Kategorie: NUR SO DAHINGESAGT


#rp13, Tag 1: Telekomgesellschaftserdrosselung

6. Mai 2013 - 21:53 Uhr

Immer, wenn die Re:publica stattfindet, ist das auch ein ganz guter Anlass darüber nachzudenken, wo wir denn jetzt aktuell stehen mit unserem digitalen Leben, auch und gerade, wenn es um uns in den Medien geht. Man steht dann morgens vor der dann doch ganz beachtlichen Schlange, wartet eine knappe Stunde, bis man drin ist – und denkt sich: Wir sind viele (und wir werden immer mehr). Das Schöne wie auch Bezeichnende ist: 5000 Menschen sollen es in diesem Jahr sein und trotzdem kennt man sich. Digitale Klassenfahrt, Kindergeburtstag, das digitale Leben in Deutschland ist auch unter 5000 Menschen noch überschaubar. Soll man sich da jetzt freuen – oder doch wundern, dass das Zukunftsthema schlechthin immer noch in vergleichsweise kleinen Zirkeln ausdiskutiert wird? Günther Dueck sagt´s ganz schön bei einer der ersten Sessions: Hier drin sind wie viele, da draußen immer noch vergleichsweise wenige.

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Die Themen sind in den ersten Stunden halbwegs erwartbar: Das freie Internet muss verteidigt werden, ein Zweiklassen-Internet darf es nicht geben, für das mittelmäßige und rückwärtsgewandte in dieser Onlinewelt steht gerade, wenig überraschend, die Telekom, für die Dueck den sehr schönen Begriff der “Telekomgesellschaftserdrosselung” kreiert. Tatsächlich kontrastiert kaum etwas so schön den Unterschied zwischen digitaler Konferenzirgendwas und dem digitalen Alltag: Hier reden wir darüber, was alles sein könnte und sollte, draußen fällt den Providern nichts Sinnigeres ein, als das Internet zu drosseln, weil es gerade so groß wird. Ich habe hier übrigens schon einige Stände gesehen, von der Telekom war keiner dabei. Dafür immerhin von der Commerzbank einer, auch wenn ich nicht so recht weiß, was die hier macht.

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Und dann habe ich mir noch das völlige Kontrastprogramm zum deutschen Digitalalltag gegeben, in dem ich mir Betsy Hoover angehört habe. Miss Hoover hat die digitalen Kampagnen von Barack Obama verantwortet und ist sehr amerikanisch: “How are you”, beginnt sie ihren Vortrag, was der digitale Morgenmuffel des Landes D. mit einem bestensfalls freundlichen Lächeln quittiert, keineswegs aber mit massenhaft rausgeschleuderten “great”, wie es wohl in den USA gewesen wäre. Danach lernt man zwei Dinge: Die Amis beherrschen diese Sache mit der Emotion und dem Einsatz von Videos in einer unfassbaren Perfektion. Und man hört von ihr Dinge, die an sich wenig überraschend sind: Leute da abholen, wo sie sind, mit ihnen in einen Dialog treten, sie zu Beteiligten machen. All das findet man völlig ok, aber nicht unbedingt wahnsinnig erhellend, weil man sich das schon irgendwie dachte. Dann aber, während man gerade beginnt, Miss Hoover auf ihr Strahlelächeln und ihre amerikanisch gute Laute zu reduzieren, macht man dann den Realitätsabgleich mit dem gequälten “muss ja irgendwie”, mit dem in Deutschland Medien, Politik und Gesellschaft an das Digitalthema herangehen. Und man denkt sich: Gemessen an dem sind wir dann doch noch ein digitales Entwicklungsland. Und deswegen freut man sich dann doch, dass es lange Schlangen am Eingang gibt und immerhin 5000 Menschen hierher kommen. Und man denkt sich: Irgendwann werden sie es schon noch lernen, bei der Telekom, in den Redaktionen und vielleicht sogar in der Politik.

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Journalismus, eine Amtshandlung

3. April 2013 - 19:17 Uhr

Erst unlängst habe ich wieder etwas über mein Lieblingsthema gelesen: den kommunalen Haushalt. Dort waren im Lokalteil alles zu erfahren, was so einen waschechten, schönen Haushalt ausmacht. Wie hoch die Zuführung zum Vermögenshaushalt sein würde, beispielsweise. Wie hoch der Anteil der Personalkosten im Gesamtetat sei. Und wie viel an so genannter Kreisumlage man zu bezahlen habe. Das alles war mit einigen Torten- und Säulen- und sonstigen Diagrammen bebildert, so dass es fast nicht mehr ins Gewicht fiel, dass einige andere Informationen, die womöglich interessant gewesen wären, unter den Tisch fielen. Was beispielsweise mit den ganzen Millionen passiert, also, so ganz praktisch, wenn sie nicht gerade zwischen Vermögens- und Verwaltungshaushalt hin- und hergeschoben werden. Oder in Posten versickern, die irgendwelche merkwürdigen Zahlenfolgen als Positionsbezeichnungen tragen und bei denen der Kämmerer zwar wunderbar weiß, welcher Einzeletat das jetzt ist und was man damit machen kann, der Leser aber leider etwas ratlos davorsteht.

Keine Ahnung, welchem Einzeltat dann der auf der gleichen Seite stehende Bericht über eine Aktivität zuzuordnen wäre, aber die gleiche Stadtverwaltung, die jenen Haushalt zu verantworten hat, hatte erst unlängst auch noch zwei Mitarbeiter auf eine vermutlich eher unbedeutende Tourismusmesse geschickt, wo sie dem Staatssekretär für irgendwas einen Prospekt überreichten, in dem es hieß, es könne eine durchaus schöne Sache sein, seinen Urlaub in dieser Stadt zu verbringen (ich kenne die Stadt übrigens und würde Ihnen ja eher davon abraten, aber das nur nebenbei). Es scheint überhaupt eine gute Zeit für neue Prospekte zu sein. Der Zahl der frische Prospekte in die Kamera haltenden Bürgermeister und Landräte zufolge dürfte jedenfalls ein beträchtlicher Teil der passablen wirtschaftlichen Lage Deutschlands mit der Prospektindustrie zu tun haben.

