Archive for the ‘LESETIPP’ Category
Neue Formate: klein, praktisch,gut
Journalismus im Netz – das heißt nicht nur, bisherige Inhalte vom Analogen ins Digitale zu bringen. Sondern auch: Jounalismus neu zu denken, neue Formate für neue Plattformen zu entwickeln. Das funktioniert bisher teilweise nur leidlich und wirkt häufig auch sehr bemüht. Bei der iPad-App des “Spiegel” beispielsweise muss ich immer wieder lachen, wie man dort versucht, irgendein Video zu irgendeinem Text dazuzupacken. sofern es sich denn inhaltlich auch nur ein kleines bisschen vertreten lässt. Das nennt man dann multimedial und interaktiv, tatsächlich ist es die Suche nach der Antwort auf die Frage, wie denn jetzt Journalismus der Zukunft aussehen kann.
Dabei kommt die Veränderung wie immer von den Rändern. Im Netz sind schon lange viele gute, neue, dem Medium gerechte und innovative Darstellungsformen zu sehen. Die Kollegen vom “journalist” haben sich die Mühe gemacht, eine kleine Liste mit solchen Formen zusammenzustellen: von der interaktiven Zeitleiste bis zum charmant unaufwändig produzierten Video. Was man daraus (mal wieder) lernen kann: Jedes Medium hat seine eigenen Formen — eins zu eins rüberziehen funktioniert nicht.
Ganz ungefragtnoch ein schönes Beispiel aus unserem Südafrika-Projekt, wie man mit (guten) Fotos, ein paar O-Tönen und Musik eine athmosphärische Slideshow macht, die so eben nur im Netz funktioniert:
Augenzeugen-Apps
Es gibt eine App fürs ipad, die ich Ihnen gerne wärmstens an Herz legen will: Eyewitness vom “Guardian”. Jeden Tag gibt es ein (wirklich nur: eines!) neues Foto, ein Reportagefoto, das eine Geschichte erzählt. Großartige, wunderbare Bilder, wie man sie leider viel zu selten zu sehen bekommt.
Und ganz nebenher glaube ich, dass das eine kluge Idee vom “Guardian” ist – eine App, die sich die großartigen Darstellungsformen des iPad-Displays zunutze macht, die schöne, Inhalte liefert und letztendlich auch dafür sorgen könnte, dass der eine oder andere sich überlegt, dass dieses Blatt, das es übrigens auch gedruckt gibt, gar nicht so schlecht ist.
Für diejenigen, die auch ohne iPad diese Bilder sehen wollen: Es gibt sie auch ganz normal online. Für die Fotografen unter Ihnen: Neben jedem Bild steht noch ein kurzer Pro-Tipp, der beschreibt, wie der Fotograf technisch an diese Aufnahme herangegangen ist.
Die Loveparade und die Selbstgerechten
Das ist wohl so: Seit einer Woche wissen wir Journalisten genau, was die Verantwortlichen der Loveparade alles falsch gemacht haben. Und wie man die Katastrophe schon im Vorfeld verhindern hätte können, hätte man nur auf die Journalisten gehört. Stefan Niggemeiers Beobachtungen eines leider ziemlich selbstgerechten Standes.
Südafrika, 2010 (27): Epilog
Natürlich weiß ich, dass ich Sie mit meinen Erzählungen aus Südafrika lang genug genervt habe. Trotzdem, noch ein kleiner Nachtrag. Wir haben ja auch ganz klassisch analog dort gearbeitet und ein 64-Seiten-Printmagazin hergestellt (neben unserem Onlinemagazin. Ich kann sowas wie Print übrigens auch — und doch, das werde ich wirklich manchmal gefragt). Das Heft wird derzeit u.a. auf den Lufthansa-Flügen zwischen Johannesburg und Frankfurt an die Passagiere verteilt. Wenn man nicht gerade in den kommenden Tagen auf dieser Strecke fliegt, empfiehlt sich der Download als pdf.
Das Magazin ist zweisprachig und aufgeteilt in mehrere große Themenblöcke. Jeder Block wurde von einem Journalisten aus Deutschland und einem afrikanischen Kollegen bearbeitet. Jeder Beitrag stellt jeweils die Sichtweise des Kollegen aus dem jeweiligen Kontinent dar. Ich glaube, dass das Ergebnis wirklich lesenswert ist, die Beteiligten finden Sie im Impressum (für den Fall, dass Sie sich für die eine oder andere Geschichte in Ihrer Redaktion interessieren).
Außerdem hat die wundebare, großartige Josephine Landertinger eine sehr schöne 15-Minuten-Dokumentation gedreht und online gestellt, bei der ich jedesmal Gänsehaut habe, wobei ich zugebe, dass das vermutlich dem Umstand geschuldet ist, dass großartige Erinnerungen an eine fantastische Zeit hochkommen.
Genug geschwärmt — wenn Sie bei Lektüre und Film wenigstens ein bisschen ein Gefühl für dieses Land entwickeln, dann bin ich schon zufrieden.
