Kategorie: MEDIENZUKUNFT


Journalismus des Jahres: Online

18. Dezember 2011 - 23:23 Uhr

Zugegeben, die Wahl der Journalisten des Jahres im “Medium Magazin” fand ich früher ungefähr so spannend wie die Kür eines “Mitarbeiter des Monats”. Das war zwar immer alles ganz amüsant zu lesen und wirklich protestieren wollte man bei den meisten Wahlen auch nicht. Aber alles in allem waren es dann doch meistens die üblichen Verdächtigen und weil so eine Wahl ohnehin eher folgenlos bleibt, hatte man zwei Tage später schon wieder vergessen, wer da eigentlich gewählt worden war. In diesem Jahr war das anders. Weil zum ersten Mal seit langer Zeit nicht einfach nur Journalisten für ihre Arbeit ausgezeichnet wurden, sondern ein eindeutiger Trend erkennbar ist. Gäbe es diese Kategorie, dann hieße es in diesem Jahr “Online” sei der “Journalismus des Jahres”.

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Es ist noch nicht so rasend lange her, da mussten sich Journalisten, die in eine Onlineredaktion wechselten, fragen lassen, was sie eigentlich angestellt haben. Oder ob sie denn gar nix anderes gefunden haben. Richtig ernst genommen wurden Onlinejournalisten von ihren analogen Kollegen lange Zeit nicht. Wenn man sich die Arbeitsbedingungen vieler ansieht und die gelegentlich immer noch vorhandene Herablassung, mit der man auf die Onliner schaut, dann kommt man zu dem Schluss, dass es bis heute noch ein paar Unverbesserliche gibt, die Onlinejournalisten nicht für Journalisten, sondern Pixelschubser halten. Man hört immer wieder mal die Ansicht, dass das alles ja schön und nett sei mit diesem Internet, aber das wirkliche Geld immer noch mit dem Kernprodukt verdient wird. Und mal im Ernst: Wie viele Redaktionen gibt es, in denen der Onlinechef so bedeutend ist, wie die Print/Senderchef?

Womit wir schnell zu einem kommen, der in diesem Jahr einer der “Journalisten des Jahres” gewählt worden ist: Wolfgang Blau ist “Chefredakteur des Jahres” geworden, was nicht nur ohnedies schon eine Leistung ist. Sondern umso bemerkenswerter, weil Blau damit alle Zeitungs-, Radio- und Fernsehchefredakteure hinter sich ließ, sogar den “Zeit”-Chef Giovanni di Lorenzo. Und es ist erwähnenswert, weil man damit nicht nur Blaus Arbeit gewürdigt hat, sondern auch “Zeit Online” als ein eigenständiges, journalistisch geprägtes Medium akzeptiert, das eben sehr viel mehr ist als nur der Ableger der gedruckten “Zeit”. Blaus Arbeit und die von “Zeit Online” ist beispielgebend. Dafür, was man aus einem Onlinemedium machen kann, wenn man erst mal nur bereit ist, das Selbstverständnis zu ändern. Das finde ich an dieser Wahl (bei allem großen Respekt vor Wolfgang Blaus Arbeit) das eigentlich Ermutigende: dass die “Zeit” ihre Onlineseite eben nicht nur als Ableger betrachtet, den man eben irgendwie haben muss. Wie wenig selbstverständlich das ist, zeigt mir die Tatsache, dass ich erst mal eine ganze Zeit überlegen muss, um vergleichbares zu finden. Die SZ mit Stefan Plöchinger  befindet sich unter den großen Blättern da noch auf einem ganz guten Weg, “Spiegel Online” (auch wenn man dessen Inhalt nicht wirklich mögen muss) hat ohnedies seit vielen Jahren eine Ausnahmestellung. Aber sonst? Online ist eben doch noch bei vielen eine eher lästige Pflichtaufgabe.

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Wenn man durch die Redaktionsräume der Rhein-Zeitung in Koblenz geht und es nicht besser wüsste, man könnte auch meinen, man sei in einer klassischen Onlineredaktion gelandet. Die Twitter- und sonstigen Fenster sind dauerhaft offen, der Onlinechef ist mitten im Geschehen und der Chefredakteur vom Janzen ist ohnehin omnipräsent im Netz. Man kommt kaum auf die Idee, dass man sich bei einer mittelgroßen Regionalzeitung befindet, zumal dann nicht, wenn man schon mal andere mittelgroße Regionalzeitungen besucht hat. Christian Lindner als ihr Chefredakteur ist vermutlich der experimentierfreudigste seiner Gattung und deshalb völlig zurecht “Chefredakteur des Jahres regional” geworden. Man beachte auch hier: Lindner ist nicht primär für seine Arbeit am Blatt gewählt worden, sondern dafür, dass er seinem Verlag einen gangbaren Weg in die Zukunft aufzeigt. Dafür, dass er ein Blatt zukunftsfähig macht, ganz praktisch, Tag für Tag, keineswegs nur in irgendwelchen theoretischen Ansätzen. Lindner und die Rhein-Zeitung begreifen ihr Blatt eben nicht einfach nur als Zeitung mit angehängtem Onlineaufritt. Sondern als eine journalistische Einheit, die sich den jeweils am besten geeigneten Kanal zunutze macht. Und mit ihrem Leser ständig kommuniziert.

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Zugegeben, als ich das eine oder andere Projekt verfolgt habe, dass Richard Gutjahr in diesem Jahr gemacht hat, habe ich mir  das eine oder andere Mal gedacht: Jetzt spinnt er, der Richie. Natürlich in einem überaus positiven Sinne, ehrlich gesagt war es mehr eine stille Bewunderung für jemanden, der nicht lange fragt und palavert, sondern sich auf nach Kairo macht und von dort aus authentisch, schnell und pointiert berichtet. Mit einer Ausrüstung, die in jeden Rucksack geht. Ich habe es als unglaublich wohltuend empfunden, wenn sich jemand von diesem ganzen “Das geht nicht”-Genöle abhebt und einfach macht. Oder von den Dauerkritikastern, die zwar ständig den Mund offen haben und ihn vor lauter Schaum davor kaum geschlossen bekommen, selber aber seit Jahren außer raunzendem Genörgel nicht sehr viel auf die Kette kriegen. Gutjahr macht das, was gute Journalisten machen sollten: Er recherchiert gründlich, erzählt gute und fundierte (und multimediale) Geschichten, ist unmittelbar vor Ort — und ja, auch das, er ist ein begnadeter Selbstvermarkter. Ich saß dieses Jahr mal auf einem Panel mit ihm und wusste zwischendrin nicht, was ich eigentlich mehr bewundern sollte: die Fähigkeit, einen nicht ganzen kleinen Saal prächtig zu unterhalten oder die Fähigkeit auch mal zu wissen, wann es gut ist. Gutjahr kennt seine Grenzen, während andere auf diesem Panel noch quatschten, als die ersten murrenden Tweeds angesichts einer offenbaren Selbstverliebtheit aufkamen.

