Tageszeitungen bleiben lieber bei ihren Leisten

Tageszeitungen aus den USA machen gerade eine befremdliche Erfahrung: Da investieren sie fleißig ins Netz – und die Investitionen sind ein ziemlicher Flop. Eine Erfahrung, die vermutlich auch einige Kollegen in Deutschland kennen. Das Problem ist aber nicht das Netz. Man kann nämlich auch schlicht falsch investieren und entwickeln…“Read

Wie ich einmal versuchte, eine Zeitung zu abonnieren

Bisher dachte ich ja meistens über die Probleme deutscher Regionalzeitungsverlage, dass dies hauptsächlich eine Sache des Inhalts und damit der Redaktion ist. Aufzählen muss man das alles ja nicht mehr: mäßig inspirierte Mantelteile mit viel Agentur und wenig eigenem Antrieb, dazu Lokalteile, die man durchblättert – und das war es dann in den meisten Fällen auch schon wieder. Was aber, wenn die Probleme solcher Häuser tiefer gehen? So tief, dass sich eine erstaunliche Grund-Wurschtigkeit in die DNA des Verlags eingeschlichen hat, so tief, dass man Leser weniger für Kunden als für lästige Bittsteller hält? Und man denkt, Zeitung gebe es immer weiter – also eine Art Naturgesetz? “Read

Und am Wochenende ins Frauenhaus!

Die Tage mal stand eine dieser bedauernswerten Damen im Supermarkt, die den Kunden Probeabos für die Heimatzeitung freundlich nahelegen sollen. Weil ich aus früheren Zeiten bei einer Regionalzeitung noch ganz gut weiß, was das für ein schwieriger, noch dazu auf irgendwelchen Provisionen basierender Job ist und weil es mich außerdem merkwürdigerweise interessiert hat, habe ich unterschrieben: Zwei Wochen Probeabo einer Regionalzeitung, deren Name hier nix zur Sache tut.  Weil das, was ich da lese, vermutlich in nahezu jeder Regionalzeitung Deutschlands Alltag ist. Also, schauen wir uns mal durch: Alltag einer Zeitung, Anfang 2017.

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Print muss man sich leisten wollen…

Zweimal Print, einmal die selbe Idee: Die neuen Ausgaben der turi2-Edition und des Gagazins „Bock“ zeigen vor allem, in welchen Nischen gedrucktes Papier immer noch unschlagbar gut ist…

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„Bock“ ist auch in der zweiten Ausgabe geiler Scheiß. Meistens zumindest. Ein Interview mit Gunter Gabriel, fernab aller journalistischer Konventionen ist da drin, ebenso wie lustige Bock-Aufkleber, die man irgendwo aufkleben kann. Kurz: „Bock“ ist das sinnloseste Heft, das man sich vorstellen kann. Das macht die Sache ja so interessant. „Bock“ schreibt über Dinge, die man noch nie wissen wollte, bemüht sich erst gar nicht, irgendeinen Eindruck von journalistischer Relevanz zu erzeugen und ist damit wunderbar entspannend. Noch wichtiger: auf seine Art einzigartig. Und damit ein Sinnbild dafür, wie Print funktionieren kann.

Nämlich dann, wenn man ein Luxusprodukt in die Hand nimmt. Eines, für das man sich bewusst entscheidet, das man sich möglicherweise aufhebt in einem Regal oder einem Sammelordner. Kurz gesagt: als ein Kulturgut, das eben kein Internet ist. Für das man sich Zeit nimmt, weil man sich Zeit nehmen will. Und das kein Ambitionen hat, einer Aktualität hinterherzuhecheln, die einen ohnehin schneller überholt als man überhaupt „Print“ sagen kann.

Für 5 Euro jedenfalls ist Bock ein ziemlicher Spaß. Nur einen minimalen Schwachpunkt (sonst kann man ja das Kritisieren gleich bleiben lassen!) habe ich entdeckt: Eine Geschichte darüber, dass Fluss-Kreuzfahrten von Passau nach Wien mit einer Horde Rentner nicht wirklich witzig sind – Kinder, wer in der Redaktion hat denn die Idee durchgehen lassen? Das wäre selbst der „Passauer Neuen Presse“ zu langweilig – und ist somit der einzige echte Schwachpunkt im Heft.

Noch teurer aufwändiger und natürlich auch ambitionierter wird es in der dritten Ausgabe der Turi2-Edition. Die kostet mit 20 Euro das Vierfache, ist aber erneut ein opulentes Teil geworden. Das liest man gerne, noch lieber schaut man es sich an. Die Turis haben enorm viel Zeit, Aufwand und wahrscheinlich auch Geld in Fotografie gesteckt, ebenso in ein Design, bei dem man sich wünscht, bei der Webseite würde das Team ähnlich viel investieren. Überhaupt hat man den Eindruck, Peter Turi wäre lieber Print-Verlger als Herausgeber einer Webseite, aber das ist natürlich nur Spekulation…

Klar könnte man sich das alles auch in einer App anschauen. Will man aber nicht. Weil doppelseitige Fotos halt einfach doppelseitige Fotos sind. Und weil man Luxus in der Hand haben will. Praktischen und lesenswerten Kram habe ich in meiner digitalen Welt. Bock und Turi sind eher die Design-Ausstellungsstücke, die man sich gönnt, obwohl es aus praktischer Sicht nahezu keinen Sinn macht, sich das zu gönnen.

Ansonsten ist das Heftbuch seine 20 Euro schon alleine wegen der großartigen Silke Burmester wert, die wahrscheinlich sogar ihre Beobachtungen beim Trocknen von Wandfarbe so beschreiben könnte, dass man gefesselt dran bleibt und ab und an laut lacht. Wenn es jemanden gibt, der außerhalb aller elitären Filterbubbles elitären heißen Scheiß schreiben kann, dann Silke Burmester.

Hallo, Bock und Bulo – läutet was??

Print muss man sich leisten wollen

Das alles ist also ziemlich wunderbar. Und steht auf den ersten Blick im krassen Gegensatz zu dem, was auch auf dieser kleinen Seite immer wieder postuliert wird: Die Zukunft ist digital.

