Social Media: Eine Frage der Leere

Social Media stagniert, stellt die neue Onlinestudie von ARD und ZDF fest. Plattformen wie Twitter und Snapchat hängen sogar auf einem erstaunlich niedrigen Niveau fest. Trotzdem: Kein Grund, soziale Netzwerke wieder vom Radar zu nehmen und nur noch irgendwas mit Facebook zu machen… “Read

Die unheimliche Macht: Wie der „Spiegel“ Medienpolitik macht

Der „Spiegel“ hat in seiner aktuellen Ausgabe eine „Unheimliche Macht“ entdeckt: ARD und ZDF. Und schickt gleich hinterher: „Wie ARD und ZDF Politik betreiben“. Danach kommt ein bisschen Generalkritik. An Anstalten, denen „im Netz Hass entgegenschlägt“. Dass ausgerechnet der „Spiegel“ eine derart populistenfreundliche Titelgeschichte bringt, hätte man sich bis vor kurzem auch noch nicht vorstellen können. “Read

Facebook sperrt den Guru: #FreeLorenz!

Liebes Facebook, wir müssen reden. Diese Formulierung habe ich gewählt, weil mal jemand bei euch geschrieben hat, Journalisten, die einen Beitrag mit „Wir müssen reden“ beginnen, solle man besser nicht allzu ernst nehmen. Das fand ich sehr witzig und gut beobachtet und natürlich nur bedingt ernst zu nehmen. Der Mann, der das geschrieben hat, heißt Lorenz Meyer, ist Mitglied bei euch – und von Beruf: Guru. “Read

Wir wollen mehr Bulo wagen!

Beim VdZ haben sie in den letzten Monaten für ein paar lustige Schlagzeilen gesorgt. Das lag vor allem an Stephan Holthoff-Pförtner. Der Mann hat in seinem Leben eine ganze Menge Sachen gemacht, war u.a. mal Anwalt von Helmut Kohl und ist aktuell immer noch Miteigentümer der nicht ganz kleinen Funke-Mediengruppe. Letztes Jahr haben sie Holthoff-Pförtner zum Chef des VdZ gewählt, was den VdZ beinahe zerrissen hätte, weil sich vor allem die Großverlage nicht wirklich von ihm repräsentiert fühlten. “Read

Das Schweigen der Ämter

Dieses hier ist die kurze wie interessante Geschichte einer kleinen Recherche. Besser gesagt eines Rechercheversuchs. Und eine Geschichte darüber was herauskommt, wenn in einem (Finanz-)Amt etwas passiert, was eigentlich unter keinen Umständen passieren dürfte. Um es vorwegzunehmen: Wenn etwas passiert,was unter keinen Umständen passieren dürfte, haben Pressestellen ein enormes Formulierungsgeschick, Dinge nicht wirklich abzustreiten, aber eben auch nicht einzuräumen. “Read

Tagesschau-App: Der Musterschüler

Neu auf dem Markt: die Tagesschau-App 2.0. Sie ist ziemlich chic geworden, auch wenn man manchmal den Eindruck hat, man sitze vor einer Kreuzung aus Buzzfeed und Snapchat…

Videos im Mittelpunkt, das Format ist (fast) egal

Die „Tagesschau“ orientiert sich eindeutig an dem, was sich in den vergangen Monaten als Standard in den sozialen Netzwerken herauskristallisiert hat: eindeutiger Schwerpunkt auf kurzen Videos, die kurz und prägnant zur Sache kommen. Und die, Text-Inserts sei Dank, auch ohne Ton auskommen. Überhaupt sieht die App an vielen Stellen aus, als hätte sie sich jemand ausgedacht, der viel im sozialen Netz unterwegs ist und das meistens mit dem Smartphone. Was kein Nachteil sein muss, zumal man dann bei genauerem Hinsehen doch erkennt, dass die gute alte „Tagesschau“ dahinter steckt.

Die Debatte „Hoch- oder Querformat“ hat die Redaktion übrigens elegant entschieden: Mit einem „sowohl als auch“. Die Redaktion nimmt für sich in Anspruch, weltweit die erste News-App zu sein, die Videos in beiden Varianten im gewohnten 16:9-Format zeigt. Ob das stimmt, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber es ist zumindest eine sehr angenehme Sache, wenn man sich nicht entscheiden muss. Persönlich mag ich querformate Videos deutlich lieber. Aber wer wollte bestreiten, dass sich die Hochformat-Seher zunehmend mehr durchsetzen?

Für die Technik-Nerds unter den Lesern: Diese Wahl zwischen Quer- und Hochformat ist auch deswegen vergleichsweise einfach möglich, weil die Redaktion ein spezielles Cropping-Tool verwendet. Für jedes Einzelbild wird sofort eine Hochkant-Variante vorgeschlagen. Praktische Sache, das.

Small-Screen-Videos sind endgütig zum Massenphänomen geworden

Klar aber ist: Kurze Videos mit Text-Inserts, hochformatige Videos, Video als das allgegenwärtige Erzähl-Tool ist endgütig im Massenmarkt angekommen. Willkommen in der Digital-Welt 2017!

Dafür spricht auch, dass die Standard-Startseite der App so aussieht, als sei sie gerade bei Buzzfeed entlaufen. Oder als ob sie den Träumen eines gemäßigt radikalen Snapchat-Entwicklers entstammt. Ganz viel bewegtes Bild, nahezu kein Text mehr. Nebenbei bemerkt müsste der Verlegerverband jubeln, er hat aber reflexartig gemault, dass das natürlich alles nicht ausreicht.

