Notizblog (10): Sie, Peer, sind ein guter Kandidat

Der „Spiegel“ solle wieder ein bisschen eindeutiger nach links rücken, kündigte Georg Mascolo an, als er zum Defacto-Alleinchefredakteur des Nachrichtenmagazins wurde.  Das passiert seit ein paar Monaten ein bisschen bemüht. So bemüht, dass sie in Hamburg aktuell bei den großen Geschichten gerne mal die Substanz vergessen, obwohl die Geschichte doch so schön aufregerhaft und spiegelig klingt. Der neueste Aufmacher ist nicht mal mehr das, sondern einer der merkwürdigsten Veranstaltungen der an Merkwürdigkeiten nicht armen „Spiegel“-Geschichte. Im Kern geht es darum, dass Helmut Schmidt zusammen mit Peer Steinbrück ein Buch veröffentlicht, dessen interessanteste Aussage vermutlich die ist, dass Schmidt seiner Partei Steinbrück offen als Kanzlerkanidat empfiehlt. Das wiederum veranlasst den „Spiegel“ zu einer Titelgeschichte, in der als Quintessenz steht, dass Schmidt Steinbrück als Kanzlerkandidat empfiehlt. Um sicherzugehen, wird in einem Interview mit beiden nachgebohrt, wen Schmidt seiner Partei als Kanzlerkanidat empfiehlt, worauf Schmidt überraschenderweise sagt, es stehe ja schon im Buch, aber er sei ganz eindeutig für Steinbrück, den er konsequent mit „Sie“ und „Peer“anspricht. Steinbrück (der „Helmut“ und „Sie “ sagt) beteuert, er fühle sich sehr geehrt, was man sich so gar nicht gedacht hätte. Ansonsten lernt man noch, dass Steinbrück Schmidt für einen großen Kanzler hält und Schmidt Steinbrück für einen geeigneten Nachfolger und Frau Merkel für irgendwie ungeeignet. So also liest sich das, wenn ein Nachrichtenmagazin wieder ein bisschen nach links rückt. Eine PR-Agentur hätte den Schmidt-Steinbrück-Doppelbeschluss nicht schöner in Szene setzen können.

Notizblog (9): Zweimal Finale

In der Wirtschaft würde man das wohl „merger of equals“ nennen, was richtig ist, wenn man dazu sagt: ein Zusammenschluss unter zwei Schwachen. „Spredder“ fusioniert jetzt mit der „Redaktion“ der Deutschen Post. Wirklich funktioniert hat „Spredder“ nie, ich vermute, dass das auch für das Post-Modell gelten wird.  Weil es dem Arbeitsalltag der allermeisten Redaktionen widerspricht und auch sonst nicht sonderlich plausibel ist.  Journalismus für Freie hat immer noch sehr mit gutem Netzwerken und – ja, auch das – mit einem Namen zu tun, den man sich irgendwann vielleicht mal erarbeitet. Dagegen: Auf irgendeinem Portal schauen, ob irgendjemand irgendwas zu irgendeinem Thema geschrieben hat, das klingt eher unwahrscheinlich. Zumal die Texte, die man so bei „Spredder“ zu lesen bekam, mit dem angekündigten, handverlesenen Qualitätsjournalismus nicht sehr viel zu tun hatten. Das sah eher nach Texten aus, die Menschen einstellten, weil man sich ja nix dadurch vergibt, geschweige denn, irgendwas zu verlieren hätte. Kein Wunder übrigens, dass man bei all den Debatten über „Unternehmerjournalismus“ eher selten den Rat hört, man solle seine Texte beliebig auf Börsen einstellen. Dass es „Spredder“ gerade mal ein knappes Jahr gegeben hat, spricht Bände.

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Mit dem „Focus“, ganz subjektiv eingeschätzt, wird es ebenfalls demnächst dahingehen. Ich hatte zwar meine Zweifel, ob man aus dem alten Service-Möbel wirklich ein schöngeistiges Debattenblatt machen kann, aber die nutzerorientierten Sonstwas-Zeiten sind spätestens seit dem Ende der 90er endgültig vorbei, weil das niemand mehr braucht. Und irgendwann sind ja auch alle Listenlisten endgültig mal durch. Zurück in die Service-Irrelevanz – für den „Focus“ ein weiterer Schritt Richtung Finale.

Notizblog (8): Und über was reden wir jetzt?

