Ich bin dann mal weg (bei der PR)

Die folgende kleine Episode erzähle ich immer wieder gerne mal – weil sie heute, rund 30 Jahren nach ihrem Ursprung so wunderbar absurd wirkt, dass man sich alle weiteren Kommentare und Analysen mühelos sparen kann:

Als ich irgendwann in den 80ern beschlossen hatte, Journalist werden zu wollen, hatten ich und mein gesamtes Umfeld nicht nur nicht den leisesten Zweifel an dieser Entscheidung. Sondern auch das Gefühl,  Zeuge einer der wenigen Entscheidungen im Leben geworden zu sein, an denen es nicht im Ansatz etwas zu bemäkeln gibt. Was auch? Journalisten sind angesehene und manchmal auch wichtige Mitglieder dieser Gesellschaft. Sie verdienen gut und sind aufgrund der bereits erwähnten Wichtigkeit nahe an einem Beamtenstatus. Vielleicht nicht unkündbar, aber wenn man sich nicht allzu bekloppt anstellt, dann hat man als Journalist ein einträgliches Auskommen. Bevor Sie jetzt in schallendes Gelächter ausbrechen, bedenken Sie bitte: Das ist 30 Jahre her.

Man muss heute ein gewisses Maß an Idealismus mitbringen, wenn man Journalist werden will. Das hat zwar schon früher nicht geschadet, aber wenn man richtig viel Geld verdienen will, sollte man sich die Sache mit dem Journalismus zumindest nochmal überlegen. Diese Sätze schreiben sich im Jahr 2014 verblüffend einfach hin und vermutlich werden Sie sich, nachdem Sie sie gelesen haben, weder besonders aufregen noch verwundert sein. Dabei ist es schon erstaunlich, was in den letzten 30 Jahren mit diesem Beruf passiert ist: vom Beinahe-Beamten hin zum Beinahe-Sozialfall, das muss man ja so erst einmal hinbekommen. Sieht man mal  davon ab, dass noch ein paar andere potenziell unschöne Faktoren hinzukommen: Wie was genau in dieser Branche weitergeht, ist erstens Gegenstand von heftigen Grundsatzdebatten und zweitens alles andere als eindeutig. Wem also ein bisschen etwas am Sicherheit und Verlässlichkeit gelegen ist, sollte im Journalismus momentan auch nicht allzu gut aufgehoben sein.

Das eigentlich Traurige ist: Zunehmend öfter kapieren das potenzielle Nachwuchs-Journalisten auch. Der Idealismus verschwindet, wenn man sich mit den Realitäten der Branche erst mal konfrontiert sieht. Das ist nicht nur ein Bauchgefühl, das man zwangsweise bekommt, wenn man es öfter mit journalistischem Nachwuchs zu tun hat. Dazu gibt es auch Zahlen, selbst wenn ich natürlich weiß, dass sie weder repräsentativ noch irgendwelchen strengen empirischen Maßstäben standhalten würden. Aber bezeichnend ist es dennoch, welcher Trend sich beispielsweise bei den Medienstudenten an der Universität Passau zeigt:

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Zur Erklärung: Gefragt wurde, wie sich der Berufswunsch während des Studiums entwickelt hat.  Und selbst dann, wenn man zugesteht, dass diese Zahlen für eine streng wissenschaftliche Untersuchung nicht ausreichen würden, so ist der Trend ebenso bezeichnend wie irgendwie nachvollziehbar.  Während zu Beginn des Studiums die meisten noch den Journalismus als Berufsziel angegeben haben, steht er am Ende des Studiums am Ende der Wunschliste. Ganz oben, man ahnt es: die PR. Es ist müßig, über die jeweiligen Gründe im Detail nachzudenken, der Trend ist eindeutig. (Mehr zum Thema: hier).

Nein, natürlich kann man aus einem Trend an einer vergleichsweise kleinen Universität noch keine allgemein gültigen Regeln ableiten. Aber auf der anderen Seite: Würde wirklich jemand dagegen halten, wenn man behauptet, dass diese kleine Stichprobe aus Passau dann eben doch einige Rückschlüsse auf die Gefühlslage des Medien-Nachwuchses zulässt?

Man kann sich natürlich in altväterliche „Weckrufe“ an Studierende ergehen, man kann über das Sicherheitsdenken der jungen Generation ausgiebig lamentieren. Muss man aber nicht. Weil das in der Konsequenz nichts daran ändert, dass uns auf Dauer die Journalisten ausgehen könnten. Dass es womöglich die besten Köpfe an die andere Seite des Schreibtisches verschlagen könnte. Dass unser Beruf beim Nachwuchs nicht mehr als sonderlich erstrebenswert gilt und (überspitzt gesagt) diejenigen, die es sich aussuchen könnten, lieber etwas machen, auf das sie eine gesicherte Existenz aufbauen können.

Neben der Frage, von was und wie wir zukünftig leben wollen, steht also auch noch eine andere: Wer will eigentlich künftig noch mit uns arbeiten?

Nicht bewerben!

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Mit dieser Anzeige ist das ZDF gerade auf der Suche nach neuen Volontären. Als Voraussetzungen sind u.a. willkommen: Studienabschlüsse in Jura, Medienmanagement, Informatik, irgendwelche Naturwissenschaften. Offensichtlich nicht willkommen sind: Journalismus,  Kommunikationswissenschaften, Geisteswissenschaften.

Was zumindest eine Frage aufwirft: Was machen sie eigentlich so in diesen Studiengängen, die mit Journalismus und Kommunikationswissenschaft zu tun haben? Oder andersrum: Welchen Grund wird das ZDF wohl haben, diese Studiengänge plus die Geisteswissenschaften mehr oder weniger für unerwünscht zu erklären?

Total normal

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On Job: Konrad Weber (Foto: SRF)

Es ist ja in den letzten Tagen viel darüber geredet worden, ob sich junge Journalisten jetzt für Online interessieren oder eher doch nicht. Was läge demnach näher als jemanden zu fragen, den es unmittelbar betrifft. Konrad Weber ist das, was man als einen volldigitalen Journalisten bezeichnen kann. Unlängst wurde der Allrounder vom Schweizer Fernsehen in seinem Heimatland zum „Newcomer des Jahres“ gewähr. Im Gespräch erzählt er, warum er seine Art zu arbeiten für nicht sehr ungewöhnlich hält. Und welche Erfahrungen er mit der Digital-Freudigleit seiner Generation gemacht hat.

Mehr zu Konrad Weber gibt´s drüben beim „Universalcode“.

Media Camp: Mobiler Journalismus in Echtzeit

Falls Sie Lust haben, sich mal an sowas zu probieren – oder jemanden kennen, der das möchte: Im September leite ich ein vierwöchiges Media Camp zum Thema Echtzeit- und mobiler Journalismus. Die Details entnehmen Sie bitte der folgenden Ausschreibung des Veranstalters:

Im Blickpunkt des diesjährigen Media Camps im Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ) steht zukunftsfähiger Echtzeitjournalismus. Teilnehmer können sich noch bis zum 9. August bewerben.

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In einem vierwöchigen Workshop bekommen Sie nicht nur einen Einblick in den medialen Transformationsprozess, sondern entwickeln und produzieren ein eigenes mobiles journalistisches (MoJo)-Format, dass den Veränderungen und Prinzipien des modernen Journalismus gerecht wird.

Journalismus verändert sich, er wird interaktiver, multimedialer, schneller und offener. Heute kann jeder unterwegs zur Ein-Personen-Informationszentrale werden, indem er Videobilder live vor Ort ins Netz sendet und via Twitter-Einbindung mit einem globalen Publikum interagiert.

Im Blickpunkt des diesjährigen Media Camps im Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ) steht zukunftsfähiger Echtzeitjournalismus. In einem vierwöchigen Workshop bekommen Sie nicht nur einen Einblick in den medialen Transformationsprozess, sondern entwickeln und produzieren ein eigenes mobiles journalistisches (MoJo)-Format, dass den Veränderungen und Prinzipien des modernen Journalismus gerecht wird. 

Profil

  • ·         Sie sind zwischen 20 und 29 Jahre alt und haben eine Affinität zu Medien
  • ·         Sie kennen die Grundlagen des Onlinejournalismus
  • ·         Sie haben erste Erfahrungen in einer Redaktion gesammelt
  • ·         Sie sind vertraut mit dem Umgang audiovisueller Produktionswerkzeuge

Projektleiter Christian Jakubetz  und viele Dozenten werden Sie mit kreativen Methoden und professioneller Expertise unterstützen, ein mobiles Reportermagazin zu entwickeln. Der Studiobereich des MIZ-Babelsberg bietet dazu vielfältige Produktions-möglichkeiten und mobile Technik. Das Format wird ab der dritten Projektwoche über verschiedene soziale Kanäle und Medienpartner distribuiert.

Um crossmedial publizieren zu können, werden in verschiedenen Workshops die Grundlagen des transmedialen Erzählens, sowie die Prinzipien von Open Journalism und Echtzeitjournalismus vermittelt. Ein Besuch der medienwoche@IFA 13 bietet Ihnen die Gelegenheit, sich über neue Entwicklung in den Medien zu informieren.

Die Teilnahme am Media Camp im MIZ-Babelsberg ist kostenlos. Weitere Informationen unter: http://www.miz-babelsberg.de/miz-events/media-camp

Rückfragen und Bewerbungen bis 9. August 2013 an: info@miz-babelsberg.de // Betreff: Media Camp 13.

Alles egal, Hauptsache digital!

Für die kommende Ausgabe des „Medien Magazin“ des Mediencampus Bayern habe ich ein paar Zeilen zum Journalisten und zu den Redaktionen der Zukunft geschrieben. Zweitverwertung mit freundlicher Genehmigung des MCB. Mehr Infos: hier.

