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Anmerkungen eines Medienmenschen

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Was das Nichts ohne Nichts wäre

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Gerade eben habe ich mich online durch die Jubliäums-Beilage des “Straubinger Tagblatts” gequält (bevor Sie fragen: Ich bin in Straubing geboren). Eine Quälerei war es übrigens gar nicht so sehr wegen des Inhalts, sondern weil das gute Stück online komplett flashverseucht und nur unter ziemlichen Anstrengungen und nervigen Ladezeiten zu lesen ist (man könnte übrigens angsichts einer solchen Online-Präsenz einer 120seitigen Beilage auch ein bisschen die Onlinekompetenz im Haus anzweifeln, aber darum geht´s heute ausnahmsweise nicht).

In der Beilage selbst ist erwartungsgemäß viel die Rede davon, dass die Zeitung quietschlebendig und ganz und gar nicht tot sei. Von Internet ist nicht ganz so viel die Rede, weil man ja Zeitung macht. Wenn vom Internet die Rede ist, dann in ungefähr dem Sinne, dass man das auch mache, weil ja gerade die jungen Leute…

Interessantes habe ich dennoch gefunden. Nämlich ein Interview mit dem Vorsitzenden der bayerischen Zeitungsverleger, Andreas Scherer, im Hauptberuf eigentlich Geschäftsführer bei der “Augsburger Allgemeinen”. Scherer sagt da einen Satz, der so ganz wunderbar illustriert, wie es um die Zukunftsfähigkeit vieler Verlage bestellt ist:

“Was wäre ein iPad ohne die Infos aus der Zeitung?”

Dann auf´s Dispaly des ipad geschaut. Nix aus der Zeitung gefunden. iPad trotzdem gut.

Frage beantwortet, Herr Scherer?

Written by cjakubetz

Oktober 5th, 2010 at 1:58 pm

Der Supi-Staatssekretär und das Elend im Journalismus

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Prominentester Gast des alljährlichen „Bock auf Rock“-Festivals der Jungen Union Salzweg-Straßkirchen war Staatssekretär Dr. Andreas Scheuer. Unkompliziert und sympathisch mischte sich der aus der JU hervorgegangene deutsche Spitzenpolitiker am ersten Festivaltag unter das Publikum. Am Eingang zahlte er brav seinen Eintritt und ließ sich das obligatorische Eintrittsband am Handgelenk anbringen. Immer wieder hörte man, „das ist ja der Staatssekretär“.

Viele freuten sich über seine Anwesenheit. Und bemerkenswert ist auch, dass Dr. Scheuer, im Gegensatz zu anderen Politikern in ähnlichen Fällen, stets zu „Bock auf Rock“ kommt, unabhängig davon, ob gerade eine Wahl ansteht. Sein Kommentar zur Unser Radio Band „Jump“: „Die spielen eine super Musik.“ Und ob vor oder hinter der Theke, der Staatssekretär machte eine ausgesprochen gute Figur. Und Body-Guards – Fehlanzeige!

Ist das nicht supi mit dem Staatssekretär? Unkompliziert, sypmpathisch, macht eine super Figur, zahlt, obwohl Ehrengast, freiwillig Eintritt. Kommt auch dann, wenn keine Wahlen sind. Ohne Bodyguards!! Und das, obwohl er Spitzenpolitiker ist (was man allerdings etwas einschränken muss, ich weiß nicht, wie bekannt Dr. Andreas Scheuer außerhalb von Salzweg und Hutthurm ist). Da kann man schon mal so erstaunt wie erfreut ausrufen: Das ist ja der Staatssekretär!

Solche wunderbaren Lobpreisungen liest man (leider nicht nur) in der “Passauer Neuen Presse” — und sie sind bezeichnend für das ganze Elend im Lokaljournalismus. Denn das eigentlich Schlimme daran ist: So etwas ist Alltag in deutschen Lokalteilen. Und es ist erklärbar. Und, noch verrückter: Man kann der Redakteuren nicht mal einen wirklichen Vorwurf machen, so bizarr das klingt. Schuld ist eine Jahrzehnte alte Struktur, die über ebenso viele Jahrzehnte funktioniert hat, die jetzt an ihr Ende kommt und die die Regionalblätter in die Lage gebracht hat, in der sie jetzt stecken.

Das konkrete Jubel-Beispiel um den unglaublich sympathischen Staatssekretär im Einzelnen mal aufgedröselt: Der Landkreis Passau umfasst vier Städte, 14 Märkte (bayerische Besonderheit, so eine Art Mittelding zwischen Gemeinde und Stadt), 34 Gemeinden und drei Verwaltungsgemeinschaften. Er dehnt sich auf insgesamt 1500 Quadratkilometer aus, hat aber trotzdem nur gut 120.000 Einwohner. Er ist also das, was Fachleute einen Flächenlandkreis nennen: Lange Wege, wenig Menschen. Betreut wird er neben ein paar kleineren Vertretungen vor Ort vor allem von der Landkreis-Redaktion der PNP mit Sitz in Passau, die mit vier Redakteurinnen und zwei Assistentinnen besetzt ist. Man kann sich also leicht ausrechnen: Selbst wenn alle vier 24 Stunden am Tag arbeiten würden, hätten sie nie auch nur eine halbwegs realistische Chance, 1500 Quadratkilometer und über 50 Städte und Gemeinden journalistisch zu betreuen. Man ist also wirklich eine klassische Redaktion: Man organisiert und verwertet das, was einem freie Mitarbeiter von draußen so alles bringen. Das muss prinzipiell nichts Schlechtes sein, auch wenn man natürlich kaum in der Lage sein wird, über 50 Gemeinden wirklich zu durchblicken, was aber gerade im Lokalen essentiell wäre. Und es müsste auch nichts Schlechtes sein, wenn das Material, das von den Freien geliefert wird, einigermaßen brauchbar wäre.

