Das Schweigen der Ämter

Dieses hier ist die kurze wie interessante Geschichte einer kleinen Recherche. Besser gesagt eines Rechercheversuchs. Und eine Geschichte darüber was herauskommt, wenn in einem (Finanz-)Amt etwas passiert, was eigentlich unter keinen Umständen passieren dürfte. Um es vorwegzunehmen: Wenn etwas passiert,was unter keinen Umständen passieren dürfte, haben Pressestellen ein enormes Formulierungsgeschick, Dinge nicht wirklich abzustreiten, aber eben auch nicht einzuräumen. “Read

Tagesschau-App: Der Musterschüler

Neu auf dem Markt: die Tagesschau-App 2.0. Sie ist ziemlich chic geworden, auch wenn man manchmal den Eindruck hat, man sitze vor einer Kreuzung aus Buzzfeed und Snapchat…

Videos im Mittelpunkt, das Format ist (fast) egal

Die „Tagesschau“ orientiert sich eindeutig an dem, was sich in den vergangen Monaten als Standard in den sozialen Netzwerken herauskristallisiert hat: eindeutiger Schwerpunkt auf kurzen Videos, die kurz und prägnant zur Sache kommen. Und die, Text-Inserts sei Dank, auch ohne Ton auskommen. Überhaupt sieht die App an vielen Stellen aus, als hätte sie sich jemand ausgedacht, der viel im sozialen Netz unterwegs ist und das meistens mit dem Smartphone. Was kein Nachteil sein muss, zumal man dann bei genauerem Hinsehen doch erkennt, dass die gute alte „Tagesschau“ dahinter steckt.

Die Debatte „Hoch- oder Querformat“ hat die Redaktion übrigens elegant entschieden: Mit einem „sowohl als auch“. Die Redaktion nimmt für sich in Anspruch, weltweit die erste News-App zu sein, die Videos in beiden Varianten im gewohnten 16:9-Format zeigt. Ob das stimmt, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber es ist zumindest eine sehr angenehme Sache, wenn man sich nicht entscheiden muss. Persönlich mag ich querformate Videos deutlich lieber. Aber wer wollte bestreiten, dass sich die Hochformat-Seher zunehmend mehr durchsetzen?

Für die Technik-Nerds unter den Lesern: Diese Wahl zwischen Quer- und Hochformat ist auch deswegen vergleichsweise einfach möglich, weil die Redaktion ein spezielles Cropping-Tool verwendet. Für jedes Einzelbild wird sofort eine Hochkant-Variante vorgeschlagen. Praktische Sache, das.

Small-Screen-Videos sind endgütig zum Massenphänomen geworden

Klar aber ist: Kurze Videos mit Text-Inserts, hochformatige Videos, Video als das allgegenwärtige Erzähl-Tool ist endgütig im Massenmarkt angekommen. Willkommen in der Digital-Welt 2017!

Dafür spricht auch, dass die Standard-Startseite der App so aussieht, als sei sie gerade bei Buzzfeed entlaufen. Oder als ob sie den Träumen eines gemäßigt radikalen Snapchat-Entwicklers entstammt. Ganz viel bewegtes Bild, nahezu kein Text mehr. Nebenbei bemerkt müsste der Verlegerverband jubeln, er hat aber reflexartig gemault, dass das natürlich alles nicht ausreicht.

Die Videos bzw. Slideshow starten schon auf der Seite, ohne dass man dafür etwas tun muss. Das ist an manchen Stellen etwas verwirrend, vor allem, wenn es sich um animierte Fotos oder um Slideshows ohne Ton handelt. Dann hat man, sofern man den Ton anhat, ein leicht irritierendes Brummen im Hintergrund. Keine Ahnung, ob ich nur zu doof war, um das herauszufinden, aber zumindest bei Fotos finde ich Brummen im Hintergrund befremdlich.

Personalisierung und Chatbot-Optik: Alles drin

Was es sonst noch gibt? Die Tagesschau-App ist jetzt konsequent und bis ins letzte Detail personalisierbar. Und wer sich auf die Suche begibt, bekommt jetzt nicht einfach irgendein Suchfeld, sondern eine Optik, die bewusst an den aktuellen Chatbot-Hype („Was möchtest du noch wissen?“) angelehnt ist.

Auch da ahnt man mittlerweile: Das ist die Richtung, in die die App- und Mobile-Züge in den kommenden Monaten fahre werden. Und damit letztendlich der ganze digitale Jornalismus. Das sich jemand mühselig durch eine Homepage und ihr im Regelfall gigantisches News-Angebot arbeitet, wird immer mehr die Ausnahme denn die Regel.

Daumen rauf oder runter?

Ganz eindeutig ist die Tagesschau-App das, was man so schön State of the art“ nennt. Ein bisschen wirkt sie, als hätte jemand einen Blick in ein imaginäres Lehrbuch geworfen und dann alles reingepackt, was er im Kapitel „Innovationen 2016“ gefunden hat. Das klingt jetzt möglicherweise böser als es gemeint ist, zumal man den öffentlich-rechtlichen ansonsten ja immer gerne einen gewissen Verstaubtheitsgrad vorwirft. Alles in allem ist sowas wie ein App-Musterschüler rausgekommen. Und wie das so ist mit den Musterschülern: An ihnen gibt es nichts auszusetzen, aber insgeheim wünscht man ihnen trotzdem mehr Coolness.

Für mich selbst habe ich entdeckt, dass das Alter immer öfter seine ganzen Tücken zeigt. Ich werde mich daran gewöhnen müssen und werde mich auch sicher dran gewöhnen. Aber sagen wir es mal so: Die „Tagesschau“ hat mir ungewollt auch all das vor Augen geführt, was ich an Snapchat nicht sonderlich mag…

2016: Was war – und was nicht

Einmal im Jahr werfen wir auf dieser kleinen Seite einen Blick auf die Trends des kommenden Jahres. Und am Ende dieses Jahres steht die Frage: Was kam so – und was war völlig verkehrt? Ein Rückblick.

Der Journalismus lebt noch, so viel lässt sich wenigstens mit Sicherheit sagen. Es gibt immer noch Zeitungen, Radio und Fernsehen. Aber es gibt unverkennbar auch: mehr Digitales. Vor allem solche digitalen Dinge, die journalistisches Eigenleben führen und nicht nur einfach alten analogen Kram in neue digitale Schläuche packt.

Aber schauen wir mal, welche Trends für 2016 hier vorausgesagt wurden – und was aus ihnen geworden ist…

Prognose 1: VR kommt, aber erst später!

Der Originaltext von damals: 

„Virtual Reality! Ja, schon klar, kommt. Irgendwann. Aber nicht jetzt. Nicht solange man sich irgendwelche sperrigen Dinge überstülpen und auch ansonsten unangemessen viel Aufwand betreiben muss. Solange ist das was für Nerds (siehe auch: Brille! Watch!), aber nichts für den Massenmarkt. Wir reden dann später nochmal.“

Nein, es war noch nicht das Jahr der Virtual Reality, auch wenn es ein paar echte und auch selbsternannte Netzkenner gab, die genau das prophezeit hatten. VR hätte bereits in diesem Jahr zum Massenphänomen werden sollen. Wurde es aber nicht, aus einer Reihe von guten Gründen. Einer davon war beispielsweise, dass es einem Massenmarkt nie sonderlich zuträglich ist, wenn man sich erst einmal ziemlich teures und sperriges Zubehör zulegen muss. Für eine Sache, die eine nette und immer ausgefeiltere Spielerei ist. Aber eben: eine Spielerei, die man zum Überleben sicher nicht braucht. Das alte Spiel halt: Nerds glauben, der Rest der Welt bestehe auch aus Nerds, nur aus solchen, die es erst etwas später merken. Reden wir doch in ein, zwei Jahre nochmal, vor allem dann, wenn die Hardware günstiges geworden ist. Und wenn es Anwendungen gibt, die wirklich Spaß machen. Solange man nur zeigt, was man alles damit machen könnte, ist das kaum ein Kaufanreiz.

