JakBlog

Anmerkungen eines Medienmenschen

Archive for the ‘MEDIENZUKUNFT’ Category

Wolf Heveling und Ansgar Schneider: Tiraden der Brüder im Geiste

with 2 comments

Soviel wissen wir jetzt also: Zwischen Bloggern und Journalisten herrscht “Krieg”. Wer sich exponiert im Netz bewegt, ist eine “Knallcharge”.  Das Netz bzw. die dort herrschende Netzgemeinde steht kurz vor der finalen Niederlage. Es wird viel Blut geflossen sein, aber am Ende wird das Gute, das Edle, das Hochwertige siegen. Dass ich mal eine derart flache Bilanz einer Diskussion aufschreiben müsste, hätte ich mir auch nicht gedacht. Dass diese flache Bilanz im Jahr 2012 zum Thema Digitalisierung/Neue Medien so ausfallen würde, noch sehr viel weniger.  Im Jahr 15 der digitalen Revolution tobt auf einmal wieder Schlachtenlärm, wabern Rauchschwaden über das virtuelle Kampfgebiet – und kommen auf einmal wieder all jene aus ihren Löchern, von denen man gedacht hatte, sie hätten es aufgegeben. Der Ton ist also eindeutig rückwärtsgewendet, die Fronten sind wieder die, die wir schon 1998 hatten. Ist es Zufall, dass Heveling, Schneider und Hanfeld auf einmal wieder mit einer durch nichts begründeten Selbstgewissheit hinstellen und der digitalen Welt erzählen, wie plump und dumm sie ist? Und versteht nebenher eigentlich irgendjemand, wieso die Dinos immer so tun, als stünde der Untergang des Abendlands unmittelbar bevor?

***

Die Unterschiede zwischen Heveling, Schneider und Hanfeld sind nicht sehr groß, weswegen man vermutlich von einem Kulturkampf sprechen muss. Die Argumente ähneln sich, die Geisteshaltung auch, ganz gleich, ob wir von Journalismus, Büchern oder Musik sprechen. Die Lordsiegelbewawhrer, die Gegner des Umbruchs, die Erzkonservativen wollen letztendlich nur eines: Es soll alles bleiben wie es ist. Sie übersehen geflissentlich, dass schon lange nichts mehr so ist wie es war. Sie verweigern sich jeglicher Debatte, erklären sich selbst für überlegen und drangsalieren die andere Seite nicht mit Argumenten, sondern mit Tiraden. Weil ihnen das Neue Angst macht, weil sie es nicht begreifen, weil sie zu bequem und  nicht  in der Lage sind, sich zu ändern bzw. die Veränderungen konstruktiv zu begleiten. Deswegen werden sie destruktiv, pathetisch, formulieren krude Kampfansagen oder Verschwörungstheorien nahe der Peinlichkeitsschwelle.

 ***

Wolf Schneider und Ansgar Heveling kennen sich vielleicht nicht persönlich, müssten sich aber sympathisch sein. Es ist verblüffend, wie ähnlich sie sich in ihren nicht vorhandenen Argumentationen sind. Der eine schwadroniert über eine Netzgemeinde, deren Niederlage unausweichlich und am Horizont deutlich sichtbar ist. Schneider hält Blogger generell für geschwätzig und das Netz als solches für einen Ort, an dem ohne Sinn und Verstand gefaselt wird. Beide argumentieren deswegen nicht, weil sie es nicht können. Es gibt keine Zahlen, keine Belege, man sagt einfach mal so etwas dahin und glaubt, das müsse reichen. Sie machen genau das, was sie in ihren Untergangsvisionen der digitalen Welt vorwerfen: plappern und provozieren ohne nachzudenken. Hevelings krudes Gestammel entlarvt sich schon alleine dadurch, weil man jemandem, der offenbar die Kombination aus Vor- und Nachnamen als Zugangsdaten für seine Accounts verwendet, nicht sehr viel Kompetenz zum Thema Netz zubilligen sollte. Dementsprechend liest sich sein Text wie etwas, was jemand mit seinem Vornamen als Passwort so schreibt. Schneider wiederum weiß sehr genau, was im Netz vor sich geht obwohl er nach eigener Aussage nicht mal einen Computer benutzt. Was also soll man jemandem abnehmen, der das, worüber er schwadroniert, nicht mal kennt?

***

Aber es herrscht ja jetzt eh Krieg, eine Art Kulturkampf. Ich hatte eigentlich gedacht, dass wir diese Zeit hinter uns gelassen hätten und dass wir vielleicht unterschiedliche Auffassungen vertreten. Nicht erwarten musste man dagegen diese radikalaggressive Form, in der die Dinos jetzt noch mal zurückbeißen (es dürfte aber, um es mit Ansgar Dinsgenskirchen zu halten, das letzte Mal sein). Bei Heveling fließt Blut, Schneider erklärt gewohnt selbstverliebt alle anderen für dumm und sich für einzigartig. Und dann gibt es ja noch den FAZ-Hanfeld, der immer dann rot sieht, wenn es um neue Medien geht und auch dann rot sieht, wenn es um öffentlich-rechtliches Fernsehen geht (in der FAZ vertrat er mal die abenteuerliche These, ARD und ZDF bedrohten durch ihre Online-Aktivitäten die freie Presse in Deutschland). Wenn also dann die Schlagworte “öffentlich-rechtlich” und “Web 2.0″ gemeinsam auftauchen, sieht Hanfeld zwangsweise dunkelrot. Deswegen mokiert er sich über Mario Sixtus als jemanden, der sich seine Sichtweise durch seinen öffentlich-rechtlichen Sold finanzieren lässt. Sixtus und Knüwer und all die anderen, die wir uns im Web tummeln und mit den Hevelings-Hanfelds-Schneiders einer untergehenden analogen Welt nicht ganz konform gehen, nennt Hanfeld “Knallchargen”, was man schon machen kann, wenn man es lustig findet. Abgesehen davon, dass das aber nur so mittellustig ist, erstaunt auch hier die Aggressivität und der latent feindselige Unterton. Ansonsten ist Hanfelds Argumentation ähnlich dürftig wie die seiner Brüder im Geiste: Die “Netzgemeinde” habe so reagiert, wie es zu erwarten gewesen sei. Was beweise, so Hanfeld, dass Hevelings kleines Pamplet seine Berechtigung gehabt habe. Ach, Hanfeld, was soll ich Ihnen sagen? Sie haben so geschrieben, wie ich es von Ihnen und der FAZ erwartet habe. Merken Sie was?

***

Es läuft ja dann im Endeffekt doch immer auf das gleiche raus: Angst vor etwas Neuem. Das Neue nicht wirklich begreifen. Der feste Glaube daran, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Störrisches Festhalten an vermeintlich Bewährtem. Wären Schneider und Hanfeld Politiker (Heveling ist ja angeblich schon einer), sie würden beide zu diesen in letzter Zeit so ungeheuer populären “Es-gibt-keine-Alternative”-Argumenten greifen. Es gibt keine Alternative zum tradierten Mediensystem, zum Leitmedium FAZ, zum Steinzeit-Journalismus aus den Zeiten des schwarzweiß-Fernsehens. Und es gibt natürlich keine Alternative zu Wolf Schneider, Blogger haben demnächst ohnehin keine Relevanz mehr (reden sich Heveling und Schneider gemeinsam ein). Es ist ein Pfeifen im Wald, das ihnen ihre größte Angst nehmen soll: Plötzlich an der Bedeutung zu verlieren, an der sie sich über mehr oder minder viele Jahre hinweg berauscht haben. Schneider glaubt immer noch, niemand sei so präsent und großartig wie er selbst, Hanfeld glaubt, nur die FAZ betreibe den echten Journalismus und Heveling glaubt, er sei Kermit (in Wirklichkeit weiß ich nicht, was Eveling glaubt).

