondern mit hochwertigem – die Times, die FAZ, die Zeit, sie sind alle nur den abgedroschenen Mausklick weit weg. Man kann fast eine Wette eingehen: Die allermeisten schauen schnell auf die Service-Geschichten und aufs Lokale und sind dann sofort wieder weg. Im Grunde also machen sie das, was sie mit der gedruckten Zeitung auch machen, nur dass man das dort nicht so merkt.
Was ich gesucht und in den seltensten Fällen gefunden habe: ein ansprechendes, multimediales Lokal-Onlinemagazin, schnell, übersichtlich, umfangreich, vielleicht nicht in Echtzeit, aber ständig auf der Höhe. Mit einer vernünftigen Präsenz bei Twitter, bei Facebook, mit einem angepassten Angebot für Smartphones. Kein Anspruch also, der utopisch hoch angesetzt wäre und keiner, über dessen grundsätzlichen Bedarf man lange debattieren müsste. Gefunden habe ich so etwas fast nirgends. Die Behauptung vieler Verlage, man sei für die Zukunft bestens gewappnet, entlarvt sich bei einer Surftour durch ihre Angebote.
Wenn man sich durch die Onlineangebote der meisten Zeitungen durchgequält hat, bemerkt man dann auch wieder, wie absurd die beiden Kernideen verlegerischer Strategien sind: Leistungsschutz und Paid Content. Bei fast allen Seiten, die ich gestern gesehen habe, gingen mir die beiden Schlagworte durch den Kopf — und in fast jedem Fall musste ich unwillkürlich lachen. Leistungsschutz für das halbwegs einwandfreie Aufbereiten von Agenturmeldungen? Ich würde behaupten, dass gestern abend 70 Prozent der Angebote von Regionalzeitungen online zu einem beachtlichen Teil mit Agenturmaterial bestückt waren. Teilen sich dann also 50 Onlineangebote den Erlös aus dem Leistunsgsschutzrecht, wobei die Leistung daraus besteht, dpa redigiert zu haben?
Und Paid Content — wofür? Für kaum spürbare Eigenleistung? Für ein paar lokale Meldungen, die es auch in lokalen Anzeigenblättern gibt? Und zudem noch demnächst auch von Seiten wie dem inzwischen etablierten “Heddesheimblog” und anderen, die inzwischen in den Startlöchern stehen, angeboten werden?
Natürlich kann man sich fragen, warum man in vielen Häusern nicht sieht, was doch so offensichtlich ist. Auch dafür habe ich bei meinem gestrigen Streifzug eine plausible Erklärung gefunden. Es gibt in Deutschland immer noch Zeitungen, die per Mail über eine t-online-Adresse, eine sogar über eine Zahlenkombi bei AOL erreichbar sind. Nichts dagegen — aber soll man man von einer Redaktion, die gerade im Mailzeitalter angekommen ist, ernsthaft erwarten, die Herausforderungen der digitalen Welt bestehen zu können?
Viele Verlage haben es sich in den letzten beiden Jahrzehnten kuschelig eingerichtet in ihrer sehr eigenen Welt. Sie haben eine Subkultur entwickelt, die im Wesentlichen aus der Idee bestand, dass es ohne sie nicht geht, trotz Radio, trotz Fernsehen. Die kleine Zeitungsfarm, mit Zäunen abgeschottet gegen die böse Welt da draußen. Jetzt müssen sie erleben, dass es möglicherweise doch ohne sie geht — und rufen deswegen nach Artenschutz. Und vielleicht würde man sie insgeheim ja auch schützen wollen, weil man sich als jemand, der mit Zeitungen groß geworden ist, einen Tag ohne Zeitungen gar nicht vorstellen mag.
Nur: Bevor es einen Leistungsschutz gibt, müsste es eine Leistung geben, die man schützen kann.
Volos, dringend gesucht
Es sagt ziemlich viel aus über die Probleme, die der Lokaljournalismus — und dort vor allem die Regionalzeitungen — haben: Sie haben schlichtweg ernste Probleme, noch guten Nachwuchs zu finden. Joachim Braun, Redaktionsleiter der Bad Tölzer Lokalausgabe des “Münchner Merkur” und im Video-Interview ein angenehm ruhiger und realistischer Kollege, schildert das ganz unaufgeregt. Das Lokale ist generell für junge Journalisten zunehmend unattraktiv geworden. Und wenn man dann auch noch draußen auf dem flachen Land sitzt statt in der pulsierenden Großstadt, dann wird es zunehmend schwierig, überhaupt noch jemanden zu finden, selbst wenn man ausreichend Budget dafür zur Verfügung stellt. Davon, dass man ein Talent mittelfristig hält, ganz zu schweigen.
Dabei ist gar nicht mal das alleine Problem, dass man als, hüstel, etwas älterer Mensch die Reize von Bad Tölz erst zu schätzen lernt — und man als 20jähriger einen Panoramablick auf die Alpen nur mäßig spannend findet. Vielmehr haben sich die Dinge gewandelt. In alten analogen Zeiten galt das als ehernes Gesetz: Geh ins Lokale, da lernst du am meisten. Ich kenne eine ganze Reihe ausgezeichneter Journalisten, die sich durch die Mühen von Geflügelzüchtervereinen und Stadtratssitzungen gearbeitet haben. Sie haben dort eine ganze Menge gelernt, was ich übrigens auch gerne für mich in Anspruch nehmen würde. Wie beispielsweise Politik tickt, kann man ganz wunderbar in diesem Mikrokosmos Kommunalpolitik lernen.