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Aber reden wir nochmal von dieser “Das geht nicht”-Haltung. So unterschiedlich Blau, Lindner und Gutjahr auch sein mögen, ihre größte Gemeinsamkeit ist die Tatsache, dass sie jeweils in ihrem Umfeld und ihrem Job geschafft haben, dieses “Das geht nicht” zu widerlegen. Dass es nicht geht, ein journalistisch profiliertes, eigenständiges und trotzdem tragfähiges Onlineangebot zu machen, hat Wolfgang Blau widerlegt. Dass sehr wohl möglich ist, auch mit den eingeschränkten Möglichkeiten einer Regionalzeitung das Netz mit gutem Inhalt zu füllen, zeigen Lindner und Freunde jeden Tag. Und dass man eben doch auch als One-Man-Show reüssieren und auf Basis eines Blogs und mit einem iPhone und ein bisschen Equipment gute Inhalte macht, zeigt Gutjahr. Das ist mehr wert als jede akademische Debatte und deshalb ist diese Wahl des “Medium Magazins” die beste und richtungsweisendste bisher.

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Nein, Onliner sind auch nicht per se die besseren Journalisten. Es gibt grandios gute Printleute und nicht so gute Onliner und manche, die sich Blogger nennen, sind einfach nur reaktionäre Pfeffersäcke. Das Medium ist nicht die Message und auch nicht der Qualitätsmesser. Entscheidend ist, was man daraus macht. Alles andere sind — Scheindebatten.

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Lesen und lesen lassen

9. November 2011 - 23:38 Uhr

Vermutlich werden sie das bei der SZ nicht gewollt haben – aber ihre iPad-App bringt jeden Tag einen schönen Beleg dafür, warum die Debatten (und demnach auch die Klagen) über und gegen die Tagesschau-App ziemlich sinnlos sind.

In Bayern hat es in der Woche um Allerheiligen eine mittelgroße politische Verwerfung gegeben. Der bisherige Finanzminister Fahrenschon mag nicht mehr Politiker sein, sondern lieber Sparkassenpräsident. Das hat dafür gesorgt, dass Horst Seehofer plötzlich Ersatz für Fahrenschon brauchte und nach ein paar Tagen kam er dann zu dem Ergebnis, lieber Markus Söder als eine gewisse Christine Haderthauer für diesen Posten zu nominieren. Das Ganze ist interessant, wenn man sich für bayerische Landespolitik interessiert und inzwischen schon wieder so gut wie vergessen. In keinem Jahresrückblick außerhalb Bayerns wird diese Geschichte vorkommen. Ihr journalistischer Nachrichtenwert ist überschaubar, für jemanden in Rheinland-Pfalz oder in Schleswig-Holstein reicht dafür: ein Zweizeiler, eine kurze Meldung. Ein bayerischer Finanzminister wechselt, kein großes Ding, das.

Die Redaktion der “Tagesschau”, die naturgemäß auf Nachrichten für mehr als ein Bundesland fixiert ist (und vor allem eben auf: Nachrichten) hat dem Großereignis in den Tagen der Entscheidungsfindung keine drei Zeilen gewidmet. Als es dann endlich soweit war und Söder als Nachfolger feststand, reichte eine kurze Meldung, das war´s. Mehr gibt das nicht her, alles richtig gemacht.

Ich lebe nicht in NRW oder sonstwo, interessiere mich naturgemäß für alles aus Bayern mehr als für Thüringen und bayerische Landespolitik finde ich immer noch lustig, obwohl ich nicht mehr darüber berichten wollen würde.  Söder vs. Haderthauer vs. den Rest der CSU, dieses Hauen und Stechen fasziniert  mich weiterhin. Kein Wunder, dass ich ungefähr jede Zeile verschlungen habe, die die SZ darüber gebracht hat. Abends, wenn die App kam, habe ich erstmal nach CSU und Fahrenschon gesucht und dann gelesen. Auf die Idee, nach Fahrenschon in der “Tagesschau” intensiv zu schauen, wäre ich erst gar nicht gekommen, weil ich dort Nachrichten suche. Dabei spielt es dann schon auch keine Rolle mehr, ob es sich dabei um Texte oder Videos handelt. Ob die “Tagesschau” also mithin ein “presseähnliches Erzeugnis” ist oder nicht, ist eine akademische Diskussion Es geht nicht darum, wie mir etwas dargereicht wird — sondern um das was. Das “was” sind in der Tagesschau seit ungefähr einem halben Jahrhundert Nachrichten im klassischen Sinne, meinetwegen noch ergänzt mit ein bisschen Hintergrund und Aufbereitung, quasi die Tagesthemen. Aber auf die Idee, dass man in der Hauptnachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Themen finden könnte wie in einer großen, überregionalen Tageszeitung, auf die Idee kommt vermutlich ungefähr niemand, es sei denn, er ist bezahlter Jurist dieser Zeitung. Umgekehrt: Wenn eine Zeitung ihre wesentliche Existenzberechtigung in der Verbreitung von Nachrichten sieht, macht sie im Jahr 2011 ohnedies etwas falsch.

Man könnte das fortführen, man könnte mühelos dokumentieren, wie viele Themen aus den Zeitungen (die SZ ist nur ein Exempel) in der “Tagesschau” nicht vorkommen. Was nie anders war und auch nie anders sein wird. Deswegen haben Menschen schon vor einem halben Jahrhundert die “Tagesschau” gesehen und  Zeitung gelesen, obwohl die Zeitung etwas kostet und das Fernsehen wenigstens gefühlt nichts (dass TV natürlich etwas kostet, mögen Sie jetzt bitte nicht als Einwand bringen).

Es ist ziemlicher Unsinn, wenn man die Probleme von Tageszeitungen daran festzumachen versucht, dass es im Netz kostenlose Konkurrenz gibt, egal woher sie kommt. Was zählt – nach wie vor und auch in Zukunft – ist Inhalt. Mehrwert, Qualität, nennen Sie es, wie Sie wollen – es braucht einen guten Grund, dass jemand für etwas bezahlt. Dass er etwas anders woanders kostenlos bekommt, ist jedenfalls kein Grund dafür.

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Was an Platz für uns noch bleibt

1. November 2011 - 21:24 Uhr

Es ist also fraglich, wieviel Platz künftig für berufsmäßige Autoren, Künstlern und Journalisten noch bleiben wird; und ich bin fern davon, mich über diese Entwicklung zu freuen – aber das wird sie genauso wenig aufhalten, wie Leistungsschutzrechte und Verlagstrojaner.