Warum das hier steht?  Manfred Braun, Geschäftsführer der WAZ Funke-Mediengruppe hat jetzt etwas gesagt, worauf der DJV reflexartig mit einem lauten “Pfui!” reagiert hat. Funke sagte sinngemäß, speziell im Lokalen gehe es halt nicht immer nur um journalistische Qualität und gute Geschichten – oder wenigstens das, was Journalisten oft dafür halten. Vielmehr gehe es um Lesernähe, die gerne von Journalisten mal vergessen werde. Nun ist das ein bisschen problematisch, weil man Funke natürlich mindestens ebenso reflexartig die eher unschönen Entwicklungen in seinem Haus unter die Nase reiben und fragen kann, ob das Schließen von Lokalredaktionen und Lokalausgaben wirklich lesernah sind.

Wahr ist leider aber auch: Journalismus ist gerade im Lokalen immer noch gerne eine ritualisierte Amtshandlung, gemacht von Amtsträgern, die konsequent am wahren Leben vorbeischreiben. Und solange das so ist, kann man sich zwar über Verlagschefs echauffieren, die so etwas aussprechen – am Ergebnis der Abstimmung mit den Füßen wird sich trotzdem nichts ändern.

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Kanzler Rösler und die FDP/Grünen/Piraten-Regierung

10. März 2013 - 21:31 Uhr

(Vorwarnung: Der folgende Beitrag weist nur selten Fakten auf. Es geht eher um gefühlte Dinge. Aber möglicherweise haben Sie ja ähnliche Eindrücke, wenn Sie das konsumieren, was der Berliner Politikjournalistenbetrieb regelmäßig absondert.)

Für einen Toten ist Phillip Rösler ganz schön munter.

Eigentlich dürfte Rösler seit diesem Wochenende nicht mehr FDP-Chef sein. Zumindest dann nicht, wenn man regelmäßig gelesen hat, was Deutschlands Politikjournalisten oft und gerne über ihn geschrieben haben. Spätestens zu einem bestimmten Termin, allerspätestens aber nach einer verlorenen Niedersachsen-Wahl werde sich die Partei ihres ungeliebten Chefs entledigen, hieß es. Dass die Niedersachsen-Wahl ein Desaster werden würde, stand dabei gar nicht zur Debatte, weil über Rösler ja schon lange der Journalisten-Daumen gesenkt wurde: Der kann es nicht, hieß es, zu nett, zu jung, zu unerfahren, ausgeliefert einer Meute erfahrener Politprofis, die in ihrer liberalen Schlangengrube dem Jungspund zeigen würden, wie echte Machtpolitik geht.  Die Textbausteine gingen dann in etwa so weiter: Nachfolger laufen sich bereits warm/Kubicki sägt schon/Brüderle schon  jetzt heimlicher Chef/Spätestens beim Parteitag im März. Die echten FDP-Defätisten, beispielsweise bei der SZ, wiesen dann auch gerne noch darauf hin, dass die Personaldecke der FDP dünn geworden sei, das sehe man spätestens jetzt, wo sich so richtig eigentlich niemand für die Nachfolge Röslers aufdrängen würde.

Das ist übrigens ein ganz besonders beliebter Politikjournalisten-Textbaustein: Partei ausgeblutet, nachdem Kohl/Schröder/Merkel/Westerwelle ihre jeweilige Partei ganz auf sich ausgerichtet hatten und niemand anderen neben sich duldeten. Bitte denken Sie aber daran, dass Sie bei der Verwendung dieses Textbausteins grundsätzlich irgendwo noch die Formulierung “Jetzt rächt sich…” verwenden müssen. Sie kann gerne beliebig oft mit der Variante “Jetzt zeigt sich, dass die Partei ausgeblutet ist” verwendet werden. Bei soviel ausgebluteten Parteien und Kanzlerwahlvereinen fange ich in meinem hohen Alter allmählich an mich zu wundern, dass es überhaupt noch Menschen gibt, die im Bundestag, in Parteitagen oder womöglich sogar auf Regierungsbänken sitzen. Weil schließlich in solchen Argumentationszwecken gerne der an den Schluss gesetzte Formulierungsbaustein kommt, dass es mit dem Nachwuchs der Partei irgendwie auch nicht weit her ist. Verwenden Sie bitte hierzu den Argumentationsbaustein, dass der/die Vorsitzende der JU/Jusos/Julis unlängst kritische Worte über den Parteichef verloren hat, dabei aber schnell abgebügelt wurde.

Komisch also, wenn man dann über das Wochenende mitverfolgt, was Berlins Politikbetrieb über die FDP und Rösler zu schreiben hatte: dass er schon ein cleveres Kerlchen sei, der Herr Vizekanzler, dass die FDP erstaunlich vital gewirkt habe (weil die Delegierten die eine oder andere überraschende Personalentscheidung getroffen haben) und dass, ja, was eigentlich? War da mal was? Stand heute ist also: Rösler sitzt fest im Sattel und der FDP geht´s gar nicht so schlecht, wie man annehmen hätte müssen, wenn man die letzten 12 Monate politische Berichterstattung in Deutschland gelesen hätte.

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Aber es ist ja nicht so, dass Deutschlands Politikjournalistenbetrieb nicht enorm wendelernfähig wäre. An dieses zauberhafte Pärchen erinnern wir uns ja alle noch, sofern wir keine Journalisten waren, die die fabelhaften Guttenbergs als Retter der imagemäßig darbenden Branche gesehen haben (und nein, da war der “Spiegel” keineswegs alleine). Heute will´s keiner gewesen sein, Guttenberg ist verbrannt, egal bei welcher Äußerung, die er tut und auf absehbare Zeit tun wird, er wird niedergeschrieben von denen, die in ihm vor gar nicht allzu langer Zeit noch den künftigen Kanzler sahen. Das klingt so ein bisschen wie verletzte Eitelkeit, dass es nun doch nicht so kam, wie man prophezeit hatte. Und die Tendenz mal eben schnell umdrehen, wie jetzt bei Rösler, das ging nicht, weil alle sahen, was zu offensichtlich war.

