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Anmerkungen eines Medienmenschen

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Generation Farbband

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Heute nacht (fragen Sie mich nicht warum) habe ich kurzzeitig mal über mein Alter nachgedacht. Danach wusste ich dann schweißgebadet, warum sich immr noch so viele Journalisten und andere was-mit-Medien-Macher so furchtbar schwer tun mit diesem ganzen neuen Zeug. Vorwarnung: Die Jüngeren unter Ihnen, sofern anwesend, werden im kommenden Text eine Reihe Begriffe lesen, von denen sie noch nie etwas gehört haben.

Ich komme aus der Generation Farbband. Als ich volontierte, empfand ich die technischen Anforderungen an meinen Job, in dem ich ja eigentlich nur schreiben und ein bisschen fotografieren wollte, schon durchaus als hoch. Beim Wechseln der Farbbänder beispielsweise holte ich mich regelmäßig schmutzige Finger, davon abgesehen, dass das Farbband-Wechseln eine ziemliche Fummelei war. Falls Sie nicht wissen, was ein Farbband ist: Das war so eine Rolle mit einem Band, das zwischen eine Walze und die Buchstaben gerollt wurde, um damit wiederum Buchstaben aufs Papier zu bringen. Sie waren Bestandteile von Geräten namens “Schreibmaschinen”, von denen gut erhaltene Expemplare in vielen Museen zu sehen sind.

Die Schreibmaschinen hatten, von den schmutzigen Firngern nach dem Band-Wechseln abgesehen, auch ihren Charme. In unserer kleinen Vier-Mann-Lokalredaktion beispielsweise bekam man immer so das Gefühl von echter und hektischer Journalisten-Betriebsamkeit, wenn vier Mann gleichzeitig in ihre Schreibmaschinen hämmerten. Der Nachteil war, dass man sich dann nicht mehr unterhalten konnte. Und mit dem Telefonieren (grünes Telefon, Tasten!) wurde es auch schwierig. Aber es war so, wie ich mir das Leben in einer Redaktion immer vorgestellt hatte. Überflüssig zu sagen, dass die wahnwitzig lauten, klappernden Maschinen von schweren Rauchschwaden eines immens hohen Zigarettenkonsums begleitet wurden.

Perfekt war ich innerhalb kürzester Zeit auch in einem Raum namens Dunkelkammer. Nicht erschrecken, das hat nichts mit sadomasochistischen Neigungen oder ähnlichem zu tun. Jedenfalls kann ich vermutlich heute noch mit geschlossenen Augen die Rückklappe einer Kamera öffnen, den Film herausnehmen, ihn in eine Spule wickeln und dann in eine Entwicklerflüssigkeit tauchen. Das alles natürlich im Dunkeln, sonst wäre der Film ja belichtet und somit unbrauchbar. Danach fixieren, trocknen, Film genau anschauen, Abzug auswählen, fixieren, trocknen, auswählen. Filme, liebe jüngere, sind etwas, was man früher statt SD-Karten in eine Kamera legen musste, damit sie Bilder machen konnte.

Ebenfalls im Repertoire meines damals mühsam erlernten technischen Können: Druckfahnen mit einem sehr spitzen Messer auseinanderschneiden, mit heißem Wachs auf der richtigen Seite versehen und an einem Leuchttisch zu so etwas ähnlichem wie eine Zeitungsseite zusammenfügen. Danach die irgendwann mal fertig zusamengeklebte Seite nehmen, irgendwohin in die Druckerei bringen, sie dort ihrem Schicksal überlassen und dann darauf hoffen, dass am nächsten Morgen so etwas ähnliches wie eine Zeitung dabei herauskommt.

Und natürlich war nie die Rede davon, jemals so etwas wie eine Videokamera in die Hand zu nehmen. Oder Texte in ein Mikro zu sprechen. Ich kann mich erinnern, als es helle Aufregung um den “Redaktroniker” gab; dies sei mehr oder minder das Ende des Journalismus, hieß es damals. Der “Redaktoniker” wurde so genannt, weil man damals, vor rund 20 Jahren, Journalisten die Ungeheuerlichkeit zumutete, Texte und Seiten am Computer selbst zu bearbeiten und den so genannnten Ganzseitenumbruch durchzuführen. Das war ein echter Kulturkampf, wenn ich mich richtig erinnere.

Ich könnte jetzt natürlich noch eine ganze Zeit darüber philosophieren, wie das alles war — damals. Braucht es aber gar nicht. Eigentlich ist mir selber beim kurzzeitigen erinnern klar geworden, wie schwer es für jemanden aus “meiner” Zeit sein muss, sich auf einmal mit Videos, Audios, Internet, Animationen, mobilen Plattformen, sozialen Netzwerken und all dem anderen Kram zu befassen. Und das alles nach einer dann doch eher kurzen Zeit, 20 Jahre sind, wenn ich rückblickend darüber nachdenke, wirklich nicht sehr viel.  So lange es aber meine Generation ist, die Entscheidungen fällt, sie aber gleichzeitig nicht ernsthaft versteht, was da überhaupt passiert, wird es schwierig werden, die richtigen Entscheidungen zu bekommen. Und solange werden sie weiter untergehen, die Vertreter und die Medien der “old school”.

Die gute Nachricht für Sie: Es ist absehbar, wann diese Generation abtritt. Die schlechte Nachricht für mich: Ich trete dann auch bald ab.

Written by cjakubetz

September 1st, 2010 at 10:04 am

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Ein Abgrund an Journalismus-Verrat

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Gerade jetzt in diesen Minuten geht in Berlin ein Ereignis über die Bühne, auf das die Welt gewartet hat. Dementsprechend wird es von N24 live übertragen, bei Bild.de live getickert und auch bei Spiegel Online und anderen entsprechend aufgeregt angekündigt. Es passiert nicht weniger — als dass ein Bundesbank-Vorstand mit ziemlich kruden Ansichten ein Buch vorstellt.