Allerdings hatte ich (und viele andere auch) das Glück, dass ich Leute um mich hatte, die sich ernsthaft mit mir und meiner Unfähigkeit auseinandergesetzt haben. In meiner Volo-Zeit bei der PNP (nicht erschrecken, jetzt kommt was Positives) hatte ich tatsächlich so etwas wie zwei Ausbildungsredakteure, einen direkt vor Ort und einen in der Zentrale. Aus der Zentrale kam jeden Monat ein Paket mit Feedback auf meine Geschichten, wenn ich mal eine wirklich versemmelt hatte, kam die Reaktion auch schon mal am nächsten Tag. Oder am selben. Alles in allem hatte ich jedenfalls nach zwei Jahren Volontariat das Gefühl, halbwegs gut ausgebildet zu sein. Mein Wunsch wegzugehen entstand dann mittelfristig auch gar nicht aus dem Gedanken, schlecht ausgebildet worden zu sein, sondern aus der ewigen Wiederholung des immer Gleichen. Aber das ist kein lokalspezifisches Problem, ich stelle mir auch zehn Jahre in der Nachrichtenredaktion der SZ als irgendwann ermüdend vor.
Auch auf die Gefahr hin, in eine “Früher-war-alles-besser”-Schiene gesteckt zu werden: Mir begegnen heute nach meinen höchst subjektiven Eindruck immer mehr Volos, die in ihren Lokalredaktionen nicht mehr als das gesehen werden, was sie sind. Nämlich als junge Journalisten, die ausgebildet werden sollen. Stattdessen werden sie schnell zu vollwertigen und billigen Arbeitskräften gemacht. Ich weiß nicht, wie viele mir schon erzählt haben, dass sie de facto auch mal wochenlang eine Lokalredaktion mehr oder minder alleine schmeißen müssen. (Auch zu dem Thema ein rückwirkendes Danke nach Passau: Ich stand einmal als Volo vor dieser Situation, so etwas machen zu müssen; mein Ausbildungsredakteur hat sich sofort mit einem entschiedenen “Das geht nicht dazwischen geworfen).
Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere unter Ihnen jetzt insgeheim ein leises “Na und?” vor sich hinmurmelt, dass sich durch die langjährige Praxis und der Erfahrung, dass das schon irgendwie geht, begründet. Ich finde diese Haltung in unserem Job immer wieder interessant, vor allem, wenn man diese Idee auf andere Berufe anwendet. Eine Operation, die nicht ein Arzt, sondern ein Student unbeaufsichtigt durchführt? Ein Hausbau, bei dem der Azubi nach drei Wochen das Kommando übernimmt? Der Supermarkt, der einen Praktikanten als Fillialleiter einsetzt? Komisch, dass es ausgerechnet bei uns, wo wir doch immer die Bedeutung unseres Jobs gerne betonen, zwar ein Wissen um solche Zustände gibt, auf der anderen Seite es aber oft nur zu einem pflichtschuldigen erhobenen Zeigefinger reicht. Der soll dann signalisieren, dass man so etwas tendenziell für nicht in Ordnung hält.
Man kann dann auf der anderen Seite natürlich kaum erwarten, dass Volontäre aus solchen Redaktionen auch nur im Ansatz gut ausgebildet rausgehen. Und man kann kaum hoffen, dass die Attraktivität des Lokaljournalistenjobs steigt.
Umgekehrt sind man dann ja auch, was möglich ist, auch für Regionalzeitungen: Einer der wirklicb begabtesten Leute, die ich jemals in einem Seminar hatte, hat jetzt zwei ziemlich aussichtsreiche Bewerbungen. Er ist noch unschlüssig, ob er zum öffentlich-rechtlichen TV geht — oder zu einer mittelgroßen Regionalzeitung.
Ich würde ihm zur Zeitung raten. Nicht immer, aber bei dieser — schon.
Die öffentlich-rechtliche WAZ
Wenn es ums Internet geht, benehmen sich Verlage und Verbände momentan ausgesprochen, nunja — eigenartig. WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus beispielsweise hat jetzt eine besonders originelle Idee: Wenn denn schon öffentlich-rechtliches Internet als “Rundfunk” deklariert werde, dann müsse man allen, die “journalistisch hochwertige Angebote” produzieren, etwas von der Rundfunkgebühr abgeben. Sprich (wer sonst könnte gemeint sein): hochwertiger Journalismus, wie ihn Zeitungsverlage eben so anbieten.
