Archive for the ‘IN EIGENER SACHE’ Category
Der Blog-Blick von der Tribüne
Hier war es etwas ruhiger in den letzten Tagen – was aber keineswegs daran lag, dass ich die Lust am bloggen verloren hätte. Im Gegenteil, es gibt seit Donnerstag noch ein zweites Blog, der eine oder andere hat es mitbekommen. Nicht hier, sondern drüben bei der “Abendzeitung” in München.
Es geht um – nein, nicht um Medien und auch ansonsten um kein Thema, das man übermäßig ernst und mit dem etwas nörgelnden Grundton dieser Seite hier abgehen müsste. Es geht um ein Thema, dem ich schon viele ziemlich lacherfüllte Tage und Abende zu verdanken habe: Fußball.
Fußball und lachen, das soll zusammen gehen? Ja, das geht. Ich mag den Sport und ich kann mich auch ganz schön reinzittern, wenn es um etwas geht (diejenigen, die im Sommer mit mir in Johannesburg im Stadion bei Deutschland-Ghana waren, wissen was ich meine). Aber ich kann mich auch prächtig amüsieren, über schrecklich alberne Interviews, über britische Torhüter, über meinen Lieblingsverein 1860 München. Und über Lothar Matthäus. Wir dürfen den Sand jetzt nicht in den Kopf stecken.
Für mich persönlich hat das etwas Entspannendes. Ja, Fußball ist Showbusiness, Fußball ist banal. Aber Fußball ist eben auch: Bier statt Rotwein, Trikot statt Sakko, lustige Fangesänge statt tiefschürfender Debatten. So soll auch das “Tribünenblog” bei der AZ sein. Mit wenigstens ein bisschen gebotenem Ernst, aber eben auch mit Spaß, mit einem etwas anderen, ironisch-distanzierten Blick auf die Dinge. Die Analyse eines einszunull werden Sie dort nie lesen.
Aber ganz bestimmt sehr viel über Lothar Matthäus.
Fünf Jahre als Blogger
Dieses Blog feiert Geburtstag, heimlich, still und leise. Normalerweise sind mir irgendwelche Geburtstage (auch mein eigener) und Jubiläen eher egal. Und an sich denke ich auch nicht, dass man das fünfjährige Bestehen eines Blogs feiern muss, aber angesichts dieses unglaublichen Jahrestags sind mir doch ein paar Erinnerungen durch den Kopf geschossen — vor allem deswegen, weil mir diese fünf Jahre rückblickend zeigen, wie rasant sich alles verändert in diesem ganzen Mediendingsbumms.
Auf die Idee eines Blogs bin ich ca. 3 Uhr nachts gekommen. Weil ich nicht schlafen konnte, es war eine dieser Sommernächte in München, in denen es elendig heiß ist, man eigentlich müde wäre und vor lauter Hitze trotzdem nicht schlafen kann. Keine Ahnung, wie und warum — aber auf einmal schoss mir der Gedanke eines eigenen Blogs durch den Kopf. Im Nachhinein betrachtet finde ich die Ursache dafür ziemlich bezeichnend für all das, was den Reiz des Bloggens ausmacht. Ich machte damals den vermutlich langweiligsten Job meines Lebens und litt ernsthaft unter einem Unterforderungssyndrom. In dem Haus, in dem ich damals arbeitete, bewegte sich ungefähr nichts und im Grunde genommen gab es nur zwei Möglichkeiten: entweder den Gedanken ans Publizieren aufgeben und sich einem interessanten Hobby wie Fliegenfischen zu widmen. Oder aber die verkrusteten Strukturen eines Hauses komplett hinter sich zu lassen, die dort verbleibende Restzeit abzusitzen und sich mit dem Kopf eher etwas anderem widmen. Etwas eigenem. Einer Sache, in der nicht unzählige hinderliche Instanzen und Hierachien auftauchen. In der es nicht den Satz “Das haben wir noch nie gemacht” als Standardsatz gibt. Wenn man so will also eine Art Befreiung aus einer für den Journalismus gar nicht untypischen Totalstarre. Was gibt´s für einen Journalisten schöneres?