***

Krieg, Kulturkampf? Wenn ja: Die analoge Welt hat ihren verloren und sie weiß es auch. Die Tatsache, dass sie auf keinen einzigen Kritik- oder Diskussionspunkt wirklich eingeht, beweist das nur zu gut. Heveling sagt: Ha,und ich hatte doch recht. Hanfeld sekundiert ihm. Und Schneider fällt nicht mehr ein als eine krude Verschwörungstheorie aufzustellen, wonach ihm lediglich “Altlinke” und irgendwelche an der Nannen-Schule durchgefallene gescheiterte Existenzen Böses wollten. Wäre Schneider nicht immer selbstverliebt bis an die Schmerzgrenze, man müsste es tragisch nennen, dass ein verdienter Journalist in seiner Wagenburg sitzt, sich umzingelt sieht von Feinden und Neidern und nichts besseres mehr weiß als darauf hinzuweisen, dass er immer noch der einzigartige Erfahrene und Populäre sei. Allerdings: Mit Menschen wie Schneider, Heveling und Hanfeld muss man nun wirklich kein Mitleid haben. In ihrer Liebe zu sich selbst und in ihren festen Überzeugungen sind sie sich selbst genug. Uns Knallchargen und geschwätzige Blogger sollte das im Angesicht unserer drohenden Niederlage nicht weiter berühren.

Written by cjakubetz

Februar 1st, 2012 at 4:55 pm

Posted in MEDIENZUKUNFT

Das ganze Leben ist ein Klick

with 3 comments

ARD, ZDF und die Zeitungsverlage haben eine Lösung gefunden. Zumindest sind sie auf irgendeinem Weg sich zu einigen, wie man künftig im Netz miteinander umgehen will. Kurz zusammengefasst soll das so aussehen, dass die Sender im Netz etwas weniger Text machen und sich dafür darauf konzentrieren, das zu bringen, was es im Fernsehen und im Radio sonst auch so gibt. Nämlich was zum Anschauen und was zum Hören. Die Lösung lautet also, dass man einfach die alte in die neue Medienwelt überträgt, Fernsehen ist Fernsehen und die Zeitung bleibt das tägliche Ding zum Lesen.

So weit, so gut. Man kann allerdings auch ohne juristische Kenntnisse und ohne Ahnungen, ob und wie so etwas juristisch durchgehen würde, schon jetzt absehen, was der Haken an der ganzen Sache ist: Der User wird sich dafür herzlich wenig interessieren. Weil er nicht so denkt, weil er schon Lage begriffen hat, dass die digitale Welt nicht den Prinzipien der analogen folgt und dass die Claims, die man jetzt nochmal abzustecken versucht, keine mehr sind. Niemand, wirklich niemand geht mit der Idee ins Netz: Erst schaue ich ein bisschen fern (beispielsweise bei der “Tagesschau”), danach höre ich Radio und dann lese ich noch etwas Zeitung. User, die man keineswegs für so einfältig halten darf, wie einzelne CDU-Abgeornete es tun, ticken anders. Nicht unbedingt so, als dass man sich als Inhalteanbieter darüber freuen müsste und auch nicht so, dass die ganze Geschichte dadurch einfacher wird. Aber generell denkt der User: Ich will. Jetzt, hier und sofort. Begriffe wie “umschalten”, “umblättern” und andere analoge Lustigkeiten, die wir Älteren noch kennen, sind ihm fremd. Für den digitalen Nutzer ist das ganze Leben ein Klick, das ist die einzige Kategorie und die einzige Währung, in der er denkt. Er kennt kein Programm mehr, keinen Redaktionsschluss, logischerweise auch keine Kanäle und kein Medium und keine Pause mehr, er kennt nur: jetzt und sofort. Klick.

Die Sender und die Verlage tun hingegen tun so, als könne man einfach so weitermachen wie bisher, nur eben digital und im Netz. Und werden, wenn sie sich nicht langsam ihrer neuen Umgebung anpassen, verlieren. Beide. Das Netz ist nicht Zeitung ist nicht Radio ist nicht Fernsehen. Und ja: Es überlebt auch ganz gut ohne.

Written by cjakubetz

Januar 31st, 2012 at 5:01 pm

Posted in MEDIENZUKUNFT

Warum “everybody” doch nicht kommt

with 3 comments

Vielleicht muss man das am Ende eines Jahres mal so deutlich sagen: In den vergangenen Jahren ist in Sachen Medienzukunft viel Wahres, aber leider auch einigermaßen viel Quatsch erzählt worden. Gerne und bevorzugt übrigens auch von mir. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder mal Dinge als gottgegeben prophezeit und als unumstößliche Wahrheiten postuliert, von denen wir heute feststellen müssen: Ganz so ist es dann doch nicht gekommen, sorry for that. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren den endgültigen Triumph der Blogs über den konventionellen Journalismus prophezeit, den Siegeszug der freien, überall erhältlichen und natürlich kostenlosen wie kollaborativen Nachrichten und den Beginn der aufgeklärten, kritischen und teilhabenden  Mediengesellschaft. Und, ach ja, erinnert sich noch jemand an den Bürgerjournalismus, der die professionellen Journalisten ablöst? Bürger- und Hobbyreporter, die den ganzen Tag mit ihren digitalen Prosumergeräten stehen und lauern und nichts anderes im Kopf haben, als die Ergebnisse ihrer Arbeit sofort irgendwo hochzuladen und zu publizieren? Für mich war dieses Thema erledigt, als vor einigen Jahren “Bild” das Leserreporter-Foto des Jahres prämieren wollte und es dann doch nur ein Schnappschuss des im Papamobil vorbeifahrenden Papstes wurde. Seitdem kann ich mich zwar an ein paar gelungene Interaktionen und Einbindungen zwischen Redaktionen und Nutzern erinnern, aber das alles überragende bürgerjournalistische Projekt in Deutschland habe ich nicht gefunden (und ich glaube auch nicht daran, dass es noch kommen wird). Der Erzähler, die Person kann ein interessanter Nebenaspekt in einer Geschichte sein, wenn die Geschickte gut ist. Oder beides zusammenkommt. Aber, sorry Mr. Jarvis: Nie, wirklich nie dreht sich Geschichtenerzählen um irgendwas anderes als die Öffentlichkeit.

***

Vielleicht ist ja auch das Jahresende einfach ein guter Zeitpunkt, um ein wenig Selbstkasteiung zu betreiben. In jedem Fall aber ist es ein Text des US-Journalisten Dean Starkman mit dem schönen Titel “Der Schwindel” (hier in der deutschen Übersetzung). Starkman geht ziemlich unfreundlich mit einer “Clique” um Menschen wie Jeff Jarvis, Jay Rosen oder Clay Shirky um, von denen er schreibt, dass sie im öffentlichen Diskurs momentan die Oberhand habe. Das ist vornehm ausgedrückt, mir drängte sich in den vergangenen Jahren der Eindruck auf, dass es beispielsweise bei Jarvis genügte, wenn er IRGENDWAS sagte, um sofort geretweetet, gepostet und gesonstirgednwast zu werden. Dabei war mir vieles von dem, was irgendwann in die öffentliche digitale Meinung einfloss, wahlweise zu idealistisch, naiv, weltfremd. Und, ja, auch das: zu platt. Mit Thesen wie “What would Google do?” kann ich nicht sehr viel anfangen, weil das tendenziell schnell auf dem Niveau von Erfolgsberatern und Motivationstrainers ist: Schau dir an, wie es XY macht und mach es dann genau so. Und auch an die anderen Thesen habe ich immer nur sehr eingeschränkt geglaubt. Inzwischen zeigt sich, wie unsinnig manches davon ist.