Jörg Blumtritt hat sich als (erster) Gastautor beim “Universalcode” einige Gedanken darüber gemacht, was Digitalisierung nicht nur für Verlage, sondern auch für jeden einzelnen Journalisten bedeutet. Nachzulesen: hier.

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Wir nennen es Universalcode

25. Oktober 2011 - 11:34 Uhr

Seit gestern also läuft die Auslieferung von “Universalcode” — und sieht man davon ab, dass es noch die Webseite und ggf. irgendwann mal die Idee einer App gibt, ist seit heute der erste Tag, an dem ich das Gefühl habe, das Projekt sei irgendwie abgeschlossen (was es natürlich nicht ist). Wenn ich auf das gut eine Jahr schaue, das zwischen Idee und Fertigstellung lag, dann glaube ich manchmal, noch nie so viel gelernt zu haben wie in den zurückliegenden12 Monaten. Nein, natürlich nicht nur über irgendwelche technischen und inhaltlichen Dinge, die den Journalismus im digitalen Zeitalter angehen. Sondern auch darüber, wie es sich jetzt und künftig arbeiten lässt. Und wie nicht. Was Zukunft hat und was nicht. Das ist, zugegeben, eine einigermaßen subjektive Sichtweise. Aber schon auch eine, aus der sich für andere und anderes einiges ableiten lässt. Bilanz von 12 aufregenden Monaten…

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Es ist ja nicht etwa so gewesen, als dass ich die Idee, ein Buch über die neuen Anforderungen an Journalisten zu machen, nicht in der einen oder anderen Weise schon mal gehabt hätte. Man überschätzt allerdings die Flexibilität und die Innnovationsbereitschaft von Großbetrieben und namentlich Buchverlagen, wenn man glaubt, man schlage da mal einfach was vor und dann kommt ein netter Mitarbeiter des Verlags und legt einen Vertrag vor und kurz darauf ist man dann Buchautor. Das war halbwegs so bei “Crossmedia”. Beim UVK hatte man 2008 ohne lange Debatten und schnell begriffen, dass es den Bedarf für ein Praxisbuch über crossmediales Arbeiten geben könnte. Ich hatte damals auch mit der “gelben Reihe” gesprochen. Dort allerdings war man 2008 der Meinung, Crossmedia sei ja auch nichts anderes als Onlinejournalismus, weswegen es das Potential für einen eigenen Band dazu nicht gebe. Man könne aber gerne darüber nachdenken, ob man der nächste Auflage des Onlinejournalismusbuch nicht ein kleines Kapitel zu crossmedialem Arbeiten anhängen könne. Für die Idee, etwas deutlich weiterführendes als das “Crossmedia”-Buch zu machen, war aber auch der UVK nicht zu haben. Zugegeben, damals hieß das Ding noch nicht “Universalcode”, es war noch nicht abzusehen, dass so viele großartige Leute mitmachen würden — aber den grundsätzlichen Gedanken hatte ich schon deutlich eher. Beim Verlag hieß es, damit seien keine Auflagen zu erzielen, zudem es ja schon sehr viel Literatur dazu gebe. Ich verübele diese Einschätzung niemandem, zumal mir eines in den letzten Monaten auch klar wurde: So, wie wir “Universalcode” gemacht haben – das wäre in einem konventionellen Verlag nie und nimmer möglich gewesen. Wir hätten einen Vertrag gehabt, der uns kaum Freiräume gelassen hätte. Wir hätten als Marketingmaßnahmen irgendwelche hübschen Flyer und Stände bei Fachveranstaltungen gehabt. Wir hätten nicht so rumspinnen können, wie es bei “Eruyclia” der Fall gewesen ist. Und, vielleicht das Wichtigste: Diese Beteiligung der potentiellen Leser vom ersten Tag an, bis hin zur Abstimmung über das Cover — es fällt mir schwer zu glauben, dass wir das alles in einem konventionellen Verlag so hätten machen können, ganz egal, wie er heißt.

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Überhaupt, das Arbeiten. Ich gehöre bestimmt nicht zu dem, was Sascha Lobo und Holm Friebe als “Digitale Boheme” beschrieben haben. Trotzdem dachte ich in den letzten Monaten oft an das Buch “Wir nennen es Arbeit”. Mir fiel auf, um wie viel effizienter und produktiver Arbeit auch in einem weitgehend virtuellen Verbund sein kann, wenn sie nur mit den richtigen Leuten gemacht wird. Wenn man die ganzen wahnwitzigen Strukturen von Großunternehmen beiseite lassen und sich auf das konzentrieren kann, was man machen will. Wenn man nicht ständig damit beschäftig ist, sich Unternehmenskulturen anzupassen oder aufzupassen, nicht in eine kleine, hübsche Intrige zu laufen (es gibt Menschen, die es darin zu wahren Meisterschaften gebracht haben). Wenn man nicht irgendwelche Eitelkeiten und Befindlichkeitsstörungen berücksichtigen muss und schließlich auch noch im Kopf haben soll, wer im Haus gerade mit wem kann und mit wem nicht. Kulturen gibt es übrigens überall, wenn mehr als eine bestimmte Zahl von Menschen zusammenarbeiten, ob man will oder nicht. Wenn man bei öffentlich-rechtliche Sendern über die Flure geht und man begegnet jemandem mit Schweißflecken, ist das meistens ein Beleg dafür, dass die Klimaanlage ausgefallen ist. Bei der FAZ kann nicht mal der Pförtner noch aufrecht gehen vor lauter Dünkel, bei der SZ musste man zumindest in den Zeiten der Sendlinger Straße ordentlich stenzig sein (ok, das verstehen jetzt vermutlich nur Bayern). ProSiebenSAT1 ist die tägliche Generalversammlung der Designanzugträger, kurzum: Es ist ganz egal, wohin man kommt, erstmal wird der tägliche Kreativtätsversuch von irgendetwas eingeschränkt.