Aber das ist, zugegeben, nur ein besonders schrilles Beispiel aus der politischen Berichterstattung, die mir immer öfter vorkommt wie ein Wetterbericht: kann so kommen, muss aber nicht.  Kohl war vom ersten Tag an nur ein Übergangskanzler, Schröder in der ewigen Krise, Merkel nur ein Strohfeuer, wenn ich das alles richtig in Erinnerung habe. Dafür haben die drei (und viele andere) es ganz schön lange gemacht, so wie im Übrigen auch unser bayerischer Übergangsministerpräsident Seehofer, der sich in den letzten Jahren laut Politikjournalisten schon auf seinen Abgang vorbereitete, mittlerweile aber wie selbstverständlich wieder in die Nähe der absoluten Mehrheit geschrieben wird.

Ich habe mich in letzter Zeit öfter gefragt, warum ich immer seltener diese klassische politische Berichterstattung in Zeitungen, Fernsehen, Radio und Netz verfolge. Seit ich diese lustige Volte um den fröhlichen Vizekanzler mitbekommen habe, seit ich mit gewissem Amüsement lese, wie es noch nicht lange her ist, dass der “Spiegel” über einen ersten grünen Kanzler und viele andere über die unfassbar verändernde Wirkung eines Häufleins namens “Piraten” fabuliert haben, seitdem fällt es mir immer schwerer, mich für politische Berichterstattung zu interessieren. Höchstens aus anderem Blickwinkel: Wie lange wird es wohl dauern, dass die SPD ausgeblutet ist, Gabriel stürzen wird? Und die Union sich der Kanzlerin entledigen will, sich aber, das rächt sich jetzt, in einem Kanzlerwahlverein kein geeignetes Personal mehr findet?

Dann muss es Rösler machen, gemeinsam mit Vizekanzler Guttenberg, in der ersten FDP-Koalition mit Grünen und Piraten!

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Wie geht man richtig aufs Klo?

28. Januar 2013 - 18:52 Uhr

Bevor es hier dann wenigstens so halbwegs ernsthaft weitergeht, wüsste ich gerne, wieso jemand bei Google die Suchanfrage “Wie geht man richtig aufs Klo?” stellt. Und warum er nach dieser Frage auf dieser kleinen Seite hier landet.

suchabfragen

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Aber dürfen haben wir uns nicht getraut

27. Januar 2013 - 23:04 Uhr

Mögen hätt’ ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut! (Karl Valentin)

Man kann das geplante Leistungsschutzrecht ablehnen. Und gleichzeitig dafür sein, dass es erheblich erweitert wird. Das klingt zwar absurd, aber der DJV bekommt das in seiner ganzen Unentschlossenheit hin. Die Argumentation geht in etwa so: Wir sind explizit nicht für das Leistungsschutzrecht, sprechen uns aber auch nicht explizit dagegen aus. Wir glauben, dass wir es so oder so nicht verhindern können und deshalb versuchen wir, das aus unserer Sicht Beste herauszuholen. Man kann das Pragmatismus nennen. Oder auch Kontur- und Ideenlosigkeit unter Verzicht auf eine klare Haltung.

Nun kommt es ja eher selten vor, dass man sich immer und zu jedem Thema mit einem Verband, dem man angehört, auch identifiziert. Gerade in einem Journalistenverband müssen widersprüchliche Positionen Alltag sein, man muss das als Journalist auch aushalten können. Beim DJV und mir verhält es sich inzwischen aber absurd umgekehrt: Es sind nicht einige wenige inhaltliche Abweichungen, die ich zwischen dem Verband und mir sehe – es ist eher die Ausnahme, wenn ich etwas von “meinem” Verband höre, bei dem ich mir denke: Wo darf ich unterschreiben? Bei nahezu allen Äußerungen zum Thema Digitalisierung werde ich das Gefühl nicht los, dass das ein Begriff ist, den man im Verband maximal ein- bis zweimal gehört hat. Ich habe nicht den Eindruck, als gäbe es vom DJV auch nur eine einzige zukunftsweisende Position zum Thema Netz. Ich weiß nicht, ob der Verbandsvorsitzende Michael Konken sich jemals intensiv mit dem Internet beschäftigt hat. Ich weiß nur, dass bei Konken und im Verband Reflexartiges passiert, wenn sie Begriffe wie Google hören. Um Google irgendwie bremsen zu können, nimmt man im DJV sogar ein Recht im Kauf, das purer Lobbyismus ist und von dem zumindest sehr in Frage steht, ob die Mitglieder die Haltung des Verbands überhaupt untertstützen.

Ja, ich weiß: Auch im DJV laufen engagierte Kollegen rum, die die ganze Tragweite der Digitalisierung verstanden haben und wissen, dass es so wie bisher nicht weiter gehen wird (diejenigen, die ich meine, wissen, dass sie gemeint sind). Aber alles in allem werde ich das Gefühl nicht los, dass der DJV inhaltlich immer noch irgendwo um die Jahrtausendwende steckengeblieben ist.  Dass dort immer noch der Gedanke vorherrscht, digitaler Journalismus sei bestenfalls dazu da, den analogen zu retten. Wie sonst käme man auf die Idee, ein Leistungsschutzrecht zu fordern? Oder sofort nach staatlichen Subventionen zu rufen, wenn es den Zeitungen nicht gut geht (eine Forderung übrigens, die auch BDZV-Chef Helmut Heinen für absurd hält)?