Die Videos bzw. Slideshow starten schon auf der Seite, ohne dass man dafür etwas tun muss. Das ist an manchen Stellen etwas verwirrend, vor allem, wenn es sich um animierte Fotos oder um Slideshows ohne Ton handelt. Dann hat man, sofern man den Ton anhat, ein leicht irritierendes Brummen im Hintergrund. Keine Ahnung, ob ich nur zu doof war, um das herauszufinden, aber zumindest bei Fotos finde ich Brummen im Hintergrund befremdlich.

Personalisierung und Chatbot-Optik: Alles drin

Was es sonst noch gibt? Die Tagesschau-App ist jetzt konsequent und bis ins letzte Detail personalisierbar. Und wer sich auf die Suche begibt, bekommt jetzt nicht einfach irgendein Suchfeld, sondern eine Optik, die bewusst an den aktuellen Chatbot-Hype („Was möchtest du noch wissen?“) angelehnt ist.

Auch da ahnt man mittlerweile: Das ist die Richtung, in die die App- und Mobile-Züge in den kommenden Monaten fahre werden. Und damit letztendlich der ganze digitale Jornalismus. Das sich jemand mühselig durch eine Homepage und ihr im Regelfall gigantisches News-Angebot arbeitet, wird immer mehr die Ausnahme denn die Regel.

Daumen rauf oder runter?

Ganz eindeutig ist die Tagesschau-App das, was man so schön State of the art“ nennt. Ein bisschen wirkt sie, als hätte jemand einen Blick in ein imaginäres Lehrbuch geworfen und dann alles reingepackt, was er im Kapitel „Innovationen 2016“ gefunden hat. Das klingt jetzt möglicherweise böser als es gemeint ist, zumal man den öffentlich-rechtlichen ansonsten ja immer gerne einen gewissen Verstaubtheitsgrad vorwirft. Alles in allem ist sowas wie ein App-Musterschüler rausgekommen. Und wie das so ist mit den Musterschülern: An ihnen gibt es nichts auszusetzen, aber insgeheim wünscht man ihnen trotzdem mehr Coolness.

Für mich selbst habe ich entdeckt, dass das Alter immer öfter seine ganzen Tücken zeigt. Ich werde mich daran gewöhnen müssen und werde mich auch sicher dran gewöhnen. Aber sagen wir es mal so: Die „Tagesschau“ hat mir ungewollt auch all das vor Augen geführt, was ich an Snapchat nicht sonderlich mag…

2016: Was war – und was nicht

Einmal im Jahr werfen wir auf dieser kleinen Seite einen Blick auf die Trends des kommenden Jahres. Und am Ende dieses Jahres steht die Frage: Was kam so – und was war völlig verkehrt? Ein Rückblick.

Der Journalismus lebt noch, so viel lässt sich wenigstens mit Sicherheit sagen. Es gibt immer noch Zeitungen, Radio und Fernsehen. Aber es gibt unverkennbar auch: mehr Digitales. Vor allem solche digitalen Dinge, die journalistisches Eigenleben führen und nicht nur einfach alten analogen Kram in neue digitale Schläuche packt.

Aber schauen wir mal, welche Trends für 2016 hier vorausgesagt wurden – und was aus ihnen geworden ist…

Prognose 1: VR kommt, aber erst später!

Der Originaltext von damals: 

„Virtual Reality! Ja, schon klar, kommt. Irgendwann. Aber nicht jetzt. Nicht solange man sich irgendwelche sperrigen Dinge überstülpen und auch ansonsten unangemessen viel Aufwand betreiben muss. Solange ist das was für Nerds (siehe auch: Brille! Watch!), aber nichts für den Massenmarkt. Wir reden dann später nochmal.“

Nein, es war noch nicht das Jahr der Virtual Reality, auch wenn es ein paar echte und auch selbsternannte Netzkenner gab, die genau das prophezeit hatten. VR hätte bereits in diesem Jahr zum Massenphänomen werden sollen. Wurde es aber nicht, aus einer Reihe von guten Gründen. Einer davon war beispielsweise, dass es einem Massenmarkt nie sonderlich zuträglich ist, wenn man sich erst einmal ziemlich teures und sperriges Zubehör zulegen muss. Für eine Sache, die eine nette und immer ausgefeiltere Spielerei ist. Aber eben: eine Spielerei, die man zum Überleben sicher nicht braucht. Das alte Spiel halt: Nerds glauben, der Rest der Welt bestehe auch aus Nerds, nur aus solchen, die es erst etwas später merken. Reden wir doch in ein, zwei Jahre nochmal, vor allem dann, wenn die Hardware günstiges geworden ist. Und wenn es Anwendungen gibt, die wirklich Spaß machen. Solange man nur zeigt, was man alles damit machen könnte, ist das kaum ein Kaufanreiz.

Prognose 2: Die (Medien-)Welt wird ein Messenger!

Der Originaltext von damals: 

„Die (Medien-)Welt wird ein Messenger. Senden und empfangen. Schon immer das Prinzip aller Kommunikation. Jetzt zusammengepackt in winzig kleinen Apps. Das ist das nächste große Ding. So einfach, so gut.“

WhatsApp ist der Standard aller (mobilen) Kommunikation geworden, Facebook will seinen Messenger ebenfalls weiter massiv in den Markt drücken. Chatbots sehen aus wie Messenger, Snapchat ist, genau betrachtet, auch nichts anderes als ein sehr, sehr bunter und greller Messenger.  Klein, wendig, schnell und einfach zu bedienen (ok, Snapchat vielleicht nicht so). Aber das Prinzip wird immer klarer: Die One-to-One-Kommunikation wird mindestens genauso wichtig wie die großen Netzwerke, in denen jeder alles lesen kann. Und nichts deutet darauf hin, dass irgendetwas diese Trends stoppen könnte.