Das müsste eigentlich niemand mitbekommen und eigentlich müsste man sich darüber nicht weiter aufregen. Thilo Sarrazins Äußerungen zu Judengenen und zur ganz natürlichen Dauerverdummung der Deutschen durch  Moslems und anderes ihm anscheinend eher fremden Zeugs sind von einer solchen Idiotie geprägt, dass es ähnlich sinnvoll wie bei Eva Hermanns Autobahn-und Loveparadegeschichten ist, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Es wäre also das Allereineinfachste (und Sinnvollste), jemanden wie Sarrazin blubbern zu lassen und ihm dabei zuzusehen, wie er — ebenfalls wie Eva Hermann — irgendwann mal auf dubiosen Webseiten wirre Kommentare schreibt oder bei NPD-Stammtischen in Mecklenburg-Vorpommern als aufrechter Deutscher gefeiert wird. Die Sache ist in Demokratien doch ganz einfach: Sarrazin darf das natürlich sagen und schreiben — und ich kann das widerlich finden.

Das ist allerdings nicht so einfach, schon gleich gar nicht für jemanden, der dermaßen konsequente Heuchelei in der Sache betreibt wie der “Spiegel”. Es ist bizarr zu beobachten, wie der “Spiegel” Sarrazin eine große Bühne durch den Vorabdruck seines Buches gibt, ihn gemeinsam mit “Bild” erst auf die Stufe eines echten Ereignisses hebt, um danach eine Woche lang konsequent via “Spiegel Online” das Buch und den Autoren zum leibhaftigen Gottseibeiuns zu erklären. Ein übleres Kalkül kann man sich kaum vorstellen: Man druckt einen Autoren ab, dessen steile Thesen bekannt sind. Man druckt ein Buch vorab, dessen Inhalt man ja kennt.  Danach echauffiert man sich, schreit Skandal — und schaut dann genüsslich zu (und schreibt als Gipfel der Heuchelei ein “Liveblog” zur Buchvorstellung), wie sich andere darüber echauffieren, nachdem sie von “Spiegel” und “Bild” eine Woche lang ausführlich über jeden noch so kruden Unsinn aus dem Hause Sarrazin informiert worden sind. Die Welle ist ohnehin nicht mehr aufzuhalten: Man fragt dann Parteimitglieder, was sie eigentlich so über den Herrn Sarrazin denken, wobei wenig überraschend die meisten in der SPD das nicht so gut finden, woraus man dann wieder prima Schlagzeilen machen kann. Und Liveblogs zur Buchvorstellung.

In einem solchen “Liveblog” macht “Spiegel Online” die perfide Heuchelei dann perfekt. Natürlich echauffiert man sich, gibt den Entrüsteten, verleiht aber durch die “Live-Berichterstattung” dem Ganzen erst so richtig Gewicht.Man kann sich vorstellen, wie Sarrazin und sein Verlag in ihrem tiefsten Inneren ein feistes Grinsen aufsetzen, weil ihnen klar ist, dass die Buchverkäufe dank gnädiger medialer Mithilfe in enorme Höhen steigen werden. Man muss dann nur noch den Auftritt ordentlich über die Bühne bringen, in dem man erwartungsgemäß und pflichtschuldig betont, man sei ja doch von den Reaktionen auf das Buch “überrascht” gewesen (genauso wie bei Eva Hermann, da war man auch “überrascht”).

Vollends zur journalistischen Lachplatte macht man sich dann, wenn man eine gezielte Provokation erst mit reichlich Veröffentlichungen unterstützt, um dann die wirklich dümmste aller dummen Aussagen des Provokateurs, er sei ja von den Reaktionen auf seine Provokation selbst überrascht gewesen, mit solchen “Liveblogs” zu begleiten:

[11:20 Uhr] Verlag gibt sich überrascht von den Reaktionen

Der Verlagschef setzt zur Vorrede an. Und kritisiert gleich mal die Reaktionen vor Erscheinen des Buches. Diese hätten den Verlag “überrascht”. Jetzt müsse die Debatte versachlicht werden. (vme)

Auf einem ähnlich erbärmlichen Niveau wühlt sich “Spiegel Online” durch die gesamte Marketingveranstaltung für ein sturzbescheuertes Buch:

[11.12 Uhr] Die Veranstaltung beginnt. Sarrazin betritt den Pressesaal. Es wird ruhig, dann klatschen plötzlich ein paar Leute. Sarrazin setzt sich vor eine blaue Wand, es gibt minutenlanges Blitzlichtgewitter. (vme)

Und natürlich, so viel steht zu erwarten, wird irgendjemand heute, morgen oder wann auch immer bei “Spiegel Online” kommentieren, wie unsäglich dieses Buch Sarrazins sei und die Frage stellen, ob der Provokateur als Vorstandsmitglied der Bundesbank überhaupt noch tragbar sei.

Bei “Bild” sind sie dann wenigstens ehrlicher. Dort hechelt man jetzt schon:

Thilo Sarrazin (65) und sein umstrittenes Buch „Deutschland schafft sich ab“ – zur Stunde stellt er es vor. Kommt es dort zu einem Eklat? BILD.de berichtet live.

So geht das also inzwischen: Man schaukelt ein Buch zum Skandälchen hoch, hofft auf einen Eklat, Inhalte machen leicht gemacht. Bei Bild” wundert man sich darüber ja noch nicht mal, das hat dort Methode — und dass man bei “Bild” Sympathien für Sarrazin hegt, ist ebenso wenig verwunderlich wie neu. Insofern ist das, was “Bild” macht, fast noch so was wie ehrlich. Was der “Spiegel” dagegen betreibt, ist die pure Heuchelei, ein Abgrund an Journalismusverrat.