Das ist allerdings, neben den möglicherweise fehlenden Kenntnissen der Redakteure, was nun gerade wirklich in einem Ort abgeht, das zweite große Problem. Man findet in einer Stadt wie München als freie Mitarbeiter gerne mal einen Studenten der DJS oder jemand anderen, der später mal ein vermutlich guter Journalist wird. Das ist draußen (und da ist es egal, ob der Landkreis Passau oder Höxter heißt) allerdings so schwierig wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Und selbst, wenn sich mal eine echte Perle findet: Die ist schnell wieder weg, um wahlweise zu studieren oder bei einem großen Medium mitzuarbeiten. In der Regel rekrutieren sie sich aus pensionierten Lehrern, Hausfrauen, Schriftführern des Männergesangsvereins. Daraus resultieren dann gleich zwei Probleme: Zum einen hängt man den ganzen Tag über mehr oder minder wenig brauchbaren Texten (und Fotos) und versucht, sie irgendwie so in Form zu bringen, dass sie  nur noch ein bisschen unbrauchbar sind. Und gleichzeitig verliert man dabei jede Zeit (und eventuell auch jede Lust), sich mit dem Verbreitungsgebiet intensiver auseinanderzusetzen, eigene Themen zu setzen, selber zu recherchieren. Stattdessen entsteht ein journalistisches Minidiktat von unbegabten Laien — und  natürlich handfesten Interessensvertretungen.

Beispiel gefälig? Die Geschichte über unseren Supi-Staatssekretär hat ein inzwischen pensionierter Grenzbeamter geschrieben, dem man mit allerbestem Gewissen eine gewisse Nähe zur immer noch staatstragenden Partei in Bayern unterstellt werden darf. Das Supi-Festival, bei dem der Supi-Staatssekretär gesichtet wurde, hat der Sohn des Schreibers mitorganisiert. Man darf sich also zumindest aus deren Sicht überhaupt nicht wundern, wenn die Geschichte lautet: Supisekretär auf Supifestival einer Supipartei!

Natürlich darf man aber auch die einfache Frage stellen: Warum zur Hölle geht sowas mehr oder minder unredigiert ins Blatt (man hofft zumindest, dass es unredigiert ist, weil man andernfalls nicht wissen will, wie der Text vorher aussah)? Warum schmeißt man das nicht weg oder schreibt es zumindest in eine halbwegs erträgliche Fassung um? Auch das lässt sich schnell erklären, wenn man auch nur ein bisschen den Alltag solcher Redaktionen kennt und man ein klein wenig pragmatisch eingestellt ist. Wegschmeißen: geht nicht, weil sonst der Supi-Saatssekretär, der Supi-Autor und der ganze Supi-Ort schon mal gerne Druck machen, der dann im Zweifelsfall bei der geschäftsführenden Verleger-Tochter landet. Umschreiben? Für was? Der Schreiber ist sauer, der Supi-Staatssekretär auch, einen solchen Mülltext kann man eh nicht mehr sehr viel verbessern, vor allem dann nicht, wenn man den ganzen Tag Texte von eher suboptimaler Qualität noch verschlimmbessern muss. Und wem tut es eigentlich weh?

Das alles könnte man verstehen (ich habe das selbst lange genug gemacht), nur von einem kann man nicht verlangen, dass er Verständnis aufbringt: dem Leser, der immerhin zahlende Kunde ist.  Er bekommt jeden Tag ein mangelhaftes Produkt vorgesetzt, das er in vielen Fällen deshalb liest, weil es halt nichts anderes gibt in der Gegend. Er bekommt etwas, was im Grunde mit Journalismus nichts zu tun hat. Eine Ansammlung von Texten, die mehr oder minder alle interessengefärbt sind. Man akzeptiert das im Lokalen, weil man wie selbstverständlich hinnimmt, dass das eben so ist. Dabei gäbe es vermutlich in jeder Nachrichtenredaktion des Landes einen Aufstand, würde der Politik-Teil eines Tages nur aus kaum redigierten Meldungen der Pressesprecher von Parteien und Verbänden bestehen. (“Unkompliziert und ungeheuer sympathisch trat Außenminister Westerwelle bei der UN-Vollversammlung auf. Da ist ja der Außenminister, riefen glückliche vorbeigehende Passanten spontan aus”.)

Das macht die Zukunft des Lokaljournalismus auch so schwierig. Natürlich ist es völlig unrealistisch und ökonomisch auch nicht machbar, plötzlich die Passauer Landkreis-Redaktion mit dem Zehnfachen an Redakteuren auszustatten. Nur dass es immer schwieriger sein wird, die Zukunft eines Regionalblattes zu sichern, wenn man für Nicht-Journalimsus auch noch Geld bezahlen soll – wo es doch zunehmend richtigen Journalismus im Netz gibt. Und das auch noch ganz kostenlos. Vielleicht sollten die Zeitungsverleger mal darüber nachdenken, ob nicht das ihr Problem ist. Selbst wenn man das hier nicht mehr googlen könnte, selbst wenn das hier ein Prüfungsfach in der Schule wäre und selbst wenn es das allerstrengste Leistungsschutzrecht auf der Welt gäbe — das Problem wäre dennoch nicht gelöst.

(via Wahlinfo-Passau)

Written by cjakubetz

September 28th, 2010 at 12:18 pm

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Zeitung raus, Klassenarbeit!

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“Mama, Papa — ich bin durchgefallen. Ich hab´ne 5 in Zeitung.”

“Ne 5? In Zeitung? Kann ja echt nicht wahr sein.”

Dieser Verband ist wirklich ein steter Quell der Heiterkeit: Beim BDZV haben sie jetzt rausgefunden, dass es nicht nur an der zeitungsresistenten Jugend liegt, wenn es mit den Auflagen dauernd abwärts geht (weswegen man bereits die jugenderobernde Initiative “Jule” gegründet hat, die jetzt die Massen an den Kiosk peitschen wird). Man hat noch eine eindeutige Ursache ausgemacht: Schulen, Lehrer, Lehrpläne. Man liest nämlich viel zu wenig Zeitung an den Schulen, weswegen der Verband die Keule rausgeholt hat: Zeitunglesen muss Pflicht werden in der Schule — und nicht nur das: Zeitung muss Prüfungsfach werden! Sie wissen nicht, was ein Zweispalter ist? Sie können den letzten Leitartikel der FAZ nicht rezitieren? Setzen, sechs!

Das Bizarre ist ja: Die “Nationale Initiative Printmedien”, deren Gründung alleine ja schon ein ziemliches Armutszeugnis war, meint diesen Vorschlag vermutlich auch noch ernst. Sie argumentiert mit der gesellschaftlichen Relevanz, die bei Zeitungen ja zweifelsohne gegeben sei. Ein schönes Argument, mit dem demnächst auch “Fernsehen” als Prüfungsfach an den Schulen eingeführt werden könnte. Oder Surfen. Spielen mit dem iPad. Radiohören vielleicht noch als Wahlfach?