Prognose 3: Bezahlen für Inhalt? Nichts ist selbstverständlicher.

Der Originaltext von damals: 

„Die Ausrede, man könne Journalismus im Netz nicht gewinnbringend verkaufen, die zählt für 2016 nicht mehr.“

Zugegeben, über den richtigen Weg wird immer noch gestritten. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Zumal es den einen, funktionierenden Königsweg nicht geben wird. Beim „Spiegel“ etwa debattieren sie angeblich gerade mal wieder darüber, ob das mit dem Einzelverkauf mit Laterpay wirklich so eine grandiose Idee war. Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“ will es ihnen ja gleich gesagt haben.

Aber davon abgesehen: Niemand würde heute mehr ernsthaft behaupten wollen, dass man Journalismus im Netz nicht verkaufen kann. Lediglich das wie und das wieviel sind umstritten. Und ob das wirklich für alle reicht, die sich heute am Markt tummeln, kann man natürlich auch bezweifeln.

Prognose 4:  Alte Medien sterben nicht, wandern aber in die Nische

Der Originaltext von damals:

„Natürlich wird die Nutzung von Zeitungen, Radio und Fernsehen in der bisherigen Form zurückgehen. Insbesondere der (regionalen) Tageszeitung bisherigen Prägung kann man sogar ein vergleichsweise schnelles Verschwinden in der Nische prophezeien.“

Im WDR läuft seit dieser Woche eine ziemlich empfehlenswerte TV-Serie namens „Phoenixsee“ (die ist wirklich gut!). Aber was heißt schon TV-Serie? Natürlich kann man sich jeden Montag um 20.15 Uhr vor den Fernseher setzen und die aktuelle Folge anschauen. Aber im Zeitalter des Binge-Watching setzt sich der Digitalmensch natürlich vor die Mediathek von ARD/WDR und streamst sich eine Folge nach der anderen auf den TV-Bildschirm. Da gerät die Mediathek also zum Beleg dafür, dass unsere gute, alte Fernsehwelt auch immer netflixiger wird. Wer schaut schon noch Fernsehen?

Unterdessen hat die „Passauer Neue Presse“ den „Donaukurier“ aufgekauft, während in Berlin gerade die „Berliner Zeitung“ zu einem Zombie umgebaut wird. Überhaupt hat sich auch in diesem Jahr die Trends fortgesetzt, dass die gute alte Tageszeitung weiter an Boden verliert, zumindest in der gedruckten Form.

Und selbst im Radio ist der Umbruch unverkennbar: Schulz und Böhmermann muss man nicht zwingend mögen. Aber dass ihr Podcast jetzt nicht mehr bei den Öffentlich-Rechtlichen, sondern bei Spotify läuft – noch Fragen?

Prognose 5: Qualität siegt!

Der Originaltext von damals:

„Blinkportale“ wie „Focus Online“ oder „Buzzfeed“ mögen mehr (Focus) oder weniger (Buzzfeed) erfolgreich sein, sie nerven trotzdem.“

Hm. Würde ich so heute nicht mehr schreiben. Nicht weil ich nicht glauben würde, dass Focus Online nervt. Sondern weil die immer noch sehr erfolgreich sind. Da war wohl (leider) mehr der Wunsch der Vaters des Gedankens. Natürlich gibt es auch im digitalen Zeitalter reichlich Platz für das, was wir Qualität nennen. Für reichlich journalistischen Sperrmüll wohl aber auch.

Muss wohl so sein. Und außerdem hätten ja dann die ganzen Niggemeiers dieser Welt nix mehr zu tun, wenn es anders wäre.

(Die Trends für 2017 kommen in den nächsten Tagen mal…)

Eine Ohrfeige namens Trump

Die USA haben gewählt, Trump ist Präsident – und auch Journalisten, Medien und Social-Media-Enthusiasten haben eine bittere Lektion bekommen.

Natürlich bin ich kein Anhänger von Donald Trump. Wie könnte ich? Trotzdem gibt es speziell an einem Tag wie heute ein paar Dinge, die mich wahlweise erstaunen oder auch mal leicht wütend machen.

Die tiefe Kluft zwischen Medien und „denen da draußen“…

Journalisten leben gerne in ihrer eigenen Welt. Die ist, aller Krisen zum Trotz, immer noch ziemlich kuschelig. Vor allem dann, wenn es um Politik geht. Da sitzt man dann gerne in Redaktionsstuben zusammen, diskutiert den Lauf der Dinge, gibt Politikern ein paar Tips, was jetzt zu tun sei.  „Denen da draußen“ sagt man ebenfalls gerne mal, wie sie die Welt zu sehen haben. In den USA haben in diesem Jahr die 50 größte Tageszeitungen eine Wahlempfehlung für Hillary Clinton ausgesprochen. Keine einzige gab es für Trump. Kann eine Kluft noch tiefer sein?

Dabei müsste man sich nur mal mit Menschen außerhalb des eigenen Dunstkreises unterhalten. Man würde feststellen, dass die echte Welt manchmal eine andere ist als wie man sie sich wünschen würde. Immerhin hat in den USA jeder Zweite offenbar eine komplett andere Wahrnehmung als viele Journalisten. Und dass es auch in Deutschland der Begriff „Lügenpresse“ zu einem feststehen Begriff gebracht hat, mag man erschütternd finden. Neben dem propagandistischen Gedöns zeigt er aber auch, dass es diese tiefe Kluft auch in Deutschland gibt.