Notizen

 

1. Der digitale Journalist kommt

Die Plattformen, auf denen sich Journalismus künftig abspielen wird, sind – egal. Es gibt nur noch zwei Regeln, die im Bezug auf journalistische Plattformen der Zukunft Bestand haben. Erstens: Aller Inhalt ist digital. Lineare und analoge Plattformen werden schon weiterhin bestehen, kein Zweifel. Aber sie werden zunehmend in Nischen verschwinden – und sie können ohne digitale Standbeine nicht mehr überleben.

Für Journalisten hat das eine ebenso einfache wie große Konsequenz: Die Zeiten gehen zu Ende, in denen es eine besondere Befähigung war, crossmedial zu denken und zu produzieren. Wenn man vom Journalisten der nahen Zukunft spricht, dann wird man ihn wohl am besten noch eine Zeitlang als “digitalen Journalisten” bezeichnen müssen, auch wenn ein solcher Präfix zwangsweise immer etwas bemüht wirkt. Aber wenigstens würde damit klar, dass dieses ganze Gerede um Crossmedia ein bisschen auf die falsche Spur führt. Weil man dabei nämlich denen könnte, man müsse einfach noch ein bis zwei zusätzliche Kanäle bedienen und die Probleme und Herausforderungen der letzten Jahre seien damit auch schon wieder gelöst. Ein weiterer Nachteil dieser weit verbreiteten Denkweise: Journalisten suchen sich immer noch gerne den einen Schwerpunkt ihrer Arbeit, auf den sie sich konzentrieren; alles andere machen sie nebenher mit, manches besser und mit Begeisterung, anderes dafür eher weniger. Journalisten der nahen Zukunft müssten sich aber davon verabschieden, ihren Fokus auf ein einziges Medium zu setzen und alles andere auf dem Niveau des interessierten Laien zu erledigen. Schluss also mit dem Gerede von Crossmedia. Der Journalist der Zukunft ist ein digitaler Journalist.

2. Digitales Handwerk ist Grundvoraussetzung

Also dann doch: die eierlegende Wollmilchsau? Jenes Fabelwesen, das alles so ein bisschen kann, bedauerlicherweise aber nichts richtig gut? Das ist das Totschlagargument, das gerne ins Feld geführt wird, wenn es um die Zukunft des digitalen Journalisten geht. Und tatsächlich ist ja zunächst nicht von der Hand zu weisen, dass es vermutlich niemanden gibt, der alles gleich gut kann. Der genauso gute Videos schneidet wie er brillante Texte verfasst und nebenher noch ansprechend fotografiert. Aber das ist ja auch nicht das, was man von einem digitalen Journalisten verlangt. Verlangen kann (und wird) man aber, dass Journalisten in der Lage sind, das grundlegende Handwerk aller Darstellungsformen zu beherrschen. Weil es eben nur Handwerk ist. Handwerk kann man erlernen – und im Zeitalter digitaler Werkzeuge sind Video- und Audioschnitt oder das Arbeiten mit einer Blogsoftware nicht mehr vergleichbar mit ihren Adäquaten aus der analogen Zeit. Mit dem Schnitt und der Vertonung eines Zweiminüters ist heute niemand mehr überfordert, der sich auch nur ein bisschen damit auseinander setzt.

Dass vielen Journalisten die Übernahme weiterer Tätigkeiten so unzumutbar vorkommt, hat andere Gründe als die vermeintliche, drohende Überforderung durch neue Technologien. Tatsächlich sind sowohl die technische als auch die personelle Infrastruktur in vielen Redaktionen nicht dafür geeignet, digital-crossmedial zu arbeiten. Wer einfach seinen Journalisten mehr Arbeit aufbürden will, überfordert sie. Das Problem ist allerdings nicht diese neue Technik – das Problem ist die Infrastruktur.

Der Alltag vieler Journalisten zeigt allerdings auch anderes: Man erwartet zwar multifunktionale Fähigkeiten von ihnen. Wie aber dieses digitale Handwerk geht, zeigt man ihnen aber immer noch viel zu selten. Es gehört eher zur Regel als zu Ausnahme, dass man Journalisten in ein- oder zweitägigen Crashkursen zeigt, wie man ein Video macht – um danach zu erwarten, dass sie in der Lage sind, eine komplette Videoproduktion zu übernehmen. Das führt allerdings über kurz oder lang zwangsweise zu Frust und Enttäuschung auf allen Seiten, die Nutzer eingeschlossen. Diese Frustrationen verleiten auf allen Seiten zu voreiligen Schlüssen: Ich kann das nicht, denkt der genervte Journalist. Wussten wir es doch, dieses Crossmedia funktioniert einfach nicht, schlussfolgern Geschäftsführer und Chefredakteure. Die können es einfach nicht, denkt sich vor allem das Publikum der Digital Natives, die den Umgang mit diesen gar nicht mehr neuen Medien schon lange verinnerlicht haben und die Bemühungen der alten Schule bestenfalls amüsiert verfolgen.

3. Digitaler Journalismus hat seinen eigenen Stil

Speziell der Blick auf das jüngere Publikum verdeutlicht allerdings auch anderes: Neben der rein handwerklichen Vorgängen wird man sich auch mit den Veränderungen in den Darstellungsformen befassen müssen. Das kann man sehr schön am Beispiel der Videoproduktion darlegen. Wer Webvideos produzieren will, die sich sehr an der Machart des konventionellen TV orientieren, wird damit vermutlich Schiffbruch erleiden. Inhalte im Netz – keineswegs nur die Videos – folgen inzwischen ihren sehr eigenen Gesetzen und Macharten. Der digitale Journalismus ist also weder inhaltlich noch stilistisch ein Abbild des analogen Journalismus. Eine Nachrichtenseite ist keine Zeitung im Netz, ein Podcast ist nicht einfach eine Radiosendung, die man sich auch im Netz anhören kann – und über das Thema Webvideo sprachen wir ja bereits. Digitale Journalisten tun also gut daran, nicht nur das Handwerk zu erlernen, sondern auch zu begreifen, welche Besonderheiten es bei den digitalen Darstellungsformen gibt. Speziell beim Thema Webvideos ist übrigens die Seite des “Deutschen Webvideopreises” ausgesprochen hilfreich – weil man beim Betrachten der Siegervideos sehr schnell eines feststellt: Mit dem guten alten Fernsehen hat die Subkultur des Webvideos nichts zu tun. Und wer jemals einem Podcast zugehört hat, in dem sich Menschen schon mal einfach nur über zwei Stunden hinweg unterhalten, der bekommt auch eine Ahnung, wie wenig die beliebten 1.30-Reglementierungen in dieser neuen digitalen Welt greifen.

4. Digitaler Journalismus ist ein Gesamtkunstwerk

Und was machen wir dann noch für das Internet? Jeder, der in den letzten Jahren in und für Redaktionen gearbeitet hat, ist mit dieser Frage irgendwann konfrontiert worden. Das ist immerhin schon ein Fortschritt zu den Zeiten, als man diese Frage erst gar nicht gestellt hat oder auf sie bestenfalls ein erstauntes Kopfschütteln geerntet hat. Inzwischen ist diese Frage schon wieder überholt. Weil sie den immer noch weit verbreiteten Gedanken befördert, man könne das Netz als eine Art Zusatzkanal behandeln, in den man reinpackt, was irgendwie noch übrig geblieben ist – eine Art hausinterne Zweitverwertung sozusagen. Das ist mittlerweile komplett unsinnig. Ebenso unsinnig ist es allerdings, daraus den Umkehrschluss zu ziehen und als Problemlösung ein generelles “Online first!” anzubieten. Es geht beim Digitalen Journalismus der Zukunft nicht mehr primär um die Frage, wo eine Information als erstes erscheint oder ob man sie nicht doch noch ein bisschen zurückhalten könnte (bevor Sie darüber nachdenken: nein, kann man ohnehin nicht mehr).

Stattdessen geht es um ein schlüssiges Ganzes. So, wie Zeitungsredakteure sich früher Gedanken gemacht haben, wie ihr Text möglicherweise illustriert werden kann, müssten sie sich heute überlegen, wie sie ihr Thema, ihre Geschichte über die Plattformen erzählen und miteinander verknüpfen können. Die Frage, was wo zuerst erscheint, wird in diesem Kontext natürlich auftauchen. Aber sie ist nur eine von vielen.

5. Der Umbruch in den Redaktionen kommt

In den letzten Jahrenwurde viel über den digitalen Newsroom debattiert, in einigen Häusern ist er auch eingeführt worden. Darüber kann man gerne und viel diskutieren, man darf dabei nur eines nicht vergessen: Architektur löst keine journalistischen Probleme. Wenn also an dieser Stelle von einem Umbruch in den Redaktionen die Rede ist, dann geht es dabei nicht um die Frage, wer künftig mit wem an einem Tisch sitzt. Vielmehr bedeutet das: Es hat keinen Sinn, das Thema digitaler Journalismus zu negieren. Die eindimensionale Redaktion bisheriger Prägung ist ein Auslaufmodell in Zeiten, in denen Journalismus auf vier, fünf oder sechs Plattformen gleichzeitig stattfindet und seinen Aggregatszustand ständig ändert. Die Redaktion der Zukunft kann naturgemäß nicht mehr die Schreibstube sein, in der man an einem Produkt gemeinsam arbeitet und sich für den Rest nicht sonderlich interessiert. Die digitale Redaktion der Zukunft ist eine Kommunikationszentrale, nach innen genauso wie nach außen.