Prognose 2: Die (Medien-)Welt wird ein Messenger!

Der Originaltext von damals: 

„Die (Medien-)Welt wird ein Messenger. Senden und empfangen. Schon immer das Prinzip aller Kommunikation. Jetzt zusammengepackt in winzig kleinen Apps. Das ist das nächste große Ding. So einfach, so gut.“

WhatsApp ist der Standard aller (mobilen) Kommunikation geworden, Facebook will seinen Messenger ebenfalls weiter massiv in den Markt drücken. Chatbots sehen aus wie Messenger, Snapchat ist, genau betrachtet, auch nichts anderes als ein sehr, sehr bunter und greller Messenger.  Klein, wendig, schnell und einfach zu bedienen (ok, Snapchat vielleicht nicht so). Aber das Prinzip wird immer klarer: Die One-to-One-Kommunikation wird mindestens genauso wichtig wie die großen Netzwerke, in denen jeder alles lesen kann. Und nichts deutet darauf hin, dass irgendetwas diese Trends stoppen könnte.

Prognose 3: Bezahlen für Inhalt? Nichts ist selbstverständlicher.

Der Originaltext von damals: 

„Die Ausrede, man könne Journalismus im Netz nicht gewinnbringend verkaufen, die zählt für 2016 nicht mehr.“

Zugegeben, über den richtigen Weg wird immer noch gestritten. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Zumal es den einen, funktionierenden Königsweg nicht geben wird. Beim „Spiegel“ etwa debattieren sie angeblich gerade mal wieder darüber, ob das mit dem Einzelverkauf mit Laterpay wirklich so eine grandiose Idee war. Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“ will es ihnen ja gleich gesagt haben.

Aber davon abgesehen: Niemand würde heute mehr ernsthaft behaupten wollen, dass man Journalismus im Netz nicht verkaufen kann. Lediglich das wie und das wieviel sind umstritten. Und ob das wirklich für alle reicht, die sich heute am Markt tummeln, kann man natürlich auch bezweifeln.

Prognose 4:  Alte Medien sterben nicht, wandern aber in die Nische

Der Originaltext von damals:

„Natürlich wird die Nutzung von Zeitungen, Radio und Fernsehen in der bisherigen Form zurückgehen. Insbesondere der (regionalen) Tageszeitung bisherigen Prägung kann man sogar ein vergleichsweise schnelles Verschwinden in der Nische prophezeien.“

Im WDR läuft seit dieser Woche eine ziemlich empfehlenswerte TV-Serie namens „Phoenixsee“ (die ist wirklich gut!). Aber was heißt schon TV-Serie? Natürlich kann man sich jeden Montag um 20.15 Uhr vor den Fernseher setzen und die aktuelle Folge anschauen. Aber im Zeitalter des Binge-Watching setzt sich der Digitalmensch natürlich vor die Mediathek von ARD/WDR und streamst sich eine Folge nach der anderen auf den TV-Bildschirm. Da gerät die Mediathek also zum Beleg dafür, dass unsere gute, alte Fernsehwelt auch immer netflixiger wird. Wer schaut schon noch Fernsehen?

Unterdessen hat die „Passauer Neue Presse“ den „Donaukurier“ aufgekauft, während in Berlin gerade die „Berliner Zeitung“ zu einem Zombie umgebaut wird. Überhaupt hat sich auch in diesem Jahr die Trends fortgesetzt, dass die gute alte Tageszeitung weiter an Boden verliert, zumindest in der gedruckten Form.

Und selbst im Radio ist der Umbruch unverkennbar: Schulz und Böhmermann muss man nicht zwingend mögen. Aber dass ihr Podcast jetzt nicht mehr bei den Öffentlich-Rechtlichen, sondern bei Spotify läuft – noch Fragen?

Prognose 5: Qualität siegt!

Der Originaltext von damals:

„Blinkportale“ wie „Focus Online“ oder „Buzzfeed“ mögen mehr (Focus) oder weniger (Buzzfeed) erfolgreich sein, sie nerven trotzdem.“

Hm. Würde ich so heute nicht mehr schreiben. Nicht weil ich nicht glauben würde, dass Focus Online nervt. Sondern weil die immer noch sehr erfolgreich sind. Da war wohl (leider) mehr der Wunsch der Vaters des Gedankens. Natürlich gibt es auch im digitalen Zeitalter reichlich Platz für das, was wir Qualität nennen. Für reichlich journalistischen Sperrmüll wohl aber auch.

Muss wohl so sein. Und außerdem hätten ja dann die ganzen Niggemeiers dieser Welt nix mehr zu tun, wenn es anders wäre.

(Die Trends für 2017 kommen in den nächsten Tagen mal…)

Eine Ohrfeige namens Trump

Die USA haben gewählt, Trump ist Präsident – und auch Journalisten, Medien und Social-Media-Enthusiasten haben eine bittere Lektion bekommen.

Natürlich bin ich kein Anhänger von Donald Trump. Wie könnte ich? Trotzdem gibt es speziell an einem Tag wie heute ein paar Dinge, die mich wahlweise erstaunen oder auch mal leicht wütend machen.

Die tiefe Kluft zwischen Medien und „denen da draußen“…

Journalisten leben gerne in ihrer eigenen Welt. Die ist, aller Krisen zum Trotz, immer noch ziemlich kuschelig. Vor allem dann, wenn es um Politik geht. Da sitzt man dann gerne in Redaktionsstuben zusammen, diskutiert den Lauf der Dinge, gibt Politikern ein paar Tips, was jetzt zu tun sei.  „Denen da draußen“ sagt man ebenfalls gerne mal, wie sie die Welt zu sehen haben. In den USA haben in diesem Jahr die 50 größte Tageszeitungen eine Wahlempfehlung für Hillary Clinton ausgesprochen. Keine einzige gab es für Trump. Kann eine Kluft noch tiefer sein?

Dabei müsste man sich nur mal mit Menschen außerhalb des eigenen Dunstkreises unterhalten. Man würde feststellen, dass die echte Welt manchmal eine andere ist als wie man sie sich wünschen würde. Immerhin hat in den USA jeder Zweite offenbar eine komplett andere Wahrnehmung als viele Journalisten. Und dass es auch in Deutschland der Begriff „Lügenpresse“ zu einem feststehen Begriff gebracht hat, mag man erschütternd finden. Neben dem propagandistischen Gedöns zeigt er aber auch, dass es diese tiefe Kluft auch in Deutschland gibt.

Aber klar, so eine Redaktion ist schon eine schöne Komfortzone. Und mit den Fingern auf die dummen Demoskopen zu zeigen ist durchaus bequemer, als mal die eigene Rolle zu überdenken.

Noch ein letztes: In en USA hat man weniger für die Person Trump gestimmt, als gegen Hillary und damit „das System“ (was auch immer das sein soll). Wenn man Journalisten auch als einen Bestandteil des „Systems“ sieht, dann war das heute Nacht auch eine Klatsche für sie.

Trump als Präsident? Es kann nicht sein, was nicht sein darf…

Präsident Trump? Das werde nicht passieren, kommentierte die SZ vergangene Woche. Weil es bei dieser Wahl nur eine Kandidatin gebe. Man müsse Hilary Clinton nicht mögen, hieß es dort sinngemäß weiter, aber der Kandidat Trump sei alles mögliche, eine Witzfigur, ein Horrorclown, ein billiger Populist, aber eben: kein Kandidat. Weswegen nach dem 9. November es Clintons vordringlichste Aufgabe sei…undsoweiterundsoweiter. Ebenfalls dieser Tage schrieb die SZ dann nochmal in den Kommentaren, es bestehe an einem Wahlsieg Clintons ja kein vernünftiger Zweifel.

twitter_ronniegrob Trump

Damit stand die SZ nicht alleine, wie der schöne Ausriss aus dem „Tagesanzeiger“ belegt. Wobei ich die Frage stellt: Wie sehr muss man eigentlich die Augen verschließen können, wenn man bei einem Präsidentschafts-Kandifaten einer großen Partei mehr oder weniger ausschließt, er könne gewinnen? Noch dazu bei einem, der zwar lange in den Umfragen hinter Clinton lag, aber nie so weit, dass das Rennen aussichtslos gewesen wäre.