Aber klar, so eine Redaktion ist schon eine schöne Komfortzone. Und mit den Fingern auf die dummen Demoskopen zu zeigen ist durchaus bequemer, als mal die eigene Rolle zu überdenken.

Noch ein letztes: In en USA hat man weniger für die Person Trump gestimmt, als gegen Hillary und damit „das System“ (was auch immer das sein soll). Wenn man Journalisten auch als einen Bestandteil des „Systems“ sieht, dann war das heute Nacht auch eine Klatsche für sie.

Trump als Präsident? Es kann nicht sein, was nicht sein darf…

Präsident Trump? Das werde nicht passieren, kommentierte die SZ vergangene Woche. Weil es bei dieser Wahl nur eine Kandidatin gebe. Man müsse Hilary Clinton nicht mögen, hieß es dort sinngemäß weiter, aber der Kandidat Trump sei alles mögliche, eine Witzfigur, ein Horrorclown, ein billiger Populist, aber eben: kein Kandidat. Weswegen nach dem 9. November es Clintons vordringlichste Aufgabe sei…undsoweiterundsoweiter. Ebenfalls dieser Tage schrieb die SZ dann nochmal in den Kommentaren, es bestehe an einem Wahlsieg Clintons ja kein vernünftiger Zweifel.

twitter_ronniegrob Trump

Damit stand die SZ nicht alleine, wie der schöne Ausriss aus dem „Tagesanzeiger“ belegt. Wobei ich die Frage stellt: Wie sehr muss man eigentlich die Augen verschließen können, wenn man bei einem Präsidentschafts-Kandifaten einer großen Partei mehr oder weniger ausschließt, er könne gewinnen? Noch dazu bei einem, der zwar lange in den Umfragen hinter Clinton lag, aber nie so weit, dass das Rennen aussichtslos gewesen wäre.

So ist das übrigens mit der Demokratie: Auch die andere Hälfte darf mitreden. Selbst wenn´s wehtut.

Die Arroganz der vermeintlich Klügeren

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Und wenn jetzt doch? Sind die halt alle dumm, die so einen wählen. Kann man schon mal machen, dass man rund 100 Millionen Menschen als dumm bezeichnet. Kann aber auch sein, dass das eine Analyse ist, die etwas kurz greift.

Vor allem dann, wenn es sich dabei nicht nur um ein amerikanisches Phänomen handelt. Eine rechtspopulistische Konterrevolution ist gerade fast überall zu beobachten, auch in Deutschland haben wir mit dem Thema gerade genug zu tun. Und auch hier gibt es den Reflex: Die sind ja alle dumm, die AfD und Co. wählen. Den Fehler machen vermeintlich Intellektuelle gerne mal. Kann sein, dass im Fußvolk solcher Bewegungen nicht immer die Hellsten unterwegs sind. Diejenigen, die solchen Bewegungen vorangehen, sind meistens alles andere als dumm. Man hat übrigens auch bei Trump lange genug der Verlockung nachgegeben, ihn als tumben Dummkopf darzustellen. Der Dummkopf wird demnächst Präsident der Vereinigten Staaten sein.

Zweiter Effekt: Wie wollen wir  jemals wieder zu einer halbwegs solidarischen Gesellschaft kommen, wenn wir jeden, der von unseren tollen Ideen nicht überzeugt ist, mal eben als „dumm“ abqualifizieren? Ich hatte erwartet, dass kluge Menschen bessere Ideen haben, als jemanden, der nicht auf unserer Seite ist, im Vorbeigehen ins Gesicht zu spucken.

Noch ein Gedanke: Eine der heute in meiner Timeline meist gehörten Forderungen ist, man müsse jetzt einfach mal mehr Geld in Bildung investieren, dann komme so etwas nicht mehr vor.

Alles andere steht im Tweet von Meike Lobo.

Die USA haben schon immer ein Faible für „unmögliche“ Kandidaten gehabt

Ich erinnere mich gerade an die 80er. Als die Leute, die heute vermutlich meine Timeline darstellen würden, sich über die Amerikaner amüsierten. Bei denen, so hieß es damals im linksintellektuellen Arroganz-Spott, kandidiere mittlerweile ein zweitklassiger Hollywood-Schauspieler für das Präsidenten-Amt. Der habe natürlich keine Chance, aber da könne man mal sehen, wie dumm diese Amerikaner seien.

Kurz darauf war ein gewisser Ronald Reagan Präsident und wenn man seine Bewertungen gut 30 Jahre später liest, dann klingt das alles gar nicht so schlecht. Reagan habe den kalten Krieg gewonnen, heißt es mittlerweile. Und ein bisschen auch die Mauer zum Einsturz gebracht („Tear this wall down“). Ob man jemals über einen Präsidenten Trump etwas ähnlich Gutes sagen wird, weiß ich nicht. Tatsache aber ist, dass wir uns vielleicht daran gewöhnen sollten, dass generell in den USA andere politische Karrieren möglich sind als bei uns. Dort werden Schauspieler Gouverneure und auch 2008 beispielsweise passierte etwas, was nach unserem Verständnis völlig unmöglich wäre: Ein junger, weitgehend unbekannter und noch dazu farbiger Senator wirft die haushohe Favoritin Hillary Clinton aus dem Rennen.

Mit dem Unterschied, dass Obama halt „unser“ Kandidat war.

Umgekehrt staunen übrigens Amerikaner gerne mal darüber, dass in Deutschland nur jemand Kanzler werden kann, der vorher die klassische Partei- und Ministerkarriere gemacht hat.

