Kategorie: NUR SO DAHINGESAGT


Der Pyrrhussieg im Tarifstreit

18. August 2011 - 12:08 Uhr

Es wäre eine echte Chance gewesen. Eine Chance, es anders zu machen als all die Jahre zuvor. Das ausgetretene Tarifritual, das sich im Wesentlichen mit Prozenten und Laufzeiten befasst, zu verlassen. Und um über sehr grundlegende Dinge zu sprechen, beispielsweise über so etwas Simples wie die Frage, wie es mit dem Journalistenberuf eigentlich weitergehen soll. Stattdessen haben sich Gewerkschaften und Zeitungsverleger über außergewöhnlich viele Runden gegenseitig gequält. Mit einem Ergebnis, an dessen Ende auch stehen könnte: Wir vertagen uns nochmal zwei Jahre, danach werden wir die Debatten aus dem Jahr 2011 nochmal führen (müssen). Man hat also Zeit gewonnen, nicht sehr viel mehr.

Vordergründig, natürlich, steht anderes: Die befürchteten Einbußen im Redakteursberuf bei Tageszeitungen sind zunächst vom Tisch, es gibt sogar ein bisschen mehr Geld. Zwei Einmalzahlungen von jeweils 200 Euro, dazu eine Gehaltssteigerung von rund 1,5 Prozent. DJV und Verdi verweisen jetzt darauf, dass man das Schlimmste habe abwehren können, und hey, mehr Geld gibt´s auch. Immerhin hatten die streikenden Kollegen ja gerne postuliert, dass Journalismus „mehr wert“ sei. Dieser Mehrwert manifestiert sich jetzt in rund 45 Euro brutto, die jemand bei einem Gehalt von 4000 Euro demnächst mehr auf seinem Gehaltszettel stehen hat. Dafür kann man in einem Arbeitskampf schon mal über die volle Distanz gehen.

Natürlich, jedem Kollegen sei jeder Euro mehr herzlich gegönnt. Das Dumme ist nur: Keines der wirklich drängenden und mittelfristigen Probleme, die dieser Beruf und damit letztendlich die streikenden Redakteure momentan haben, ist damit gelöst worden. Und ja, das müssen sich DJV (Hinweis: Ich bin Mitglied) und Verdi vorwerfen lassen: Sie haben es nicht mal versucht. Die Verlockung, endlich mal wieder einen richtig ordentlichen Arbeitskampf zu zelebrieren, war anscheinend zu groß. Und auch das darf man vermuten: Die Berufsgruppe der Tageszeitungsredakteure ist immer noch die größte und einflussreichste in den Verbänden, da muss man sich schon mal ins Zeug legen. Zehn Verhandlungsrunden und lange Streiks für Online-Kollegen? Kaum vorstellbar, es gibt ja bis heute noch nicht mal einen Onliner-Tarifvertrag. Dass Onlinejournalisten immer noch sehr häufig deutlich schlechter bezahlt werden als ihre Printkollegen, nimmt man anscheinend als gottgegeben hin.

Dabei geht es nicht um eine Abwägung, welche Berufsgruppe im Verband besser vertreten ist; dass die Onliner-Lobby selbst unter den eigenen Kollegen nicht so rasend groß ist, weiß jeder, der mit Onlinejournalismus zu tun hat. Nein, es wäre auch im eigenen Interesse der Zeitungskollegen gewesen, das Thema Digitalisierung auch mit Blick auf das eigene Berufsbild und ihre eigene Zukunft zu verhandeln. 2013, wenn die nächsten Tarifrunden anstehen, wird die Erosion des klassischen Tageszeitungsredakteurs weiter fortgeschritten sein, werden neue Tätigkeiten hinzukommen, wird sich noch sehr viel mehr im Netz abspielen als bisher schon. Vor allem wird es diese strikte Unterscheidung zwischen dem Print- und dem Onlineredakteur nicht mehr geben. Wenn also künftig Printjournalisten mehr im Digitalen arbeiten müssen, wenn sich möglicherweise ganze Ressorts deutlich mehr Online als im Blatt abspielen und wenn umgekehrt Onliner mehr als bisher den Blättern zuliefern, wie kann man dann noch Tarifverträge für „Zeitungsredakteure“ in dieser Ausschließlichkeit debattieren? Und wie kann man es angesichts dessen dann immer noch rechtfertigen, dass Onliner schlechter bezahlt sind?

Erstaunlich ist das, nebenher bemerkt, auch aus verbandspolitischer Sicht. Speziell der DJV beklagt ja gerne mal intern, für junge Journalisten nicht mehr so richtig lukrativ zu sein. Aber wie soll das auch gehen, wenn junge, digital denkende Journalisten im Verband sehr viel weniger Heimat finden als jeder Lokalredakteur eines Provinzblatts?

Der Journalistenberuf jedenfalls wandelt sich mehr und mehr, speziell beim Berufsbild „Zeitungsredakteur“ geht der Umbruch sehr viel schneller als man sich das noch vor zwei oder drei Jahren hätte vorstellen können. 45 Euro mehr Gehalt und ein Aufschub von zwei Jahren sind ein Pyrrhussieg. Von den Fragen, die sich schon bald stellen werden, ist dagegen leider keine einzige beantwortet worden.

 

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G minus

11. Juli 2011 - 19:48 Uhr

Ich habe wirklich keine Ahnung, was ich heute alles verpasst habe. Und das, obwohl ich eigentlich dachte, die Dinge jetzt besser sortieren zu können, seit es nicht nur Twitter und das zunehmend mehr zugemüllte Facebook gibt. Inzwischen existiert ja auch das neue Supernetzwerk von Google, mit dem alles noch leichter und schöner und übersichtlicher sein soll. Weil mein armer Kopf aber kein Supernetzwerk ist, bin ich mir für mich selbst zumindest sicher: Einer wird in meiner Liste dran glauben müssen. Es geht schlichtweg nicht, auf drei Netzwerken gleichermaßen präsent zu sein, überall fleißig und individuell zu kommunizieren und zudem noch die neue G+-Regel Nummer eins einzuhalten: no crosspostings please. Sorry Freunde, das ist einfach nicht drin.