Natürlich war die Idee nie, so etwas fünf Jahre zu machen. Die Idee war: probier´s aus und dann siehst du schon. Das Lustige daran ist für mich bis heute noch, dass ich dieses Blog eigentlich immer nur für mich geschrieben habe und beinahe schockiert war, als irgendwann mal nach einem halben Jahr der erste Kommentar eintrudelte. Huch, dachte ich: Da liest ja jemand mit. Noch heute erschrecke ich immer wieder, wenn ich bemerke, dass doch einer oder zwei mitlesen. So richtig ist mir immer noch nicht klar, dass es Menschen gibt, die dieses Blog wirklich regelmäßig verfolgen. Aus dem einen Kommentar von damals sind inzwischen übrigens über 1800 geworden, was vielleicht im Vergleich zu den großen Blogs der Szene lächerlich wenig ist. Ich freue mich trotzdem ganz fürchterlich drüber. Ich meine, es ist ähnlich wie beim neuentdeckten Flattrn: Man freut sich, weil man es als eine Art Anerkennung wertet. Jeden Kommentar, der hier erscheint, werte ich für mich als eine Art Anerkennung. Sogar die, in denen ich beschimpft werde. Immerhin macht sich jemand die Mühe, sich mit dem, was ich hier schreibe, auseinanderzusetzen und etwas dazu zu hinterlassen. Das Gefühl hatte ich in meinen früheren Redaktionen nicht immer.
Natürlich kann man von der Anerkennung und den Kommentaren nicht leben, aber das war auch nie die Idee hinter diesem Blog. Warum machst du das dann, bin ich mehr als einmal gefragt worden. Zum einen: ja, weil es auch nach fünf Jahren immer noch enorm Spaß macht und die Unabhängigkeit und die Freiheit eines solchen Blogs für mich immer noch unersetzlich sind. Und zum anderen, das gebe ich gerne zu: Über diese Seite sind Aufträge reingekommen. Ganz konkret, messbar, nachvollziehbar. Insofern hat sich die Arbeit an dieser Seite schon wieder gerechnet, auch wenn ich das vor fünf Jahren für völlig undenkbar gehalten hätte.
Ich hatte übrigens noch nie so viel Kontakt zu Lesern/Hörern/Zuschauern wie mit dieser Seite. In absoluten Zahlen gemessen bewegen sich die Nutzer des Blogs natürlich im Vergleich zu meinen früheren Jobs in homöopathischen Dosen. Aber darum geht es nicht. Ich kriege sofort und unmittelbar Feedback, ungefiltert, ehrlich — und häufig auch mal völlig entgegengesetzt zu meinen Ideen. Trotzdem hatte ich bisher fast immer das Gefühl, aus Debatten hier schlauer raus- als reingegangen zu sein. Witzige Erlebnisse gab´s zudem. Ich erinnere mich, als ich mal in Berlin auf einer Veranstaltung neben jemanden saß, der gerade über seinen RSS-Reader einen Beitrag von mir bekam. Das fand ich amüsant zu beobachten, zumal ich die Vorstellung witzig fand, dass der arme Mensch jetzt gerade etwas liest, ohne zu wissen, dass der Autor direkt neben ihn sitzt. Ich hab´ihn dann kurz darauf aufgeklärt. Der Typ war übrigens Markus Hündgen, von Beruf Videopunk.
Ein ungeheuer komplexer und langwieriger Vorgang war der Einbau meines ersten Fotos. Das muss so vor ungefähr viereinhalb Jahren gewesen sein. Ich erinnere mich verschwommen an eine ungemein lange und schwierige Handlungsanweisung, die mir ein WordPress-Spezialist damals zukommen ließ (Version 1.irgendwas). Heute debattieren wir über Fotos, Videos, Audios gar nicht mehr. Im Grunde könnte ich aus dieser Seite auch ein richtiges Onlinemagazin machen, ohne dass es mich einen Cent kosten würde. Ich befürchte, das haben viele aus den Holzmedien immer noch nicht begriffen: Die Produktionsmittel liegen heute für jeden kostenfrei im Netz rum, um mal den guten alten Marx zu bemühen. Ich brauche keine Druckerei, keinen Sender. Ich brauche einen Rechner und einen Provider. Diese Erkenntnis ist inzwischen uralt, ich finde sie dennoch jeden Tag immer wieder atemberaubend.