Nachtrag, 31.8., 10.27 Uhr: Spiegel Online ist erwartungsgemäß heute der Meinung, dass die Bundesbank in der Affäre nicht gut aussieht und fragt sich, warum nicht schon längst jemand eingeschritten ist. Tja.

Written by cjakubetz

August 30th, 2010 at 11:48 am

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Skandal: Langweiler sind manchmal langweilig!

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Ist es ein Skandal, wenn jemand Twitter nicht mag? Wenn er es belanglos, langweilig findet und für irrelevant hält? Natürlich nicht. Man kann ja schließlich niemanden zwingen, wenn er sich an einer womöglich wirklich belanglosen Unterhaltung nicht beteiligen will.

Ist Twitter langweilig, belanglos, dummes Gerede? Das kommt drauf an, interessanterweise vor allem darauf, was man selber daraus macht. Wählt man sich die Leute, denen man folgt, mit ein bisschen Bedacht aus, ist die Chance, jeden Tag Wissenwertes, Spannendes, Unterhaltsames zu lesen, einigermaßen groß. Es ist wie im echten Leben: Geht man abends mit ein paar Langweilern in eine Bar, wird der Abend vermutlich vor allem langweilig werden. Mit ein paar guten Kumpeln sieht der gleiche Abend sofort ganz anders aus. Obwohl es die selbe Bar ist – der Laden kann ja schließlich nix dafür.

So banal wäre die Erkenntnis also soweit und so einfach könnte man eine Diskussion über Twitter (und viele andere Netzwerke) wieder beenden. Erstaunlich daran ist nur, dass es solche Debatten immer wieder gibt: böses Twitter, gutes Twitter, die einen lieben es, die anderen hassen es. Dazwischen gibt es fast nichts — und die Reaktionen fallen auf beiden Seiten dann entsprechend aus.

Die “Saarbrücker Zeitung” beispielsweise hat für ihren Lokalteil eine interessante Idee gehabt, nämlich mal nachzusehen, was die Politiker aus der Heimat so alles bei “Twitter” treiben. Wenig überraschend: Es waren auch Banalitäten dabei, beispielsweise die Mitteilung, es sich jetzt auf dem Balkon mit einem kalten Bier gemütlich zu machen. Oder dass man mit David Garrett im selben Flieger sitze oder gerade Mittagessen aus eigenem Anbau einnehme. Kurzum, es ist bei Saarbrückens Lokalpolitikern so wie bei Twitterern aus der ganzen Welt: Manches überfliegt man und vergisst es sofort wieder. Manches wiederum vielleicht auch nicht. Das ist auch das Problem an der Geschichte des Blattes: Es finden sich nämlich nur Tweets zum Vergessen in ihr. Was insofern etwas absurd, mindestens aber unfair ist, weil man dann doch davon ausgehen kann, dass sich auch der eine oder andere halbwegs intelligente Tweet saarländischer Politiker finden wird.

Aber es ist diese Haltung, die Gegner des digitalen Lebens gerne einnehmen. Wenn es um Blogs geht, verweisen sie gerne auf Katzencontent und übersehen geflissentlich, wie viele lesenswerte, herausragende Beiträge es jeden Tag in irgendwelchen Blogs gibt. Facebook ist eine Ansammlung  exhibitionistischer Teenager und anderer Nervensägen, wobei man ebenfalls gerne übersieht, dass es dort jeden Tag auch Verweise auf gute Geschichten irgendwo in den Weiten des Netzes gibt (einige andere heikle Themen bei Facebook sind davon jetzt mal unberührt). Kurzum, man hält die Tatsache, dass jetzt eben auch andere publizieren können, für eher unangemessen.

Auf der anderen Seite verfolgt man dann die Blogdebatte vor Ort ein bisschen mit und denkt sich, dass diese beiden Kulturen, analog und digital, offenbar wirklich unvereinbar sind. Dass der eine den anderen nicht verstehen kann. Dass es das auch sein könnte, was diese gegenseitige Abwendung immer weiter beschleunigt. Wobei allerdings Redaktionen wie die “Saarbrücker Zeitung” auf Dauer das größere Problem haben. Nicht nur, dass sie digitale Medien augenscheinlich wirklich nicht mögen. Noch viel schlimmer: Sie verstehen sie anscheinend nicht. Und wer sie nicht versteht, sollte sich besser auch nicht in ihnen bewegen.

Written by cjakubetz

August 25th, 2010 at 3:35 pm

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Der Journalismus spart sich zu Tode

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Die lustigste Logik zum Thema Google Street View hatten in dieser Woche die Kollegen der Passauer Neuen Presse. Dort hat ein Stadtrat eine verblüffend einfache Methode gefunden, wie man Google die Lust am fotografieren nehmen könnte. Man erhebe einfach eine Art Straßenfotografiergebühr, die in Passau so rund 8000 Euro ausmachen soll – und schon würde Google das streetviewen einstellen. Die PNP sekundierte freundlich, dies sei wohl das Ende der Filmerei, weil ja dann nichts mehr zu verdienen sei. Das weitaus lustigere Medium in Passau hat das flugs nachgerechnet und festgestellt, dass auf Google dann Kosten im niedrigen zweistelligen Millionenbereich zukämen. Vorausgesetzt, alle Städte in Deutschland würden mitziehen. Und wiederum vorausgesetzt, eine solche Straßenabfotografiergebühr ließe sich rechtlich überhaupt durchsetzen, was man ja durchaus bezweifeln kann.