Was passiert, wenn man in der Filter Bubble lebt

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Mir ging es ähnlich wie Philipp Matheis. Kein einziger Trump-Anhänger in meinen vielen Timelines. Nebenbei versuche ich gerade mir vorzustellen, was passiert wäre, hätte sich einer meiner  Freunde auch nur ansatzweise als ein solcher geoutet, er hätte ebenso gut behaupten können, die Erde sei eine Scheibe und werde von Dämonen regiert. Und, zugegeben: Weil ich ja auch in einer solchen Filterblase lebe und die dort installierte Echokammer keinen Zweifel gelassen hat, dass am Ende die Präsidentin Clinton heißen wird, habe ich selbst bis heute Nacht nicht geglaubt, dass Trump Präsident werden kann.

Hätte ich mal auf meinen guten Freund Anthony gehört. Ein in Deutschland lebender, aus Florida stammender Farbiger, überzeugter Demokrat: „It really can happen“, hat er mir immer und immer wieder gesagt, zuletzt vor gut einer Woche. Ich hab´ ihn belächelt. Und es darauf zurückgeführt, dass Amerikaner ja immer ein Faible für völlig unmögliche Geschichten haben.

Anthony ist übrigens weder bei Facebook noch bei Twitter.

Wir überholen uns gerade selbst…

Medientage vorbei, Zukunft ungeklärt: So wie es aussieht, war der Branchentreff in München nett zum – sich treffen. Die wirklichen Entwicklungen dagegen sind so radikal anders, wie es sich die meisten der Teilnehmer kaum vorstellen können. Der Medienwandel überholt sich gerade mal wieder selbst.

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Das Netz ist, in jeder Hinsicht, eine sehr große Sache. Man kann dort ungefähr alles finden. In der Theorie zumindest. In der Praxis ist das nicht so einfach. Es gibt zwar Suchmaschinen, aber die sind bei genauerem Hinsehen eher dumm. Es gibt Journalismus in allen möglichen Varianten, aber meistens muss man sich den immer noch selbst suchen, markieren, abspeichern. Es gibt Millionen von Webseiten, aber die stammen noch aus der Zeit, als man eine Webseite besuchte, wenn man etwas wissen wollte. Wollte man demnach richtig viel wissen, musste man auch richtig viele Webseiten besuchen.

Kurz gesagt: Das war das Web der unbegrenzten Seiten und dennoch sehr begrenzten Möglichkeiten.

Der Status Quo ist momentan bereits ein anderer: Es gibt Apps und es gibt soziale Netzwerke. Es gibt Angebote wie Buzzfeed et al. Der Inhalt kommt inzwischen also zum User. Vorsortiert, nach welchen Kriterien auch immer. Manchmal sind es Redaktionen, immer öfter ist es künstliche Intelligenz. Die ist noch nicht immer das, was man unter wirklich intelligent versteht. Aber sie wird es immer öfter.

UC_VorschaubildUnd sie ist eine Konsequenz daraus, dass niemand  in der Lage ist, das Internet leer zu lesen: Künstliche Intelligenz überlegt sich, was genau jetzt das Richtige für einen Nutzer sein könnte (in diesem Zusammenhang gerne ein wenig Native Advertising: Man könnte das auch auf die Formel „Content-Kontext-Endgerät“ bringen .).

Das ist das halb-personalisierte Netz, das aber immer noch ein bisschen dumm ist.

Wenn aber als nächstes ein intelligentes, mobiles, lernendes und vor allem personalisiertes Netz kommen soll – heißt das dann eben nicht auch, dass es ein völlig anderes Netz als das heutige sein müsste?

Heißt es. Genau das. Wir nennen es Medienwandel.

Zulieferer für eine neue Infrastruktur

Für uns Journalisten ist das erstmal eine Nachricht, die man ebenso gut wie schlecht finden kann. Gut ist sie, weil der Untergang des Journalismus noch mal verschoben werden muss. Weil es natürlich schön ist, wenn Software-Entwicklern und anderen Tüftlern regelmäßig was Neues einfällt, das aber ohne Inhalte eben doch nicht funktioniert. Und weil es ab und an auch mal eine gute Idee sein könnte, sich den Lauf der Dinge nicht nur von Bots oder Schreihälsen in sozialen Netzwerken zeigen zu lassen.

Auf der anderen Seite: Es werden nicht wir sein, die diese neuen Infrastrukturen des Netzes bauen. Die bauen gerade ganz andere. Und am immer wieder geäußerten Unbehagen in den diversen Veranstaltungen merkt man dann auch, dass es dem einen oder anderen dämmert, dass es sich was hat mit den eigenen Webseiten und den Usern, die sich dort ihren Content abholen. Homepage, Content? Das ist irgendwie so 2011.

Die neuen Gralshüter sind andere. Soziale Netzwerke, die als allererstes. Natürlich können wir uns jeden Tag über Facebook, Instagram, Snapchat auskotzen und darüber lamentieren, wie schön es doch früher war, als ein soziales Netzwerk bestenfalls eine Linkschleuder war, über die man noch ein paar Klicks mehr auf die eigene Seite gebracht hat. Das ist endgütig vorbei – realistisch betrachtet wird es tendenziell eher umgekehrt sein: Man streut seine Inhalte sonstwohin, die eigenen Angebote sind das Zusatzgeschäft. Homeless Media? Aber sowas von. Wir sind überall da, wo es irgendwas Digitales gibt.

