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Die öffentlich-rechtliche WAZ

4. August 2010 - 13:36 Uhr

Wenn es ums Internet geht, benehmen sich Verlage und Verbände momentan ausgesprochen, nunja — eigenartig. WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus beispielsweise hat jetzt eine besonders originelle Idee: Wenn denn schon öffentlich-rechtliches Internet als “Rundfunk” deklariert werde, dann müsse man allen, die “journalistisch hochwertige Angebote” produzieren, etwas von der Rundfunkgebühr abgeben. Sprich (wer sonst könnte gemeint sein): hochwertiger Journalismus, wie ihn Zeitungsverlage eben so anbieten.

Das ist in der momentan leicht kriegslüsternen Argumentation der Verlage der vielleicht bizarrste Vorstoß. Bizarr vor allem, weil er der bisherigen Argumentation der Verbände völlig zuwider läuft. Die nämlich waren es bisher, die dem Gutachten zur Onlinepräsenz der öffentlich-rechtlichen Sender vorwarfen, eine “bestellte Wahrheit” (FAZ) zu sein. Weil es sich bei Internetangeboten eben explizit nicht um Rundfunk handle, sondern um so genannte Telemedien. Jetzt macht Nienhaus einen interessanten Spagat: Entweder sei es kein Rundfunk, den man im Netz betreibe, dann bekommt niemand was (bzw. müssen die Sender raus aus dem Web). Oder aber es ist doch Rundfunk, dann machen Zeitungen jetzt auch Rundfunk und wollen dementsprechend Rundfunkgebühr. Interessante Idee: Ein Fernsehzuschauer in München bezahlt künftig auch für die Onlinepräsenz der WAZ oder der Kieler Nachrichten.

Man darf dann auch gespannt sein, wie Herr Nienhaus und die Verbände definieren wollen, was genau “hochwertig” ist. Ist “bild.de” hochwertig?  Oder doch erst faz.net? Nachdem die Hochwertigkeit allerdings vermutlich schon bei “derwesten.de” beginnt, bekommen demnach auch RP Online oder pnp.de nach den Vorstellungen des WAZ-Mannes künftig Anteile aus Geldern, die ja eigentlich explizit erhoben werden, um öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu finanzieren. Einen anderen Zweck haben Rundfunkgebühren nie gehabt, auch SAT 1 erhält ja (aus guten Gründen) keinen Cent Rundfunkgebühren. Denen müsste man übrigens dann nach Niehaus Logik auch was abgeben. Eine Rundfunkgebühr für alle, was für eine groteske Idee.

Aber vielleicht genügt es ja fürs Erste, wenn jemand mal Nienhaus erklärt, was es genau auf sich hat mit einem dualen Rundfunksystem. Wie das so ist mit einem bewusst gebührenfinanziertem Sendersystem und einer privatwirtschaftlich organisierten Presse. Und dass es übrigens auch gar kein Schaden ist, wenn Zeitungen und Rundfunk völlig staatsfern und finanzierungsunabhängig sind. Letztlich fordert Nienhaus nichts anderes als verkappte staatliche Subventionen für Zeitungen — und wenn es mal soweit ist, muss die Verzweiflung schon verflixt groß sein.

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Passau – oder: Ein Tod mit Ankündigung

30. Juli 2010 - 13:41 Uhr

Geht es nach der Mehrzahl der Verleger, dann leidet das Zeitungsgeschäft in erster Linie unter ein paar Dingen, die man einfach nur abstellen muss — und alles wird wieder gut. Google, die öffentlich-rechtlichen Sender und die Kostenloskultur, der Geburtsfehler des Internet. Alles Dinge, für die man selber nichts kann, die man aber mit ein bisschen Lobbyarbeit und rigoroserem Umgang mit dem zahlungsunwilligen Leser beenden kann. Zeit also, um mal wieder einen kleinen Realitätscheck zu machen. Wir schalten hierfür nach längerer Pause mal wieder nach Passau (wie immer sei angemerkt: Passau ist nur ein Platzhalter, man könnte stattdessen auch eine ganze Menge anderer Namen einsetzen).

Fangen wir erstmal mit ein paar unschönen Zahlen an:

(Quelle: IVW)

Es geht den deutschen Tageszeitungen nicht gut. Nicht mal mehr der größte Optimist kommt angesichts dieser Entwicklung auf die Idee, den Blättern noch eine ernsthafte Chance zu geben, jemals wieder in Auflagengrößenordnungen zu kommen, die man noch im Jahr 2000 hatte. Man kann darüber debattieren, wie schnell oder langsam der Auflagenniedergang vonstatten gehen wird und man kann auch darüber reden,  wann der Rückgang vielleicht doch mal gstoppt wird. Dass es mit den Auflagen nochmal spürbar aufwärts geht, ist ausgeschlossen.

Die Passauer Neue Presse macht dabei keine Ausnahme, wenn man so will, ist sie also die stinknormalste Zeitung in ganz Deutschland. Zwischen dem 2. Quartal 2009 und dem Vergleichsquartal 2010 hat sie rund 1300 Abonnenten verloren,  die Zahl der verkauften Exemplare sank um rund 1700.  Das ist insofern unspektakulär, weil nichts anderes zu erwarten war. Zahlen wie diese hat man in Passau und andernorts inzwischen seit einigen Jahren auf dem Tisch liegen. Man kann sich allerdings leicht ausrechnen, was mittelfristig diese Zahlen auch für die wirklich relevanten Daten der Zeitung bedeuten: die Anzeigenumsätze. Weniger Reichweite, weniger Relevanz — weniger Anzeigen, weniger Erlöse.