Nochmal fünf Jahre? Ich habe keine Ahnung. Auf der ersten Blick kommt mir das ungemein lange vor und irgendwie mag ich mir nicht vorstellen, ein Jahr nach der Fußball-WM 2014 immer noch hier zu sitzen und zu schreiben, zu fotografieren, zu filmen und dann zu bloggen.
Auf der anderen Seite: Fünf Jahre mache ich das jetzt schon. Immer noch ausgesprochen gerne. Und bitte nicht böse sein, liebe Ex-Arbeitgeber, aber ich kann mich an keinen einzigen Job erinnern, wo ich das nach fünf Jahren immer noch von mir hätte behaupten können.
Flattrate
Achtung, es wird für einen Moment persönlich: In den letzten 24 Stunden, seit dieser Flattr-Button drauf ist, sind hier sechs Flattr-Klicks eingegangen. Ich hab´ mich gefreut wie Bolle. Nein, nicht wegen der zu erwartenden Einnahmen im 1,50-Euro-Bereich. Sondern weil so ein Flattr-Klick irgendwie ein schöneres Gefühl ist, als früher das Lob vom Chef. Ich meine, da sagt jemand freiwillig: Doch, dein Text ist mir was wert.
Da bloggt es sich gleich noch viel lieber, ganz ehrlich.
Und danke an die sechs Unbekannten.
Flattr – ein Selbstversuch
Bevor Sie darauf kommen, gebe ich es lieber gleich zu: Ja, ich widerspreche mir selbst. Ich hatte auf dieser Seite angekündigt, nicht mitflattrn zu wollen, meine eigene Argumentation dagegen dürfen Sie gerne hier nachlesen (und mich dann als inkonsequent beschimpfen). Aber man soll ja nicht über Dinge reden, die man im Grunde gar nicht kennt. Also habe ich die Gelegenheit genutzt, dass mir jemand freundlicherweise eine Einladung zukommen hat lassen. Demnach: ausprobieren.
Ich erwarte mir von diesem Button keine wirklich nennenswerten Einnahmen. Und meine generellen Bedenken sind auch noch nicht restlos verschwunden. Aber nachdem ich für den “journalist” eine Geschichte darüber geschrieben habe (mit dem Tenor, davon keine nennenswerten Einnahmen zu erwarten), finde ich so einen kleinen Selbstversuch ganz interessant. Obwohl ich mir ja — zugegeben — immer noch komisch vorkomme, meinen Lesern quasi eine dezente Zahlungsaufforderung zukommen zu lassen. Und weil ja auch immer noch das immense Risiko besteht, dass am Ende einer Flatttr-Monatsabrechnung eine dicke, fette “null” steht. Was wiederum bedeuten würde, dass keinem Menschen kein Text auch nur einen Cent wert war, was — ebenfalls zugegeben — etwas ernüchternd wäre. Der Lackmustest für ein Blog via Flattr.
Falls Sie wissen, was Flattr ist: hier aufhören zu lesen und schon mal meinen Dank für den einen oder anderen Klick entgegennehmen.
Falls Sie es nicht wissen: Um einen Beitrag oder eine ganze Seite flattrn zu können, müssen Sie selbst einen Account bei Flattr haben. Dort legen Sie sich ein Guthaben an, das Sie dann mit einem Minimum von 2 Euro monatlich ausgeben können. Der Wert Ihres Klicks richtet sich nach der Zahl der Klicks im Monat. Wenn Sie also nur einmal im Monat klicken, ist Ihr Klick 2 Euro wert. Klicken Sie zehnmal, sind es noch 20 Cent. Alles andere können Sie sich leicht ausrechnen.
Und wenn Sie gar nicht flattrn wollen: Selbstverständlich dürfen Sie dieses Blog auch dann gerne weiterlesen.