So ist das übrigens mit der Demokratie: Auch die andere Hälfte darf mitreden. Selbst wenn´s wehtut.

Die Arroganz der vermeintlich Klügeren

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Und wenn jetzt doch? Sind die halt alle dumm, die so einen wählen. Kann man schon mal machen, dass man rund 100 Millionen Menschen als dumm bezeichnet. Kann aber auch sein, dass das eine Analyse ist, die etwas kurz greift.

Vor allem dann, wenn es sich dabei nicht nur um ein amerikanisches Phänomen handelt. Eine rechtspopulistische Konterrevolution ist gerade fast überall zu beobachten, auch in Deutschland haben wir mit dem Thema gerade genug zu tun. Und auch hier gibt es den Reflex: Die sind ja alle dumm, die AfD und Co. wählen. Den Fehler machen vermeintlich Intellektuelle gerne mal. Kann sein, dass im Fußvolk solcher Bewegungen nicht immer die Hellsten unterwegs sind. Diejenigen, die solchen Bewegungen vorangehen, sind meistens alles andere als dumm. Man hat übrigens auch bei Trump lange genug der Verlockung nachgegeben, ihn als tumben Dummkopf darzustellen. Der Dummkopf wird demnächst Präsident der Vereinigten Staaten sein.

Zweiter Effekt: Wie wollen wir  jemals wieder zu einer halbwegs solidarischen Gesellschaft kommen, wenn wir jeden, der von unseren tollen Ideen nicht überzeugt ist, mal eben als „dumm“ abqualifizieren? Ich hatte erwartet, dass kluge Menschen bessere Ideen haben, als jemanden, der nicht auf unserer Seite ist, im Vorbeigehen ins Gesicht zu spucken.

Noch ein Gedanke: Eine der heute in meiner Timeline meist gehörten Forderungen ist, man müsse jetzt einfach mal mehr Geld in Bildung investieren, dann komme so etwas nicht mehr vor.

Alles andere steht im Tweet von Meike Lobo.

Die USA haben schon immer ein Faible für „unmögliche“ Kandidaten gehabt

Ich erinnere mich gerade an die 80er. Als die Leute, die heute vermutlich meine Timeline darstellen würden, sich über die Amerikaner amüsierten. Bei denen, so hieß es damals im linksintellektuellen Arroganz-Spott, kandidiere mittlerweile ein zweitklassiger Hollywood-Schauspieler für das Präsidenten-Amt. Der habe natürlich keine Chance, aber da könne man mal sehen, wie dumm diese Amerikaner seien.

Kurz darauf war ein gewisser Ronald Reagan Präsident und wenn man seine Bewertungen gut 30 Jahre später liest, dann klingt das alles gar nicht so schlecht. Reagan habe den kalten Krieg gewonnen, heißt es mittlerweile. Und ein bisschen auch die Mauer zum Einsturz gebracht („Tear this wall down“). Ob man jemals über einen Präsidenten Trump etwas ähnlich Gutes sagen wird, weiß ich nicht. Tatsache aber ist, dass wir uns vielleicht daran gewöhnen sollten, dass generell in den USA andere politische Karrieren möglich sind als bei uns. Dort werden Schauspieler Gouverneure und auch 2008 beispielsweise passierte etwas, was nach unserem Verständnis völlig unmöglich wäre: Ein junger, weitgehend unbekannter und noch dazu farbiger Senator wirft die haushohe Favoritin Hillary Clinton aus dem Rennen.

Mit dem Unterschied, dass Obama halt „unser“ Kandidat war.

Umgekehrt staunen übrigens Amerikaner gerne mal darüber, dass in Deutschland nur jemand Kanzler werden kann, der vorher die klassische Partei- und Ministerkarriere gemacht hat.

Was passiert, wenn man in der Filter Bubble lebt

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Mir ging es ähnlich wie Philipp Matheis. Kein einziger Trump-Anhänger in meinen vielen Timelines. Nebenbei versuche ich gerade mir vorzustellen, was passiert wäre, hätte sich einer meiner  Freunde auch nur ansatzweise als ein solcher geoutet, er hätte ebenso gut behaupten können, die Erde sei eine Scheibe und werde von Dämonen regiert. Und, zugegeben: Weil ich ja auch in einer solchen Filterblase lebe und die dort installierte Echokammer keinen Zweifel gelassen hat, dass am Ende die Präsidentin Clinton heißen wird, habe ich selbst bis heute Nacht nicht geglaubt, dass Trump Präsident werden kann.

Hätte ich mal auf meinen guten Freund Anthony gehört. Ein in Deutschland lebender, aus Florida stammender Farbiger, überzeugter Demokrat: „It really can happen“, hat er mir immer und immer wieder gesagt, zuletzt vor gut einer Woche. Ich hab´ ihn belächelt. Und es darauf zurückgeführt, dass Amerikaner ja immer ein Faible für völlig unmögliche Geschichten haben.

Anthony ist übrigens weder bei Facebook noch bei Twitter.

Wir überholen uns gerade selbst…

Medientage vorbei, Zukunft ungeklärt: So wie es aussieht, war der Branchentreff in München nett zum – sich treffen. Die wirklichen Entwicklungen dagegen sind so radikal anders, wie es sich die meisten der Teilnehmer kaum vorstellen können. Der Medienwandel überholt sich gerade mal wieder selbst.

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Das Netz ist, in jeder Hinsicht, eine sehr große Sache. Man kann dort ungefähr alles finden. In der Theorie zumindest. In der Praxis ist das nicht so einfach. Es gibt zwar Suchmaschinen, aber die sind bei genauerem Hinsehen eher dumm. Es gibt Journalismus in allen möglichen Varianten, aber meistens muss man sich den immer noch selbst suchen, markieren, abspeichern. Es gibt Millionen von Webseiten, aber die stammen noch aus der Zeit, als man eine Webseite besuchte, wenn man etwas wissen wollte. Wollte man demnach richtig viel wissen, musste man auch richtig viele Webseiten besuchen.

Kurz gesagt: Das war das Web der unbegrenzten Seiten und dennoch sehr begrenzten Möglichkeiten.

Der Status Quo ist momentan bereits ein anderer: Es gibt Apps und es gibt soziale Netzwerke. Es gibt Angebote wie Buzzfeed et al. Der Inhalt kommt inzwischen also zum User. Vorsortiert, nach welchen Kriterien auch immer. Manchmal sind es Redaktionen, immer öfter ist es künstliche Intelligenz. Die ist noch nicht immer das, was man unter wirklich intelligent versteht. Aber sie wird es immer öfter.

UC_VorschaubildUnd sie ist eine Konsequenz daraus, dass niemand  in der Lage ist, das Internet leer zu lesen: Künstliche Intelligenz überlegt sich, was genau jetzt das Richtige für einen Nutzer sein könnte (in diesem Zusammenhang gerne ein wenig Native Advertising: Man könnte das auch auf die Formel „Content-Kontext-Endgerät“ bringen .).

Das ist das halb-personalisierte Netz, das aber immer noch ein bisschen dumm ist.

Wenn aber als nächstes ein intelligentes, mobiles, lernendes und vor allem personalisiertes Netz kommen soll – heißt das dann eben nicht auch, dass es ein völlig anderes Netz als das heutige sein müsste?

Heißt es. Genau das. Wir nennen es Medienwandel.

Zulieferer für eine neue Infrastruktur

Für uns Journalisten ist das erstmal eine Nachricht, die man ebenso gut wie schlecht finden kann. Gut ist sie, weil der Untergang des Journalismus noch mal verschoben werden muss. Weil es natürlich schön ist, wenn Software-Entwicklern und anderen Tüftlern regelmäßig was Neues einfällt, das aber ohne Inhalte eben doch nicht funktioniert. Und weil es ab und an auch mal eine gute Idee sein könnte, sich den Lauf der Dinge nicht nur von Bots oder Schreihälsen in sozialen Netzwerken zeigen zu lassen.