(Quelle: IVW)

Es passiert dennoch — ungefähr nichts. Man hat einen wackeren Chefredakteur, der zum Amtsantritt im vergangenen März intern signalisiert hatte, verstanden zu haben: Lokal relevanter wolle man werden, mehr Heimat, weniger große Welt.  Und vernetzen wolle man sich, Online sollte eine wichtige Säule des gesamtpublizistischen Konzepts werden. Man setzte sogar einen eigenen “Online-Chefredakteur” ein.

Ein Jahr später ist alles beim alten, wenn man davon absieht, dass es den Online-Chefredakteur nicht mehr gibt. An der Zeitung sind ein paar optische Retuschen vorgenommen worden, die man mögen kann oder auch nicht. Konzeptionell ist die PNP wie sie immer war. Dass dieses tote Konzept der Zeitung für alles und jeden vielleicht der Grund dafür sein könnte, warum eben nicht mehr alles und jeder die Zeitung liest, ist schlichtweg nicht angekommen.  Und auch die angekündigte hat nicht einmal die Funktion eines Feigenblättchens. Online tapert die PNP irgendwo in der Endphase der 90er Jahre  rum. Wie ein Onlineauftritt, der wenigstens halbwegs aus der Moderne kommt, sieht pnp.de jedenfalls nicht aus, im Gegenteil: Irgendwie würde man sich nicht wundern, wenn morgen auch noch Frames und animated gifs auftauchen würden. Umgekehrt wundern sie sich vielleicht in Passau ab und an, warum das nicht funktioniert mit dieser Seite. Dabei gibt es eine einfache Antwort: Früher, in analogen Monopolstenzeiten, konnten die Leute vielleicht auf die Zeitung schimpfen, lesen mussten sie sie dennoch. Das muss jetzt niemand mehr.

Der Gedanke hinter der angekündigten Mehr-Vernetzung der PNP war klar: Was man an Umsätzen im Stammgeschäft verloren geht, soll durch wachsende Onlineumsätze wieder ausgeglichen werden. Davon ist man allerdings ebenfalls weit entfernt — und das hat mit Google etc. nichts zu tun. Stattdessen gibt es einen anderen Grund. Die Seite stagniert seit einem Jahr in ihren Besucherzahlen, mit rund 830.000 Visits hat sie im Juni 2010 fast die identische Besucherzahl wie im Juni 2009 vorzuweisen (817.000). Das ist eine Reichweite, die für die meisten Werber irrelevant ist. Man wird also mit dieser Seite über kurz oder lang nicht viel verdienen. Und zu  vermuten steht: Irgendjemand wird das auf Google sowie ARD und ZDF schieben, außerdem auf die Kostenlos-Kultur. Dass es schlichtweg keinen wirklichen Grund gibt, diese Seite zu besuchen, wird ignoriert. Zeitung und Internet haben wenigstens in dieser Beziehung eine echte Gemeinsamkeit.

Man müsste sich also verabschieden vom toten Journalismus aus den späten 90er Jahren. Und man müsste investieren. Man kann allerdings mühelos die Prognose stellen: Das wird nicht passieren. Die PNP hat in den letzten Jahren massiv Personal abgebaut, die verbleibende Truppe wird Mühe haben, überhaupt über die Runden zu kommen. Mit fatalen Folgen: Die, die es sich erlauben können, werden gehen. Die, die bleiben, sind die, die schon immer da waren. Innovationspotenzial: null. Umgekehrt wird sich auch in Niederbayern die Verzichtbarkeit der “Heimatzeitung” in ihrer jetzigen Form zeigen. Nicht heute, nicht morgen — aber ganz sicher spätestens übermorgen. Man kann dem Blatt also (wenn es so weitermacht) jetzt schon einen Tod mit Ansage prophezeien.

Gleichzeitig zeigt das Beispiel PNP aber auch, wie sehr die Forderungen und die Kritik der Verlage an der Realität vorbeigehen. Was würde es der PNP helfen, gäbe es ARD und ZDF nicht mehr im Internet nicht mehr? Nichts, rein gar nichts. Die Leute gehen ja nicht deswegen verloren, weil sie das ZDF so toll finden, sondern weil sie von der PNP nichts geboten bekommen. Was würde der PNP ein Leistungsschutzrecht helfen? Rein gar nichts. Google und andere können mühelos auf die PNP verzichten — umgekehrt darf man das getrost bezweifeln. Bleibt die Kostenlos-Kultur — und gerade dafür ist die PNP ein schönes Beispiel: Sie gibt seit jeher große Teile ihres Onlineangebots nur an zahlende Leser frei. Genutzt hat es nichts, vielleicht auch deswegen, weil man breitgetretene inhaltliche Langeweile nicht auch noch online haben muss.

Aber leichter ist es natürlich schon, wenn es ARD, ZDF, Google und ein fehlendes Leistungsschutzrecht gibt. Man kann dann ganz wunderbar vom eigenen Versagen ablenken.

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Es gibt keine Presse mehr

22. Juli 2010 - 0:31 Uhr

Es gibt keine Presse mehr. Vielleicht muss man diese merkwürdige und dennoch naheliegende Erkenntnis an den Anfang eines Eintrags stellen, der sich im Wesentlichen mit einem ebenso merkwürdigen Kommentar des FAZ-Medienredakteurs Micheal Hanfeld auseinandersetzt. (Hanfeld hat es übrigens soweit gebracht, dass der ARD-Vorsitzende einen offenen Brief an Herrn Schirrmacher schrieb).