Tatsächlich ist das gar kein Widerspruch. Es gibt kein Medium, keinen Kanal, der per se zum Sterben verurteilt ist. Es gibt nur: falsche Inhalte für den richtigen Kanal. Ob man eine Tageszeitung noch sehr viel länger auf Papier drucken wird, bezweifeln inzwischen sogar die Verlage. Wie das mit Wochenzeitungen weitergehen wird, kann man diskutieren. Beides sind Medien, bei denen es immer noch mehr um die Information handelt.  Das kann man genauso gut – oder womöglich besser – auf einem mobilen Device bekommen. Großartige Fotos und lange Lesestücke aber, die man sich so einfach mal leisten will…

Und jetzt lege ich den Turi und den Bulo ins Regal und freue mich auf die nächsten Ausgaben…

Abgesang auf eine alte Idee

Die Tage herrscht gerade etwas Aufregung. Darüber, dass man jetzt schon ganze Zeitungsseiten für 200 Euro kaufen kann. Womöglich sogar noch für weniger. Dabei ist der Preis für eine Mantelseite nur ein Symptom. Dafür, dass das Konzept der regionalen Tageszeitung endgültig dem Ende entgegen geht. Der „Mantel“ in der Zeitung: Abgesang auf eine journalistische Idee aus dem vergangenen Jahrhundert.

Zeitung. (So war das mal: Zeitungsleser in München. (Foto: Jakubetz)

So war das mal: Zeitungsleser in München. (Foto: Jakubetz)

Jetzt also Köln, genauer gesagt: DuMont. Dort machen sie das, was sie derzeit nahezu überall machen. Es wird gerechnet, zusammengelegt, rationalisiert.  Vor allem da, wo sich Dinge zusammenlegen lassen. Man baut Desks, die ungefähr alles beliefern sollen. Sogar solche Sachen, von denen man noch vor nicht allzu langer Zeit gesagt hatte, dass sie nicht zusammenpassen: Abo-Zeitungen und Boulevard-Blätter beispielsweise. Und natürlich schaut man, ob man nicht zukaufen kann. Vor allem von diesen Einheiten, die sich als Zulieferer verstehen: Redaktionsnetzwerke und andere Zentral- und Gemeinschaftsredaktionen. Die Idee dahinter ist eine betriebswirtschaftliche: Je öfter eine einmal zusammengebaute Seite verkauft wird, desto rentabler. Was völlig legitim ist, auf der anderen Seite aber zu einer paradoxen Situation führt: Für 200 oder weniger Euro kann eine durchschnittliche deutsche Tageszeitung eine Mantelseite nicht herstellen. Ist es da ein Wunder, wenn man sich von solchen Angeboten aus Hannover oder Berlin gerne ködern lässt?

Wer den Mantel macht, spielt kaum eine Rolle

Aber diese 200-Euro-Sache ist nur eine Seite. Der betriebswirtschaftliche Aspekt spiegelt auch etwas anderes wider. Nämlich die schwindende Bedeutung und den damit stetig sinkenden Wert eines Mantelteils. Gemacht wird er nur noch für die, die seit gefühlten 100 Jahren eine Regionalzeitung lesen und deswegen ihre Politik, ihre Wirtschaft, ihren Sport auch haben wollen. Für alle anderen ist er das uninteressanteste, was man sich nur vorstellen kann. Ein leicht uninspirierter Mix aus Agenturgeschichten und Korrespondentenberichten aus der ganzen Welt. Dass man das schon lange digital-elektronisch hat lesen können, geschenkt. Die Regionalblätter sitzen da also in der Falle: Das Netz, das Fernsehen, das Radio sind schneller. Die Qualität von eigenen Geschichten wie in der SZ oder in der FAZ bekommt man naturgemäß nicht hin. Was also läge näher als die Idee, den Mantel zwar noch anzubieten, ihn aber so kostengünstig wie möglich produzieren zu lassen?

Und mal ganz ehrlich: Welchen Unterschied macht es, ob jetzt der Redakteur, der dpa-Geschichten zusammenschraubt, in Hannover, in Berlin oder in Passau oder Bielefeld hockt? Die publizistische Vielfalt, die in diesem Zusammenhang gerne beschworen wird, besteht jedenfalls nicht darin, dass möglichst viele unterschiedliche Menschen Agenturen redigieren.

Wäre es aber angesichts dieser Umbrüche nicht konsequent, man würde den Mantel einfach abschaffen? Die Forderung, Reportagen auf die Eins und möglichst viel Lokales nach vorne zu holen, die gibt es immerhin schon lange. So lange, dass man behaupten darf: Mit dem Netz und der Digitalisierung der Welt hat das nichts zu tun. Tatsächlich aber wird es den Mantel und damit die Tageszeitung bekannter Prägung schon noch eine ganze Zeit geben. Einfacher Grund: Menschen, die heute noch eine regionale (gedruckte) Tageszeitung lesen, die machen das bewusst. Und aus mehr oder weniger guten Gründen. Man würde also den treuen Zeitungsleser reichlich verstören, würde man ihm heute ein radikal anders gemachtes Blatt hinlegen. Zeitungsleser sind eine extrem konservative Klientel: ein paar Änderungen an Spaltenbreite und Schriftgröße ziehen schnell wüste Beschimpfungen und die beliebte Drohung mit der Abo-Kündigung nach sich.

Der Mantel muss bleiben – weil die Zeitung auch noch ein bisschen bleibt

Ist das nicht ein Widerspruch zum Medienwandel? Und zu dem auch auf dieser kleinen Seite immer wieder gepredigten Notwendigkeit zur Veränderung? Nein, nur auf den ersten Blick. Stattdessen müsste die Idee einer intelligenten Strategie erst einmal die Erkenntnis sein, dass man mit dem Produkt einer gedruckten Tageszeitung eine immer kleiner werdende Kundschaft erreicht (an dieser Stelle dürfen Sie sich jetzt gerne darüber streiten, ob das gedruckte Blatt ganz, halb oder nur ein bisschen untergehen wird). Klar aber ist: Das Produkt, mit dem man eine strategisch-journalistische Ernährung betreibt, wird keineswegs die Zeitung sein.