Das ist in der momentan leicht kriegslüsternen Argumentation der Verlage der vielleicht bizarrste Vorstoß. Bizarr vor allem, weil er der bisherigen Argumentation der Verbände völlig zuwider läuft. Die nämlich waren es bisher, die dem Gutachten zur Onlinepräsenz der öffentlich-rechtlichen Sender vorwarfen, eine “bestellte Wahrheit” (FAZ) zu sein. Weil es sich bei Internetangeboten eben explizit nicht um Rundfunk handle, sondern um so genannte Telemedien. Jetzt macht Nienhaus einen interessanten Spagat: Entweder sei es kein Rundfunk, den man im Netz betreibe, dann bekommt niemand was (bzw. müssen die Sender raus aus dem Web). Oder aber es ist doch Rundfunk, dann machen Zeitungen jetzt auch Rundfunk und wollen dementsprechend Rundfunkgebühr. Interessante Idee: Ein Fernsehzuschauer in München bezahlt künftig auch für die Onlinepräsenz der WAZ oder der Kieler Nachrichten.
Man darf dann auch gespannt sein, wie Herr Nienhaus und die Verbände definieren wollen, was genau “hochwertig” ist. Ist “bild.de” hochwertig? Oder doch erst faz.net? Nachdem die Hochwertigkeit allerdings vermutlich schon bei “derwesten.de” beginnt, bekommen demnach auch RP Online oder pnp.de nach den Vorstellungen des WAZ-Mannes künftig Anteile aus Geldern, die ja eigentlich explizit erhoben werden, um öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu finanzieren. Einen anderen Zweck haben Rundfunkgebühren nie gehabt, auch SAT 1 erhält ja (aus guten Gründen) keinen Cent Rundfunkgebühren. Denen müsste man übrigens dann nach Niehaus Logik auch was abgeben. Eine Rundfunkgebühr für alle, was für eine groteske Idee.
Aber vielleicht genügt es ja fürs Erste, wenn jemand mal Nienhaus erklärt, was es genau auf sich hat mit einem dualen Rundfunksystem. Wie das so ist mit einem bewusst gebührenfinanziertem Sendersystem und einer privatwirtschaftlich organisierten Presse. Und dass es übrigens auch gar kein Schaden ist, wenn Zeitungen und Rundfunk völlig staatsfern und finanzierungsunabhängig sind. Letztlich fordert Nienhaus nichts anderes als verkappte staatliche Subventionen für Zeitungen — und wenn es mal soweit ist, muss die Verzweiflung schon verflixt groß sein.
Passau – oder: Ein Tod mit Ankündigung
Geht es nach der Mehrzahl der Verleger, dann leidet das Zeitungsgeschäft in erster Linie unter ein paar Dingen, die man einfach nur abstellen muss — und alles wird wieder gut. Google, die öffentlich-rechtlichen Sender und die Kostenloskultur, der Geburtsfehler des Internet. Alles Dinge, für die man selber nichts kann, die man aber mit ein bisschen Lobbyarbeit und rigoroserem Umgang mit dem zahlungsunwilligen Leser beenden kann. Zeit also, um mal wieder einen kleinen Realitätscheck zu machen. Wir schalten hierfür nach längerer Pause mal wieder nach Passau (wie immer sei angemerkt: Passau ist nur ein Platzhalter, man könnte stattdessen auch eine ganze Menge anderer Namen einsetzen).
Fangen wir erstmal mit ein paar unschönen Zahlen an:

(Quelle: IVW)
Es geht den deutschen Tageszeitungen nicht gut. Nicht mal mehr der größte Optimist kommt angesichts dieser Entwicklung auf die Idee, den Blättern noch eine ernsthafte Chance zu geben, jemals wieder in Auflagengrößenordnungen zu kommen, die man noch im Jahr 2000 hatte. Man kann darüber debattieren, wie schnell oder langsam der Auflagenniedergang vonstatten gehen wird und man kann auch darüber reden, wann der Rückgang vielleicht doch mal gstoppt wird. Dass es mit den Auflagen nochmal spürbar aufwärts geht, ist ausgeschlossen.
Die Passauer Neue Presse macht dabei keine Ausnahme, wenn man so will, ist sie also die stinknormalste Zeitung in ganz Deutschland. Zwischen dem 2. Quartal 2009 und dem Vergleichsquartal 2010 hat sie rund 1300 Abonnenten verloren, die Zahl der verkauften Exemplare sank um rund 1700. Das ist insofern unspektakulär, weil nichts anderes zu erwarten war. Zahlen wie diese hat man in Passau und andernorts inzwischen seit einigen Jahren auf dem Tisch liegen. Man kann sich allerdings leicht ausrechnen, was mittelfristig diese Zahlen auch für die wirklich relevanten Daten der Zeitung bedeuten: die Anzeigenumsätze. Weniger Reichweite, weniger Relevanz — weniger Anzeigen, weniger Erlöse.
(Quelle: IVW)
Es passiert dennoch — ungefähr nichts. Man hat einen wackeren Chefredakteur, der zum Amtsantritt im vergangenen März intern signalisiert hatte, verstanden zu haben: Lokal relevanter wolle man werden, mehr Heimat, weniger große Welt. Und vernetzen wolle man sich, Online sollte eine wichtige Säule des gesamtpublizistischen Konzepts werden. Man setzte sogar einen eigenen “Online-Chefredakteur” ein.