Die Welt von Michael Hanfeld (dessen Sachen ich ansonsten übrigens ziemlich gerne lese) besteht aus schwarz und weiß. Zumindest, wenn es um die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender auf der einen und die Verlage, die Presse auf der anderen Seite geht. Folgt man Hanfeld, dann drohen uns durch die Online-Angebote der Sender Zustände wie in Nordkorea:

Es (das Gutachten zu den Onlineangeboten der ÖR´s) verkündet nichts anderes als einen totalen Machtanspruch, das Ende der freien Presse und die Herrschaft des Staatsjournalismus.

Tagesschau.de oder heute.de bedeuten also das “Ende der freien Presse”, bedeuten “Staatsjournalismus”? Das ist so ziemlich der undifferenzierteste Unsinn, den ich seit Jahren gelesen habe. Es ist so maßlos überzogen, dass es keiner weiteren Erwähnung wert wäre, stünde es nicht ausgerechnet in der FAZ (und hätte es dadurch nicht automatisch eine gewisse Fallhöhe). Dass die FAZ in ihrer journalistischen Freiheit behindert wäre, lässt sich also beim besten Willen nicht belegen und ist insofern auch nicht weiter diskussionswürdig. Dass ARD und ZDF einen “totalen Machtanspruch” entwickeln, gehört ebenfalls in die Kategorie hohler Phrasen. Aber eher ungewollt hat Hanfeld eines richtig erkannt: Internet ist tatsächlich Rundfunk. Hanfeld beschreibt das eher spöttisch:

Du bist Rundfunk, ich bin Rundfunk, wir alle sind Rundfunk. Sie betreiben einen Blog im Internet? Dann sind Sie Rundfunk. Sie arbeiten für einen Verlag, bei einer Zeitung, einer Zeitschrift, die einen Online-Auftritt unterhält, mit Texten, Bildern, kurzen Filmen?

Was Hanfeld eher hämisch meint, ist in der Tat Realität. Auf diesem Blog hier gab´s schon Videos, gab´s Audios und theoretisch könnte ich heute abend noch einen Livestream aus meinem Schlafzimmer starten (keine Sorge, ich erspare Ihnen das). Was ist das anderes als — Rundfunk? Und wann begönne denn nach Hanfelds Auffassung Rundfunk? Bei zehn Zuschauern, zehntausend, zehn Millionen? Oder doch nur, wenn er über einen Fernseher und ein Radio ins Haus kommt? Das Kriterium für Rundfunk ist doch keineswegs, wie viele Leute zusehen und über welche Plattform und mit welcher Technik sie ausstrahlen. Entscheidend ist, dass sie klassische Rundfunkinhalte, nämlich Audio und Video, ausstrahlen können. Die FAZ macht das übrigens auch, ohne dass man ihr deswegen einen “totalen Machtanspruch” bescheinigen würde.

Gleichzeitig ist das ja auch eine interessante Beobachtung: kein Journalist und kein Medienmacher und kein Medienforscher würden mit gutem Gewissen abstreiten, dass Medien heute eben nicht mehr in die klassischen Kategorien zuzuordnen sind. Presse? Es gibt keine Presse mehr ohne funktionierenden Onlineauftritt und ohne Videos und ohne Audios (eben: Rundfunk). Zeitungen müssen sich heute auch in der digitalen Welt bewegen können und natürlich müssen sie auch Videos und Audios produzieren können. Umgekehrt kann Fernsehen heute in einer hyperkonvergenten Medienwelt eben nicht mehr nur im Fernsehen stattfinden, Radio nicht mehr nur im Radio. ARD und ZDF würden innerhalb kürzester Zeit vor existenziellen Fragen stehen, gäbe es ihre Angebote nicht in angemessener Form auch im Netz und auf dem Smartphone. Das Publikum der Zukunft wird vorwiegend digital leben. Wenn ARD und ZDF dort nicht stattfinden dürfen, verlieren sie über kurz oder lang ihre Existenzberechtigung.

Was ist angemessen? Natürlich gab es bizarre Auswüchse in den vergangenen Jahren, Mainzelmännchen im Onlineshop verkaufen gehört sicher nicht zu den öffentlich-rechtlichen Kernaufgaben. Das ist massiv zurückgefahren worden und momentan sind in den Anstalten ohnehin ziemliche Löschorgien im Gang, wie Stefan Niggemeier — ausgerechnet — in der FAS ausführlich beschrieben hat.

Merkwürdig ist ja auch, dass es dieses Dauer-Lamento beinahe nur in Deutschland gibt. In Großbritannien, wo die BBC ein ganz anderes (Online-) Gewicht hat, ist noch niemand auf die Idee gekommen, das Ende der “Times” oder des “Guardian” zu prognostizieren, weil es die BBC im Netz gibt.

Kurzum: Es gibt keinen Rundfunk mehr, der nur noch Rundfunk macht. Und es gibt keine Presse mehr, die nur noch Presse macht. Im Netz begegnen sich beide wieder, naturgemäß als Konkurrenten. Das waren sie vorher auch schon, jetzt sind sie es noch stärker. Das trifft alle, nur dass man umgekehrt noch nie einen Fernsehsendern lamentieren hören hat, dass die Zeitungen jetzt auch Videos (eben: Rundfunk) anbieten. Oder dass es YouTube gibt. Wenn es aber keine Medienzuordnungen im klassischen Sinn mehr gibt — welchen Sinn macht es dann, darauf zu beharren, dass öffentlich-rechtliche Sender weiterhin nur das machen, was sie schon seit 50 Jahren machen?