Viel zu spät, um zu früh zu sein

In dieser Woche habe ich eine Mail erhalten. Mit einer sehr, sehr spannenden Frage. Im Kern ging es darum, dass eine junge, offensichtlich sehr gut ausgebildete Journalistin wissen wollte: Bin ich mit dem, was ich tue, zu früh dran? Ich fand diese Frage so interessant, dass ich mir erlaube, hier öffentlich zu antworten. Weil diese Frage vermutlich alle betrifft, die jetzt als junge Journalisten in einen Beruf einsteigen wollen, dessen Zukunft so offen ist wie noch nie zuvor.

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Eigentlich hatte ich gerade begonnen, eine Antwort auf diese Mail zu tippen. In dieser Antwort wäre sinngemäß das Folgende gestanden: Man ist nie zu spät mit irgendetwas dran. Besser jetzt noch diese ganzen neuen digitalen Techniken erlernen als nie. Schließlich werden sie unser Werkzeug der Zukunft sein, und das über sehr lange Zeit. Es ist nicht absehbar, dass es irgendwann mal einen Rückzug zu den analogen Techniken und in den analogen Journalismus geben wird. Und während ich all das gerade eintippen wollte, fiel mir auf, dass ich die richtige Antwort auf die falsche Frage geben wollte. Ein Reflex, sozusagen: Normalerweise bekomme ich die Frage gestellt, ob es dennoch Sinn mache beziehungsweise ob es nicht zu spät sei, sich all dieses neue Zeug  jetzt noch anzueignen. Man wisse ja, dass man etwas spät dran sei. Dann las ich mir die Frage nochmal genau durch und stellte fest: Das war es ja gar nicht, was die junge Kollegin wissen wollte. Ihre Frage war explizit, ob sie zu früh dran sei. Und während ich also meine bereits vorgefertigte und schon ziemlich weit fortgeschrittene Antwort wieder gelöscht hatte, musste ich ernsthaft überlegen: Was soll ich darauf dann antworten? Wie könnte man denn mit irgendetwas zu früh dran sein? Seit 20 Jahren erkennen wir nunmehr, mitten drin zu sein in einer digitalen Revolution (ein selten blöder Begriff, ich weiß). Und dann soll ich ernsthaft auf die Frage antworten, ob man zu früh dran sei?

Bevor die jungen Kollegin, die sich per Mail an mich gewendet hat, nun furchtbar erschrickt und denkt, eine dumme Frage gestellt zu haben:  nein, das hat sie nicht. Im Gegenteil, die Frage ist mehr als berechtigt. Und sie ist überaus interessant. Weil sie nämlich, ob nun freiwillig oder nicht, ein interessantes Licht auf den Zustand unserer Branche wirft. Im Jahr 2012 fragen sich Journalisten also allen Ernstes, ob sie mit dem Erlernen digitaler Werkzeuge zu früh dran sind? Man muss den Hintergrund dieser Frage kennen, um sie verstehen zu können: Natürlich, so beschrieb die Kollegin, wisse sie darum, dass diese Werkzeuge unerlässlich sein. Sie habe in ihrem Studium  oft genug erlebt, wie wichtig es ist, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Nur jetzt, wo sich das Studium dem Ende nähert und der Schritt in den Beruf bevorstehe, frage sie sich: Wer will das überhaupt? Wer braucht das überhaupt? Habe ich etwas gelernt, was zwar theoretisch toll, in der Praxis aber völlig nutzlos ist? Die Frage stellte sich ihr beim Blick auf die Realität des deutschen Online -Journalismus. Da könne sie nun so viel. Slideshows. Webvideos. Multimediale Geschichten erzählen. All das eben, was sie an Universitäten und an Journalistenschulen und überall da, wo man glaubt, den modernen Journalismus mit zu gestalten,  so erzählt bekommen habe. Nur in der Praxis, auf den Webseiten von vielen deutschen Medien, da entdecke sie all das eben nicht: Webvideos. Multimediale Geschichten. Slideshows. Stellt sich dann also nicht tatsächlich die Frage, für etwas ausgebildet worden zu sein, was kein Mensch braucht?

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Als ich dann meine ursprüngliche Antwort endlich gelöscht hatte, begann ich, ihr eine neue Antwort einzutippen. Und in der wäre dann sinngemäß ungefähr das hier gestanden: Erhalten Sie sich Ihren Optimismus. Lernen und üben Sie einfach immer weiter. Weil wir nicht nur technisch in einem Bereich sind, in dem sich momentan so ziemlich alles ändert. Wir werden auch den Journalismus neu gestalten müssen. Ich kann Ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, welches Ergebnis am Ende stehen wird. Ich halte nicht sehr viel von Propheten und Theoretikern, die genau wissen wollen, wie Journalismus zu sein hat im Zeitalter des Digitalen. Aber ich halte sehr viel von Menschen, die es ausprobieren. Ich halte noch sehr viel mehr von Menschen, die bereit sind, alles bisher Bekannte über den Haufen zu werfen und beim experimentieren auch in Kauf zu nehmen, damit glorreich zu scheitern. Sie können demnach gar nicht früh genug dran sein, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Sie können sich bestenfalls zu wenig damit beschäftigen.

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Aber das wäre nur, zugegeben, ein Teil der Antwort gewesen. Weil ja nicht von der Hand zu weisen ist, dass ich mit dieser Antwort sehr theoretisch geblieben wäre. Weil jeder von uns, der schon einmal mit einem experimentellen Projekt in einem Sender oder in einem Verlag zugange  war weiß, wie groß sind die Widerstände in der Praxis immer noch sind. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Auch und ganz besonders unter uns Journalisten. Ich erinnere mich, dass es eine der Hauptdebatten rund um die „Rundshow“ des Bayerischen Rundfunks  war, ob das denn jetzt wirklich richtiges Fernsehen sein. Was auf der einen Seite amüsant war. Weil diese Frage am Kern der Sendung völlig vorbeiging. Wir wollten ja gar kein „richtiges“ Fernsehen machen. Trotzdem hat uns dann ein Medienjournalist wie Stefan Winterbauer allen Ernstes empfohlen, doch einfach richtiges Fernsehen zu machen. Frappierend fand ich bei den ganzen Diskussionen aber immer, dass diese Frage nach dem richtigen Fernsehen eines implizierte: Wenn es kein richtiges Fernsehen, im Sinne von konventionell, erprobt, bewährt, ist, dann kann es auch nicht richtig oder gut sein. Diese Denkweise zieht sich erstaunlicherweise wie ein roter Faden durch den ganzen Journalismus. Über Experimente und Innovationen wird inzwischen auf jedem Panel in dieser Medienwelt diskutiert. Aber immer dann, wenn es um die Umsetzung geht, dann hakt es. Mit einer ganz erstaunlichen Palette von unterschiedlichsten Ausreden wird das begründet: zu wenig Personal, zu wenig Geld, zu wenig Erfahrungen, das haben wir noch nie so gemacht, das will der Leser nicht. Es ist wirklich ganz erstaunlich, wie kreativ Journalisten  sein können, wenn es darum geht, neue Formate oder Ideen nicht auszuprobieren.

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Und dann fiel mir noch eine andere Geschichte ein. Diese Geschichte handelt von einem sehr jungen, sehr begabten und sehr ambitionierten Journalisten. Der junge Kollege hatte sich in einer Redaktion beworben, von der ich mir dachte, dass sie sich die Finger danach lecken müsste, einen solchen jungen Mann in ihren Reihen zu haben. Zufällig traf ich dann irgendwann mal den Redakteur, der für die Ausbildung in diesem Haus zuständig war. Und der auch die Plätze für ein Volontariat zu vergeben hatte. Ich erinnere mich, dass ich beinahe rückwärts umgefallen bin, als mir dieser Kollege sagte, den jungen Mann leider nicht eingestellt zu haben. Ich fragte dann nach, sehr ernsthaft, wie gut denn dann die anderen Bewerber erst hätten sein müssen, damit man auf diesen jungen Mann verzichten kann. Die Antwort der Gegenseite: Nein, es sei nicht eine Frage der Qualität gewesen. Eher im Gegenteil. Der junge Mann sei schlichtweg zu gut gewesen. Er habe zu vieles an diesem ganzen neuen Digital-Kram beherrscht. Nun mache man sich Sorgen quasi um den Redaktionsfrieden.  Wenn einer so gut ist, den anderen so weit voraus, dann müsste man eben den Guten opfern, um den Mittelmaß weiter seinen Raum zu geben. Zugegeben: Ganz so hat der Kollege diese Begründung natürlich nicht formuliert. Aber im Endeeffekt lief sie darauf hinaus.

Ja, tatsächlich: Jeden Tag passieren in deutschen Redaktionen immer noch Dinge, die man mit guten Recht als absurd bezeichnen kann. Trotzdem, liebe junge Kollegen: lassen Sie sich davon nicht entmutigen. Letztendlich ist das ein Reflex, der jeden Tag und überall auf der Welt zu beobachten ist. Natürlich behaupten wir alle, neuen Dingen gegenüber stets aufgeschlossen zu sein. In Wirklichkeit fürchten die meisten nichts mehr als: das Neue. Deswegen armselig nur zwei Möglichkeiten. Möglichkeit eins: Sie lassen sich von Angstmacherei, Pessimismus, Lethargie und ähnlichen unschönen Eigenschaften anstecken. Dann aber wären Sie mit ihren neuen digitalen Techniken nicht zu früh dran. Sondern sie brauchen sie erst gar nicht zu erlernen. Oder aber Sie entscheiden sich für Möglichkeit zwei. Diese Möglichkeit sieht vor, dass Sie sich für Ihren Beruf begeistern. Dass Sie die Chance erkennen, Journalismus tatsächlich neu mit zu gestalten. Das bedeutet aber auch, sich nicht entmutigen zu lassen von den Pessimisten und Jammerern.