Ich habe nie verstanden, warum es Menschen gibt, die drei oder vier Handys haben. Die meisten können das zwar mehr oder weniger plausibel erklären, aber man muss das ja nicht verstehen. Reden kann man eh nur mit einem und wenn man nicht gerade ein Hyperprominenter ist, der tatsächlich sein sehr eigenes Handy mit einer sehr geheimen Nummer braucht, dann kommt man, glaube ich, mit einem Gerät ganz gut aus. Ist man keiner der Zweithandy-Bedürftigen, stünde man wahrscheinlich, bekäme man ein zweites, schnell vor der Frage: Und was mache ich jetzt damit? Ein bisschen so kommt mir momentan die Kommunikation bei Googles Plus vor. Wenn man da jetzt dasselbe erzählt wie bei Facebook – hätte man dann nicht auch gleich bei Facebook bleiben können? Und wenn man was anderes erzählen will, was denn dann? Jedenfalls bringen mich die momentanen Timelines bei G+ immer ein wenig ins Schmunzeln, sie wirken irgendwie so rührend bemüht: Nein, wir sind hier nicht bei Facebook! Netizens diskutieren über das Netz als solches, das ist hübsch, irgendwie momentan aber auch ein bisschen fad. Muss ja nicht gleich die volle Prolldröhnung sein, aber hallo, den ganzen Tag nur Netz??

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Eine Studie hat jetzt herausgefunden, dass rund ein Drittel der in Deutschland arbeitenden Journalisten die Segnungen des crossmedialen Arbeitens rundheraus ablehnt. Der ganz große Entrüstungsaufschrei ist ausgeblieben, vermutlich auch deswegen, weil niemand wirklich verblüfft darüber ist, im Gegenteil, beinahe wäre man ja geneigt zu fragen: nur ein Drittel? Gut, ein weiteres Drittel ist ebenfalls nicht begeistert von Crossmedia, akzeptiert das Ganze aber wenigstens. Wenn man ein bisschen den Alltag in deutschen Redaktionen kennt, wundert man sich über diese Zahlen nicht – und mag sich auch nicht darüber aufregen: Wer es bis heute nicht kapiert hat, ruiniert seine eigene Zukunft. Das ist alles.

Notizblog (7): Glückwunsch, es ist ein Edi

Glückwünsche aus tiefstem Herzen gehen an dieser Stelle an die Freunde von ProSiebenSAT1 für den personellen Coup des Jahres: Man habe, ließ Vorstandschef Thomas Ebeling heute verlauten, sich die Dienste von, taraaa, Edmund Stoiber gesichert. Stoiber wird allerdings leider nicht als Moderator eingesetzt, was schade ist, weil niemand so schön Schadbären definiert und Blumen hingerichtet hat.  Nein, stattdessen wird er einem Beirat vorstehen, der die Sendergruppe in wichtigen medien- und gesellschaftspolitischen Fragen berät. Man wüsste in dem Zusammenhang dann allerdings schon gerne, mit welchen medien- und gesellschaftspolitischen Themen sich P7S1 eigentlich so befasst.

 

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Heute das Programm für „Besser Online 2011“ am 17. September in Bonn gesehen und dann doch wieder gestaunt, wie klein diese Onliner-Welt ist. Hab´ein bisschen auf die Panels geschaut und im ersten Moment gedacht, dass mir die Veranstalter das Programm vom letzten Jahr geschickt haben. Aber ich sollte nicht motzen, ich bin ja auch wieder dabei. Wir sehen uns dort.

Notizblog (6): Spiralförmige Abwärtsbewegungen

Es ist ja nicht so, dass wir nur in Deutschland dieses Digitalisierungs-Drama haben. In England beispielsweise schaut die ganze Branche mehr oder minder gebannt darauf, wie es wohl dem “Guardian” ergehen wird. Der schreibt sie Jahren ziemlich horrende Verluste und versucht sich jetzt in einer Art Radikalwende. Das Papier haben sie weitgehend abgeschrieben dort, das digitale Geschäft soll über kurz oder lang das analoge vollständig ersetzen. Und vermutlich ist das auch der größte Unterschied zu den Haltungen, die man hier gerne einnimmt: Bei uns sieht man das digitale Leben ja immer noch eher als eine Art Ergänzung, manchmal auch nur als eine Art Abwehr gegen den möglichen Bedeutungsverlust der analogen Medien. Vermutlich das auch genau das, was es so schwierig macht: Wenn man etwas so ganz ohne innere Überzeugung und mehr oder minder aus Zwang tut, dann kommen selten wirklich überzeugende Ergebnisse dabei raus. Und vermutlich ist genau das momentan das Problem: Ich glaube gar nicht so sehr daran, dass wir umzingelt sind von lauter Digitalhassern. Aber so richtig begeistert sind eben nur die Allerwenigsten und das reicht im Regelfall zu einer netten, kleinen Saboteurshaltung allemal aus.