Ein Jahr später ist alles beim alten, wenn man davon absieht, dass es den Online-Chefredakteur nicht mehr gibt. An der Zeitung sind ein paar optische Retuschen vorgenommen worden, die man mögen kann oder auch nicht. Konzeptionell ist die PNP wie sie immer war. Dass dieses tote Konzept der Zeitung für alles und jeden vielleicht der Grund dafür sein könnte, warum eben nicht mehr alles und jeder die Zeitung liest, ist schlichtweg nicht angekommen. Und auch die angekündigte hat nicht einmal die Funktion eines Feigenblättchens. Online tapert die PNP irgendwo in der Endphase der 90er Jahre rum. Wie ein Onlineauftritt, der wenigstens halbwegs aus der Moderne kommt, sieht pnp.de jedenfalls nicht aus, im Gegenteil: Irgendwie würde man sich nicht wundern, wenn morgen auch noch Frames und animated gifs auftauchen würden. Umgekehrt wundern sie sich vielleicht in Passau ab und an, warum das nicht funktioniert mit dieser Seite. Dabei gibt es eine einfache Antwort: Früher, in analogen Monopolstenzeiten, konnten die Leute vielleicht auf die Zeitung schimpfen, lesen mussten sie sie dennoch. Das muss jetzt niemand mehr.
Der Gedanke hinter der angekündigten Mehr-Vernetzung der PNP war klar: Was man an Umsätzen im Stammgeschäft verloren geht, soll durch wachsende Onlineumsätze wieder ausgeglichen werden. Davon ist man allerdings ebenfalls weit entfernt — und das hat mit Google etc. nichts zu tun. Stattdessen gibt es einen anderen Grund. Die Seite stagniert seit einem Jahr in ihren Besucherzahlen, mit rund 830.000 Visits hat sie im Juni 2010 fast die identische Besucherzahl wie im Juni 2009 vorzuweisen (817.000). Das ist eine Reichweite, die für die meisten Werber irrelevant ist. Man wird also mit dieser Seite über kurz oder lang nicht viel verdienen. Und zu vermuten steht: Irgendjemand wird das auf Google sowie ARD und ZDF schieben, außerdem auf die Kostenlos-Kultur. Dass es schlichtweg keinen wirklichen Grund gibt, diese Seite zu besuchen, wird ignoriert. Zeitung und Internet haben wenigstens in dieser Beziehung eine echte Gemeinsamkeit.
Man müsste sich also verabschieden vom toten Journalismus aus den späten 90er Jahren. Und man müsste investieren. Man kann allerdings mühelos die Prognose stellen: Das wird nicht passieren. Die PNP hat in den letzten Jahren massiv Personal abgebaut, die verbleibende Truppe wird Mühe haben, überhaupt über die Runden zu kommen. Mit fatalen Folgen: Die, die es sich erlauben können, werden gehen. Die, die bleiben, sind die, die schon immer da waren. Innovationspotenzial: null. Umgekehrt wird sich auch in Niederbayern die Verzichtbarkeit der “Heimatzeitung” in ihrer jetzigen Form zeigen. Nicht heute, nicht morgen — aber ganz sicher spätestens übermorgen. Man kann dem Blatt also (wenn es so weitermacht) jetzt schon einen Tod mit Ansage prophezeien.
Gleichzeitig zeigt das Beispiel PNP aber auch, wie sehr die Forderungen und die Kritik der Verlage an der Realität vorbeigehen. Was würde es der PNP helfen, gäbe es ARD und ZDF nicht mehr im Internet nicht mehr? Nichts, rein gar nichts. Die Leute gehen ja nicht deswegen verloren, weil sie das ZDF so toll finden, sondern weil sie von der PNP nichts geboten bekommen. Was würde der PNP ein Leistungsschutzrecht helfen? Rein gar nichts. Google und andere können mühelos auf die PNP verzichten — umgekehrt darf man das getrost bezweifeln. Bleibt die Kostenlos-Kultur — und gerade dafür ist die PNP ein schönes Beispiel: Sie gibt seit jeher große Teile ihres Onlineangebots nur an zahlende Leser frei. Genutzt hat es nichts, vielleicht auch deswegen, weil man breitgetretene inhaltliche Langeweile nicht auch noch online haben muss.
Aber leichter ist es natürlich schon, wenn es ARD, ZDF, Google und ein fehlendes Leistungsschutzrecht gibt. Man kann dann ganz wunderbar vom eigenen Versagen ablenken.
Es gibt keine Presse mehr
Es gibt keine Presse mehr. Vielleicht muss man diese merkwürdige und dennoch naheliegende Erkenntnis an den Anfang eines Eintrags stellen, der sich im Wesentlichen mit einem ebenso merkwürdigen Kommentar des FAZ-Medienredakteurs Micheal Hanfeld auseinandersetzt. (Hanfeld hat es übrigens soweit gebracht, dass der ARD-Vorsitzende einen offenen Brief an Herrn Schirrmacher schrieb).