Der Rest: So furchtbar viele Platitüden, so viel Erwartbares. Wenn eine Redaktion personell ausgedünnt oder womöglich sogar ganz geschlossen wird, dann sagt der DJV, das dürfe jetzt aber nicht zu Lasten der Redaktion gehen. Überhaupt darf ganz vieles nicht sein, wenn man der Wortwahl des Verbandes glauben darf. Warum eigentlich nicht? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf oder doch eher umgekehrt? Ich wüsste in solchen Momenten ja meistens auch viel lieber, was man da jetzt konkret machen kann. Stattdessen: Viele Aufforderungen und so mittelscharfe Kritiken und das ganze Getöse, man sei ein starker Verband, der irgendwie stark sei. Mir wäre es nur lieber, es wäre ein Verband, der mal ganz an der Spitze von Entwicklungen steht und nicht ihnen dauernd hinterher hechelt.

Jedenfalls: Ich habe mich viele Jahre mit dem Verband gequält. Ich finde es immer noch generell wichtig und gut, dass es eine Journalistenvertretung gibt. Ich habe mich immer schwer getan mit dem Gedanken, dort mal auszutreten. Das neueste Rumgeiere – wir wären ja gerne dagegen, wenn es Sinn machen würde – war mir eines zuviel.

Ab morgen ist es vorbei.

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Wir harren übrigens schon seit kurz nach vier für Sie hier aus!

9. Januar 2013 - 23:06 Uhr

Vom Online-Journalismus heißt es gerne, vor allem schnell müsse er sein. Kurz und knackig und schnell in Häppchen konsumierbar, damit man dann das wirklich Wichtige am nächsten Tag in der Zeitung nachlesen kann. Wenn man als zusätzliche Anforderung noch hinzu nimmt, dass möglichst keine Informationen enthalten sein sollten und man das Publikum aber trotzdem irgendwie ein paar Stunden an den Bildschirm lockt, dann hat die Münchner “tz” am Mittwoch abend ein Meisterwerk abgeliefert. Sie griff dafür zu dem für solche Zwecke überaus gut geeigneten Mittel des sogenannten Livetickers, dessen wichtigsten Merkmal es ist,  vor allem aufgeregt zu klingen. Selbst dann, wenn man sich unter normalen Umständen ein Gähnen kaum unterdrücken könnte. Die Zutaten heute: ein Hauptdarsteller, der nicht anwesend ist. Ein Vertreter des Hauptdarstellers, der eigentlich gar nicht mehr da sein dürfte, trotzdem aber da ist. Und der TSV 1860 (für alle die, die bei der bloßen Nennung des Namens nichr schon ein schallendes Gelächter ausbrechen: Das ist ein Fußballverein, der sich an einen jordanischen Investor verkauft hat, seither mit ihm im Clinch liegt und seitdem eine Daily Soap mit den irrwitzigsten Wendungen produziert, die man sich nur vorstellen kann).

tzonline

Zur Vorgeschichte: Am Montag war es aus den unterschiedlichsten Gründen zu einem heftigen Zerwürfnis zwischen dem Verein und dem Investor namens Hassan Ismaik gekommen. Die Zukunft des Vereins steht seither auf der Kippe, weil der Investor kein Geld mehr rausrücken will. Am Mittwoch Abend trafen sich, einigermaßen überraschend, Investor und Verein nochmal zu einem Krisengespräch. Nicht aber ohne die “tz”, die Wind von der Sache bekommen hatte und bereits um 16 Uhr vor Ort war, obwohl das Treffen erst um 17 Uhr stattfinden sollte. Was auf der einen Seite löblich, aus journalistischen Gründen aber problematisch ist: Was erzählt man der sabbernden Fußball-Meute eine Stunde lang, außer vielleicht, dass es kalt draußen ist, man friert und eigentlich auch mal aufs Klo müsste?  Und ja noch eine Stunde lang hin ist, der Chef aber trotzdem darauf bestand, dass man zeitig da sei? Man vertreibt sich also die Zeit mit dem Hinweis, dass das Treffen nicht am Vereinsheim stattfindet, dass vermutlich ein paar Leute komme oder vielleicht auch nicht, um dann um 16.40 Uhr, 20 Minuten vor Beginn, in fetten Lettern meldet:

Noch hat sich keiner der Protagonisten blicken lassen. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Das ist an sich wenig überraschend, weil das Treffen auch offiziell noch gar nicht begonnen hat; man weiß jetzt aber: Man kann beruhigt sein, weil unser Mann auf keinen Fall die Stellung verlassen oder womöglich sogar doch aufs Klo gehen wird, komme da nicht, wer da wolle. Das ist auch gut so, weil man die kommenden 20 Minuten allerhand Aufregendes erfährt: Der Präsident des Vereins beispielsweise kommt um 16.53 Uhr an und raucht noch eine Zigarette, eher er den Tagungsort betritt.  Um 16.54 Uhr erscheint ein Aufsichtsratsmitglied, raucht keine Zigarette, geht aber trotzdem rein. Der Investor persönlich, so erfahren wir en passant, wird heute nicht dabei sein, sich aber vertreten lassen. Dann passiert 40 Minuten ungefähr nichts. Unser Mann vor Ort bleibt trotzdem standfest, geht nicht aufs Klo, und vertreibt uns die Zeit ein wenig mit netten Anekdoten. Beispielsweise, dass 1860 einen neuen Stürmer kaufen soll. Das hat zwar mit der aktuellen Sitzung ungefähr nichts zu tun, ist aber trotzdem irgendwie nett.

17.46 Uhr! Jetzt, jetzt könnte was passieren. Unser Mann informiert uns sicherheitshalber nochmal darüber, dass diese Sitzung NICHT am Vereinsheim in der Grünwalder Straße stattfindet; könnte ja sein, dass Sie das in den letzten jetzt dann doch fast zwei Stunden wieder vergessen haben. Und er lässt Details seiner überaus raffinierten Arbeitsweise durchsickern, aber, hey, psst, niemandem verraten!

Anders als die Aufsichtsratssitzung am Montag findet das heutige Treffen nicht an der Grünwalder Straße statt, sondern in der Münchner Innenstadt. Wir haben uns dezent, aber mit gutem Blick postiert und informieren Sie, sobald einer der Beteiligten durch die Tür kommt.