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Natürlich habe ich in dieser Woche wieder mal auch allerlei anderen Unfug gelesen, man muss nicht lange suchen danach, „Bildblog“ findet nach wie vor jeden Tag große wie kleine Fehler und Ungereimtheiten. Erstaunt hat mich ja auch gar nicht so sehr, was ich alles gelesen habe, sondern die fatalistische Einschätzung von jemanden, mit dem ich diese Woche dann mal über die banalen Fragen sprach: Warum zur Hölle kommt beispielsweise in einem ja nicht ganz kleinen Blatt wie der PNP niemand darauf, dass diese Street-View-Rechnung einfach hanebüchen ist? Und wieso wimmelt es jeden Tag in vielen Redaktionen vor gedruckten und gesendeten Unfug (ergänzend dazu gesagt: zwischendrin hatte ich auch noch das Vergnügen, Lokalnachrichten eines mittelgroßen Lokalradios zu hören, die das Kunststück fertigbrachten, keinen einzigen Satz ohne eklatanten inhaltlichen oder grammatikalischen Fehler zu senden; Sie sehen, es war eine brutale Woche)? Die Antwort meines Gesprächspartners: Ja, was erwartest du denn? Ich schaute ziemlich betreten und meinte: wenn schon keine hochkarätigen Stücke, dann doch wenigstens halbwegs fehlerbefreite Sachen? Sein erstaunter Blick wiederum signalisierte mir ziemliches Unverständnis für diese Idee, der Mann ist ein ziemlicher Pragmatiker, müssen Sie wissen.

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Ein anderes Gespräch in dieser Woche: Es geht um jemanden, der als Freier über die Runden kommen will/muss. Und um ein Angebot aus einem ebenfalls nicht ganz kleinen Zeitungshaus. Ein Job auf Basis von Tagessätzen. Der Satz soll sich auf 120 Euro belaufen, natürlich noch vor Steuern. 15 Euro also will das Haus pro Stunde bezahlen, wenn man ordentlich von acht Stunden am Tag ausgeht. Weil das aber nicht zwingend der Fall sein muss, kann sich der Stundensatz also noch nach unten reduzieren. Im ersten Moment unseres Gesprächs kommt mir dieser Tagessatz bizarr niedrig vor, danach rechne ich nach: Geht man von 20 Arbeitstagen im Monat aus, wären das 2400 Euro im Monat, schon also etwas mehr als jene gut 2000 Euro, die nach den letzten Statistiken als Durchschnittsverdienst eines freien Journalisten in Deutschland errechnet worden sind. Krank sein oder mal Urlaub machen darf jemand, der so bezahlt wird, allerdings nicht.

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Was ich denn bitte erwarten würde – die Frage vom Abend davor ist also gar nicht so unberechtigt. Darf man von Redaktionen, die ihren Leuten derart magere Bezahlung anbieten, ernsthaft so etwas wie einen Ansatz journalistischer Qualität erwarten? Ist es nicht naheliegend, dass jeder, der es sich erlauben kann, entweder zu den deutlich weniger gewordenen Fleischtöpfen wechselt, an denen besser bezahlt wird? Oder gleich in die PR abwandert? Und ist es nicht ebenso naheliegend, dass jemand, der dann doch für 120 Euro am Tag arbeitet, das entweder einigermaßen unmotiviert macht oder aber aus dem Grund, einfach nichts anderes zu bekommen? In jedem Fall ist das Ergebnis unbefriedigend.

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Das Erstaunliche daran ist ja dann doch, dass die ganzen Billigheimer, die bis vor wenigen Jahren häufig noch die Platzhirschen ohne jegliche ernsthafte Bedrohung waren, eines nicht erkennen: Sie begeben sich mit der Preisdrückerei in eine Todesspirale. Sie werden Jahr für Jahr ihre Besten verlieren (komisch, warum muss ich gerade an 1860 München denken?). Sie werden weiter in Rückstand geraten, weil sie nicht mehr das Potential haben, den Anschluss zu halten. Sie verlieren an Auflage, an Reichweite, an Relevanz. Sie müssen demnach die Kosten weiter senken, die „Frankfurter Rundschau“ macht es aktuell mit 30 bis 50 geplanten Stellenstreichungen mal wieder vor. Die Stücke werden schlechter, die Inhalte dünner, weniger. Man erlöst weniger, man senkt weiter die Kosten, irgendwann wird man wahrscheinlich auch Leute für 80 Euro am Tag einzustellen versuchen.

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Der Journalismus spart sich zu Tode. Er baut immer weiter Substanz ab, er macht genau das, was betriebswirtschaftlich (und inhaltlich sowieso) grundfalsch ist. Er müsste investieren, neue, bessere, umfangreichere, relevantere Dinge auf den (Sie verzeihen bitte das schnöde Wort) Markt bringen. Die Häuser müssten sich endlich trauen, in ihre eigene Zukunft zu investieren, anstatt zu kürzen, zu streichen, zu sparen. Natürlich, der Kreislauf ist offensichtlich: Man versucht zu überleben, indem man spart. Die Zahlen lesen sich für ein, zwei Jahre vielleicht etwas erträglicher. Aber der Punkt, an dem sie sich wieder unerträglich lesen, wird spätestens dann kommen, wenn der Spareffekt verpufft, wenn sich das ständige Sparen am Produkt rächen wird.

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Zumal die Konkurrenz größer, schneller, flexibler, ernstzunehmender wird: Diese Woche hat mir jemand sein iPad gezeigt, dessen Display voll mit Apps war. Mit vielen Apps, die spannende, gute und interessante Inhalte lieferten, hochwertige zudem auch (nur für den Fall, dass jetzt wieder das „richtige Qualität liefern nur Journalisten“-Argument kommt). RSS-Reader oder Flipboard, ganz egal: Auf dem Display habe ich echte „Magazine“ gesehen, die optisch gut aussahen, die gut zu lesen/sehen/hören waren und bei denen es keine wirkliche Rolle gespielt hat, ob sie nun auf Medienhäusern, Blogs, Facebook oder sonst woher kamen.

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Wo sind eigentlich die Verleger, Geschäftsführer, die sich lautstark für Investitionen in ihre Inhalte aussprechen? Die nicht nur von Sparzwängen faseln, die wissen, dass ein Produkt durch ständiges Ausdünnen nicht besser wird? Viele davon sehe ich gerade nicht, bin mir aber ziemlich sicher: Wenn jemand wirklich was den Journalismus tun will, dann wird es so jemand sein. Die Sparkommissare verwalten dagegen höchstens ihre eigene Abwicklung.