Die Welt von Michael Hanfeld (dessen Sachen ich ansonsten übrigens ziemlich gerne lese) besteht aus schwarz und weiß. Zumindest, wenn es um die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender auf der einen und die Verlage, die Presse auf der anderen Seite geht. Folgt man Hanfeld, dann drohen uns durch die Online-Angebote der Sender Zustände wie in Nordkorea:
Es (das Gutachten zu den Onlineangeboten der ÖR´s) verkündet nichts anderes als einen totalen Machtanspruch, das Ende der freien Presse und die Herrschaft des Staatsjournalismus.
Tagesschau.de oder heute.de bedeuten also das “Ende der freien Presse”, bedeuten “Staatsjournalismus”? Das ist so ziemlich der undifferenzierteste Unsinn, den ich seit Jahren gelesen habe. Es ist so maßlos überzogen, dass es keiner weiteren Erwähnung wert wäre, stünde es nicht ausgerechnet in der FAZ (und hätte es dadurch nicht automatisch eine gewisse Fallhöhe). Dass die FAZ in ihrer journalistischen Freiheit behindert wäre, lässt sich also beim besten Willen nicht belegen und ist insofern auch nicht weiter diskussionswürdig. Dass ARD und ZDF einen “totalen Machtanspruch” entwickeln, gehört ebenfalls in die Kategorie hohler Phrasen. Aber eher ungewollt hat Hanfeld eines richtig erkannt: Internet ist tatsächlich Rundfunk. Hanfeld beschreibt das eher spöttisch:
Du bist Rundfunk, ich bin Rundfunk, wir alle sind Rundfunk. Sie betreiben einen Blog im Internet? Dann sind Sie Rundfunk. Sie arbeiten für einen Verlag, bei einer Zeitung, einer Zeitschrift, die einen Online-Auftritt unterhält, mit Texten, Bildern, kurzen Filmen?
Was Hanfeld eher hämisch meint, ist in der Tat Realität. Auf diesem Blog hier gab´s schon Videos, gab´s Audios und theoretisch könnte ich heute abend noch einen Livestream aus meinem Schlafzimmer starten (keine Sorge, ich erspare Ihnen das). Was ist das anderes als — Rundfunk? Und wann begönne denn nach Hanfelds Auffassung Rundfunk? Bei zehn Zuschauern, zehntausend, zehn Millionen? Oder doch nur, wenn er über einen Fernseher und ein Radio ins Haus kommt? Das Kriterium für Rundfunk ist doch keineswegs, wie viele Leute zusehen und über welche Plattform und mit welcher Technik sie ausstrahlen. Entscheidend ist, dass sie klassische Rundfunkinhalte, nämlich Audio und Video, ausstrahlen können. Die FAZ macht das übrigens auch, ohne dass man ihr deswegen einen “totalen Machtanspruch” bescheinigen würde.
Gleichzeitig ist das ja auch eine interessante Beobachtung: kein Journalist und kein Medienmacher und kein Medienforscher würden mit gutem Gewissen abstreiten, dass Medien heute eben nicht mehr in die klassischen Kategorien zuzuordnen sind. Presse? Es gibt keine Presse mehr ohne funktionierenden Onlineauftritt und ohne Videos und ohne Audios (eben: Rundfunk). Zeitungen müssen sich heute auch in der digitalen Welt bewegen können und natürlich müssen sie auch Videos und Audios produzieren können. Umgekehrt kann Fernsehen heute in einer hyperkonvergenten Medienwelt eben nicht mehr nur im Fernsehen stattfinden, Radio nicht mehr nur im Radio. ARD und ZDF würden innerhalb kürzester Zeit vor existenziellen Fragen stehen, gäbe es ihre Angebote nicht in angemessener Form auch im Netz und auf dem Smartphone. Das Publikum der Zukunft wird vorwiegend digital leben. Wenn ARD und ZDF dort nicht stattfinden dürfen, verlieren sie über kurz oder lang ihre Existenzberechtigung.
Was ist angemessen? Natürlich gab es bizarre Auswüchse in den vergangenen Jahren, Mainzelmännchen im Onlineshop verkaufen gehört sicher nicht zu den öffentlich-rechtlichen Kernaufgaben. Das ist massiv zurückgefahren worden und momentan sind in den Anstalten ohnehin ziemliche Löschorgien im Gang, wie Stefan Niggemeier — ausgerechnet — in der FAS ausführlich beschrieben hat.
Merkwürdig ist ja auch, dass es dieses Dauer-Lamento beinahe nur in Deutschland gibt. In Großbritannien, wo die BBC ein ganz anderes (Online-) Gewicht hat, ist noch niemand auf die Idee gekommen, das Ende der “Times” oder des “Guardian” zu prognostizieren, weil es die BBC im Netz gibt.
Kurzum: Es gibt keinen Rundfunk mehr, der nur noch Rundfunk macht. Und es gibt keine Presse mehr, die nur noch Presse macht. Im Netz begegnen sich beide wieder, naturgemäß als Konkurrenten. Das waren sie vorher auch schon, jetzt sind sie es noch stärker. Das trifft alle, nur dass man umgekehrt noch nie einen Fernsehsendern lamentieren hören hat, dass die Zeitungen jetzt auch Videos (eben: Rundfunk) anbieten. Oder dass es YouTube gibt. Wenn es aber keine Medienzuordnungen im klassischen Sinn mehr gibt — welchen Sinn macht es dann, darauf zu beharren, dass öffentlich-rechtliche Sender weiterhin nur das machen, was sie schon seit 50 Jahren machen?