***

Starkman hat einige sehr schöne Zitate der US-Gurus rausgekramt. Und ich finde, man kann sie mit einigem Recht inzwischen daran messen. “Narrativer Journalismus dreht sich um den Erzähler und nicht die Öffentlichkeit”, hat beispielsweise Jarvis mal geschrieben Das könnte man als Bagatelle abtun, wäre es nicht so fatal kennzeichnend für die Haltung, die in Digitalen inzwischen oft genug  leider unreflektiert eingenommen wird. Ein Journalismus, selbst ein narrativer, der sich vornehmlich um den Erzähler dreht: Was wäre das noch außer Selbstbespiegelung, Eitelkeit, medialer Elfenbeinturm? Und was ist es für ein überaus merkwürdiges Selbstverständnis zu glauben, es würde irgendjemanden interessieren, wenn ein Journalist in narrativen Erzählungen sich um selbst dreht. Das ist im Übrigen auch immer der Grund, warum ich an manchen Selbstvermarktungsstrategien für (freie) Journalisten große Zweifel habe: Es ist der Inhalt, um den sich alles dreht, sogar bei Twitter, bei Facebook und all den anderen. Niemand will wissen, wie sich der Journalist gerade fühlt und wo er sich gerade rumtreibt, wenn es nicht irgendeinen inhaltlichen Kontext gibt, eine Information, einen Mehrwert. Wir können in unserem Beruf gut sein, konsequent, zielstrebig, kommunikativ – aber wir sind im Regelfall keine Stars, von denen persönlich man sehr viel wissen will. Einen Journalismus, der ein anderes Selbstverständnis hat, als irgendwie für die Öffentlichkeit da zu sein, möchte man sich lieber erst gar nicht vorstellen. Selbst dann nicht, wenn er plötzlich digital-narrativ ist.

***

Man möchte ihn aber auf der anderen Seite auch nur ungern so gebeugt erleben, wie ihn andere aus der US-Szene beschreiben. John Paton schreibt davon, dass unser Marktwert (und vulgo damit auch unsere Leistung) “gleich null” sei. Clay Shirky meint sinngemäß, Nutzer könnten Nachrichten inzwischen auch selbst verbreiten und würden dadurch bedingt lernen, dass es nichts Besonderes mehr sei, sie zu produzieren (weswegen eben auch unser Marktwert sinkt). Dan Gilmore fühlt sich “befreit” durch das Wissen darüber, dass seine Leser zusammen sehr viel mehr wüssten als er. Das alles beschreibt richtige Tendenzen und zieht doch die falschen Schlüsse. Ja, natürlich wissen 15 Menschen im Regelfall mehr als einer. Ja, der Stellenwert der Nachricht hat sich verändert und ja, man kann sie inzwischen auch als Nutzer weiter verbreiten, wiewohl man sie immer noch im seltensten Falle selbst erzeugen kann. Aber genau das ist der Punkt: Der Vertriebsweg ändert sich, die Kommunikation ändert sich. Was sich nicht ändert: der Job des Journalisten, Nachrichten und gute Geschichten zu recherchieren und zu veröffentlichen. Den Stoff für eine Anschlusskommunikation zu liefern oder eben auch für die ganzen wunderbaren sozialen Plattformen. Ohne Nachricht, ohne Geschichte gibt´s auch nichts, was man teilen könnte.

***

Sieht man davon ab, dass es schon ganz gute Gründe darf gibt, warum man den Journlistenberuf tatsächlich lernen kann und auch soll, gehen die “Wir haben keinen Wert mehr, weil´s jeder kann”-Propheten auch von einer elementar falschen Grundvoraussetzung aus. Nur weil es technisch künftig jeder kann, kann es noch nicht jeder handwerklich. Mindestens genauso wichtig: Vielleicht wollen es viele ja auch gar nicht. Hört man Shirky et al zu, könnte man glauben, die Menschheit habe nur darauf gewartet, endlich selbst publizieren zu können. Was aber, wenn dem gar nicht so ist? Was, wenn unser Publikum es tatsächlich als eine ganz kommode Lage empfindet, uns mal machen zu lassen? Wenn es uns gerne liest und sieht und manchmal auch völlig zu recht kritisiert — ohne aber deswegen auf den Gedanken zu kommen, die ganze Sache jetzt mal selbst in die Hand zu nehmen? Kaum vorstellbar. Und auch nicht verwunderlich. Das Verhältnis zwischen denen, die publizieren und denen, die konsumieren, ist seit jeher ungleich. Daran wird sich nichts ändern, man darf kopieren/weitergeben eben nicht mit produzieren verwechseln. Here comes everbybody? No way, weil everybody gar nicht will. Die Gedanken der digitalen Avantgarde sind deswegen nicht massentauglich, weil es eben die Gedanken einer Avantgarde sind (gerne zugegeben sei allerdings an dieser Stelle, dass ich mich mit manchem, was ich hier in den vergangenen Jahre geschrieben habe, auch getäuscht habe).

***

Könnte also gut sein, dass es uns so schlecht gar nicht geht mit dem Journalismus. Dass es bei aller inhaltlichen Alltagskritik und allen digitalen Wandlungen immer noch ein Grundbedürfnis nach solide recherchierter Information und guten Geschichten gibt. Dass man der Seite 3 der “SZ” möglicherweise doch noch mehr glaubt als einem Blogger, wobei gerade dieses Bild sinnbildlich stehen kann für die Veränderung: Ganz früher hätte es den Blogger erst gar nicht gegeben, dann hätte man ihn pauschal gar nicht als Alternative in Erwägung gezogen, inzwischen kann unter Umständen der Blogger auch mal besser oder zumindest ergänzend zur Seite 3 sein.

 

Written by cjakubetz

Dezember 30th, 2011 at 12:03 pm

Posted in MEDIENZUKUNFT

2012 – oder: Bleibt alles anders

with 3 comments

2011 ist man mit ein bisschen Glück einer ganzen Reihe von ehemals halbanalogen Menschen aus der Branche begegnet, die ziemlich stolz auf sich und zufrieden mit der Medienwelt waren. Das waren sie in erster Linie, weil sie sich angekommen glaubten im digitalen Wunderland. Man sei bei Facebook und bei Twitter, manche haben jetzt auch Blogs, und, achja, natürlich sei man auch im Internet, manchmal sogar mit Videos. Das ist — bei aller Überspitztheit —  sehr häufig die Lage am Markt. Das war schon mal schlimmer, könnte man jetzt denken. Schließlich sind die Zeiten noch nicht so lange zurück, in denen die Notwendigkeit von digitaler Veränderung schlichtweg negiert wurde. Das also ist vorbei. Und trotzdem: 2012 dürfte sich so viel verändern, dass das vermeintliche Aufholen eines Rückstands dann schon wieder einem Hinterherlaufen gleichen wird. Oder anders gesagt: Ich glaube sehr fest daran, dass am Ende des nächsten Jahres sich der Journalismus und seine Rahmenbedingungen so stark verändert haben werden, dass man irgendwann davon sprechen wird, wie alles anfing, damals, 2012…

***

Es war in diesem Jahr sehr viel von Richard Gutjahr die Rede, auch hier auf dieser Seite. Gutjahr verstand es großartig, sich selbst und seine Projekte in Szene zu setzen. Mal kabbelte er sich ein bisschen mit der ARD-Vorsitzenden auf einem Podium, dann berichtete er live und multimedial aus Ägypten. Das verleitete eine ganze Menge so genannter Experten, Gutjahr vor allem als das Paradebeispiel einer gelungenen Selbstvermarktung zu benennen. Der Journalist als Marke, dieser ganze Kram, Sie wissen schon. Das allerdings dürfte der größte Trugschluss des vergangenen Jahres sein. Und er führt andere in die falsche Richtung. Weil sie meinen, es würde reichen, ein bisschen zu trommeln und ab und an einen Link bei Facebook zu setzen, welch atemberaubende Geschichte man jetzt gerade wieder irgendwo veröffentlicht hat. Ich habe rührend-naive Versuche in dieser Richtung gesehen,  u.a. den einer mäßig bekannten Journalistin, die einfach mal bei Facebook eine “Fan-Seite” eingerichtet hat. Die Fan-Zahlen blieben in einem sehr überschaubaren Bereich, was nichts gegen die Dame heißen soll. Sondern einfach nur: Es ist absurd zu glauben, dass ein Journalist irgendetwas erreicht, weil er auf Facebook vertreten ist und ab und an einen Tweet absetzt. Natürlich war das auch bei Gutjahr nicht so. Andersrum wird eher ein Schuh draus: Man (Achtung, FDP-Deutsch) liefert erst einmal. Man geht als Journalist in Vorleistung, wenn man schon unbedingt den Marketing-Gedanken bemühen will: Man präsentiert sich mit seinem Können, seiner Arbeit. Erst einmal sind Blogs, Facebook und Twitter nichts anderes als eine Art Schaufenster. Und natürlich müsste in diesen Schaufenster schon auch was drin liegen.