Und ja, natürlich liefert diese neue Infrastruktur uns auch klare inhaltliche Vorgaben. Mindestens so wichtig wie das digitale Blattmachen wird künftig auch anderes sein: zu wissen, wie die Funktionsweisen von Algorithmen sind. Nach welchen Kriterien Geschichten in sozialen Netzwerken laufen und wie Personalisierung beispielsweise in Apps geht. Die Mengen an Inhalt werden mehr, die Netze dagegen immer enger gezogen. Das ist die unausweichliche Konsequenz von intelligenten und personalisierten Medien. Da ist es nämlich durchaus auch ein Kriterium, was man nicht zu sehen bekommt.

Dein persönlicher Assistent

Dazu gehört auch, dass wir uns von Algorithmen durch den (medialen) Alltag tragen lassen. Eine Idee, was das mittelfristig bedeutet, hat Google mit seinem Pixel, seinen Daydreams und seinem Assistenten bereits geliefert.

Bevor Sie jetzt als „Pfui!“ rufen, weil es Google ist: Es gibt auch andere, die genau in diese Richtung planen. Wenn man also wissen will, wohin die Reise geht: Dieses Gespräch mit Marco Maas anhören, sich mal schlau machen, was die App „XMinutes“ machen soll – und dann kurz mal darüber nachdenken, inwieweit sich künftig die Vorstellungen von Webseiten und Apps noch aufrecht erhalten lässt.

Marco Maas Medienwandel

Marco Maas. (Foto: Jakubetz)

 

Medienwandel: Die eigene Plattform verliert, die Marke bleibt

Müssen wir dann jetzt also alle sterben? Knechten in ewiger Verdammnis, als Content-Sklaven für Google, Facebook, Apple, Samsung? Weiß dann keiner mehr, was eigentlich so eine gute SZ ist oder die ARD und nicht mal mehr, wer früher RTL II war? Wird Journalismus nur noch in Häppchen und Bots so auf die Displays serviert, dass man weder mit anderen Weltbildern als dem eigenen konfrontiert wird noch auch nur eine Sekunde das Hirn anstrengen muss?

Auch hier gilt: Apokalypse leider erst mal abgesagt.

Wenn sich Vertriebswege ändern, heißt das nicht, dass damit auch alle Marken untergehen. Im Gegenteil: Marken sind wichtiger denn je. Gerade weil man, wenn schon die Vertriebswege immer unübersichtlicher werden, gerne eine Orientierungspunkt hat. Davon abgesehen sollten Journalisten die Wirkung einer Marke nicht unterschätzen: Von Samsung will niemand Nachrichten haben. Vom Spiegel, der FAZ oder der Zeit schon.

Schon klar: Die Gatekeeper sind künftig dann aber eben doch eher Samsung, Apple, Facebook und Google. Man wäre gut beraten, sich mit dieser Realität zu arrangieren.

Wer zahlt hier eigentlich für wen?

Das mit diesen Realitäten ist allerdings so eine Sache. Der Herr EU-Kommissar Oettinger und in seinem Gefolge ein beträchtlicher Teil der deutschen Verlage würden immer noch gerne die Spielregeln im Netz ändern. Das kann man irgendwie verstehen, ist aber trotzdem an allen Realitäten vorbei.

Das Motto „Haltet den Dieb!“ setzt ja immer auch voraus, dass es erstmal einen Diebstahl gegeben haben muss. Genau das aber ist der Nonsens, dem man bei den Verfechtern irgendwelcher europäischer Auswüchse des schon in Deutschland grandios gescheiterten Leistungssschutzrechts immer wieder feststellt. Der „Diebstahl“ von Google et al. bringt nämlich eine ganze Menge Traffic zu den bestohlenen Verlagen. Die Kollegen von „Zeit Online“ haben das sehr plausibel anhand des eigenen Beispiels dargestellt.

So weit wie der omnipräsente US-Professor Jeff Jarvis, den in Google vermutlich die Probleme ungefähr aller Weltprobleme sehe, muss man ja nicht gleich gehen – und Google den eigenen Abostamm übereignen. Man sollte generell nicht alles glauben, was Jarvis und andere Digital-Populisten zum Medienwandel erzählen. Bevor man aber sich an das Entwickeln neuer Geschäftsmodelle macht, muss man sich mit Realitäten arrangieren. „Wir lassen Google für unsere Inhalte bezahlen“ – das ist jedenfalls ziemlich weit von digitalen Realitäten entfernt.

Wir sehen uns dann mal alle bei den Medientagen 2017.

 

 

Die Lehren aus 5 Jahren „Wired“

das-cover-der-deutschen-wired-48002-detailpDer Kollege Thomas Knüwer hat unlängst den 5. Jahrestag des Ersterscheinens der deutschen „Wired“ ausführlich auseinandergenommen geschildert. Das hat mich ein bisschen erschreckt. Weniger, wegen der einen oder anderen Anedokte, die erst jetzt nach fünf Jahren an die Öffentlichkeit darf. Mehr dagegen, weil schon wieder fünf Jahre vorbei sind, ohne dass ich gemerkt habe.

 
Zum Lesen witziger Geschichten und wie immer lesenswerter Überlegungen also bitte hier entlang. Für ein paar Erkenntnisse, die man aus dem Projekt „Wired“ für den Journalismus mitnehmen kann – bitte weiterlesen…

1. Mittelmaß ist kein Geschäftsmodell (und keine „Wired“)

Erschrocken bin ich auch deswegen, weil ich ohne den Knüwer-Text vermutlich vergessen hätte, dass es das Blatt überhaupt noch gibt. Das klingt natürlich jetzt aus der Feder eines Gründungs-Redaktionsmitglieds sagenhaft arrogant und nach: früher war alles besser! Wenn Sie diesen naheliegenden Gedanken beiseite lassen, mal ganz ehrlich: Wann haben Sie das letzte Mal in der „Wired“ ein Stück gelesen, das sich so richtig nach „Wired“ anfühlt? Ich habe immer wieder mal in ein Heft reingelesen und mir meistens gedacht, dass ich das woanders jetzt auch lesen könnte. Die meisten Hefte sind nicht schlecht. Aber: Nicht schlecht kann für ein Heft wie die „Wired“ kein Maßstab sein.