Spätestens jetzt ahnen wir: Dranbleiben, hier passiert gerade Großes – und dank der “tz” und ihrem Undercover-Einsatz sind wir Zeuge, wie Fußball-Geschichte geschrieben wird. Es wird jemand durch die Tür kommen (vielleicht)! Und wir werden sofort live informiert!

17.56 Uhr: Mist, der Scoop ist geplatzt! Das Treffen habe sich anscheinend herumgesprochen, es tauchen mehr und mehr Reporter auf, lässt uns der tz-Reporter mit leicht enttäuschtem Unterton wissen. Nicht aber ohne mitzuteilen:

Wir waren bereits um kurz nach 4 für Sie vor Ort.

Tiefe Dankbarkeit durchströmt uns – seit 4 (er meint vermutlich 16 Uhr) steht er da, gut getarnt, Blick auf die Tür,  geht nicht aufs Klo, beobachtet den Präsidenten beim Zigarettenrauchen. Und jetzt, Achtung, jetzt lässt er, quasi als Bonus, die Bombe platzen:

18:01 Uhr: Dieter Schneider ist ein verlässlicher Mann – das zeigte sich einmal mehr an der Pünktlichkeit des Präsidenten. Sieben Minuten zu früh war er dran, und das obwohl die Parkplatzsituation an der Maximilianstraße nicht gerade einfach ist. Es gibt auch ein nahegelegenes Parkhaus: Tarif: sechs Euro pro Stunde.

Drei Minuten später legt er nach, unser Mann, in sanftem Crescendo, ein Feuerwerk, das sich langsam seinem furiosen Feuerwerk nähert:

18:04 Uhr: Schneider trug bei seiner Ankunft den selben warmen beigen Mantel, den er auch schon am vergangenen Montag anhatte, als die Aufsichtsratssitzung anstand.

Ja, ja, jaa!!!! Mehr davon bitte! Und tatsächlich, unser Mann hat genauestens hingeschaut, gut postiert, präzise beobachte (er ist ja auch schon seit 4 da):

18:16 Uhr: Weitere Beobachtung am Rande: Bei seiner Zigarette warf Dieter Schneider einen Blick ins benachbarte Schaufenster. Dort hängt unter anderem ein Strickkleid in Bordeaux für 599 Euro. Ob er dabei an Gatin Gipsy gedacht hat? Der Preis ist jedenfalls nicht ohne.

Ok…puh. Das haut rein. Aber zurück zu den Fakten, was passiert drinnen? Nicht viel, aber, gut zu wissen, unser Mann beteuert nochmal ausdrücklich:

18.19 Uhr: Sobald jemand durch die Tür kommt, erfahren Sie es natürlich in unserem Live-Ticker.

Das allerdings dauert noch ein wenig; kein Wunder, bei einem Präsidenten, der vorher in aller Gemütsruhe noch eine raucht und sich passende Kleider für seine Frau zu Preisen anschaut, für die man einen durchschnittlichen Löwenspieler beinahe einen Monat lang bezahlen kann.

19.07 Uhr ist es inzwischen, drei Stunden sind in diesem nervenzerfetzenden Krimi bereits vergangen.  Einmal war einer an der Tür, ist auch rausgegangen, hat aber nur gesagt, dass es nix zu sagen gibt. Dafür sind wieder welche gekommen, Kollegen aus der ganzen Stadt, ach was, vermutlich aus der ganzen Welt. Lassen wir unseren Mann also mal aufzählen:

Inzwischen ist die Presse übrigens sehr zahlreich hier. Alle großen Münchner Zeitungen sind da, dazu mehrere Radio- plus zwei Video-Kollegen.

Wobei wir bitte aber nicht vergessen sollten:

Wir harren übrigens schon seit kurz nach vier für Sie hier aus – in der Kälte der Maximilianstraße und auf einem warmen Plätzchen in Sichtweite.

Um 20.14 Uhr dann die dramatische Wendung – war womöglich alles umsonst, der ganze Kampf, die Tarnung, das Ausharren seit 4 Uhr? Geht womöglich heute gar keiner mehr durch die Tür??

Angeblich stahlen sich die Beteiligten vor einer Dreiviertelstunde davon. 

Durch die Tiefgarage! Diese Säcke! Das hat man ja nun echt nicht ahnen können (note to self: nächstes Mal ab 4 Uhr auch ein gut getarntes Plätzchen an der Tiefgarage durch den Praktikanten besetzen). Doch einer wie unser Mann gibt nicht auf:

Wir versuchen derweil, telefonisch an Informationen zu kommen. Vielleicht sitzen sie ja doch noch dort oben. Wir warten derweil vor dem Ausgang – und tickern in der Kälte weiter.

20.35 Uhr: Es ist aus. Vorbei. Das war´s. Die letzte Meldung läuft über den Ticker:

20:35 Uhr: Wie die Pressestelle eben offiziell bestätigt hat, ist das Treffen beendet.Wir versuchen weiter telefonisch, an Stimmen zu kommen. Diese finden Sie gegebenenfalls später auf unserem Portal. Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit.

Und wir? Sinken ermattet zurück auf die Couch, können uns immer noch kaum lösen vom Bildschirm, der uns jetzt über dreieinhalb Stunden in seinen Bann geschlagen hat. Wenn es Liveticker nicht gäbe, irgendjemand müsste sie erfinden.

(PS: Das ganze Stück zum Nachlesen gibt es hier).