Tief im Westen (7): Dinslaken
Die Zeche Lohberg liegt inzwischen seit fünf Jahren still und zumindest in ihrem Inneren hat sich seit der Stillegung fast nichts verändert. Wenn man also man die seltene Möglichkeit hat, das Innere dieser ehemaligen Zeche zu betreten, die Kauen, die engen Gänge, dann sollte man das unbedingt nutzen. Von einer sehr eigenen Ästhetik einer solchen Industriebrache abgesehen, ist es ein merkwürdiges Gefühl, wenn man sich mit Spiegelreflex und Videokamera durch diese Hallen schleicht und über jedes Geräusch, das man verursacht, erschrickt. Dabei muss hier noch vor wenigen Jahren enorm Lärm geherrscht haben, müssen hier Männer schwitzend und fluchend ihren Knochenjob verrichtet haben (also, ich stelle mir das zumindest so vor). Im Schwarzbereich der Kauen liegen immer noch dicke, schwarze Staubschichten, auch jetzt, Jahre später noch. Wer hier reingeht, nimmt Staub mit, so viel ist sicher.


Es sind die Kleinigkeiten, die sichtbar machen, wie irrsinnig es ist, eine solche Zeche einfach zuzumachen (nicht ökonomisch, aber aus jeder anderer Hinsicht heraus). Am Boden liegen noch alte Mülläscke, ein Besteckkasten, eine alte Schutzbrille. Man hat mitten im laufenden Betrieb zugemacht, Menschen aus ihrem Arbeitsleben gerissen. Noch heute, so erzählen inzwischen die Leute, die als Künstler und Kreative aus der alten Zeche das Kreativquartier Lohberg gemacht haben, kommen sie vorbei, die ehemaligen Kumnpels, schauen sich ihre Zeche an, ihr Leben — das untrennbar mit diesen Gebäuden verbunden ist, und wenn dort noch so gähnende Leere herrscht. Vielleicht meine spannendsten Eindrücke von diesen gut eineinhalb Wochen im Pott, die morgen zu Ende gehen. Möglicherweise haben insbesondere die letzten Tage mein Bild vom Ruhrgebiet doch noch einmal ein bisschen verändert. Nein, ich finde die Gegend nach wie vor nicht “schön” im Sinne des Wortes. Aber genauerer Blicke wert. (In dem Zusammenhang, ich glaube, ich bin da mehrfach missverstanden worden: Ich mag die Menschen hier durchaus, was mich stört sind eher Architektur, das ewige Grundgrau der Städte und das Wetter. An einem Kiosk — ich glaube man nennt das hier Bude — einzukaufen ist dafür erheblich unterhaltsamer als in München).
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Natürlich haben wir hier wieder eine ganze Menge produziert auf unsere zehn Tage. Wir wollten möglichst viel multimedial erzählen, was zur Folge hat, dass unsere kleine Seite irgendwie einen leichten Überhang hat an Audioslideshows, Animationen, Videos, Audios. Ein paar dieser kleinen Highlights würde ich Ihnen gerne ans Herz legen, ohne Wertung, einfach nur so (und natürlich auch, weil sie spannnde Geschichten erzählen):
- Suche Wohnung, biete Kunst: Charlotte Horn und Ronja von Wurmb-Seibel in einer Flash-Animation über die bewohner eines Hochhhauses, die für 365 Tage Teil des lebendes Kunstwerks sind.
- Ein Fluss als Kulturquell: Verena Zimmermann, Charlotte Potts & Daniel Krawinkel zeigen Kunst, Kommerz und Kurioses entlang der Emscher.
- Ein Quartier für Kreative: Sabrina Gundert und Katja Köllen mit Videos, Audios, Texte, Fotos über die Geschichte einer Zeche, die zum Kulturzentrum wird (mit einer Animation, gebaut mit der wirklich erstaunlichen Vuvox-Software).
Tief im Westen (7): Marxloh
Dass es mich gestern nach Duisburg verschlagen hat war Zufall. Aber natürlich sieht man die Stadt mit anderen Augen, wenn man die katastrophale Loveparade noch im Hinterkopf hat. Ein Plakat mit den Klitschkos am Hauptbahnhof mit dem Spruch “Mach dich fit für die Loveparade” wirkt drei Tage danach wie ein lächerlich-trauriger Zynismus. Sonst sieht man der Stadt nicht sehr viel an, was soll man ihr auch ansehen?