Das meistgelesene Wort heute war: lesenswert. Wenn ich noch hinzurechne, wie viele Formulierungen ähnlich waren, zumindest also implizierten, was ich heute hätte alles lesen und sehen und hören sollen, ich hätte eine Liste für die nächsten drei Tage. Weswegen ich heute zum ersten Mal das Paradox erlebt habe, dass die großartigen Empfehlungs- und Sharingkulturen der sozialen Netze einen Überdrussreflex ausgelöst haben. Es ist mir ja fast peinlich, das zugeben zu müssen, aber für einen kurzen Augenblick habe ich mich nach einer Zeitung gesehnt. Die mir auf den Seiten 1-65 die Welt erklärt und wo mich nicht andauernd jemand anplärrt: Das MUSST du lesen! Zugegeben, bei G+ kommt momentan noch ein Nervfaktor hinzu, der sich legen dürfte. Ich treffe dort die digitale, öhm, Elite, die einen dann doch eher eingeschränkten Themenfocus hat. So rasend viele Leute sind es noch nicht, weswegen ich heute ungefähr 17 Shares (sagt man das so?) von Sascha Lobo bekommen habe, der zu viele Freunde oder Circler hat und dem deswegen dauernd der Browser abstürzt. 10.000 sollen es sein und ich frage mich gerade, wer das alles lesen soll. Und kann. Und will.

Wenn es etwas gibt, was wir als fortgeschrittene Netznutzer in der nächsten Zeit machen müssen, dann ist es das: (noch) effektivere Filter anlegen, noch mehr selektieren, wegschmeißen, was belastet, was keinen Sinn macht, was hohl und langweilig ist. Es geht dabei nicht mal um Multitasking oder nicht, sondern um Sinn und Unsinn einer Information, um zwangsläufige Redundanz. Weil wir trotz unserer unzähligen Kanäle, die wir inzwischen bespielen können, nicht zwangsweise auch unzählige gute und relevante Inhalte haben. Manchmal reicht mir der Blick auf das (noch G+freie) Flipboard, um festzustellen: Irgendjemand hat heute wieder was ganz dolles geschrieben und gemacht, dass die Herde ganz doll retweetet und liked. Und was mir dann auf ungefähr jeder dritten Flipboardseite wieder begegnet.

Wenn ich also irgendwas aus den ersten G+-Tagen mitgenommen habe, dann das: Weniger ist mehr. Einer wird dran glauben müssen.

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Aus dem Leben einer Pressestelle

6. Juli 2011 - 10:55 Uhr

(nach langem tuuuuten bei einem großen deutschen Konzern): “XY AG, Griaß Gott.”

Ich: Schönen guten Morgen, ich bin von der Redaktion Wired und brauche bitte die Pressestelle.

(nach längerer Pause): San Sie vo da Presse?

Ich: Ja.

(irritiert): Vo da XY-Zeitung (Heimatzeitung vor Ort)?

Ich, ebenfalls irritiert: Nein.

(irritiert): Vo wem san sie nachhad dann?

Ich, tendenziell belustigt: Von Wired.

Weiert? Um wos gehts do?

Ich: Das würde ich gerne mit den Kollegen klären.

(tuuuuut…knacken, dann neue Stimme): Öffentlichkeitsarbeit, XY, was kann ich für Sie tun?

Ich: Ich bräuchte bitte…

(im Hintergrund läutet ein Handy): Moment, mein Handy…ah, du bist´s…ja, hier geht´s zu, ich sag´s dir und dann sind ja da auch noch so viele Veranstaltungen…und am anderen Ende habe ich auch noch einen, der sagt, der ist ist von Wired oder so ähnlich…ach, gibt´s wirklich? Ja, dann, ich muss mal wieder…so, jetzt, was kann ich für Sie tun?…Ähn, nein…nein,nein, aber ich kann Ihnen eine Mailadresse geben, weil ich muss jetzt dann auch mal wieder weg, gell…auf Wiederhören!

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Ein bisschen Politbüro im Netzwerk Sonntagsreden

3. Juli 2011 - 9:12 Uhr

Das Netzwerk Recherche hat gestern seinen Bankrott erklärt. Nicht finanziell, Geld hat der Verein genug. Dafür aber als eine Quasselbude für Sonntagsreden mit der Neigung zur elitären Pseudoschöngeistigkeit, einhergehend mit Realitätsverlust und zunehmender Irrelevanz. Der Vorstand ist zurückgetreten, weil das Netzwerk möglicherweise 75.000 Euro an Zuschüssen unberechtigt kassiert hat.

75.000 Euro – das ist eine Menge Geld, vor allem dann, wenn man dessen Herkunft und Berechtigung nicht wirklich erklären kann. Schon möglich, dass “Europas bester Journalistenverein” (etwas kleiner haben sie es ja beim NR nicht) sich in einem Geflecht von komplexen Vorschriften verheddert und sich niemand persönlich bereichert hat. Dennoch ist es hochnotpeinlich, wenn ein Verein mit dieser Attitüde – und niemand kommt so attitüdenhaft des Wegs wie das NR in diesem Fall, perfekt durch Thomas Leif repräsentiert – und diesem Anspruch nicht in der Lage ist, einen solchen Betrag zu erklären. Dass Thomas Leif wie ein Mitglied eines ehemaligen Politbüros zum Rücktritt gedrängt werden musste und erst ging, als er sich de facto in der Handlungsunfähigkeit sah, sagt einiges aus darüber, wie sehr insbesondere Leif, aber auch viele andere in dem Verein die Bodenhaftung verloren hatten. Wenn man sich dann auch noch an einem solchen Tag ungerührt hinsetzt, um über “Haltung, Moral und Ethik” zu debattieren, muss man den Bezug zur Wirklichkeit ziemlich verloren haben. Das Ergebnis der Runde war dann übrigens auch ein weitgehend unreflektiertes Schulterklopfen, garniert mit den üblichen Plattitüden zur unbedingt erhaltenswerten Qualität im Qualitätsjournalismus.

Durchaus interessant sind neben den 75.000 Euro, die man sich nicht wirklich erklären kann, weitere 400.000 Euro. Die sind zwar erklärbar, dennoch verwunderlich: Das ist nämlich der Kassenstand des Vereins. Natürlich darf jeder so viel Geld haben wie er will, aber trotdzem ist das bezeichnend für die Geisteshaltung der NR-Schönrednerei. Man fordert, man veröffentlicht hübsche Manifeste und man trifft sich zu Schönwetter-Konferenzen. Aber dass man ein Vereinsvermögen von fast einer halben Million Euro (!) für konkrete Projekte und zur Unterstützung von recherchierenden Journalisten verwenden würde, auf diese Idee kommt man anscheinend nur eingeschränkt. Laut Webseite sind es gerade mal jämmerliche sieben Texte, deren Entstehung durch Stipendien des NR gefördert wurden, statistisch gesehen also nicht mal einer pro Jahr. Zu vermuten ist, dass sich Thomas Leif in dieser Zeit sehr viel mehr mit sich selbst und seinem Wirken beschäftigt hat, als sich der Förderung von guter Recherche in Deutschland zu widmen. Was man im Übrigen sogar im NR-Vorstand einräumt. Möglicherweise, so heißt es dort, habe sich das Netzwerk in den letzten Jahren zu sehr zu einer One-Man-Show entwickelt.