Stecker raus, Flipboard rein
Diese Geschichte um das Aus des FAZ-Blogs “Ctrl-Verlust” war für mich eine der interessantesten Belege dafür, dass das mit der Meinungsführerschaft im Netz und in unserer so wunderbar pluralen digitalen Welt auch nicht sehr viel anders funktioniert als im echten Leben. Und dass es in der Bloggosphäre und im Web 2.0 auch nicht sehr viel anders zugeht als in einem CDU-Ortsverein am Niederrhein. Ein paar geben den Takt vor, die Herde blökt nach. Mario Sixtus verstieg sich sogar via Twitter zu der Auffassung, die FAZ betreibe “Bücherverbrennung” — weil sie jemandem den Stecker zog, der fortgesetzt und trotz diverser Hinweise der FAZ immer wieder Bilder verwendete, für die er keine Rechte hatte. Trotzdem schrie man weiterhin “Skandal” im Netz und ich bin mir ziemlich sicher, dass es den Skandal verstärkte, dass das Lieblingsfeindbild der Gemeinde, der Herr Alphonso, seinem Ex-Bloggerkollegen nicht beistand und die Abschaltung ausdrücklich verteidigte. Ursprünglich hatte ich ja mal gehofft, dass das Netz dafür sorgt, dass Meinunsgvielfalt und ernsthafte Debatten entstehen können. Wenn ich mir allerdings ansehe, wie vollkommen kritiklos auch in “unserer” Szene vielen A-Bloggern/Twitterern/Facebookern nachgeplappert wird, fürchte ich fast, mich getäuscht zu haben. Sehr schön beschrieben ist die Geschichte u.a. in der “Jungle World”, Teile der Debatte gibt es auch hier nachzulesen.
***
Es geht ja in diesen Zeiten alles sehr schnell: Alle (Medien-)Welt redet über Flipboard. Christian Stöcker zählt sich selbst (wie ich mich auch) zu den iPad-Skeptikern, beschreibt aber ziemlich gut, was das überhaupt so ist, das Flipboard. Ob ich es haben will, weiß ich danach aber immer noch nicht, leider.
Und wo bleibt das Positive (6)?
Hier. Und heute gleich in doppelter und ausführlicher Form. Zum einen gibt es das wirklich wunderbare Stück von Heribert Prantl, der in der SZ völlig unaufgeregt feststellt, dass es keinen Grund gebe, sich vor der Zukunft des Journalismus (und der Journalisten) zu fürchten. Und dass Blogger und Journalisten gar keine geborenen Feinde sind. Im Gegenteil:
Es wird so getan, als sei die Bloggerei eine Seuche, die via Internet übertragen wird und den professionellen Journalismus auffrisst. Das ist, mit Verlaub, Unfug. In jedem professionellen Journalisten steckt ein Blogger.
Schließlich kommt Prantl zu dem überaus naheliegenden wie klugen Fazit:
Der Journalismus ist keine verspätete Veranstaltung des hochmittelalterlichen Zunftwesens. Den Journalismus kann man also nicht mit Zunftordnung und Zunftzwang verteidigen – sondern nur mit Können. Der Journalismus ist schon immer ein besonders freier Beruf gewesen. Und die Bloggerei ist eine neue Bühne für diese Freiheit. Wie viel guter Journalismus auf dieser Bühne gedeiht, muss sich noch zeigen. Kein Schauspieler muss sich vor einer neuen Bühne fürchten. Ein Journalist auch nicht.
Achja, und schön wäre es, wenn man den Prantl-Text dann auch noch ausdrucken und per Snailmail an diverse Journalisten- und Verlegerverbände schicken könnte. Paradoxerweise würde er sich in der Hauspost der “Süddeutschen” übrigens auch nicht schlecht machen.
Weil wir gerade beim Verhältnis Journalisten/Blogger sind: Tatsächlich reagieren viele Journalisten immer noch mit einer merkwürdig aggressiv-ablehnenden Haltung auf Blogs, was ich mir schon alleine deshalb nicht leisten kann, weil ich dann täglich mich selbst beschimpfen müsste. Zu den sehr wenigen Tageszeitungs-Chefredakteuren in Deutschland, die ein gesundes Verhältnis zum Thema haben, ist Christian Lindner von der Rhein-Zeitung. Nicht alles (wie auch?), was er macht, muss man kritiklos bejubeln, die Aktion beispielsweise, Sascha Lobo zum Chefredakteur für einen Tag zu machen, fand ich im Ergebnis nur so mittelgut gelungen. Lindners neueste Ideee finde ich dafür umso bemerkenswerter: Zwei Volontariatsplätze hält er im kommenden Jahr für Blogger parat. Ich habe natürlich keinerlei Ahnung, wie dieses Experiment ausgehen wird, aber ich mag den Gedanken, es einfach mal zu versuchen. Immerhin bestand nahezu alles, was wir in den letzten zehn Jahren in der Branche so angestellt haben, aus Versuchen. Das mit den Konzepten funktioniert ja in Zeiten des Radikalumbruchs nur eingeschränkt. Also, lasst die bei der RZ das mal machen mit den Blogvolos; bevor die Diplom-Übelnehmer kommen: Ich finde, das Experiment hat eine reele Chance verdient.