Auf der anderen Seite: Es werden nicht wir sein, die diese neuen Infrastrukturen des Netzes bauen. Die bauen gerade ganz andere. Und am immer wieder geäußerten Unbehagen in den diversen Veranstaltungen merkt man dann auch, dass es dem einen oder anderen dämmert, dass es sich was hat mit den eigenen Webseiten und den Usern, die sich dort ihren Content abholen. Homepage, Content? Das ist irgendwie so 2011.

Die neuen Gralshüter sind andere. Soziale Netzwerke, die als allererstes. Natürlich können wir uns jeden Tag über Facebook, Instagram, Snapchat auskotzen und darüber lamentieren, wie schön es doch früher war, als ein soziales Netzwerk bestenfalls eine Linkschleuder war, über die man noch ein paar Klicks mehr auf die eigene Seite gebracht hat. Das ist endgütig vorbei – realistisch betrachtet wird es tendenziell eher umgekehrt sein: Man streut seine Inhalte sonstwohin, die eigenen Angebote sind das Zusatzgeschäft. Homeless Media? Aber sowas von. Wir sind überall da, wo es irgendwas Digitales gibt.

Und ja, natürlich liefert diese neue Infrastruktur uns auch klare inhaltliche Vorgaben. Mindestens so wichtig wie das digitale Blattmachen wird künftig auch anderes sein: zu wissen, wie die Funktionsweisen von Algorithmen sind. Nach welchen Kriterien Geschichten in sozialen Netzwerken laufen und wie Personalisierung beispielsweise in Apps geht. Die Mengen an Inhalt werden mehr, die Netze dagegen immer enger gezogen. Das ist die unausweichliche Konsequenz von intelligenten und personalisierten Medien. Da ist es nämlich durchaus auch ein Kriterium, was man nicht zu sehen bekommt.

Dein persönlicher Assistent

Dazu gehört auch, dass wir uns von Algorithmen durch den (medialen) Alltag tragen lassen. Eine Idee, was das mittelfristig bedeutet, hat Google mit seinem Pixel, seinen Daydreams und seinem Assistenten bereits geliefert.

Bevor Sie jetzt als „Pfui!“ rufen, weil es Google ist: Es gibt auch andere, die genau in diese Richtung planen. Wenn man also wissen will, wohin die Reise geht: Dieses Gespräch mit Marco Maas anhören, sich mal schlau machen, was die App „XMinutes“ machen soll – und dann kurz mal darüber nachdenken, inwieweit sich künftig die Vorstellungen von Webseiten und Apps noch aufrecht erhalten lässt.

Marco Maas Medienwandel

Marco Maas. (Foto: Jakubetz)

 

Medienwandel: Die eigene Plattform verliert, die Marke bleibt

Müssen wir dann jetzt also alle sterben? Knechten in ewiger Verdammnis, als Content-Sklaven für Google, Facebook, Apple, Samsung? Weiß dann keiner mehr, was eigentlich so eine gute SZ ist oder die ARD und nicht mal mehr, wer früher RTL II war? Wird Journalismus nur noch in Häppchen und Bots so auf die Displays serviert, dass man weder mit anderen Weltbildern als dem eigenen konfrontiert wird noch auch nur eine Sekunde das Hirn anstrengen muss?

Auch hier gilt: Apokalypse leider erst mal abgesagt.

Wenn sich Vertriebswege ändern, heißt das nicht, dass damit auch alle Marken untergehen. Im Gegenteil: Marken sind wichtiger denn je. Gerade weil man, wenn schon die Vertriebswege immer unübersichtlicher werden, gerne eine Orientierungspunkt hat. Davon abgesehen sollten Journalisten die Wirkung einer Marke nicht unterschätzen: Von Samsung will niemand Nachrichten haben. Vom Spiegel, der FAZ oder der Zeit schon.

Schon klar: Die Gatekeeper sind künftig dann aber eben doch eher Samsung, Apple, Facebook und Google. Man wäre gut beraten, sich mit dieser Realität zu arrangieren.

Wer zahlt hier eigentlich für wen?

Das mit diesen Realitäten ist allerdings so eine Sache. Der Herr EU-Kommissar Oettinger und in seinem Gefolge ein beträchtlicher Teil der deutschen Verlage würden immer noch gerne die Spielregeln im Netz ändern. Das kann man irgendwie verstehen, ist aber trotzdem an allen Realitäten vorbei.

Das Motto „Haltet den Dieb!“ setzt ja immer auch voraus, dass es erstmal einen Diebstahl gegeben haben muss. Genau das aber ist der Nonsens, dem man bei den Verfechtern irgendwelcher europäischer Auswüchse des schon in Deutschland grandios gescheiterten Leistungssschutzrechts immer wieder feststellt. Der „Diebstahl“ von Google et al. bringt nämlich eine ganze Menge Traffic zu den bestohlenen Verlagen. Die Kollegen von „Zeit Online“ haben das sehr plausibel anhand des eigenen Beispiels dargestellt.

So weit wie der omnipräsente US-Professor Jeff Jarvis, den in Google vermutlich die Probleme ungefähr aller Weltprobleme sehe, muss man ja nicht gleich gehen – und Google den eigenen Abostamm übereignen. Man sollte generell nicht alles glauben, was Jarvis und andere Digital-Populisten zum Medienwandel erzählen. Bevor man aber sich an das Entwickeln neuer Geschäftsmodelle macht, muss man sich mit Realitäten arrangieren. „Wir lassen Google für unsere Inhalte bezahlen“ – das ist jedenfalls ziemlich weit von digitalen Realitäten entfernt.

Wir sehen uns dann mal alle bei den Medientagen 2017.

 

 

Die Lehren aus 5 Jahren „Wired“

das-cover-der-deutschen-wired-48002-detailpDer Kollege Thomas Knüwer hat unlängst den 5. Jahrestag des Ersterscheinens der deutschen „Wired“ ausführlich auseinandergenommen geschildert. Das hat mich ein bisschen erschreckt. Weniger, wegen der einen oder anderen Anedokte, die erst jetzt nach fünf Jahren an die Öffentlichkeit darf. Mehr dagegen, weil schon wieder fünf Jahre vorbei sind, ohne dass ich gemerkt habe.

 
Zum Lesen witziger Geschichten und wie immer lesenswerter Überlegungen also bitte hier entlang. Für ein paar Erkenntnisse, die man aus dem Projekt „Wired“ für den Journalismus mitnehmen kann – bitte weiterlesen…

1. Mittelmaß ist kein Geschäftsmodell (und keine „Wired“)

Erschrocken bin ich auch deswegen, weil ich ohne den Knüwer-Text vermutlich vergessen hätte, dass es das Blatt überhaupt noch gibt. Das klingt natürlich jetzt aus der Feder eines Gründungs-Redaktionsmitglieds sagenhaft arrogant und nach: früher war alles besser! Wenn Sie diesen naheliegenden Gedanken beiseite lassen, mal ganz ehrlich: Wann haben Sie das letzte Mal in der „Wired“ ein Stück gelesen, das sich so richtig nach „Wired“ anfühlt? Ich habe immer wieder mal in ein Heft reingelesen und mir meistens gedacht, dass ich das woanders jetzt auch lesen könnte. Die meisten Hefte sind nicht schlecht. Aber: Nicht schlecht kann für ein Heft wie die „Wired“ kein Maßstab sein.

