Jugendsender, Facebook-Seiten und andere Innovations-Attrappen

Manchmal sind es ja die ganz simplen Anlässe, die dann zu längeren Überlegungen führen. Beispielsweise das automatisierte Abbuchen des Rundfunkbeitrags, bei dem man für ein Quartal mal eben gute 50 Euro los wird. Der Gedanke ist zwar weder neu noch originell, drängte sich aber auf: Für was eigentlich? Das öffentlich-rechtliche System würde mir jetzt antworten: Für über 60 Hörfunkwellen, für ARD und ZDF und die Dritten und den Deutschlandfunk und für jede Menge herausragender journalistischer Qualität (und aus Transparenzgründen der Hinweis: auch für mich selbst, ich bin auch schon von Gebührengeldern bezahlt worden). Selbst wenn ich dem uneingeschränkt zustimmen würde, was ich keineswegs tue, dann würde ich mir denken: stimmt, und für Rundfunkorchester, Fernsehballette, unfassbar riesige und intransparente Verwaltungskosten, für Apparatefernsehen, für den Einfluss des deutschen Bauernverbands, der FDP und des Straubinger Zeitungsverlegers auf den Chefredakteursposten des ZDF und für vieles andere auch, wofür ich über 200 Euro im Jahr eher ungern ausgebe.

Man könnte jetzt also eine umfangreiche Debatte über Sinn und Unsinn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks führen, wenn man das denn wollte. Man könnte es allerdings auch so sehen: Die Öffentlich-Rechtlichen stehen exemplarisch für das, was in den „alten“ Medienlandschaft passiert. Oder besser gesagt: nicht passiert. Man könnte es auch so formulieren: Wir „alten“ Medienmacher kommen immer erst da an, wo wir den Konsumentennachwuchs vermuten, wenn der schon lange wieder ganz woanders ist. Das Beispiel Facebook ist da nur eines von vielen.  Während sich bei uns Facebook gerade mal als Standard für Social-Media-Anwendungen zu etablieren beginnt, zieht die Karawane junger Mediennutzer schon lange weiter. Möglicherweise werden wir in dem Moment, in dem dann auch mal der mediale Mainstream Facebook als Selbstverständlichkeit ansieht, schon lange nicht mehr über Facebook reden, weil es dann so hip ist wie StudiVZ.

Es geht also schon lange nicht mehr um das, was wir lange Zeit glaubten: dass wir einfach ebenfalls ins Netz übersiedeln müssten, der Rest ergebe sich dann schon. Dass man einfach nur das, was man vorher in der heilen analogen Welt gemacht hat in diesem Internet fortführen müsse und dann ist wieder alles wie vorher. Tatsächlich aber hat die digitale Generation nicht einfach nur den Kanal gewechselt — sondern auch gleich noch einen beträchtlichen Teil der bisher bekannten Nutzungsweisen mal eben über Bord geworfen.

Das ist noch nicht überall angekommen, noch lange nicht. Mein Lieblingsbeispiel (deshalb auch das Intro mit den öffentlich-rechtlichen Sendern): der geplante Jugendkanal von ARD und ZDF, der vermutlich eh schon wieder tot ist, weil den Ministerpräsidenten der Länder berechtigte Zweifel gekommen sind, ob das in dieser Form eine geeignete Art ist, dem Totalverlust an jungen Zuschauern entgegen zu wirken. Zur Erinnerung: Die Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens  sind im Durchschnitt nochmal ein Jahrzehnt älter als ich, was schon schwer vorstellbar ist. Sie sind irgendwo in den Sechzigern angesiedelt und selbst das Satiremagazin „Quer“ im Bayerischen Fernsehen schafft es als das „jüngste“ Format des BR gerade mal auf einen Altersdurchschnitt von 58. Das ist, bei allem Respekt vor uns Älteren, keine sehr verlockende Perspektive. Und eine tragfähige für die Zukunft ohnehin nicht.