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Jahresrückblick 2013: Und Kai Diekmann ist Bettina Wulff

27. Dezember 2012 - 22:46 Uhr

Treue Leser dieses Blogs (gibt´s sowas überhaupt?) wissen das: Jedes Jahr zwischen den Jahren schauen wir auf das kommende Jahr. Jahresrückblicke für das zurückliegende Jahr kann ja schließlich jeder. 2013 jedenfalls, so viel ist sicher, wird nochmal das große Jahr alter Männer, alter Medien und spektakulärer Enthüllungen…

Januar: Frank Schirrmacher enthüllt in einem Aufsatz in der FAS Ungeheuerliches. Sascha Lobo, Thomas Knüwer und Christian Jakubetz existieren demnach gar nicht und sind  nur virtuelle Figuren, erfunden und betrieben von einem joint-venture namens “Goopple” zwischen Google und Apple. Die drei gründen daraufhin die virtuelle Social-Media-Beratungsagentur “Die Roboter”, deren Geschäftsmodell aus billigen Tipps, dem Nicht-Herausgeben von Büchern, sinnlosen Blogs und einem Friseurladen besteht. Schirrmacher enthüllt weiter, dass keiner der drei jemals auch nur eine halbschwarze Null geschrieben habe. Auf ihrem Firmensitz auf Mauritius erreicht das Trio die Ausgabe allerdings erst zwei Wochen später am Strand. Eine mögliche Reaktion ist auch deswegen nicht mehr realisierbar, weil Medien-Deutschland über das neue Buch von Wolf Schneider “Wie Blogger die deutsche Sprache ruinieren” debattiert. Das Buch stellt Schneider bei seinem letzten Auftritt als Journalist vor. In einem Interview sagt er, einen wie ihn werde es nie wieder geben.

Februar: Wolf Schneider stellt bei seinem letzten Auftritt als Sprachkritiker sein neues Buch “Mich wird´s nie wieder geben” vor.  In einem eigenen Kapitel beschreibt Schneider zudem, warum Blogger erst recht nicht für seine Nachfolge in Frage kommen. Beim ZDF wird unterdessen bekannt, dass Markus Lanz die Moderation von “Wetten, dass…” wieder abgeben soll. Lanz erhält stattdessen die Samstag-Abend-Show “Wow, tierisch!”, die ein innovatives Konzept verfolgt. Inhalte und Spiele gibt es nicht, als einziger Studiogast ist Markus Lanz zu Besuch bei Markus Lanz. Sieger ist, wer es innerhalb von dreieinhalb Stunden schafft, am häufigsten die Begriffe “wow” und “tierisch” zu verwenden. ZDF-Intendant Thomas Bellut nennt das neue Format “Teil unserer Qualitäts-, Unterhaltungs- und Verjüngungsoffensive”.

März: Das neue Buch von Wolf Schneider “Wie Blogger unser Land verblöden” sorgt für Gesprächsstoff. In seinem letzten Auftritt als Chefredakteur verweist Schneider darauf, dass auch zahlreiche junge Journalisten die Auffassung vertreten, einen wie Schneider werde es so schnell nicht mehr geben. Zusätzliche Brisanz erhält Schneiders Auftritt durch die Anwesenheit seines Vorwortschreibers Frank Schirrmacher, der spontan noch einige Passagen aus seinem viel diskutierten Essay “Hatte Christian Wulff doch recht?” vorliest.  Unterdessen bekommt bei Facebook ein Eintrag von Konstantin NevenDuMont die meisten Likes der Facebook-Geschichte. Der eigenwillige Rheinländer hatte geschrieben, seine Hausente habe Schluckauf.

April: Beim ZDF klärt sich die Nachfolge-Frage für Markus Lanz bei “Wetten, dass…”. Überraschend soll Richard Gutjahr die Sendung übernehmen, die künftig “Twitter, dass…” heißen soll, nur noch auf einem Second Screen gesendet wird und die Studiokameras durch iPhones ersetzt.  Bei seinem letzten Auftritt als “Ich” stellt Wolf Schneider sein neues Buch “Ich” vor. Im Pressetext zum Buch heißt es, Schneider trete in diesem Buch eindrucksvoll den Beweis an, warum es einen wie ihn so schnell nicht mehr geben werde. Zu beträchtlichem Ärger kommt es in diesem Zusammenhang allerdings mit Frank Schirrmacher, dem Schneider vorwirft, bei seinem Buch “Ich. Warum ich doch recht hatte.” von Schneiders Idee abgekupfert zu haben.

Mai: Konstantin Neven DuMont veröffentlicht ein neues Buch mit dem Titel “Ich”. Es wird von der FAS und von Wolf Schneider (bei dessen letztem Auftritt als Ex-Chefredakteur) verrissen. Richard Gutjahrs erste Ausgabe von “Twitter, dass…” wird von 23 Zuschauern im TV gesehen, rund 12 Millionen sind via Stream dabei. Für Begeisterung sorgt auch der neue Co-Moderator “Sascha aus Marzahn”. Stargast Tom Hanks stellt nach seiner Rückkehr in die USA allerdings leicht pikiert fest, dies sei die erste TV-Sendung, in der ein Gast dreieinhalb Stunden nicht zu Wort kommt, weil ausschließlich der Co-Moderator redet. Hanks spricht sich für eine Rückkehr von Markus Lanz aus, dem er aus dem USA ein herzliches “Wow, du bist so tierisch!” entgegen ruft.

Juni: Sascha Lobos neues Buch “Warum ich und meine Frisur einzigartig sind” stürmt die Charts und ladet hinter “Ich”, “Ich” und “Ich” (Autoren: Schneider, Schirrmacher und Neven DuMont) sofort auf Platz 4. In einem Streitgespräch mit Wolf Schneider bei dessen letzten Auftritt als Talkmaster pocht Lobo zudem darauf, dass es einen wie ihn so schnell wohl nicht mehr geben wird.

Juli: In der Sommer-Ausgabe des ehemaligen “Wetten, dass…” sorgt eine spektakuläre Wette für Aufsehen. 20 Zeitungsmenschen wollen beweisen, dass es auch heute noch möglich ist, eine Zeitung zu drucken und sie mit Inhalten zu versehen, die nicht älter als eine Woche sind. Die aus dem FAZ-Museum in Frankfurt übertragene Außenwette sorgt für Heiterkeit, als Kinder staunend fragen, was eine Zeitung eigentlich sei.