Das kann es aber auch für Rest des Journalismus nicht. Bei den Massen von Texten, Bildern, Videos, Sendern, Heften und Netzwerken, die inzwischen am Start sind, sind Nutzer nicht mehr gezwungen, etwas zu lesen oder zu sehen, weil es nichts anderes gibt. Das war zu Zeiten der der Fernsehsender und der einen Zeitung vor Ort mal anders. Heute ist die Aufgabe für den Nutzer eine andere: selektieren. Informationsbeschaffung im Jahr 2016? Ein Witz, wenn jemand glauben sollte, dass jemand auf uns warten würde. Da sollte Journalisten schon mehr einfallen.

t3n, Brand eins und Landlust – wenn Sie sich jetzt darüber wundern, was diese drei miteinander zu tun haben, einfache Antwort: Alle drei sprechen exakt ihr Publikum an. Sie wissen, was ihre Leute lesen wollen und sie bedienen diese Bedürfnisse ausgesprochen gut. Zielgruppen müssen heute nicht mehr sehr groß sein. Aber man muss sie erstens kennen und zweitens präzise bedienen. General Interest ist schon alleine deswegen halbwegs tot, weil es so etwas wie ein General Interest nicht mehr gibt (wenn es so etwas denn jemals gegeben haben sollte). Das ist, nebenher bemerkt, auch das Problem, das beispielsweise Tageszeitungen haben. Für jeden ein bisschen was – diese Idee hat sich überlebt.

Unsere erste „Wired“ damals, um wieder aufs Thema zurückzukommen, die konnte man mögen oder doof finden. Was beides selbstverständlich völlig ok war. Die heutige „Wired“ löst Schulterzucken aus. Gleichgültigkeit ist für Medien aller Art im Jahr 2016 sehr viel gefährlicher, als wenn man sich mal ordentlich aufregen würde.

2. Blogger und Selfie-Journalisten sind cleverer als viele Etablierte

Das bringt einen dann dazu darüber nachdenken, warum so viele etablierte Medien nur noch Schulterzucken auslösen – während andere im Netz Erregungswellen auslösen können, ganz ohne monströsen Verwaltungsapparat hinter sich (und manchmal, zugegeben, auch ohne allzu viel Substanz). Es hat viel damit zu tun, dass sich viele Redaktionen immer noch hinter genau diesem Apparat verstecken und als Apparate dann weder sonderlich kommunikationsfreundlich sind und naturgemäß auch kein (in des Wortes Sinne) Gesicht haben. Das haben viele Blogger und Selfie-Journalisten sehr viel besser kapiert. Journalismus im digitalen Zeitalter ist eben kein reines Verlautbaren von Dingen mehr.

Noch mal eine Analogie zur Wired 2011: Ich bin bis heute überzeugt davon, dass ein beträchtlicher Teil des damaligen Hypes auch damit zusammenhing, dass der Kollege Knüwer es blendend versteht, im Netz ordentlich Tremolo um seine Person zu machen. Wired 2011 hatte also mindestens ein Gesicht, wahrscheinlich sogar mehrere. Wired 2016 hat, wie so viele andere Redaktionen auch, eine Marke, einen Namen – aber eben kein Gesicht.

Nein, natürlich muss man nicht so weit gehen, wie man es an den exzessiveren Stellen des Selfie-Journalismus erlebt. Man muss sich nicht komplett entblößen und für den Mittelpunkt der digitalen Welt muss man sich auch nicht halten. Trotzdem, Kollegen in den Sendern und Verlagen: Schaut euch an, wie viele Kollegen das im Netz schon machen. Und verabschiedet euch dann von dem Gedanken, man könne Journalismus heute noch rein über eine Marke verkaufen.

Nebenher: Zur Lektüre sei dieser Text empfohlen sowie dieses Video, in dem mir Mustafa Isik erzählt, wie Journalismus im digitalen Zeitalter künftig aussehen könnte. (Offenlegung: Mustafa Isik ist beim BR einer der wichtigsten Köpfe hinter dem Projekt BR24, für das ich regelmäßig arbeite. Das Video habe ich ursprünglich für das BR24-Blog gemacht.)

3. Das Publikum kennen und ab und an sogar mal mit ihm reden…

Umgekehrt hat das Publikum, wenn man so will, inzwischen auch ein Gesicht bekommen. Das Publikum, der Leser – das war in analogen Zeiten eine Masse, der man gerne mal was unterstellte, hauptsächlich zur Begründung der eigenen Ideen („Der Leser will das nicht!“). Das sagt er uns inzwischen schon selber, ob er irgendwas mag oder nicht. Wenn man das als lästig empfindet, sollte man sich besser einen anderen Job suchen. Tatsächlich gehört es zum Berufsbild, mit dem Leser auch mal zu reden. Idealerweise nicht nur dann, wenn er gerade irgendwas will oder sich beschwert.

Natürlich gab es 2011 nicht die Möglichkeiten, die es heute gibt. Aber schon damals haben wir versucht, sowas wie eine Community aufzubauen, sogar mit einem spontanen Tweet-Up im Englischen Garten. Entgegen der Erinnerung von Thomas Knüwer war das Münchner Sommerwetter nämlich schön wie immer. Dass wir beim Tweet-Up weitgehend unter uns blieben hatte also andere Gründe als das Wetter, aber egal: Der Versuch war schon ok, ebenso wie die Tatsache, dass wir mit einem eigenen Redaktionsblog so transparent wie möglich sein wollten. Natürlich verkauft man keine Auflagen über Blogs und Biergartenbesuche. Aber die werte Kundschaft muss man heute mehr denn je als eine potentielle Community verstehen. Schließlich gibt es bei jeder Zeitung, jedem Sender, jeder Webseite irgendwas, was die Leser, Zuschauer, User eint. Ein gemeinsames Interesse, ein Sport, ein Wohnort. Das ist ein Pfund, das Journalisten immer noch gerne unterschätzen. Natürlich ist das schon ein dolles Ding, diese journalistische Qualität, von der immer alle reden. Aber nur mit Qualität, was auch immer das sein mag, wird man niemanden für sich einnehmen, wenn man ihm ansonsten die kalte Schulter zeigt.

Bei der „Wired“ haben sie das prinzipiell gar nicht so schlecht gemacht mit der Community. Aber wenn ein zuvor sehr viel weniger bekannteres Projekt wie t3n mittlerweile häufiger in der Knüwer- (und auch meiner) Timeline auftaucht, dann spricht das eben auch dafür, dass es mit dem Community-Management nur so mittelgut geklappt hat.

4. Den Fortschritt als das sehen, was er ist

„Wir wollten fortschrittsoptismstisch sein“, beschreibt Thomas Knüwer unsere damalige Grundhaltung. Stimmt – und auch heute würde ich das jeder Redaktion dringend empfehlen, selbst dann, wenn sie thematisch mit der „Wired“ und anderen nicht sehr viel zu tun hat. Allerdings glaube ich heute auch mehr denn je, dass Fortschrittsglaube nicht bedeutet, einfach auf jedem Kanal präsent zu sein, den man irgendwo findet, der gerade neu und irgendwie heiß ist. Zu diesem Fortschrittsoptimismus gehört eben auch, dass man die Dinge differenziert betrachtet. Einen Hype auch mal als einen solchen erkennt und nicht bei jedem Ding, über das sich Digitalien länger als eineinhalb Tage unterhält, gleich wieder einen dauerhaften Trend vermutet.

Das gilt für Magazine wie für einzelne Journalisten: Nur weil eine Plattform gerade neu ist, muss sie noch nichts mit Fortschritt zu tun haben. Das erklärt auch meine aktuelle Skepsis, wenn es um die allgemeinen Jubelarien zum Thema „Snapchat“ geht. Man kann das Ding mögen oder auch nicht, aber wenn man das Große und Ganze einer digitalen Entwicklung betrachtet, dann ist „Snapchat“ uninteressant. Weil die Idee dahinter weder neu noch sonderlich spannend ist. Und weil man abwarten kann, wie früher oder später das nächste heiße Dinge um die Ecke biegt und man dann darüber diskutieren kann, ob sich „Snapchat“ etabliert hat (wofür einiges spricht) oder so schnöde verschwinden wird wie viele andere heiße Sachen zuvor.

Die Debatten über einzelne Tools sind also langweilig. Und mit „Fortschritt“ haben sie nichts zu tun. Spannend fände ich Debatten darüber, wo sich das Netz und die Digitalisierung hinbewegen. Ob man immer noch alles mit dem gleichen Enthusiasmus betrachten darf oder ob es nicht mittlerweile eben auch eine ganze Reihe von Entwicklungen gibt, die man nur so mitteltoll finden kann. Das entdecke ich in der „Wired“ fast gar nicht mehr.