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Natürlich war das ein Spagat mit “Universalcode”. Wie bekommt man es hin, dass ein Buch eine erkennbare Linie hat und mehr als eine Aufsatzsammlung ist, ohne dass man die Texte glatt redigiert, die von einem guten Dutzend sehr unterschiedlicher Leute kommen?  Wie schafft man es, neben dem rein handwerklichen Können auch so etwas wie eine Haltung zu vermitteln, ohne Besinnungsaufsätze zu schreiben und den erhobenen Zeigefinger zum virtuellen Begleiter des Buchs zu machen? Inzwischen bin ich mir sicher, dass eine der Voraussetzungen dazu genau dieses Arbeiten war. Alles, was wir gemacht haben, war und ist unser Risiko. Wir mussten uns nicht durch Strategiemeetings und Redaktionssitzungen schlagen und es gab auch nirgends den einen, der qua Hierarchie Entscheidungen traf, die die anderen zähneknirschend hinnehmen mussten. Ich glaube, uns alle einte dann irgendwie auch der Gedanke, dass am Ende etwas Konstruktives stehen sollte, die Möglichkeit des Scheiterns und des Falsch-Liegens inbegriffen. Immer nur zu sagen, wie etwas nicht geht, das ist auf Dauer destruktiv. Und ja, auch das: billig. Ich glaube inzwischen, dass man kritisieren darf, was man will, irgendwann aber auch eine Art Alternative aufzeigen muss. Macht man das nicht, leidet irgendwann die Glaubwürdigkeit.  Vielleicht haben wir nicht auf alles die richtigen Antworten gefunden, aber ich fühle mich deutlich wohler in dem Wissen, dass wir es zumindest versucht haben. Kein Manifest, das auf keinen Fall. Aber wenigstens ein bisschen Orientierung, ein bisschen Handwerk und Haltung zugleich in einem digitalen Dschungel, der ohnedies schwer genug zu durchdringen ist. Wenn wir das mit “Universalcode” hinbekommen haben, bin ich zufrieden.

 

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Lokal, sozial, egal: Raus aus H.9.2.264, Innenpolitik!

19. Oktober 2011 - 9:52 Uhr

Zumindest für eines sind die Medientage in München richtig gut: Man kann anhand ihrer Claims wunderbar feststellen, ob die Themen, mit denen man sich in den letzten Jahren beschäftigt hat, relevant waren. Rückblickend, versteht sich. Man mag es mit der schieren Größe der Veranstaltung und der Branche begründen, dass solche Events nix für Innovatoren sind, trotzdem: Die Medientage bringen es in sensationeller Kontinuität fertig, immer exakt zwei Jahre hinter den Entwicklungen herzuhecheln. Auch eine Kunst, wenn man so will. Jedenfalls hat man sich in diesem Jahr für das Motto „Lokal, sozial, mobil“ (oder umgekehrt) entschieden, womit signalisiert werden soll, dass man leider vermutlich inzwischen über dieses Internet ein bisschen hinausdenken muss. Schade, wo man sich doch gerade erst an diesen Netzgedanken gewohnt hatte.

 

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Auf dem Weg zu diesen Medientagen, zu denen mich eine innige Hassliebe verbindet, fällt dem Vielreisenden eine frappierende Veränderung auf, die man sicher auch wissenschaftlich belegen könnte. Man kann sich allerdings auch mal einfach auf ein Bauchgefühl und ein bisschen Beobachtungsgabe verlassen. Früher (also: vor ca. zwei Jahren) mobil und viel unterwegs zu sein, das bedeutete, immer auf Zeitungsrücken zu starren. Heute habe ich im Zugabteil mal gezählt: drei iPad-Leser, zwei mit Smartphone, irgendein anderes Tablet war auch noch dabei. Und eine , genau eine gedruckte „Süddeutsche“. Das ist ziemlich interessant, zumal angesichts einer neuen Studie, die behauptet, die Menschen würden sich, sofern sie Tabletnutzer sind, noch mehr für Nachrichten und Journalismus und Lesestoff interessieren, als sie es ohnehin schon getan haben. Man kann also lange lamentieren über Tablets und sich die Ablehnung des iPads auch zur billigen Attitüde machen, letztendlich ist das nur eine reaktionäre Realitätsverweigerung. Tatsächlich besteht kaum ein Grund, mobile Medien als Bedrohung oder als Ding für Deppen zu sehen. Zeitungen und Bücher waren schließlich auch immer mobil. Insofern haben sie schon recht bei den Medientagen, sich jetzt auch mal mit der Mobilität zu beschäftigen. Ein Massenmarkt ist das Thema ohnedies, wenig überraschend übrigens. Schon 2008 kamen die ersten Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass spätestens 2014 mehr Menschen mobil als stationär auf das Netz zugreifen.

 

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Es ist allerdings immer noch das alte Lied in vielen Häusern. Angebote für mobile Plattformen sind häufig das Abfallprodukt des konventionellen Onlinegeschehens. Immer noch keine App, keine Idee, wie man welche Inhalte wohin bringt? Schwierig, aber auf der anderen Seite auch nicht verwunderlich, wenn die Geisteshaltung gegenüber dem Netz vor allem im Bewahren und Verweigern besteht. Zu befürchten ist ja irgendwie nur, dass es in zwei oder drei Jahren wieder das große Wehklagen gibt, dass andere, größere und schnellere den Rahm im mobilen Markt abschöpfen. Böses Google, böses Apple. Vermutlich brauchen wir dann wieder ein bisschen mehr Regulierung oder ein europäisches Google oder andere Formen der Abschottung. Komisch, wo es doch ein bisschen Schnelligkeit auch schon täte. Zumindest für den Anfang.

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Lokal also, das ist der zweite große Trend, den sie bei den Medientagen ausgemacht haben wollen. Man würde angesichts dessen erst mal begeistert in die Hände klatschen wollen, lokale Themen sind so etwas wie ein journalistisches perpetuum mobile. Wer nicht gerade Misanthrop oder anderweitig gestört ist, interessiert sich für das, was in seinem Umfeld passiert, nahezu zwangsläufig, Man müsste demnach davon ausgehen, dass künftig vor allem die Lokalredaktionen enormen personellen Zulauf und gewaltige finanzielle Ausstattung erhalten werden. Anzunehmen auch, dass sie speziell für lokale Anwendungen und soziale Medien eine Menge neuer Instrumente und Inhalte entwickeln werden. Ach, Sie lächeln gerade müde und denken sich: das glaubt der doch selbst nicht? Mit letzterem haben Sie recht. Warum das allerdings so ist, darüber dürfen Sie gerne selbst nachdenken.

 

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 Weil wir gerade in diesem Kontext sind: sozial, ja, das große Thema – vor zwei Jahren. Damals galt es noch als aufregend, wenn Medien plötzlich sich in den großen Netzwerken tummelten. Eine Redaktion bei Facebook? Eine grandiose Idee, damals jedenfalls. Inzwischen ist das Standard, vermutlich ist der Recklinghäuser Bote inzwischen auch in Zuckerbergs Reich angekommen. Schlechte Zeiten also zum einen für Social-Media-Berater, aber auch für die Medientage und all jene, die sich ernsthaft zu diesem Thema noch halbwegs neue Erkenntnisse erwarten. Ja, es ist Standard und auch weiterhin verpflichtend, sich in den sozialen Netzen zu bewegen. Der Denkfehler ist – interessante Analogie übrigens zum Thema Lokaljournalismus – zu glauben, Präsenz sei ausreichend. Zu glauben, dass es beeindruckend sei, wenn man bei Facebook vertretend ist. Man muss das schon leben, sowohl die sozialen Netze als auch die lokalen Inhalte. Man erzählt das schließlich jedem Lokaljungredakteur schon seit vielen Jahren: Lokaljournalismus funktioniert anders als das Abarbeiten von Agenturmeldungen in der Nachrichtenredaktion. Man muss sich für die Menschen dort interessieren, man muss die Gegend, in der man arbeitet, verstehen, verinnerlichen, und ja, auch das: mögen. Nicht sehr viel änders wäre das mit den sozialen Medien, die man ebenfalls verstehen, verinnerlichen und mögen müsste. Demnach sollte das Leben in diesen Netzen mehr sein als nur das Linkschleudern und das Ankündigen von irgendwas. Die Realität ist vielerorts eine andere.