Und noch etwas hat Hanfeld vergessen: das Interesse der Zuschauer. Seit es die digitale Welt gibt, schaue ich so gut wie kein “normales” Fernsehen mehr, ich möchte die Beiträge aber dennoch nutzen. Ich möchte die Tagesschau im Netz sehen können und ich möchte auf tagesschau.de (oder wo auch immer) geschriebene Texte lesen. Und Fotos sehen. Ist das ein Privileg der “Presse”?

Auf die Idee, deswegen die FAZ nicht mehr zu lesen, komme ich übrigens trotzdem nicht.

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It´s the content, stupid!

14. Juli 2010 - 13:40 Uhr

Man ahnt das ja jetzt schon etwas länger: Das iPad und seine Epigonen retten die Zeitung. Der BDZV hat deshalb in seiner Jahrespressekonferenz darauf hingewiesen, wie wichtig die Tablets für die Zukunft seien. In der offiziellen Pressemitteilung des Verbands liest sich das dann so:

Die gesamte Branche bewege sich in einer wichtigen Experimentierphase. Es bestehe Konsens, dass die neuen Tablets große Chancen böten, das klassische Geschäftsmodell der Zeitung, nämlich Vertriebserlöse plus Werbeerlöse, in die digitale Welt zu übertragen.

Das klingt so wunderschön einfach: Endlich also gibt es ein Endgerät, bei dem die User bereit sind, zu bezahlen. Was sie ja vorher nicht waren. Damit ist die Zeitung gerettet, man darf sie sogar weiterhin Zeitung nennen, sie ist halt nur nicht mehr auf Papier gedruckt.

Man ahnt, dass das tatsächlich zu schön ist, um wahr zu sein. Und man ahnt, dass die Verlage speziell bei Tageszeitungen immer noch einige Denkfehler begehen. Sie gehen davon aus, dass man ungefähr alles, was zu dieser Misere geführt hat, dem Internet, der Kostenlos-Mentalität, dem rechtsfreien Raum als solchen und dem Geburtsfehler des Web, kein Geld zu verlangen, zuschreiben kann. Doch damit soll jetzt Schluss sein, weil…ja, warum eigentlich?

Man müsste die Logik hinter solchen Überlegungen eigentlich frappierend nennen, wenn es denn überhaupt eine Logik wäre. Und vielleicht ist es ja einfach so: Es gibt gar kein Geschäftsmodell in die digitale Welt hinüberzuretten, weil es nicht der Unterschied zwischen analog und digital ist, der den Tageszeitungen das Leben so schwer macht. Vielleicht ist es die Idee “Tageszeitung”, die an ihr Ende gekommen ist. Und wenn es so wäre: wäre es schlimm? Oder ist es nicht ganz einfach so, dass die Tageszeitung aus vielen ziemlich nostalgischen und in nur sehr wenigen Fällen wirklich nachvollziehbaren Gründen verklärt wird? Einiges spricht für diese These; ich bin beispielsweise mal ernsthaft vom Chefredakteur einer mittelgroßen Tageszeitung gefragt worden, ob nicht die Tageszeitung als einziges Medium glaubhaft und seriös Information und Meinung vermitteln könne. Mir fiel keine gescheite Antwort ein, weil ich mit Staunen beschäftigt war. Vermutlich meinte er es sehr ernst.

Das Problem der Tageszeitung ist nicht, dass sie auf Papier gedruckt ist. Ihr Problem ist, dass sie in vielen Fällen immer noch so strukturiert ist, wie es den Lesegewohnheiten und den Bedürfnissen der Menschen vor 50 Jahren entsprach. Die Tageszeitung will jeden glücklich machen. Sie will Politik, Unterhaltung, Sport, Kultur und meistens noch den örtlichen Kleintierzuchtverein unter einen Hut bringen. Als ich kurz nach dem 2. Weltkrieg volontiert habe, war das ein geflügelter Spruch, den niemand in Abrede stellte: Ihr müsst so schreiben, dass euch die Putzfrau versteht und der Professor immer noch ansprechend findet. Das ist aus heutiger Sicht, in der der Professor irgendwo in einer Akademiker-Community und die Putzfrau auf Facebook ist, ein lächerlicher Anachronismus. Nur die Tageszeitung — und wirklich nur sie — versucht, sie alle in einem abenteuerlichen und letztendlich meistens unbefriedigenden Mix unter einen Hut zu bekommen. Meistens dazu beschränkt auf eine in Zeiten der knappen Budgets häufig sinkenden Seitenzahl.

Und dieses Modell will man jetzt kostenpflichtig aufs iPad retten?

Erst einmal also müsste man die Zeitung verändern. Man müsste sich von dieser Idee verabschieden, dass jeder alles aus einer Quelle wissen will. Man müsste akzeptieren, dass es inzwischen ausreichend Quellen gibt, die in den einzelnen Ressorts wesentlich besser, fundierter, schneller sind als jede Tageszeitungsredaktion. Und dass sie ihre Kompetenz, ihren Anspruch,  für die Mediennutzer die erste Wahl für Information und Wissen zu sein, schon lange nicht mehr halten kann. Wer käme schon ernsthaft auf die Idee, bei einem Online-Thema auf der Computerseite einer lokalen Tageszeitung nachzuschauen?

Daneben gibt es anderes, was die Verlage gerne bei ihrem Tablet-Enthusiamsus vergessen: Mitnehmen kann man nur, was man schon gehabt hat. Speziell bei dem Publikum, dass sich mit iPads eindeckt, handelt es sich vermutlich nur wenig um ein solches, das vorher hohe Affinität zur Zeitung gehabt hat. Der Generationenabriss bei Zeitungen ist keine Drohkulisse mehr, sondern schon lange Realität. Tatsächlich müssten sich Zeitungen um dieses neue, digitale Publikum bemühen, anstatt einfach einen (ohnehin eher eingebildeten) Bestand mitnehmen zu wollen.