Das kann es aber auch für Rest des Journalismus nicht. Bei den Massen von Texten, Bildern, Videos, Sendern, Heften und Netzwerken, die inzwischen am Start sind, sind Nutzer nicht mehr gezwungen, etwas zu lesen oder zu sehen, weil es nichts anderes gibt. Das war zu Zeiten der der Fernsehsender und der einen Zeitung vor Ort mal anders. Heute ist die Aufgabe für den Nutzer eine andere: selektieren. Informationsbeschaffung im Jahr 2016? Ein Witz, wenn jemand glauben sollte, dass jemand auf uns warten würde. Da sollte Journalisten schon mehr einfallen.

t3n, Brand eins und Landlust – wenn Sie sich jetzt darüber wundern, was diese drei miteinander zu tun haben, einfache Antwort: Alle drei sprechen exakt ihr Publikum an. Sie wissen, was ihre Leute lesen wollen und sie bedienen diese Bedürfnisse ausgesprochen gut. Zielgruppen müssen heute nicht mehr sehr groß sein. Aber man muss sie erstens kennen und zweitens präzise bedienen. General Interest ist schon alleine deswegen halbwegs tot, weil es so etwas wie ein General Interest nicht mehr gibt (wenn es so etwas denn jemals gegeben haben sollte). Das ist, nebenher bemerkt, auch das Problem, das beispielsweise Tageszeitungen haben. Für jeden ein bisschen was – diese Idee hat sich überlebt.

Unsere erste „Wired“ damals, um wieder aufs Thema zurückzukommen, die konnte man mögen oder doof finden. Was beides selbstverständlich völlig ok war. Die heutige „Wired“ löst Schulterzucken aus. Gleichgültigkeit ist für Medien aller Art im Jahr 2016 sehr viel gefährlicher, als wenn man sich mal ordentlich aufregen würde.

2. Blogger und Selfie-Journalisten sind cleverer als viele Etablierte

Das bringt einen dann dazu darüber nachdenken, warum so viele etablierte Medien nur noch Schulterzucken auslösen – während andere im Netz Erregungswellen auslösen können, ganz ohne monströsen Verwaltungsapparat hinter sich (und manchmal, zugegeben, auch ohne allzu viel Substanz). Es hat viel damit zu tun, dass sich viele Redaktionen immer noch hinter genau diesem Apparat verstecken und als Apparate dann weder sonderlich kommunikationsfreundlich sind und naturgemäß auch kein (in des Wortes Sinne) Gesicht haben. Das haben viele Blogger und Selfie-Journalisten sehr viel besser kapiert. Journalismus im digitalen Zeitalter ist eben kein reines Verlautbaren von Dingen mehr.

Noch mal eine Analogie zur Wired 2011: Ich bin bis heute überzeugt davon, dass ein beträchtlicher Teil des damaligen Hypes auch damit zusammenhing, dass der Kollege Knüwer es blendend versteht, im Netz ordentlich Tremolo um seine Person zu machen. Wired 2011 hatte also mindestens ein Gesicht, wahrscheinlich sogar mehrere. Wired 2016 hat, wie so viele andere Redaktionen auch, eine Marke, einen Namen – aber eben kein Gesicht.

Nein, natürlich muss man nicht so weit gehen, wie man es an den exzessiveren Stellen des Selfie-Journalismus erlebt. Man muss sich nicht komplett entblößen und für den Mittelpunkt der digitalen Welt muss man sich auch nicht halten. Trotzdem, Kollegen in den Sendern und Verlagen: Schaut euch an, wie viele Kollegen das im Netz schon machen. Und verabschiedet euch dann von dem Gedanken, man könne Journalismus heute noch rein über eine Marke verkaufen.

Nebenher: Zur Lektüre sei dieser Text empfohlen sowie dieses Video, in dem mir Mustafa Isik erzählt, wie Journalismus im digitalen Zeitalter künftig aussehen könnte. (Offenlegung: Mustafa Isik ist beim BR einer der wichtigsten Köpfe hinter dem Projekt BR24, für das ich regelmäßig arbeite. Das Video habe ich ursprünglich für das BR24-Blog gemacht.)

3. Das Publikum kennen und ab und an sogar mal mit ihm reden…

Umgekehrt hat das Publikum, wenn man so will, inzwischen auch ein Gesicht bekommen. Das Publikum, der Leser – das war in analogen Zeiten eine Masse, der man gerne mal was unterstellte, hauptsächlich zur Begründung der eigenen Ideen („Der Leser will das nicht!“). Das sagt er uns inzwischen schon selber, ob er irgendwas mag oder nicht. Wenn man das als lästig empfindet, sollte man sich besser einen anderen Job suchen. Tatsächlich gehört es zum Berufsbild, mit dem Leser auch mal zu reden. Idealerweise nicht nur dann, wenn er gerade irgendwas will oder sich beschwert.