Written by cjakubetz

August 22nd, 2010 at 11:38 pm

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Die Woche: Fotos & Videos mit iPhone, Spielerei mit der SZ

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Ein kleines bisschen Handwerk: Die Flip hat mich in den letzten zwölf Monaten viel begleitet. Eigentlich fast immer. Ich fühle mich einfach wohler, wenn ich sie irgendwo eingesteckt habe, weil ich die Sicherheit habe: Wenn mir jetzt ein gutes Motiv über den Weg läuft, kann ich es sofort mitnehmen. Als dann das iPhone 4 angekündigt wurde, hatte ich irgendwie so eine Ahnung, dass die Flip künftig etwas öfter zuhause bleiben wird. In den letzten Tagen dann etwas rumexperimentiert — und in der Tag: Apple hat dem iPhone zum ersten Mal eine Kamera spendiert.

Oben blau, unten blau

See im Sommer

Das iPhone 4 macht sowohl Fotos in ansprechender Qualität – als auch Videos. Man muss erstaunlich wenig nachbearbeiten, die Farben kommen gut, der Umgang mit Kamera und Mini-Schnittsoftware ist gewohnt einfach und intuitiv. Bestechender Gedanke und schönes Gefühl: ein Grundequipment für Fotos und Videos immer bei sich zu haben. Das ersetzt weder die 3-Chip noch die Spiegelreflex, macht aber trotzdem das Journalisten – und Bloggerleben wieder ein bisschen einfacher und angenehmer. Nicht wundern beim Video übrigens: Ich hab´verbotenerweise hochkant gefilmt, weil ich mich nicht getraut habe, das gute Stück auf dem unruhigen Wasser an nur zwei Enden quer zu halten. Fällt bei Fotos nicht weiter auf, aber beim Video natürlich.

YouTube Preview Image

Was offen bleibt: Was mache ich jetzt mit meiner Flip?

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Ein kleines bisschen Handwerk, Teil 2: Das ganze nahm seinen Lauf mit einem eher halbherzigen Versuch, mich ein wenig an die Mac-Welt zu gewöhnen. Inzwischen schreibe und arbeite ich den dritten Tag in Folge am Macbook, woran Sie bemerken, dass es so halbherzig inzwischen gar nicht mehr ist. Wenn man sich langsam mal herangearbeitet hat, bemerkt man schon eine ganze Menge Vorteile an den Dingern mit dem Apfel. Und nachdem hier ohnehin wahnwitzig viele Unterhaltungsgeräte der selben Marke rumliegen, ist die Erweiterung in die Welt der Arbeitsgeräte vermutlich nur konsequent. Blöd nur, dass ich dennoch weiter auf zwei verschiedenen Geräten arbeiten muss/will.  Nachdem ich unlängst erst die CS 5 von Adobe auf den PC gepackt habe, zudem überaus überzeugt mit Lightroom arbeite — nun ja, will sagen: Das Leben läuft jetzt in zwei Paralleluniversen weiter und ob ich mir das Leben damit unbedingt leichter gemacht habe, weiß ich noch nicht.  Trotzdem, so viel ist jetzt schon sicher: Hier wird künftig sehr viel mehr auf dem Mac passieren als ich selber ahnte. Hat hier jemand gerade Fanboy gerufen? Unterstehen Sie sich!

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Extra für das “SZ-Magazin” habe ich mir dann noch eine App zur Nutzung von “Augmented Reality” besorgt. Zugegeben, ich hatte mich mit dem Thema bis dato nicht sehr intensiv auseinandergesetzt, weil ich das Gefühl hatte, dass es sich dabei um eine nette technische Spielerei handelt, weniger aber um etwas, was journalistisch notwendig oder interessant wäre. Nach meinem Selbstversuch mit dem “SZ-Magazin” bin ich skeptischer denn je. Das ist schon ganz lustig, wenn man bei den “Sagen Sie jetzt nichts”-Fotos plötzlich noch ein paar Sprechblasen von Lena sieht oder veränderte Fotos von Garmisch-Partenkirchen, die zeigen sollen, wie der Ort aussähe, würden dort die Olympischen Spiele wirklich stattfinden. Aber mein eher schlichtes Gemüt hat sich dann die Frage gestellt, warum man diese Bilder nicht einfach drucken kann. Oder meinetwegen ins Netz stellen. Einen echten Mehrwert habe ich in dem eher mühevollen Verfahren, mit dem iPhone über die Seite zu fahren, um dann ein eher unscharfes Ergebnis zu bekommen, nicht gesehen. Und dass Sandra Maischberger ihr auf dem Titelbild verdecktes Gesicht aufdeckt, geschenkt. Lustig, aber ebenso überflüssig. Sie dürfen mich gerne wieder Spaßbremse nennen, aber ich habe zumindest bei dem SZ-Experiment nicht einen Grund gefunden, warum ich die App nicht schnell wieder vom Handy nehmen sollte. Aber dafür, das schnell noch am Rande und weil wir gerade beim Thema sind: Die neue Webseite vom SZ-Magazin ist chic, sehr chic! Glaubt man kaum, wenn man sich den ansonsten eher uninspirierten Auftritt von sueddeutsche.de so vor Augen hält.