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Das Interessante an der aktuellen Situation ist also: Da verändert sich gerade mal eben die ganze Medienwelt überaus dramatisch – und wir reden immer noch darüber, dass man die analogen Medien dann halt einfach mal ins Netz holt und ein bisschen Social Media drumrum drapiert und dann ist alles wieder gut. Man müsste also (wenn er denn jemals kommt) befürchten, dass ein Jugendkanal von ARD und ZDF so aussieht, wie jüngere Menschen aus der Sicht älterer Menschen gerne fernsehen würden. Man hat vor Augen, wie irgendjemand Meldungen aus diesem Twitter vorliest und wie man eine eigene Facebook-Seite entwickelt und womöglich ab und an auch noch Leute ins Studio eingeladen werden. Oder womöglich sogar per Google Hangout dazu geschaltet werden. Aber alles in allem wäre es eben immer noch Fernsehen, so wie wir es kennen.

Aber es ist ja nicht so, dass nur die öffentlich-rechtlichen nicht so recht wissen, wie sie diesem Internet begegnen sollen. Generell lässt sich feststellen: Auch im 20. Jahr dieses Internets gibt es immer noch einen gravierenden Denkfehler: zu glauben,  es reiche aus, dass man analoge Medien einfach auf digitalen Plattformen ausspielt. Nichts anderes aber passiert momentan an vielen Stellen:  TV-Sender (da sind sich private und öffentlich-rechtliche erstaunlich ähnlich) stellen ihre gesendeten Inhalte auch in Mediatheken zur Verfügung und ab und an gibt es auch mal ein paar Outtakes oder anderes Bonusmaterial dazu. Zeitungen und Zeitschriften packen ihre gedruckten Produkte in mehr oder weniger solide gemachte Apps und bauen mehr oder weniger solide Webseiten. Gemeinsam diskutieren sie dann darüber, wer im Netz der Zukunft „Presse“ und wer „Rundfunk“ sein darf, ganz so, als hätten sie es in der Hand, das Netz nach Claims aufzuteilen. Die etwas fortschrittlicheren haben Social-Media-Strategien, andere dann wieder eher nicht. Dass aber mittlerweile ein junges Publikum diesen Plattformen schon wieder gar nicht mehr viel abgewinnen kann, ist noch nicht angekommen.

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Vielleicht muss man deshalb mal mit ein paar Zahlen hantieren: Bei den auf iOS installierten Apps hat mittlerweile „WhatsApp“ „Facebook“ als Nummer eins abgelöst, der Rückzug vom ganz großen Publikum hin zu offenbar kleineren Gruppen und damit auch zu weiter fragmentierten Märkten ist unübersehbar. Bei der Nutzung von Bewegtbild spielt das Webvideo bei diesem Publikum eine ungleich größere Rolle als das lineare Programm, der gebaute TV-Beitrag ist für diese Zielgruppe bestenfalls noch ein Relikt aus vergangenen Tagen. Natürlich verweisen TV-Sender in einem solchen Zusammenhang gerne auf ihre Reichweite und Nutzungsdauern, die in der Tat zumindest in Deutschland noch so sind, dass man nicht gerade von einer schweren Krise sprechen müsste. Aber bereits in den USA sieht das mittlerweile schon ganz anders aus – man könnte es durchaus als drohendes Unheil bezeichnen, was der „Business Insider“ beschreibt. Zusammengefasst: In den USA verabschiedet man sich inzwischen eindeutig vom klassischen, linearen TV.

Über die Auflagenentwicklung der Tageszeitungen in Deutschland muss man in diesem Zusammenhang nicht mehr sehr viel sagen. Wohin die Reise geht, ist offensichtlich. Man kann bestenfalls darüber diskutieren, wie schnell und linear es mit dem Auflagenrückgang weiter gehen wird. Dass es schon lange da ist und nicht mehr aufzuhalten sein wird, bestreiten mittlerweile nicht mal mehr die, die jeden, der so etwas vor ein paar Jahren prophezeite, wahlweise als Schwarzseher, Printhasser oder schlichtweg Luftnummer bezeichneten.