Natürlich gab es 2011 nicht die Möglichkeiten, die es heute gibt. Aber schon damals haben wir versucht, sowas wie eine Community aufzubauen, sogar mit einem spontanen Tweet-Up im Englischen Garten. Entgegen der Erinnerung von Thomas Knüwer war das Münchner Sommerwetter nämlich schön wie immer. Dass wir beim Tweet-Up weitgehend unter uns blieben hatte also andere Gründe als das Wetter, aber egal: Der Versuch war schon ok, ebenso wie die Tatsache, dass wir mit einem eigenen Redaktionsblog so transparent wie möglich sein wollten. Natürlich verkauft man keine Auflagen über Blogs und Biergartenbesuche. Aber die werte Kundschaft muss man heute mehr denn je als eine potentielle Community verstehen. Schließlich gibt es bei jeder Zeitung, jedem Sender, jeder Webseite irgendwas, was die Leser, Zuschauer, User eint. Ein gemeinsames Interesse, ein Sport, ein Wohnort. Das ist ein Pfund, das Journalisten immer noch gerne unterschätzen. Natürlich ist das schon ein dolles Ding, diese journalistische Qualität, von der immer alle reden. Aber nur mit Qualität, was auch immer das sein mag, wird man niemanden für sich einnehmen, wenn man ihm ansonsten die kalte Schulter zeigt.

Bei der „Wired“ haben sie das prinzipiell gar nicht so schlecht gemacht mit der Community. Aber wenn ein zuvor sehr viel weniger bekannteres Projekt wie t3n mittlerweile häufiger in der Knüwer- (und auch meiner) Timeline auftaucht, dann spricht das eben auch dafür, dass es mit dem Community-Management nur so mittelgut geklappt hat.

4. Den Fortschritt als das sehen, was er ist

„Wir wollten fortschrittsoptismstisch sein“, beschreibt Thomas Knüwer unsere damalige Grundhaltung. Stimmt – und auch heute würde ich das jeder Redaktion dringend empfehlen, selbst dann, wenn sie thematisch mit der „Wired“ und anderen nicht sehr viel zu tun hat. Allerdings glaube ich heute auch mehr denn je, dass Fortschrittsglaube nicht bedeutet, einfach auf jedem Kanal präsent zu sein, den man irgendwo findet, der gerade neu und irgendwie heiß ist. Zu diesem Fortschrittsoptimismus gehört eben auch, dass man die Dinge differenziert betrachtet. Einen Hype auch mal als einen solchen erkennt und nicht bei jedem Ding, über das sich Digitalien länger als eineinhalb Tage unterhält, gleich wieder einen dauerhaften Trend vermutet.

Das gilt für Magazine wie für einzelne Journalisten: Nur weil eine Plattform gerade neu ist, muss sie noch nichts mit Fortschritt zu tun haben. Das erklärt auch meine aktuelle Skepsis, wenn es um die allgemeinen Jubelarien zum Thema „Snapchat“ geht. Man kann das Ding mögen oder auch nicht, aber wenn man das Große und Ganze einer digitalen Entwicklung betrachtet, dann ist „Snapchat“ uninteressant. Weil die Idee dahinter weder neu noch sonderlich spannend ist. Und weil man abwarten kann, wie früher oder später das nächste heiße Dinge um die Ecke biegt und man dann darüber diskutieren kann, ob sich „Snapchat“ etabliert hat (wofür einiges spricht) oder so schnöde verschwinden wird wie viele andere heiße Sachen zuvor.

Die Debatten über einzelne Tools sind also langweilig. Und mit „Fortschritt“ haben sie nichts zu tun. Spannend fände ich Debatten darüber, wo sich das Netz und die Digitalisierung hinbewegen. Ob man immer noch alles mit dem gleichen Enthusiasmus betrachten darf oder ob es nicht mittlerweile eben auch eine ganze Reihe von Entwicklungen gibt, die man nur so mitteltoll finden kann. Das entdecke ich in der „Wired“ fast gar nicht mehr.

5. Gegen den Strich bürsten. Und gegen die Verfettung, den Einheitsbrei.

Das führt am Ende dazu, dass ich in Publikationen zum Thema „Digital“ zunehmend Texte und Menschen vermisse, die auch mal gegen den Strich bürsten. Ich habe inzwischen eine ganze Reihe von Webseiten, Magazinen und Blogs aus meinem Medienmix genommen. Immer die selben Leute mit immer den gleichen Meinungen. Man kann zu „Besser Online“ in Berlin gehen oder zu den Medientagen in München, man wird immer wieder denen begegnen, denen man seit immer begegnet. Weil ich aber ohnehin schon in einer Filterblase lebe, freue ich mich inzwischen über jeden, der mal das ganz genaue Gegenteil behauptet (ich muss das ja deswegen nicht gleich glauben). In unserer einstmals so vitalen digitalen Blase hat sich hingegen eine erstaunliche Systemstarre, einhergehend mit Verfettung breitgemacht. Ein paar wenige führen das Wort, die anderen Putzfischchen finden es toll und retweeten und posten das sofort. Warum soll ich das noch lesen, wenn ich vorher schon weiß, was kommen wird? Es gibt Leute, die erzählen seit Jahren den gleichen Schmonzes – da reicht es, wenn man sie einmal gehört hat. Danach hat man eine Blaupause für die kommenden zehn Veranstaltungen, Texte, Blogbeiträge.

Pessimismus also? Keineswegs. Weil sich in den vergangenen Jahren ausreichend viele große oder auch kleine Projekte entwickelt haben, die aber auch eines gezeigt haben: Die Vorstellung, Verlagsleute müssten immer dröge und doof und die Digital-Apologeten immer brillant sein, hat sich als absurd erwiesen. Das klägliche Scheitern des Krautreporter-Projekts war zumindest für diese Erkenntnis gut.