Man fährt, wenn man vom Hauptbahnhof nach Marxloh fährt, ohnedies in eine andere Welt. An die Loveparade hat man dort vermutlich schon vorher nicht viel gedacht, warum auch? Die Menschen hier haben andere Sorgen. Mustafa Tazeoglu ist Mitglied des “Medienbunkers Marxloh” erzählt in diesem kurzen Beitrag darüber, wie es sich anfühlt, dort zu leben, wo nach seiner eigenen Auffassung gar kein Duisburg mehr ist, sondern eben — Marxloh.
Einiges an neuen Beiträgen, keineswegs nur über Duisburg — wie immer hier.
Südafrika, 2010 (27): Epilog
Natürlich weiß ich, dass ich Sie mit meinen Erzählungen aus Südafrika lang genug genervt habe. Trotzdem, noch ein kleiner Nachtrag. Wir haben ja auch ganz klassisch analog dort gearbeitet und ein 64-Seiten-Printmagazin hergestellt (neben unserem Onlinemagazin. Ich kann sowas wie Print übrigens auch — und doch, das werde ich wirklich manchmal gefragt). Das Heft wird derzeit u.a. auf den Lufthansa-Flügen zwischen Johannesburg und Frankfurt an die Passagiere verteilt. Wenn man nicht gerade in den kommenden Tagen auf dieser Strecke fliegt, empfiehlt sich der Download als pdf.
Das Magazin ist zweisprachig und aufgeteilt in mehrere große Themenblöcke. Jeder Block wurde von einem Journalisten aus Deutschland und einem afrikanischen Kollegen bearbeitet. Jeder Beitrag stellt jeweils die Sichtweise des Kollegen aus dem jeweiligen Kontinent dar. Ich glaube, dass das Ergebnis wirklich lesenswert ist, die Beteiligten finden Sie im Impressum (für den Fall, dass Sie sich für die eine oder andere Geschichte in Ihrer Redaktion interessieren).
Außerdem hat die wundebare, großartige Josephine Landertinger eine sehr schöne 15-Minuten-Dokumentation gedreht und online gestellt, bei der ich jedesmal Gänsehaut habe, wobei ich zugebe, dass das vermutlich dem Umstand geschuldet ist, dass großartige Erinnerungen an eine fantastische Zeit hochkommen.
Genug geschwärmt — wenn Sie bei Lektüre und Film wenigstens ein bisschen ein Gefühl für dieses Land entwickeln, dann bin ich schon zufrieden.
Tief im Westen (6): Die letzten Stunden der Loveparade

Es gibt Momente, in denen hält man eine Nachricht, die man bekommt, erst einmal für einen absurden Witz, so unfassbar klingt sie. So war es am Samstag, als bei uns, die wir irgendwo entlang der Emscher radelten, Anrufe von zwei Kolleginnen eingingen, die lieber zur Loveparade wollten als an die Emscher: Eine Massenpanik sei ausgebrochen, die Rede sei von zehn Toten, der Weg zum Bahnhof sei versperrt. Wir hatten am Mittag noch besprochen, wie wir die Loveparade darstellen wollen, ursprünglich hatten wir an eine “normale” Reportage gedacht, Video schien uns angesichts der zu erwartenden Menschenmengen absurd, da wir zwar gute, fernsehtaugliche Kameras dabei haben, aber keine Teams — und jeder so multimedial wie möglich arbeiten soll. Ich habe den beiden Kolleginnen dann meine Flip in die Hand gedrückt und ihnen gesagt, dass sie ja auch dann gut funktionieren würde, wenn es mal eng würde (dass diese Bemerkung kurz darauf bittere Ironie werden würde, konnte man ja nicht ahnen).
Inzwischen haben wir das Material nochmal gesichtet und festgestellt, dass es mehr kann als die Dokumentation des Schrecklichen. Die Bilder, die Charlotte Potts und Wlada Kolosowa gedreht haben, zeigen, wie aus einem fröhlichen Fest eine Katastrophe wird – mit Ansage. Wie zunächst die ersten anmerken, in Berlin habe nicht so ein Gedränge geherrscht, wie die Polizei dann die Straßen sperrt und die Besucher auffordert umzudrehen — bis dann die ersten Zäune eingedrückt werden. Deswegen gibt es dieses Video, weil es mehr ist als die viel gesehenen Bilder einer bereits passierten Katastrophe. Diese Bilder zeigen das Entstehen einer Katastrophe und das ist mindestens genauso eindringlich.