 

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Vielleicht ist es also das, was an diesen atemlosen Events wie den Medientagen so einigermaßen sinnlos ist. Jedes Jahr stellt man die Veranstaltung unter wohlklingende Schlagworte, lokal, sozial, digital, medial, genial. Der größte Schlagwortumsichwerfer hat die meisten Schlagzeilen, Tweets (wollen wir am Wochenende mal vergleichen?). Klingt gut, führt nur leider am Kernproblem vorbei. Was Journalismus bräuchte (Achtung, Pathos!) wäre so etwas wie eine neue Kultur, eine neue Haltung. Kommunikation als Haltung beispielsweise. Transparenz, Offenheit, neue Wege, Information mit den Menschen und nicht nur für sie zu machen. Raus aus den Glaspalästen und den Hochhäuserm, raus aus den Chefredakteurs-Glashäusern und den Ressortleiterbüros mit so prächtigen Türschildern wie „H.9.2.264, Innenpolitik“. Dass Journalisten (nicht Journalismus, wohlgemerkt) konventioneller Prägung ein Problem haben, liegt in erster Linie daran, nicht an Tablets, an Facebook, nicht an Google oder Apple.

 

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Die Medientage finden übrigens auf dem Münchner Messegelände statt. Viel Glas, sehr weit draußen, sehr steril. Eine sehr, sehr eigene Welt. Analogie erkannt?

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Der sinnlose Kampf gegen einen Nicht-Konkurrenten

15. Oktober 2011 - 12:15 Uhr

Es gibt Fälle, in denen sich Gerichte überfordert sehen. Oder eine Klage für unsinnig und nicht wirklich verhandelbar halten. Natürlich sagen Richter das dann nicht so in dieser Deutlichkeit, aber sie geben es wenigstens dezent zu verstehen. Der Richter am Landgericht Köln beispielsweise hat in dieser Woche freundlich, aber doch bestimmt gesagt, was er von der Klage diverser Zeitungsverlage gegen die App der Tagesschau hält: nichts. Er hat das erst mit einigen juristischen Argumenten dargelegt, ehe er dann mit einem einzigen Satz die Richtung endgültig klar machte: ob es denn gar keine Möglichkeit gebe, dass man sich nochmal zusammensetze und rede? Wenn Richter so etwas rhetorisch fragen, geben sie einem Kläger gerne zu verstehen, dass das Gericht natürlich auch ein Urteil sprechen kann, das aber nach aller Voraussicht nicht zu dem vom Kläger gewünschten Ergebnis führen wird.

Man weiß allerdings auch, dass es irgendwann auch darum geht, dass jemand vor Gericht sein Gesicht nicht verlieren will. Deshalb steht trotz der richterlichen Andeutung kaum zu erwarten, dass die klagenden Verlage ihr Ansinnen zurückziehen und sich mit den Sendern zusammensetzen wird. Es geht schließlich auch — so viel Andeutung kam dann wiederum von Klägerseite – um ein paar generelle Feststellungen. Die wichtigste Grundsatzfeststellung wird demnach die Antwort auf die Frage sein: Was ist “presseähnlich”?

Und vermutlich ist es genau diese Feststellung, die das Gericht nicht treffen will.  Weil sie nicht zu treffen ist, weil das, was die Kläger gerne hätten, nicht möglich ist. Gefordert wäre nicht weniger als eine rechtsverbindliche Definition dessen, was Journalismus im digitalen Zeitalter ist und was nicht. Am Ende sollte ein Urteil stehen, dass den Sendern sagt: Lasst der Presse, was der Presse ist. Das Privileg der Presse wäre demnach der Text, öffentlich-rechtliche Sender müssten sich demnach weitgehend auf die Wiedergabe von bewegten Bildern beschränken. Die Kläger verweisen darauf, dass die entsprechenden verträge davon sprechen, “sendungsbezogene” Inhalte zur verfügung zu stellen. Doch genau da beginnt die Crux bei einer Nachrichtensendung. Während man beispielsweise für einen “Tatort” leicht definieren kann, was sendungsbezogen ist und was nicht, ist das bei einer Nachrichtensendung kaum realisierbar.  Das Gericht müsste aus inhaltlicher Sicht etwas tun, was schon für (Nachrichten-)Redaktionen schwer machbar ist. Es müsste definieren, was nachrichtliche Relevanz ist, würde es die Verlagsklage wirklich ernst nehmen. Niemand würde behaupten, dass das wirklich möglich ist. Deswegen entlarvt sich die Klage ja auch schnell: Sie ist in Wahrheit dazu da, eine unliebsame Konkurrenz zu beseitigen.

Die Klägerverlagen bestreiten den Konkurrenzaspekt nicht und verweisen dabei gerne auf die Downloadzahlen. Millionenfach sei die ARD-App schon geladen worden, während es die Bezahlapps der Verlage mühevoll auf eine geringe fünfstellige Zahl bringen. Demnach logischer Zusammenhang: Das eine gibt es kostenlos und das wird immer lieber genommen als jedes noch so gute, aber leider eben kostenpflichtige Angebot. Das klingt naheliegend — und ist dennoch grundlegend falsch. Zum einen deshalb, weil sich der Vergleich bisher in der Praxis gar nicht ziehen lässt. Die beiden größten der klagenden Tageszeitungen, die “Süddeutsche” und die FAZ beispielsweise, haben bisher gar keine Apps, die mit denen der “Tagesschau” vergleichbar wären. Die FAZ bietet lediglich ihre Zeitung zum Download an, die App der SZ wird erst am Ende des Monats auf den Markt kommen. Es ist also schon durchaus erstaunlich, wie beide Blätter (bei der FAZ beschwört deren Medienredakteur jedesmal den Untergang der freien Presse) zu wissen glauben, was die “Tagesschau” an Verwüstungen anrichtet, ohne selbst überhaupt ein adäquates Konkurrenzprodukt anzubieten. Beide lassen dabei eine andere Möglichkeit außer acht: Was, wenn Nutzer sehr wohl bereit sind, Geld für eine gute App auszugeben? Was, wenn Nutzer so schlau  sind und sehr wohl den Unterschied erkennen zwischen einem nachrichtengetriebenen Angebot und einer eher hintergründigen, leselastigen Zeitungsapp, die einen ganz anderen inhaltlichen Ansatz hat als die “Tagesschau”.