Es wird nach wie vor der Inhalt sein, der sich verkauft. Der Hang zur Selbstverklärung, den man leider vielen Zeitungsmachern attestieren muss, wird dabei eher hinderlich sein. Die mangelnde Ursachenforschung allerdings auch. Ich bezweifle massiv, dass es im Netz eine ausgeprägtere Kostenlos-Mentalität als im analogen Leben auch gibt. Viel mehr gilt auch hier: Angebot und Nachfrage. Würde, sagen wir, die FAZ weiterhin Geld kosten und die SZ plötzlich kostenlos erscheinen, man kann sich leicht ausmalen, wie die Geschichte weiterginge. Es hat sich schlichtweg der Markt für das journalistische Produkt Tageszeitung verändert — man darf ruhig auch sagen: verschlechtert. Das müsste man erkennen, als in Bausch und Bogen auf Google, den öffentlichrechtlichen Rundfunk und den User als solchen einzuschlagen und dessen umgehende Reglementierung zu verlangen.

Nur weil es dieses Produkt Tageszeitung jetzt auch auf dem iPad gibt, wird der Markt nicht anders, im Gegenteil: Die kostenlose Konkurrenz in Form hochwertiger Webangebote ist noch näher rangerückt.

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Das ewige Lamento

7. Juni 2010 - 8:53 Uhr

Irgendwie ist es ja schon wieder von fast rührender Hilflosigkeit, wie insbesondere Printmedien auf die neuen Riesen im Netz reagieren. Man will nämlich einfach was abhaben vom Kuchen.

Die neueste Idee stammt vom VDZ, der zumindest eines schon mal richtig erkannt hat: Ein nicht unbeträchtlicher Teil von Werbeerlösen — der VDZ schätzt momentan rund 10 Prozent bis zum Jahr 2012 — wird zu Riesen wie Facebook abwandern. Das ist tendenziell unerfreulich für die Verlage, weswegen man sich eine interessante Reaktion ausgedacht hat: Man will jetzt einfach eine Umsatzbeteiligung von Facebook haben, beispielsweise für Erlöse auf Fanseiten von Zeitschriften, die bei Facebook eingerichtet sind. Wobei man ja nun nicht weiß, wie das eigentlich aussehen soll: Da richtet ein Leser eine Fan-Seite für, sagen wir, den “Stern” ein — und das Geld, das Facebook auf dieser Seite generiert, wird dann anteilsmäßig an den “Stern” abgeführt? Und wenn der “Stern” sich selbst eine Fanseite einrichtet, bekommt er dann auch Geld dafür? Das  wäre dann nochmal eine hübsche Steigerung der Argumente in der Google-Debatte: Man würde dann Geld dafür verlangen, dass irgendwo auch nur der Name des Objekts auftaucht.

Erstaunlich daran ist nicht nur die hartnäckige Realitätsverweigerung, die solchen Vorschlägen zugrunde liegt. Facebook oder andere werden einen Teufel tun und deutsche Verlage brav an ihren Umsätzen beteiligen.  Ebenso bemerkenswert (und bezeichnend) ist der strategische Ansatz, der dahinter liegt: Seit Jahren hecheln viele Verlage den Entwicklungen im Netz hinterher — und wenn sie dann feststellen, dass sie in einer Sackgasse gelandet sind, schreien sie nach Umsatzbeteiligung, Leistungsschutz, Welpenschutz und Artenschutz. Man meint, sie seien Ausgebeutete in einer modernen Form des Feudalismus. Anstatt die Möglichkeiten zu ergreifen, die neue Kanäle bieten (und ja, das tun sie!), wird nach Verboten und Regulierungen gerufen. Dabei wäre es ja einfach,würde man wirklich wollen: zwei Mausklicks und die Webseiten sind nicht mehr auffindbar für Suchmaschinen. Würde halt dann eben nur mal schnell die Hälfte des Traffics kosten, was man dann irgendwie auch wieder nicht will.

Dabei ist dieser Ansatz schon deswegen falsch, weil er die Verlage noch über Jahre hinweg in der Rolle der Getriebenen halten wird.  Stattdessen müssten sie, wie es der eine oder andere ja inzwischen auch schon vormacht, endlich wieder Herr des eigenen Handelns werden, anstatt dauernd den Googles und Facebooks dieser Welt hinterherzuhecheln. Eigene Ideen, eigene Plattformen entwickeln, anstatt sich dauern zu beklagen, dass andere schneller und gewitzter waren. Und vielleicht mal eine kleine Liste anfertigen, auf der mahnenderweise drauf steht, was man in den letzten Jahren so alles übersehen hat. Da hat sich inzwischen nämlich so einiges angesammelt.  Ganz oben steht dann: 1996. Das Internet.

Mehr dazu:

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Lasst Zahlen sprechen

25. März 2010 - 17:50 Uhr

Man hört das ja immer wieder gerne mal: Nennt man die Lage der (Tages-)Zeitungen irgendwie ein bisschen dramatisch, gerät man schnell in den Verdacht des Defätismus, des Pessismus, der Untergangsprophezeierei (siehe auch Kommentare zum Beitrag zuvor).

Deswegen ganz ohne Wertung und Kommentar — ein paar IVW-Zahlen:

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Es ist nicht aller Tage Abendzeitung

22. März 2010 - 22:02 Uhr

Bei der “Abendzeitung” in München haben sie in den vergangenen zwei Jahren ziemlich viel ziemlich richtig gemacht. Das Blatt ist grundlegend renoviert worden, bekam eine neue Optik, fokussierte sich inhaltlich eindeutig auf die Kernkompetenz München, Bayern und Sport, ohne aber den speziellen Charme der AZ zu verleugnen. Die AZ, die war immer auch ein bisschen Schwabinger Lebensgefühl, ein bisschen linksliberal, so eine Art Schickimickilinksliberal, wenn es so etwas geben sollte. Für eine Boulevardzeitung hatte sie zudem immer ein wirklich gutes Feuilleton — und wenn man jemals auf den Gedanken kam, wie wohl eine akzeptable und zudem lesenswerte Boulevardzeitung auszusehen hätte, man wäre nahezu zwangsläufig auf das Blatt gekommen, dass witzige Fernsehkritiken der legendären “Ponkie” ebenso im Portfolio hatte wie die damals uneerreichten Klatschgeschichten von Michael Graeter (für alle, die es nicht wissen: das Vorbild für die Figur “Baby Schimmerlos” in “Kir Royal”).

Sogar im Netz platzierte sich die AZ richtig intelligent. Die Webseite löste einen furchterregenden Auftritt ab, mit dem sich die AZ in den Jahren zuvor sensationell lächerlich machte. Die Tweets aus der Redaktion sind unterhaltsame Lektüre — und alles in allem hatte man dort (wenn man das mal so anmaßend sagen darf) alles das gemacht, was man von Beraterpack wie mir so alles zu hören bekommt (bevor ich falsch verstanden habe: Die AZ hat das alles ganz alleine und ohne irgend einen Einfluss von mir gemacht).

Die AZ hatte zuvor allerdings auch ungefähr alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Die Chefredaktion vor dem heutigen Chef Arno Makowsky brachte jeden Tag eine Zeitungs-Attrappe auf den Markt, auf der zwar noch das Logo des Blattes prangte, mit modernem Journalismus aber in etwa so viel zu tun hatte wie 1860 München mit der Champions League. Irgendwie war das damals faszinierend zu beobachten, wie sich ein Blatt mit so viel beharrlicher Konsequenz selber ruinierte. In den Leitartikeln ließ man sich schon mal ganz altväterlich über Afghanistan aus und wenn man Studenten oder Volontären zeigen wollte, wie Zeitungen in den 80er-Jahren aussahen, ein Griff zur AZ war da immer eine gute Entscheidung.

Heute kamen dann wieder eher unschöne Nachrichten aus der Redaktion des ohnehin gebeutelten Blatts: 22 Stellen werden in der Redaktion abgebaut, bei einer Gesamtzahl von rund 80 Stellen also nahezu ein Viertel. Ein Aderlass, wie man ihn bei einer deutschen Tageszeitung bisher noch nicht gesehen hat, der gleichwohl (trotz aller irgendwie rührenden und eher hilflosen Appelle des BJV, die Entscheidung nochmal zu überdenken) aber exemplarisch sein dürfte für das, was uns in der Branche in den kommenden Jahren noch erwartet.

Es war also nicht so wirklich überraschend, was da passierte, trotzdem hat es mich weitgehend ratlos zurückgelassen: Wenn ein Blatt so stark und konsequent sich auf die neuen Zeiten einlässt und trotzdem scheitert — welche Chancen haben Tageszeitungen dann überhaupt noch? Noch weniger, als sogar notorische Berufsskeptiker wie ich ich bisher dachten?

Die AZ-Chefredaktion, die wie gesagt am allerwenigsten dafür kann, hat verlauten lassen, auch mit weniger Redakteuren ein qualitativ hochwertiges Blatt zu machen. Sie klang dabei so glücklich wie Politiker, die nach einer krachenden Wahlniederlage ankündigen, eine starke und kritische Opposition zu sein.

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Schiffeversenken zwischen Theorie und Wirklichkeit

8. März 2010 - 21:46 Uhr

Mittlerweile ist man ja wenigstens so weit, dass es kein Zeitungshaus und keinen Verlag mehr gibt, der ernsthaft noch die Notwendigkeit eines mehr oder weniger schnellen Wechsels in die digitale Welt bestreitet. Erstaunlich ist eines aber dann doch: Fast nirgendwo ist die Diskrepanz zwischen theoretischem Schein und praktischem Sein so groß wie in den deutschen Verlagen.

“Burn the boats” empfiehlt beispielsweise Marc Andreessen den Verlagen: Trennt euch von euren althergebrachten Geschäftsmodellen. Seht endlich nicht nur ein, dass die Tage des bedruckten Papiers zu Ende gehen, sondern handelt auch danach. Und handelt schnell, weil ihr sonst untergeht. “In particular, he was talking about print media such as newspapers and magazines, and his longstanding recommendation that they should shut down their print editions and embrace the Web wholeheartedly”, heißt es bei “Techcrunch” — und genau davon kann bei uns leider immer noch keine Rede sein. Weder mit vollem noch mit halbem Herzen: Für die meisten ist die Digitalisierung immer noch ein Albtraum, von dem sie möglichst schnell aufzuwachen hoffen.

Eine sehr exemplarisches Verhalten habe ich unlängst beobachtet: ein Verlag, der von sich selbst behauptete (O-Ton) “ziemlich weit” auf dem Weg in die digitale Zukunft zu sein. Theoretisch klang das, was man mir erzählte, dann auch gar nicht mal so abwegig. Dann aber kam der Praxischeck: ein vernünftiges, crossmediataugliches CMS? Fehlanzeige.  Eine stringente mehrkanalige Strategie? Nicht die Spur. Onlinetaugliche, onlinegebriefte, onlineaffine Redakteure? So etwas Bizarres wie eine App? Man denke drüber nach, ja (spannende Idee, nachdem es die Dinger ja inzwischen gerade mal erst ein gutes Jahr als Massenprodukt gibt). Eine Strategie für freie und womöglich bezahlte Inhalte? Nichts, rien, nada. Die Idee, man sei “ziemlich weit” in Sachen digitale Zukunft, muss sich also demnach aus der Tatsache gespeist haben, dass man eine Webseite und schon mal entfernt davon gehört hat, was “social media” ist (was “Twitter” ist, wussten dann aber von 20 doch nur 2).

Es ist diese fabelhafte Ignoranz, die immer wieder erstaunt. Es ist ja nicht nur dieser eine erwähnte Verlag, bei dem die Eigenwahrnehmung und die Realität in Sachen Onlinemedien meilenweit auseinanderklaffen. Die meisten Webseiten deutscher Verlage sind immer noch in einem Zustand, der ihren Besuch eher wenig verlockend macht. Man legt sich eine Fan-Seite bei Facebook zu und meint dann, man sei im Zeitalter neuartiger Kommunikation angekommen. Einen Grund, warum man von irgendetwas Fan sein sollte, liefern sie leider nicht mit. Die Online-Abteilungen sind sehr häufig Feigenblätter, ein absurdes Missverhältnis in der personellen Besetzung zwischen Print und Online immer noch eher die Regel denn die Ausnahme.  Ich weiß aus dem Stand fünf Tageszeitungen, bei denen 100 Leute in der Printredaktion arbeiten — und drei online. Und immer noch gibt diese weit verbreitete und merkwürdige Grundhaltung, das “Kerngeschäft” seien die gedruckten Werke, weil man das ja zum einen richtig gut könne und zum anderen in diesem elenden Web kein wirkliches Geld zu verdienen sei (“Wir verschenken nichts”, hat mir jetzt jemand mal im Brustton der Überzeugung und der ehrlichen Entrüstung gesagt).

Sie versenken ihre Boote nicht, weil sie nicht wollen. Die meisten versenken sie nicht, weil sie es immer noch nicht verstanden haben.

Wollen wir 2015 nochmal schauen, was von ihnen übrig geblieben ist?

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Zeitung im Selbstzerstörmodus

6. März 2010 - 12:35 Uhr

Gerade eben wollte ich ernsthaft eines meiner niederbayerischen Lokalblätter als E-Paper kaufen. Draußen schneit es wie doof, meine Lust, in den nächsten Laden zu fahren, ist bei Null — und außerdem könnte mich die Geschichte, um die es geht, wirklich interessieren, ich würde sie gerne irgendwo archivieren. Und dafür ist das e-Paper-Format ja ohnehin besser geeignet als ein Stück Papier, das irgendwann vergilbt und ziemlich unübersichtlich in Stapelform in Baumarktregalen im Kellerarchiv landet.

Zwei Klicks also, um ans Ziel zu kommen, Abrechnung via Click&Buy — das schien mir ein akzeptabler Weg, ums an Ziel zu kommen (eingedenk der manchmal etwas arg merkwürdigen Bezahlvorgänge bei anderen Anbietern). Und beinahe, aber eben nur: beinahe hätte ich auch auf den Kaufen-Button geklickt, wäre mir nicht noch was nur so mittelgroß gedrucktes aufgefallen:

Ach, ich darf mir die Zeitung quasi nur ausleihen? Danach geht sie dann in Selbstzerstörmodus?

Und irgendwie werde ich das Gefühl ja nicht los, dass der Verlag den Satz, den er da auf der selben Webseite bringt, ziemlich ernst meint:

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Menden und München

2. März 2010 - 21:44 Uhr

Irgendwann ziemlich zu Beginn des Jahres bin ich auf einem Seminar gefragt worden, ob ich es für denkbar hielte, dass wir das amerikanische Zeitungssterben auch in Deutschland sehen würden — und ich habe, ohne lange nachzudenken, geantwortet: Ja, ganz sicher. Danach kam die Nachfrage, ob das schon in diesem Jahr passieren würde. Und ich habe, ebenfalls ohne lange nachzudenken, geantwortet, dass ich mich nicht auf die Zahl 2010 festlegen wolle, mir aber sicher sei, dass spätestens 2011 die ersten Blätter zusperren.

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In Menden ist es jetzt passiert. Die kleine “Mendener Zeitung” wird kurz vor ihrem 150. Geburtstag dicht gemacht. Man mag sich darüber amüsieren und sich fragen, wie man ernsthaft ein kleines Lokalblatt mit einer Auflage knapp überhalb der 6000 als Menetekel für die Zeitungslandschaft heranziehen kann. Genauer besehen ist die “Mendener Zeitung” aber nicht einfach nur ein kleines Lokalblatt, sondern eine der vielen Beteiligungen des Münchner Großverlegers Dirk Ippen. Hinter Ippen steckt genügend Geld und Substanz, ein Blatt auch mal durch eine kleine Krise zu führen. Wenn man sich  dort dafür entscheidet, die Zeitung zuzumachen, muss man von der Sinnlosigkeit des bisherigen Tuns schon sehr überzeugt gewesen sein.

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München ist nicht Menden und die SZ ist natürlich nicht die “Mendener Zeitung”. Dennoch kommt nahezu zeitgleich die Nachricht, dass bei der SZ die nächste Entlassungsrunde ansteht. Man verbrämt das inzwischen auch nicht mehr weiter, sondern nennt es so wie es ist:  Entlassungen. 14 Stellen sind demnach in der Redaktion hinfällig, die Hälfte davon in der Mantelredaktion. Dabei ist es ja nicht so, dass es der SZ mit ihrer Auflage schlecht ginge.