Und sie sollten stets ein Taschentuch bei sich tragen, damit Sie sich den Mund abwischen können, wenn Sie mal hingefallen sind.

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Epilog: Wenn mir jemand vor einem Jahr prophezeit hatte, dass ich einen kompletten Blogeintrag über die Sprachsteuerung meines Computers machen könnte, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Hier ist der Beweis: es geht. So, wie vieles andere auch gehen wird.

Schneider&Raue: Wenn Blinde über Farbe schreiben

Eigentlich sind Wolf Schneider, Paul Josef Raue und noch ein paar andere Veteranen der Journalistenausbildung schuld daran, dass ich mich rund ein Jahr lang mit vielen guten und netten Kollegen an das Projekt „Universalcode“ gemacht habe. Die Idee entstand beim Durch-den-Wald-Joggen, nachdem ich Tags zuvor von einem Volontär bei einem Seminar den berechtigten Hinweis erhalten hatte, es sei für junge Journalisten nicht eben einfach, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Schließlich gebe es dazu ja so gut wie keine brauchbare Literatur. Beim Joggen durch den Wald ging ich dann im Kopf mal durch, was es an Standards so gibt, wenn es um Multimedia, Online, Crossmedia, das ganze digitale Zeugs eben so geht. Und man kann es ahnen: Wäre mir wirklich viel eingefallen, gäbe es heute Universalcode nicht. Das, was mir an den Dingen einfiel, die man jungen Journalisten heute so gedankenlos hinwirft, will man ihnen Literatur empfehlen, lautet immer noch: Lies mal den Schneider. Oder die ganzen anderen.

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Schneider? Ich habe natürlich den gebührenden Respekt, den man als Journalist haben muss, habe mich aber schon immer furchtbar an dieser restlos unreflektierten Haltung gestört. Wenn Schneider das sagt, muss es ja richtig sein. Deswegen nennt man ihn gerne „Papst“. Raue ist zwar noch kein Papst, aber weil Päpste sich selten mit Priestern abgeben, müsste man Raue wenigstens als eine Art Kardinal bezeichnen. Jedenfalls sind die beiden bekannt genug, um für viele junge Journalisten immer noch als maßgeblich zu erscheinen. Zusammen haben Schneider und Raue schon vor Jahren ein „Handbuch des Journalismus“ herausgebracht. Die neueste Ausgabe des Werks trägt inzwischen den Titel „Handbuch des Journalismus und des Onlinejournalismus“, was abgesehen von der etwas ungelenken Formulierung schon alleine im Titel verräterisch ist. So, als müsste man irgendwie hinzufügen, dass es da mit diesem Interdingens noch etwas gibt, was im weitesten Sinne auch noch mit Journalismus zu tun hat. Würde man Onlinejournalismus als etwas völlig Normales betrachten, es würde reichen, weiterhin von einem „Handbuch des Journalismus“ zu sprechen. Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, beispielsweise ein „Handbuch des Journalismus und des Zeitungsjournalismus“ zu schreiben.

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Jetzt kommt der Teil, an dem es für mich schwierig wird. Es ist an sich eher ungehörig andere zu kritisieren, wenn man selber ein Buch zu einem ähnlichen Thema herausgegeben hat. Sicher sagen kann ich nur, dass ich den gleichen Beitrag auch schreiben würde, wenn es „Universalcode“ nicht gegeben hätte, alles andere überlasse ich gerne Ihrer Beurteilung. Ich würde diesen Beitrag vor allem deshalb schreiben, weil ich es für ein Unding halte, wenn der Mann, der sich so gerne unwidersprochen „Papst“ nennen lässt, mit seinem Adjutanten in einem der größten deutschen Verlage ein Buch veröffentlicht, von dem es nicht weniger heißt, als dass es der Standard in der Journalistenausbildung sei. Ein Buch, in dem hoffnungslos windschiefe Berufsbilder gezeichnet werden, ein Buch, das das Internet als eher lästige Begleiterscheinung darstellt, dennoch aber natürlich auch das „Handbuch des Onlinejournalismus“ genannt wird. Und vor allem: ein Buch, das gerade in diesem Bereich vor Unkenntnis, platten Klischees und – auch das – schlampiger Recherche nur so strotzt.

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Hat er (gemeint ist ein Jungjournalist) seine Ausiedlerreportage am Samstag in der Zeitung nicht unterbringen können, versucht er es am Sonntag nochmal. In der schwach besetzten Online-Redaktion dürfte er Erfolg haben. Allerdings liest kein Redakteur seinen Text. Die Chance, dass ein User kritisiert, ist höher, als dass ein Redakteur das tut. Das Netz hat eben einen großen Bauch, es verschlingt selbst Texte und Bilder, die für eine Zeitung unverdaulich sind.

Was Schneider und Raue zu Beginn ihres Kapitels „Die Online-Redaktion“ schreiben, klingt auf den ersten Blick nicht mal unplausibel. Wer wollte bestreiten, dass es solche Zustände gibt? Wer wollte allerdings umgekehrt bestreiten, dass nicht oder nur flüchtig redigierte Texte auch zum Repertoire einer kleinen Lokalredaktion gehören? Oder generell (leider) zum Standard von Unternehmen, wo Journalismus eher als billiges Material zum Füllen des Platzes zwischen den Anzeigen genutzt wird?  Wenige Absätze darauf beschreiben Schneider und Raue die technischen Mängel, die in vielen Onlineredaktionen herrschen, um zu dem Schluss zu kommen: „Nicht selten arbeiten Online-Redakteure mit schwächerer Technik als ihre Leser.“ Auch das mag stimmen, aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich aber auch, dass lahme Rechner und veraltete Software  keineswegs das Privileg von Onlineredaktionen sind. Mir fällt beispielsweise eine Tageszeitung im Südwesten ein, die noch immer ihre tägliche Arbeit auf Rechnern leistet, die auf Windows XP laufen. Oder eine große Tageszeitung im Süden, die mal eine Lieferung einer Agentur nicht entgegennehmen konnte, weil ihre Version der entsprechenden Software so veraltet war, dass nicht mal mehr ein Downgrade innerhalb der Agentur geholfen hätte, die Software wurde vom Hersteller nicht mehr supportet. Kurzum: Natürlich kann kann technische und personelle Mängelverwaltung in den Redaktionen gar nicht laut genug kritisieren. Ein Spezifikum des Onlinejournalismus sind sie keineswegs.

Aber sieht man von solchen Schwächen einmal ab: Um welch merkwürdige Haltung handelt es sich eigentlich, wenn zwei Journalistenausbilder jungen Journalisten die Vorzüge einer Onlineredaktion vor allem so anpreisen, als dass dort niemand gegenliest und man dort Texte, die für die hochwertige Zeitungsredaktion unverdaulich sind, irgendwie noch unterbringen kann? Online als Müllschlucker, als Resteverwerter, als Spielwiese, die Driving Range für alle, bei denen es für die journalistische Platzreife nicht ganz reicht? Doch ja, das glauben Schneider und Raue allen Ernstes – um es am Ende des Kapitels nochmal ausdrücklich zu bekräftigen (extra fett gesetzt): Wer diesen ganzen Technikkram also halbwegs beherrsche, der „hat als Anfänger große Chancen, zumal viele Zeitungsredakteure Online wenig achten und beachten“.

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Es gibt dafür sogar einen bekannten Kronzeugen: Thomas Knüwer. Knüwer? Aber ja doch. Unter dem Zwischentitel „Wie arbeitet eine Online-Redaktion“ schreiben Schneider und Raue:

„Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können“, sagt Ex-Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer. Mit solch einer Arroganz urteilen Zeitungsschreiber nicht selten,  doch die Klage hat einen wahren Kern. Onliner schreiben unermüdlich Texte um, die sie als Rohfassung vom Newsdesk bekommen; sie kürzen, bearbeiten PR-Texte, indem sie zumindest die Quelle angeben; sie füllen eben das Internet und nicht selten tun sie es ohne Sinn und Verstand.“

Ob Schneider und Raue jemals eine Onlineredaktion von innen gesehen haben, mag man bezweifeln, aber man hat ja Knüwer als Kronzeugen dafür, dass Onliner oft „ohne Sinn und Verstand“ das Netz vollschreiben. Und natürlich ist es restlos despektierlich, Sprachpäpsten etwas vom korrekten Zitieren zu erzählen, in diesem Fall muss es allerdings sein. Das korrekte Zitat Knüwers lautet:

 

Aber Onliner sind aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.

Ein Unterschied? Aber gewiss. Zum einen ist es etwas grundlegend anderes, ob jemand sagt, Journalisten „sind“ irgendwas. Oder ob man feststellt, dass andere behaupten, der Journalist sei irgendwas. Zum anderen muss man sich das Interview in seinem Kontext durchlesen, um schnell zu merken: In diesem Gespräch werden Missstände im Onlinejournalismus kritisiert, keineswegs aber behauptet, dass Journalisten in diesen Redaktionen dumme Textschrubber seien, die ihre Arbeit ohne Sinn und Verstand ausüben. Kleinkariert? Nein. Nicht, wenn es um einen Autor geht, der seit Jahrzehnten Journalisten penible Vorträge über die richtige Verwendung der deutschen Sprache hält. Davon abgesehen, dass es einigermaßen perfide ist, einen prominenten bekennenden Verlagskritiker und praktizierenden Onliner zum Kronzeugen für die Sinn- und Hirnlosigkeit des Onlinejournalismus machen zu wollen.