Allerdings fragt man sich dann (wieder mal, ich weiß…), ob die Menschen, die für das Printmedium gleich für sich in Anspruch nehmen, “nationale Initiativen” gründen zu müssen, wirklich schon im Jahr 2010 angekommen sind. Nichts spricht dagegen, schon in der Schule Medienkonsum und Medienkompetenz zu thematisieren, sogar als eigene Schulfächer. Es spricht viel dafür, Schülern zu zeigen, wie sie mit dem ganzen Wust an Medien, über den sie inzwischen verfügen können (oder ist es nicht sogar umgekehrt?) umgehen können. Aber wie kommt man dazu sich herauszunehmen, dass man sich zwar mit Zeitungen als Schulfach zu beschäftigen habe, alle anderen aber ausblendet? Ganz offensichtlich ist beim BDZV immer noch nicht angekommen, dass seine Zeitungen eben nur noch einen kleinen Teil einer kaum zu überschauenden Medienlandwirtschaft darstellen. Der Verband betreibt plumpe Lobbypolitik, weil er für seine Idee (die schon jetzt erkennbar eh niemand ernst nehmen wird) keinen einzigen wirklichen Grund nennt, sondern einfach nur sein eigenes Produkt retten will.

Das eigentlich Erstaunliche daran ist, dass der BDZV anscheinend immer noch darauf setzt, einfach die Zeit zurück zu drehen. Statt selber im digitalen Markt mitzumischen, fordert er immer noch eine Rückbesinnung auf die Zeitung. Ganz so, als würden wir immer noch in Zeiten der schweren Druckmaschinen und der röhrenden Lastwagen leben, die in der Nacht tausende Zeitungen ausliefern. Ginge es dem BDZV wirklich um ein gesellschaftliches Anliegen, er würde sich dafür einsetzen, Schüler und vor allem auch Lehrer mit digitaler Kompetenz auszustatten. Stattdessen will er den Schülern jeden Morgen seine Zeitung auf den Tisch legen — und, wenn´s denn nur ginge, am liebsten gleich noch ein Bestellkärtchen fürs Probeabo.


Written by cjakubetz

September 24th, 2010 at 8:43 am

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Und wo bleibt das Positive (7)?

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Ich bin kein Leser der Frankfurter Rundschau. Noch nie gewesen. Es gibt keinen wirklichen Grund dafür, ich habe nichts gegen das Blatt – aber auch nicht wirklich viele, die mich zum Abonnenten lassen würden. Der Umbau ins Tablet-Format hat mich eher kalt gelassen, in welchem Format eine Zeitung erscheint, ist mir eigentlich egal.

Heute dagegen – habe ich mir eine FR gekauft. Nicht am (realen) Kiosk, sondern auf einige Empfehlungen hin für das iPad. Seit heute könnte ich mir vorstellen, die FR regelmäßig zu lesen. Ist das nicht witzig, liebe Verleger?

Erklärt ist das einfach und schnell: Die FR hat seit heute eine App am Start. Eine App, die man gerne nutzt, die gut gemacht ist, die dem Medium gerecht wird, eine App, die nicht einfach nur die Zeitung einszueins auf den Bildschirm holt. Keine Zeitung, sondern ein Bildschirm-Magazin.

Dabei sind viele Dinge, die die FR richtig gemacht hat, eigentlich so furchtbar banal und einfach, dass man sich kaum traut, sie nochmal als grundlegend anzumahnen. Erstens: Ich habe keine Abo- oder sonstwas Verpflichtungen. Wenn ich eine Ausgabe haben will, dann lade ich sie. Einfach, unkompliziert. Am Kiosk muss ich ja auch kein Abo abschließen, wenn ich eine Zeitung kaufe. Zweitens: der Preis. Ich bin keiner der Leser, die wegen einer Preiserhöhung von 10 oder 20 Cent aufhören, eine Zeitung zu lesen. Aber ich habe bis heute nicht verstanden, weswegen ich für eine Einzelausgabe des “Spiegel” mehr bezahle als für ein gedrucktes Exemplar. Merkwürdigerweise: Ich habe zwar gerade noch geschrieben, dass mit bei einem EVP 10 oder 20 Cent egal sind, aber in diesem Fall – ärgere ich mich einfach. 79 Cent hingegen für eine Einzelausgabe der FR, keine Frage, das Vergnügen werde ich mir öfter leisten, auch angesichts der Tatsache, dass der durchschnittliche Preis anderer überregionaler Blätter inzwischen gerne mal in der Größenordnung guter 2 Euro irrlichtert, wobei ich mich bei mancher Dienstags- oder Mittwochausgabe frage, wie man das eigentlich zu rechtfertigen gedenkt (zumal ich dummerweise immer noch die Neigung habe, ab und an in D-Mark-Zeiten zu rechnen und mich dann so rund 4 Mark für eine einzelne Ausgabe einer Tageszeitung immer wieder erschrecken).

Gratuliere also, FR: Das Ding ist gut, es zeigt übrigens in der ganzen Debatte um Zeitungszukunft, dass Menschen sehr wohl bereit sind, Geld für Inhalt und Journalismus auszugeben, wenn sie eine nachvollziehbare, gute Gegenleistung bekommen. Und dass man Zeitungen retten kann, wenn man endlich damit aufhört zu glauben, Zeitungen müssten Zeitungen sein.

Written by cjakubetz

September 23rd, 2010 at 3:23 pm

Jule hat ein kleines bisschen Angst

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Man muss schon irgendwie die Angst langsam herauf kriechen spüren, um so etwas zu tun: Der BDZV will sich jetzt mehr um jüngere Leser kümmern, was insofern naheliegend ist, weil es von denen nicht mehr so rasend viele gibt, deren bevorzugtes Medium die gute alte Tageszeitung ist. Man müsste also ran an diese junge Zielgruppe, weswegen man eine GmbH mit dem originellen Namen “Jule” gegründet hat (“Jule” soll wohl abkürzend für “Junge Leser” stehen, woran man dann wieder sehr schön bemessen kann, wie sehr die Verlage von den Jules entfernt sind; die Zielgruppe wird angesichts solcher netten Wortschöpfungen vermutlich sofort in ekstatische Begeisterung ausbrechen).