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Bei Twitter habe ich heute gelesen, dass die ZDF-App inzwischen auch in der Zertifizierungsschleife von Apple hängen soll. Man darf gespannt sein, was dann passiert. Schließlich ist nicht auszuschließen, dass auch diese App Texte enthalten wird.

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DAPD hat heute übrigens angekündigt, dass die Agentur die Preisdifferenz zur dpa und anderen künftig noch weiter anheben möchte. Fortan soll der Abstand zu den Mitbewerbern nicht mehr 25, sondern 30 Prozent betragen. Man begründet dies, durchaus edelmütig, damit, dass speziell Verlage ja nicht mehr so viel Geld erlösen und somit zum Ausgeben beispielsweise für Agenturen zur Verfügung hätten. Das ist sicher richtig und wahrscheinlich wird es auch keinen Kunden geben, der protestieren würde. Auf der anderen Seite zeigt das aber auch sehr schön, in welch fatale Spirale Journalisten zunehmend geraten: Wenn die DAPD weitere Kosten senken will, dann wird das vermutlich auch zu Lasten der Honorare gehen (wie auch sonst). Die “Ware” Journalismus verliert weiter an ökonomischen Wert, weil sie über den Preis in den Markt gedrückt werden soll (vielleicht sogar muss). Dass die “Ware” dadurch unbedingt besser wird, darf man allerdings bezweifeln. Goldene Zeiten für alle, die sich aus dieser Spirale befreien..

Notizblog (5): Der HR, der Spiegel und der See

Der „Frankfurter Tag des Onlinejournalismus“ in voller Länge: Der HR hat alle Beiträge des Tages online gestellt, alle Videos sind zum Nachsehen da. Ich habe dort ein bisschen über das iPad geplaudert und stelle gerade ganz beglückt fest, dass ich 40 Minuten Redezeit zugeteilt bekommen hatte und genau 38 Minuten und 26 Sekunden gebraucht habe. Ganz ohne auf die Uhr zu schauen. Ebenfalls mit dabei im Video: HR-Intendant Helmut Reitze sowie die Universalcode-Mitstreiter Stefan Plöchinger und Lorenz Matzat.

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Zuverlässig wie eh und je der „Spiegel“: Jedes Jahr an Weihnachten und an Ostern kommen die Jesus-Geschichten, Pfingsten und andere Tage sind gerne genommen Termine für Hitler oder Stalin. Dieses Jahr geht es um Hitler und Stalin, was natürlich auch schön ist. Ein paar Konstanten braucht der Mensch im Leben ja — und wenn es nur dafür gut ist, dass man an den Spiegel-Titelgeschichten bemerkt, welcher Feiertag gerade ist.

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Apropos Feiertag: Niemand ist eine Insel, nur diese Rutsche. Und der See. Und ich. Pause bis Dienstag.

 

Die Rutschinsel

Notizblog (4): Konrad Tönz

Konrad Tönz

Es gibt Sachen, die es nur in Berlin gibt, beispielsweise einen Laden, der ernsthaft „Konrad Tönz“ heißt. Die Älteren unter Ihnen kennen den Mann noch. Wenn mich übrigens jemand fragen würde, was mir zum 50. Geburtstag des ZDF einfällt, dann würde ich sagen Eduard Zimmermann und Konrad Tönz. Und die herrliche Unbeholfenheit, mit der man versucht, auch bei einer heftigen Ansammlung von Pannen noch den angemessenen Ernst zu behalten. Ede ist sichtlich irritiert, Konrad Tönz hingegen so cool, dass er es in jedem Fall verdient hat, dass in Kreuzberg eine Bar nach ihm benannt wird.

Notizblog (3): Don´t stand so Klose to me

Mein lieber Klosi Scholli, da habt ihr uns aber einen Schrecken eingejagt, liebe Kollegen von idowa.de. Dahingestellt ist, ob es wirklich die Kollegen aus Straubing waren, die Miro und Timm irgendwie verwechselt haben, sondern die dpa, die diese Meldung rausgegeben hat. Sei´s drum, zumindest hat man sich wirklich eine hübsche Bildunterschrift ausgedacht.