Umgekehrt: Die Bedeutung des Netzes als Informationsquelle Nummer 1, als das neue Supermedium schlechthin, geht ungebremst weiter. Inzwischen stimmen beinahe zwei Drittel der 14-29jährigen der Aussage zu, dass das Netz für sie das wichtigste Informationsmedium sei. Und selbst bei den bis 39jährigen sagt das beinahe die Hälfte der Befragten von sich.

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Kurzum: Die allermeisten Debatten, die heute noch in Sendern und Verlagen geführt werden, gehen an der eigentlichen Problematik vorbei. Weil sie das wahre Ausmaß dessen, was gerade am Markt passiert, immer noch unterschätzen. Weil sie mit einem ein bisschen aufgepeppten Jugendsender und ein paar Webseiten und krampfhaft bemühten Facebook-Auftritten etwas kompensieren wollen, was gar nicht mehr zu kompensieren: den Abriss zu einer ganzen Generation.  Auch die Tatsache, dass ein Wechsel des Trägermediums nicht zwingend auch den Abkehr von einer Medienmarke bedeuten muss, greift in diesem Fall nicht.  Weil Medienmarken wie die ARD, das ZDF oder diverse Zeitungstitel diese Generationen gar nicht mehr erreichen. Weil sie für diese Generation häufig gar nicht mehr relevant sind, weil sie sich irgendwo da aufhalten, wo der Medienkonsumenten-Nachwuchs noch nie war. Oder sich zumindest nie heimisch gefühlt hat.

Bisher also war das in den Köpfen der meisten Strategen so: Man hat sein Muttermedium, das man mit etwas Internet drapiert. Immer in der Hoffnung, dass das Publikum aus dem Netz wieder zurück kommt zur guten alten Mutter TV/Zeitung. Das ist die grundlegend falsche Denkweise. Ein Medium funktioniert heute nur noch, wenn es als stringentes Ganzes wahrgenommen wird, das auf allen Kanälen gleichermaßen glaubhaft, kompetent, unterhaltsam daher kommt. Jugendsender und Facebook-Auftritte sind so, wie sie momentan von den meisten gehandhabt werden, Innovations-Attrappen.

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Und eines noch zum Schluss: Wenn man sich ein bisschen umhört in den Verlagen und den Sendern im Jahr 2013, dann bekommt man unter der Hand gerne mal gesagt, den Wandel sei dann doch sehr viel schneller gegangen als erwartet. Kleiner Tipp für 2014: Das Karussell wird sich noch schneller drehen. Und wenn ihr so weiter macht, bleiben ganz sicher nicht alle oben.

Da-dam-da-dam-da-daaaa-daaa

Jedes andere Lebensmodell, ob Selbstständigkeit, Elternzeit oder auch Arbeitslosigkeit, kommt in der Welt von Bayern 3 nicht vor. Und die Moderatoren lassen keinen Zweifel daran, dass es eine entfremdete, von den Hörern zutiefst verachtete Arbeit ist, die verrichtet werden muss, während das Radio läuft. Sie selbst feiern ihre eigene Medienkarriere auf der Bayern-3-Homepage als pure Selbstverwirklichung, als die Erfüllung eines seit Schulzeiten gehegten Lebenstraums. Doch für die Hörer gilt genau das Gegenteil. Ins Büro gehen heißt für sie: sich jeden Morgen überwinden müssen und ab dem Mittagessen den Feierabend herbeisehnen.

Es sind ja nicht nur die immer gleiche Musik, der dröge Mix aus der besten Musik, dem besten Wetter, dem besten Verkehr und die ewig gleich flachen Moderatorenwitzchen, die diese Popwellen so schwer aushaltbar machen.  Andreas Bernard beschreibt im SZ-Magazin vielmehr, warum Sender wie beispielsweise Bayern 3 gemacht sind für Menschen mit Doppelhaushälfte und VW Golf vor der Garage. Grandiose Geschichte!