Bloß was? Blogger und Journalisten haben in den letzten Jahren von wenigen Ausnahmen abgesehen eher reagiert statt agiert. Sie haben, wie Wissenschaftler das gerne so nennen, für “Anschlusskommunikation” gesorgt. Was sie nicht getan haben: das, was Journalisten an sich so tun. Nämlich Themen zu setzen, sie selber zu recherchieren, schlichtweg selbst zum Medium zu werden. Bisher haben sich Journalisten bei ihren Netzaktivitäten eher darauf beschränkt, Dinge zu kommentieren. Kann man machen, man kann so eine Art Universalkommentator für alles und jeden werden.  Oder aber eben den anderen Weg gehen: eigene Geschichten machen, Journalismus nicht mehr als Privileg von irgendwo verorteten Redaktionen begreifen. Weil Richard Gutjahr von solchen Geschichten in den letzten 12 Monaten eine ganze Menge gemacht hat, ist er bekannt geworden. Nicht, weil er sich mit Monika Piel gerauft hat oder andere lustige Dinge tut. Das ist eher Nebensache.

Eine Massenbewegung ist aus diesen storyerzählenden Journalisten natürlich noch nicht geworden, aber so ganz alleine ist Richard Gutjahr dann auch nicht mehr (er ist vermutlich nur der einzige mit einer derart hohen Konstanz und Themenbreite). Ich stoße in letzter Zeit immer öfter auf gute Geschichten bloggender Journalisten, von denen ich mir denke, sie hätte jeder “professionellen” Redaktion sehr gut getan. Der ZDF-Volontär Martin Giesler beispielsweise hat eine Serie gestartet, in der er erfahrene Journalisten (Hinweis: Ich bin auch dabei) fragt, wie sie täten, stünden sie heute am Ende ihres Volontariats. Gießler hat es mit dieser Geschichte inzwischen auch auf die Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung gebracht -- und ich denke mir bei solchen Fällen immer: Hey, Medienmagazine, warum habt ihr sowas nicht? Oder anders: Es gibt keinen Unterschied mehr, ob ich eine solche Sache im Netz bei einem ZDF-Volo oder in irgendeinem Fachmagazin bekomme.

***

Das ganze wird natürlich unübersichtlicher und schwieriger für Journalisten und Nutzer. Einen derart fragmentierten Markt noch im Blick zu behalten, fällt sogar Profis schwer. Es wäre also kein großes Wunder, wenn Aggregatoren 2012  erheblich an Bedeutung gewinnen würden. Aggregieren und kuratieren, zwei Aufgaben, die nicht nur streng genommen zu den Aufgaben von Journalisten gehören, trotzdem bisher aber kaum wahrgenommen werden (eine Übersicht einiger Aggregaotoren findet sich hier). Es passt in diesem Zusammenhang übrigens gut, dass die Neuauflage von Rivva nicht etwa von einem Medienunternehmen unterstützt wurde. Sondern von, kurios genug, BMW. Soll heißen: Es wäre für jede Redaktion eine gute Idee, sich auch über das Aggregieren von Inhalten Gedanken zu machen. Was erstaunlich ist: Im Lokalen gibt es so gut wie keine Überlegung, dieses Thema anzugehen. Dabei wäre ein regionales Inforportal, basierend auf einem klugen Algorhytmus, ein Projekt, das man wirklich mal gerne sehen würde. Aber davon abgesehen wird ein Trend ganz sicher sein, dass Journalisten und Redaktionen den Gedanken vergessen müssen, jede Information komplett selber zu erstellen. Das geht nicht mehr, das muss auch nicht sein — und ja, letztendlich ist es auch eine Form von Information, einem Nutzer zu sagen, wo er was findet. Hatten wir nicht schon vor 20 Jahren gelernt, dass man dem Leser Orientierung geben muss?

***

Weil wir gerade beim Thema Orientierung sind: Vermutlich werden wir uns beim Thema Social Media 2012 wieder mal neu orientieren müssen. Bei Dingen wie Facebook ist das, was wir im Beraterdeutsch so schön “kritische Masse”  nennen, schon lange überschritten, eigentlich ist sie sogar –überzogen. Man muss sich als kommunizierendes Etwas schon seine Gedanken machen,  wie sinnvoll es ist, in einem restlos überlaufenen Raum mit seinem hunderten Millionen Nutzern auch noch dazwischenreden zu wollen. Welchen Sinn macht es, irgendwas bei Facebook zu machen, nur weil irgendwie alle da sind und fröhlichen Quatsch posten? Man wird also nachdenken, nachdenken müssen. Wo erwischen wir die Leute, wo ist wer, wo können wir uns mit ihnen unterhalten, sie informieren, wo haben sie überhaupt Lust auf uns? 2012 wird das Jahr, in dem die Losung “Wir machen da mal was bei Facebook” nicht mehr ausreichen wird.

Written by cjakubetz

Dezember 23rd, 2011 at 10:37 am

Posted in MEDIENZUKUNFT

Journalismus des Jahres: Online

with 2 comments

Zugegeben, die Wahl der Journalisten des Jahres im “Medium Magazin” fand ich früher ungefähr so spannend wie die Kür eines “Mitarbeiter des Monats”. Das war zwar immer alles ganz amüsant zu lesen und wirklich protestieren wollte man bei den meisten Wahlen auch nicht. Aber alles in allem waren es dann doch meistens die üblichen Verdächtigen und weil so eine Wahl ohnehin eher folgenlos bleibt, hatte man zwei Tage später schon wieder vergessen, wer da eigentlich gewählt worden war. In diesem Jahr war das anders. Weil zum ersten Mal seit langer Zeit nicht einfach nur Journalisten für ihre Arbeit ausgezeichnet wurden, sondern ein eindeutiger Trend erkennbar ist. Gäbe es diese Kategorie, dann hieße es in diesem Jahr “Online” sei der “Journalismus des Jahres”.

***

Es ist noch nicht so rasend lange her, da mussten sich Journalisten, die in eine Onlineredaktion wechselten, fragen lassen, was sie eigentlich angestellt haben. Oder ob sie denn gar nix anderes gefunden haben. Richtig ernst genommen wurden Onlinejournalisten von ihren analogen Kollegen lange Zeit nicht. Wenn man sich die Arbeitsbedingungen vieler ansieht und die gelegentlich immer noch vorhandene Herablassung, mit der man auf die Onliner schaut, dann kommt man zu dem Schluss, dass es bis heute noch ein paar Unverbesserliche gibt, die Onlinejournalisten nicht für Journalisten, sondern Pixelschubser halten. Man hört immer wieder mal die Ansicht, dass das alles ja schön und nett sei mit diesem Internet, aber das wirkliche Geld immer noch mit dem Kernprodukt verdient wird. Und mal im Ernst: Wie viele Redaktionen gibt es, in denen der Onlinechef so bedeutend ist, wie die Print/Senderchef?