Andersrum gefragt: Wenn Tageszeitungen ihre größte inhaltliche Konkurrenz in der “Tagesschau” sehen, machen sie dann nicht ohnehin etwas ganz grundsätzliches falsch?

 

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Journalistische Resterampen

8. Oktober 2011 - 8:34 Uhr

Wie hält es die deutsche Presse (in Form von Tageszeitungen) eigentlich mit ihrer Rolle in der digitalen Öffentlichkeit? Darüber wurde vor lauter Selbstbespiegelung in den letzten Jahren kaum gesprochen, weil die Frage meistens nur lautete: zahlen oder nicht bezahlen? Inhalte online stellen oder eher nicht? Einen anderen Aspekt lassen Verlagsstrategen dabei gerne außer acht. Mit jeder Zeile, die der digitalen Welt vorenthalten wird, entziehen sich die Blätter dem öffentlichen Dialog, ziehen sie sich in eine abgeschlossene Welt zurück — und verlieren damit weiter an Stellenwert und an Reputation. Abgeschlossene Welten können sich vielleicht Apple und Amazon leisten, weil sie Marktmacht besitzen und Produkte anbieten, die aus den unterschiedlichsten Gründen als nicht verfechtbar gelten. Alles Voraussetzungen, die für Zeitungen in Deutschland nicht gelten. Trotzdem geht die Tendenz zunehmend dahin, sich weiter aus der (kostenlosen) digitalen Welt zurückziehen. Dumm nur, dass niemand ihnen im Netz hinterherlaufen wird.  Die Frage ist also gar nicht so sehr “bezahlen oder nicht bezahlen” sondern: dabei sein oder nicht dabei sein? Nicht dabei sein? Auch recht.

Thierry Chervel stellt bei den “Perlentauchern” noch eine andere interessante These auf: Er vermutet, dass der natürlich nicht öffentlich geäußerte Wunsch in vielen Verlagen immer noch der ist, die Leser aus dem Netz zurückzuholen zur guten, alten Zeitung. Die Idee klingt zwar verwegen, weil man weiß, dass das nicht passieren wird. Aber angesichts von Chervels angeführten Beispielen würde das auf einmal gar nicht mehr so abwegig klingen, vielen Strategien ist die latent vorhandene Abneigung gegen das Netz immer noch anzumerken.

Und auch das: Unverständnis dafür, wie dieses Netz tickt. Man will immer noch “Zeitung im Netz” sein, man denkt immer noch in geschlossenen Strukturen, sowohl was das journalistische Storytelling als auch die Haltung zu Themen wie Interaktion und Kommunikation angeht. Man sieht das auch am Relaunch der FAZ im Netz, den man bestenfalls als halbfertig bezeichnen kann. Sieht man davon ab, ob es eine gute Idee ist, ein Design zu bauen, das so aussieht wie das von Zeit Online vor deren letztem Redesign, ist es eine merkwürdige Vorstellung vom Netz, wenn man es dauernd mit halb fertigen Produkten beglückt. Die App fürs iPad ist wenig ausgereift, der Relaunch so unvorbereitet, dass er (trotz dreijähriger Vorbereitungszeit) immer noch mit dem Warnschild “BETA” versehen werden muss. Dirk von Gehlen hat es via Twitter diese Woche treffend beschrieben: Nach 60 Jahren geht die FAZ in die Beta-Phase. Ja, Gratulation dann auch.

Aber es geht ja nicht um die FAZ alleine. Obwohl man sich schon gerne vorstellen würde, was dort oder in anderen Privathäusern los wäre, würde man eine halbfertige Neu-Ausgabe der Zeitung auf den Markt bringen. Eine “Süddeutsche Beta” beispielsweise. Mit dem Hinweis, es könne noch ein wenig dauern, bis die Zeitung so aussähe, wie man sie gerne hätte. Niemand käme analog auf eine solche groteske Idee, im Netz interessiert es keinen. Interessant fand ich in dem Zusammenhang einen Satz, den der damalige Leiter der DJS, Uli Brenner, in einem Interview für “Universalcode” sagte. Brenner betonte, für die DJS gebe es bei der crossmedialen Ausbildung den Satz “Fürs Internet reicht es” nicht. Man könnte meinen: Was für eine bizarre Idee, so etwas überhaupt betonen zu müssen. Wenn man sich dann aber die Realitäten in vielen Häusern ansieht, dann bekommt man eine Ahnung, warum es sogar Ende 2011 noch nötig ist, immer wieder zu betonen, dass das Netz mehr sein muss als eine journalistische Resterampe. Nach wie vor wird ins Netz eher lustlos investiert, stecken keineswegs immer die klügsten Köpfe hinter Netzaktivitäten, geht man in eine defensive, destruktive, besitzstandswahrende Haltung. Klage gegen die ARD, Kampf um ein Leistungsschutzrecht, das alles ist nicht zukunftsorientiert, zeigt keinen Ansatz von Idee, Begeisterung, von wirklichen Ankommen in einer neuen digitalen Welt. Stattdessen: letzte Versuche, sich diese neue Welt nach den Spielregeln der alten analogen Welt hinzubiegen.

Die neue Welt wird vermutlich sehr mäßig beeindruckt sein.

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Die Grundlosversorger

4. Oktober 2011 - 18:58 Uhr

Die “Berliner Gazette” hat heute auf einen ebenso interessanten wie beinahe vergessenen Punkt zur Stellung von Zeitungen in Deutschland hingewiesen: Sie seien laut Habermas zuständig für die “Grundversorgung” mit Kommunikation. Das ist deswegen bemerkenswert, weil fast alle konservativen Betrachtungsweisen davon ausgehen, dass es ein Mediensystem mit einer “Grundversorgung” geben müsse, an dem dann viele Sachen angedockt sind, die eben nicht mehr Grundversorgung, sondern eine Art Luxus sind. Grundversorgung: Das wären demnach Zeitungen und öffentlich-rechtlicher Rundfunk und das hatte lange Zeit auch seine Berechtigung. Allerdings: Spätestens, seit über 70 Prozent der Deutschen sich im Netz tummeln, wird es Zeit, diesen Grundversorgergedanken zu überdenken.

Das Netz tickt anders.  Das Netz braucht keine Grundversorgung, weil das Netz die neue Grundversorgung ist. In der Praxis hat sich beispielsweise das Verhältnis zwischen Zeitung und Netz innerhalb weniger Jahre faktisch umgekehrt: Noch vor fünf Jahren war fast die Hälfte der Deutschen nicht im Netz. Das Netz war also die Kür, der Zusatz, wenn man so will: der Luxus, den man sich zusätzlich zu Zeitung und Rundfunk noch leistete. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Speziell jüngeres Publikum irgendwo zwischen 15 und 30, komplett mit dem Netz aufgewachsen, würde es als einen absonderlichen Gedanken empfinden, Zeitung und Rundfunk als die Grundversorgung zu verstehen.