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Zugegeben, natürlich ist auch der User schuld am grassierenden Online-Elend. Schneider und sein Co-Schreiber halten deswegen auch noch die folgende Zustandschreibung fest:

  • Die meisten Leser wollen gar nicht mehr lesen, sie verzweifeln vor der Masse der Informationen – und wenden sich im Internet gleich den Vergnügungen und Zerstreuungen zu, die einen Mausklick entfernt liegen.
  • Der Dialog im Internet besteht zum Großteil aus Schwachsinn und Dampfplauderei; er kostet mehr Zeit als er Gewinn bringt.
Man liest das, die Kinnlade fällt runter — und man denkt unwillkürlich an die beiden älteren Herren aus der Muppetshow. Das Stereotyp des immerwährenden Unsinns im Netz ist auch von Schneider so oft wiederholt worden, dass es ihm selbst langsam langweilig vorkommen sollte. Und wenn es nicht so unpassend wäre, man würde ihm gerne den Text von Dirk von Gehlen aus dem „Universalcode“ in die Hand drücken, ihn die Funktion des „Internet als Dialogmedium“ lesen lassen und ihn bitten, dann vielleicht nochmal neu nachzudenken. Wäre aber nicht nur unpassend, sondern sinnlos: Man müsste von Schneider erwarten, dass er sich ein einziges Mal in seinem Leben selbst korrigieren würde. Vorher wächst einem Onliner Hirn, bevor Schneider das tun würde.
***

Wenn man ein „neues Handbuch des (Online-)Journalismus“ schreiben will,  muss man sich natürlich auch zu diesem Multimedia-Gedöns äußern. Videos beispielsweise. Ob Schneider und Raue jemals eine Videokamera in der Hand hatten, weiß man nicht (vermutlich: eher nein). Bei dem überbordenden Selbstbewusstsein der beiden ist das aber kein Hinderungsgrund, sich auch über das Thema Bewegtbild im Netz auszulassen. Die beiden wissen sehr gut, welche Voraussetzungen es dafür braucht:

„Doch nebenbei ist Fernsehen im Internet (sic!) nicht zu machen. Notwendig sind eine teure Kamera nebst Mikrofon und Kopfhörer, ein Laptop mit großem Speicherplatz, ein gutes Programm zum Schneiden des Rohmaterials, Routine und viel Zeit.“

Ich weiß nicht, was ich mehr bewundern soll: die Chuzpe, über Dinge, von denen man sehr offensichtlich nichts versteht, trotzdem einfach irgendwas zu schreiben. Oder den Mut, ohne irgendeine Recherche zum Thema ein paar steile Thesen aufzustellen. Was ich sicher weiß: Wenn mir ein Student in einer Hausarbeit die Grundlagen der Videoproduktion so erklären würde, wäre er glatt durchgerauscht. Bei Schneider und Raue und rororo wird daraus ein Lehrbuch, das sich als „Standard“ bezeichnet. Unnötig zu sagen, dass die Ausführungen zum Thema Podcast von ähnlich dramatischer Sachkenntnis geprägt sind.

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Ja, und irgendwann muss man auch mal was zu Blogs und Social Media und Web 2.0 schreiben, Schneider kennt sich da aus:

Frage: Herr Schneider, lesen Sie Blogs?

Wolf Schneider: Ich benutze gar keinen Computer, aber meine Frau verfolgt ein Dutzend Blogs und Twitter und druckt mir das aus. Kein Tag, an dem ich nicht mindestens zwei Blogs lese.

Der Mann, der sich also mindestens zwei Blogs und ein bisschen Twitter ausdrucken lässt, schreibt jetzt auch über Blogs und Twitter.  Und er schreibt allen Ernstes:

Blog und Twitter haben aber ebenfalls ihre Unschuld längst verloren.  Mit beiden betrieb Obama Wahlkampf bis zur letzten Minute. (…)Beide Medien eignen sich also für eine kostenlose, allgegenwärtige politische Propaganda – in einem Umfang, den die Zeitungsjournalisten ihren Lesern großenteils ersparen.

Nein, das ist nicht (mehr) überraschend. Nicht, wenn man weite Teile dieses Buchs zum Thema „Online“ gelesen hat. Das wäre auch alles nicht weiter schlimm, weil jeder denken und schreiben kann, was er will und niemand gegen seinen Willen zum digital native gemacht werden darf. Das Ärgernis ist ein anderes, größeres: Das ist kein kleiner Besinnungsaufsatz, den Schneider und Raue da auf den Markt gebracht haben. Sondern ein Buch, das mit vergleichsweise hoher Auflage jungen Journalisten als Einstiegslektüre in unseren Beruf verabreicht wird. Über das nicht groß nachgedacht und das nicht hinterfragt wird, weil da doch Schneider drauf steht. Das ist fahrlässig und ärgerlich zugleich. Jungen Journalisten, die noch Jahrzehnte ihres Jobs vor sich haben, wird mit diesem Handbuch ein Berufsbild vermittelt, mit dem sie keine fünf Jahre mehr überleben können.

Und irgendwie ertappt man sich bei dem dringenden Wunsch, der Papst und sein Kardinal würden langsam in den Ruhestand treten oder aber sich wenigstens die Mühe machen, sauber zu recherchieren, ordentlich zu zitieren und künftig nur noch über Dinge zu schreiben, von denen sie wirklich etwas verstehen.

Aber für Päpste ist so etwas wie Ruhestand ja nicht vorgesehen.

Ein paar haben gefragt: Warum macht der das?

Untitled from Christian Jakubetz on Vimeo.

Die Deutsche Journalistenschule in München hat seit rund zwei Wochen einen neuen Chef: Jörg Sadrozinski wechselte aus Hamburg von „tagesschau.de“ ans Altheimer Eck. Für Sadrozinski nach über 20 Jahren auch so etwas wie eine Rückkehr — an der DJS wurde er ausgebildet.  Im Interview spricht er über seine Ziele an der Schule, die Veränderungen im Journalismus – und warum es sich immer noch lohnt, diesen Beruf zu ergreifen.

 

Ein Buch – das Update (54): Bitte wählen Sie Ihr Cover!

In der „Universalcode“-Truppe geht es momentan zu wie bei einem halbwegs frisch verliebten Pärchen, das sich gerade zum ersten Mal streitet. Bevor Sie sich Sorgen machen: Nein, wir streiten natürlich nicht. Aber wir diskutieren. Dummerweise mit einem Ergebnis, bei dem man nicht mal eine demokratische Legitimation via Abstimmung hinbekommt, weil die Meinungslage aktuell einem klassischen Patt entspricht. Und deswegen würden wir jetzt gerne Ihnen die Entscheidung überlassen…

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Die Sache ist die: Wir haben ein Cover fürs Buch, das Sie ja auch schon gesehen haben. Jene Zeichnung, bei der eine Hand mit einem Pinsel auf einem iPad-ildschirm etwas Neues entstehen lässt. Zugegeben: Das Cover ist seit längerem das umstrittenste Ding bei diesem Buch. Es gab von Anfang an Kritiker (auch von außen) und es gab leidenschaftliche Befürworter. Irgendwann kam dann mal die Idee, einen Alternativvorschlag erarbeiten zu lassen, der jetzt, kurz vor Torschluss, eingetrudelt ist. Gestern habe ich ihn rumgemailt, was leider insofern keine gute Idee war, als dass wir jetzt wieder nicht schlauer sind. Denn auch der Alternativvorschlag findet Befürworter und Gegner. Und die Fronten verlaufen ebenso hart wie vorher.

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Cover 1, erst einmal die Grundgedanken. Die Idee war zunächst, dass wir kein Cover mit irgendwelchen missratenen Symbolbildern haben wollten (bevorzugt: Mensch am Computer, arbeitend). Wir fanden die Arbeitsweise von Anna Lena Schiller sehr spannend und fragten sie nach einem Entwurf. Der Gedanke hinter der Zeichnung: Unsere analoge Medienwelt transformiert gerade in etwas Neues, Ungekanntes. Die Argumente unserer internen Befürworter: orginell, auffällig, einprägsam, vielsagend, ungewöhnlich, Potential für eine komplette CI. Argumente der Gegner (Zitate aus internen Mails):

Welches Signal geht denn von einer (handwerklich guten) Illustration aus, auf der jemand einen Pinsel verwendet, um einen Touchscreen zu bedienen? Man stelle sich vor, Spiegel/Stern/SZ hätten eine Geschichte übers „Mitmach-Web“ so bebildert, die „Netzgemeinde“ hätte eine Freude daran, der Frage nachzugehen, ob man in den dortigen Redaktionen tatsächlich der Meinung ist, man könne Twitter und Facebook mittels eines verkabelten Pinsels auf ein iPad übertragen.

Finde das (alternative)  Cover besser, weil passender zu Titel und Inhalt.

Das ist so die Quintessenz der Gegner dieses Covers.

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Cover 2 ist ein Entwurf von Dirk Kirchberg. Der QR-Code auf dem Titel könnte natürlich noch mit einer Botschaft angereichert werden. Dieser Entwurf hat Befürworter, aber auch Gegner. Die Kritik bezieht sich vor allem darauf, dass QR-Codes im Jahr 2011 nicht mehr wirklich relevant sind und ebenfalls ein falsches Signal aussenden würden. Auszüge aus den internen Mails:

Zusätzlich zu allem, was schon eingewendet wurde, möchte ich hinzufügen, dass ein QR-Code auch ein falsches Signal wäre. Aus meiner Sicht er ein technisches Hilfsmittel, vor allem um Verbindung zwischen physischen Objekten und der virtuellen Welt herzustellen. In unserem Buch befassen wir uns jedoch vor allem mit journalistisch-inhaltlichen Themen.