Womit wir schnell zu einem kommen, der in diesem Jahr einer der “Journalisten des Jahres” gewählt worden ist: Wolfgang Blau ist “Chefredakteur des Jahres” geworden, was nicht nur ohnedies schon eine Leistung ist. Sondern umso bemerkenswerter, weil Blau damit alle Zeitungs-, Radio- und Fernsehchefredakteure hinter sich ließ, sogar den “Zeit”-Chef Giovanni di Lorenzo. Und es ist erwähnenswert, weil man damit nicht nur Blaus Arbeit gewürdigt hat, sondern auch “Zeit Online” als ein eigenständiges, journalistisch geprägtes Medium akzeptiert, das eben sehr viel mehr ist als nur der Ableger der gedruckten “Zeit”. Blaus Arbeit und die von “Zeit Online” ist beispielgebend. Dafür, was man aus einem Onlinemedium machen kann, wenn man erst mal nur bereit ist, das Selbstverständnis zu ändern. Das finde ich an dieser Wahl (bei allem großen Respekt vor Wolfgang Blaus Arbeit) das eigentlich Ermutigende: dass die “Zeit” ihre Onlineseite eben nicht nur als Ableger betrachtet, den man eben irgendwie haben muss. Wie wenig selbstverständlich das ist, zeigt mir die Tatsache, dass ich erst mal eine ganze Zeit überlegen muss, um vergleichbares zu finden. Die SZ mit Stefan Plöchinger  befindet sich unter den großen Blättern da noch auf einem ganz guten Weg, “Spiegel Online” (auch wenn man dessen Inhalt nicht wirklich mögen muss) hat ohnedies seit vielen Jahren eine Ausnahmestellung. Aber sonst? Online ist eben doch noch bei vielen eine eher lästige Pflichtaufgabe.

***

Wenn man durch die Redaktionsräume der Rhein-Zeitung in Koblenz geht und es nicht besser wüsste, man könnte auch meinen, man sei in einer klassischen Onlineredaktion gelandet. Die Twitter- und sonstigen Fenster sind dauerhaft offen, der Onlinechef ist mitten im Geschehen und der Chefredakteur vom Janzen ist ohnehin omnipräsent im Netz. Man kommt kaum auf die Idee, dass man sich bei einer mittelgroßen Regionalzeitung befindet, zumal dann nicht, wenn man schon mal andere mittelgroße Regionalzeitungen besucht hat. Christian Lindner als ihr Chefredakteur ist vermutlich der experimentierfreudigste seiner Gattung und deshalb völlig zurecht “Chefredakteur des Jahres regional” geworden. Man beachte auch hier: Lindner ist nicht primär für seine Arbeit am Blatt gewählt worden, sondern dafür, dass er seinem Verlag einen gangbaren Weg in die Zukunft aufzeigt. Dafür, dass er ein Blatt zukunftsfähig macht, ganz praktisch, Tag für Tag, keineswegs nur in irgendwelchen theoretischen Ansätzen. Lindner und die Rhein-Zeitung begreifen ihr Blatt eben nicht einfach nur als Zeitung mit angehängtem Onlineaufritt. Sondern als eine journalistische Einheit, die sich den jeweils am besten geeigneten Kanal zunutze macht. Und mit ihrem Leser ständig kommuniziert.

***

Zugegeben, als ich das eine oder andere Projekt verfolgt habe, dass Richard Gutjahr in diesem Jahr gemacht hat, habe ich mir  das eine oder andere Mal gedacht: Jetzt spinnt er, der Richie. Natürlich in einem überaus positiven Sinne, ehrlich gesagt war es mehr eine stille Bewunderung für jemanden, der nicht lange fragt und palavert, sondern sich auf nach Kairo macht und von dort aus authentisch, schnell und pointiert berichtet. Mit einer Ausrüstung, die in jeden Rucksack geht. Ich habe es als unglaublich wohltuend empfunden, wenn sich jemand von diesem ganzen “Das geht nicht”-Genöle abhebt und einfach macht. Oder von den Dauerkritikastern, die zwar ständig den Mund offen haben und ihn vor lauter Schaum davor kaum geschlossen bekommen, selber aber seit Jahren außer raunzendem Genörgel nicht sehr viel auf die Kette kriegen. Gutjahr macht das, was gute Journalisten machen sollten: Er recherchiert gründlich, erzählt gute und fundierte (und multimediale) Geschichten, ist unmittelbar vor Ort — und ja, auch das, er ist ein begnadeter Selbstvermarkter. Ich saß dieses Jahr mal auf einem Panel mit ihm und wusste zwischendrin nicht, was ich eigentlich mehr bewundern sollte: die Fähigkeit, einen nicht ganzen kleinen Saal prächtig zu unterhalten oder die Fähigkeit auch mal zu wissen, wann es gut ist. Gutjahr kennt seine Grenzen, während andere auf diesem Panel noch quatschten, als die ersten murrenden Tweeds angesichts einer offenbaren Selbstverliebtheit aufkamen.

***

Aber reden wir nochmal von dieser “Das geht nicht”-Haltung. So unterschiedlich Blau, Lindner und Gutjahr auch sein mögen, ihre größte Gemeinsamkeit ist die Tatsache, dass sie jeweils in ihrem Umfeld und ihrem Job geschafft haben, dieses “Das geht nicht” zu widerlegen. Dass es nicht geht, ein journalistisch profiliertes, eigenständiges und trotzdem tragfähiges Onlineangebot zu machen, hat Wolfgang Blau widerlegt. Dass sehr wohl möglich ist, auch mit den eingeschränkten Möglichkeiten einer Regionalzeitung das Netz mit gutem Inhalt zu füllen, zeigen Lindner und Freunde jeden Tag. Und dass man eben doch auch als One-Man-Show reüssieren und auf Basis eines Blogs und mit einem iPhone und ein bisschen Equipment gute Inhalte macht, zeigt Gutjahr. Das ist mehr wert als jede akademische Debatte und deshalb ist diese Wahl des “Medium Magazins” die beste und richtungsweisendste bisher.

***

Nein, Onliner sind auch nicht per se die besseren Journalisten. Es gibt grandios gute Printleute und nicht so gute Onliner und manche, die sich Blogger nennen, sind einfach nur reaktionäre Pfeffersäcke. Das Medium ist nicht die Message und auch nicht der Qualitätsmesser. Entscheidend ist, was man daraus macht. Alles andere sind — Scheindebatten.

Written by cjakubetz

Dezember 18th, 2011 at 11:23 pm

Posted in MEDIENZUKUNFT

Lesen und lesen lassen

with 4 comments

Vermutlich werden sie das bei der SZ nicht gewollt haben – aber ihre iPad-App bringt jeden Tag einen schönen Beleg dafür, warum die Debatten (und demnach auch die Klagen) über und gegen die Tagesschau-App ziemlich sinnlos sind.

In Bayern hat es in der Woche um Allerheiligen eine mittelgroße politische Verwerfung gegeben. Der bisherige Finanzminister Fahrenschon mag nicht mehr Politiker sein, sondern lieber Sparkassenpräsident. Das hat dafür gesorgt, dass Horst Seehofer plötzlich Ersatz für Fahrenschon brauchte und nach ein paar Tagen kam er dann zu dem Ergebnis, lieber Markus Söder als eine gewisse Christine Haderthauer für diesen Posten zu nominieren. Das Ganze ist interessant, wenn man sich für bayerische Landespolitik interessiert und inzwischen schon wieder so gut wie vergessen. In keinem Jahresrückblick außerhalb Bayerns wird diese Geschichte vorkommen. Ihr journalistischer Nachrichtenwert ist überschaubar, für jemanden in Rheinland-Pfalz oder in Schleswig-Holstein reicht dafür: ein Zweizeiler, eine kurze Meldung. Ein bayerischer Finanzminister wechselt, kein großes Ding, das.

Die Redaktion der “Tagesschau”, die naturgemäß auf Nachrichten für mehr als ein Bundesland fixiert ist (und vor allem eben auf: Nachrichten) hat dem Großereignis in den Tagen der Entscheidungsfindung keine drei Zeilen gewidmet. Als es dann endlich soweit war und Söder als Nachfolger feststand, reichte eine kurze Meldung, das war´s. Mehr gibt das nicht her, alles richtig gemacht.