August: Die ARD teilt mit, dass die bisherigen fünf Talkshows endlich und endgültig eingestellt werden. Gerüchte, dass sie durch einen täglichen Talk namens “Tierisch!” mit Markus Lanz ersetzt werden, bewahrheiten sich nicht. Auch Wolf Schneider kommt nicht zum Zuge, obwohl er in seinem letzten Auftritt als Wolf unterstreicht, Verehrer und Freunde in allen Altersklassen zu haben und mutmaßlich einmalig zu sein. Unterdessen sendet RTL den ersten Jahresrückblick 2013, die anderen Sender ziehen schnell nach, Fortan, so beschließen die Chefredaktionen, soll es nach den Sommerferien keine Jahresrückblicke mehr geben.

September: Kurioses aus der Abteilung Technik: Apple stellt zeitgleich das iPad Mini 5 und das iPhone 8 vor. Journalisten bejubeln insbesondere den gelungenen Marketing-Coup, erstmals ein Handy größer als ein Tablet zu machen. In einem langen Aufsatz für die FAS schreibt Frank Schirrmacher gemeinsam mit Sara Wagenknecht über das Paradoxon, dass Apple mit einer simplen Maßeverschiebung von Geräten der kapitalistischen Weltherrschaft wieder ein Stück näher gekommen ist. Gemeinsam fordern die Autoren, man brauche ein gemeinsames, europäisches, von den Zeitungsverlagen entwickeltes Smartphone zu Einheitspreisen.

Oktober: Pünktlich zum Tag der Deutschen Einheit treten die deutschen Zeitungsverlage mit einem spektakulären Rettungsplan auf. Das Zeitungssterben wird beendet, fortan gibt es nur noch die Deutsche Einheitszeitung, die leistungsrechtgeschützt künftig an alle Haushalte verteilt wird; die Auflage der deutschen Tageszeitungen steigt damit auf einen noch nie da gewesenen Wert. Die Abogebühren werden von der neugegründeten “Beitragsservice für ARD, ZDF, Deutschlandfunk und deutsche Tageszeitungen” erhoben. Chefredakteure des neuen Massenblatts “Allgemeine Bildbuntzeitung” werden Frank Schirrmacher und Kai Diekmann, was Wolf Schneider bei seinem letzten Auftritt als Zeitungsmann zu scharfer Kritik bewegt. Er, Schneider, nehme es mit diesen Jungspunden noch leicht auf, sagt er. Daneben sei der Umgang der beiden Nachwuchskräfte mit der deutschen Sprache eher fragwürdig.

November: Bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird die Einrichtung von Arbeitsgruppen zur Debatte über mögliche Ursachen einer potentiellen Überalterung des Publikums für das Jahr 2021 in Erwägung gezogen. Das allerdings zieht einige heftige Debatten nach sich. Das ZDF warnt vor hektischem Aktionismus, der MDR befürchtet, auch die öffentlich-rechtlichen Sender gäben womöglich dem grassierenden Jugendwahn nach.  Am Ende einigt man sich auf die Zielvorgabe, bis 2021 das Durchschnittsalter der Zuschauer nicht auf über 78 steigen lassen zu wollen; im Gegenzug hebt man das Mindestalter der Mitarbeiter auf 50 an. Zudem fordern die Sender ein Leistungsschutzrecht, das insbesondere YouTube betreffen soll. Der inzwischen erfolgreichste deutsche TV-Sender will dies mit der Begründung ablehnen, es könnten nicht alle Wünsche kleiner Spartensender berücksichtigt werden.

Dezember: Thomas Knüwer, Sascha Lobo und Christian Jakubetz schlagen zurück. In einem Aufsehen erregenden Scoop enthüllen sie, dass Frank Schirrmacher in Wirklichkeit Wolf Schneider ist. In seinem letzten Auftritt als Schneider räumt Schneider ein, in Wirklichkeit Kai Diekmann zu sein.

Und Kai Diekmann ist Bettina Wulff.

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“Brand eins” – oder: Alles wird gut

19. November 2012 - 0:20 Uhr

Das Ding ist sauteuer, rund 7 Euro pro Ausgabe. Die App ist eine aufgehübschte Variante des gedruckten Heftes und selbst bei viel gutem Willen kaum als multimedial zu bezeichnen. Im Internet spielt das Heft keine wirklich spürbare Rolle, das Facebookzeugs ist ganz ok, aber auch nicht umwerfend. Und ob die Redaktion überhaupt twittert, weiß ich nicht mal, was auch daran liegen könnte, dass es mir völlig wurscht ist.

Man könnte also sagen: “Brand eins” macht so ungefähr alles falsch, was man falsch machen kann. Trotzdem lese ich (fast) jedes Heft. Und das, obwohl ich sonst so gut wie nie Wirtschaftsmedien lese.

“Brand eins” ist ein Projekt, ein Heft, das man eigentlich jedem nur stumm auf den Tisch legen müsste, wenn es mal wieder um die Zukunft des Journalismus geht. Wenn mal wieder geklagt wird, wie schwer es Printmedien doch haben, wie undankbar Leser sind, die alles nur noch umsonst im Internet haben wollen oder ohnehin auf den Weg in die intellektuelle Umnachtung sind. Und wenn man dann womöglich noch hört, der einzige Weg in die Zukunft seien weitere Spar- und Rationalisierungsmaßnahmen; mehr Praktikanten, weniger Journalisten, mehr Werbung, weniger Geschichten. “Brand eins” ist das genaue Gegenteil der Nölerei: opulente, lange, aufwendig recherchierte Geschichten; ausführliche Interviews, eine erlesene Optik. Journalismus, der richtig teuer ist, zumal der Laden seine Autoren auch noch sehr anständig bezahlt und als eine der fairsten Redaktionen überhaupt gilt.

Warum das hier steht? Weil in den letzten Jahren immer so getan wird, als sei guter Journalismus ein Luxus, der nicht mehr finanzierbar ist und nicht mehr nachgefragt wird. So, als wenn da draußen nur noch unwilliges, geiziges Lesevolk ist, das zunehmend mehr verblödet. Und das man natürlich zwingen muss, zum zahlen und zum lesen. Aber vielleicht ist es ja auch ganz einfach und ganz anders: Vielleicht reichen ein paar gute Geschichten schon aus — und alles wird wieder gut.