Qr-Codes finde ich nicht zentral zukunftsweisend (NFC!) und ein Alleinstellungsmerkmal hat man damit auch nicht mehr (Welt kompakt twitterbild etc.) 1995 wäre das ein unfassbarer Kracher gewesen 😉

qr-codes sind nie erwachsen geworden. und dank NFC tatsächlich obsolet. von daher aus inhaltlicher sicht ein „eher nicht“ von mir.

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Schließlich gibt es noch eine dritte Idee, die ebenfalls ein paar Befüworter gefunden hat. Nämlich eine Art „Mash-Up“ aus beiden Entwürfen, was dann so aussähe.

 

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Aber es ist ja auch Ihr Buch. Und Sie sehen, zum ersten Mal in der kurzen Geschichte des Universalcodes sind wir gespalten. Helfen Sie uns, damit wir wieder friedlich miteinander leben und uns wie frisch verliebte Pärchen benehmen können. Und stimmen Sie ab. Jetzt — und hier!

(Eigentlich sollte hier ein Abstimmungstool stehen, genauer gesagt: wp-polls. Das Problem ist nur, dass nach Installation des Plugins die Seite de facto nicht mehr lesbar war, keine Ahnung warum. Deswegen Anmerkungen bitte in den Kommentaren oder via Mail unter cjakubetz ät gmail dot com. Danke!)

Nachtrag: Dank Verna Bunse gibt´s jetzt doch noch ein vernünftiges Voting-Tool:


Ein Buch – das Update (53): Ein bisschen Feiertagslektüre

Gerade im Moment ist es passiert: Euryclia, unser wunderbarer Verlag, ist im Besitz aller Texte. Was fehlt, sind nur noch Kleinigkeiten, aber mit der Produktion von „Universalcode“ kann begonnen werden. Wir müssen nur noch die unvermeidlichen Stolpertsteine überstehen, die sicher kommen werden, von denen wir nur noch nicht wissen, wie sie aussehen werden. Aber sie werden kommen, da habe ich keinerlei Zweifel. Egal, alleine die Tatsache, dass aus einem eher so dahin geschriebenen Blogeintrag ein solches Projekt wurde, finde ich eben im Moment ziemlich großartig. Es hat nicht mal ein Jahr gedauert, das umzusetzen.

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Und weil morgen Feiertag ist und Sie vielleicht ein bisschen Zeit für längere Lektüre haben: Hier kommt ein etwas längeres Stück vom Chefredakteur der Rhein-Zeitung in Koblenz, Christian Lindner. Er hat für „Universalcode“ den Wandel vom analogen Blattmachen hin zum multimedialen Kommunizieren auf vielen Kanälen beschrieben. Aus einer sehr persönlichen Sicht, ohne mahnend erhobenen Zeigefinger, ein Stück, das man gerne lesen soll, ohne danach mit tiefen Sorgenfalten in Depression zu verfallen. Hier ist es – wegen des Feiertags und der guten Laune in voller Länge.

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Macht Content, kein Layout

Eine große, flache Holzkiste mit metallenen Ecken war unser Garant für guten Lokaljournalismus. Damals, Ende der 70-er Jahre im Hunsrück. Und auch der dunkelrote Bahnbus von Simmern nach Koblenz, der direkt vor unserer Redaktion hielt. Und natürlich die museumsreife Setzerei der Druckerei Böhmer im Untergeschoss des verwinkelten Gebäudes, in dem damals auch drei Redakteure der Hunsrücker Zeitung und ein Volontär (der Autor dieses Textes) arbeiteten. Und die weißgrau lackierten Schreibmaschinen auf unseren spackigen Resopaltischen, sie waren gleichsam die klappernden Schutzengel unseres medialen Schaffens.

Wir wussten das damals nur noch nicht. Wir haben die abgeschabte Holzkiste, den quietschenden Bahnbus, die rasselnden Setzmaschinen der Marke Linotype und unsere ruhestörenden Schreibmaschinen namens „Monika“ oder „Gabriele“ stattdessen bestenfalls als berufsbegleitende Normalität, je nach Jahrgang auch als altmodische Einengung verstanden.

Dank der Weitsicht ihres Altverlegers wurde die lokalen Seiten der Hunsrücker Zeitung damals nämlich noch so realisiert, wie dies bei der Presse viele Jahrzehnte üblich gewesen war: Als Böhmer senior sein Lokalblatt 1954 an den Koblenzer Mittelrhein-Verlag verkaufte, hatte er sich vertraglich ausbedungen, dass die Lokalseiten des Traditionstitels noch Jahrzehnte in seiner Setzerei zu fertigen waren.

Anderenorts hatten schon klobige „Lichtsatzgeräte“ mit schwarz-grün schimmernden Bildschirmen den technisch antiquierten Bleisatz aus den Sälen der Druckvorstufen verdrängt, wurden Texte, Bilder und Anzeigen schon per „Klebeumbruch“ von Metteuren mittels Schiebemesser und gewachstem Spezialpapier auf Leuchttischen zu Zeitungsseiten montiert. In Simmern hingegen waren die Technik, aber auch die Arbeitsteilung zwischen Redaktion und Technik noch traditionell: Alles, was in der Zeitung stehen sollte, schrieb die Redaktion auf Manuskriptpapier. Das war gelbliches Papier mit roten Markierungen – die einem zeigten, wann 40 Anschläge in einer Zeile erreicht, wann 25 Zeilen auf einer Seite gefüllt waren. An der Seite neben dem Textfeld konnten Satzauszeichnungen wie „halbfett“ notiert werden, oben war Platz für Überschrift und Unterzeile.

Dieses Papier wirkte geradezu verstaubt altmodisch. Und doch hatte es unschlagbare Vorteile gegenüber allem, was danach in den Redaktionen Einzug hielt: Wenn die Redakteure ihren Text mit einem Zwei-, Drei- oder – damals eher selten zu beobachtenden – Zehn-Finger-System und mittels „Monika“ oder „Gabriele“ in meist perlendem Schreibfluss zu Papier gehämmert hatten, war ihre Arbeit daran und damit im Kern beendet. Zwar stand zwischen dem oft leicht theatralischen Herausreißen der letzten Seite eines Artikels aus der Schreibmaschine und seinem Publizieren noch viel Arbeit. Redakteure hatten aber damals damit kaum etwas zu tun.

Natürlich kam nach dem Schreiben – und was haben wir damals viel geschrieben! – noch einiges an Routinen dazu. Aber sie waren rasch zu erledigen. Noch einmal durchlesen: Ehrensache. Korrekturen: handschriftlich. Immer ratsam: Das beschriebene Manuskriptpapier ja in der richtigen Reihenfolge zusammentackern. Wenn es ausnahmsweise ein Foto zu einem Text gab: Mit einer Büroklammer dranheften. Und dann: Ab damit in die Setzerei. Ein Lehrling holte stoßweise den Stoff für die Respekt einflößenden Setzer, das Futter für die bleiköchelnden Setzmaschinen.

Gerade mal zwei Stunden Arbeitszeit eines Redakteurs bedurfte es, damit im Reich der Meister des graphischen Gewerbes aus langen Kolonnen von in Blei gegossenen Zeilen, klischierten Bildern und Handsatz-Überschriften die Mutter der drei, vier Zeitungsseiten des nächsten Tages entstand. Einer von uns ging am frühen Nachmittag runter in die museal wirkende, aber perfekt eingespielt funktionierende Setzerei. Einer, nur einer von uns, sagte einem Metteur, welche soeben oder schon vor ein paar Tagen gesetzten Texte möglichst erscheinen sollten. Unser Kollege aus der Technik baute anhand dieser Winke die Seiten zusammen. Passte ein Text nicht, wurde ein Absatz ausgetrieben – oder durch das beherzte Wegwerfen einiger Zeilen gekürzt. Waren die Seiten fertig umbrochen, wurden Pappabdrucke von dem kiloschweren Satzmaterial gemacht.

Was wir am Vormittag oder Vortag geschrieben hatten, konnten unsere Fingerkuppen jetzt fühlen – auf dicken, hellblauen Pappen. Für jede Seite eine Mater. Und die wurden vorsichtig in die flache Holzkiste gepackt und pünktlich zum Bahnbus gebracht. Der schaukelte die Seiten, die den Hunsrück am nächsten Tag informieren und unterrichten, nicht selten auch erregen oder empören sollten, am Nachmittag nach Koblenz. Zum Herstellen von Druckzylindern mittels der Matern, zum Drucken der Zeitung.

Nach diesem Rhythmus, nach dieser Arbeitsteilung funktionierte die Hunsrücker Zeitung redaktionell viele Jahrzehnte. So funktionierten lange Zeit fast alle Lokalredaktionen in Deutschland. Alle Redakteure schrieben oder redigierten. Was auch sonst. Technik machte kaum einer, abgesehen von ein paar Stunden im Bleisatz oder ganz wenigen Redaktionsstatthaltern im Umbruch. Layout: wozu? Artikellängen? Ein Kommentar besser nicht mehr als zwei Blatt, das wichtigste Thema einer Ratssitzung drei bis vier Blatt, eine Reportage gerne auch mal sechs Blatt lang. Korrekturlesen: dafür gab es Korrektoren. Bilder: Fotografiert wurde nur das, was besonders war – und nicht der, der in die Zeitung wollte.

Was nach der Abgabe der Holzkiste im Bahnbus mit unserem Material geschah, hat uns nie beschäftigt, nie wirklich interessiert. Das lief. Wir wussten: Unsere Texte sind in guten Händen. Und es war Verlass darauf: Am nächsten Tag lag unsere Zeitung auf Tausenden Tischen im Hunsrück – sauber realisiert, mit unseren Inhalten. Die dann wirkten.