Bizarr in diesem Zusammenhang: Das NR hat während seiner Tagung wieder mal die “Verschlossene Auster” vergeben, ein Preis, dessen Vergabe so wohlfeil wie nutzlos zugleich ist. Ein billiger Punkt, den man da macht. Beim NR selbst ist die Kommunikation aber keineswegs so transparent wie man sie von jemandem mit diesem Anspruch erwarten dürfte. Schönes Beispiel ist die “Erklärung” des Vorstands, wonach Thomas Leif die “Verantwortung” für die Unregelmäßigkeiten übernommen habe. Das liest sich allerdings beispielsweise in der taz ganz anders. Demnach musste Leif mit Brachialgewalt aus dem Amt gedrängt werden. Was würden eigentlich die Sonntagsredner vom NR schreiben, wenn andernorts solche windelweichen Erklärungen herausgegeben werden, obwohl man sehr genau weiß, dass die Wirklichkeit eine andere ist? Das Geschwurbel hätte übrigens jede Pressestelle einer Partei nach einem Rücktritt beispielsweise eine Plagiators auch nicht anders formuliert.

Momentan also steht das NR ziemlich zerrupft da: Mit der Maschmeyer-Sache hat sich der Verein der größtmöglichen Lächerlichkeit preisgegeben, die Sache mit den 75.000 Euro wird noch eine ganze Zeit nachwirken — und einen Vorstand gibt es auch nicht mehr. Großartige Bilanz nach zehn Jahren in “Europas bestem Journalistenverein”. Auf der anderen Seite: Muss man ihm nachweinen? Einem Verein, der mit zunehmender Lebensdauer immer mehr zur Bühne seiner (Selbst-)Darsteller wurde? Und dessen größtes inhaltliches Ding es ist, über Ethik, Haltung und Moral zu debattieren? Das NR hat sich selbst diskreditiert und überflüssig gemacht. Und um es, ausgerechnet, mit Carsten Maschmeyer zu sagen: Man hat in den letzten Wochen tatsächlich interessante Einblicke bekommen, wie Deutschlands vermeintliche Topjournalisten so ticken.

Nachtrag, Montag, 18 Uhr: Stefan Niggemeier schreibt bei “Spiegel Online” über die Vorgänge beim “Netzwerk Recherche” und verweist dabei auch diesen Text hier. Er spricht von “Wort- und Wutüberschuss” und von “Reflexen”, die das NR offenbar auslöse. Ich bin keineswegs geneigt, ihm zu widersprechen.

 

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Die ganze Abrechnung lesen Sie bei Google!

17. Juni 2011 - 7:35 Uhr

Vermutlich muss man sich das so vorstellen, dass es neuerdings in vielen Redaktionen Redakteursstellen gibt, die intern irgendwie Redakteursstellen sind, in den Kostenstellen aber als Stellen zur Umgehung des Leistungsschutzrechts und zur Senkung vom Beriebskosten gewertet werden. Oder als Stellen zur dauerhaften Senkung übertriebenen eigenen Outputs. So interessant zu beobachten war es jedenfalls schon lange nicht mehr, wie man aus dem Abschreiben der Zusammenfassung fremder Texte großartige Aufmacher für das eigene Medium zusammenbekommt.

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Den Anfang machte, mal wieder, die “Bild”. Kachelmann rechne ab, wurde letzte Woche getextet. Und dass man die ganze Abrechnung in der “Bild” lesen könne, was nicht gelogen war, aber irgendwie auch nicht wahr. Die journalistische Leistung der “Bild” bestand im Wesentlichen darin, ein Interview zusammenzufassen, das Kachelmann vergangene Woche der “Zeit” gegeben hat. Das heißt, man hat es ein bisschen gepimpt; aus Kachelmanns Aussage beispielsweise, er könne keine Lufthansa-Maschinen mehr betreten machte die “Bild”, Kachelmann “boykottiere” die Lufthansa. Was natürlich eher in die Anti-Kachelmann-Linie des Blatts passt, Motto: Dieser kleine Schweizer vergewaltigt erst unsere Frauen, dann sprechen wir ihn frei — und zum Dank boykottiert er auch noch unsere Airlines.

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Praktisch ist es natürlich auch, wenn die Gegenseite, in jenem Fall Nebenklägerin Claudia D., in der “Bunten” zum medialen Gegenschlag ausholt und ihre Sicht der Dinge ungehindert darstellen darf. “Bild” wie viele andere auch schreiben die Aussagen der Claudia D. weitgehend unverändert ab, so dass die journalistischen Eigenleistungen in der Causa K. in den vergangenen Tagen überschaubar blieben. Jeweils ein Interview reichte aus, um eine ganze Menge von Redaktionen mit ausreichend Futter zu versorgen. Welchen Stellenwert Aussagen haben könnten, was hinter solchen Interviews steckt, das alles muss man ja nicht mehr hinterfragen, wenn es ausreicht zu sagen: haben ja nicht wir gemacht. Stand in der “Zeit”, in der “Bunten” oder sonstwo. Dabei wäre es interessant gewesen, wenn man sich mal die Mühe gemacht hätte aufzuzeigen, wie die mediale (Schlamm-)Schlacht auch nach Urteilsverkündung weitergeht. Das Gespräch Kachelmanns in der Zeit wurde von deren Gerichtsschreiberin Sabine Rückert gemacht, die eng verbandelt ist mit Kachelmann-Anwalt Schwenn und die im Prozess eine eindeutige Position eingenommen hat (es spricht im Übrigen nicht sehr für die “Zeit”, auf diesen Umstand auch diesmal nicht hingewiesen zu haben). In der “Bunten” öffnet Claudia D. ihr Herz der Chefreporterin Tanja May, die ehemaligen Freundinnen Kachelmanns schon auch mal Blumen und “Sonnengrüße” schickt.

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Muss man sich also mal vorstellen: Da bekriegen sich zwei, kündigen zudem öffentlich an, ihren Kampf auch weiter fortführen zu wollen. Beide suchen sich das Medium ihrer Wahl aus — und die Journalisten-Herde bekommt nicht mehr hin, als dass man einfach die Aussagen aus den jeweiligen Interviews abpinnt und sie vielleicht noch in eine verschwurbelte Konjunktivform setzt. Spannend ist das übrigens auch aus einer anderen Sicht: Wie war das nochmal mit dem Leistungsschutzrecht? Wäre das auch ok, wenn Google seine Seite betexten würde mit: Die ganze Abrechnung (und noch viele andere Abrechungen) lesen Sie jetzt bei Google!