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Kleine Wochenvorschau: Vermutlich spätestens am Mittwoch wird Frau Alice Schwarzer nochmal zum finalen Kommentarschlag in der Causa Kachelmann ausholen. Wahlweise wird es sich dann beim Urteil für oder gegen Kachelmann  um einen Schlag ins Gesicht für Millionen Frauen oder aber um eine Genugtuung für Millionen von Frauen handeln. Egal was oder wie, für den gewöhnlichen Betrachter liegt ein entscheidender Vorteil darin, dass Alice Schwarzer dann erstmal für eine ganze Zeit lang nicht mehr im Zentralorgan für die Gleichberechtigung der Frau (vulgo: Bild) kommentieren wird. Alleine das ist Grund genug, das Ende des Prozesses irgendwie zu begrüßen. In dem Zusammenhang lesenswert: die Titelgeschichte im aktuellen „Spiegel“ über die Probleme der Justiz, aus manchen Fällen nichts als die Wahrheit rauszuholen. Liest man dieses Stück, wundert man sich auf der einen Seite, wie Titelgeschichten über DSK und Williamkate zustandekommen. Und denkt sich zudem: Eigentlich können sie es ja doch.

 

Notizblog(3):Der FTOJ und der Satz der Woche

In Frankfurt findet in den Räumen des HR das nächste Autorentreffen von „Universalcode“ statt. Nein, das ist natürlich blühender Unsinn. Tatsächlich handelt es sich dabei um den „Tag des Onlinejournalismus“, den der Hessische Rundfunk dort veranstaltet. Trotzdem sind mit Stefan Plöchinger, Lorenz Matzat und mir tatsächlich drei Autoren unter denjenigen, die irgendwas erzählen werden. Das ist Zufall, aber ein netter Zufall. Wenn Sie mögen, können Sie uns auch zusehen dabei, die Veranstaltung wird von hr-online und rundfunk.evangelisch.de live gestreamt. Die einzelnen Beiträge gibt es später dann auch on demand. Die Veranstaltung steht in diesem Jahr unter dem Leitmotto „Wie Gesellschaft und Journalismus neu verdrahtet werden“.

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Ob Journalisten eigentlich irgendwie eitel seien, bin ich gestern bei einer kleinen Podiumsdiskussion in Passau (veranstaltet von den Nachwuchs-BJVlern) gefragt worden. Und ich musste an das Netzwerk Recherche denken und an die hübschen kleinen Kabbeleien und einen innerlich feist grinsenden Carsten Maschmeyer, der seine Absage an die Veranstaltung wahrscheinlich mit einem lauten Lachen formulierte. Und ich musste an einen bekannten Journalistenausbilder in gehobenem Alter denken, der sich selbst für den lebenden Journalismus oder zumindest das lebende letztinstanzliche Sprachgericht hält und vor dem sich alle wenigstens in den Staub werfen müssen, wenn sie ihn sehen. Trotzdem wollte ich dann antworten, dass wir auch nicht eitler sind als andere,  aber gerade in dem Moment ging das irgendwie nicht.

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(Seminar-)Dialog der Woche:

Teilnehmer: Ich hab´da vor kurzem einen Text gelesen, den fand ich echt gut.

Ich (vorlaut wie immer): Der war übrigens von mir.

Teilnehmer: Ehrlich? Ich dachte, Sie können nur Internet.

 

Notizblog (2): Im BJV-Dauerdienst

Sollten Sie zufälligerweise am Samstag in Neumarkt sein und zufällig die Mitgliederversammlung des BJV besuchen: Wir könnten uns sehen. Ich darf das Impulsreferat zu Beginn der Veranstaltung halten und freue mich vor allem darüber, dass der BJV das auch tatsächlich Impulsreferat und nicht „Keynote“ genannt hat. Sollten Sie dann zufälligerweise auch noch am Dienstag darauf in Passau sein, könnten wir uns ebenfalls sehen. Ich diskutiere dort in der Uni zusammen mit Prof. Ralf Hohlfeld über das Thema „Social Media für (junge) Journalisten“. Es wird natürlich um die Anwendbarkeit von Sozialen Netzwerken gehen, aber auch um die eher grundsätzliche Frage, wie soziale Netzwerke den Journalismus verändern. Die Veranstaltung geht von 18 bis 20 Uhr, Sie finden uns im Raum 017, IT-Zentrum/International House, Innstraße 43, Passau. Ich freue mich, wenn ich viele von Ihnen und Euch in Neumarkt und Passau sehe.

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Seit beinahe zwei Wochen will ich unbedingt auf diese großartige Aufstellung eines „multimedialen Werkzeugkastens“ hinweisen und hab´s doch immer wieder vergessen. Stand heute kenne ich keine bessere und relevantere Zusammenstellung von Tools, Software und Seiten, die man kennen sollte, um multimedial produzieren zu können. Und nachdem wir ja immer wieder davon predigen, dass momentan nichts darüber geht, Dinge einfach mal auszuprobieren, bitte sehr: Probieren Sie es und sich aus!