5. Gegen den Strich bürsten. Und gegen die Verfettung, den Einheitsbrei.

Das führt am Ende dazu, dass ich in Publikationen zum Thema „Digital“ zunehmend Texte und Menschen vermisse, die auch mal gegen den Strich bürsten. Ich habe inzwischen eine ganze Reihe von Webseiten, Magazinen und Blogs aus meinem Medienmix genommen. Immer die selben Leute mit immer den gleichen Meinungen. Man kann zu „Besser Online“ in Berlin gehen oder zu den Medientagen in München, man wird immer wieder denen begegnen, denen man seit immer begegnet. Weil ich aber ohnehin schon in einer Filterblase lebe, freue ich mich inzwischen über jeden, der mal das ganz genaue Gegenteil behauptet (ich muss das ja deswegen nicht gleich glauben). In unserer einstmals so vitalen digitalen Blase hat sich hingegen eine erstaunliche Systemstarre, einhergehend mit Verfettung breitgemacht. Ein paar wenige führen das Wort, die anderen Putzfischchen finden es toll und retweeten und posten das sofort. Warum soll ich das noch lesen, wenn ich vorher schon weiß, was kommen wird? Es gibt Leute, die erzählen seit Jahren den gleichen Schmonzes – da reicht es, wenn man sie einmal gehört hat. Danach hat man eine Blaupause für die kommenden zehn Veranstaltungen, Texte, Blogbeiträge.

Pessimismus also? Keineswegs. Weil sich in den vergangenen Jahren ausreichend viele große oder auch kleine Projekte entwickelt haben, die aber auch eines gezeigt haben: Die Vorstellung, Verlagsleute müssten immer dröge und doof und die Digital-Apologeten immer brillant sein, hat sich als absurd erwiesen. Das klägliche Scheitern des Krautreporter-Projekts war zumindest für diese Erkenntnis gut.

Die Tagesschau, der neue Bart des Kaisers

Der Streit um die App der Tagesschau geht in eine weitere Runde. Er ist ungefähr so sinnvoll wie die jahrelangen Debatten um ein Leistungsschutzrecht…

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Und jetzt zu den Paradoxen des Alltags. Es gibt ein paar neue Studien, die sich mit dem Mediennutzungsverhalten von Menschen beschäftigen. In diesen Studien tauchen allerlei interessante Zahlen auf. Allerdings keine, die jemanden überraschen würden, der sich mit dem Thema Medienwandel beschäftigt. Dass immer mehr Menschen, insbesondere jüngere, Medien nonlinear nutzen, dass sie sich für die analoge Ausgabe der Welt kaum mehr interessieren: Man muss keine Studien für diese Erkenntnis lesen. Es reicht, wenn man sich ein bisschen umschaut.

Journalismus heute also ist (ob man das mag oder nicht): Informationen auf potentiell unendlich vielen Kanälen, in allen Darstellungsformen und völlig losgelöst davon, ob es dazu auch ein analoges Pendant gibt oder nicht. Es gibt Bewegtbilder in allen möglichen Varianten, Audios, Texte, Animationen, es gibt…äh, sind Sie noch da?

Meanwhile, back in Germany…

Im Jahr 2016 streiten sich Verlage und Sender vor einem Gericht weiter darum, wer was im Internet darf. De facto wollen die (klagenden) Verlage, dass die Claims weiter so abgesteckt bleiben, wie sie es in der analogen Welt auch sind. Presse ist Presse. Rundfunk ist Rundfunk. Fernsehen ist Fernsehen. Das ist ein Gedanke von anrührender Naivität, weil er an der digitalen Realität vollends vorbei geht. Zum Abgleich könnte man ja mal einen User fragen, ob er ins Netz geht, um dort „Presse“ zu lesen und danach Fernsehen zu schauen. Wenn Sie sich von dem erstaunten Blick wieder erholt haben, werden Sie feststellen: Jeder ist alles im Netz.

Im Netz ist jeder alles, ob Tagesschau oder Zeitung

Natürlich ist es legitim, darüber zu streiten, was die Öffentlich-Rechtlichen respektive die Tagesschau im Netz dürfen (und was nicht). Vielleicht darf man darüber debattieren, wie hoch der audiovisuelle Anteil  in der Tagesschau-App sein muss, damit sie nicht mehr als „presseähnlich“ sondern als „rundfunkähnlich“ oder  sogar „fernsehähnlich“ gelten darf.

Aber selbst, wenn man eine solche Formel irgendwann findet und wenn man sich dann auch noch sklavisch daran hält: Es ist der entscheidende Irrglaube der klagenden Verlage, dass sich dann irgend etwas an ihrer Situation ändern würde. Das Problem vieler Tageszeitungen ist schon lange nicht mehr, dass es im Netz noch ein kostenfreies Angebot mit weitgehend überregionalen Nachrichten gibt (klassischen Lokaljournalismus betreiben ARD und ZDF aus guten Gründen ja ohnehin nicht). Das Problem ist, dass das Geschäftsmodell der guten, alten Regionalzeitung gerade wegbricht. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, zu viele, um sie alle aufzuzählen.

Aber wenn man jemanden, der gerade sein Abo eines Regionalblatts gekündigt hat, mal nach den Gründen fragen würde: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird der Grund „Weil es eine kostenlose App der Tagesschau gibt“ nicht dabei sein.

(Offenlegung: Ich arbeite regelmäßig für den BR und damit irgendwie auch für die ARD).

Das OEZ und die Leere bei Twitter

Die Vorgänge am Münchner OEZ, Würzburg, Ansbach und Nizza haben eines gezeigt: Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen Journalismus und sozialen Netzwerken. Was bedeutet, dass wir als Journalisten auch etwas ganz anderes leisten müssen. Wir sind nicht Twitter – und das ist auch gut so.

Die Kollegen des Schweizer „Medienspiegel“ staunten nicht schlecht. „Ausgerechnet“ Sascha Lobo habe in seiner letzten SPON-Kolumne verkündet, künftig bei Nachrichtenlagen wie denen, von denen wir unlängst öfters welche hatten, dieses Twitter ausschalten zu wollen (angeblich auf Anraten seiner Frau). Das ist allerdings gar nicht so erstaunlich, wie es auf den ersten Blick aussehen mag, sondern spricht ziemlich für Lobo und noch mehr für seine Frau.  Weil Twitter (und andere soziale Netze) in den Tagen der Anschläge und Amokläufe unfreiwillig die Crux solcher Plattformen offenbart haben: Sie sind Fluch und Segen zugleich. Das zwingt Journalisten und Redaktionen dazu, ihre häufig uneingeschränkt positive Haltung zu solchen Instrumenten wenigstens zu überdenken.

Twitter war am Abend des Münchner Amoklaufes am OEZ eindeutig mehr Hölle als Himmel. Natürlich sind dort an diesem Abend großartige Dinge passiert. Aber in der Summe dessen, was an diesem Abend auf uns einstürzte, war es unbrauchbar und manchmal abstoßend. Man muss für letzteres nicht mal die wie immer kalkuliert provozierenden AfD-Tweets („Mit uns würde das alles nicht passieren“) heranziehen. Das ist mittlerweile so erwartbar wie öde. Es ist vielmehr der Schutz der Anonymität. In ihm entstehen Tweets wie der, in dem jemand um kurz nach 18 Uhr behauptete, am OEZ habe es einen Bombenanschlag mit 250 Toten gegeben. Das war erkennbar Unsinn. Vermutlich ist es deshalb bei diesem einen eklatanten Blödsinn geblieben.

Es war vielmehr die Flut, die Twitter zu einem Kanal machte, der kontraproduktiv wirkte. Eine Echokammer, in die unzählige Menschen hinein brüllten, so dass am Ende nichts mehr zu verstehen war. Ein Newsfeed, der vorgaukelte, es handle sich um Nachrichten im klassischen Sinn. Dabei gab es an vielen Stellen nicht nur Spekulatives sondern schlichtweg Falsches zu lesen. Selbst wenn man dagegen hält, dass es ohne soziale Netzwerke Aktionen wie die „Offenen Türen“ nicht hätte geben können: Unter dem Strich konnte man zwar Richtiges aus der Echokammer heraushören, man brauchte aber viel Glück dafür.