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Diese Unsitte, Dinge anderer in den Konjunktiv zu setzen, nimmt irgendwie zu, den Eindruck wird man nicht los. Der “Stern” hat in dieser Woche mit der Frau eines Mannes gesprochen, der im dringenden Verdacht steht, im Frühjahr in Bayern seine zwei Nichten umgebracht zu haben. Brisanz bekommt das Gespräch dadurch, das sie ihren Mann ohne jede Einschränkung verdächtigt, der Mörder zu sein (Belege dafür hat sie allerdings nicht).  Und natürlich auch hier: Die Geschichte aus dem “Stern” wird solide abgeschrieben und in etlichen Fällen mit Überschriften versehen, die den Eindruck erwecken, als sei man irgendwie dabei gewesen (anderen soll ja in solchen Fällen schon mal ein Journalistenpreis aberkannt worden sein).

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Und wie darf man das jetzt alles sehen? Wenn andere erst mal drüber berichtet haben, ist es völlig ok zu berichten, dass andere berichtet haben? Und der “Leistungsschutz” gilt ja dann eh nicht mehr? Manchmal sind das merkwürdige Sitten, die wir im Journalismus haben.

 

 

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Franz Josef und das Panikorchester

6. Juni 2011 - 16:47 Uhr

Gott erlöse uns von der Seuche, barmt Franz Josef Wagner heute in der “Bild” — und fragt: Hat jemand einen besseren Vorschlag? Ja, würde man ihm gerne antworten, zumindest wenn es um die Seuche geht, die gar keine ist, sondern eine Infektionskrankheit namens EHEC. Ein bisschen weniger Panik verbreiten, die Dinge so erzählen, wie sie sind, aus einem unbestritten gefährlichen Virus das machen, was er ist. Gefährlich,  aber kein nicht mehr aufzuhaltender “Killerkeim”. Weitgehend unbekannt bisher, aber beherrschbar. Heftig, aber kein Todesurteil für die Betroffenen.

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Es war ja nicht anders zu erwarten. Speziell “Bild” hat in den vergangenen Wochen mal wieder alle Panik-Register gezogen. Aus dem Virus wurde der “Killer-Keim”, der wahlweise aus Holland, Spanien oder Norddeutschland stammte. Zu finden war er auf Gurken, Tomaten, Sprossen oder vielleicht auch einfach wild zappelnd durch die Luft fliegend und sich aggressiv auf unschuldige Passanten stürzend. Die Epidemie war für “Bild” ungefähr am zweiten Tag des Auftretens ausgemacht, nach den ersten Toten fragte das Blatt bereits: Droht eine Pandemie? Sie drohte ungefähr so intensiv wie bei der Schweinegrippe, der Vogelgrippe, der alljährlichen Wintergrippe, dem Rinderwahnsinn und allen anderen Krankheiten, die in den letzten Jahren auftauchten und nicht sofort impfbar waren. Dass “Bild” so etwas macht, weil sich der “Killerkeim” besser macht als ein bis dato unbekannter Erreger, ist ja nicht weiter wunderlich. Sehr viel erstaunlicher ist, wie viele Medien das Spiel mit dem Killerkeim inzwischen seit Wochen betreiben. Vom “Killerkeim” schreiben jedenfalls inzwischen viele.

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Erstmal die Fakten: Unstreitig auf EHEC zurückzuführen sind in Deutschland bisher 21 Todesfälle. Ca. 2000 Menschen sind angeblich infiziert. Gemessen an der Gesamtbevölkerung von rund 80 Millionen Menschen bewegt sich die Zahl derer, die betroffen sind, momentan im Promillebereich. Sollte sich bestätigen, dass man mit den Sprossen in Niedersachsen die Quelle des Erregers gefunden hat, gehen Wissenschaftler davon aus, die ganze Sache in absehbarer Zeit eindämmen zu können.  Natürlich sind 21 Tote weder zu verharmlosen noch zu relativieren. Man muss aber angesichts der grassierenden Medienhysterie und der vermeintlich drohenden Pandemien auf ein paar Dinge hinweisen:  Alleine in Bayern kommen in einem durchschnittlichen Monat ungefähr genauso viele Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben. Jahr für Jahr geht die Zahl der Unfalltoten in Deutschland in die Tausende, ohne dass ein Kommentator fordert, der Herrgott möge uns von der Seuche Straßenverkehr erlösen. Die Zahl derer, die jeden Winter an schwerer Grippe erkranken, ist deutlich höher als die der rund 1200 Menschen, die jetzt EHEC erwischt hat. Niemand hat deswegen Angst vor der nächsten “Seuche”, die nächsten Winter sicher wieder über uns kommen wird. Und schließlich noch ein Fakt: An Antiobitotika-resistenten Keimen erkranken in Deutschland Jahr für Jahr rund eine Million Menschen. Solche Keime kommen (manchmal) sehr schnell und ebenfalls manchmal hat man sie auch schnell wieder unter Kontrolle. Mag also durchaus sein, dass EHEC eines dieser Phänomene ist und ein potentiell lebensbedrohlicher Keim ist auch nichts zum spaßen. Aber er ist auch keine potentielle Pandemie.  Die Tatsache, dass das Atomdesaster in Japan weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden ist und durch einen rästelhaften Erreger, an dem ein Promilleanteil der deutschen Bevölkerung erkrankt ist, abgelöst wurde, darf man mit einigem Recht Hysterie nennen.