Die Grundversorgung ist das Netz — und da geht das eigentliche Problem für die analogen Medien los. Weil das Netz anders genutzt wird. Aus dem Netz holt man sich, was man will, was man gerade braucht, man stellt sich seinen eigenen Konsum zusammen. Zumal das Netz eben auch alles bietet, es ist Zeitung, Radio, Fernseher, Spielekonsole zugleich. Das schließt nicht aus, dass man zusätzlich analoge Medien konsumiert. Nur einen Zwang, wie ihn der  Begriff Grundversorgung nahelegt, den gibt es nicht mehr.

Es ist auch zunehmend weniger so, dass sich Menschen mit ihrer Zeitung oder ihrem Sender identifizieren. Wenn das Netz die Loslösung von Plattformen und Kanälen bedeutet, dann ist das gleichbedeutend mit der Loslösung von Identifikation. Zumal im Netz diejenigen, mit denen sich Nutzer inzwischen identifizieren, andere sind. Das sind Google und Apple und Amazon und Ebay, das sind YouTube, Blogs, Netzwerke.  Oder aber: kleine, sehr spezifische Projekte. Über Identifikation und Grundversorgung läuft das nicht mehr. Die Zeit der Wundertüten für alle, die sich irgendwo in der Mitte von Nirgendwo bewegen, sind vorbei.

Man wird also andere Gründe für die eigene Weiterexistenz im Netz finden müssen.Von diesen Gründen gäbe es ausreichend, hochwertiger Journalismus beispielsweise wäre so ein Grund. Gute, spannende Geschichten, mehrkanalig, mobil, multimedial, interagierend erzählt, das wäre etwas. Vergesst die Grundversorgung und vergesst die Identifikation.

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Die Politik der ruhigen Wand

2. Oktober 2011 - 20:25 Uhr

In einem Interview bin ich gestern sinngemäß gefragt worden, warum ich Journalisten an Tageszeitungen so häufig kritisieren würde. Die Frage fand ich anfangs originell, aber weil mir diese leider etwas unzutreffende Zusammenfassung meiner Bloggerei immer wieder mal begegnet, denke ich mir: Zeit, um mal wieder ein paar sehr grundsätzliche Worte loszuwerden. Und weil ja auch Feiertagswochenende und alles ganz angenehm ruhig ist, gerne etwas länger, grundsätzlicher und deutlicher.

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Ich kritisiere keine Journalisten an Tageszeitungen. Und auch keine Verlage. Zumindest nicht per se und schon gar nicht, weil es Tageszeitungen und Verlage sind. Ich weiß ja, dass Differenzierung nicht jedermanns größte Stärke ist, aber so einfach funktioniert es nicht: Da ist einer also der Dauerkritiker der Verlage und der Zeitungsjournalisten, möglicherweise sogar mit der Attitüde, ein besserer Mensch zu sein, weil er irgendwas mit Online macht. Was für ein banaler Unfug. Ich kenne ausgezeichnete Journalisten und Manager bei Tageszeitungen. Leute, die es begriffen haben. Die den Mut haben, auch mal Dinge auszuprobieren und letztendlich mit der Grundannahme leben können, dass wir es doch alle nicht so genau wissen, wo die Reise hingeht. Ich kenne aber auch die bräsigen, hochmütigen, langsamen Verweigerer, die schlichtweg nicht wollen, dass sich irgendetwas ändert. Und es gibt die putzigen Assoziationsverwirrten, die zwar sehr viel theoretisches Zeug absondern, dabei aber leider übersehen, wie der Zug ohne sie abfährt, während sie am Bahnsteig gerade noch ein paar Begrifflichkeiten zu klären versuchen.  Ich habe mir nicht die Mühe einer statistischen Erhebung gemacht, insofern weiß ich nicht, ob diese Spezies in Verlagen und bei Tageszeitungen öfter vorkommt als anderswo. Vielleicht ist das so, vielleicht auch nicht, letztendlich ist es mir aber auch einerlei. Letztendlich geht es um Journalismus und seine Zukunft, wenn jemand glaubhaft nachweisen kann, dass diese Zukunft auf Schiefertafeln liegt, ist mir das auch recht.

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Wenn es also etwas sehr Grundsätzliches zu kritisieren gäbe, dann die Schablonendenker alter und neuer Schulen. Die Wahrheit ist leider etwas komplexer, als die meisten eingestehen wollen. Sie liegt nicht in einer Totaldigitalsierung, verbunden mit dem sofortigen Verschwinden analoger Überreste. Aber sie liegt eben auch nicht in einem müden Bewahren dessen, was es bisher gab, mit weitgehend ideenlosen Verlängerungen analoger Inhalte in die digitale Welt. Ein Beispiel aus dem nicht-journalistischen Bereich verdeutlicht das sehr schön: Bei Adobe war man über viele Jahre davon ausgegangen, es gebe im Wesentlichen zwei Vertriebs- und Kommunikationswege für das Unternehmen. Neuerdings geht man von 36 aus. Ob es sich dabei tatsächlich um 36 handelt, weiß ich nicht, es ist auch einerlei. Fest steht aber, dass wir es zunehmend mit der Fragmentierung von ungefähr allem zu tun haben.  Bezeichnend dafür ist eine kleine Studie der Fachhochschule Hannover, die eine kleine Gruppe junger Leser die Apps von vier Tageszeitungen testen ließ. Zuvor befragte man diese jungen Leute nach ihren grundsätzlichen Ansichten zu digitalen und analogen Plattformen. Überraschendes Ergebnis: Es gibt gar keine eindeutigen Präferenzen, die Nutzer wollen ebenso gedruckte Zeitungen wie Apps, sie wollen Papier wie Tablets, sie können sich das Ende des Gedruckten nicht vorstellen, leben aber wie selbstverständlich digital. Warum soll das auch ein Widerspruch sein? Es lässt sich ziemlich prima leben damit, in meinem eigenen Leben jedenfalls spielt das Internet genauso eine Rolle wie das Tablet wie das (gedruckte) Buch und die Zeitung. Es gibt Bücher, die ich mir lieber ins Regal stelle (schöne Begründung dazu findet sich bei den Kollegen der SZ). Und es gibt welche, die ich lieber auf dem Tablet habe, das häufig aus eher praktischen Gründen. Sogar auf dem Tablet muss es ja gar nicht zwingend eine einzige Nutzungsform geben: Es gibt Apps, die sind wunderbar, obwohl ich dann auf der anderen Seite genauso gerne mobile Versionen von Webseiten nutze. Keine Ahnung, arum das so ist, es ist ja eigentlich egal, es zeigt nur: Eine halbwegs vernünftige Strategie für Medienhäuser funktioniert nur, wenn sie die Tatsache der Fragmentierung mit einbezieht.