Lehren aus OEZ, Ansbach, Würzburg, Nizza

Das müsste man als Lehre aus den letzten Wochen als Journalist oder als Digitalstratege bedenken: Natürlich können soziale Netzwerke ein echter Segen sein. Aber sich in einen Wettlauf mit ihnen zu begeben, zu versuchen, in einem Rattenrennen um die am schnellsten herausgehauene Nachricht zu sein, führt zu nichts. Schnelles Heraushauen ist ohnehin eine eher fragliche Angelegenheit. Wenn man dann in solche Situationen wie am Münchner OEZ gerät, dann stößt diese ganze Atemlosigkeit des sogenannten Echtzeitjournalimus an ihre Grenzen. Und spätestens dann stellt sich die Frage, ob wir diese Sache mit dem Live- und Echtzeitjournalismus in sozialen Netzwerken nicht nochal überdenken sollten. Aus mehreren Gründen:

  • Echtzeit bedeutet zwangsweise immer, dass man eben auch nur Eindrücke wiedergibt. Und da ist es einfach ein Unterschied, ob man solche Eindrücke von einem Fußballspiel oder einem Amoklauf wiedergibt.
  • Soziale Netzwerke sind ein süchtig und nie zufrieden machender Mahlstrom. Sie haben keinen Anfang und logischerweise auch bei Ende. Es gibt niemanden, der sich hinstellt und sagt: Das war´s für den Augenblick, mehr wissen wir nicht – und wenn ihr noch so oft auf Aktualisieren geht. Genau das müsste man aber machen, wenn man es mit den Aufgaben des Journalismus in solchen Situationen erst meint.
  • Weil dieser Mahlstrom niemals endet und weil er nach immer neuen Tweets, Posts, Fotos und Videos schreit, ist die Verlockung naheliegend.  Man redet weiter, selbst wenn gar nichts Neues und Essentielles mehr zu sagen hat. Bei Twitter findet man trotz allem nochmal irgendwas. Im TV stehen Reporter hilflos da und müssen irgendwie verklausulieren, dass es für den Moment nichts Neues gibt.

Irgendwann gelangt man dann zu einer Simulation des Journalismus. Was unsinnig ist, ebenso übrigens wie die hysterische Debatte darum, dass ARD und ZDF während des Türkei-Putsches nicht sofort alle Programme unterbrochen haben. Da mag nichts alles optimal gelaufen sein, aber trotzdem: Wenn es halt nichts Neues gibt, dann wird das auch durch eine sofortige Programmunterbrechung nicht besser.

Ich bin in den letzten Wochen öfter mal gefragt worden, ob der Journalismus in den letzten Wochen nicht versagt hat. Die Frage zielte zumeist darauf ab, ob „der Journalismus“ nicht einfach zu langsam gewesen sei im Vergleich mit Twitter und Konsorten. Das glaube ich absolut nicht. Versagt hat Journalismus bestenfalls dann, wenn er versucht hat, das Tempo der Netzwerke mitzugehen. Es gibt nämlich einen entscheidenden Unterschied zwischen Journalismus und sozialen Netzwerken: Von Twitter erwartet niemand, dass alles, was dort steht, auch richtig ist. Von Journalisten kann und muss man das erwarten.

OEZ und ein Abend mittendrin…

Innerhalb weniger Minuten bin ich gestern Bestandteil eines Geschehens am OEZ geworden, über das fast die ganze Welt gesprochen hat. Als Betroffener ebenso wie als Journalist. Über einen Abend, an dem ich so viel wie noch nie über Journalismus und den Menschen als solchen gelernt habe…

Meine Münchner Wohnung liegt im Stadtteil Moosach. In der unmittelbaren Nähe ist die U-Bahn-Station Olympia-Einkaufszentrum. Im OEZ war ich etliche Male, im nebenan liegenden McDonalds habe ich am Dienstag Abend nach einem Konzertbesuch noch schnell ein paar Pommes gegessen. Ich kenne Moosach natürlich in- und auswendig. Und ich habe mir immer gedacht: Hier ist München wie eine nette Kleinstadt. Manchmal, wenn ich vom Flughafen oder vom Hauptbahnhof kam, dachte ich mir zudem: Hier bist du sicher. Man greift einen Flughafen an oder einen Bahnhof. Aber Moosach? Den McDonalds da? Oder das OEZ? Moosach ist ein stinknormaler Stadtteil, in dem stinknormale Leute ein stinknormales Leben führen.

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Als gestern Abend die ersten Push-Meldungen kamen, da wirkte das alles: surreal. Schüsse, womöglich Terrorismus, vielleicht Todesopfer in meiner Nachbarschaft? Ich war nicht da, als es passierte, umso unwahrscheinlicher wirkte es, als die ersten Bilder im TV und in den sozialen Netzwerken zu sehen waren: In meinem Moosach drehte die Welt plötzlich durch. Und die Menschen in den sozialen Netzwerken auch.

Man muss soziale Netzwerke großartig finden, wenn sie so funktionieren wie gestern in ihren besten Momenten. Etliche Münchner boten bei Twitter unter dem Hashtag #offeneTür Unterkünfte für Menschen an, die gestrandet waren. Die Polizei München zeigte, wie man digitale Information in solchen Zeiten macht. Ausführlich, eindringlich und trotzdem so unaufgeregt, wie es in einer solchen Situation nur geht. Bei Facebook gab es eine Funktion, in der man sich selbst und andere markieren und durchgeben konnte, dass man in Sicherheit sei.

Die Dreckschleuder auf Hochtouren

Man kann soziale Netzwerke aber auch hassen für den Dreck, den sie in solchen Momenten auskotzen. Die Gerüchte haben sich im Sekundentakt ins Absurde gesteigert, innerhalb weniger Minuten war u.a. die Rede von einem Bombenanschlag mit 250 Toten. Dass sich auch die üblichen Hetzer zu Wort meldeten, die meinten, jetzt müsse aber endlich mal Schluss mit dieser Willkommenskultur,war kaum anders zu erwarten. Was war eigentlich mit Frau von Storch und ihrem Adjutanten? Besser wird sowas leider auch nicht durch die Kollegen vom „Münchner Merkur“, die am Abend kommentierten, wie perfide es sei, ausgerechnet München zum Ziel des bestialischen islamischen Terrorismus zu machen.

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Auf der anderen Seite, so funktioniert der Journalismus nunmal im Zeitalter der rasenden Live-Berichterstattung. Ich war gestern Abend und heute nacht für Stunden bei BBC World und Deutsche Welle TV on air. Jeden zweiten Satz musste ich mit „not confirmed“ beenden. Und obwohl ich mich natürlich bemüht habe, ausschließlich (vermeintliche) Fakten zu schildern, habe ich Falschmeldungen in die Welt gepustet: nämlich die, dass es auch am Stachus zu einer Schießerei gekommen ist und dass drei Männer am OEZ geschossen haben.

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Jetzt, mit dem Abstand von einer paar Stunden, weiß ich nicht mehr, warum ich diese Meldungen abgesetzt habe, ohne sie gegenzuchecken. Allerdings, ohne dass das eine Ausrede sein soll: Man steht da plötzlich mehr oder weniger unvorbereitet und Radio- und TV-Stationen aus der ganzen Welt wollen von dir im Minutentakt etwas Neues haben. Ernsthaft hätte ich nicht mehr sagen können außer: Es gab eine Schießerei, es gibt wohl Tote, nein, wir wissen nichts über den oder die Täter. Aber so kann man natürlich keine Live-Schalte bestreiten und außerdem: Ich war an dem Abend beides, Betroffener und Journalist. Und ich habe an mir selbst festgestellt, wie groß mein Bedürfnis nach irgendwelchen Informationen ist, wie ich alles aufgesaugt habe ohne jegliche professionelle Distanz. Wie soll man auch distanziert und ruhig bleiben, wenn in deiner Nachbarschaft neun Menschen erschossen werden?