Written by cjakubetz

August 22nd, 2010 at 12:00 pm

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Journalistenrausschmiss auf katholisch

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Zum kirchlichen Charakter des Instituts gehört es auch, dass es keine bestimmte innerkirchliche Richtung vertritt oder favorisiert, sondern offen ist für die Vielfalt christlicher Glaubens- und Lebensstile. Alle, die in der großen Kirche Platz haben, sollen auch im Institut Platz haben – vorausgesetzt allerdings, dass sie dialogfähig sind, das heißt, daß sie ihre eigene Meinung nicht absolut setzen und nicht als die christlich und kirchlich allein mögliche hinstellen. In diesem Sinn soll das Institut einen Raum bieten, in dem jeder seinen eigenen Glaubensweg finden kann – immer in der argumentativen Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit. (aus: “Unser Selbstverständnis”, IfP)

Die katholische Journalistenschule in München hat in diesem Jahr einen neuen geistlichen Direktor bekommen. Pfarrer Michael Broch, auch als Rundfunkpfarrer für den SWR tätig,  gehört zu den Geistlichen in der Kirche, die man “unbequem” nennen darf, ohne dass man sich damit der Phrasendrescherei schuldig macht. Am 22. Mai gab er ein Interview in der “Leonberger Kreiszeitung”, das einiges an solchen unbequemen Aussagen enthält: Dem Papst attestierte er, die Kirche “an die Wand” zu fahren, die Sexualmoral nannte der “antiquiert”.  Das System Kirche, so schlussfolgerte Broch, dürfe nicht “von ein paar zölibitären Männern beherrscht werden”. Vor möglichen Folgen solcher Worte hatte er keine Angst: “Ich bin loyal, auch wenn ich motze. Und dann habe ich natürlich als Medienpfarrer mehr Freiheiten – denn meine Kirchenbezirke aus Rottenburg, Freiburg und Mainz haben Respekt vor der Pressefreiheit.”

Man musste sich da schon ein wenig sorgen: Geht das gut?

Es ging nicht. Michael Broch ist heute von seinem Amt als Geistlicher Direktor des IfP zurückgetreten. Liest man die Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferrenz allerdings genauer, müsste man eher sagen: Er ist zurückgetreten worden. Die DKB schreibt unter anderem:

Der Text (des Interviews) enthielt einige Bewertungen der kirchlichen Lage und zuspitzende Aussagen, die in der Bischofskonferenz für unvereinbar gelten mit der Verantwortung, die dem Geistlichen Direktor des ifp zufällt.

Das ist ein ziemlich interessanter Widerspruch zu dem, was für das IfP postuliert ist: eben keine bestimmte innerkirchliche Richtung vertreten zu wollen. Allen Platz zu lassen, so lange sie dialogfähig sind und ihre Meinung nicht als die alleinige kirchlich mögliche hinstellen. Genau das hat Pfarrer Broch getan: Er hat seine Meinung geäußert und keinen Zweifel daran gelassen, dass sie mit der offiziellen katholischen Sprachregelung eben nicht konform geht.

Und das eigentlich Erschreckende daran ist: Man wundert sich nicht einmal darüber. Man ist nicht erstaunt darüber, dass die katholische Kirche von der Amtsmeinung abweichende Äußerungen anscheinend nicht erträgt, nicht einmal dann, wenn es um die Ausbildung von Journalisten geht. Dabei nimmt die Bischofskonferenz doch für “seine” Journalistenschule explizit in Anspruch:

Als Journalisten haben Christen keine andere Aufgabe und keine anderen Normen als die Kolleginnen und Kollegen, die von einer anderen Welt- und Lebensanschauung herkommen.

Die Bischofskonferenz hätte Größe, Glaubwürdigkeit und auch ein modernes journalistisches Sellbstverständnis bewiesen, hätte sie die Meinung eines Pfarrers und Journalisten ertragen. Gezeigt hat sie leider das Gesicht, das man von ihr leider nur zu oft gesehen hat: unversöhnlich, strafend, des Dialogs unfähig. Man muss Brochs Auffassungen nicht teilen — sehr wohl aber muss man sie aushalten können.

Persönlich halte ich diese Reaktion als auch für das IfP ausgesprochen schädlich. Ich kenne das IfP als ein Institut, das in Sachen Journalistenausbildung gute Arbeit auf hohem Niveau leistet. Ich kenne es als einen sehr angenehmen Ort, in dem journalistische Tugenden hoch geschätzt werden, in dem diskutiert und meinetwegen auch leidenschaftlich gestritten wird. Kurzum, als einen Ort, den man aufsuche sollte, will man sich gerade mal wieder im blinden Kirchen-Bashing verlieren.

Als einen Ort autoritärer Glaubensgewalt hingegen — kannte ich das IfP bisher nicht.

(Hinweis: Ich bin ab und zu für das IfP als Dozent tätig. Dies hier ist meine private Meinung.)

Nachtrag:

  • “Über sein dummes Maul gestolpert”: Das erzkoservative “kreuz-net” über die Demission von Pfarrer Broch.
  • “Bischöfe verzeihen dem Papst-Kriker nicht”: Die “Südwest-Presse” über den Rücktritt Brochs und die internen Reaktionen im IfP darauf

Written by cjakubetz

August 13th, 2010 at 3:54 pm

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Zum Fenster rauswerfen – und zur Tür wieder reinlassen

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Mit der Musik ist das inzwischen so eine Sache: Man muss nicht mal mehr Musik als digitales File besitzen, um sie hören zu können. Streaming-Abos machen das Vollmüllen von ganzen Festplatten mit mp3-Files vollständig überflüssig (vom  Zustellen ganzer Schrankwände mit CD´s oder Platten ganz zu schweigen). Natürlich können sich jetzt Nostalgiker, Exoten und Freaks zur Wehr setzen: dass beispielsweise eine LP immer noch besser klingt als so ein komisch gestreamtes File, dass man ein Cover und all diese hübschen Dinge (Haptik!) ja auch in der Hand halten will und man mit diesem ganzen neumodischen Kram eh nichts anfangen kann. Das ist schon richtig und auch akzetabel. Es ändert nur nichts an zweierlei: dass erstens sich die Gewohnheiten der Masse extrem verändert haben und nicht mehr dorthin zurück kehren werden, wo sie einmal waren. Und dass zweitens damit aus rein ökonomischer Sicht der Wert eines einzelnen Stücks oder eines Albums dramatisch sinkt. Wer für 10 Euro im Monat unbegrenzten Zugriff auf Millionen von Titeln bekommt, wird kaum mehr auf die Idee kommen, diesen Betrag für ein einzelnes Album auszugeben.

Was also die von uns Journalisten gerne mal belächelte Musikindustrie (die sich über viele Jahre an den Erhalt der guten alten CD als einzig mögliches Geschäftsmodell klammerte) inzwischen langsam und mühevoll hinbekommt, steht uns in den Medien erst noch bevor. Nämlich eine etwas unangenehme Erkenntnis: Der Wert unserer Arbeit hat sich verringert, ohne dass dabei leider (wieder nüchtern ökonomisch betrachtet) unsere Produktionskosten spürbar gesunken sind. Auch wenn man natürlich heute in der Herstellung deutlich günstiger arbeiten kann, guter Journalismus kostet immer noch (viel) Geld: Recherche ist leider weder zu digitalisieren noch zu automatisieren.

Trotzdem müssen wir uns vermutlich darauf einstellen, dass wir unser Finanzierungsmodell komplett überdenken müssen. Ein paar Vergleiche mit der Musikindustrie schaden da nicht — weil auch sie einen radikalen Wandel hinter sich hat und noch lange nicht am Ende dieses Wandels angekommen ist. Weil man auch dort dachte,  man müsse einfach nur am bewährten Modell festhalten und dem Kunden sagen, dass das so, wie er möchte, eigentlich nicht geht.

Ziemlich ähnlich ist das momentan im Journalismus. Da ist einmal die Sache mit der Entwertung: Ob uns das gefällt oder nicht, aber es sollte uns langsam klar werden, dass es von dem, was wir produzieren in der Quantität wesentlich mehr gibt als noch vor einigen Jahren. Weswegen es sich in letzter Konsequenz nicht mehr nach dem Modell verkaufen lassen wird, wie wir es gewohnt waren. Der Wert einer Nachricht, eines Textes, eines Videos, hat sich dramatisch nach unten verschoben. Einen Ausweg aus dieser Misere werden wir nicht finden, in dem wir Paywalls vor unseren Angeboten aufbauen. Sondern indem wir die Dinge anders machen, besser machen als vorher. Und möglicherweise andere Geschäftsmodelle finden müssen. Man könnte böse gesehen auch sagen: Möglicherweise müssen wir das Geld (den Inhalt) vorne zum Fenster rauswerfen, damit es durch die Tür wieder reinkommt.

Diese drei Dinge hängen unmittelbar zusammen: das Überangebot an Inhalten, die Chance, als Journalisten eben doch mehr zu können als der Betreiber der kleinen Hobbyseite — und der Wunsch des Users nach anderen Möglichkeiten, Inhalte zu nutzen und sie ggf. auch zu bezahlen. Schließlich gehört auch das zu den größeren Missverständnissen und Parallelen zur Musikindustrie: So wie es einer der größten Fehler der Musikindustrie war, User zu kriminalisieren und sie in Bausch und Bogen als zahlungsunwillige Musikdiebe zu stigmatsisieren, so ist es ein Denkfehler zu glauben, der Online-User sei ein raffgieriger Schnorrer, der generell einfach nicht bezahlen und deshalb alles umsonst haben will. Dass es Zahlunsgwilligkeit gibt, hat die Musikindustrie erfahren, als sie Modelle entwickelte, die den Kundenwünschen entgegen kam. Ja, es gibt immer noch viele illegale Downloads und es wird sie weiter geben, so wie es leider auch weiter Ladendiebe geben wird. Aber es gibt eben auch ein florierendes iTunes und andere Donwload-Dienste. Es gibt die erwähnten Streaming-Dienste und es gibt Konzerte, mit denen man jetzt eben mehr Geld verdient. Wenn man also so will: Das Geld vorne rauswerfen und es durch die Tür wieder reinlassen.

Generelle Bezahlschranken werden nicht funktionieren. Weil es dem Nutzungsverhalten und den Userwünschen widerspricht. Und weil viele Onlineangebote nicht mehr in der Lage sein werden, so viel exklusiven, hochwertigen Inhalt anzubieten, dass die Leute dafür bezahlen wollen. Das bedeutet natürlich ausdrücklich nicht, dass die Menschen keinen (hochwertigen) Journalismus mehr wollen. Sie wollen ihn vielleicht sogar mehr denn je. Aber anders, schneller, interaktiver, vernetzter, konfektionierter.

Vorerst also ist der Journalismus am Zug. Er wird sich verändern müssen, er wird neue Angebote machen müssen – ehe er dafür Geld erwarten kann. Für das Auslaufmodell wird niemand bezahlen wollen.

Und das haben wir vermutlich mit allen Branchen dieser Welt gemeinsam. Kein Grund zum Jammern also.

Written by cjakubetz

August 8th, 2010 at 4:20 pm

Posted in NUR SO DAHINGESAGT

Die Geschichte vom Kübel

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Bevor Sie mich für eine Spaßbremse halten: Doch, ich habe heute laut und viel vor mich hingelacht, als diese kleine Geschichte vom Blumenkübel zu einem mittelgroßen Hype geworden ist. Doch, natürlich tut mir die arme Katharina Hövels angemessen leid, die als Praktikantin/Volontärin/Was auch immer diesen Text schreiben musste, und jetzt zur ungewollten Online-Berühmtheit für einen Tag wurde. Und nein, als Beleg dafür, wie “leicht durch Twitter manipuliert” werden kann, würde ich diese nette kleine Geschichte nicht werten. In erster Linie war das heute ein ziemlich großer Spaß und ich vermute mal, dass man auch in den kommenden Tagen mit dem Wort “Blumenkübel” im digitalen Leben ähnliche Reaktionen wie mit der Erwähnung von “Paul” bei Fußball-Fans auslöst.