Ich lebe nicht in NRW oder sonstwo, interessiere mich naturgemäß für alles aus Bayern mehr als für Thüringen und bayerische Landespolitik finde ich immer noch lustig, obwohl ich nicht mehr darüber berichten wollen würde.  Söder vs. Haderthauer vs. den Rest der CSU, dieses Hauen und Stechen fasziniert  mich weiterhin. Kein Wunder, dass ich ungefähr jede Zeile verschlungen habe, die die SZ darüber gebracht hat. Abends, wenn die App kam, habe ich erstmal nach CSU und Fahrenschon gesucht und dann gelesen. Auf die Idee, nach Fahrenschon in der “Tagesschau” intensiv zu schauen, wäre ich erst gar nicht gekommen, weil ich dort Nachrichten suche. Dabei spielt es dann schon auch keine Rolle mehr, ob es sich dabei um Texte oder Videos handelt. Ob die “Tagesschau” also mithin ein “presseähnliches Erzeugnis” ist oder nicht, ist eine akademische Diskussion Es geht nicht darum, wie mir etwas dargereicht wird — sondern um das was. Das “was” sind in der Tagesschau seit ungefähr einem halben Jahrhundert Nachrichten im klassischen Sinne, meinetwegen noch ergänzt mit ein bisschen Hintergrund und Aufbereitung, quasi die Tagesthemen. Aber auf die Idee, dass man in der Hauptnachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Themen finden könnte wie in einer großen, überregionalen Tageszeitung, auf die Idee kommt vermutlich ungefähr niemand, es sei denn, er ist bezahlter Jurist dieser Zeitung. Umgekehrt: Wenn eine Zeitung ihre wesentliche Existenzberechtigung in der Verbreitung von Nachrichten sieht, macht sie im Jahr 2011 ohnedies etwas falsch.

Man könnte das fortführen, man könnte mühelos dokumentieren, wie viele Themen aus den Zeitungen (die SZ ist nur ein Exempel) in der “Tagesschau” nicht vorkommen. Was nie anders war und auch nie anders sein wird. Deswegen haben Menschen schon vor einem halben Jahrhundert die “Tagesschau” gesehen und  Zeitung gelesen, obwohl die Zeitung etwas kostet und das Fernsehen wenigstens gefühlt nichts (dass TV natürlich etwas kostet, mögen Sie jetzt bitte nicht als Einwand bringen).

Es ist ziemlicher Unsinn, wenn man die Probleme von Tageszeitungen daran festzumachen versucht, dass es im Netz kostenlose Konkurrenz gibt, egal woher sie kommt. Was zählt – nach wie vor und auch in Zukunft – ist Inhalt. Mehrwert, Qualität, nennen Sie es, wie Sie wollen – es braucht einen guten Grund, dass jemand für etwas bezahlt. Dass er etwas anders woanders kostenlos bekommt, ist jedenfalls kein Grund dafür.

Written by cjakubetz

November 9th, 2011 at 11:38 pm

Was an Platz für uns noch bleibt

with 2 comments

Es ist also fraglich, wieviel Platz künftig für berufsmäßige Autoren, Künstlern und Journalisten noch bleiben wird; und ich bin fern davon, mich über diese Entwicklung zu freuen – aber das wird sie genauso wenig aufhalten, wie Leistungsschutzrechte und Verlagstrojaner.

Jörg Blumtritt hat sich als (erster) Gastautor beim “Universalcode” einige Gedanken darüber gemacht, was Digitalisierung nicht nur für Verlage, sondern auch für jeden einzelnen Journalisten bedeutet. Nachzulesen: hier.

Written by cjakubetz

November 1st, 2011 at 9:24 pm

Wir nennen es Universalcode

with 3 comments

Seit gestern also läuft die Auslieferung von “Universalcode” — und sieht man davon ab, dass es noch die Webseite und ggf. irgendwann mal die Idee einer App gibt, ist seit heute der erste Tag, an dem ich das Gefühl habe, das Projekt sei irgendwie abgeschlossen (was es natürlich nicht ist). Wenn ich auf das gut eine Jahr schaue, das zwischen Idee und Fertigstellung lag, dann glaube ich manchmal, noch nie so viel gelernt zu haben wie in den zurückliegenden12 Monaten. Nein, natürlich nicht nur über irgendwelche technischen und inhaltlichen Dinge, die den Journalismus im digitalen Zeitalter angehen. Sondern auch darüber, wie es sich jetzt und künftig arbeiten lässt. Und wie nicht. Was Zukunft hat und was nicht. Das ist, zugegeben, eine einigermaßen subjektive Sichtweise. Aber schon auch eine, aus der sich für andere und anderes einiges ableiten lässt. Bilanz von 12 aufregenden Monaten…

***

Es ist ja nicht etwa so gewesen, als dass ich die Idee, ein Buch über die neuen Anforderungen an Journalisten zu machen, nicht in der einen oder anderen Weise schon mal gehabt hätte. Man überschätzt allerdings die Flexibilität und die Innnovationsbereitschaft von Großbetrieben und namentlich Buchverlagen, wenn man glaubt, man schlage da mal einfach was vor und dann kommt ein netter Mitarbeiter des Verlags und legt einen Vertrag vor und kurz darauf ist man dann Buchautor. Das war halbwegs so bei “Crossmedia”. Beim UVK hatte man 2008 ohne lange Debatten und schnell begriffen, dass es den Bedarf für ein Praxisbuch über crossmediales Arbeiten geben könnte. Ich hatte damals auch mit der “gelben Reihe” gesprochen. Dort allerdings war man 2008 der Meinung, Crossmedia sei ja auch nichts anderes als Onlinejournalismus, weswegen es das Potential für einen eigenen Band dazu nicht gebe. Man könne aber gerne darüber nachdenken, ob man der nächste Auflage des Onlinejournalismusbuch nicht ein kleines Kapitel zu crossmedialem Arbeiten anhängen könne. Für die Idee, etwas deutlich weiterführendes als das “Crossmedia”-Buch zu machen, war aber auch der UVK nicht zu haben. Zugegeben, damals hieß das Ding noch nicht “Universalcode”, es war noch nicht abzusehen, dass so viele großartige Leute mitmachen würden — aber den grundsätzlichen Gedanken hatte ich schon deutlich eher. Beim Verlag hieß es, damit seien keine Auflagen zu erzielen, zudem es ja schon sehr viel Literatur dazu gebe. Ich verübele diese Einschätzung niemandem, zumal mir eines in den letzten Monaten auch klar wurde: So, wie wir “Universalcode” gemacht haben – das wäre in einem konventionellen Verlag nie und nimmer möglich gewesen. Wir hätten einen Vertrag gehabt, der uns kaum Freiräume gelassen hätte. Wir hätten als Marketingmaßnahmen irgendwelche hübschen Flyer und Stände bei Fachveranstaltungen gehabt. Wir hätten nicht so rumspinnen können, wie es bei “Eruyclia” der Fall gewesen ist. Und, vielleicht das Wichtigste: Diese Beteiligung der potentiellen Leser vom ersten Tag an, bis hin zur Abstimmung über das Cover — es fällt mir schwer zu glauben, dass wir das alles in einem konventionellen Verlag so hätten machen können, ganz egal, wie er heißt.

***

Überhaupt, das Arbeiten. Ich gehöre bestimmt nicht zu dem, was Sascha Lobo und Holm Friebe als “Digitale Boheme” beschrieben haben. Trotzdem dachte ich in den letzten Monaten oft an das Buch “Wir nennen es Arbeit”. Mir fiel auf, um wie viel effizienter und produktiver Arbeit auch in einem weitgehend virtuellen Verbund sein kann, wenn sie nur mit den richtigen Leuten gemacht wird. Wenn man die ganzen wahnwitzigen Strukturen von Großunternehmen beiseite lassen und sich auf das konzentrieren kann, was man machen will. Wenn man nicht ständig damit beschäftig ist, sich Unternehmenskulturen anzupassen oder aufzupassen, nicht in eine kleine, hübsche Intrige zu laufen (es gibt Menschen, die es darin zu wahren Meisterschaften gebracht haben). Wenn man nicht irgendwelche Eitelkeiten und Befindlichkeitsstörungen berücksichtigen muss und schließlich auch noch im Kopf haben soll, wer im Haus gerade mit wem kann und mit wem nicht. Kulturen gibt es übrigens überall, wenn mehr als eine bestimmte Zahl von Menschen zusammenarbeiten, ob man will oder nicht. Wenn man bei öffentlich-rechtliche Sendern über die Flure geht und man begegnet jemandem mit Schweißflecken, ist das meistens ein Beleg dafür, dass die Klimaanlage ausgefallen ist. Bei der FAZ kann nicht mal der Pförtner noch aufrecht gehen vor lauter Dünkel, bei der SZ musste man zumindest in den Zeiten der Sendlinger Straße ordentlich stenzig sein (ok, das verstehen jetzt vermutlich nur Bayern). ProSiebenSAT1 ist die tägliche Generalversammlung der Designanzugträger, kurzum: Es ist ganz egal, wohin man kommt, erstmal wird der tägliche Kreativtätsversuch von irgendetwas eingeschränkt.