Mit der Gründung von “Jule” räumt der BDZV allerdings nicht nur ein, dass es sich um das Jungvolk vielleicht ein bisschen wenig gekümmert in den Jahren des Internets. Er gibt auch zu, dass er das junge Publikum eigentlich gar nicht richtig kennt. Schließlich ist es Ziel und Zweck der Gesellschaft, erst einmal herauszufinden, wie man effizient junge Leute für die Zeitungen gewinnt. Im putzigen Pressemitteilungsdeutsch liest sich das dann übrigens so, dass die Verlage die Jugend “erobern” wollen.

Das Problem der Eroberer könnten in vielen Fällen allerdings sie selbst sein. Und nein, jetzt kommt nicht wieder die alte Leier von den fehlenden Angeboten im Online-Bereich (das IST natürlich ein Problem, aber auf dieser kleinen Seite schon hinreichend besprochen worden). Die Probleme liegen zusätzlich anderswo: Zum einen darin, dass sich das Modell Tageszeitung,  von allem ein bisschen, meistens ganz gut, aber nur selten wirklich herausragend zu sein, vor allem bei den Regionalblättern zu überleben beginnt. Es gibt für alles und jeden gute Informationen, die Jules, die der BDZV so gerne erobern will, sind mit dem Wissen aufgewachsen, sich Informationen, Inhalte, kurzum alles was sie interessiert an allen möglichen und unmöglichen Stellen dieser Welt zu suchen. Oder noch besser: darauf zu warten, dass diese Infos dann irgendwann mal bei ihnen eintrudeln, ob jetzt per sozialem Netzwerk, via RSS oder auf dem Handy, das spielt für sie keine wirkliche Rolle mehr. Das bedeutet zuvorderst: Den eigentlichen großen Nutzen, den die Tageszeitung früher unbestritten für sich in Anspruch nehmen konnte, den gibt es nicht mehr. Der Ansatz, den die Jule-Initiative erahnen lässt, läuft irgendwie auf Jugendseiten und andere ebenso nette wie nutzlose Insellösungen heraus.

Und selbst wenn man unterstellen würde, die Jules würden nun alle aus unerfindlichen Gründen wieder ihre Liebe zum gedruckten Papier entdecken: In vielen Redaktionen lauert ein tiefsitzendes Problem namens Altersstruktur. Redakteure jenseits der 40, die häufig den Kern der Truppe ausmachen, werden kaum in der Lage sein, den Ton zu treffen und die Themen zu finden, die für die zu erobernden Kids relevant sind. Ich hab´nix gegen 40jährige, ich habe selbst eine Vier als erste Zahl im Alter stehen. Aber ich würde mir auch auf gar keinen Fall zutrauen, ein Medium zu machen, das 15- oder 20jährige heute interessant finden. Dementsprechend staubig und ungelenk kommen dann auch viele Blätter im Ton daher. Tageszeitung hat nichts Cooles, nicht als Medium, nicht als Inhalt – mir ist unerfindlich, warum heute ein 20jähriger die “Passauer Neue Presse” oder vergleichbares lesen sollte, so tüdelig, behaglich, behäbig viele von ihnen des Wegs kommen. Das ist wie mit dem Rentner, der plötzlich Jeans anzieht und locker sein will: Im schlimmsten Fall wird er ausgelacht. Im besten Fall ignoriert. Die Chancen, als relevant oder wirklich cool wahrgenommen zu werden, tendieren gen null.

Der Ansatz von Jule ist zudem auch aus anderer Sicht falsch:  Er geht immer noch davon aus, dass das Geschäftsmodell, das eigentlich relevante und wichtige Medium Zeitung heißt. Man begreift einfach nicht, dass viele Jules Zeitungen nicht lesen, weil sie Zeitungen sind. Das ist keine wirklich schöne Erkenntnis, ändert aber nichts an ihrem Wahrheitsgehalt. Menschen kaufen ja auch nicht immer weniger CD´s, weil sie keine Musik mehr mögen, sondern weil sie keine CD´s mehr haben wollen. Man würde in dem Zusammenhang dann gerne den durchschnittlichen Kommentar eines durchschnittlichen Wirtschaftsredakteurs einer durchschnittlichen Zeitung lesen, würde die Musikindustrie eine Initiative zur Förderung des CD-Verkaufs starten. Man würde vermutlich lesen, wie albern das sei, sich so an den Datenträger CD zu klammern, dessen Ende absehbar ist.

Es müssen einem dann schon die Argumente ziemlich ausgegangen sein, wenn man ernsthaft behaupten will, das “verschiedene Studien” belegen würden, junge Menschen, die regelmäßig Zeitung läsen, würden in Schule und Beruf weitaus bessere Leistungen erbringen als die Nicht-Lesenden. Das mag im Ansatz schon richtig sein, wenn man den Begriff  ”Zeitung” weg lässt. Wer liest, weiß mehr, das ist eine ebenso uralte wie banale Erkenntnis. Nur dass die Zeiten, in denen man problemlos “Lies Zeitung, das macht schlau” sagen konnte, lange vorbei sind.

Written by cjakubetz

September 21st, 2010 at 4:32 pm

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Zwerge im Apfelkosmos

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Die Medienseite der “Süddeutschen Zeitung” klang irgendwie enttäuscht in diesen Tagen: All die schönen Hoffnungen, die die Verlage in das iPad gesetzt hatten, seien nicht erfüllt worden, beklagte man. Stattdessen habe sich Apple als eine Art Kontrollfreak erwiesen, der in erster Linie an seinen eigenen Verdienst denke und vor allem den Verlagen die Beziehungen und Kontakte zu seinen Kunden aus der Hand nehmen wolle.