Tief im Westen (2): Die Stadt ohne Gesicht
Es ist ja schon erstaunlich, wenn man irgendwo hinkommt und dann etliche seiner Vorurteile und Klischees über den Haufen werfen muss. Noch viel erstaunlicher ist es, wenn man ankommt – und seine Vorurteile bestätigt findet. Nun kann man nach einem knappen Tag an einem neuen Ort noch nicht unbedingt viel über eine Stadt sagen. Aber einen ersten Eindruck gewinnt man. Und wenn ich den für Essen zusammenfassen müsste, ich würde sagen: Viel habe ich von meinem ersten Blogeintrag zu meiner kleinen Exkursion in den Ruhrpott noch nicht zurückzunehmen.
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Die Herbert-Grönemeyer-Gutfinder unter Ihnen dürfen mich jetzt ruhig hassen, aber um ehrlich zu sein: Essen ist tatsächlich eine der hässlichsten Städte, die mir jemals untergekommen ist. Die Stadt hat nicht einmal ein hässliches Gesicht, sie hat gar keines. Was ich bisher gesehen habe: Straßenmonstren, die jeden Ansatz eines Stadtbildes rücksichtslos zerschneiden. Architektur, die man auf gar keinen Fall Architektur nennen darf. Die aus Zeiten stammt, in der man in radikaler Fortschrittsgläubigkeit irgendwann in den 60er- und 70er Jahren als Ausweis neuer wirtschaftlicher Potenz und vermeintlicher Modernität mitten in den Stadtkern gewuchtet hat. Und an vielen Stellen deutliche Spuren des Niedergangs: Schilder, die Läden als sofort zu mieten anpreisen, blätternde Fassaden, ein Straßenbild, das oft an eine merkwürdige Mischung aus den späten 80er Jahren und ganz vielen Cindys aus Marzahn, nur leider in echt, erinnert. Ballonseide und Jogginghosen gibt es hier immer noch, Trinkhallen auch – und an meinem ersten Abend hier bin ich mir nicht sicher, ob der durchschnittliche Pöttler hier nicht doch einiges ziemlich verklärt. Kann aber auch daran liegen, dass ich mit dieser wir-sind-alles-Kumpels-und-haben-ein-großes-Herz-Kultur, kurz dem gemeinen Grönemeyer noch nie viel anfangen konnte. Und natürlich weiß ich auch, dass das alles nach nur einem Tag nicht gerade sehr repräsentativ ist und dass es vielleicht sogar in Essen schöne Ecken gibt. Eventuell finde ich sie sogar.
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Hier sind wir, um die Besonderheiten des Ruhrpotts in Sachen Kultur herauszufinden. Nun gut, wir haben neun Tage Zeit, in vielen Gespräche und Vor-Ort-Terminen noch was anderes als Loveparade und Zollverein zu finden.
Tief im Westen (1): Ich und der Pott
Ab Freitag bin ich für zehn Tage in Essen und um es vorweg zu sagen: Mein Bild vom Ruhrpott, um den es in den eineinhalb Wochen gehen wird, ist vermutlich noch klischeehafter als das von Afrika. Nachdem ich allerdings auch in Südafrika wenigstens ein bisschen was dazu gelernt habe, bin ich halbwegs zuversichtlich, dass sich mein Bild vom Ruhrgebiet vielleicht doch noch ändert.
Liebe Grüße gehen von dieser Steelle erst einmal an Ewald Wenker, auch wenn ich ahne, dass er das hier nie lesen wird. Ewald Wenker war mein erster ernstzunehmender Deutschlehrer am Gymnasium und als ich das erste Mal den “Club der toten Dichter” gesehen habe, musste ich sofort an Wenker denken. Der war auch so: immer erst mal alles in Frage stellen, einen eigenen Kopf, einen eigenen Charakter und immer eigene Gedanken und Meinungen entwickeln (wem ich also ab und an auf den Keks gehen sollte, bitte wenden Sie sich vertrauensvoll an Herrn Wenker).