Trotzdem muss man das, zumindest als Journalist (als Betroffener kann man das von mir schlecht verlangen, finde ich). Gestern Abend haben sich über Stunden Gerüchte und Spekulationen überschlagen, obwohl die Polizei immer wieder über die sozialen Netzwerke versucht hat zu beruhigen. Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn man dann als Journalist noch snapt und twittert und haufenweise eher unbestätigtes Zeug in die Kanäle haut, immer wieder versehen mit einem relativierenden „offenbar“. Natürlich, die Maschinerie Fernsehen braucht lange, bis sie läuft (siehe hierzu auch diesen Text von Stefan Niggemeier), aber wenn sie läuft, dann halbwegs verlässlich. Die Dinge, die ich gestern in den sozialen Netzwerken gefunden haben, waren eben zu einem beträchtlichen Teil auch falsch, spekulativ und irreführend. Davon abgesehen wird sich die Polizei sicher gefreut haben, wenn sie in einer solchen Situation irgendwelche Handy-Reporter davon abhalten muss, den Einsatz zu stören.

Trotzdem, dieser dringende Wunsch von Menschen nach irgendwas neuem  ist so überwältigend groß, dass man als Journalist geneigt ist, ihm nachzugeben. In irgendeiner Schalte heute Nacht bin ich gefragt worden, ob es nicht erwartbar gewesen sei, dass der Terror auch nach Deutschland kommt. Sagen hätte ich müssen: Wir wissen ja noch gar nicht, ob es sich um Terror handelt. Aber wenn alles etwas Neues hören wollen, ist die Antwort, man müsse das doch alles erstmal abwarten, nicht sehr gefragt.

Einfach mal abwarten, das wäre eine Idee

Natürlich steht man auch nach einem Abend wie gestern wieder vor der Frage: Was darf man zeigen, was nicht? Was ist Information, Dokumentation – und was ist blanker Voyeurismus, wo beginnt die Journalisten-Show? Gestern Abend konnte ich für mich selbst die Fragen relativ leicht beantworten: Ich will – weder als Journalist noch als Betroffener – keine Bilder von abgedeckten Leichen sehen. Ich halte es für skandalös, wenn Journalisten trotz mehrfacher eindringlicher Bitte der Polizei, keine Bilder zu posten, die dem Täter potentielle Informationen geben könnten, genau das tun. Schon klar, wacklige Handybilder, die eine Straßenkreuzung in Moosach zeigen, sind wenig spektakulär. Trotzdem ist es kein Journalismus, wenn man wahl- und atemlos irgendwas postet. Dass die Polizei dann auch noch dazu auffordern musste, keine Bilder der Opfer zu zeigen, was soll man dazu noch sagen?

Mein persönlicher Zwiespalt ist auch jetzt, Stunden später, nicht aufgelöst. Nüchtern betrachtet wissen wir nahezu nichts über diese Tat. Wir wissen nichts über den Täter, nichts über seine Motive. Es ist unsinnig, jetzt über islamistischen Terror und die Konsequenzen daraus zu spekulieren. Man müsste das tun, was weder Journalisten noch die Öffentlichkeit gut können: einfach mal abwarten.

Mein Telefon hat allerdings auch heute morgen schon etliche Male geläutet und man fragt mich, wie die Dinge einzuschätzen seien.

Was weiß denn ich? Als Betroffener möchte man an einem solchen Tag einfach nur in Ruhe gelassen werden. Und als Journalist trägt man trotzdem dazu bei, dass sich dieses Rad aus Information, Spekulation und Ratlosigkeit immer weiter dreht.

Vielleicht sollte ich einfach mal raus an die frische Luft.

Geiler Scheiß auf Papier

Ein neues Magazin namens „Bock“- das sich nur mit geilem Scheiß beschäftigt. Ein schöner Beleg dafür, dass man auch im digitalen Zeitalter schöne Hefte machen kann…

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Was steht drin?

Steht im Titel. Geiler Scheiss. Also, alles worauf jemand gerade Bock hatte. Nicht jeder Autor zeichnet dafür mit Namen, manche Geschichten sind anonym, manche mit so wunderbaren Pseudonymen wie Basilius Bock. Es geht im Heft u.a. um das unterschätzte Phänomen Einkaufswagenstau, um die Phänomenologien von Menschen, die die Hundehäufchen ihrer Vierbeiner einfach liegenlassen und um Begegnungen mit Menschen, die irgendwie ungewöhnlich sind.

In der Medienbranche (so schlau ist er halt doch, der herausgebende Bulo) hat naturgemäß der sich selbst interviewende Kai Diekmann für Aufsehen gesorgt. Leider passt ausgerechnet dieses Stück am wenigsten in das Gagazin. Diekmann ist wie immer kühl kalkulierende Eigen-PR-Maschine, was er clever macht, zugegeben – aber die Geschichte ist weder Gaga noch geiler Scheiss, sondern eben Diekmann in Reinkultur. Der sich als knorke Kumpeltyp inszeniert und nebenher auch noch die Aktivitäten von Ehefrau Katja promotet. Bitte, lieber Bulo – in die nächste Ausgabe nichts Erwartbares packen. Diekmann war so erwartbar wie Diekmann erwartbar sein kann.

Sonst? Man kann sich ein Dixie-Klo für den Schreibtisch ausschneiden und anderen Klamauk machen, man kann lange und auch kurze Texte lesen oder es eben auch bleiben lassen. Ein Magazin für geilen Scheiß hat naturgemäß keine Ressorts und auch nichts, was man priorisieren müsste.

Was ist gut?

Karl Dall. Ein guter Text über den Tod, das ist wirklich mal nicht erwartbar gewesen. Eine witzige Fotostrecke mit Zettel-Fundstücken und anderem achtlos weggeworfenem Kram. Kärtchen, die man blöd parkenden Menschen unter den Scheibenwischer klemmen kann. Bulos Zeichnungen.

Was fehlt?

Der eine Text, bei dem man spontan sagt: Geiler Scheiss! Missraten ist kein Text, aber so wirklich umwerfend ist auch wieder keiner. Manche leiden daran, dass sie bemüht witziger geiler Scheiss sein wollen. Bei manchen Stücken hätte ich mir sogar das gewünscht, was Bulo und Freunde unbedingt vermeiden wollten, nämlich ein bisschen tiefergehende journalistische Ideen (beispielsweise bei den Begegnungen mit den ungewöhnlichen Typen in der Stadt). Da hat der Journalist in mir sofort ein paar spannende Geschichten gesehen, die mehr wert gewesen wären als ein paar flapsige Bemerkungen. Aber das wär ja kein geiler Scheiß mehr gewesen, schon klar.

Kurz gesagt: Ich hätte gerne mal was gelesen, was an den Liveticker der 11 Freunde rankommt. Hab ich aber nicht. Und nur weil ein Text ungewöhnlich ist, ist er noch nicht zwingend gut. (Der Bulo wird jetzt vermutlich kopfschüttelnd dasitzen und sich wundern, wie Journalisten nur so konservativ sein können).

Gibt es Internet?

Ja, www.bockgagazin.de. Ab und an wird auch gezielt auf Inhalte dort verwiesen, beispielsweise wenn man das Ende eines Comics erfahren will. Ansonsten ist Bock etwas, was erstaunlicherweise viel Bock auf Print macht. Den geilen Scheiß will man in der Hand haben und nichts als App oder sowas. Schönes Papier, schönes Layout, nimmt man alles gerne in die Hand.

Daumen rauf oder runter?

Rauf. Man kann sich mit Bock ganz gut amüsieren und Dinge lesen und anschauen, die man anderswo nicht bekommt. Für 5 Euro ein echter Spaß. Fürs Zugfahren oder einfach nur faul auf der Couch rumliegen. Außerdem muss man es ja per se gut finden, wenn es auch mal Neugründungen außerhalb der üblichen Verdächtigen gibt.