Das ist nun wirklich überraschend — also, nicht etwa, dass Apple in erster Linie sein eigenes Business betreiben will. Sondern dass man in der SZ und in den Verlagen erst jetzt auf eine Erkenntnis kommt, die alles andere als neu ist. Apple, der Riesenkonzern, der es sich sogar erlaubt zu entscheiden, dass eine weltweit gebräuchliche Software nicht auf seine Geräte kommt, ein Konzern, der weltweit den großen Telkos vorgibt, wie und was sie mit seinen hübschen Handys machen dürfen und der es sich erlauben kann, einer einzigen Firma die Exklusivrechte zm Vertrieb seines Handys zu geben und alle anderen, gewiss nicht kleinen Mitbewerber auszuschließen — dieser Konzern also soll besondere Rücksichten auf die Befindlichkeiten deutscher Zeitungsverlage nehmen? Mr. Jobs wird im Stillen lächeln über diese absonderliche Vorstellung. Zuma, es so aussieht, als dämmere es der SZ und einem beträchtlichen Teil der deutschen Verlage, welche Rolle ihnen in der neuen Medienwelt noch zukommt. Es ist eine deutlich kleinere als bisher. Ob die SZ oder sonstwer eine App für das iPad anbietet, ist Apple im Zweifelsfall völlig egal. Der SZ (oder sonstwem) sollte es das nicht sein.

Das das iPad nicht per se die Rettung der darbenden Branche sein würde, war von vornherein absehbar. Das ipad wie alle anderen Tablets auch sind keine Zeitungslesegeräte. Womöglich haben Zeitungen und journalistische Angebite dort auch ihren Platz, aber eben nur neben irgendwelchen Spielen, praktischen Anwendungen und all dem andere mehr oder wenigen nützlichen Kram, der auf einem solchen Ding installiert ist.

Das iPad (wie alle anderen Tablets) ist also kein Papierersatz. Es rettet nichts, außer Apple. Trotzdem ist es unsinnig, jetzt die Enttäuschung herauszukehren und zu lamentieren, dass Apple bei seinem Produkten und seinen Geräten erstmal an sich selbst denkt. Tatsächlich kommt hinzu, dass in vielen Häusern dem iPad anscheinend eine Art Selbstheilungskraft für Verlage zugesprochen wurde. Man geht irgendwie aufs iPad und dann wird alles gut. Gemessen an dieser (unrealistischen) Erwartungshaltung ist enttäuschend wenig passiert.

Der „Spiegel“ hat eine App an den Start gebracht, der man wenigstens attestieren muss: Sie versuchen es. Die App ist schnell und einfach bedienbar, journalistisch gesehen versucht sie sich wenigstens an einigen Mehrwerten. Jeder Ausgabe liegt quasi ein virtueller Beihefter in Form eines größeren Videobeitrags bei, dazu wird der eine oder andere Beitrag mit Videos und Animationen ergänzt. Das ist irgendwie rührend bemüht, weil man sich bei dem einen oder anderen Video, das zu einem Beitrag dazugepappt wird, schon fragt, wo man den denn jetzt rumliegen hatte. Zudem gibt´s vertonte Slideshows oder kurze Video-Gespräche mit den Autoren einer Geschichte. Das alles ist, wie gesagt, ganz hübsch, aber noch kein wirklicher Grund, für die iPad-Ausgabe 15 Cent mehr als für den gedruckten Spiegel zu bezahlen. Immerhin hat man ihn dann jetzt aber schon am Samstag abend, was den meisten eher egal sein dürfte, für Journalisten ist der Zeitvorsprung aber durchaus relevant. Inzwischen gibt es eine neue Version der App, die ein paar zusätzliche Funktionen bietet wie beispielsweise das Offline-Sehen der Videos.

Die „Zeit“ gibt es seit dieser Woche ebenfalls als App — dort geht man den entgegengesetzten Weg. Zwar konzentriert sich die „Zeit“ weitgehend darauf, dass man das gedruckte Exemplar lesen kann, allerdings ist die iPad-App selbst nach Ende der Einführungsphase deutlich günstiger als die gedruckte Ausgabe. Davon abgesehen: Bei der „Zeit“ kommt zumindest für mich ein erheblicher Bequemlichkeitsfaktor hinzu. Das Format der gedruckten Ausgabe fand ich immer unerträglich und ein Kilo Papier irgendwohin mitzunehmen auch. (Nebenbei: Manche Kommentare der „Zeit“ wie jetzt beispielsweise zum Urteil im Brunner-Prozess, das man irgendwie zum Justiz-Skanda verklären wollte, halten mich dann tendenziell von einem Abo ab. Jens Jessen sowieso. Aber es zählt der gute App-Wille).

Und sonst? Die SZ, die sich über Apple beklagt, bietet eine hochgradig ausbaufähige iPhone-App, auf dem iPad ist sie nicht zu sehen. Ebenso wenig wie eine FAZ, ebenso wenig wie viele andere große und mittelgroße Blätter. Und dort, wo man über erste Planungen über eine App nachdenkt, reduziert man sich letztendlich darauf, Inhalte reproduziere zu wollen. Das iPad als neuer Vetriebskanal, das war´s. Das man Journalismus auf dieser Plattform völlig neu denken müsste, neu erfinden müsste — auf die Idee kommen die meisten bei ihren Planungen nicht.

Interessant daran: Fast kein Verlag wird müde zu betonen, dass die lieben Leser durchaus bereit wären, für Inhalte auf dem iPad zu bezahlen. Es gibt sogar die nicht ganz falsche These, dass der Begriff Website bei den meisten die Assoziation “kostenlos” wecke, während man bei einer App wisse: Das kostet was. Nachvollziehbar, nur eine Frage wird ein bisschen arg wenig beantwortet: Für was sollen die Leute denn so gerne ihr Geld ausgeben? Für das, was sie vorher gedruckt schon nicht gekauft haben?

Natürlich hat zur Zeit statistisch gesehen nur jeder 800. Deutsche ein iPad. Aber die Zahl der Tablet- und App-Benutzer dürfte sich in den kommenden zwei, drei Jahren massiv erhöhen. Man muss befürchten, dass das Lamento über die neue Digitalwelt dann in die nächste Runde geht.

Written by cjakubetz

September 7th, 2010 at 10:51 am

Qualitätsmerkmal:Papier!