Der gute Herr Wenker war es dann auch, der uns in der 8. Klasse Max von der Grün zu lesen gab. Vermutlich habe ich in der 8.Klasse noch keinen Satz richtig verstanden, den ich damals lesen musste, weswegen wir gleich noch einen von der Grün hinterherbekammen (wenn ich mich richtig erinnere, waren es “Zwei Briefe an Pospischiel” und “Irrlicht und Feuer”). Beide fand ich weniger wegen der Sozialkritik interessant, als vielmehr wegen ihrer Beschreibung des Ruhrgebiets. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nie im “Pott”, hatte aber immer Bilder vor meinem inneren Auge. Von hart arbeitenden Männern mit geschwärzten Gesichtern, von Reihenhaussiedlungen irgendwo am Stadtrand von Dortmund. Von Frauen in Kittelschürzen und mit merkwürdigen Dauerwellen, die am Freitag abend auf ihre Männer warten, die mal eben noch in der Kneipe nebenan ihr Wochenendbier trinken. Kurz gesagt, von einer sehr eigenen Welt, die es eben nur dort und nirgendwo anders geben könnte.
Ich hoffe, Sie verzeihen mir dieses vollkommen unrealistische und naive Bild vom Pott; aber ich war damals 14 oder 15 und das wiederum ist auch schon wieder 30 Jahre her. Vielleicht durfte man das als 14jähriger in den 80er-Jahren auch denken. Von irgendwelchen Renaturierungen und von grüner Ruhr und blauem Himmel war damals nicht so sehr die Rede.
Was noch? Pils in kleinen Gläsern, Schnaps, Currywurst, Pommes. Rote Erde, BvB, Schalke, überhaupt: Fußball.
Man kann sich also leicht vorstellen, dass ich es erst einmal furchtbar gewollt fand, eine ganze Region, die in erster Linie aus baumwollunterhemdtragenden und pilstrinkenden Malochern besteht, zur “Kulturhauptstadt” zu erklären. Und überhaupt, was heißt hier Stadt, Metropole? Aus meiner klischeebeladenenen Sicht ist es zwar erstaunlich, wie viele Ausfahrten mit bekannten Städtenamen an eine einzige Autobahn passen. Und wie sehr man sich im Gewühl von Ruhrpottautobahnen verfahren kann. Aber dennoch habe ich den Pott (als Außenstehender) nie als eine Stadt, eine Region empfunden. Das kommt mir doch sehr konstruiert vor, irgendwie.
Ich verbinde mit dem Ruhrgebiet außerdem Beton. Viel Beton. Ein inniges Verhältnis zum Waschbeton. Viel Grau. Vor knapp zwei Jahren war ich mal in Bochum und habe innerhalb von wenigen Minuten das hier fotografiert (nein, ich habe nicht gesucht, bevor Sie fragen):



Klar, ich weiß, dass das alles furchtbar vorurteilsbeladen ist (soll´s ja auch erst mal sein). Aber als jemand, der in der Sonne aufgewachsen ist und der Sonne und Wasser quasi als Lebensgrundlagen betrachtet, sind das Anblicke, die zur Sofortdepression führen.
Das mit der Kultur habe ich auch noch nicht so genau verstanden. Am Wochenende bestand die Kultur darin, eine Autobahn zu sperren und die Leute darauf irgendwas machen zu lassen, worauf sie erstaunlicherweise irgendwas machten. Beispielsweise ein Picknick.
Zugegeben: Mit der vermeintlichen Kultur habe ich es auch nicht immer so sehr. Das mag also wirklich interessant werden, wenn ich mit Kultur und dem Ruhrpott zusammentreffe, noch dazu, wo ich immer noch unter dem Südafrika-Eindruck stehe und der Pott unfairerweise jeden Vergleich nur verlieren kann.
Gespannt bin ich trotzdem. Link auf die Seite folgt. Einträge hier im Blog auch. Ich bin ja lernfähig (hoffentlich).
Und bis dahin mache ich insbesondere das hier:






