Archive for the ‘NUR SO DAHINGESAGT’ Category
Lesen und lesen lassen
Vermutlich werden sie das bei der SZ nicht gewollt haben – aber ihre iPad-App bringt jeden Tag einen schönen Beleg dafür, warum die Debatten (und demnach auch die Klagen) über und gegen die Tagesschau-App ziemlich sinnlos sind.
In Bayern hat es in der Woche um Allerheiligen eine mittelgroße politische Verwerfung gegeben. Der bisherige Finanzminister Fahrenschon mag nicht mehr Politiker sein, sondern lieber Sparkassenpräsident. Das hat dafür gesorgt, dass Horst Seehofer plötzlich Ersatz für Fahrenschon brauchte und nach ein paar Tagen kam er dann zu dem Ergebnis, lieber Markus Söder als eine gewisse Christine Haderthauer für diesen Posten zu nominieren. Das Ganze ist interessant, wenn man sich für bayerische Landespolitik interessiert und inzwischen schon wieder so gut wie vergessen. In keinem Jahresrückblick außerhalb Bayerns wird diese Geschichte vorkommen. Ihr journalistischer Nachrichtenwert ist überschaubar, für jemanden in Rheinland-Pfalz oder in Schleswig-Holstein reicht dafür: ein Zweizeiler, eine kurze Meldung. Ein bayerischer Finanzminister wechselt, kein großes Ding, das.
Die Redaktion der “Tagesschau”, die naturgemäß auf Nachrichten für mehr als ein Bundesland fixiert ist (und vor allem eben auf: Nachrichten) hat dem Großereignis in den Tagen der Entscheidungsfindung keine drei Zeilen gewidmet. Als es dann endlich soweit war und Söder als Nachfolger feststand, reichte eine kurze Meldung, das war´s. Mehr gibt das nicht her, alles richtig gemacht.
Ich lebe nicht in NRW oder sonstwo, interessiere mich naturgemäß für alles aus Bayern mehr als für Thüringen und bayerische Landespolitik finde ich immer noch lustig, obwohl ich nicht mehr darüber berichten wollen würde. Söder vs. Haderthauer vs. den Rest der CSU, dieses Hauen und Stechen fasziniert mich weiterhin. Kein Wunder, dass ich ungefähr jede Zeile verschlungen habe, die die SZ darüber gebracht hat. Abends, wenn die App kam, habe ich erstmal nach CSU und Fahrenschon gesucht und dann gelesen. Auf die Idee, nach Fahrenschon in der “Tagesschau” intensiv zu schauen, wäre ich erst gar nicht gekommen, weil ich dort Nachrichten suche. Dabei spielt es dann schon auch keine Rolle mehr, ob es sich dabei um Texte oder Videos handelt. Ob die “Tagesschau” also mithin ein “presseähnliches Erzeugnis” ist oder nicht, ist eine akademische Diskussion Es geht nicht darum, wie mir etwas dargereicht wird — sondern um das was. Das “was” sind in der Tagesschau seit ungefähr einem halben Jahrhundert Nachrichten im klassischen Sinne, meinetwegen noch ergänzt mit ein bisschen Hintergrund und Aufbereitung, quasi die Tagesthemen. Aber auf die Idee, dass man in der Hauptnachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Themen finden könnte wie in einer großen, überregionalen Tageszeitung, auf die Idee kommt vermutlich ungefähr niemand, es sei denn, er ist bezahlter Jurist dieser Zeitung. Umgekehrt: Wenn eine Zeitung ihre wesentliche Existenzberechtigung in der Verbreitung von Nachrichten sieht, macht sie im Jahr 2011 ohnedies etwas falsch.
Man könnte das fortführen, man könnte mühelos dokumentieren, wie viele Themen aus den Zeitungen (die SZ ist nur ein Exempel) in der “Tagesschau” nicht vorkommen. Was nie anders war und auch nie anders sein wird. Deswegen haben Menschen schon vor einem halben Jahrhundert die “Tagesschau” gesehen und Zeitung gelesen, obwohl die Zeitung etwas kostet und das Fernsehen wenigstens gefühlt nichts (dass TV natürlich etwas kostet, mögen Sie jetzt bitte nicht als Einwand bringen).
Es ist ziemlicher Unsinn, wenn man die Probleme von Tageszeitungen daran festzumachen versucht, dass es im Netz kostenlose Konkurrenz gibt, egal woher sie kommt. Was zählt – nach wie vor und auch in Zukunft – ist Inhalt. Mehrwert, Qualität, nennen Sie es, wie Sie wollen – es braucht einen guten Grund, dass jemand für etwas bezahlt. Dass er etwas anders woanders kostenlos bekommt, ist jedenfalls kein Grund dafür.
Das NR und die Langschläfer
Die Laufbahn des Cem Özdemir war schon einmal fast am Ende angekommen. Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass der Grünen-Politiker mit seinen dienstlich erflogenen Bonusmeilen Privatreisen unternahm, war das Geschrei in etwas so groß, als wenn Özdemir den Bundeskanzler niedergeschlagen hätte. Erst nach längerer Zeit im politischen Büßerhemd durfte er an ein Comeback denken — heute redet niemand mehr von den Bonusmeilen. Was daran liegen könnte, dass mit etwas Abstand betrachtet der Anlass zu nichtig war, als dass man einen Politiker für alle Ewigkeiten verbannen sollte. Und vielleicht gab es diese Aufrechnung damals auch, weil man sich, vorsichtig formuliert, bei einem Politiker etablierter Parteien weniger über einen solchen Vorgang gewundert hätte als bei einem Grünen. Wer die moralische Messlatte hoch legt, darf sich nicht wundern, wenn er als erstes an ihr gemessen wird.
Vermutlich ist auch das ein Grund, warum die Aufregung um die Vorgänge beim “Netzwerk Recherche” in diesem Jahr ganz besonders groß war. Finanzielle Unsauberkeiten sind nirgendwo eine Sache, die mal eben weggesteckt wird. Aber beim “Netzwerk Recherche”, dem selbst ernannten “besten Journalistenverein Europas”, den Aufklärern, den Saubermänner, und ja, auch das: den Selbstdarstellern? Es mutete jedenfalls wie ein schlechter Witz an, dass ein Vorstand mit dem vielleicht profiliertesten Investigativjournalisten in seinen Reihen plötzlich eine Sache am Hals hatte, die zumindest ein bisschen müffelte.
Ein bisschen müffelig riecht auch eine Mail, die Interimschef Hans Leyendecker an seine Vorstandskollegen geschrieben har und die jetzt ausgerechnet in den Fängen der “Bild” gelandet ist. Leyendecker schrieb am 5. August an seine Kollegen das Folgende:
“Die Staatsanwaltschaft hat einen AR-Vorgang (Vorermittlungsverfahren, die Red.) angelegt und wartet die Prüfung ab. Sie bekommt den Bericht aber nur dann, wenn sie Druck macht und mit Durchsuchungen droht. Vielleicht verschläft die Staatsanwaltschaft den Vorgang.“
Ist es denkbar, dass Leyendecker eine solche Mail geschrieben hat? Es ist nicht nur denkbar – es ist definitiv so. Ich habe Hans Leyendecker via Mail zu dem Thema zwei Fragen gestellt. Zum einen, ob diese in der “Bild” zitierte Mail tatsächlich von ihm stammt. Und zum anderen, wie sich das mit der angekündigten Transparenz des NR in dieser Sache verträgt. Vorweg: Hans Leyendecker hat innerhalb von 30 Minuten geantwortet. Er schreibt u.a. folgendes:
“Die Mail habe ich so geschrieben, weil zu diesem Zeitpunkt bei der Staatsanwaltschaft noch kein Ermittlungsverfahren anhängig war und man hoffen durfte, dass gegen Leif nicht ermittelt wird. Ein AR-Vorgang ist die Prüfung, ob es einen Anfangsverdacht geben könnte. Gleichzeitig haben aber die von uns eingeschalteten Wirtschaftsprüfer auf unsere Bitte den Kontakt zur Wiesbadener Staatsanwaltschaft gehalten und die Unterlagen dann auch später, als ein Verfahren eingeleitet worden war, übergeben. Mit Verschleierung hat das gar nichts zu tun.”
Das zeigt sehr schön die Problematik in der Causa NR. Natürlich ist inhaltlich und formaljuristisch nichts gegen die Mail Leyendeckers einzuwenden. Sie belegt aber gleichzeitig, dass die Netzwerker, wenn es um die eigene Sache geht, dann eben doch nicht sehr viel anders handeln als diejenigen, denen sie in ihrem täglichen Job auf den Fersen sind. Herausgabe von Unterlagen nur bei Druck darauf hoffen, dass eine Staatsanwaltschaft vielleicht etwas verschläft — man würde gerne wissen, was NR-Mitglieder schreiben würden, würde ihnen ein Schriftverkehr — sagen wir — eines CDU-Parlamentariers ähnlichen Inhalts bekannt. Dein Einstieg beim “Spiegel” beispielsweise könnte man sich schon richtig gut vorstellen.
Wie auch immer: Das NR hat in diesen Jahr viel von seinem wichtigsten Kapital verspielt. Wenn ein Verein, der sich Investigation und Recherche auf die Fahnen schreibt, in den Ruch von Unregelmäßigkeiten kommt, ist das schlimm genug. Wenn der Vorstand intern auch noch darauf hofft, dass die Staatsanwaltschaft etwas “verschlafen” könnte — dann zeigt das, dass die Vorgänge um die Fördergelder intern bestenfalls nur als Betriebsunfall unter der Verantwortung von Thomas Leif gesehen werden. Dass das Problem möglicherweise eines der grundsätzlichen Haltung sein könnte, hat man sich beim NR noch nicht überlegt.
Wir nennen es Universalcode
Seit gestern also läuft die Auslieferung von “Universalcode” — und sieht man davon ab, dass es noch die Webseite und ggf. irgendwann mal die Idee einer App gibt, ist seit heute der erste Tag, an dem ich das Gefühl habe, das Projekt sei irgendwie abgeschlossen (was es natürlich nicht ist). Wenn ich auf das gut eine Jahr schaue, das zwischen Idee und Fertigstellung lag, dann glaube ich manchmal, noch nie so viel gelernt zu haben wie in den zurückliegenden12 Monaten. Nein, natürlich nicht nur über irgendwelche technischen und inhaltlichen Dinge, die den Journalismus im digitalen Zeitalter angehen. Sondern auch darüber, wie es sich jetzt und künftig arbeiten lässt. Und wie nicht. Was Zukunft hat und was nicht. Das ist, zugegeben, eine einigermaßen subjektive Sichtweise. Aber schon auch eine, aus der sich für andere und anderes einiges ableiten lässt. Bilanz von 12 aufregenden Monaten…
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Es ist ja nicht etwa so gewesen, als dass ich die Idee, ein Buch über die neuen Anforderungen an Journalisten zu machen, nicht in der einen oder anderen Weise schon mal gehabt hätte. Man überschätzt allerdings die Flexibilität und die Innnovationsbereitschaft von Großbetrieben und namentlich Buchverlagen, wenn man glaubt, man schlage da mal einfach was vor und dann kommt ein netter Mitarbeiter des Verlags und legt einen Vertrag vor und kurz darauf ist man dann Buchautor. Das war halbwegs so bei “Crossmedia”. Beim UVK hatte man 2008 ohne lange Debatten und schnell begriffen, dass es den Bedarf für ein Praxisbuch über crossmediales Arbeiten geben könnte. Ich hatte damals auch mit der “gelben Reihe” gesprochen. Dort allerdings war man 2008 der Meinung, Crossmedia sei ja auch nichts anderes als Onlinejournalismus, weswegen es das Potential für einen eigenen Band dazu nicht gebe. Man könne aber gerne darüber nachdenken, ob man der nächste Auflage des Onlinejournalismusbuch nicht ein kleines Kapitel zu crossmedialem Arbeiten anhängen könne. Für die Idee, etwas deutlich weiterführendes als das “Crossmedia”-Buch zu machen, war aber auch der UVK nicht zu haben. Zugegeben, damals hieß das Ding noch nicht “Universalcode”, es war noch nicht abzusehen, dass so viele großartige Leute mitmachen würden — aber den grundsätzlichen Gedanken hatte ich schon deutlich eher. Beim Verlag hieß es, damit seien keine Auflagen zu erzielen, zudem es ja schon sehr viel Literatur dazu gebe. Ich verübele diese Einschätzung niemandem, zumal mir eines in den letzten Monaten auch klar wurde: So, wie wir “Universalcode” gemacht haben – das wäre in einem konventionellen Verlag nie und nimmer möglich gewesen. Wir hätten einen Vertrag gehabt, der uns kaum Freiräume gelassen hätte. Wir hätten als Marketingmaßnahmen irgendwelche hübschen Flyer und Stände bei Fachveranstaltungen gehabt. Wir hätten nicht so rumspinnen können, wie es bei “Eruyclia” der Fall gewesen ist. Und, vielleicht das Wichtigste: Diese Beteiligung der potentiellen Leser vom ersten Tag an, bis hin zur Abstimmung über das Cover — es fällt mir schwer zu glauben, dass wir das alles in einem konventionellen Verlag so hätten machen können, ganz egal, wie er heißt.
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Überhaupt, das Arbeiten. Ich gehöre bestimmt nicht zu dem, was Sascha Lobo und Holm Friebe als “Digitale Boheme” beschrieben haben. Trotzdem dachte ich in den letzten Monaten oft an das Buch “Wir nennen es Arbeit”. Mir fiel auf, um wie viel effizienter und produktiver Arbeit auch in einem weitgehend virtuellen Verbund sein kann, wenn sie nur mit den richtigen Leuten gemacht wird. Wenn man die ganzen wahnwitzigen Strukturen von Großunternehmen beiseite lassen und sich auf das konzentrieren kann, was man machen will. Wenn man nicht ständig damit beschäftig ist, sich Unternehmenskulturen anzupassen oder aufzupassen, nicht in eine kleine, hübsche Intrige zu laufen (es gibt Menschen, die es darin zu wahren Meisterschaften gebracht haben). Wenn man nicht irgendwelche Eitelkeiten und Befindlichkeitsstörungen berücksichtigen muss und schließlich auch noch im Kopf haben soll, wer im Haus gerade mit wem kann und mit wem nicht. Kulturen gibt es übrigens überall, wenn mehr als eine bestimmte Zahl von Menschen zusammenarbeiten, ob man will oder nicht. Wenn man bei öffentlich-rechtliche Sendern über die Flure geht und man begegnet jemandem mit Schweißflecken, ist das meistens ein Beleg dafür, dass die Klimaanlage ausgefallen ist. Bei der FAZ kann nicht mal der Pförtner noch aufrecht gehen vor lauter Dünkel, bei der SZ musste man zumindest in den Zeiten der Sendlinger Straße ordentlich stenzig sein (ok, das verstehen jetzt vermutlich nur Bayern). ProSiebenSAT1 ist die tägliche Generalversammlung der Designanzugträger, kurzum: Es ist ganz egal, wohin man kommt, erstmal wird der tägliche Kreativtätsversuch von irgendetwas eingeschränkt.
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Natürlich war das ein Spagat mit “Universalcode”. Wie bekommt man es hin, dass ein Buch eine erkennbare Linie hat und mehr als eine Aufsatzsammlung ist, ohne dass man die Texte glatt redigiert, die von einem guten Dutzend sehr unterschiedlicher Leute kommen? Wie schafft man es, neben dem rein handwerklichen Können auch so etwas wie eine Haltung zu vermitteln, ohne Besinnungsaufsätze zu schreiben und den erhobenen Zeigefinger zum virtuellen Begleiter des Buchs zu machen? Inzwischen bin ich mir sicher, dass eine der Voraussetzungen dazu genau dieses Arbeiten war. Alles, was wir gemacht haben, war und ist unser Risiko. Wir mussten uns nicht durch Strategiemeetings und Redaktionssitzungen schlagen und es gab auch nirgends den einen, der qua Hierarchie Entscheidungen traf, die die anderen zähneknirschend hinnehmen mussten. Ich glaube, uns alle einte dann irgendwie auch der Gedanke, dass am Ende etwas Konstruktives stehen sollte, die Möglichkeit des Scheiterns und des Falsch-Liegens inbegriffen. Immer nur zu sagen, wie etwas nicht geht, das ist auf Dauer destruktiv. Und ja, auch das: billig. Ich glaube inzwischen, dass man kritisieren darf, was man will, irgendwann aber auch eine Art Alternative aufzeigen muss. Macht man das nicht, leidet irgendwann die Glaubwürdigkeit. Vielleicht haben wir nicht auf alles die richtigen Antworten gefunden, aber ich fühle mich deutlich wohler in dem Wissen, dass wir es zumindest versucht haben. Kein Manifest, das auf keinen Fall. Aber wenigstens ein bisschen Orientierung, ein bisschen Handwerk und Haltung zugleich in einem digitalen Dschungel, der ohnedies schwer genug zu durchdringen ist. Wenn wir das mit “Universalcode” hinbekommen haben, bin ich zufrieden.
Besser anders
Doch, ja: Der DJV und seine Onliner haben auch dieses Jahr wieder eine hübsche Veranstaltung mit “Besser Online” hingestellt. Es waren solide Gäste mit soliden Diskussionen in einem soliden Ambiente, kurz gesagt, es war: sterbenslangweilig. Bevor jemand auf den Gedanken kommt, es folge jetzt ein intensives DJV-Bashing: nein, folgt nicht. Ich saß selbst auf zwei Podien und habe mich mehrfach gefragt, ob ich nicht gerade das liebe Publikum zu Tode langweile. Da kann der Veranstalter nichts dafür, aber ich glaube, ich habe keinen einzigen Satz gesagt, den ich nicht auch in irgendeiner Weise letztes Jahr gesagt habe und im Jahr davor. Mein schlechtes Gewissen darüber hält sich in Grenzen, weil ich den Eindruck bei ungefähr allen anderen auf den Podien auch hatte.
Ich glaube auch nicht, dass die Teilnehmer in diesem Jahr einfach mal ein bisschen lustlos waren. Eher glaube ich, dass wir es 2011 zum ersten Mal seit Internetgedenken mit einem Jahr zu tun haben, in dem nicht laufend neue Onlinesäue durchs Netzdorf getrieben werden, zumindest nicht, wenn es um Medien und Journalismus geht. Soziale Netze? Sind durch, was Facebook und Twitter sind wissen von der Bundespressekonferenz abgesehen inzwischen beinahe alle. Wirklich neue Erkenntnisse dazu gibt es nicht, der Hype um das bemüht bemühte Google Plus ist auch wieder weg und irgendwo dämmert es dem einen oder anderen womöglich gerade, dass sich mediokrer Journalismus nicht dadurch kompensieren lässt, indem man ihn automatisiert bei Facebook und Google und Twitter anpreist. Den wirklich großen anderen Trend sehe ich Momenten auch nicht — und das muss ja kein Schaden sein, eingedenk der Tatsache, in den letzten 15 Jahren mindestens 30 großen Trends hinterhergehechelt zu sein. Dafür spricht übrigens die Tatsache, dass auch die Publikumsfragen bei “Besser online” so wirkten, als hätte einfach jemand die Fragen aus 2010 abgeschrieben und nochmal hervorgekramt.
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Zumindest beim Thema “Selbstvermarktung” (ich saß zu diesem Thema mit auf dem Podium) hat sich der mir angeborene Trotz gepaart mit ein bisschen Unwillen gemeldet. Die Debatte darüber — ebenso wie zum Thema “Unternehmerjournalismus” (über das wir im “Universalcode” trotzdem ein Kapitel haben) — geht in eine falsche Richtung: Wenn man aktuell den Verfechtern des gehobenen Eigenmarketings lauscht, bleibt der Eindruck, man müsse nur einen ordentlichen Social-Media-Mix entwerfen und ab und an bei Twitter postulieren, man gehe jetzt zu “Besser online” und sagt dort vielleicht auch mal was, um als Journalist wahrgenommen zu werden. Die Sache mit dem Marketing in allen Ehren, aber wenn ich mir für “Besser Online 2012″ etwas wünschen dürfte, dann ganz viele Debatten über journalistische Inhalte (im Netz und gerne auch anderswo). Und ganz wenig Gerede über Marketing. Wenn mich dann noch jemand dazu einladen sollte, würden mir vielleicht auch wieder ein paar Sätze einfallen, die ich noch nicht gesagt habe.
Pöbler, Drängler, Straßenkämpfer
Der Chefredakteur des „Spiegel“ hat dem „Journalist“ in dessen letzter Ausgabe ein Interview gegeben, das man mit etwas Wohlwollen als einsilbig bezeichnen könnte. Die Fragen von Hans Hoff danach, wofür der „Spiegel“ eigentlich noch stehe, ob das Magazin sich nicht etwas sehr häufig in Richtung Boulevard bewege und die Titel-Geschichte über die „Bild“ und das dort enthaltene Interview mit Kai Diekmann nicht etwas dünn gewesen sei, beantwortet Georg Mascolo selten mit sehr viel mehr als eine Satz. Die Antwort „Das sehe ich anders“ kommt in diversen Variationen öfters vor. Sieht man davon ab, dass das Interview unterhaltsam zu lesen ist, kommt man an seinem Ende nicht unbedingt zu dem Schluss, Mascolo habe überzeugende Gründe dargelegt, den „Spiegel“ weiterhin als Sturmgeschütz der Demokratie sehen zu müssen. Dagegen sprechen auch eine Titelgeschichte über die königliche Hochzeit in England oder ein Titel über den Fall Strauss-Kahn, der beispielsweise hier sehr treffend zerlegt wurde. Alles in allem kommt man immer häufiger zu dem Eindruck, dass beispielsweise die Lektüre einer FAS ein sehr viel interessanterer Start in die Journalismus-Woche ist.
In der morgen erscheinenden Ausgabe titelt der „Spiegel“ über den „Straßenkampf“ in der „Rüpel-Republik Deutschland“. Die Geschichte wirkt so, als sei sie von Hans Hoff in Auftrag gegeben worden, um im Nachhinein sein Interview mit Mascolo zu legitimieren. Und sie lässt den Gedanken aufkommen, ob solche dünnen Geschichten wie das Stück über die „Bild“ oder über DSK nicht eher die Regel sind – als die verzeihliche Ausnahme (niemand macht schließlich jede Woche herausragende Titelstücke). Zehn Menschen haben an der Geschichte mitgeschrieben, deren Quintessenz es am Ende bestenfalls ist, dass Radfahrer und Autofahrer auf den Straßen gelegentlich aneinander geraten. Falls die Geschichte überhaupt eine Quintessenz hat, so richtig entdeckt habe ich sie auch nach zweimaligem Lesen nicht.
Vielleicht liegt das daran, dass diese Geschichte gar keine richtige ist, unbedingt aber zum Titel gemacht werden musste, weil sonst nix los ist auf dem Planeten, weil Nineeleven am 12.9. irgendwie durch ist, ebenso wie der Euro und Griechenland und DSK. Nach einer etwas zähen und länglichen Einleitung über diverse Absätze hinweg lernen wir als erstes: An einem Sommertag 2011 wurden in München satte elf Unfälle gezählt, an denen Fahrradfahrer beteiligt waren. Wie schwer diese Unfälle waren, wie hoch die Unfallzahlen sonst sind, wer sie verursacht hat, all das bleibt offen – stattdessen notiert der „Spiegel“, dass ungezählte Flüche und geballte Fäuste zurück blieben, sowie diverse Rangeleien, für die es keine Zeugen und keine Protokolle gibt. Man würde am liebsten da schon aufhören zu lesen, weil man irgendwie eine Ahnung hat, dass es sich um eine unspektakuläre Beschreibung eines unspektakulären Ereignisses handelt, dann aber kündigt die Geschichte im nächsten Absatz an:
„Auf deutschen Straßen verrohen die Sitten. Da wird gepöbelt und gedrängelt; Autofahrer, Fußgänger und Radler kämpfen um ihren Platz auf engen Raum. (…)Quer durchs Land stürzen sich Menschen in diesen neuen Straßenkampf, in einen Wettlauf der Agressionen, doch eine Gruppe treibt es besonders wild: Fahrradfahrer.“
Man sieht also über die mühsame Einleitung hinweg – und wartet auf die Beschreibung eines Straßenkampfs voller Aggressionen. Doch das dauert. Vier Absätze lang, in denen die Autoren darüber fabulieren, dass früher der Mercedes-Stern als „eingebaute Vorfahrt“ galt, jetzt sei es das Fahrrad. Szenen aggressiver Radler werden geschildert, ohne irgendeinen Beleg, ohne einen konkreten Fall; als Quelle muss ausreichen, dass man „nur einmal in Berlin Unter den Linden mit dem Auto vor einer Ampel bremsen“ müsse, die gerade auf Rot springt und Studenten auf dem Weg zur Uni seien. Der Wagen sei in Sekundenschnelle „umzingelt“, links und rechts schießen die Radler vorbei, um danach an der Ampel die „Poleposition“ zu suchen und schließlich fahren sie dann demonstrativ nebeneinander und kümmern sich nicht drum, dass sie den Verkehr aufhalten. Muss man nur mal nach Berlin für fahren, um diesen unerträglichen Straßenkampf zu erleben!
Irgendwann dann mal auf (iPad-)Seite sechs kommt die erste Zahl dieser Geschichte, die Spannung wächst, wie sich dieser tägliche Dschungel denn nun täglich auswirkt: Die Zahl der Verkehrstoten bei Unfällen mit Radlerbeteiligung stieg demnach bis Mai 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 7,9 Prozent. Das klingt erstmal noch nicht so wirklich dramatisch, in den absoluten Zahlen relativiert sich dieser Anstieg noch weiter: Demnach sind das etwa zehn Menschen mehr, die von Januar bis Mai ums Leben gekommen sind. Wohlgemerkt nicht etwa im Berliner Dschungel, sondern in der ganzen Bundesrepublik. Nun ist, um eine ordentliche Binse loszuwerden, jeder Tote einer zuviel. Aber wie man bei einem Anstieg von zehn Toten von einem immer schlimmer werdenden „Straßenkampf“ sprechen kann, wissen sie wohl nur beim „Spiegel“.
Das hat wohl auch den Autoren gedämmert, die sofort im nächsten Absatz relativieren: Das sei natürlich auch immer witterungsabhängig – um dann die Geschichte endgültig zu erledigen: In den vergangenen Jahren sei der Trend „insgesamt sogar rückläufig“. Danach folgen wieder etliche weitgehend faktenbefreite Absätze, als Kronzeugen werden eine Münchner Autorin eines „Fahrradhasserbuchs“ und der Münchner OB Ude angeführt. Ude schrieb ebenfalls mal in einem Buch launig über sein „Leben als Radfahrer“ (der Umstand, dass Ude einen ausgesprochenen Hang zur Satire und Kabarett hat, lassen die Autoren lieber weg). Und, ach ja, in München alleine sei die Zahl der Radlerunfälle im ersten Quartal des Jahres gleich um 40 Prozent gestiegen, wenngleich, so viel räumt man leicht verschämt ein: „auch witterungsbedingt“. Weitere Protagonisten sind der Vorsitzende des „Bundes der Fußgänger“, der seine Spezies als die eigentlich Bedrohten ansieht und dessen Kernaussage ist, dass die Radfahrer immer als die Guten gelten, was generell grundfalsch sei. Irgendjemand fordert dann noch eine neue Kultur des Radfahrens, eingepfercht zwischen kurze Exkursionen in die Geschichte des Rades und der erstaunlichen These, dass dieser neue Chic des Radelns irgendwie auch mit dem Aufstieg der Grünen zu tun habe. Außerdem erfährt man, dass immer noch deutlich mehr Geld für Straßen als für Radwege ausgegeben werden.
„Nichts ist falsch daran, nicht nur den nachrichtlichen Kern zu erzählen. Was zählt, ist, dass die Geschichte Substanz hat“, sagt Georg Mascolo in dem Interview mit dem „Journalist“. Vielleicht sollte er sich die eine oder andere Titelgeschichte des „Spiegel“ genau daraufhin nochmal durchlesen.
Amputierter App-Journalismus
Sieht man davon ab, dass sie ziemlich gut geworden ist, die ZDF-App für das iPad, ist sie vor allem eines: ein ungewollter Beleg dafür, wie bizarr der Streit zwischen den Verlagen und den öffentlich-rechtlichen Sendern über das Thema Apps geworden ist.
Mathias Döpfner hat in dieser Woche die ARD wissen lassen: Na bitte, so ginge das doch. Ein paar Videos in eine App packen, das reicht aus, tut den Verlagen nicht weg, auf der Basis könne man sich doch einigen. Das ZDF als Kronzeuge der Verlage gegen die ARD?
Leider nein – weil der Vergleich zwischen der Tagesschau-App und dem ZDF-Angebot ungefähr so ist, als würde man den Tatort und die „Bild“ miteinander vergleichen. Außer der Tatsache, dass es sich um Apps handelt, haben ARD und ZDF (noch) nichts gemein. Die „Tagesschau“ ist ein journalistisches, ein nachrichtengeprägtes Angebot, die ZDF-Mediathek ist, Überraschung, eine Mediathek. Ein Video-on-demand-Angebot in App-Form. Dass es für ein Video von Rosamunde Pilcher oder von „Aktenzeichen XY“ keine großen Worte braucht, leuchtet ein. Davon abgesehen: Das sind Inhalte, die mit den Angeboten von Verlagen keinerlei Überschneidungen haben. Deshalb hinkt dieser Vergleich nicht nur, er ist schlichtweg unzulässig.
Umgekehrt ist die Frage dann: Darf ein öffentlich-rechtlicher Sender überhaupt Journalismus machen im Netz? Wenn man ihm das zugesteht, dann geht das nicht im Netz; ein irgendwie amputierter Journalismus funktioniert nicht. Wenn man Journalismus von TV-Sendern hingegen zulassen will, muss man ihnen auch die Möglichkeit geben, Information in Texte zu packen. Das wird im Übrigen, Herr Döpfner wird da noch staunen, auch das ZDF tun, wenn es seine „Heute“-Formate in eine App bringt. Spätestens da wird es dann wieder vorbei sein mit dem Versuch, das ZDF der störrischen ARD als leuchtendes Beispiel vorzuhalten.
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Es mag auch nicht so recht einleuchten, wieso es ausgerechnet Webseiten und Apps von Fernsehsendern sein sollen, die das Verlagswesen in seinem Bestand bedrohen sollten. Ich glaube, man schätzt den halbwegs mündigen Journalismuskonsumenten grundlegend falsch ein, wenn man ihn darauf reduziert, es gehe ihm in erster Linie darum, irgendetwas kostenlos zu bekommen. Blätter wie die FAS oder die „Süddeutsche Zeitung“ zeigen seit Jahren, dass man sich bei einer stabilen Auflage halten kann, wenn man schlichtweg ein gutes Blatt macht, lesenswerte, gut recherchierte Geschichten macht und aus den lieb gewordenen Zeitungs-Routinen ausbricht (die möglicherweise sinkenden Anzeigenerlöse haben ja nichts mit den Angeboten der TV-Sender zu tun). Die FAS ist jeden Sonntag eine wunderbare Lektüre, die SZ hat mit dem heutigen Wochenend-Spezial zu Nineeleven eine Beilage gemacht, die alleine schon den Kaufpreis lohnt. Kurzum, es ist, auch angesichts der Klientel, kaum vorstellbar, dass jemand auf die FAS oder die SZ ernsthaft verzichtet, weil er sich zwei oder drei Euro sparen will. Zumal er das, was ihm diese Blätter bieten können, in keiner noch so guten App von ARD und ZDF bekommen wird. Bevor der Einwand kommt, dass FAS und SZ kaum repräsentativ für das Gros der deutschen Tageszeitungen sind: Auch gute lokale und regionale Geschichten bekommt der User nicht bei ARD und ZDF. Kurz gesagt: Es müsste einem um die Zukunft der Verlage nicht mal bange sein, würden sie sich auf ihre Stärken konzentrieren. Das Nachrichtengeschäft, so wie es ARD und ZDF betreiben, ist das ganz sicher nicht.
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Ein bisschen off-topic, aber trotzdem: Es nervt dann auf der anderen Seite dann doch, wenn in dieser Dauerdebatte die öffentlich-rechtlichen Sender ihre angeblich so hochwertigen Sendungen für Argumentation in eigener Sache missbrauchen und das auch noch als Journalismus ausgeben. Das Magazin „Töne,Texte,Bilder“ im WDR hat dafür heute ein besonders bizarres Beispiel geliefert. In einem mutmaßlichen „Kollegengespräch“ befragte Cordula Denninghoff den zugeschalteten Kai Gniffke zum Thema Apps und fragte u.a., ob die Verlage denn nicht recht hätten mit dem Bild der guten ZDF-App und Gniffke antwortete ziemlich überraschend, dass die Verleger nicht recht hätten und dass es schade sei, wenn die Verlage so was von uneinsichtig seien. Als Journalismus getarnte Eigen-PR in einem öffentlich-rechtlichen Sender – das, ehrlich gesagt, finde ich um einiges ärgerlicher als eine App.
Der Pyrrhussieg im Tarifstreit
Es wäre eine echte Chance gewesen. Eine Chance, es anders zu machen als all die Jahre zuvor. Das ausgetretene Tarifritual, das sich im Wesentlichen mit Prozenten und Laufzeiten befasst, zu verlassen. Und um über sehr grundlegende Dinge zu sprechen, beispielsweise über so etwas Simples wie die Frage, wie es mit dem Journalistenberuf eigentlich weitergehen soll. Stattdessen haben sich Gewerkschaften und Zeitungsverleger über außergewöhnlich viele Runden gegenseitig gequält. Mit einem Ergebnis, an dessen Ende auch stehen könnte: Wir vertagen uns nochmal zwei Jahre, danach werden wir die Debatten aus dem Jahr 2011 nochmal führen (müssen). Man hat also Zeit gewonnen, nicht sehr viel mehr.
Vordergründig, natürlich, steht anderes: Die befürchteten Einbußen im Redakteursberuf bei Tageszeitungen sind zunächst vom Tisch, es gibt sogar ein bisschen mehr Geld. Zwei Einmalzahlungen von jeweils 200 Euro, dazu eine Gehaltssteigerung von rund 1,5 Prozent. DJV und Verdi verweisen jetzt darauf, dass man das Schlimmste habe abwehren können, und hey, mehr Geld gibt´s auch. Immerhin hatten die streikenden Kollegen ja gerne postuliert, dass Journalismus „mehr wert“ sei. Dieser Mehrwert manifestiert sich jetzt in rund 45 Euro brutto, die jemand bei einem Gehalt von 4000 Euro demnächst mehr auf seinem Gehaltszettel stehen hat. Dafür kann man in einem Arbeitskampf schon mal über die volle Distanz gehen.
Natürlich, jedem Kollegen sei jeder Euro mehr herzlich gegönnt. Das Dumme ist nur: Keines der wirklich drängenden und mittelfristigen Probleme, die dieser Beruf und damit letztendlich die streikenden Redakteure momentan haben, ist damit gelöst worden. Und ja, das müssen sich DJV (Hinweis: Ich bin Mitglied) und Verdi vorwerfen lassen: Sie haben es nicht mal versucht. Die Verlockung, endlich mal wieder einen richtig ordentlichen Arbeitskampf zu zelebrieren, war anscheinend zu groß. Und auch das darf man vermuten: Die Berufsgruppe der Tageszeitungsredakteure ist immer noch die größte und einflussreichste in den Verbänden, da muss man sich schon mal ins Zeug legen. Zehn Verhandlungsrunden und lange Streiks für Online-Kollegen? Kaum vorstellbar, es gibt ja bis heute noch nicht mal einen Onliner-Tarifvertrag. Dass Onlinejournalisten immer noch sehr häufig deutlich schlechter bezahlt werden als ihre Printkollegen, nimmt man anscheinend als gottgegeben hin.
Dabei geht es nicht um eine Abwägung, welche Berufsgruppe im Verband besser vertreten ist; dass die Onliner-Lobby selbst unter den eigenen Kollegen nicht so rasend groß ist, weiß jeder, der mit Onlinejournalismus zu tun hat. Nein, es wäre auch im eigenen Interesse der Zeitungskollegen gewesen, das Thema Digitalisierung auch mit Blick auf das eigene Berufsbild und ihre eigene Zukunft zu verhandeln. 2013, wenn die nächsten Tarifrunden anstehen, wird die Erosion des klassischen Tageszeitungsredakteurs weiter fortgeschritten sein, werden neue Tätigkeiten hinzukommen, wird sich noch sehr viel mehr im Netz abspielen als bisher schon. Vor allem wird es diese strikte Unterscheidung zwischen dem Print- und dem Onlineredakteur nicht mehr geben. Wenn also künftig Printjournalisten mehr im Digitalen arbeiten müssen, wenn sich möglicherweise ganze Ressorts deutlich mehr Online als im Blatt abspielen und wenn umgekehrt Onliner mehr als bisher den Blättern zuliefern, wie kann man dann noch Tarifverträge für „Zeitungsredakteure“ in dieser Ausschließlichkeit debattieren? Und wie kann man es angesichts dessen dann immer noch rechtfertigen, dass Onliner schlechter bezahlt sind?
Erstaunlich ist das, nebenher bemerkt, auch aus verbandspolitischer Sicht. Speziell der DJV beklagt ja gerne mal intern, für junge Journalisten nicht mehr so richtig lukrativ zu sein. Aber wie soll das auch gehen, wenn junge, digital denkende Journalisten im Verband sehr viel weniger Heimat finden als jeder Lokalredakteur eines Provinzblatts?
Der Journalistenberuf jedenfalls wandelt sich mehr und mehr, speziell beim Berufsbild „Zeitungsredakteur“ geht der Umbruch sehr viel schneller als man sich das noch vor zwei oder drei Jahren hätte vorstellen können. 45 Euro mehr Gehalt und ein Aufschub von zwei Jahren sind ein Pyrrhussieg. Von den Fragen, die sich schon bald stellen werden, ist dagegen leider keine einzige beantwortet worden.
G minus
Ich habe wirklich keine Ahnung, was ich heute alles verpasst habe. Und das, obwohl ich eigentlich dachte, die Dinge jetzt besser sortieren zu können, seit es nicht nur Twitter und das zunehmend mehr zugemüllte Facebook gibt. Inzwischen existiert ja auch das neue Supernetzwerk von Google, mit dem alles noch leichter und schöner und übersichtlicher sein soll. Weil mein armer Kopf aber kein Supernetzwerk ist, bin ich mir für mich selbst zumindest sicher: Einer wird in meiner Liste dran glauben müssen. Es geht schlichtweg nicht, auf drei Netzwerken gleichermaßen präsent zu sein, überall fleißig und individuell zu kommunizieren und zudem noch die neue G+-Regel Nummer eins einzuhalten: no crosspostings please. Sorry Freunde, das ist einfach nicht drin.
Das meistgelesene Wort heute war: lesenswert. Wenn ich noch hinzurechne, wie viele Formulierungen ähnlich waren, zumindest also implizierten, was ich heute hätte alles lesen und sehen und hören sollen, ich hätte eine Liste für die nächsten drei Tage. Weswegen ich heute zum ersten Mal das Paradox erlebt habe, dass die großartigen Empfehlungs- und Sharingkulturen der sozialen Netze einen Überdrussreflex ausgelöst haben. Es ist mir ja fast peinlich, das zugeben zu müssen, aber für einen kurzen Augenblick habe ich mich nach einer Zeitung gesehnt. Die mir auf den Seiten 1-65 die Welt erklärt und wo mich nicht andauernd jemand anplärrt: Das MUSST du lesen! Zugegeben, bei G+ kommt momentan noch ein Nervfaktor hinzu, der sich legen dürfte. Ich treffe dort die digitale, öhm, Elite, die einen dann doch eher eingeschränkten Themenfocus hat. So rasend viele Leute sind es noch nicht, weswegen ich heute ungefähr 17 Shares (sagt man das so?) von Sascha Lobo bekommen habe, der zu viele Freunde oder Circler hat und dem deswegen dauernd der Browser abstürzt. 10.000 sollen es sein und ich frage mich gerade, wer das alles lesen soll. Und kann. Und will.
Wenn es etwas gibt, was wir als fortgeschrittene Netznutzer in der nächsten Zeit machen müssen, dann ist es das: (noch) effektivere Filter anlegen, noch mehr selektieren, wegschmeißen, was belastet, was keinen Sinn macht, was hohl und langweilig ist. Es geht dabei nicht mal um Multitasking oder nicht, sondern um Sinn und Unsinn einer Information, um zwangsläufige Redundanz. Weil wir trotz unserer unzähligen Kanäle, die wir inzwischen bespielen können, nicht zwangsweise auch unzählige gute und relevante Inhalte haben. Manchmal reicht mir der Blick auf das (noch G+freie) Flipboard, um festzustellen: Irgendjemand hat heute wieder was ganz dolles geschrieben und gemacht, dass die Herde ganz doll retweetet und liked. Und was mir dann auf ungefähr jeder dritten Flipboardseite wieder begegnet.
Wenn ich also irgendwas aus den ersten G+-Tagen mitgenommen habe, dann das: Weniger ist mehr. Einer wird dran glauben müssen.
Aus dem Leben einer Pressestelle
(nach langem tuuuuten bei einem großen deutschen Konzern): “XY AG, Griaß Gott.”
Ich: Schönen guten Morgen, ich bin von der Redaktion Wired und brauche bitte die Pressestelle.
(nach längerer Pause): San Sie vo da Presse?
Ich: Ja.
(irritiert): Vo da XY-Zeitung (Heimatzeitung vor Ort)?
Ich, ebenfalls irritiert: Nein.
(irritiert): Vo wem san sie nachhad dann?
Ich, tendenziell belustigt: Von Wired.
Weiert? Um wos gehts do?
Ich: Das würde ich gerne mit den Kollegen klären.
(tuuuuut…knacken, dann neue Stimme): Öffentlichkeitsarbeit, XY, was kann ich für Sie tun?
Ich: Ich bräuchte bitte…
(im Hintergrund läutet ein Handy): Moment, mein Handy…ah, du bist´s…ja, hier geht´s zu, ich sag´s dir und dann sind ja da auch noch so viele Veranstaltungen…und am anderen Ende habe ich auch noch einen, der sagt, der ist ist von Wired oder so ähnlich…ach, gibt´s wirklich? Ja, dann, ich muss mal wieder…so, jetzt, was kann ich für Sie tun?…Ähn, nein…nein,nein, aber ich kann Ihnen eine Mailadresse geben, weil ich muss jetzt dann auch mal wieder weg, gell…auf Wiederhören!
Ein bisschen Politbüro im Netzwerk Sonntagsreden
Das Netzwerk Recherche hat gestern seinen Bankrott erklärt. Nicht finanziell, Geld hat der Verein genug. Dafür aber als eine Quasselbude für Sonntagsreden mit der Neigung zur elitären Pseudoschöngeistigkeit, einhergehend mit Realitätsverlust und zunehmender Irrelevanz. Der Vorstand ist zurückgetreten, weil das Netzwerk möglicherweise 75.000 Euro an Zuschüssen unberechtigt kassiert hat.
75.000 Euro – das ist eine Menge Geld, vor allem dann, wenn man dessen Herkunft und Berechtigung nicht wirklich erklären kann. Schon möglich, dass “Europas bester Journalistenverein” (etwas kleiner haben sie es ja beim NR nicht) sich in einem Geflecht von komplexen Vorschriften verheddert und sich niemand persönlich bereichert hat. Dennoch ist es hochnotpeinlich, wenn ein Verein mit dieser Attitüde – und niemand kommt so attitüdenhaft des Wegs wie das NR in diesem Fall, perfekt durch Thomas Leif repräsentiert – und diesem Anspruch nicht in der Lage ist, einen solchen Betrag zu erklären. Dass Thomas Leif wie ein Mitglied eines ehemaligen Politbüros zum Rücktritt gedrängt werden musste und erst ging, als er sich de facto in der Handlungsunfähigkeit sah, sagt einiges aus darüber, wie sehr insbesondere Leif, aber auch viele andere in dem Verein die Bodenhaftung verloren hatten. Wenn man sich dann auch noch an einem solchen Tag ungerührt hinsetzt, um über “Haltung, Moral und Ethik” zu debattieren, muss man den Bezug zur Wirklichkeit ziemlich verloren haben. Das Ergebnis der Runde war dann übrigens auch ein weitgehend unreflektiertes Schulterklopfen, garniert mit den üblichen Plattitüden zur unbedingt erhaltenswerten Qualität im Qualitätsjournalismus.
Durchaus interessant sind neben den 75.000 Euro, die man sich nicht wirklich erklären kann, weitere 400.000 Euro. Die sind zwar erklärbar, dennoch verwunderlich: Das ist nämlich der Kassenstand des Vereins. Natürlich darf jeder so viel Geld haben wie er will, aber trotdzem ist das bezeichnend für die Geisteshaltung der NR-Schönrednerei. Man fordert, man veröffentlicht hübsche Manifeste und man trifft sich zu Schönwetter-Konferenzen. Aber dass man ein Vereinsvermögen von fast einer halben Million Euro (!) für konkrete Projekte und zur Unterstützung von recherchierenden Journalisten verwenden würde, auf diese Idee kommt man anscheinend nur eingeschränkt. Laut Webseite sind es gerade mal jämmerliche sieben Texte, deren Entstehung durch Stipendien des NR gefördert wurden, statistisch gesehen also nicht mal einer pro Jahr. Zu vermuten ist, dass sich Thomas Leif in dieser Zeit sehr viel mehr mit sich selbst und seinem Wirken beschäftigt hat, als sich der Förderung von guter Recherche in Deutschland zu widmen. Was man im Übrigen sogar im NR-Vorstand einräumt. Möglicherweise, so heißt es dort, habe sich das Netzwerk in den letzten Jahren zu sehr zu einer One-Man-Show entwickelt.
Bizarr in diesem Zusammenhang: Das NR hat während seiner Tagung wieder mal die “Verschlossene Auster” vergeben, ein Preis, dessen Vergabe so wohlfeil wie nutzlos zugleich ist. Ein billiger Punkt, den man da macht. Beim NR selbst ist die Kommunikation aber keineswegs so transparent wie man sie von jemandem mit diesem Anspruch erwarten dürfte. Schönes Beispiel ist die “Erklärung” des Vorstands, wonach Thomas Leif die “Verantwortung” für die Unregelmäßigkeiten übernommen habe. Das liest sich allerdings beispielsweise in der taz ganz anders. Demnach musste Leif mit Brachialgewalt aus dem Amt gedrängt werden. Was würden eigentlich die Sonntagsredner vom NR schreiben, wenn andernorts solche windelweichen Erklärungen herausgegeben werden, obwohl man sehr genau weiß, dass die Wirklichkeit eine andere ist? Das Geschwurbel hätte übrigens jede Pressestelle einer Partei nach einem Rücktritt beispielsweise eine Plagiators auch nicht anders formuliert.
Momentan also steht das NR ziemlich zerrupft da: Mit der Maschmeyer-Sache hat sich der Verein der größtmöglichen Lächerlichkeit preisgegeben, die Sache mit den 75.000 Euro wird noch eine ganze Zeit nachwirken — und einen Vorstand gibt es auch nicht mehr. Großartige Bilanz nach zehn Jahren in “Europas bestem Journalistenverein”. Auf der anderen Seite: Muss man ihm nachweinen? Einem Verein, der mit zunehmender Lebensdauer immer mehr zur Bühne seiner (Selbst-)Darsteller wurde? Und dessen größtes inhaltliches Ding es ist, über Ethik, Haltung und Moral zu debattieren? Das NR hat sich selbst diskreditiert und überflüssig gemacht. Und um es, ausgerechnet, mit Carsten Maschmeyer zu sagen: Man hat in den letzten Wochen tatsächlich interessante Einblicke bekommen, wie Deutschlands vermeintliche Topjournalisten so ticken.
Nachtrag, Montag, 18 Uhr: Stefan Niggemeier schreibt bei “Spiegel Online” über die Vorgänge beim “Netzwerk Recherche” und verweist dabei auch diesen Text hier. Er spricht von “Wort- und Wutüberschuss” und von “Reflexen”, die das NR offenbar auslöse. Ich bin keineswegs geneigt, ihm zu widersprechen.