Anders gesagt: Noch ist die Zeitung ein Umsatzbringer. Sie hat als solcher aber keine große Zukunft mehr. Wenn man also in diesem Markt übereben will: Entwickeln Sie ein tolles Produkt! Eines mit viel Journalismus! Und packen Sie es dann sonstwohin – aber drucken Sie es nicht mehr auf Zeitungspapier! In der Autoindustrie wissen sie schließlich auch, dass der gute, alte Diesel ein Auslaufmodell ist…

Nicht aufregen also, wenn Verlage sich dafür entschieden, ihre Zeitung weitgehend so zu lassen, wie sie ist (einschließlich eines Mantels, den man aus Sonstwo zukauft). Das muss nicht mal eine schlechte Idee sein. Der Kampf um die Zukunft wird ganz woanders entschieden.

Lokaljournalismus: Es bleibt, wie es ist

Als ich mein Volontariat bei einer kleinen Tageszeitung in Niederbayern absolviert habe, war allen Beteiligten klar: Lange geht das so nicht mehr weiter mit dem Lokaljournalismus.

Wir, das waren gleichermaßen: Leser und Journalisten. Beide ahnten wir, dass das alles schon sehr speziell ist. Dieses ständige „alles ist gut“, das mantra-artige „Aufsteigerregion Niederbayern“ (eine sehr schöne PR-Leistung der CSU, so einen Begriff in den Sprachgebrauch zu etablieren). Der Terminjournalismus, die Vereinsberichterstattung. Die grässlichen Fotos, das gestelzte Deutsch, das…ach, Sie wissen, was ich meine, wen Sie sich jemals einen durchschnittlichen deutschen Lokalteil zu Gemüte geführt haben.

Das alles ist mittlerweile ziemlich genau 30 Jahre her. Die Vokabeln, mit denen man Lokaljournalisten belegt, sind oft noch dieselben. Bei den einen mehr und bei den anderen weniger verdient hört man immer noch: Terminjournalismus. Heile-Welt-Journalismus. Gar-kein-Journalismus. Vermutlich gibt es nach wie vor nur wenige Lokalredakteure, deren Blatt nicht schon mal als „Käseblättchen“ geschmäht wurde. Und das unfassbar dämliche Argument, unfassbar dämliches Zeug ins Blatt heben zu sollen, existiert auch immer noch: Ihr bringt doch sonst auch jeden Schmarrn!

Kurz gesagt: Es hat sich nicht so viel Grundlegendes geändert seit 1986.

Das Phänomen Lokaljournalismus

Der Lokaljournalismus, zumal der gedruckte in der Tageszeitung, ist ein echtes Phänomen in Deutschland.  Mitten in den größten Umbrüchen  ist er erstaunlich veränderungsresistent. Und, das ist besonders verblüffend: offenbar von den Nutzern nicht anders gewollt. Das widerspricht zwar ungefähr allem, was man in Seminaren und Panels und Blogs so liest und hört, ist aber ähnlich wie beim Teletext: Auch der sieht ja immer noch so aus wie in seinen Gründertagen. Würde man ihn modernisieren wollen, es gäbe vermutlich einen Aufstand bei den Nutzern.

Wenn es um Lokaljournalismus geht, sind die Nutzer in Deutschland ein  konservatives Volk. Nach wie vor stehen Lokaljournalisten nicht gerade an der Spitze der Ansehens-Skala. Und unverändert gilt der Lokaljournalismus vielen als etwas, was zwar irgendwie notwendig, aber kein richtiger Journalismus ist. Lokalzeitung? Hat man halt, findet sie aber so sexy wie ein paar alte Socken.

Dam müsste es doch mit dem Teufel zugehen, würde man im Zeitalter der hemmungslosen Digitalisierung nicht auch diese ganzen verstaubten Käseblättchen vom Markt fegen und durch irgendwas Hippes ersetzen können. Apps beispielsweise. Oder Blogs. Oder irgendwas mit sozialen Netzen.

Lokales im Web? Eher unwichtig.

Und dann wirft man einen Blick auf die neuesten Zahlen von Bitcom – und man staunt: 41 Prozent informieren sich gar nicht über das Lokalgeschehen im Web. Von den verbliebenen 59 Prozent, die es doch tun, entscheiden sich 28 Prozent für die Webseite einer Lokalzeitungen. Die gehypten Lokalblogs hingegen bringen es nur auf 20 Prozent. Und auch alle anderen Anbieter, Stadtmagazine oder Lokalsender, landen mit ihren Webangeboten hinter den Lokalzeitungen.

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Das ist nicht nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Zu erklären ist er kaum, zumindest dann nicht, wenn man Menschen so reden hört über ihre Lokalredaktionen. Trotzdem gibt es eine Erklärung: Lokalzeitungs-Leser sind enorm geduldige, man könnte auch sagen: träge Kunden. Bis jemand seine Lokalzeitung abbestellt oder zur Konkurrenz wechselt, muss schon viel passieren. Mit der trägen Treue von Lesern der Lokalblätter können bestenfalls noch Banken konkurrieren, die sich ebenfalls enorm anstrengen müssen, bis sie einen Kunden zur Kündigung treiben.

Kein ganz neues Phänomen übrigens: Der Markt der Lokalzeitungen ist in Deutschland schon seit Jahrzehnten kein echter Markt. In vielen Regionen Deutschlands existieren De-facto-Monopole, die nicht mehr aufzubrechen sein werden. Wer seine Claims in einer Region abgesteckt hat, der ist dort meistens medialer Alleinherrscher.

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Tageszeitungen in Deutschland. (Grafik: ZMG)

Umgekehrt: Gerade in den letzten 12 Monaten hat sich die Euphorie um Lokalblogs deutlich abgekühlt (und ich gebe zu: Ich hatte deren Potential auch deutlich größer eingeschätzt). Tatsächlich nehmen viele ein Lokalblog gerne als zusätzliches Informations-Angebot mit, sind aber nur selten dazu bereit, dafür auch Geld auszugeben. Noch gravierender: Anzeigenkunden. Die meisten von ihnen kommen mit ihren Regionalblättern vor Ort leidlich aus, lokale Blogs sind für die meisten eine zu vernachlässigende Größe.