(Quelle: Meedia.de)

Die Zahl der Abonnenten ist im vergangenen Jahr stabil geblieben, die Rückgänge im Einzelverkauf sind auch nicht schlimmer als anderswo. Die Probleme sind also nicht die, die man vordergründig betrachtet gerne mal für den Niedergang von Zeitungen verantwortlich macht: Es ist keineswegs so (der Verdacht wurde ebenfalls bei eingangs erwähntem Seminar geäußert), dass “die Leute” nicht mehr gerne lesen oder gar im Internetzeitalter nicht mehr in der Lage seien, sich länger als ein paar Minuten auf einen Text zu konzentrieren. Dass die Leserschaft auch bei der SZ (und: nahezu allen anderen) langsam erodiert, ist unbestritten, aber von einer massiven Abkehr der Leser vom Medium Zeitung zu sprechen, stimmt ganz einfach nicht.

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Warum also macht die “Mendener Zeitung” dicht, warum kürzt die personell ohnehin schon gebeutelte SZ nochmal 14 Stellen? Und warum kann man darauf wetten, dass man Nachrichten wie diese in den kommenden Wochen, Monaten, Jahren noch sehr viel öfter hören wird?

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Erster Grund: Das Geschäftsmodell Tageszeitung hat sich überlebt. Es ist ein Anachronismus aus analogen Zeiten. Es ist teuer (sowohl in der Produktion als auch für den Endverbraucher), es ist starr, unflexibel, langsam. Es hat gar nicht mal viel mit der gescholtenen Kostenlos-Mentalität im Netz zu tun, wenn man eine simple Rechnung aufmacht: Leistet man sich  zwei Tageszeitungen (sagen wir: die SZ und eine Regionalzeitung), ist man schnell mit rund 900 Euro im Jahr dabei. Liest man womöglich dann noch was anderes (sagen wir: Zeit und Spiegel), sind das aufs Jahr gerechnet mal eben 1300 Euro, die man alleine für Zeitungen auf den Tisch legt. Das ist angesichts der Tatsache, dass man inzwischen im Web auch hochwertigste Inhalte kostenlos oder eben deutlich günstiger bekommt, eine Größenordnung, bei der man auch als bekennender Zeitungsleser schon mal nachdenken darf. Bevor jetzt alle aufschreien: Ich finde natürlich auch, dass sich ordentlicher Journalismus irgendwie finanzieren muss. Ich staune nur manchmal über den Starrsinn in den Verlagen: Gibt es also ernsthaft kein Geschäftsmodell, dass sich ohne die unwahrscheinlich teure Produktion von Zeitungen rechnet? Immerhin kostet eine Druckstraße ja mal eben ein paar Millionen und die Drucker und das Papier und das Zeug auf Lastern durch die Gegend fahren ist auch nicht ganz billig. Schon mal drüber nachgedacht, was man sich mit digitalem Vertrieb und digitaler Produktion so alles sparen könnte? Eben.

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Jeden Tag leide ich ja irgendwie. Jeden Tag landet eine Menge Papier unberührt und schuldig im Altpapier. Das tut mir angesichts der vielen toten Bäume in der Seele weh und außerdem muss der Krempel dann auch noch entsorgt werden. Aber mal im Ernst: Ist es wirklich zeitgemäß, dass ich als Zeitungsleser ungefähr 70 Pozent Zeugs mitgeliefert bekomme, von dem ich weiß, dass es mich eh nicht interessiert? Nein, nicht weil die Inhalteauswahl der Redaktionen so gruselig schlecht wäre. Es gibt nur Themen und Ressorts, die sind mir völlig egal und ich werde sie in tausend Jahren nicht lesen. Curling zum Beispiel; ich lese ja sonst fast alles, was im Sport steht. Aber wenn ein paar Menschen mit einem Besen übers Eis rutschen, ist meine Schmerzgrenze erreicht. Die Autoseiten nehme ich immer zum Fisch einwickeln, weil mir Autos herzlich egal sind. Und bei ein paar anderen Seiten weiß ich ebenfalls jetzt schon, dass ich gar nicht darüber nachzudenken brauche. Ich kann also mein Blatt leider nicht personalisieren, obwohl ich im Zeitalter des Informationsoverkills genau weiß, dass es kaum etwas gibt, was wichtiger wäre, wenn ich nicht in der Flut jämmerlich ersaufen will. Dass man also jeden Tag ein Produkt bekommt, von dem man eh die Hälfte nicht nutzt/nicht nutzen kann, ist möglicherweise ein zweiter Grund, warum man dafür nicht allzu viel Geld ausgeben will.

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Und dann gibt es da auch noch nicht nur den bösen, zahlungsunwilligen und auch sonst so eher störrischen Leser. Viel schlimmer: Es gibt Kunden, die mit ihrer Werbung eine Zeitung erst finanzieren. Ihre Gründe, mit ihrer Werbung und ihrem Geld noch zur Zeitung zu gehen, werden mit jeder verlorenen Zeitung Auflage und demnach mit jedem Tag weniger. Ein produktionsaufwändiges teures Produkt und eine immer kleiner werdende Basis an Finanziers — man kann rechnen, wie lange das noch gut geht.

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Zeitungsbashing? Nein, wirklich: Ich mag Zeitungen und ich finde es schade, wenn es sie eines Tages nicht mehr geben sollte. Leider ist das so ziemlich der einzige Grund für mich, warum ich sie noch lese.

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