Und wo bleibt das Positive (5)?
Hier. Man muss ja wirklich kein Sportfan sein, um den Sportteil der “Süddeutschen” einfach nur lesenswert zu finden. Heute kamen die Kollegen auf die wunderbare Idee, nach der alles überstrahlenden WM eine “Bundesliga-Nachhilfeseite” zu machen, die so wunderbar sanft-ironisch geschrieben war, dass ich sogar nachgelesen habe, wie die derzeitige Lage in Hoffenheim ist, obwohl mir die derzeitige Lage in Hoffenheim prinzipiell völlig egal ist.
Muss man auch erst mal hinbekommen. Gratuliere.
80 Meldungen pro Land
Man könnte die Onlineaktivitäten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ja auch so reglementieren:
- Die Berichterstattung darf nicht vertiefend und in ihrer Gesamtaufmachung und -gestaltung nicht mit dem Online-Angebot von Tages- oder Wochenzeitungen oder Monatszeitschriften vergleichbar sein und kein Nachrichtenarchiv umfassen.
- Eine umfassende lokale Berichterstattung ist unzulässig.
- Sendungsbegleitende Angebote dürfen kein eigenständiges, von der konkreten Hörfunk oder Fernsehsendung losgelöstes Angebot darstellen.
- Folgende Online-Angebote dürfen nicht im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Auftrags bereitgestellt werden:
[...] Soziale Netzwerke sowie Verlinkungen zu und sonstige Kooperationen mit diesen, ausgenommen im Zusammenhang mit der eigenen tagesaktuellen Online-Überblicksberichterstattung. …Eigens für mobile Endgeräte gestaltete Angebote.- Die Zahl der Onlinemeldungen pro Bundesland wird in den Newskanälen auf 80 beschränkt.
Das wiederum ist kein Witz und sind auch nicht die Phantasien von eingefleischten Hassern des dualen Systems, sondern Realität in Österreich, wo das neue ORF-Gesetz einschließlich dieser Passagen ab Oktober Gültigkeit haben wird.
Und eigentlich wollte ich mit dieser kleinen Geschichte auch nur auf das überaus lesenswerte Blog des ORF-Chefredakteurs für Salzburg, Dr. Gerhard Rettenegger hinweisen. Es gibt ein Bloggerleben außerhalb Deutschlands.
Wenn´s um Geld geht…

Fast vergessen: Es gibt noch ein Leben Out of Southafrica und ich habe auch mal über andere Themen geschrieben als Fußball. Beispielsweise über die neuen Bezahlmöglichkeiten im Netz — und wie groß die Chancen für (freie) Journalisten sind, davon zu profitieren. Um es ein bisschen vorwegzunehmen: sehr groß nicht. Warum das so ist, steht in der neuesten Ausgabe des “journalist”. Und seit ein paar Minuten auch auf dessen Webseite.
Südafrika, 2010 (24): Africangoals 2010
Es ist ja nicht so, dass ich hier weniger gearbeitet hätte — nur weil es gestern mal ein bisschen ruhiger war und meine Posts nicht mehr ganz die unerträglich epische Länge der letzten Tage hatten. Nur waren wir nach den ersten Tagen naturgemäß etwas weniger draußen und haben stattdessen unsere Eindrücke, unsere Recherchen in Ergebnisse umgesetzt. Wenn ich Sie heute also ein wenig umleiten dürfte auf unsere Seite africangoals2010.info. Und wenn ich Ihnen dann noch die folgenden Geschichten ans Herz legen dürfte:
- Where the streets have no game: Christian Papesch bei einem Fußballabend in einer “shanty town” in Johannesburg.
- Being apart from being a part: Mareike Zeck über das Leben der “coloureds” in Südafrika.
- Joburg by taxi: Watching the streets: Selina Rust über eine Taxifahrt durch Johannesburg.
- German police – more than troubleshooting: Matthias Mockler über einen ganz besonderen deutschen Polizeieinsatz.
***
Ganz generell fällt auf: Seit Bafana Bafana draußen ist, hat auch das Interesse der Zeitungen an der WM spürbar nachgelassen. Das Ausscheiden der Italiener brachte es bei einem Blatt in Johannesburg gerade mal noch auf eine kurze Notiz auf der Titelseite, ansonsten war die WM-Geschichte des Tages, dass man Vuvuzelas nicht zu oft gegenseitig tauschen sollte, um Infektionen zu vermeiden. Sonstige Aufmacher: ein örtliches Familiendrama und die Verlobung von dem Dingsbumms aus Monace. Verglichen mit dem, wie noch am Anfang der Woche jede Geschichte über die südafrikanische Mannschaft mindestens dreimal mit den Attributen “history”, “miracle” und “pride” kontamoniert wurde, kehrt also langsam wieder Normalität ein.
Auf ein Elfmeterschießen zwischen Deutschland und England freuen sich hier trotzdem schon alle.