Der Kritiker als Nestbeschmutzer

Zumal es speziell im Lokaljournalismus noch ein weiteres Phänomen gibt, das jeder kennt, das es eigentlich nicht geben dürfte – und über das deshalb öffentlich eher weniger gesprochen wird: Natürlich wollen wir alle kritischen und unabhängigen Journalismus. Aber bitte, wenn es das um das eigene Revier geht, da wird dann aus dem kritischen Journalisten schnell ein Nestbeschmutzer. Und so genau will man es ja auch gar nicht wissen, wenn es um die eigene Haustür geht. Würde man sich also als alternatives Lokalmedium irgendwie gegen die Vorstellung der meistens heilen Welt positionieren, man könnte ebenso gut vorsorglich Insolvenz beantragen.

Es ist deshalb keine gewagte Prognose: Neben dem Teletext wird auch der (gedruckte) Lokaljournalismus von den Veränderungen durch die Digitalisierung weniger spüren als viele andere.

Die Vorstufe zum Zeitungssterben

Drastischer Personalabbau, massive Kosteneinsparungen:  Was wir momentan mal wieder erleben, ist die Vorstufe zum großen Zeitungssterben. Wer die Hälfte seines Personals vor die Tür setzen muss, steht kurz vor der Kapitulation.

Das ist ja mal wirklich lustig: Da sucht man verzweifelt nach einer Lösung für dieses Monstrum namens Zeitungskrise – und dann liegt sie direkt vor der Nase. Man sieht quasi den Wald vor Lösungs-Bäumen nicht. Und wie einfach das geht! Da wäre man echt nicht drauf gekommen…

Die Lösung für die Probleme der Tageszeitungen geht also so: sparen! Einfach mal eben weg mit ungefähr der Hälfte des Personals, die Kosten für Inhalte reduzieren, indem man einfach nicht mehr dieses ganze exklusive Zeugs nimmt – und schon sind die Kosten so gesenkt, dass am Ende ein Gewinn fast zwangsläufig stehen muss. Betriebswirtschaft für Einsteiger, das müsste sogar ein Student im 2. Semester verstehen.

Ja, so einfach ist das, wenn man sich momentan umschaut bei einigen der leicht gebeutelten Tageszeitungen im Lande. Das Dumme ist nur: Würde ein Student im 2. Semester solche Lösungsvorschläge anbieten, man würde sie ihm vermutlich heftig um die Ohren hauen. Vermutlich sogar mit Recht. Trotzdem gibt es momentan allen Ernstes Verlage, die sich nach bekanntem Merkel-Idiom („Alternativlos!“) so aus ihrer Lage zu winden versuchen.

Da ist zum Beispiel die „Abendzeitung“ in München, die noch vor ein paar Monate insolvent war. Und in einer derart schwierigen Lage, dass ihr damaliger Eigentümer Johannes Friedmann die Lage mehr oder weniger als aussichtslos beschrieb. Jetzt, nicht einmal ein halbes Jahr später, gehört das Blatt dem Straubinger Verleger Martin Balle – und der hat die marode AZ innerhalb allerkürzester Zeit wieder in die Gewinnzone gebracht, zumindest nach seinen eigenen Angaben. Das Rezept? Belegschaft erheblich reduzieren, Produktionskosten und Auflage senken, schon rechnet sich die ganze Sache wieder. Was eigentlich nur zwei Schlüsse zulässt. Entweder waren bei der „AZ“ in den letzten 15 Jahren ausschließlich Stümper am Werk, die allesamt die einfache Lösung nicht gesehen haben. Oder man zweifelt Balles Darstellung von der wundersamen Wandlung der AZ ein bisschen an. Zumindest eines kann man festhalten, auch ohne Balle allzu böse gesonnen zu sein: In irgendeiner Weise publizistisch aufgefallen ist das Blatt seither nicht mehr. Balle dürfte das als Kompliment verstehen. Muss man aber nicht.

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In Münster wiederum steht seit gestern fest, dass die dortige „Münsterschen Zeitung“ ebenfalls den Balle-Weg gehen wird. Soll heißen: Belegschaft um mindestens 50 Prozent reduzieren, Kosten senken, wo es nur geht, Inhalte irgendwie zukaufen. Anders werde man nicht mehr überleben können, sagt der dortige Verlag mehr oder weniger unverblümt. Eine Aussage, die es vor kurzem auch schon aus Darmstadt gab, wo das dortige „Darmstädter Echo“ personell so zusammengestutzt wird, dass man bestenfalls noch von einer Notbesetzung sprechen kann. Auch in Münster und in Darmstadt wird man mehr oder weniger versuchen müssen, was die „Abendzeitung“ in München vorexerziert: mit so wenig Personal und so geringen Kosten wie nur möglich noch so etwas Ähnliches wie eine Zeitung zu produzieren. Vermutlich wird man auch von dort bald erste Meldungen hören, dass sich die Lage stabilisiert und es alles in allem wieder aufwärts geht.

Und vielleicht wird das sogar so sein. Als sehr, sehr kurzfristiger Effekt.

Aber am Ende sind diese Sparmodelle leider nur die Vorstufe zum endgültigen Untergang. Weil diese Zeitungen damit auch die letzten Spurenelemente einer eigenen Identität verlieren. Weil sie Journalismus nur noch als Informationsattrappe anbieten können. Keine Redaktion dieser Welt würde es überstehen, wenn man sie mal eben halbiert – und dann von ihr verlangt, mindestens genauso gut wie vorher zu arbeiten.

Und überhaupt, was heißt schon „genau so gut“? Eigentlich müsste das jeweilige Blatt ja besser werden. Es gibt schließlich Gründe dafür, dass diese Zeitungen in der Lage sind, in der sie sich jetzt befinden. Man müsste also das Blatt als solches überarbeiten, anpassen, besser machen, modernisieren. Und man müsste in eine digitale Zukunft investieren. Nicht nur finanziell, sondern auch personell. Was wieder nur schwerlich möglich ist, wenn man gerade eben die halbe Belegschaft vor die Tür gesetzt hat.

Natürlich, wo es kein Geld mehr gibt, das man investieren kann, ist diese Sparpolitik und die Hoffnung darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird, die vermutlich letzte Option. Wahrscheinlicher ist allerdings leider, dass wir momentan bei nicht ganz wenigen Regionalzeitungen die nächste Eskalationsstufe erleben – bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Eskalation dahingehend, dass Investitionen nicht mehr möglich sind, dass es keine Innovationen mehr gibt, dass am eigentlichen Kerngeschäft massiv gespart werden muss, während die digitale Konkurrenz wächst und wächst.