Und noch etwas hat Hanfeld vergessen: das Interesse der Zuschauer. Seit es die digitale Welt gibt, schaue ich so gut wie kein “normales” Fernsehen mehr, ich möchte die Beiträge aber dennoch nutzen. Ich möchte die Tagesschau im Netz sehen können und ich möchte auf tagesschau.de (oder wo auch immer) geschriebene Texte lesen. Und Fotos sehen. Ist das ein Privileg der “Presse”?
Auf die Idee, deswegen die FAZ nicht mehr zu lesen, komme ich übrigens trotzdem nicht.
It´s the content, stupid!
Man ahnt das ja jetzt schon etwas länger: Das iPad und seine Epigonen retten die Zeitung. Der BDZV hat deshalb in seiner Jahrespressekonferenz darauf hingewiesen, wie wichtig die Tablets für die Zukunft seien. In der offiziellen Pressemitteilung des Verbands liest sich das dann so:
Die gesamte Branche bewege sich in einer wichtigen Experimentierphase. Es bestehe Konsens, dass die neuen Tablets große Chancen böten, das klassische Geschäftsmodell der Zeitung, nämlich Vertriebserlöse plus Werbeerlöse, in die digitale Welt zu übertragen.
Das klingt so wunderschön einfach: Endlich also gibt es ein Endgerät, bei dem die User bereit sind, zu bezahlen. Was sie ja vorher nicht waren. Damit ist die Zeitung gerettet, man darf sie sogar weiterhin Zeitung nennen, sie ist halt nur nicht mehr auf Papier gedruckt.
Man ahnt, dass das tatsächlich zu schön ist, um wahr zu sein. Und man ahnt, dass die Verlage speziell bei Tageszeitungen immer noch einige Denkfehler begehen. Sie gehen davon aus, dass man ungefähr alles, was zu dieser Misere geführt hat, dem Internet, der Kostenlos-Mentalität, dem rechtsfreien Raum als solchen und dem Geburtsfehler des Web, kein Geld zu verlangen, zuschreiben kann. Doch damit soll jetzt Schluss sein, weil…ja, warum eigentlich?
Man müsste die Logik hinter solchen Überlegungen eigentlich frappierend nennen, wenn es denn überhaupt eine Logik wäre. Und vielleicht ist es ja einfach so: Es gibt gar kein Geschäftsmodell in die digitale Welt hinüberzuretten, weil es nicht der Unterschied zwischen analog und digital ist, der den Tageszeitungen das Leben so schwer macht. Vielleicht ist es die Idee “Tageszeitung”, die an ihr Ende gekommen ist. Und wenn es so wäre: wäre es schlimm? Oder ist es nicht ganz einfach so, dass die Tageszeitung aus vielen ziemlich nostalgischen und in nur sehr wenigen Fällen wirklich nachvollziehbaren Gründen verklärt wird? Einiges spricht für diese These; ich bin beispielsweise mal ernsthaft vom Chefredakteur einer mittelgroßen Tageszeitung gefragt worden, ob nicht die Tageszeitung als einziges Medium glaubhaft und seriös Information und Meinung vermitteln könne. Mir fiel keine gescheite Antwort ein, weil ich mit Staunen beschäftigt war. Vermutlich meinte er es sehr ernst.
Das Problem der Tageszeitung ist nicht, dass sie auf Papier gedruckt ist. Ihr Problem ist, dass sie in vielen Fällen immer noch so strukturiert ist, wie es den Lesegewohnheiten und den Bedürfnissen der Menschen vor 50 Jahren entsprach. Die Tageszeitung will jeden glücklich machen. Sie will Politik, Unterhaltung, Sport, Kultur und meistens noch den örtlichen Kleintierzuchtverein unter einen Hut bringen. Als ich kurz nach dem 2. Weltkrieg volontiert habe, war das ein geflügelter Spruch, den niemand in Abrede stellte: Ihr müsst so schreiben, dass euch die Putzfrau versteht und der Professor immer noch ansprechend findet. Das ist aus heutiger Sicht, in der der Professor irgendwo in einer Akademiker-Community und die Putzfrau auf Facebook ist, ein lächerlicher Anachronismus. Nur die Tageszeitung — und wirklich nur sie — versucht, sie alle in einem abenteuerlichen und letztendlich meistens unbefriedigenden Mix unter einen Hut zu bekommen. Meistens dazu beschränkt auf eine in Zeiten der knappen Budgets häufig sinkenden Seitenzahl.
Und dieses Modell will man jetzt kostenpflichtig aufs iPad retten?
Erst einmal also müsste man die Zeitung verändern. Man müsste sich von dieser Idee verabschieden, dass jeder alles aus einer Quelle wissen will. Man müsste akzeptieren, dass es inzwischen ausreichend Quellen gibt, die in den einzelnen Ressorts wesentlich besser, fundierter, schneller sind als jede Tageszeitungsredaktion. Und dass sie ihre Kompetenz, ihren Anspruch, für die Mediennutzer die erste Wahl für Information und Wissen zu sein, schon lange nicht mehr halten kann. Wer käme schon ernsthaft auf die Idee, bei einem Online-Thema auf der Computerseite einer lokalen Tageszeitung nachzuschauen?
Daneben gibt es anderes, was die Verlage gerne bei ihrem Tablet-Enthusiamsus vergessen: Mitnehmen kann man nur, was man schon gehabt hat. Speziell bei dem Publikum, dass sich mit iPads eindeckt, handelt es sich vermutlich nur wenig um ein solches, das vorher hohe Affinität zur Zeitung gehabt hat. Der Generationenabriss bei Zeitungen ist keine Drohkulisse mehr, sondern schon lange Realität. Tatsächlich müssten sich Zeitungen um dieses neue, digitale Publikum bemühen, anstatt einfach einen (ohnehin eher eingebildeten) Bestand mitnehmen zu wollen.
Es wird nach wie vor der Inhalt sein, der sich verkauft. Der Hang zur Selbstverklärung, den man leider vielen Zeitungsmachern attestieren muss, wird dabei eher hinderlich sein. Die mangelnde Ursachenforschung allerdings auch. Ich bezweifle massiv, dass es im Netz eine ausgeprägtere Kostenlos-Mentalität als im analogen Leben auch gibt. Viel mehr gilt auch hier: Angebot und Nachfrage. Würde, sagen wir, die FAZ weiterhin Geld kosten und die SZ plötzlich kostenlos erscheinen, man kann sich leicht ausmalen, wie die Geschichte weiterginge. Es hat sich schlichtweg der Markt für das journalistische Produkt Tageszeitung verändert — man darf ruhig auch sagen: verschlechtert. Das müsste man erkennen, als in Bausch und Bogen auf Google, den öffentlichrechtlichen Rundfunk und den User als solchen einzuschlagen und dessen umgehende Reglementierung zu verlangen.
Nur weil es dieses Produkt Tageszeitung jetzt auch auf dem iPad gibt, wird der Markt nicht anders, im Gegenteil: Die kostenlose Konkurrenz in Form hochwertiger Webangebote ist noch näher rangerückt.
Das ewige Lamento
Irgendwie ist es ja schon wieder von fast rührender Hilflosigkeit, wie insbesondere Printmedien auf die neuen Riesen im Netz reagieren. Man will nämlich einfach was abhaben vom Kuchen.
Die neueste Idee stammt vom VDZ, der zumindest eines schon mal richtig erkannt hat: Ein nicht unbeträchtlicher Teil von Werbeerlösen — der VDZ schätzt momentan rund 10 Prozent bis zum Jahr 2012 — wird zu Riesen wie Facebook abwandern. Das ist tendenziell unerfreulich für die Verlage, weswegen man sich eine interessante Reaktion ausgedacht hat: Man will jetzt einfach eine Umsatzbeteiligung von Facebook haben, beispielsweise für Erlöse auf Fanseiten von Zeitschriften, die bei Facebook eingerichtet sind. Wobei man ja nun nicht weiß, wie das eigentlich aussehen soll: Da richtet ein Leser eine Fan-Seite für, sagen wir, den “Stern” ein — und das Geld, das Facebook auf dieser Seite generiert, wird dann anteilsmäßig an den “Stern” abgeführt? Und wenn der “Stern” sich selbst eine Fanseite einrichtet, bekommt er dann auch Geld dafür? Das wäre dann nochmal eine hübsche Steigerung der Argumente in der Google-Debatte: Man würde dann Geld dafür verlangen, dass irgendwo auch nur der Name des Objekts auftaucht.
Erstaunlich daran ist nicht nur die hartnäckige Realitätsverweigerung, die solchen Vorschlägen zugrunde liegt. Facebook oder andere werden einen Teufel tun und deutsche Verlage brav an ihren Umsätzen beteiligen. Ebenso bemerkenswert (und bezeichnend) ist der strategische Ansatz, der dahinter liegt: Seit Jahren hecheln viele Verlage den Entwicklungen im Netz hinterher — und wenn sie dann feststellen, dass sie in einer Sackgasse gelandet sind, schreien sie nach Umsatzbeteiligung, Leistungsschutz, Welpenschutz und Artenschutz. Man meint, sie seien Ausgebeutete in einer modernen Form des Feudalismus. Anstatt die Möglichkeiten zu ergreifen, die neue Kanäle bieten (und ja, das tun sie!), wird nach Verboten und Regulierungen gerufen. Dabei wäre es ja einfach,würde man wirklich wollen: zwei Mausklicks und die Webseiten sind nicht mehr auffindbar für Suchmaschinen. Würde halt dann eben nur mal schnell die Hälfte des Traffics kosten, was man dann irgendwie auch wieder nicht will.