Macht bloß kein Fernsehen

Täuscht der Eindruck — oder ist die Euphorie um das Thema Videos im Netz langsam schon wieder vorbei?  Tatsächlich kann man derzeit nahezu jeden Medienschaffenden in ein umfangreiches Gespräch zum Thema „Soziale Netzwerke“ verwickeln, so wie man es noch vor zwei Jahren beim Thema Videos machen konnte. Die Ähnlichkeiten sind frappierend: Bei beiden Themen plapperten auf einmal Leute, die weitgehend sachkenntnisbefreit waren, munter drauflos. Und alle wollten dieses neue Zeugs haben, ohne erst einmal darüber nachzudenken, was ihnen das ganze bringt, ob es ihnen überhaupt irgendetwas bringt — und ob der Neukram überhaupt irgendwie umsetzbar ist. Letzte Ähnlichkeit: Ja, haben will man das schon, es darf aber ungefähr nichts kosten und soll bitteschön auch keinerlei personellen Mehraufwand verursachen. Man wundert sich angesichts dessen übrigens, dass es überhaupt irgendwo ein einziges Video im Netz gegeben hat und dass irgendwo auch nur ein einziger Facebook-Account ins Leben gerufen wurde.

Vermutlich sind die Konzeptionslosigkeit und der erkennbare Trend, „Me-Too-Produkte“ ins Leben zu rufen, ein Hauptgrund, warum Videos im Netz immer noch häufig wahlweise nur teuer, nur sinnlos oder manchmal auch beides zusammen sind. Die Sinnlosigkeit (und auch: die manchmal exorbitanten Kosten) kommen immer dann zum Vorschein, wenn man im Netz versucht, Videos zu machen, die irgendwie wie Fernsehen aussehen. Dabei macht man im Netz gar kein Fernsehen. Das klingt furchtbar banal, die Erkenntnis muss sich aber bei vielen Redaktionen erst einmal durchsetzen: Wer ins Netz geht, will nicht fernsehen. Er will Information und/oder Unterhaltung, aber er will keinen krawattierten Moderator, keine Schnitt- und Antextbilder, all diese Unarten, die sich ins Fernsehen eingeschlichen haben und dort einfach mal als selbstverständlich hingenommen werden. Der User will „Youtube“. Er will sein Video schnell, unmittelbar, authentisch.

Dafür spricht mehreres. Da ist zum einen die Verweildauer eines Users bei einem Video. Nach nicht einmal zehn Sekunden ist er durchschnittlich wieder raus. Das liegt manchmal an den Videos selbst, häufig aber am Nutzungsverhalten: Video im Netz ist eben nicht durch eine Programmzeitschrift oder gar durch Erfahrungswerte einzuordnen. Videos im Netz heißt: suchen, reinschauen — und ggf. auch wieder ausschalten. Die Zeit, die man einem Video gibt, ist nicht lang. Und anders als beim Fernsehen hat auch niemand vor, jetzt einen netten Videoabend auf der Couch zu verbringen. Wer langweilt, fliegt.

Das klingt erst einmal unangenehm für die Produzenten von Webvideos. Weil es zu der Annahme verleiten könnte, man müsste, egal wie, zum Punkt kommen. Nur schnell, sehr schnell. Und ebenfalls könnte man meinen, man habe überhaupt nicht viel Zeit bei Webvideos. Die üblen 1.30 aus dem Privatfunk als Schallmauer, alles was drunter ist, ist per se besser. Doch das ist Unsinn, im Gegenteil: Das Netz gibt Videomachern die wunderbare Chance, die üblichen Zeitbegrenzungen einfach zu vergessen. Netznutzer ticken nicht wie Fernsehzuschauer, man kann es nicht oft genug sagen. Und das bedeutet eben auch, dass sie nicht nach 1.30 abschalten, weil ihnen 1.32 schon zuviel sind.

Gute Chancen mit Videos im Netz haben also vor allem diejenigen, die begreifen, dass wir es mit einem komplett neuen Medium zu tun haben, in das nicht einfach die Regeln des alten übernommen werden können und in dem man die bestehenden äußeren Formen adaptiert. Anders gesagt: Man könnte mit ein bisschen gutem Willen auch davon ausgehen, dass der Kreativität alle Türen geöffnet sind und man eigentlich nur ein bisschen was ausprobieren müsste, um auf Formate zu kommen, die funktionieren. Die Idee zählt deutlich mehr als die teure Kamera, der richtige Ton oder die aufwändige Produktion.

Wie vermeidet man also, einfach nur (das schlechtere) Fernsehen zu veranstalten? Man vergisst einfach den Gedanken an das Fernsehen und macht sich klar, dass es niemand will — und auch niemand braucht. Stattdessen gibt man sich selbst und seinen Leuten den Freiraum und den Mut zur eigenwilligen Kreativität. Und ein wenig Zeit und Geduld. Nicht alles, was man ausprobiert, wird unweigerlich zum Erfolg führen. Was im Gegensatz zu TV-Formaten auch gar nicht schlimm ist. TV-Formate entwickeln kostet richtig viel Geld, Online-Formate kosten allenfalls Zeit.

(Dieser Text ist eine leicht modifizierte Zusammenfassung eines Mail-Interviews, das das „Meinungsbarometer Digitaler Rundfunk“ mit mir geführt hat und das im August erscheinen wird.)

1000 Mikes, selbstgemacht

Zugegeben, ich bin kein großer Radio-Hörer mehr. Seit ich töchterbedingt wieder viel Antenne Bayern hören muss, habe ich den Eindruck, ich sei versehentlich in einem Remake von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ gelandet. Ich kann inzwischen verlässlich sagen, was „Johnny B“ und „Black Betty“ und „Paparazzi“ kommen, was mich immer amüsiert, weil ich mir dann immer vorstelle, wie ein Sparkassen-Angestellter aus Germering seinen Golf Diesel aus der Doppelgarage fährt und sich bei „Black Betty“ entsinnt, dass er da vor 30 Jahren immer wüst zu gerockt udn seine ersten Vollräusche absolviert hat.  Ich glaube, mehr Titel hat der Sender momentan nicht auf der Festplatte. Das ist übigens mit den Moderatoren-Imitatoren dort ähnlich,  man ahnt eigentlich fortlaufend, was als nächstes an leicht klebrigen oder manchmal auch nur öden Moderationen kommt. Wenn die Töchter das Auto verlassen haben, schalte ich übrigens immer sofort um.

Heute dagegen — ein schöner Tipp eines alten Kollegen, ein Radio 2.0, nur im Netz, sehr interakiv, ein wenig abseitig, gerade deswegen sehr charmant: 1000Mikes, eine Plattform für mehr oder (meistens) weniger  professionelle Radiomacher.  Man kann sich dort Gedichte über Schottland anhören (eines der meistgehörten: hier) oder Eishockey-Live-Berichterstattung von den Straubing Tigers.

Radio von allen, für alle — und ich überleg mir jetzt glatt, ob ich da nicht mal einen eigenen Niederbayern-Kanal aufmache. Irgendjemand dabei? Bitte in den Kommentaren oder per Mail melden.

FFH aus dem Stauflieger

Ich bin ja selber schuld, ich weiß, und ich hab´ auch schon mal über dieses Thema geschrieben, das weiß ich auch: Aber ich habe gestern ein paar Stunden am Stück Radio FFH gehört und fühle mich gerade etwas weich in der Birne. Ich habe gehört, dass die wichtigste Meldung des Tages war (zumindest daran gemessen, in welcher Reihenfolge dort Nachrichten gesprochen werden; vielleicht wird das ja auch einfach nur ausgelost) , man habe in Hessen nunmehr mit den Osterferien begonnen und deswegen sei Stau auf vielen Straßen. Aus dem FFH-Stauflieger (der heißt wirklich so) meldete sich daraufhin live zugeschaltet die aufgeregte Stimme einer vermutlich nicht sehr viel älter als 20jährigen Frau, die uns aufgeregt mitteilte, es herrsche Stau auf den Straßen und dass dies vermutlich mit den beginnenden Osterferien in Hessen, aber auch auch anderswo zu tun habe könne. So richtig erklären könne sie es sich aber auch nicht, singsangte sie weiter, weil es eigentlich keinen Unfall auf der A3 gebe und auch keine Baustellen; aber letztendlich könne der Stau dann doch damit zusammenhängen, dass in Hessen die Osterferien begonnen haben. Dann noch eine Straßenumfrage in Baden-Baden zum Nato-Gipfel, der irgendwie lästig sei, und wo man enttäuscht war, dass Obama und seine Michelle noch nicht beim Einkaufen waren.

Das alles nannte sich Nachrichten – und zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass sie fünf Minuten vor der vollen Stunde kommen und man deswegen immer fünf Minuten eher informiert sei, sogar dann, wenn in Hessen gerade mal wieder die Osterferien beginnen.

Radioelend

Gestern insgesamt sieben Stunden im Auto gesessen, was eh nicht schön ist. Dabei viel Radio gehört, was inzwischen auch nicht mehr schön ist. Dann überlegt, warum eigentlich in sieben Stunden Hören irgendwelcher Popwellen ungefähr kein einziger halbwegs geistreicher Satz gefallen ist. Dann zuhause diese Geschichte von Horst Müller gelesen und gedacht: Das isses.

Nachtrag: ebenfalls lesenswert diese Geschichte, die den Zusammenhang zwischen Radio-MA und Busengrabschen schön darlegt.

Bayern 3 rülpst

Eigentlich hatte Alexander Gorkow in der SZ lediglich einen Nachruf auf den Pink-Floyd-Keyboarder Richard Wright schreiben wollen (ein ausgesprochen gutes Stück übrigens). Nebenher fiel ihm dann noch ein wunderbarer Satz zum Zustand des deutschen Formatradios ein:

Heutzutage werden Songs meist von Linda Perry geschrieben, von Timbaland produziert und dann auf Horrorsendern wie Bayern 3 von Computern ausgerülpst.

Die exklusiven Ansichten des BR

Das Angenehme am Bayerischen Rundfunk ist ja irgendwie, dass er erst gar nicht großartig versucht, seine Nähe zu der Partei, die das schöne Bayern erfand, zu bestreiten. Besonders lieb haben muss man den BR dafür an Tagen wie dem heutigen, wenn die Bayerische Landesbank einräumen muss, über 4 Milliarden Euro in der Kreditkrise versemmelt zu haben. Schaltgespräch (eine übrigens meistens inhaltlich sinnlose Übung) zwischen Bayern 3 und einem Korrespondenten, das irgendwann in der vorsichtig formulierten Frage mündet, es habe das ja auch in der Vergangenheit ein kleines bisschen Kritik am CSU-Vorsitzenden Erwin Huber gegeben (für Nicht-Eingeborene: Huber ist stellv. Vorsitzender des LB-Aufsichtsgremiums und hat noch bis zum Februar behauptet, es gäbe keine belastbaren Zahlen zu den Verlusten der BayernLB; im Landtag ist inzwischen zu dem Thema ein Untersuchungsausschuss eingesetzt) – jedenfalls, so die todesmutige Frage des Bayern3-Moderators: Ob diese neuen Zahlen denn irgendwie Auswirkungen für Huber hätten. Nein, beeilt sich der Korrespondent zu sagen, nein, ganz im Gegenteil: Huber habe heute Rückenwind bekommen, weil die Bank die gesamte Verantwortung für das Milliarden-Desaster auf sich genommen habe.

Dann wünschen wir dem BR mal, dass ihm diese ziemlich exklusive Einschätzung des heutigen Tages nicht ziemlich schnell um die Ohren fliegt… 

PS: Hab´mit mir gerungen, das hier überhaupt zum Thema zu machen. Ich meine, wer nimmt ernsthaft Dudelfunk ernst bzw. billigt ihm Relevanz zu? Auf der anderen Seite gibt´s jeden Tag ein paar hunderttausend Leute, die ihre rudimentären News aus Nachrichtenattrappen wie dieser beziehen.

Fair Radio

Früher mal (was denn, den Satz kennen Sie schon?), früher also war Radio für mich so eine Art Medium Nummer eins: Mit Fernsehen konnte ich als 15jähriger nicht wirklich viel anfangen, was möglicherweise daran lag, dass es damals nur drei, vier Programme gab und in diesen drei, vier Programmen liefen gelegentlich so schöne Dinge wie Telekolleg – Physik II. Die Zeitung(en) fand ich meistens etwas dröge, die Lokalzeitung vor Ort war irgendwie doof und von den Leitartikeln der SZ verstand ich damals ungefähr kein Wort. Und bei Anblick der „Zeit“ musste ich zwangsweise immer an meinen alten Oberstudienrat denken, dessen Unterricht ich meistens so anregend wie eine verdörrte Bananenschale fand.

Aber Radio, das war einfach eine große Nummer. Wenn man derart suchtähnliche Züge in Sachen Musik aufweist wie ich und wenn man quasi nur aufs Knöpfchen drücken muss, um an die neusten Songs zu komen, für den war Radio unschlagbar. Davon abgesehen waren manche Moderatoren echte Helden für mich. Es konnte also schon mal gut sein, dass mich Radio durch den Tag begleitet hat – und alles in allem habe ich mich dort auch immer ganz gut aufgehoben gefühlt. Selbst in den 80ern konnte es noch vorkommen, dass ich bei längeren Autofahrten auch mal zwei Stunden Radio gehört habe.

Auf diese bizarre Idee käme ich heute kaum mehr. Radio ist für mich zunächst der Inbegriff des Nebenbei-Mediums geworden, danach wurde es für mich lange Zeit zur No-Go-Area. Was ich gerne gehabt hätte, gab mir (fast) niemand mehr. Die Pop-Wellen waren zu unerträglichen, piefigen und sterbenslangweiligen Abspielstationen mit einer Rotation geworden, die ich mit meiner privaten Musiksammlung quantitativ locker auch hingebracht hätte (vom Inhalt reden wir lieber erst gar nicht). Und den ganzen Tag Nischen- oder Wortprogramme, ja Kreizsacklzement, ist es denn wirklich zu viel verlangt, wenn man sich ein Programm mit Musik von mehr als 150 Titel in der Rotation wünscht und Moderatoren, die nicht schon in hysterisches Gelächter ausbrechen, wenn sie das Wort „Unterhose“ sagen. Und wenn man „Das Beste aus den 80ern, 90ern und heute“ einfach nicht mehr hören will. Bleiben schließlich noch die ganzen grenzdebilen Gewinnspiele, mit denen man sich gerne schon auch mal kurz nach dem Aufstehen terrorisieren lassen darf. No more radio also.

Diese durchaus gesunde Einstellung hielt sich dann, bis Podcasting kam. Bis ich plötzlich bemerkte, dass gute Audiobeiträge nicht nur eine Kunst für sich, sondern auch eine überaus spannende Darstellungsform sind. Radio reloaded sozusagen, nur eben nicht auf terrestrischen Frequenzen, sondern ganz für mich alleine, total digital. Und der Gedanke dabei, dass man aus Radio schon was machen könnte, jenseits der Dudelfunkerei. Nun also gibt es immerhin eine Initiative, eine Idee für den Weg dorthin: FAIR-RADIO. Lesen, unterstützen, weitersagen. (via Blogmedien, mal wieder…)