***

Natürlich war das ein Spagat mit “Universalcode”. Wie bekommt man es hin, dass ein Buch eine erkennbare Linie hat und mehr als eine Aufsatzsammlung ist, ohne dass man die Texte glatt redigiert, die von einem guten Dutzend sehr unterschiedlicher Leute kommen?  Wie schafft man es, neben dem rein handwerklichen Können auch so etwas wie eine Haltung zu vermitteln, ohne Besinnungsaufsätze zu schreiben und den erhobenen Zeigefinger zum virtuellen Begleiter des Buchs zu machen? Inzwischen bin ich mir sicher, dass eine der Voraussetzungen dazu genau dieses Arbeiten war. Alles, was wir gemacht haben, war und ist unser Risiko. Wir mussten uns nicht durch Strategiemeetings und Redaktionssitzungen schlagen und es gab auch nirgends den einen, der qua Hierarchie Entscheidungen traf, die die anderen zähneknirschend hinnehmen mussten. Ich glaube, uns alle einte dann irgendwie auch der Gedanke, dass am Ende etwas Konstruktives stehen sollte, die Möglichkeit des Scheiterns und des Falsch-Liegens inbegriffen. Immer nur zu sagen, wie etwas nicht geht, das ist auf Dauer destruktiv. Und ja, auch das: billig. Ich glaube inzwischen, dass man kritisieren darf, was man will, irgendwann aber auch eine Art Alternative aufzeigen muss. Macht man das nicht, leidet irgendwann die Glaubwürdigkeit.  Vielleicht haben wir nicht auf alles die richtigen Antworten gefunden, aber ich fühle mich deutlich wohler in dem Wissen, dass wir es zumindest versucht haben. Kein Manifest, das auf keinen Fall. Aber wenigstens ein bisschen Orientierung, ein bisschen Handwerk und Haltung zugleich in einem digitalen Dschungel, der ohnedies schwer genug zu durchdringen ist. Wenn wir das mit “Universalcode” hinbekommen haben, bin ich zufrieden.

 

Written by cjakubetz

Oktober 25th, 2011 at 11:34 am

Lokal, sozial, egal: Raus aus H.9.2.264, Innenpolitik!

with 2 comments

Zumindest für eines sind die Medientage in München richtig gut: Man kann anhand ihrer Claims wunderbar feststellen, ob die Themen, mit denen man sich in den letzten Jahren beschäftigt hat, relevant waren. Rückblickend, versteht sich. Man mag es mit der schieren Größe der Veranstaltung und der Branche begründen, dass solche Events nix für Innovatoren sind, trotzdem: Die Medientage bringen es in sensationeller Kontinuität fertig, immer exakt zwei Jahre hinter den Entwicklungen herzuhecheln. Auch eine Kunst, wenn man so will. Jedenfalls hat man sich in diesem Jahr für das Motto „Lokal, sozial, mobil“ (oder umgekehrt) entschieden, womit signalisiert werden soll, dass man leider vermutlich inzwischen über dieses Internet ein bisschen hinausdenken muss. Schade, wo man sich doch gerade erst an diesen Netzgedanken gewohnt hatte.

 

***

Auf dem Weg zu diesen Medientagen, zu denen mich eine innige Hassliebe verbindet, fällt dem Vielreisenden eine frappierende Veränderung auf, die man sicher auch wissenschaftlich belegen könnte. Man kann sich allerdings auch mal einfach auf ein Bauchgefühl und ein bisschen Beobachtungsgabe verlassen. Früher (also: vor ca. zwei Jahren) mobil und viel unterwegs zu sein, das bedeutete, immer auf Zeitungsrücken zu starren. Heute habe ich im Zugabteil mal gezählt: drei iPad-Leser, zwei mit Smartphone, irgendein anderes Tablet war auch noch dabei. Und eine , genau eine gedruckte „Süddeutsche“. Das ist ziemlich interessant, zumal angesichts einer neuen Studie, die behauptet, die Menschen würden sich, sofern sie Tabletnutzer sind, noch mehr für Nachrichten und Journalismus und Lesestoff interessieren, als sie es ohnehin schon getan haben. Man kann also lange lamentieren über Tablets und sich die Ablehnung des iPads auch zur billigen Attitüde machen, letztendlich ist das nur eine reaktionäre Realitätsverweigerung. Tatsächlich besteht kaum ein Grund, mobile Medien als Bedrohung oder als Ding für Deppen zu sehen. Zeitungen und Bücher waren schließlich auch immer mobil. Insofern haben sie schon recht bei den Medientagen, sich jetzt auch mal mit der Mobilität zu beschäftigen. Ein Massenmarkt ist das Thema ohnedies, wenig überraschend übrigens. Schon 2008 kamen die ersten Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass spätestens 2014 mehr Menschen mobil als stationär auf das Netz zugreifen.

 

***

Es ist allerdings immer noch das alte Lied in vielen Häusern. Angebote für mobile Plattformen sind häufig das Abfallprodukt des konventionellen Onlinegeschehens. Immer noch keine App, keine Idee, wie man welche Inhalte wohin bringt? Schwierig, aber auf der anderen Seite auch nicht verwunderlich, wenn die Geisteshaltung gegenüber dem Netz vor allem im Bewahren und Verweigern besteht. Zu befürchten ist ja irgendwie nur, dass es in zwei oder drei Jahren wieder das große Wehklagen gibt, dass andere, größere und schnellere den Rahm im mobilen Markt abschöpfen. Böses Google, böses Apple. Vermutlich brauchen wir dann wieder ein bisschen mehr Regulierung oder ein europäisches Google oder andere Formen der Abschottung. Komisch, wo es doch ein bisschen Schnelligkeit auch schon täte. Zumindest für den Anfang.

***

Lokal also, das ist der zweite große Trend, den sie bei den Medientagen ausgemacht haben wollen. Man würde angesichts dessen erst mal begeistert in die Hände klatschen wollen, lokale Themen sind so etwas wie ein journalistisches perpetuum mobile. Wer nicht gerade Misanthrop oder anderweitig gestört ist, interessiert sich für das, was in seinem Umfeld passiert, nahezu zwangsläufig, Man müsste demnach davon ausgehen, dass künftig vor allem die Lokalredaktionen enormen personellen Zulauf und gewaltige finanzielle Ausstattung erhalten werden. Anzunehmen auch, dass sie speziell für lokale Anwendungen und soziale Medien eine Menge neuer Instrumente und Inhalte entwickeln werden. Ach, Sie lächeln gerade müde und denken sich: das glaubt der doch selbst nicht? Mit letzterem haben Sie recht. Warum das allerdings so ist, darüber dürfen Sie gerne selbst nachdenken.