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Vor 13 Jahren war die Welt zwar auch schon kompliziert, aber zumindest in Sachen Onlinejournalismus schnell auf den Punkt zu bringen. Es gehe darum, aus 150 Zeilen 15 zu machen, es gehe um “eindampfen, kürzen, schnell sein”. Das schrieb 1997 ein Redakteur der “Drehscheibe” — und ich erinnere mich an die Sätze deswegen so genau, weil ich damals als irrlichternder Redakteur der “Passauer Neuen Presse” Protagonist seiner Geschichte war (ich hatte zwar meinen Job keineswegs so beschrieben, aber ich glaube, der gute Mann war damals einfach nur froh, wenigstens ein bisschen begriffen zu haben, was da an diesen komischen Rechnern passiert). Damals war mein Job, irgendwie so was ähnliches wie ein Onlineangebot aufzubauen. Zugeben, über das wie hatte ich auch  keine richtige Ahnung, aber schon damals schien mir die Idee des Kollegen der “Drehscheibe” etwas merkwürdig, dass es online in erster Linie darum gehe, schnell und kurz und präzise zu sein.

Noch merkwürdiger finde ich allerdings, dass diese Grundidee auch heute noch durch viele Köpfe geistert. Zeitungsleute versuchen mit dieser Argumentation gerne zu begründen, warum es weiter Produkte auf gedrucktem Papier geben müsse. Einer der neuesten Versuche war jetzt im Rheinischen Merkur zu lesen. Kernthese:

Denn im Gegensatz zum Netz, das Ad-hoc-Kommunikation und blitzschnelle Aktualisierung ermöglicht, programmieren Printmedien die Entschleunigung, die Verzögerung. Zeitungen und Zeitschriften sind – gewiss nicht immer, aber doch idealerweise – Medien des zweiten Gedankens, die eine Aktualität hinter der Aktualität sichtbar werden lassen. Sie versorgen, wenn es gut läuft, diese Gesellschaft Tag für Tag und Woche für Woche mit neuen Deutungsvorschlägen und Wahrnehmungen.

Das ist der alte Denkfehler, wie er immer noch tausendmal am Tag begangen wird, seit jetzt beinahe 15 Jahren: Zum einen zu glauben, der Inhalt, der Tiefgang, die Qualität einer Publikation hinge von seinem Datenträger ab. Und zum anderen die überkommene Vorstellung, Journalismus im Netz bestünde, um nochmal den Kollegen der “Drehscheibe” zu zitieren, aus eindampfen und kürzen. Wer so argumeniert, hat das Netz leider nicht begriffen. Das ist in etwa so, als wenn man behaupten würde, ein Video sei besser wenn im ZDF liefe als wenn es auf YouTube steht. Der Inhalt und sein Träger haben nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun.

Im Gegenteil: Gerade diese “Zeitung lebt”-Haltung, die man postuliert und damit begründet wird, dass Zeitung ja auf Papier gedruckt sei, macht die Lage für die Verlage so gefährlich. Weil sie suggeriert, dass man auf seinem eigentlichen Feld, dem Qualitätsjournalismus unbesiegt sei. Lass die anderen mal machen, soll das wohl heißen, in diesem hektischen, flüchtigen Netz. Wer nachdenken, reflektieren will, braucht uns und greift zum Papier. Ganz so, als gäbe es im Netz nicht jeden Tag wunderbare lange Hintergrundstücke, die diesen “zweiten Gedanken” aufbringen.

Man greift zum Papier, wenn man den “zweiten Gedanken” haben will? Was für ein blanker Unsinn. Man greift dorthin, wo man ihn bekommt. Den “Spiegel” der kommenden Woche beispielsweise habe ich diese Woche am iPad gelesen und dort eben mehr bekommen als nur auf Papier. Das Video zur Titelgeschichte, die Animation zur Titelgeschichte, das Hintergrundstück zur Auslandsgeschichte aus den USA. Ich will damit nicht sagen, dass es an der Spiegel-App nicht noch einiges zu verbessern gäbe, das ist nicht der Punkt. Es geht mehr um den Maßstab, der an “Qualitätsjournalismus” künftig angelegt wird. Einer dieser Maßstäbe ist, dass er mehrdimensional und vernetzt daher kommt. Auf gar keinen Fall ist der Maßstab, dass der Text gedruckt ist.

Und nein, das hier ist keine der “euphorisch-brüllenden Prognosen, wann die letzte Zeitung gedruckt wird”, wie sie Blogger nach Meinung des “Rheinischen Merkur” so gerne raushauen. Es ist nichts anderes als die Feststellung, dass es um guten Journalismus geht, nicht mehr — aber eben auch nicht weniger.

Noch etwas, am Rande bemekt: Nach der Einführung des iPads kamen aus vielen Häusern die vollmundigen Prognosen, wie sehr man die Menschen jetzt wieder zurück zur Zeitung holen werde. Schaut man sich den App-Store und die Apps so durch, dann stellt man fest, dass die Verlage die Revolution verschoben haben. Mal wieder.

Die euphorisch-brüllenden Prognosen erfüllen sich nur dann, wenn Printverlage nicht endlich aufhören, an die Überlegenheit des Papiers als solches glauben.

Written by cjakubetz

August 15th, 2010 at 7:56 pm

Leistungsschutz für meine kleine Zeitungsfarm

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Seit Stunden wühle ich mich gerade durch die Online-Angebote deutscher Tageszeitungen. Durch alle (fragen Sie nicht warum). Es ist kein Vergnügen, wirklich nicht.

Aber jetzt, nach vielen Stunden und hunderte Klicks später, ist mir allmählich was aufgegangen. Warum nämlich so viele Zeitungen nicht an den Erfolg und an die Bedeutung von Online glauben. Ganz einfach deswegen: Sie haben keinen damit und sie werden vermutlich auch keinen haben (Stammleser wissen, dass ich in solchen Momenten der Verallgemeinerung gerne mal ein “Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel” einschiebe).

Unfassbar viele Seiten, selbst von Kleinstblättern, die ich bisher nicht mal dem Namen nach kannte,  machen mit den ganz großen Dingern auf: Russland. Pakistan. USA. Flut in Sachsen. Das ist insofern nur so mittelgeschickt, weil es alle anderen auch machen und weil man ja ohnehin nur das Agenturmaterial hat, das ungefähr alle anderen auch haben. Gesichtslose, verwechselbare Seiten, die in ihrer Mittelmäßigkeit den Blättern wahrscheinlich nicht unähnlich sind. Nur mit dem Problem behaftet, dass man hier eben nicht mit dem lokalen Anzeigenblatt konkurriert, sondern mit hochwertigem – die Times, die FAZ, die Zeit, sie sind alle nur den abgedroschenen Mausklick weit weg. Man kann fast eine Wette eingehen: Die allermeisten schauen schnell auf die Service-Geschichten und aufs Lokale und sind dann sofort wieder weg. Im Grunde also machen sie das, was sie mit der gedruckten Zeitung auch machen, nur dass man das dort nicht so merkt.