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Die Märtyrer der Bild und die Helden des ZDF

25. Oktober 2012 - 21:17 Uhr

Vielleicht sollten wir erst mal den offiziellen und politisch irgendwie korrekten Teil abhandeln, bevor sich jemand aufregt. Also: Natürlich geht das ganz und gar nicht, dass irgendein Parteisprecher/Bürgermeister/Bundespräsident beim ZDF/der Passauer Neuen Presse/der Bild anruft und dort versucht, irgendwas zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Und erst recht geht es nicht unter Androhung von Konsequenzen oder womöglich sogar Liebesentzug. Das also ist ein veritabler Skandal, über den man sich recht empören kann. Passt ja auch alles zusammen: so ein Finstermann-Pressesprecher aus der finsteren CSU, glaubt, er könnte da mal einfach beim ZDF anrufen und Geschichten verhindern, haha, was haben wir gelacht, das gibt´s ja auch nur in Bayern. Und ist bei Bayern nicht auch bei Tag besehen ziemlich finster?

Zumindest das können übrigens Pressesprecher, Bürgermeister und Bundespräsidenten aller Coleur nebenher als Lerneffekt aus dieser Geschichte mitnehmen: Man darf in diesem Land alles, aber niemals, niemals, einen Journalisten anrufen und ihn womöglich sogar noch beeinflussen wollen. Dann bekommt die deutsche Öffentlichkeit sogar Mitleid mit Kai Diekmann und der “Bild” und mit einem so einem armen CvD beim ZDF sowieso. Dann stellen sich auch mal Chefredakteure und Intendanten des ZDF hin und betonen, wie stolz sie auf ihre Redaktion sind. Obwohl die wiederum nur etwas gemacht hat, von dem man glaubt, es müsste für Journalisten eigentlich selbstverständlich sein. Aber gut, um auch hier politisch korrekt zu bleiben: Herzlichen Glückwunsch, liebes ZDF, dafür, dass ihr euch nicht von der CSU-Pressestelle das Programm diktieren lasst. Ich werde euer Programm künftig mit ganz anderen Augen schauen und Thomas Bellut sollte man eh einen Orden verleihen. Ich werde mir auch nie wieder Gedanken über die Farbenlehre in Mainz machen, das muss ein Gerücht gewesen sein.

Aber ganz im Ernst: Wie absurd ist es, wenn zwar in aller Öffentlichkeit darüber diskutiert wird, dass im ZDF nahezu jede Position bis hin zum Tankwart nach einer Farbenlehre besetzt werden muss, wenn man weiß, dass auch die Frage nach Intendanten und Chefredakteuren (frag nach bei Brender) durchaus eine Frage der Parteien ist – und man sich dann auf der anderen Seite wundert, dass es da vielleicht einen Pressesprecher gibt, der da auch mal anruft? Möglicherweise krankt es da doch dann eher am System und nicht so sehr an dem Herrn Strepp (aber ja, bevor Sie sich aufregen: Pfui, Herr Strepp, das macht man nicht!).

Und schließlich: Die allgemeine Entrüstung, die sich gerade in der schnappatmenden Hysterie der politischen Konkurrenz breit macht, ist eben auch ein Stück geheuchelte Aufregung. Ich weiß nicht, wie oft ich in meinen journalistischen Leben von irgendjemandem angerufen worden bin. Aber was ich sicher weiß: Die Anruferei ging quer durch alle Parteigrenzen, durch alle Vereine und Verbände, bei einem ehemaligen Landrat erinnere ich mich an die freundliche Formulierung, er werde mich fertig machen. Eine öffentliche Belobigung für meine Tapferkeit brauche ich nicht – fürs erste würde es mir reichen, wenn man künftig nicht bei jedem Anruf Kai Diekmann zum Märtyrer und das ZDF zu einer Trutzburg erklärt.

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Mein Telekom-Tagebuch (7): Kann etwas dauern…

7. Oktober 2012 - 15:12 Uhr

6.10: 2012, 11 Uhr: Verspüre tendenziell eine Mischung aus Bauchgrummeln und leisen Zweifeln. Auch heute wieder nix in der Post. Letzter Feindkontakt vor 13 Tagen. Und vor allem: Immer noch keine Auftragsbestätigung.

13 Uhr: Auf dem Weg in die Stadt Telekom-Werbung auf Plakatwand gesehen. Attraktive, junge, gutgelaunte Menschen, frei von allen Zweifeln. Und vor allem: der eine surft, der andere hat ein Telefon in der Hand! Beschließe, die nächste Telefonzelle zusammenzuschlagen. Problem: Es gibt auch keine Telefonzellen mehr.

14.03 Uhr: In Moosach gibt es noch eine Telefonzelle. 200 Meter von meiner Wohnung weg. Möglicherweise will mir die Telekom damit etwas signalisieren. Denke nochmals über die Option nach, sie zusammenzuschlagen.

14.07 Uhr: Entschließe mich zu einem müden Kompromiss und verpasse der Telefonzelle nur einen verstohlenen Tritt, als gerade keiner hinschaut. Wer weiß, wofür ich das Ding noch brauche.

7.10. 2012, 9 Uhr: Grummeln schlägt in Wut um! Beschließe, der Telekom eine Mail zu schicken. Und zur finalen Waffe zu greifen: Drohung mit dem Abbruch aller Geschäftsbeziehungen.

9.03 Uhr: Frage mich, ob sie bei der Telekom nicht alle *ROFL* machen, wenn ich mit dem Abbruch der Geschäftsbeziehungen drohe.

9.04 Uhr: Egal. Mail geht jetzt raus. Ihr habt noch bis Freitag, schreibe ich, wenn ich dann keine Auftragsbestätigung habe, war´s das mit uns. Komme mir in den Moment, in dem ich es schreibe, leicht lächerlich vor.

9.06 Uhr: Telekom antwortet. Automatisiert. Mit einer Antwort, die jetzt nicht wirklich verblüffend ist. Und wahrscheinlich machen jetzt gerade wirklich alle ROFL….

 

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