Dabei ist dieser Ansatz schon deswegen falsch, weil er die Verlage noch über Jahre hinweg in der Rolle der Getriebenen halten wird. Stattdessen müssten sie, wie es der eine oder andere ja inzwischen auch schon vormacht, endlich wieder Herr des eigenen Handelns werden, anstatt dauernd den Googles und Facebooks dieser Welt hinterherzuhecheln. Eigene Ideen, eigene Plattformen entwickeln, anstatt sich dauern zu beklagen, dass andere schneller und gewitzter waren. Und vielleicht mal eine kleine Liste anfertigen, auf der mahnenderweise drauf steht, was man in den letzten Jahren so alles übersehen hat. Da hat sich inzwischen nämlich so einiges angesammelt. Ganz oben steht dann: 1996. Das Internet.
Mehr dazu:
- Thomas Knüwer: König Lear und der VDZ.
- Holger Schmidt: Verleger wollen “fairen Anteil” an Facebook-Werbeerlösen
Lasst Zahlen sprechen
Man hört das ja immer wieder gerne mal: Nennt man die Lage der (Tages-)Zeitungen irgendwie ein bisschen dramatisch, gerät man schnell in den Verdacht des Defätismus, des Pessismus, der Untergangsprophezeierei (siehe auch Kommentare zum Beitrag zuvor).
Deswegen ganz ohne Wertung und Kommentar — ein paar IVW-Zahlen:

Es ist nicht aller Tage Abendzeitung
Bei der “Abendzeitung” in München haben sie in den vergangenen zwei Jahren ziemlich viel ziemlich richtig gemacht. Das Blatt ist grundlegend renoviert worden, bekam eine neue Optik, fokussierte sich inhaltlich eindeutig auf die Kernkompetenz München, Bayern und Sport, ohne aber den speziellen Charme der AZ zu verleugnen. Die AZ, die war immer auch ein bisschen Schwabinger Lebensgefühl, ein bisschen linksliberal, so eine Art Schickimickilinksliberal, wenn es so etwas geben sollte. Für eine Boulevardzeitung hatte sie zudem immer ein wirklich gutes Feuilleton — und wenn man jemals auf den Gedanken kam, wie wohl eine akzeptable und zudem lesenswerte Boulevardzeitung auszusehen hätte, man wäre nahezu zwangsläufig auf das Blatt gekommen, dass witzige Fernsehkritiken der legendären “Ponkie” ebenso im Portfolio hatte wie die damals uneerreichten Klatschgeschichten von Michael Graeter (für alle, die es nicht wissen: das Vorbild für die Figur “Baby Schimmerlos” in “Kir Royal”).
Sogar im Netz platzierte sich die AZ richtig intelligent. Die Webseite löste einen furchterregenden Auftritt ab, mit dem sich die AZ in den Jahren zuvor sensationell lächerlich machte. Die Tweets aus der Redaktion sind unterhaltsame Lektüre — und alles in allem hatte man dort (wenn man das mal so anmaßend sagen darf) alles das gemacht, was man von Beraterpack wie mir so alles zu hören bekommt (bevor ich falsch verstanden habe: Die AZ hat das alles ganz alleine und ohne irgend einen Einfluss von mir gemacht).
Die AZ hatte zuvor allerdings auch ungefähr alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Die Chefredaktion vor dem heutigen Chef Arno Makowsky brachte jeden Tag eine Zeitungs-Attrappe auf den Markt, auf der zwar noch das Logo des Blattes prangte, mit modernem Journalismus aber in etwa so viel zu tun hatte wie 1860 München mit der Champions League. Irgendwie war das damals faszinierend zu beobachten, wie sich ein Blatt mit so viel beharrlicher Konsequenz selber ruinierte. In den Leitartikeln ließ man sich schon mal ganz altväterlich über Afghanistan aus und wenn man Studenten oder Volontären zeigen wollte, wie Zeitungen in den 80er-Jahren aussahen, ein Griff zur AZ war da immer eine gute Entscheidung.
Heute kamen dann wieder eher unschöne Nachrichten aus der Redaktion des ohnehin gebeutelten Blatts: 22 Stellen werden in der Redaktion abgebaut, bei einer Gesamtzahl von rund 80 Stellen also nahezu ein Viertel. Ein Aderlass, wie man ihn bei einer deutschen Tageszeitung bisher noch nicht gesehen hat, der gleichwohl (trotz aller irgendwie rührenden und eher hilflosen Appelle des BJV, die Entscheidung nochmal zu überdenken) aber exemplarisch sein dürfte für das, was uns in der Branche in den kommenden Jahren noch erwartet.
Es war also nicht so wirklich überraschend, was da passierte, trotzdem hat es mich weitgehend ratlos zurückgelassen: Wenn ein Blatt so stark und konsequent sich auf die neuen Zeiten einlässt und trotzdem scheitert — welche Chancen haben Tageszeitungen dann überhaupt noch? Noch weniger, als sogar notorische Berufsskeptiker wie ich ich bisher dachten?
Die AZ-Chefredaktion, die wie gesagt am allerwenigsten dafür kann, hat verlauten lassen, auch mit weniger Redakteuren ein qualitativ hochwertiges Blatt zu machen. Sie klang dabei so glücklich wie Politiker, die nach einer krachenden Wahlniederlage ankündigen, eine starke und kritische Opposition zu sein.