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Natürlich hat die “Bild” mal wieder besonders übertrieben, aber es wäre zu einfach, wenn jetzt alle wieder mit den Finger nur auf sie zeigen würden. Tatsächlich gab es in den Redaktionen in den letzten Wochen kaum jemanden, der einfach mal zur Besonnenheit riet. Und nicht nur das: Sobald auch nur irgendein Gerücht über die mögliche Herkunft auf dem Markt war, überschlugen sich die Nachrichten: “Spuren” führten demnach nach Spanien, nach Holland und nach China und die Hamburger Wasserschutzpolizei “jagte” laut MoPo sogar den Killerkeim, als ruchbar wurde, er sei auf Gurken gefunden worden. Den Unsinn muss man sich mal vorstellen: Eine Wasserschutzpolizei jagt einen auf Gurken auffällig gewordenen Keim; man würde wirklich gerne wissen, ob sie dabei auch Sirene und Blaulicht eingeschaltet hat. “Bild”-Reporter machten unterdessen die vermeintliche Unglücksgurkenfarm ausfindig und reisten dafür extra nach Spanien, vermutlich unter Einsatz ihres Lebens. In Österreich warnten Zeitungen unterdessen die heimischen Fußballfans vor den EHEC-infizierten Deutschen. Und obwohl bei nahezu jeder neuen “Spur” von Experten darauf hingewiesen wurde, dass man mit letzter Sicherheit noch nichts sagen könne, wurde aus einer Vermutung schnell eine Schlagzeile (und damit irgendwie unumstößliche Volksmeinung): In München und in Berlin habe ich vergangene Woche große Hinweisschilder in Restaurants und ähnlichem gesehen, dass man im Interesse der Gesundheit der Massen vorläufig auf Tomaten und Gurken verzichte, dabei waren es die doch ganz offensichtlich gar nicht. Momentan sollen stattdessen Sprossen aus Niedersachsen und irgendwelche Merkwürdigkeiten aus China schuld sein. Und obwohl die Experten schon wieder deutlich darauf hinweisen, dass man einen Beleg dafür noch nicht habe, wissen wir, den Medien sei dank, jetzt Bescheid. Keine Sprossen mehr, um Himmels willen! Und schon gar nicht aus Niedersachsen!

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Das ist unsere tägliche Desinformation, in einem Zeitalter, von dem wir dachten, es sei aufgrund seiner Informationsdichte und der ungeheuren Schnelligkeit in Sachen Wissen und Information allem bisher dagewesenen überlegen. Dabei gehören die ganzen Viren- und andere Gruselgeschichten der letzten Jahre ziemlich genau in die Kategorie, die Nick Davis in seinem Buch “Flat Earth News” als solche bezeichnet. Als Nachrichten, die mal eben “flat” um die Welt gehen, ganze Ernten in fremden Ländern kaputtmachen, unnötige Hysterien erzeugen, nicht weiter hinterfragt werden. Der Killerkeim hat Leute umgebracht, das muss reichen. Im täglichen hecheln um die beste (Flat-) News werden Überschriften gemacht, bei denen man es nicht mal mehr der Mühe wert befindet, ein paar Grundregeln einzuhalten. Beispielsweise die, dass man, wenn man etwas nicht weiß, dies auch zum Ausdruck bringt, beispielsweise mit dem Wörtchen “soll” oder der segensreichen Erfindung des Fragezeichens. Stattdessen: Wenn man den Begriff “Killerkeime stammen von Gurken” googelt, kommt man auf fantastische 692.000 Treffer. Googelt man in fünf Tagen “Killerkeime stammen von Sprossen” wird die Trefferquote ähnlich sein. Momentan findet man nur 110.000 Treffer, darunter sogar mehrere mit einem zweifenden Fragezeichen hintendran.

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In schierer Verzweiflung fragt bild.de gerade jetzt im Moment, wo es die Sprossen vielleicht auch nicht waren: Wem sollen wir noch glauben? Eine Antwort könnte zumindest sein, wem man besser nicht glauben sollte.

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Journalistische Selbstdemontage und eine Alice im Kachelwahn

31. Mai 2011 - 13:51 Uhr

Im Prozess kam heraus, dass Kachelmann eine Art Doppelleben mit zahlreichen Geliebten führte.

Vermutlich hat das Portal “Meedia” die Quintessenz eines Prozesses mehr oder minder ungewollt hingeschrieben. Wir wissen jetzt, dass Jörg Kachelmann irgendwie in Sachen Frauen ein bisschen abseitig der Norm gelebt hat. Aber: Mussten wir das wissen, wollten wir das wissen, dürfen wir das überhaupt wissen? Ein paar Gedanken darüber, warum Medien und Journalisten in diesem Prozess zu einem großen Teil ziemlich schlecht aussahen und warum man ernsthaft darüber nachdenken sollte,  ob  jeder Prozess öffentlich sein muss und ob Medien wirklich über alles berichten sollen. Wie dem auch sei: Man kann sich an kaum eine Sache erinnern, in der Journalisten und Redaktionen eine derart schlechte Figur abgegeben haben.

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Man weiß jetzt über Jörg Kachelmann tatsächlich einiges. Nichts davon ist von öffentlichem Interesse. Nichts von dem, was über Kachelmann in den letzten Monaten gesendet und geschrieben wurde, ist strafbar. Man kann moralisch darüber urteilen, das vielleicht. Aber ob Kachelmann möglicherweise etwas bizarre Sex-Vorlieben hat, ist in einem Gerichtssaal von Relevanz, aber nicht in Medien. Speziell in der Causa Kachelmann ging es aber doch schon sehr schnell nicht mehr um die Aufklärung einer möglichen Straftat, sondern darum, noch und noch und noch mehr Details über den Mann an die Öffentlichkeit zu zerren, den man bisher als bieder-netten Wetteronkel wahrgenommen hatte. Sehr viel anders ist kaum zu erklären, wieso Illustrierte plötzlich kräftige fünfstellige Beträge bezahlen, damit irgendeine Ex mal ordentlich auspackt. Journalismus ist jedenfalls etwas anderes. Das hier nennt man wohl eher: Voyeurismus.

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Journalismus, speziell wenn er sich um Gerichtsprozesse dreht, ist auch nicht Stellung beziehen. Genau das ist aber ziemlich schnell bei den intensiven Beobachtern passiert, man konnte entweder für oder gegen Kachelmann sein. Einfach nur vom Prozess zu berichten, ohne in den medialen Stellungskrieg zu verfallen, war leider nur wenigen gegönnt. Von Frau Schwarzer reden wir erst gar nicht (oder besser: später), in ihrem Verfolgerwahn muss ihr irgendwie entgangen sein, dass Journalismus nichts mit Kampagnen zu tun haben sollte. Stattdessen führte sie ein Spektakel auf, an dessen Ende man meinen konnte, sie sei auch eine von Kachelmanns enttäuschten Damen gewesen. Vor allem bei den Kachelmann-Gegnern wurde man irgendwann nicht mehr den Eindruck los, dass Medien zu einer Art Pranger verkommen sind: Seht her, der Kachelmann, diese kleine (Schweizer) Ferkel!