Die deutschen Lokalredaktionen waren damals, von den abenteuerlich riechenden Dunkelkammer abgesehen, technikfreie Zonen. Gab es mehrere Lokalredakteure, hatte sich auf dieser Basis fast immer eine Rollenverteilung entwickelt, von der jeder profitierte. Fast immer gab es einen Redakteur, der gerne oder zumindest viel redigierte, der mit routinierter Fleißarbeit für beruhigend viel Stehsatz sorgte. Und oft war der Lokalchef der zeilenreichste, der beste, der erste, der prägendste Schreiber seiner Ausgabe. Diese Redaktionsleiter waren meist kantige Typen, und selten hielt es sie den ganzen Tag in der Redaktion. Sie waren oft weg, sie kamen nicht immer wie vorhergesagt zurück, sie waren garantiert nicht immer nur beruflich unterwegs. Aber sie brachten immer das mit, was ihre Zeitung brauchte. Was ihr Blatt schmückte: Tipps, Themen und Geschichten. Vertrauliches, Ungehörtes und Unerhörtes. Ihre Redaktion konnten und wollten sie nicht immer wirklich organisieren – aber Stories hatten sie immer parat und immer im Griff. Sie waren die Könige des Contents. Ihre Redaktionen waren Schreibparadiese. Gärende Komposthaufen für üppigen Content.

Wer damals volontierte, lernte sein journalistisches Handwerk in den goldenen Zeiten des Lokaljournalismus. Und er sog, einfach durch Miterleben und Mitmachen, die wichtigste Erkenntnis des Publizierens auf: Leser wollen Inhalt. Alles andere ist Verpackung, Garnierung, wenn man nicht aufpasst sogar Blendwerk, ja Ballast. Nicht die Mater in der Kiste auf dem Weg nach Koblenz war maßgeblich, nicht die aus heutiger Sicht irreal frühen Abgabezeiten, nicht der Name unserer Schreibmaschine, nicht das verstaubte Layout. Entscheidend war einzig und allein das, was wir wussten, erfuhren, erjagten. Was wir auf das Manuskriptpapier hämmerten.

Ist es neu? Interessant? Relevant? Gut geschrieben? Mutig? Kritisch? Unabhängig? Für oder gegen die Mächtigen? Das waren die Fragen, die wir und – so unser fester Glaube – auch die meisten unserer Leser uns stellten. Die Experten-Frage „Arbeitet Ihr noch im Bleisatz oder schon im Lichtsatz?“ haben wir nie gehört. Die interessierte am Lesermarkt niemanden.

Bald aber endeten, wie irgendwann in allen westdeutschen Lokalredaktionen und nach der Einheit ebenso im Osten Deutschlands, auch im Hunsrück die Zeiten von „Monika“ und „Gabriele“, Holzkiste und Bahnbus. Zug um Zug machte sich die Datenverbeitung in den Verlagen breit, Stück für Stück träufelte das Gift der Technik in die Redaktionen ein. Layoutbögen waren die harmlosen Vorboten der Bits und Bytes, die später so viele unserer journalistischen Passionen fressen sollten: Wir sagten nun nicht mehr einem Kollegen der Technik in der Gasse, womit wir aufmachen wollten – wir malten das selbst auf zeitungsseitengroße Papiere. Wir rechneten nicht mehr in Manuskriptpapierseiten, sondern in Zeilen.

Oft schnappten wir jungen Redakteure uns diese Arbeit. Wir hatten gewittert, das wir damit Einfluss auf die Abläufe in der Redaktion gewinnen konnten: „Sie haben 20 Zeilen zu viel geschrieben“, konnten die Frechen unter uns plötzlich ihrem Lokalchef entgegenschleudern. Und auch die Redaktionsleiter, die uns dann ungehalten aus ihrem Zimmerchen komplimentierten, konnten den Prozess nicht aufhalten, der immer mehr Regeln, immer mehr scheinbare Notwendigkeit zur Genauigkeit und immer mehr äußere Zwänge in die Redaktionen spülte.

Unsere ersten Faxgeräte erschienen uns noch als Segen der Technik und Vorzeichen einer neuen Zeit: Mächtige Kisten mit langsam rotierenden Walzen, auf die wir unser Manuskriptpapier nach Abendterminen einspannten – ein Blatt nach dem anderen, pro Seite drei Minuten Übertragungszeit. Das klingt lang, ersparte bei Actualitas aber 60 Minuten rasender Fahrt in den Verlag. Das Wort „gestern Abend“ schmückte nun immer öfters unsere Texte. Was wir dabei verloren, merkten unsere Altmeister eher als wir jungen Kollegen: Hatten sie noch die Zeit gehabt, genossen und genutzt, beim berühmten Bier nach der Ratssitzung von den Kommunalpolitikern die wirklich spannenden Informationen gesteckt zu bekommen, so hetzten wir nun direkt nach Ende des Termin zum Schreiben in die Redaktion. Wir informierten nun schneller – und verloren genau dadurch Informationen.

Und das Unheil namens Technikfixierung, das Tausende von deutschen Lokalredaktionen inhaltlich schwächte, nahm weiter seinen Lauf. Die ersten Datensichtgeräte zum Schreiben von Texten wurden in Redaktionen aufgebaut. Grünäugige Kästen, die mit den Großrechnern im Verlag verbunden waren. Die immer wieder Texte auf Nimmerwiedersehen verschluckten. Die vielen gestandenen Lokalchefs den Schneid abkauften: Kommentarschlachten, Katastrophen und Skandale hatten sie gemeistert – die neue Technik machte ihnen Angst. Oder sie raubte ihnen zumindest Zeit oder Energie, die zu Lasten der Inhalte gingen. Das aber war schwer zu berechnen, ganz im Gegensatz zum eindeutig quantifizierbaren Vorteil der „rechnergesteuerten Textsysteme: Wenn wir unsere Texte nun an einem Siemens-Würfel statt an der „Monika“ schrieben, mussten sie nicht mehr gesetzt werden.

Und die grünäugigen Kameraden bekamen Kinder: Erste tragbare Computer wurden ausprobiert, aus denen Texte mit Hilfe von piependen analogen Modems an die Verlagstechnik übertragen werden konnten. Bald wurden auch erste Artikel nicht mehr in der Technik, sondern in der Redaktion gestaltet: Hier eine exakt berechnete Freifläche für das Bild, da und dort zwei Zwischenzeilen, natürlich ansprechend verteilt, und jetzt noch das „Hurenkind“ durch Längen oder Kürzen eliminieren. Diese Fummelarbeit machte meist kein Techniker, sondern fast immer ein Redakteur. Also jemand, der vorher König Content treu ergeben war.

All das muss in den 80er-Jahren Technikhändler ermuntert haben, Verlagsmanager auf Messen vorzurechnen, Zeitungen könnten viel Zeit und Geld sparen, indem sie mit Hilfe der neuen Technik das Bauen der Seiten in die Redaktionen verlagern. Die Verlage glaubten und taten das tatsächlich: Schritt für Schritt schwappte nun alles, was zum Realisieren von Zeitungsseiten nötig war, dorthin, wo vorher allein der Inhalt im Fokus stand.

Zwei Welten prallten nun aufeinander: Vor dieser Entwicklung war das System Lokalredaktion fast komplett auf das freie, oft leicht chaotische, im Ergebnis aber hoch wirksame Generieren von Content ausgerichtet. Nun wurde es, anfangs schleichend, dann massiv mit den wenig Spielraum zulassenden Zwängen des Seitenproduzierens befrachtet. Im Kern haben fast alle regionalen Zeitungsverlage damals faktisch den Redaktionspart ihrer Druckvorstufen in ihre Lokalredaktionen ausgelagert. Schleichend bauten damit fast alle Lokalredaktionen kleine Druckvorstufen auf. Viele Verlage hatten dann nicht mehr nur eine große Vorstufe für Anzeigen und Mantel, sondern Dutzende weiterer kleiner Druckvorstufen. Besetzt mit Redakteuren.

Wir jungen Journalisten fanden das einfach nur gut – weil wir davon profitierten. Die moderne Technik gab uns das Gefühl, hip zu sein. Mehr noch: Sie gab uns die Chance, sehr rasch Kompetenzen zu entwickeln, die unsere Chefs nicht hatten und wohl auch nicht haben wollten. Erst ergab sich eine Zweiteilung: Die meisten Lokalchefs schrieben weiter, junge Kollegen übernahmen faktisch Seitenproduktion, damit aber auch zunehmend die Redaktionsorganisation. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die früheren ersten Schreiber der Ausgabe zwar im Impressum noch oben, in der Redaktion aber nicht mehr im Zentrum standen.

Ein neuer Redakteurs-Typus war in Lokalredaktionen plötzlich gefragter: Jemand, der eher die Kniffe des Redaktionssytems als die Kontaktdaten von Informanten kannte, der lieber Körbchen voller Material überblickte als einer Region den Puls fühlte, der eher fünf Seiten netto produzieren als eine Reportage mit Rhythmus schreiben konnte. Und irgendwann sahen die nur schreibenden Redaktionsleiter, die großen Kommentatoren, die Edelfedern, die genialen Glossenschreiber alt aus. Oder sie waren tatsächlich so alt, dass sie – meist vorzeitig und, im Nachhinein betrachtet, auch vorschnell – in Ruhestand gingen.

Ihnen folgte eine neue Redaktion von Lokalchefs: Journalisten, die meist gezwungen sind, alles zu verkörpern oder zumindest alles organisieren zu können: Die Leitung ihrer Druckvorstufe namens Lokalredaktion – denn an der sauberen Produktion und pünktlichen Abgabe ihrer x Seiten werden sie von der Zentrale gemessen. Von der gewissenhaften Umsetzung der Layoutregeln bis zu den Dateigrößen der verarbeiteten Fotos. Hinzu kommt die journalistische Leitung ihrer Redaktion – was noch nie leicht war, heute aber so anspruchsvoll wie nie ist.