Was das wiederum in der Konsequenz bedeutet, kann jeder BWL-Student im 2. Semester erklären.

Aus dem Leben einer Zeitung

Print lebt? Wenn man sich mal ungeschönte Einblicke in das Innenleben gibt, dann könnte man auch zu anderen Rückschlüssen kommen. Willkommen bei der Geschichte einer deutschen Musterzeitung…

Vor kurzem habe ich mich mit jemandem unterhalten. Einem Redakteur einer Tageszeitung. Um welche Zeitung es geht, ist völlig unerheblich. Ich erzähle einfach mal nur die Geschichten aus dieser Zeitung. Wer sich nicht angesprochen fühlt, prima. Wer sich angesprochen fühlt, darf gerne hier mit diskutieren. Oder wenigstens sich ein paar Gedanken machen. Schon alleine deshalb, weil ich die Geschichten nicht kommentiere, sondern nur wiedergebe. Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, bleibt jedem selbst überlassen…

Die Zeitung

Nennen wir sie einfach: die Musterzeitung. Sie ist nicht riesengroß, aber auch nicht ganz klein. Sie erscheint irgendwo in Deutschland. Nicht in einer Großstadt, sondern in der Struktur einer klassischen Regionalzeitung. Das bedeutet: Eine größere Mantelredaktion am Erscheinungsort, diverse mittelgroße und kleine Lokalredaktionen draußen auf dem Land. Die Region, in der sie erscheint, ist weder besonders arm noch übermäßig reich. Es gibt keine Auffälligkeiten, außer denen, die man aus dem Deutschland des Jahres 2014 kennt: Tendenziell ist auch hier der demographische Wandel spürbar. Von einer Landflucht zu sprechen, wäre übertrieben, aber die Tendenz, dass vor allem jüngere und gut ausgebildete Menschen eher der nächsten Großstadt zuneigen, ist unverkennbar. Von wenigen kleinen Randgebieten abgesehen ist das Blatt ein klassischer Monopolist. Natürlich gibt es auch hier die großen überregionalen Blätter, aber wer lokale und regionale Informationen haben will, kommt an unserer Musterzeitung nicht vorbei. Ihren höchsten Auflagenstand erreichte sie Ende der 80er-Jahre. Seitdem geht es sehr langsam, aber eben auch sehr kontinuierlich bergab. Nicht dramatisch, das. Und auch nicht über dem Durchschnitt liegend, irgendwo zwischen 1 und 2 Prozent pro Jahr. Die Rubrikenmärkte haben sich allerdings in den letzten Jahren beinahe in Luft aufgelöst. Seither verringert die Musterzeitung beständig ihre Umfänge und erhöht ihre Abopreise. Das Verhältnis zwischen Anzeigen- und Vertriebserlösen hat sich speziell in den vergangenen Jahren deutlich zu Lasten der Anzeigenerlöse gewandelt. Soll heißen: Der Anteil der Vertriebserlöse ist deutlich gestiegen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.

Natürlich betreibt unsere Musterzeitung ein Onlineangebot. Sogar schon vergleichsweise lange. Und nicht mal ganz schlecht. Es ist sicher nicht gerade state of the art, aber umgekehrt hat man auch schon sehr viel schlechtere Angebote gesehen. Das Angebot steht auch deshalb bisher ganz stabil da, weil es, im Gegensatz zu anderen Regionen, noch keine hyperlokalen Angebote gibt, mit denen es konkurrieren müsste. Zudem gibt es auch eine Smartphone-App. Über eine App für Tablets wird nachgedacht, bislang aber gibt es noch keine. Immerhin aber kann man die Musterzeitung auch digital als PDF kaufen.

Die Chefredaktion

Unsere Musterzeitung hat eine mehrköpfige Chefredaktion, die auch als Musterchefredaktion einer Regionalzeitung durchgehen könnte. Mehrheitlich stammen ihre Mitglieder aus der Region und sind großteils auch Eigengewächse des Hauses, die Land, Leute und ihr eigenes Haus aus dem Effeff kennen. Oder wenigstens: kennen sollten. Sie alle sind klassische Zeitungsmacher. Erfahrungen in anderen Medien oder auch anderen Häusern besitzen sie überwiegend nicht. Der Chefredakteur würde keinesfalls bestreiten, dass das Internet wichtig ist, hat aber keinerlei Expertise in diesem Bereich. Böse Zungen in der Redaktion behaupten, sein digitales Können ende beim Schreiben einer Mail. De facto also kümmert er sich um die Zeitung. Für das Onlineangebot gibt es einen eigenen Verantwortlichen, der aber weder in die Chefredaktion noch in andere relevante Entscheidungsstrukturen des Hauses eingebunden ist.

Die inhaltliche Vorgabe der Chefredaktion ist ebenfalls deutlich. Klassisch-konservativ. Der Mantel steht vorne. Die Lokalteile sind im Regelfall im letzten Buch. Es gibt im Mantel Seiten für das Bundesland und die dortige Region. Dort können immer wieder Themen aus den jeweiligen Lokalredaktionen untergebracht werden. Zudem hat die Chefredaktion in den vergangenen Jahren auch immer wieder versucht, Themen mit regionalem Bezug zu kommentieren. Dennoch dominiert in den Kommentaren die große Politik.

Die Redaktion

Man tut der Redaktion gewiss nicht unrecht, wenn man sie als eine Art Zweiklassen-Gesellschaft bezeichnet. Es gibt die Minderheit der Mantelredakteure, die sich selbst statusmäßig eindeutig über den Lokalredakteuren ansiedelt, obschon letztere nicht nur die Mehrheit stellen, sondern auch jeden Tag das Kerngeschäft stemmen. Das allerdings ist das journalistische Schwarzbrot, wirkliche Meriten verdient man sich im Haus damit allen gegensätzlichen Beteuerungen zum Trotz aber nicht. Wer was werden will, sieht zu, dass er in den Mantel kommt. Wer länger als zehn Jahre im Lokalen sitzt, kann sich fast sicher darauf verlassen: Da bleibt er dann auch.

Der Kern der Redaktion ist schon lange dabei. 20, 25 oder 30 Jahre Betriebszugehörigkeit sind keine Seltenheit. Daneben gibt es Volontäre und jüngere Redakteure, wobei in den letzten Jahren aber zwei Trends auffällig geworden sind. Zum einen: Volontariate bei der Musterzeitung sind bei weitem nicht mehr so begehrt, wie sie es einmal waren. Es ist auch schon vorgekommen, dass Volo-Planstellen mangels geeigneter Kandidaten nicht besetzt werden konnten. Hinter vorgehaltener Hand beklagt sich die Redaktion auch schon mal darüber, dass die Volontäre, die in den letzten Jahren im Haus waren bzw. sind, bei weitem nicht mehr die Qualität haben, die sie früher hatten. Als Ursache sieht auch die Redaktion vor allem, dass ein Regionalzeitungs-Volontariat für eine digital aufgewachsene Generation nicht mehr so richtig sexy ist. Daraus resultiert auch ein zweiter Trend: Im Gegensatz zu früher verabschieden sich Volontäre gerne nach ihrer Ausbildung oder nach kurzem Aufenthalt als Jungredakteur. Die Gewissheit, während der Volontariate auch die Belegschaft der Zukunft auszubilden, existiert nicht mehr.

Ob die Redaktion überaltert ist, ist sicher Auslegungssache. Fakt aber ist: Das Durchschnittsalter in der Redaktion unserer Musterzeitung liegt bei deutlich über 40. Im Kern arbeitet sie schon viele Jahre zusammen und hat auch nur in den seltensten Fällen Zuwachs von außen. Den meisten in der Redaktion ist auch anderes klar: Zum einen haben sie sehr häufig feste Wurzeln in der Region geschlagen und wollen von dort auch gar nicht mehr weg. Zum anderen ist ihnen – auch dadurch bedingt – durchaus klar, dass ihre beruflichen Perspektiven eingeschränkt sind. Wer 15 oder 20 Jahre im selben Laden und zudem aus privaten Gründen weitgehend ortsgebunden ist, kann sich leicht ausrechnen, welche berufliche Möglichkeiten er hat – noch dazu in einer Region, in der es zumindest für den Journalisten-Job so gut wie keine Alternativen gibt. Dazu sind in den vergangenen Jahren diverse interne Dinge passiert, die das Verhältnis der Redaktion zu ihrem Arbeitgeber nicht unbedingt gefördert haben.  Wenn man also von einer mäßig motivierten Redaktion spricht, tut man niemandem Unrecht.

Diese mäßige Motivation führt auch dazu, dass das Interesse an digitalen Themen wenig ausgeprägt ist. Und selbst dann, wenn die Motivation besser wäre, ist die viel geforderte Crossmedialität in der Praxis kaum umzusetzen. In vielen Redaktionen ist das Personal so ausgedünnt, dass zusätzliche Beiträge für digitale Kanäle in der Praxis nicht machbar sind. Oder aber: nur unter erheblichem zeitlichen Mehraufwand. Den will der Verlag zum einen aber nicht vergüten, zum anderen – siehe Motivation…

Dazu kommt, dass auch die Expertise von Chefredaktion und Geschäftsführung in Sachen Online kaum vorhanden ist. Weder existiert digitaltaugliches Equipment, noch gibt es inhaltliches Know-how. Einige wenige Versuche beispielsweise mit eigenen Videos führten nicht gerade zu Begeisterungsstürmen. Weder in der Redaktion noch bei den Lesern. In den sozialen Netzwerken ist die Redaktion zwar vertreten, das aber eher pflichtschuldig. Wirkliche Interaktion findet kaum statt. Beiträge auf der Facebook-Seite bringen es angesichts dessen nur selten auf mehr als zwei oder drei Kommentare. Der Twitter-Account schafft es auf einen Bruchteil dessen, was in Deutschland echte Netzgrößen haben; von einer fünfstelligen Followerzahl ist man weit entfernt.

In den meisten Lokalredaktion regiert der Terminjournalismus. Nicht etwa, weil die Redakteure dort nicht wüssten, dass und wie es auch anders ginge. Es ist die schlichte Personalnot, die die meisten Eigeninitiativen verhindert. Häufig müssen nominell drei oder vier Leute sowohl ihre Stadt als auch die umliegenden Gemeinden betreuen. Nominell drei oder vier bedeutet in der Praxis: Manchmal ist man wochenlang zu zweit. Urlaub, Krankheit, Weiterbildungen (doch, das gibt es manchmal noch), Abbau freier Tage von den Wochenenddiensten. Bei zwei Leuten kann man sich schnell ausrechnen, welche Möglichkeiten man noch hat, einen Lokalteil zu gestalten: die wichtigsten Termine wahrnehmen, Fremdtexte redigieren, Blatt machen – das war´s. Nicht sehr viel anders ist die personelle Lage auch in den größeren Lokalredaktionen. Und auch im Mantel nicht. Was dort wiederum bedeutet: Die dpa dominiert das Blatt, alles andere ist eine nette Zugabe, aber nur an guten Tagen oder zu besonderen Anlässen machbar.

Die Geschäftsführung

Besteht aus klassischen Verlagsleuten. Die ihr Kerngeschäft vermutlich sogar einigermaßen gut beherrschen, aber auf die Herausforderungen der Digitalisierung keine echten Antworten haben. Die Strategie der letzten Jahre bestand deshalb in den vergangenen Jahren vornehmlich aus Kostensenkungen. Eine eigene Stabsstelle für digitale Strategien und/oder Innovationen existiert nicht; darüber wird aktuell auch nicht nachgedacht.

Die Anzeigenabteilung

Ein beträchtlicher Teil der Menschen, die inzwischen „Mediaberater“ genannt werden, wird auf Provisionsbasis bezahlt, zumindest teilweise. Nachdem sich diese Provisionen an den Verkaufspreisen bemessen und diese immer noch bei Printanzeigen ungleich viel höher sind als bei Onlinewerbung, kann man sich leicht ausrechnen, wie groß das Interesse der Mediaberater ist, auch weiterhin in erster Linie die gute alte Anzeige zu verkaufen. Davon abgesehen hat der Verlag bisher online auch kaum wirklich lukrative Angebote in petto. Zumal auch bei der Anzeigenabteilung gilt: Die allermeisten von ihnen sind klassische Printmenschen, für die online bestenfalls noch ein Zusatzgeschäft ist.

Das Publikum

Drastisch gesagt: Vorne stirbt es aus, hinten kommt fast nichts mehr nach. Die klassischen Leserverluste sind nicht die, bei denen jemand empört oder wenigstens unzufrieden das Blatt abbestellt. Die meisten Leserrückgänge passieren inzwischen viel unspektakulärer: Jemand stirbt oder kann aus anderen altersbedingten Gründen die Zeitung nicht mehr lesen.  Doch wo früher schon wie selbstverständlich die nächste Lesergeneration parat stand, die von Oma und Opa das Abo quasi übernahm, ist heute – nichts mehr. Gerade das jüngere Publikum erachtet die Lokalzeitung zunehmend als verzichtbar; nicht nur, aber auch aus Kostengründen. Dazu kommt, dass es zunehmend mehr junge Leser gibt, die schlichtweg mit dem Datenträger Papier nichts mehr anfangen können. Zumal auch jüngere Themen angesichts der Altersstruktur in der Redaktion kaum gemacht werden und sich jüngere Leser somit zunehmend weniger im Blatt wiederfinden.

Das Fazit

Wie gesagt, seine Schlussfolgerungen darf aus dieser Bestandsaufnahme jeder selbst ziehen.  Ich habe mich intensiv bemüht, auch auf der Haben-Seite unserer Musterzeitung einiges zu entdecken. Ich habe aber beinahe nichts gefunden. Aber vielleicht sehe ich das ja auch nur zu düster. Wer mehr als ich auf der Haben-Seite sieht: In den Kommentaren ist noch reichlich Platz dafür.

Den Spiegel vorgehalten

Spiegel 3.0 oder doch alles wie gehabt? Der Showdown in Hamburg steht sinnbildlich für eine ganze Branche. Weil sie durch die Debatten dort selbst einen Spiegel vorgehalten bekommt…

Natürlich ist es immer ein ganz besonderes Spektakel, wenn es beim „Spiegel“ um Köpfe geht. Vor allem wenn es der des Chefredakteurs ist. Der „Spiegel“ hat eine ganz besondere Begabung für Drama. Und wenn sie in Hamburg gerade mal wieder Drama-Tage haben, dann schaut nicht nur Mediendeutschland hin. Das ist auch diesmal nicht anders, zumal Wolfgang Büchner der ganzen Sache einen ganz besonderen Thrill gegeben hat: Das ist so ein bisschen wie „High Noon“, was sie da gerade an der Ericusspitze spielen. Für Medien und ihre Journalisten ist das ein ganz besonders gefundenes Fressen, weswegen die Medienressorts momentan von zwei Fragen dominiert sind: Wie lange macht´s der Büchner noch? Und ist das nicht sensationell, wie der „Spiegel“ das Thema digitale Transformation einfach nicht gebacken bekommt?

Dabei ist der „Spiegel“ in dieser Digitalgeschichte gar kein spezieller Einzelfall. Er steht vielmehr stellvertretend dafür, wie ungeheuer schwer sich die ganze Branche immer noch damit tut, die Grundlagen für eine gesicherte digitale Zukunft zu schaffen. Besonders lustig ist es dann, wenn Michael Hanfeld in der FAZ mutmasst, diese ganze Sache in Hamburg könne noch ein böses Ende nehmen. Das eigene Haus hat unterdessen gerade im zweiten Jahr in Folge bemerkenswerte Millionenverluste geschrieben und als Vorreiter einer plausiblen Digital-Strategie haben sie sich in Frankfurt bisher auch noch nicht hervorgetan. Dass dort mittlerweile ein gewesener Spiegel-Chefredakteur die digitalen Geschäfte managt, ist eine hübsche Fußnote. Man müsste den Herrn Müller-Blumencron mal fragen, ob er sich in Frankfurt wirklich wesentlich leichter tut als in Hamburg. Von außen betrachtet müsste man vermutlich sagen: nein.

Beim Verlagsriesen Funke in Essen haben sie zwischenzeitlich nicht nur eine Unit für digitale Projekte gegründet, sondern gleichzeitig auch noch jemanden berufen, der sich um „Innovationsmanagement“ kümmern soll. Das ist als Idee grundsätzlich nicht zu kritisieren. Man würde nur gerne anmerken, dass wir mittlerweile 2014 haben und die Idee einer Stabsstelle für Innovationsmanagement im Jahre 20 der Digitalisierung ganz sicher keine Sekunde zu früh kommt.

Im Gegenteil: Bei Funkes sind sind sie zwar vielleicht ein bisschen spät dran, immerhin aber haben sie jetzt so etwas. Das ist immer noch eher die Ausnahme denn die Regel, was man auch an der Tatsache ermessen kann, wie aufgeregt die Branche hyperventilierte, als die SZ in diesem Jahr ihren Online-Chefredakteur zum Mitglied der Chefredaktion machte. Das war ganz sicher eine kluge Entscheidung, noch dazu, wo man mit Stefan Plöchinger einen der Besten der Branche im Haus hat. Trotzdem ist es verblüffend, dass eine solche Personalie immer noch so diskutiert wird, als wenn sich die SZ entschieden hätte, fortan in kyrillisch zu erscheinen. Weil es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste, sowohl das Thema Innovationen explizit zu besetzen als auch eine Online-Redaktion und eine Print-Redaktion irgendwie miteinander zu verzahnen. Davon sind die meisten, die sich jetzt gerade genüsslich über den „Spiegel“ hermachen, ziemlich weit entfernt. Wo sind sie denn, die Innovationsmanager, die exponiert positionierten Onliner in den deutschen Verlagshäusern?

Wie die Sache beim „Spiegel“ unterdessen ausgehen wird, weiß ich natürlich nicht. Ob der Chefredakteur nächste Woche noch Büchner oder vielleicht ganz anderes heißen wird, spielt allerdings auch nicht die entscheidende Rolle. Der „Spiegel“ muss über kurz oder lang zu einem digitalen Gesamtpaket werden, das ist alles, was zählt. Bevor jetzt aber jemand von FAZ, Funke und all den anderen auf die Idee kommt „Ja, genau“ zu sagen – das gilt uneingeschränkt auch für alle anderen.

Spannende Tage also. Für den „Spiegel“. Und die ganze Branche.

Zeitung lebt – da, wo sich nichts ändert

Die Regionalzeitung lebt. An manchen Stellen sogar richtig gut. Dumm nur: Sie lebt nur noch überall da richtig gut, wo die Menschen kaum andere Alternativen haben. Mit Eigenleistung und Zukunftsfähigkeit hat das leider nichts zu tun.

Wir Niederbayern halten es ein bisschen so wie der gute alte Bernd Stromberg: Wir haben kein Problem mit Autoritäten, wir mögen es nur nicht, wenn uns jemand sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Deswegen machen wir manchmal Dinge, die einer gewissen Bockigkeit entspringen. Beispielsweise Menschen in Ämter zu wählen, obwohl dies erstens nicht den Konventionen entspricht und zweitens von „Autoritäten“ und anderen vermeintlichen Obrigkeiten nicht sehr gerne gesehen wird. Deswegen hat der Landkreis Regen im Bayerischen Wald vor nicht allzu langer Zeit jemanden ins Amt des Landrats gewählt, der so gar nicht den handelsüblichen Vorstellungen eines Landrats entspricht: Sozialdemokrat, bekennend schwul und noch nicht mal 30 Jahre alt. Das besondere an den Niederbayern ist, dass dies noch lange nicht bedeutet, dass sie nicht doch im Tiefsten ihres Herzens stockkonservativ sind. Der Landkreis Regen ist ansonsten immer noch eine sichere Bank für den Dreiklang CSU, Kirche – und Presse.

Das muss man wissen, bevor man sich die folgende Meldung zu Gemüte führt: Die Passauer Neue Presse gehört zu den erfolgreichsten Regionalzeitungen Deutschlands. Zumindest mit ihrer Lokalausgabe in Regen. Dort lesen ungewöhnlich viele Menschen immer noch die Heimatzeitung. Mehr als in den allermeisten anderen Regionen Deutschlands. Vermutlich wird sich der eine oder andere in Passau stolz auf die eigenen Schultern geklopft haben. Und der eine oder andere Blattmacher im Land auch: alles Unkenrufe, diese digitalen Untergangspropheten, oder?

Zumal eine Analyse im Branchendienst „Meedia“ auch noch etliche andere Regionen zutage gefördert hat, in denen die Regionalzeitungen immer noch sehr gut dastehen. Wenn man sich zudem vor Augen führt, dass vor allem die größeren unter den Regionalzeitungs-Verlagen immer noch sehr anständige Umsatzrenditen erwirtschaften, über die sich viele andere Branchen freuen würden, kann man es sich also leicht machen und den Veränderungsaposteln ein elegantes „Was wollt ihr eigentlich“ entgegen schleudern.

Eher ungewollt zeigt die Meedia-Analyse aber genau das Kernproblem auf: die mangelnde Zukunftsfähigkeit. Denn egal, ob es der Landkreis Regen ist oder irgendeine Region im Norden, über die ich nicht sehr viel weiß, das Grundmuster ist immer verblüffend ähnlich. Stark sind die Lokalblätter vor allem da, wo es zum einen einen gewissen Strukturkonservatismus gibt und wo zum anderen die Menschen auch gar keine großartigen anderen Alternativen haben. Der Landkreis Regen war schon immer eine PNP-Bastion, auch bedingt durch die Tatsache, dass es dort keine andere Tageszeitung gibt. Auch im Landkreis Straubing-Bogen, in dem der Neu-AZ-Verleger Martin Balle residiert und der ebenfalls zu den Hochburgen der Regionalzeitungen gehört, ist das nicht anders. Das „Straubinger Tagblatt“ gehört seit jeher zum CSU-Kirche-Presse-Dreiklang, der Landkreis ist ein sicherer Garant für CSU-Ergebnisse jenseits der 60-Prozent-Marke und die Kirche muss man dort nicht im Dorf lassen, weil sie nie weg war. Das ist im Übrigen nicht spöttisch gemeint und auch nicht böse: Ich bin in Straubing geboren und würde mich nur ungern selbst in die Pfanne hauen.

Aber die vermeintliche Jubelmeldung hat eben auch ihre eindeutige Kehrseite. Weil sie zeigt, dass überall da, wo die mediale Zukunft schon ein bisschen weiter fortgeschritten ist, das Modell Tageszeitung auf dem Rückzug ist. Und dass es im umgekehrten Fall zum einen die Trägheit der Massen ist, die sie vor einer größeren Kross vorerst noch bewahrt. Und zum anderen die Monopolstruktur, die in vielen Regionen Deutschlands noch herrscht, wenn es um lokale Medien geht. In rund 80 Prozent des Landes gibt es eben nur die eine lokale Tageszeitung – da existiert dann auch nur die Wahl zwischen einer oder keiner Zeitung, was keine so richtig gute Wahl ist. Strukturwandel geht an manchen Stellen schneller und in Regen und in Straubing und irgendwo im flachen Norden etwas langsamer.

Was die Verlage an dieser Entwicklung erschrecken müsste: Bei all diesen Gründen, die ihren Niedergang an manchen Stellen verlangsamen, ist nicht ein einziger dabei, der irgendwas mit ihren verlegerisch-publizistischen Leistungen zu tun hat. Auch in Regen oder in Straubing oder irgendwo in Norddeutschland macht man nur ein etwas aufgehübschtes business as usual. Die Regener Ausgabe der PNP verkauft sich ja nicht deswegen so gut, weil sie eine Lokalzeitung ganz neuer und moderner Prägung ist. Sondern weil sie so ist wie sie immer gewesen ist. So ist das nun mal auf dem Land. Wenn ein Trend in Regen oder Straubing ankommt, darf man sicher sein, dass er in München schon lange tot ist.

Ein Trugschluss wäre es allerdings auch, sich einfach darauf zu verlassen, dass die Menschen auf dem Land einfach so weitermachen wollen und es schon alleine deswegen auch die nächsten Jahrzehnte genug Potenzial für das Blatt alter Prägung geben wird. Die Landflucht und der Bevölkerungsrückgang sind in vollem Gange, auch im seligen Bayern.

Mit am stärksten betroffen übrigens: der Landkreis Regen.