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Man muss — leider– noch einen Schritt weiter gehen: Man musste angesichts dessen, wie Staatsanwaltschaft und ein Teil der Medien in diesem Fall vorgingen, Angst bekommen, jemals einem solchen Konglomerat in die Hände zu fallen. Es reicht aus, einfach nur angezeigt zu werden, um am Ende als ziemlich ruinierten Mensch dazustehen. Es wird nicht lange dauern, bis Kachelmann irgendwann wieder in der Öffentlichkeit zu sehen ist — und der Journalistenzusatz, dass er bis kurzem ja wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs vor Gericht stand, wird nicht lange auf sich warten lassen. Erinnert sich noch jemand als Andreas Türck, dessen Karriere am Tag seiner Festnahme endete? Und an eine No-Angels-Sängerin, die wegen eines Verdachts spektakulär festgenommen wurde und sich von “Bild” monatelang durch den Schmutz ziehen lassen musste (wo war Frau Schwarzer eigentlich da)?

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Womit man dann doch nochmal auf die unrühmliche Sonderrolle von “Bild” und Alice Schwarzer kommen muss. Beide ließen keine Sekunde lang einen Zweifel an ihrer Auffassung, dass Kachelmann in den Knast gehöre. Schwarzer vermutlich aus purer Überzeugung, “Bild” aus schierem Opportunismus. “Bild” interessiert sich für Frauenschicksale einen ziemlichen Dreck, wenn man nicht gerade eine triefende Geschichte daraus machen kann. Ansonsten eignen sich Frauen hervorragend für scharfen Lesben-Sex, wenn man nach 22 Uhr nachschaut. Der “Busenblitzer” und das “popofreie Kleid” sind bei “Bild” publizistischer Standard und alles in allem ist die vedruckst-voyeuristische-altherrengeile Doppelmoral des Blattes irgendwie deutlich unangenehmer als ein Wettermoderator, der es im stillen Kämmerlein halt ein bisschen ausgefallener mag. Für “Bild” war also der Fall Kachelmann keine in irgendeiner Weise konsequente Herzensangelegenheit im Kampf für Frauen(rechte), sondern ein wunderbares Feigenblättchen, das konsequent in die öffentliche Bild-Diekmann-Strategie passt: Diekmann verkauft sich ja auch gerne mal als lustiger selbstironischer Typ und regelmäßig versucht sich “Bild” in einer Art Pseudo-Selbstkritik (“Ihre Meinung zu Bild, Herr…?”) Würde man also Kai Diekmann fragen,  ob das Frauenbild von “Bild” nicht irgendwie sexistisch, herabsetzend, vorgestrig und klebrig ist, würde er vermutlich darauf verweisen, dass sogar Deutschlands Chef-Emma für “Bild” berichtet und kommentiert habe. Und dass man mit dem potentiellen Vergewaltiger K. ganz schön hart ins Gericht gegangen sei.  Alice Schwarzer hat “Bild” ebenjenes Feigenblatt geliefert. Als Preis hat sie lediglich eine Plattform verlangt, auf der sie sich austoben kann. Wäre man so zynisch wie manche “Bild”-Blattmacher, würde man sagen: ein guter Deal für beide Seiten.

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Inmitten der popofreien Kleidchen und der willigen Lesben hat sich Frau Schwarzer also ausgetobt. Hat sich vor keinem noch so absurden Vergleich gescheut. Am Ende sah sie sogar den Rechtsstaat beschädigt, nur weil der offenbar nicht sofort Kachelmann mindestens zehn Jahre in den Knast stecken wollte. Neben ihren kruden Argumenten hat sie nebenher auch noch ein überaus merkwürdiges, diktaturenähnliches Verständnis von Medien und Journalismus gezeigt: Mit den Gästen, mit denen sie heute abend bei Sandra Maischberger über das Urteil diskutieren sollte, wollte sie nicht. Wo kämen wir auch hin, wenn sich eine Alice Schwarzer mal einer offenen Diskussion stellen sollte? Unnötig zu sagen, dass man Frau Schwarzers Wunsch gerne entsprochen und die Gästeliste ganz den Wünschen der Freiheitskämpferin entsprechend abgeändert hat.  Das ist das ironische iTüpfelchen am Ende eines Prozesses, in dem viele Journalisten nicht wirklich gut ausgesehen haben.

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Den vielleicht vernünftigsten Satz haben heute die Richter gesagt. Dieses Urteil hinterlasse bei ihnen keinerlei Befriedigung, weil man zwei Menschen mit einem Verdacht hinterlasse, den beide wohl nie wieder loswerden. Kachelmann als potentieller Vergewaltiger, seine Ex-Freundin als potentielle rachsüchtige Lügnerin. So viel Einsicht würde man vielen Journalisten wünschen und sogar Frau Schwarzer. Selbst, wenn es beim frommen Wunsch bleiben wird.

 

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Gruselkeim statt Kernschmelze!

25. Mai 2011 - 15:25 Uhr

Man muss René Pfister ja dann doch ein bisschen dankbar sein. Vielleicht war ich der einzig verbliebene Mensch auf dem Planeten, dem das bisher nicht klar war, aber es wird dann doch ein bisschen deutlicher, wie viel der Journalismus – beispielsweise, aber eben nicht nur – mit Kolportage statt Reportage zu tun hat. Wie sehr dort ein Schein erzeugt wird, der mit dem Sein nur eingeschränkt zu tun hat. In der neuesten Ausgabe beispielsweise geht es um einen Mahner der japanischen Atomindustrie, der just am Tag, als Fukushima passierte, beim Tepco-Konzern mal wieder etwas zu den Gefahren durch Tsunamis sagte. Der „Spiegel“ nimmt in einem sehr spiegeligen Einstieg den Leser mit in die Wohnung des Mahners, der heute dem Anlass angemessen „die graue Strickjacke“ zuhause lässt und sich für den „guten Anzug“ entscheidet. Das mag alles korrekt und auch stilistisch in Ordnung sein, es liest sich aber komisch, wenn man weiß (oder davon ausgehen muss), dass der Autor diese ganzen hübschen Details auch nur vom Hörensagen her kennt oder ein bisschen gegoogelt hat. Der ganze „Spiegel“ und einige andere Blätter lesen sich ein bisschen anders. Man fühlt sich an Madame Alice Schwarzer erinnert, die beim Kachelmann-Prozess berichtete, ohne am fraglichen Tag überhaupt in Mannheim anwesend gewesen zu sein. Ihre damalige sinngemäße Begründung, dazu müsse man ja nicht direkt vor Ort anwesend sein, fand ich realsatirisch. Und beim „Spiegel“ soll sowas plötzlich hohe und große Kunst sein? Dinge “kalt” zu schreiben ist eine ultima ratio, wenn sie zum journalistischen Standard wird, dann ist irgendwas schief gelaufen.

Irgendwie steht es momentan eh nicht so wirklich gut um dem „Spiegel“ und um einige andere auch nicht (nein, damit ist nicht der „Focus“ gemeint, um den es noch nie richtig gut stand). Stefan Niggemeier hat ziemlich treffend die aktuelle Titelgeschichte des „Spiegel“ demontiert, wobei mir ganz generell aufgefallen ist, dass es nicht nur etliche stilistische und journalistische Unebenheiten gibt, über die man stolpern kann. Momentan störend finde ich die zunemehmenden Plaudereien, die der „Spiegel“ als Titelgeschichte bezeichnet. Der Titel diese Woche über das Thema „Männer, Macht und irgendwie Sex“ war derart informationsbefreit, dass es erstaunlich ist, wie man daraus ein ganzes Titelstück machen kann. Die Geschichte über die royale Hochzeit in London vor wenigen Wochen: eine nette Glosse, nur dass die Glosse nicht nach 80 Zeilen endete, sondern sich über etliche Seiten zog. Erstaunlich, das.

Aber vielleicht hat das ja nicht nur etwas mit dem „Spiegel“ und irgendwelchen Interna zu tun und damit, dass der „Spiegel“ eben seit hundert Jahren der „Spiegel“ ist und schon immer etwas anders war. Sondern damit, dass es auch Kollateralschäden einer zunehmenden Schnelllebigkeit und Klick- und Quotenhörigkeit gibt. Die Daueraufgeregtheiten in den Redaktionen führen jedenfalls speziell in diesem Jahr, das bisher zugegebenermaßen ziemlich nachrichtenintensiv war, schnell dazu, dass sich eine Geschichte in die andere reinüberschlägt. Und dazu, dass umgekehrt in der Daueraufgeregtheit und unter dem wachsenden Druck, die Leute ja nicht zu langweilen, sich die Relationen ein bisschen verschieben. Dreifache Kernschmelze in Fukushima? Nimmt man mal so mit, weil man im Journalistensprech sagen würde: Hatten wir schon. Hatten wir oft genug. Will keiner mehr lesen. Dagegen: Ein neuer, unheimlicher, gruseliger Killerkeim? Dem bereits eine 83jährige Frau zum Opfer gefallen ist? Endlich was neues, nachdem Rinderwahn, Schweinegrippe, Vogelgrippe und all die anderen unheimlichen Epidemien durch sind und nicht mal mehr Berufshysterikern Angst machen. Killerkeim im Blattsalat, wie schön!

Oder eine Aschewolke, die für einen halben Tag ein paar Flüge ausfallen lässt? Kate, William, Michelle Obamas neues Kleid? Knut ist tot? Alles Themen, die in den letzten Wochen zuverlässig abgearbeitet wurden, während Fukushima es im Regelfall nicht mehr sehr weit schafft in Zeiten der Daueraufgeregtheit und des Klickwahns, nicht mal mehr eine dreifache Kernschmelze. Nicht (nur) in “Bild” oder “Express”, sondern bei vielen anderen.

Aber ja, natürlich könnte man es sich jetzt eher einfach machen. Auf das Publikum, die lieben Leser verweisen, die schlichtweg eine immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne haben, immer weniger bereit sind, sich für längere Zeiträume auch auf komplexe Themen einzulassen. Aber müsste man auf der anderen Seite nicht festhalten, dass wir gerade dabei sind, Junkies mit immer mehr und immer schnellerem Stoff zu bedienen – und uns dann beschweren, dass diese Junkies immer schneller immer noch mehr davon wollen?

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Mit der “Bild” ins Abklingbecken der Eitelkeiten

14. Mai 2011 - 14:47 Uhr

Vermutlich kann man davon ausgehen, dass wir in der selbstbespiegelungsfreudigsten Branche auf dem ganzen Planeten arbeiten und mit einer seltsam ausgeprägten Lust an der gegenseitigen Zerlegung ausgestattet sind. Sehr viel anders jedenfalls kann man sich das leicht bizarre Theater um den erst zu- und dann wieder aberkannten Henri-Nannen-Preis für den Spiegel-Autor René Pfister nicht erklären. Und das wirklich Schlimme ist ja, dass man sich in diesem ganzen hübschen Förmchenwerfen immer wieder dabei ertappt, gar keine richtige Meinung zum Thema bekommen zu können, weil es so viele andere Aspekte auch noch beachten gäbe und weil man eigentlich mit kaum einen der Protagonisten im Nannen- und Preisverleihungszirkus so richtig sympathisieren mag (außer, dass man die Tatsache, selbst noch nicht preisgekrönt worden zu sein, irgendwie als beruhigend empfindet und sich denkt, vielleicht doch einiges richtig gemacht zu haben).

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Vielleicht bin ich ja etwas naiv und durchblicke die großen Irrungen und Wirrungen des Journalismus nicht so richtig, aber die Sache wäre ja erstmal ganz einfach: René Pfister hat einen brillanten Text geschrieben, ich habe ihn damals mit ziemlicher Begeisterung gelesen. Allerdings: Dass Pfister nicht im Seehofer-Keller war und dem Seehofer nicht beim Spielen zugesehen hat, hatte sich mir nun wirklich nicht erschlossen. Stimmt schon, Pfister hat das auch an keiner Stelle des Textes behauptet, aber zumindest so naiven Menschen wie mir kolportiert, dass er es war, weil die Schilderung eben genau so klang, als wäre der Reporter Pfister neben dem Politiker Seehofer gestanden und hätte ihm beim Eisenbahnspielen zugesehen. Ziemlich abenteuerlich waren jedenfalls danach die Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche der Pro-Pfister-Fraktion, deren Argumentation im Wesentlichen daraus bestand, sich irgendwas zurechtzuschwurbeln, dass es schon immer eine Mischung aus Gehörtem und Gesehenen gegeben habe und die Existenz des Seehofer-Kellers ja unbestritten sei. Mag schon sein, aber trotzdem ist es journalistische Hochstaplerei, wenn man den Eindruck sehr gezielt erweckt, man habe etwas selbst erlebt – und sich dann herausstellt, dass man nur etwas gehört hat. Dem gewesenen Verteidigungsminister hat man wegen Coyppaste-Geschichten des Betrugs bezichtigt. Jemand, der so schreibt, als wenn er etwas erlebt hat und dabei nur auf Geschichten vom Hörensagen zurückgreift, bekommt dafür einen Preis. Das muss man ja nicht verstehen, oder?

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Wahr ist ja auf der anderen Seite leider auch, dass diese Preisverleihungsgeschichten speziell in der Medienbranche und dort wiederum im speziellen der Nannen-Preis ein bisschen so aussehen, als würden sich eher geschlossene Kreise gegenseitig ein paar Preise zuschieben. Beim Nannen-Preis wirkt es schon seit längerer Zeit so, als wäre die Mitgliedschaft bei Stern oder Spiegel eine zumindest sehr förderliche Voraussetzung zur Verleihung eines solchen Preises. Ob unfreiwillig oder nicht, aber eine der diesjährigen Preisträgerinnen hat das Dilemma schön auf den Punkt gebracht: Wahnsinn, entfuhr es ihr, dass sie ausgezeichnet worden sei, dabei sei sie doch weder bei „Spiegel“ noch beim „Stern“ (ob das stimmt, weiß ich nicht, aber ich habe es aus sehr glaubwürdiger Quelle gehört). Das wirklich blöde daran ist allerdings, dass sich die Veranstalter und Jurys dieser Welt keinen sonderlich großen Gefallen damit tun, weil es die gute Arbeit der Preisträger ja fast schon wieder diskreditiert. Vernünftige Zweifel daran, dass die preisgekrönten Arbeiten auch wirklich großer Journalismus sind, gibt es ja nicht. Vor einem ähnlichen Dilemma steht auch der Grimme Online Award, bei dem zwar regelmäßig sehr gute Projekte ausgezeichnet werden (und inzwischen müssen sie nicht mal mehr vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk sein). Aber das Gefühl, dass es sich bei GOA immer um eine Art digitales Klassentreffen und eine doch ziemlich geschlossene Gesellschaft handelt, wird man einfach nicht los.

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Speziell die Sache mit dem diesjährigen Nannen-Preis (und die Sache mit den Eitelkeiten unserer Branche) kann man allerdings nicht erzählen, ohne auf die merkwürdige Sonderrolle der „Bild“ zu kommen. Die bekannten Hüter des qualitätsjournalistischen Grals werden seit dem kleinen Eklat nicht müde nachzuweisen, welches Murks-Blatt doch aus dem „Spiegel“ geworden sei. In sechs Geschichten alleine in der vergangenen Woche machen „Bild“ resp. „bild.de“ aus dem Eklat einer Preisverleihung eine die Nation bewegende Krisengeschichte über den „Spiegel“. Aus einer Sache, die außerhalb der Journalistenszene vermutlich ungefähr niemand mitbekommen hat, wird bei „Bild“ der „peinlichste Medienskandal“ des Jahres, die Methoden des „Spiegel“ nennt „Bild“ wenigstens „fragwürdig“, was natürlich lustig ist, wenn eine solche Einschätzung von der Redaktion eines Blattes kommt, deren gesamte Arbeitsweise man irgendwie als fragwürdig bezeichnen kann. Danach berichtete „Bild“ genüsslich darüber, dass schon 2004 die Existenz des Seehofer-Kellers medial aufbereitet wurde. Dass allerdings auch schon andere darüber berichtet hatten, dass darüber berichtet wurde, ließ „Bild“ der Einfachheit halber weg. In der Wochenend-Ausgabe darf schließlich ein Medienprofessor aus Berlin die These aufstellen, der „Spiegel“ sei „kastriert“, was im Wesentlichen daran liegen soll, dass Hendryk M. Broder inzwischen für die praktischerweise im gleichen Verlag erscheinende „Welt“ schreibt. Ansonsten argumentiert der Herr Professor noch so, dass er den „Spiegel“ früher lieber gelesen habe (so kann man das natürlich auch sehen). Für „Bild“ jedenfalls ausreichend, von einer „Krise“ des „Spiegel“ zu schreiben.

Dass die tägliche Anti-Spiegel-Geschichte in dieser Woche auch nur im Ansatz mit einer eher unfreundlichen Titelgeschichte des „Spiegel“ über die „Bild“ vor wenigen Wochen zusammenhängt, ist natürlich nur einfach Spekulation und journalistisch nicht legitim (ich erwarte auch keinerlei Preis für diese Erkenntnis).

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Jedenfalls darf man dann doch wenigstens in sich reinschmunzeln, wenn mal wieder behauptet wird, die Blogosphäre sei irgendwo so irre selbstreferentiell. Die großen Qualitätsmedien haben jedenfalls in dieser Woche mehr über eine missratene interne Preisverleihung berichtet als über Fukushima. Ein Abklingbecken täte ihnen allesamt vermutlich ganz gut.

 

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Ein Buch – das Update (45): Wir wollen Virenschleuder werden!

28. April 2011 - 16:59 Uhr

Wir brauchen — mal wieder — Ihre Hilfe! Keine Sorge, die Bitte an Sie ist diesmal nicht übermäßig groß. Aber kurz bevor wir auf der Zielgeraden für “Universalcode” einbiegen, ist uns der “Virenschleuderpreis” über den Weg gelaufen, der für ungewöhnliche und innovative Marketingmaßnahmen verliehen wird.

Zwei Gründe, die für uns nicht entscheidend dafür waren, dass wir das Buch dafür eingereicht haben. Erstens: Man verdient nix daran, es geht ausschließlich um die Ehre. Zweitens hat es auch nichts mit persönlicher Eitelkeit zu tun. Den Preis würde sich niemand von uns irgendwo übers Bett tackern. Meinetwegen teilen wir ihn mit der gesamten Universalcode-Community.

Warum uns der Preis sonst interessiert? Wir haben jetzt rund ein Dreivierteljahr damit verbracht, außerhalb der konventionellen Verlagsstrukturen zu arbeiten. Wir haben keinen Euro für irgendwelche sinnlose Werbung und für teure Verlagsstrukturen ausgegeben. Trotzdem hat bisher alles wunderbar geklappt und irgendwann im Sommer haben wir das erste quasi communitygenerierte Journalismus-Buch in der Hand. Ich fände es großartig als Signal gegen das Genöle und Gejammere gerade in der Medien- und Verlagsbranche, wenn wir zeigen könnten: Hey, es geht auch ohne das ganze Gedöns.

Und dafür wäre ein solcher Marketingpreis ein tolles Ding. Können wir also noch einmal geballte Communitypower entwickeln, geht das?

Der Preis ist ein Publikumspreis. Simple Regel: Wer die meisten Like-Buttons hat, gewinnt den Preis. Bisher sind wir, hüstel, irgendwo im gehobenen Mittelfeld. Da würde ich gerne raus. Voten könnt ihr HIER! Also, einfach unter die Projektbeschreibung von Universalcode/Euryclia ein Like setzen, das war´s. Vermutlich müsst ihr etwas scrollen, bis ihr uns findet. Rubrik: Nominierungen für den Virenschleuderpreis, Kategorie “Andere”.

Die Universalcode-Truppe sagt danke und setzt auf euch!

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