Das hat auch damit zu tun, dass mittlerweile die Mehrzahl der Lokalredakteure in Druckvorstufen-Redaktionen ausgebildet und groß geworden ist. Die Generation der Redakteure von 25 bis 50 Jahre wurde vor allem durch technische und organisatorische Prozesse in den Redaktionen wie Disposition, Seitenbauen, Arbeit am Bildschirm, Qualitätskontrolle, Spätdienst und Redaktionssystem geprägt – zumindest aber durch die Belastungen, die daraus für das journalistische Arbeiten resultieren.

Die Folgen waren schleichend, aber tief greifend – und sie halten an. Verkörperten früher Lokalchefs oder andere prägende Redakteure einer Lokalzeitung draußen ihre Zeitung, so sind heute Fotografen oder Freie Mitarbeiter oft dichter bei den Lesern. Redakteure, die Seiten bauen und für ihre Zentrale erreichbar sein müssen, können schlicht nicht mehr so viel draußen sein wie ihre einstigen Vor- und Ausbilder.

Hinzu kommt, dass viele Zeitungen die Zahl ihrer Lokalseiten massiv gesteigert und die Schwelle für ihre Berichterstattung ungut gesenkt haben. Früher war es auch im Lokalteil noch etwas Besonderes, in der Zeitung zu stehen – heute reicht vielfach gemeinsames Essen und Trinken, ein nettes Fest im Kindergarten oder eine Spende von 200 Euro, um mit einem seitenprägendem Bild im Lokalblatt zu erscheinen. Viele Redaktionen ertrinken in ihren selbst ausgelösten Termin- und Materialfluten, die Spirale eines nur mit viel Innendienst und vielen Freien Mitarbeitern noch leistbaren Terminjournalismus, der immer mehr Seiten benötigt, dreht sich immer schneller.

Nicht minder fatal: Viele Lokaljournalisten haben – oft ohne es zu wollen – verinnerlicht, dass die Prozesse der Redaktionsorganisation und der mittlerweile hoch komplexen Arbeitsabläufe einer Redaktion Priorität genießen. Sie haben sich daran gewöhnt, dass interne Abläufe und Anforderungen wie „viele Seiten“ und „viele Termine“ das Generieren von Inhalten einschränken. Zu oft regieren die Prozesse, nicht der Content.

Wo die Redaktionen diese folgenreiche Druckvorstufenarbeit unverändert zu stemmen haben, kommen Redakteure erkennbar zu selten zum Schreiben. Die meisten Redaktionen sind zwar besser besetzt als in den 70-er Jahren. Die technischen Aufgaben und die neuen Kanäle wie Online Classic und Social Media aber zehren diese Ressourcen wieder auf.

Vielerorts haben zumindest Chefredaktionen, teils auch Verlage erkannt, dass dieser Konstruktionsfehler behoben werden muss, wenn Lokalausgaben wieder thematisch fliegen können sollen. Verlage aber, die das Druckvorstufen-Dilemma etwa durch die Zentralisierung der Produktion an Regio-Desks beheben wollen, stoßen auf neue Probleme: Journalisten, die das technisch einwandfreie Realisieren einer bestimmten Zahl von Seiten und nicht das Generieren von relevantem Content als Kern und Maßstab ihres Wirkens kennen gelernt haben, werden nicht von heute auf morgen und einfach so zu Reportern, die eine starke Story nach der anderen liefern.

Der Themen-Windhund, den es in den Zeiten von Holzkiste und Bahnbus in jeder guten Redaktion gab, kommt nicht automatisch per Regio-Desk zurück. Auch Redakteure, die von der Fron des Seitenbauens befreit worden sind, verbringen noch immer zu viel Zeit in ihren Redaktionen. Telefonate statt Gespräche, Mails statt Kontakte, PR statt Stories. Statt der Zahl der qualifizierten Eigenbeiträge mutieren Honoraretats im Bewusstsein von Redaktionen zum Maß für das journalistisch Leistbare. Die alten Prozesse sind zu sehr antrainiert, die neuen Maßstäbe für den Wert der veränderten Arbeit sind zu diffus. Fünf sauber produzierte und pünktlich abgelieferte Seiten – diese Leistung ist klar zu bewerten. Was aber ist ein guter Text, ein guter Aufmacher? Und welche Chefredaktion sieht und würdigt solche Leistungen im Lokalen wirklich nachhaltig?

Viele Jahre war all das gleichwohl eher ein Thema für Branchentagungen als etwas, was auch auf dem Markt der regionalen Medienhäuser wahrgenommen wurde. Nun aber zeigt das Internet, wie sehr die Verlagerung der Druckvorstufen in die Redaktionen die Regionalzeitungen belastet. Seitdem man keine Rotationsmaschine mehr, sondern nur noch einen PC zum Publizieren braucht, geraten Lokalteile in ganz Deutschland von zwei Seiten aus unter Druck: bei den ganz einfachen Themen ebenso wie da, wo es journalistisch spannend ist.

Die Standardberichterstattung über Vereins-, Dorf und Stadtteilleben kann digital auch von Laien im Sinne der meist überschaubaren Zielgruppe schon längst schneller, besser und umfassender als von einer Zeitung geleistet werden. Ob Vogelschießen, Karnevalsumzug, Dorffest oder Vereinsausflug – wer will, kann seinem Verein, seinem Ort oder seinem Sprengel mit wenig Aufwand jetzt schon mehr Umfang und Tiefe als die örtliche Zeitung bieten. Die Profis drucken Tage später ein Bild, der Amateur veröffentlicht digital auf seiner Vereins-Site oder in seinem Dorfblog tagesaktuell eine ganze Strecke. So viele journalistische Bratwürste ein Lokalblatt auch grillt – es kann und wird dieses Kräftemessen auf Sicht nicht gewinnen.

Noch problematischer wird es für regionale Medienhäuser, wenn sie so viel Energie in den Standard oder in die Prozesse lenken, dass für wirklichen Journalismus nicht genug Zeit, Personal und Platz bleibt. Einige Jahre mag das daraus resultierende Vakuum verborgen bleiben, irgendwann aber füllt jemand anderes die Leere. Wenn eine Lokalzeitung ihrer Rolle nicht gerecht wird, übernimmt irgendwann ein Wochen- oder Anzeigenblatt die Führung bei heiklen Themen. Oder, und das ist immer öfter zu beobachten, Lokalblogs leisten das, was Lokalteilen zu oft fehlt: Hilfreicher Abstand zu den Mächtigen, Recherche, Dialog, Meinungsfreudigkeit, Dranbleiben, ja auch profiliertes Agieren von Autoren.

Natürlich: Oft geschieht das in Placeblogs (noch) unausgegoren oder unverhältnismäßig ruppig, bisweilen auch erkennbar laienhaft. Oft scheint auch nicht distanzhaltende Profession, sondern eher eine persönliche Leidenschaft, bisweilen gar eine egozentrische Mission Treibstoff eines örtlichen Blogs zu sein. Das aber wird sich ändern: Die Lokalblogs vernetzen sich bereits, gut ausgebildete junge Printjournalisten werden in dieses Metier wechseln, Naturbegabungen werden sich verstetigen – auch die Szene der regional berichtenden Blogs wird sich professionalisieren.

Lokal- und Regionalzeitungen, Lokalchefs und Lokalredakteure, die das unverstellt sehen, werden darauf reagieren – nicht mit Kleinmut, sondern mit den richtigen Entscheidungen:

Sie werden nicht noch mehr, sondern eher weniger Lokalseiten drucken – mit mehr Relevanz und weniger „Bratwurst-Journalismus“ (Hardy Prothmann).

Sie werden sich wieder darauf besinnen, für welche Themen es sich wirklich lohnt, „20 Tonnen Papier durch 100 Tonnen Stahl rasen“ zu lassen (Sascha Lobo).

Sie werden wieder Tipps, Stories und Geschichten, Vertrauliches, Ungehörtes und Unerhörtes in den Mittelpunkt ihres Wirkens rücken.

Sie werden es nicht mehr affig, sondern wichtig finden, möglichst viele ihrer Autoren zu Marken entwickeln.

Sie werden es als wunderbare Chance begreifen, dass es für den von ihnen generierten unikablen Content dank des Internets so viele und so spannende Verteilwege wie noch nie gibt.

Sie werden Spaß daran gewinnen, via Netz Leser weit außerhalb ihres angestammten Verbreitungsgebietes zu bekommen.

Sie werden wieder mehr mit Lesern und Usern sprechen als mit Landrat & Co.

Sie werden der Versuchung widerstehen, dem technischen Meistern des jeweiligen Verteilweges und der jeweiligen optischen Verpackung zu viel Zeit zu widmen.

Und sie werden mit Freude und Gewinn lernen und erfahren, dass Arbeit in Redaktionen wieder arbeitsteiliger organisiert wird, dass es Profis für das Generieren wie für das Verarbeiten und Publizieren von Inhalten gibt: Reporter und Blattmacher, Rechercheure und Optiker, Innendienstler und Vielschreiber, Schreiber und Redaktionstechniker. Statt universell ausgebildeter Redakteure, die alles machen müssen oder alles machen wollen. Und damit nichts wirklich richtig machen können.

Sie werden also den Content wieder zum König machen. Im wohl verstandenen Geist von Holzkiste und Bahnbus.

 

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Christian Lindner

 

Chefredakteur der Rhein-Zeitung (Koblenz/Mainz)

51 Jahre alt