Was ich gesucht und in den seltensten Fällen gefunden habe: ein ansprechendes, multimediales Lokal-Onlinemagazin, schnell, übersichtlich, umfangreich, vielleicht nicht  in Echtzeit, aber ständig auf der Höhe. Mit einer vernünftigen Präsenz bei Twitter, bei Facebook, mit einem angepassten Angebot für Smartphones. Kein Anspruch also, der utopisch hoch angesetzt wäre und keiner, über dessen grundsätzlichen Bedarf man lange debattieren müsste. Gefunden habe ich so etwas fast nirgends. Die Behauptung vieler Verlage, man sei für die Zukunft bestens gewappnet, entlarvt sich bei einer Surftour durch ihre Angebote.

Wenn man sich durch die Onlineangebote der meisten Zeitungen durchgequält hat, bemerkt man dann auch wieder, wie absurd die beiden Kernideen verlegerischer Strategien sind: Leistungsschutz und Paid Content. Bei fast allen Seiten, die ich gestern gesehen habe, gingen mir die beiden Schlagworte durch den Kopf — und in fast jedem Fall musste ich unwillkürlich lachen. Leistungsschutz für das halbwegs einwandfreie Aufbereiten von Agenturmeldungen? Ich würde behaupten, dass gestern abend 70 Prozent der Angebote von Regionalzeitungen online zu einem beachtlichen Teil mit Agenturmaterial bestückt waren. Teilen sich dann also 50 Onlineangebote den Erlös aus dem Leistunsgsschutzrecht, wobei die Leistung daraus besteht, dpa redigiert zu haben?

Und Paid Content — wofür? Für kaum spürbare Eigenleistung? Für ein paar lokale Meldungen, die es auch in lokalen Anzeigenblättern gibt? Und zudem noch demnächst auch von Seiten wie dem inzwischen etablierten “Heddesheimblog” und anderen, die inzwischen in den Startlöchern stehen, angeboten werden?

Natürlich kann man sich fragen, warum man in vielen Häusern nicht sieht, was doch so offensichtlich ist. Auch dafür habe ich bei meinem gestrigen Streifzug eine plausible Erklärung gefunden.  Es gibt in Deutschland immer noch Zeitungen, die per Mail über eine t-online-Adresse, eine sogar über eine Zahlenkombi bei AOL erreichbar sind. Nichts dagegen — aber soll man man von einer Redaktion, die gerade im Mailzeitalter angekommen ist, ernsthaft erwarten, die Herausforderungen der digitalen Welt bestehen zu können?

Viele Verlage haben es sich in den letzten beiden Jahrzehnten kuschelig eingerichtet in ihrer sehr eigenen Welt. Sie haben eine Subkultur entwickelt, die im Wesentlichen aus der Idee bestand, dass es ohne sie nicht geht, trotz Radio, trotz Fernsehen. Die kleine Zeitungsfarm, mit Zäunen abgeschottet gegen  die böse Welt da draußen. Jetzt müssen sie erleben, dass es möglicherweise doch ohne sie geht — und rufen deswegen nach Artenschutz. Und vielleicht würde man sie insgeheim ja auch schützen wollen, weil man sich als jemand, der mit Zeitungen groß geworden ist, einen Tag ohne Zeitungen gar nicht vorstellen mag.

Nur: Bevor es einen Leistungsschutz gibt, müsste es eine Leistung geben, die man schützen kann.

Written by cjakubetz

August 12th, 2010 at 8:48 am

Volos, dringend gesucht

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Es sagt ziemlich viel aus über die Probleme, die der Lokaljournalismus — und dort vor allem die Regionalzeitungen — haben: Sie haben schlichtweg ernste Probleme, noch guten Nachwuchs zu finden. Joachim Braun, Redaktionsleiter der Bad Tölzer Lokalausgabe des “Münchner Merkur” und im Video-Interview ein angenehm ruhiger und realistischer Kollege, schildert das ganz unaufgeregt. Das Lokale ist generell für junge Journalisten zunehmend unattraktiv geworden. Und wenn man dann auch noch draußen auf dem flachen Land sitzt statt in der pulsierenden Großstadt, dann wird es zunehmend schwierig, überhaupt noch jemanden zu finden, selbst wenn man ausreichend Budget dafür zur Verfügung stellt. Davon, dass man ein Talent mittelfristig hält, ganz zu schweigen.

Dabei ist gar nicht mal das alleine Problem, dass man als, hüstel, etwas älterer Mensch die Reize von Bad Tölz erst zu schätzen lernt — und man als 20jähriger einen Panoramablick auf die Alpen nur mäßig spannend findet. Vielmehr haben sich die Dinge gewandelt. In alten analogen Zeiten galt das als ehernes Gesetz: Geh ins Lokale, da lernst du am meisten. Ich kenne eine ganze Reihe ausgezeichneter Journalisten, die sich durch die Mühen von Geflügelzüchtervereinen und Stadtratssitzungen gearbeitet haben. Sie haben dort eine ganze Menge gelernt, was ich übrigens auch gerne für mich in Anspruch nehmen würde.  Wie beispielsweise Politik tickt, kann man ganz wunderbar in diesem Mikrokosmos Kommunalpolitik lernen.

Allerdings hatte ich (und viele andere auch) das Glück, dass ich Leute um mich hatte, die sich ernsthaft mit mir und meiner Unfähigkeit auseinandergesetzt haben. In meiner Volo-Zeit bei der PNP (nicht erschrecken, jetzt kommt was Positives) hatte ich tatsächlich so etwas wie zwei Ausbildungsredakteure, einen direkt vor Ort und einen in der Zentrale. Aus der Zentrale kam jeden Monat ein Paket mit Feedback auf meine Geschichten, wenn ich mal eine wirklich versemmelt hatte, kam die Reaktion auch schon mal am nächsten Tag. Oder am selben. Alles in allem hatte ich jedenfalls nach zwei Jahren Volontariat das Gefühl, halbwegs gut ausgebildet zu sein. Mein Wunsch wegzugehen entstand dann mittelfristig auch gar nicht aus dem Gedanken, schlecht ausgebildet worden zu sein, sondern aus der ewigen Wiederholung des immer Gleichen. Aber das ist kein lokalspezifisches Problem, ich stelle mir auch zehn Jahre in der Nachrichtenredaktion der SZ als irgendwann ermüdend vor.