Aber mal im Ernst: Ich finde, diese kleine Geschichte zeigt auch die ganze Klemme, in der Lokaljournalismus und Lokalzeitungen stecken. Es ist ja gar nicht verkehrt, über kaputte Blumenkübel zu berichten, schon alleine deswegen, weil es ja sonst keiner tut und solche Themen ganz im Ernst die Existenzberechtigung der “Münsterschen Zeitung” und all ihrer Kollegen in Deutschland ist. Ich weiß nicht, über wie viele kaputte Blumenkübel ich in meiner Zeit als Lokalredakteur geschrieben habe. Das also ist nicht das Problem — vielmehr ist es der Personalmangel, die fehlende Sorgfalt, die Motivation, das Können und vielleicht auch die Lust, sich mit einem Text intensiv auseinanderzusetzen (und wenn es nur eine Meldung über einen kaputten Blumenkübel ist). Man hätte der armen Frau, die erst seit einer Woche dabei ist und das ja vielleicht auch noch gar nicht wissen kann, sagen müssen, dass man wegen eines kaputten Kübels nicht gleich von “Fassungslosigkeit” und “Traurigkeit” schreiben muss. Und dass man von “Tätern”, von denen “jede Spur fehlt” vielleicht schreiben kann, wenn es um eine Großfahndung geht, aber nicht in einem Fall von Kleinst-Vandalismus. Kaum anzunehmen, dass sich Münsters Polizei derzeit intensiv auf Täterjagd macht (es sei denn, sie hat heute Twitter gelesen). Hätte das jemand gemacht, niemandem wäre heute die Geschichte vom Kübel aufgefallen und niemand hätte darüber gelacht.

Das aber geht leider in vielen Lokalredaktionen nicht. Weil man keine Zeit hat, vielleicht auch keine Lust. Und weil man dort 1-Wochen-Redaktionsmitglieder weitgehend unbeaufsichtigt Texte schreiben lässt.

Die Blumenkübelgeschichten sind Alltag in deutschen Lokalredaktionen.

Written by cjakubetz

August 5th, 2010 at 6:14 pm

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Tief im Westen (8): Und tschüss!

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Das eigentlich Beunruhigende an solchen Seminaren ist ja, dass man kaum merkt, wie die Zeit fliegt. Vor neun Tagen bin ich hier angekommen und dachte, jede Menge Zeit zu haben, um das Ruhrgebiet besser kennenzulernen. Zeit gehabt habe ich keine Sekunde und bei all denen, denen ich ein gemeinsames Bier in Aussicht stellte, kann ich mich nur entschuldigen. Sorry — beim nächsten Mal sehr gerne. Morgen jedenfalls geht es mittags wieder raus aus dem Pott. Das war´s, zehn Tage — und tschüss.

Am letzten Tag habe ich noch an einem kleinen Stück gebastelt, für das Daniel Krawinkel die Audios eingeholt hatte. Er hat mit einem ehemaligen Bergmann gesprochen, der ziemlich anrührend und trotdzem mit der Gelassenheit eines Ruhrpottmenschen nochmal erzählt, wie das war mit dem viel beschworenen Zusammenhalt unter Tage. Und wieso ihm beim Anblick von still gelegten Zechen auch heute, Jahre später, immer noch die Tränen kommen.

Man versteht dieses Ruhrgebiet vielleicht erst dann, wenn man mit einem solchen Menschen gesprochen hat.

Written by cjakubetz

Juli 31st, 2010 at 7:14 pm

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Tief im Westen (4): Fade to grey

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Ich glaube, mit meiner Begeisterung für den Ruhrpott wird das nix mehr. Nach wie vor kann ich nicht erkennen, was so großartig an dieser Gegend sein soll. Das Projekt “Kulturhauptstadt” hat mich bisher keineswegs überzeugt. Wenn es wirklich so ist, dass ein solcher Titel damit verbunden ist, dass man die Besonderheiten einer Region darstellt, dann hat der Pott entweder keine Kultur, keine Besonderheiten oder einfach nur ein schlechtes Kulturhauptstadtmanagement.

Ich werde auch nicht zu denen gehören, die euphorisch über den großen Wandel schreiben, der hier angeblich im Gange ist. Ich war heute in Duisburg-Marxloh, habe einen sehr kreativen und interessanten Menschen getroffen — und trotzdem keineswegs den Eindruck, das Marxloh gerade im Aufbruch von einem trostlosen Viertel an der äußersten Peripherie einer trostlosen Stadt zu einem hippen Szenequartier ist.  Am Samstag habe ich mich an der Emscher bei Gelsenkirchen rumgetrieben, die momentan mit einem enormen Aufwand renaturiert wird. Mein Jubel fiel dennoch bescheiden aus, weil sie momentan ganz schön stinkt, die Emscher, und man sich nicht dauernd die Nase zuhalten kann. Außerdem ist mir nicht klar, was der Versuch aus einer Kloake wieder einen Fluss zu machen, mit Kultur zu tun hat, obwohl: Man spricht ja auch von Kulturbeuteln im Bad und das alles ist einfach nur ein großes Missverständnis.

Ich geb´s ja außerdem zu: Dieses Einheitsgrau der Städte hier schlägt mir ein wenig aufs Gemüt. Man fährt in der S-Bahn mühelos durch den halben Pott und hat trotzdem keine wirkliche Ahnung, wo man sich gerade befindet. Ob dieses Grau dahinten nun zu Mülheim oder Duisburg oder Essen gehört, spielt eigentlich auch keine Rolle. Am Anfang fand ich meinen irgendwie schnell entstandenen Fotografenjob hier ja noch halbwegs interessant, aber inzwischen gehen mir die Motive aus, es sei denn, man fotografiert gerne graue Straßenzüge und graue Betonklötze und Trinkhallen.

Written by cjakubetz

Juli 26th, 2010 at 7:54 pm

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