 

***

 Weil wir gerade in diesem Kontext sind: sozial, ja, das große Thema – vor zwei Jahren. Damals galt es noch als aufregend, wenn Medien plötzlich sich in den großen Netzwerken tummelten. Eine Redaktion bei Facebook? Eine grandiose Idee, damals jedenfalls. Inzwischen ist das Standard, vermutlich ist der Recklinghäuser Bote inzwischen auch in Zuckerbergs Reich angekommen. Schlechte Zeiten also zum einen für Social-Media-Berater, aber auch für die Medientage und all jene, die sich ernsthaft zu diesem Thema noch halbwegs neue Erkenntnisse erwarten. Ja, es ist Standard und auch weiterhin verpflichtend, sich in den sozialen Netzen zu bewegen. Der Denkfehler ist – interessante Analogie übrigens zum Thema Lokaljournalismus – zu glauben, Präsenz sei ausreichend. Zu glauben, dass es beeindruckend sei, wenn man bei Facebook vertretend ist. Man muss das schon leben, sowohl die sozialen Netze als auch die lokalen Inhalte. Man erzählt das schließlich jedem Lokaljungredakteur schon seit vielen Jahren: Lokaljournalismus funktioniert anders als das Abarbeiten von Agenturmeldungen in der Nachrichtenredaktion. Man muss sich für die Menschen dort interessieren, man muss die Gegend, in der man arbeitet, verstehen, verinnerlichen, und ja, auch das: mögen. Nicht sehr viel änders wäre das mit den sozialen Medien, die man ebenfalls verstehen, verinnerlichen und mögen müsste. Demnach sollte das Leben in diesen Netzen mehr sein als nur das Linkschleudern und das Ankündigen von irgendwas. Die Realität ist vielerorts eine andere.

 

***

Vielleicht ist es also das, was an diesen atemlosen Events wie den Medientagen so einigermaßen sinnlos ist. Jedes Jahr stellt man die Veranstaltung unter wohlklingende Schlagworte, lokal, sozial, digital, medial, genial. Der größte Schlagwortumsichwerfer hat die meisten Schlagzeilen, Tweets (wollen wir am Wochenende mal vergleichen?). Klingt gut, führt nur leider am Kernproblem vorbei. Was Journalismus bräuchte (Achtung, Pathos!) wäre so etwas wie eine neue Kultur, eine neue Haltung. Kommunikation als Haltung beispielsweise. Transparenz, Offenheit, neue Wege, Information mit den Menschen und nicht nur für sie zu machen. Raus aus den Glaspalästen und den Hochhäuserm, raus aus den Chefredakteurs-Glashäusern und den Ressortleiterbüros mit so prächtigen Türschildern wie „H.9.2.264, Innenpolitik“. Dass Journalisten (nicht Journalismus, wohlgemerkt) konventioneller Prägung ein Problem haben, liegt in erster Linie daran, nicht an Tablets, an Facebook, nicht an Google oder Apple.

 

***

Die Medientage finden übrigens auf dem Münchner Messegelände statt. Viel Glas, sehr weit draußen, sehr steril. Eine sehr, sehr eigene Welt. Analogie erkannt?

Written by cjakubetz

Oktober 19th, 2011 at 9:52 am

Posted in MEDIENZUKUNFT

Der sinnlose Kampf gegen einen Nicht-Konkurrenten

with one comment

Es gibt Fälle, in denen sich Gerichte überfordert sehen. Oder eine Klage für unsinnig und nicht wirklich verhandelbar halten. Natürlich sagen Richter das dann nicht so in dieser Deutlichkeit, aber sie geben es wenigstens dezent zu verstehen. Der Richter am Landgericht Köln beispielsweise hat in dieser Woche freundlich, aber doch bestimmt gesagt, was er von der Klage diverser Zeitungsverlage gegen die App der Tagesschau hält: nichts. Er hat das erst mit einigen juristischen Argumenten dargelegt, ehe er dann mit einem einzigen Satz die Richtung endgültig klar machte: ob es denn gar keine Möglichkeit gebe, dass man sich nochmal zusammensetze und rede? Wenn Richter so etwas rhetorisch fragen, geben sie einem Kläger gerne zu verstehen, dass das Gericht natürlich auch ein Urteil sprechen kann, das aber nach aller Voraussicht nicht zu dem vom Kläger gewünschten Ergebnis führen wird.

Man weiß allerdings auch, dass es irgendwann auch darum geht, dass jemand vor Gericht sein Gesicht nicht verlieren will. Deshalb steht trotz der richterlichen Andeutung kaum zu erwarten, dass die klagenden Verlage ihr Ansinnen zurückziehen und sich mit den Sendern zusammensetzen wird. Es geht schließlich auch — so viel Andeutung kam dann wiederum von Klägerseite – um ein paar generelle Feststellungen. Die wichtigste Grundsatzfeststellung wird demnach die Antwort auf die Frage sein: Was ist “presseähnlich”?

Und vermutlich ist es genau diese Feststellung, die das Gericht nicht treffen will.  Weil sie nicht zu treffen ist, weil das, was die Kläger gerne hätten, nicht möglich ist. Gefordert wäre nicht weniger als eine rechtsverbindliche Definition dessen, was Journalismus im digitalen Zeitalter ist und was nicht. Am Ende sollte ein Urteil stehen, dass den Sendern sagt: Lasst der Presse, was der Presse ist. Das Privileg der Presse wäre demnach der Text, öffentlich-rechtliche Sender müssten sich demnach weitgehend auf die Wiedergabe von bewegten Bildern beschränken. Die Kläger verweisen darauf, dass die entsprechenden verträge davon sprechen, “sendungsbezogene” Inhalte zur verfügung zu stellen. Doch genau da beginnt die Crux bei einer Nachrichtensendung. Während man beispielsweise für einen “Tatort” leicht definieren kann, was sendungsbezogen ist und was nicht, ist das bei einer Nachrichtensendung kaum realisierbar.  Das Gericht müsste aus inhaltlicher Sicht etwas tun, was schon für (Nachrichten-)Redaktionen schwer machbar ist. Es müsste definieren, was nachrichtliche Relevanz ist, würde es die Verlagsklage wirklich ernst nehmen. Niemand würde behaupten, dass das wirklich möglich ist. Deswegen entlarvt sich die Klage ja auch schnell: Sie ist in Wahrheit dazu da, eine unliebsame Konkurrenz zu beseitigen.

Die Klägerverlagen bestreiten den Konkurrenzaspekt nicht und verweisen dabei gerne auf die Downloadzahlen. Millionenfach sei die ARD-App schon geladen worden, während es die Bezahlapps der Verlage mühevoll auf eine geringe fünfstellige Zahl bringen. Demnach logischer Zusammenhang: Das eine gibt es kostenlos und das wird immer lieber genommen als jedes noch so gute, aber leider eben kostenpflichtige Angebot. Das klingt naheliegend — und ist dennoch grundlegend falsch. Zum einen deshalb, weil sich der Vergleich bisher in der Praxis gar nicht ziehen lässt. Die beiden größten der klagenden Tageszeitungen, die “Süddeutsche” und die FAZ beispielsweise, haben bisher gar keine Apps, die mit denen der “Tagesschau” vergleichbar wären. Die FAZ bietet lediglich ihre Zeitung zum Download an, die App der SZ wird erst am Ende des Monats auf den Markt kommen. Es ist also schon durchaus erstaunlich, wie beide Blätter (bei der FAZ beschwört deren Medienredakteur jedesmal den Untergang der freien Presse) zu wissen glauben, was die “Tagesschau” an Verwüstungen anrichtet, ohne selbst überhaupt ein adäquates Konkurrenzprodukt anzubieten. Beide lassen dabei eine andere Möglichkeit außer acht: Was, wenn Nutzer sehr wohl bereit sind, Geld für eine gute App auszugeben? Was, wenn Nutzer so schlau  sind und sehr wohl den Unterschied erkennen zwischen einem nachrichtengetriebenen Angebot und einer eher hintergründigen, leselastigen Zeitungsapp, die einen ganz anderen inhaltlichen Ansatz hat als die “Tagesschau”.

Andersrum gefragt: Wenn Tageszeitungen ihre größte inhaltliche Konkurrenz in der “Tagesschau” sehen, machen sie dann nicht ohnehin etwas ganz grundsätzliches falsch?

 

Written by cjakubetz

Oktober 15th, 2011 at 12:15 pm

Posted in MEDIENZUKUNFT