Auch auf die Gefahr hin, in eine “Früher-war-alles-besser”-Schiene gesteckt zu werden: Mir begegnen heute nach meinen höchst subjektiven Eindruck immer mehr Volos, die in ihren Lokalredaktionen nicht mehr als das gesehen werden, was sie sind. Nämlich als junge Journalisten, die ausgebildet werden sollen. Stattdessen werden sie schnell zu vollwertigen und billigen Arbeitskräften gemacht. Ich weiß nicht, wie viele mir schon erzählt haben, dass sie de facto auch mal wochenlang eine Lokalredaktion mehr oder minder alleine schmeißen müssen. (Auch zu dem Thema ein rückwirkendes Danke nach Passau: Ich stand einmal als Volo vor dieser Situation, so etwas machen zu müssen; mein Ausbildungsredakteur hat sich sofort mit einem entschiedenen “Das geht nicht dazwischen geworfen).

Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere unter Ihnen jetzt insgeheim ein leises “Na und?” vor sich hinmurmelt, dass sich durch die langjährige Praxis und der Erfahrung, dass das schon irgendwie geht, begründet. Ich finde diese Haltung in unserem Job immer wieder interessant, vor allem, wenn man diese Idee auf andere Berufe anwendet.  Eine Operation, die nicht ein Arzt, sondern ein Student unbeaufsichtigt durchführt? Ein Hausbau, bei dem der Azubi nach drei Wochen das Kommando übernimmt? Der Supermarkt, der einen Praktikanten als Fillialleiter einsetzt? Komisch, dass es ausgerechnet bei uns, wo wir doch immer die Bedeutung unseres Jobs gerne betonen, zwar ein Wissen um solche Zustände gibt, auf der anderen Seite es aber oft nur zu einem pflichtschuldigen erhobenen Zeigefinger reicht. Der soll dann signalisieren, dass man so etwas tendenziell für nicht in Ordnung hält.

Man kann dann auf der anderen Seite natürlich kaum erwarten, dass Volontäre aus solchen Redaktionen auch nur im Ansatz gut ausgebildet rausgehen. Und man kann kaum hoffen, dass die Attraktivität des Lokaljournalistenjobs steigt.

Umgekehrt sind man dann ja auch, was möglich ist, auch für Regionalzeitungen: Einer der wirklicb begabtesten Leute, die ich jemals in einem Seminar hatte, hat jetzt zwei ziemlich aussichtsreiche Bewerbungen. Er ist noch unschlüssig, ob er zum öffentlich-rechtlichen TV geht — oder zu einer mittelgroßen Regionalzeitung.

Ich würde ihm zur Zeitung raten. Nicht immer, aber bei dieser — schon.

Written by cjakubetz

August 9th, 2010 at 9:19 pm

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Die öffentlich-rechtliche WAZ

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Wenn es ums Internet geht, benehmen sich Verlage und Verbände momentan ausgesprochen, nunja — eigenartig. WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus beispielsweise hat jetzt eine besonders originelle Idee: Wenn denn schon öffentlich-rechtliches Internet als “Rundfunk” deklariert werde, dann müsse man allen, die “journalistisch hochwertige Angebote” produzieren, etwas von der Rundfunkgebühr abgeben. Sprich (wer sonst könnte gemeint sein): hochwertiger Journalismus, wie ihn Zeitungsverlage eben so anbieten.

Das ist in der momentan leicht kriegslüsternen Argumentation der Verlage der vielleicht bizarrste Vorstoß. Bizarr vor allem, weil er der bisherigen Argumentation der Verbände völlig zuwider läuft. Die nämlich waren es bisher, die dem Gutachten zur Onlinepräsenz der öffentlich-rechtlichen Sender vorwarfen, eine “bestellte Wahrheit” (FAZ) zu sein. Weil es sich bei Internetangeboten eben explizit nicht um Rundfunk handle, sondern um so genannte Telemedien. Jetzt macht Nienhaus einen interessanten Spagat: Entweder sei es kein Rundfunk, den man im Netz betreibe, dann bekommt niemand was (bzw. müssen die Sender raus aus dem Web). Oder aber es ist doch Rundfunk, dann machen Zeitungen jetzt auch Rundfunk und wollen dementsprechend Rundfunkgebühr. Interessante Idee: Ein Fernsehzuschauer in München bezahlt künftig auch für die Onlinepräsenz der WAZ oder der Kieler Nachrichten.

Man darf dann auch gespannt sein, wie Herr Nienhaus und die Verbände definieren wollen, was genau “hochwertig” ist. Ist “bild.de” hochwertig?  Oder doch erst faz.net? Nachdem die Hochwertigkeit allerdings vermutlich schon bei “derwesten.de” beginnt, bekommen demnach auch RP Online oder pnp.de nach den Vorstellungen des WAZ-Mannes künftig Anteile aus Geldern, die ja eigentlich explizit erhoben werden, um öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu finanzieren. Einen anderen Zweck haben Rundfunkgebühren nie gehabt, auch SAT 1 erhält ja (aus guten Gründen) keinen Cent Rundfunkgebühren. Denen müsste man übrigens dann nach Niehaus Logik auch was abgeben. Eine Rundfunkgebühr für alle, was für eine groteske Idee.

Aber vielleicht genügt es ja fürs Erste, wenn jemand mal Nienhaus erklärt, was es genau auf sich hat mit einem dualen Rundfunksystem. Wie das so ist mit einem bewusst gebührenfinanziertem Sendersystem und einer privatwirtschaftlich organisierten Presse. Und dass es übrigens auch gar kein Schaden ist, wenn Zeitungen und Rundfunk völlig staatsfern und finanzierungsunabhängig sind. Letztlich fordert Nienhaus nichts anderes als verkappte staatliche Subventionen für Zeitungen — und wenn es mal soweit ist, muss die Verzweiflung schon verflixt groß sein.

Written by cjakubetz

August 4th, 2010 at 1:36 pm

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