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Was man ebenfalls kritisieren darf und was vermutlich das eigentliche Problem vieler Medienhäuser ist: Sie sind schlichtweg zu langsam. Zumindest zu langsam für das Netz, für die Digitalisierung, für den rasend schnellen Umbruch.  Wenn man in diesem Zusammenhang nochmal bei dem App-Thema bleiben darf: Es ist ja dann doch erstaunlich, dass es von den meisten großen deutschen Tageszeitungen immer noch keine funktionierenden Apps gibt (es gibt auch welche, die haben zwar Apps, aber das sind eher programmgewordene Schrotthaufen). Immerhin ist bereits vor drei Jahren erstmals die Rede davon gewesen, dass es mal so was wie ein Tablet geben könnte. Das iPad gibt es jetzt gute eineinhalb Jahre, inzwischen wird an Version 3 gebastelt, Amazon bringt ein eigenes heraus, etliche andere Hersteller haben sich daran versucht und sicher ist, dass Tablets alles andere als eine Modererscheinung sind. Man ist sogar soweit, dass man an Apps nur noch als Übergangserscheinung glaubt, weil schnelles Web und neue Programmiersprachen die App möglicherweise überflüssig macht. Und man geht davon aus, dass unser Leben, egal ob medial oder sonstwie, sehr viel mit der Omnipräsenz von Bildschirmen zu tun haben wird. Während sich das alles also entwickelt, sitzen sie in vielen Häusern immer noch da und tüfteln an Apps, an Übergangslösungen also, deren Ende womöglich jetzt schon wieder absehbar ist. Das Netz also ist zu schnell für viele.  Möglicherweise sind es also nicht mal nur etwas antiquierte Auffassungen von Journalismus und Medienmachen, sondern ein schlichtes Geschwindigkeitsproblem. Wer heute jedenfalls mit der Erstausgabe seiner App rauskommt, sollte nicht unbedingt stolz darauf sein.

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Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die kurze Geschichte der gar nicht mal mehr so neuen Medien. Irgendetwas kam, es kam rasend schnell, während es sich für ein Massenpublikum zu entwickeln begann, war am Ende des Horizonts schon wieder das nächste große Ding zu sehen. Und während dieses nächste große Ding näher und näher rückte, waren viele noch damit beschäftigt, das vorletzte große Ding irgendwie ins Laufen zu bringen. So wie sie es jetzt wieder mit den Apps versuchen, gleichzeitig aber doch noch genug Zeit finden, gegen die ARD zu klagen. Wenn sie schlau wären, würden sie diese Evolutionsstufe einfach überspringen und an schnellen, praktikablen und guten Lösungen für mobile Inhalte arbeiten. Weswegen abzusehen ist, dass irgendwann mal ein Gericht ein Urteil spricht, obwohl die App-Karawane schon lange weitergezogen ist. Wenn sie also alle einfach nur ein bisschen schneller wären, ein bisschen weniger bockbeinig, sich mit etwas weniger Metaebenen bei ihren Debatten befassen würden, es wäre viel gewonnen. Ein Problem von Tageszeitungen? Nein. Ein Problem der Langsamen und der Verweigerer.

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Ihr kommt zu spät

6. September 2011 - 16:40 Uhr

Seit gestern steht fest: Diese Dauerdebatten, was Journalisten in Zukunft alles können müssen und wo wir an Grenzen stoßen, ist nur noch eine für ewige Gewerkschafter oder Tageszeitungs-Redaktionsleiter jenseits der 40. Die Journalisten der nächsten Generation können nämlich entweder schon alles – oder sie interessieren sich für diese Debatte nicht, völlig zurecht übrigens.

Gestern an der Uni Passau: eine Gruppe von 17 Studenten, die an einer Summer School teilnehmen. Jeder von ihnen hatte schon mal eine Videokamera in der Hand, fast alles wissen, wie man zumindest ein einfacheres Webvideo baut. Mit Audios kennen sich ebenfalls fast alle aus. Und, was besonders bezeichnend ist: Über Onlinejournalismus haben wir erst gar nicht lange debattiert – weil keiner aus dieser Gruppe auch nur auf die Idee gekommen ist, das Thema Online für seine spätere Tätigkeit auszuklammern. Weil sie wie selbstverständlich davon ausgehen, dass Onlinejournalismus ein fester Bestandteil ihres späteren Jobs ist, ganz egal, wo sie landen. Auch das völlig zurecht.

Das war bisher ungewöhnlich. Selbst junge Studenten hatten regelmäßig Vorbehalte gegen digitale Medien, erstaunlicherweise häufig sogar gegen die sozialen Netze, deren intensivste Nutzer sie doch sind. Auch ein leicht leidendes „Was sollen wir denn noch alles machen“ hört man nicht selten von Journalisten in einem Alter, bei dem man ihnen wünschen möchte, dass die innere Frühvergreisung nicht zu schnell fortschreitet. Gestern aber: 17 Nachwuchsjournalisten, bei denen man den Eindruck hatte, man könne mit ihnen schnell über das Wesentliche reden, als ermüdende Grundsatzdebatten führen zu müssen. Das Wesentliche, das ist immer noch Journalismus, das ist sein Inhalt, das ist auch unser Selbstverständnis, wie wir in Zukunft weiter machen wollen. Und da ist es einfach nur angenehm, zeitsparend und hilfreich, wenn diese jungen Journalisten, die Inhalt machen sollen, das Handwerk (und mehr ist es ja in der Basis nicht) schon beherrschen. Das Video, das Sie in diesem Beitrag sehen? Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber ich würde sagen: nicht mal eine Stunde, danach war alles fertig. Was im Übrigen auch die Frage beantwortet, ob das nicht alles unzumutbar viel Arbeit sei mit diesem ganzen neuen digitalen Kram.

Um wen man sich eher Sorgen mach muss: all die Kollegen, die sowohl altersmäßig als auch mit ihrem digitalen Viertelwissen jetzt in der Mitte von Nirgendwo festhängen. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen, all jene, die jetzt sich über 45 Euro mehr Gehalt freuen und in den letzten Monaten gerne mit Transparenten zu sehen waren, wonach Journalismus mehr wert sei. In ein paar Jahren spätestens werden sie sich in ihren eigenen Redaktionen von digitalen Vielkönnern umzingelt sehen, man wird vielleicht noch ein paar letzte Abwehrkämpfe führen können. Aber seit gestern bin ich mir ziemlich sicher, dass für die letzte analoge Generation in den Redaktionen verflixt harte Zeiten anbrechen. Keine schöne Nachricht, wenn man noch 30 Jahre im Job vor sich hat.

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