Fünf Thesen zum Journalismus 2020

Visuelle Inhalte, Digital-Native-Style, Communities und User-Finanzierung: Fünf Thesen zu den wichtigsten Entwicklungen des Journalismus 2020.
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Und am Wochenende ins Frauenhaus!

Die Tage mal stand eine dieser bedauernswerten Damen im Supermarkt, die den Kunden Probeabos für die Heimatzeitung freundlich nahelegen sollen. Weil ich aus früheren Zeiten bei einer Regionalzeitung noch ganz gut weiß, was das für ein schwieriger, noch dazu auf irgendwelchen Provisionen basierender Job ist und weil es mich außerdem merkwürdigerweise interessiert hat, habe ich unterschrieben: Zwei Wochen Probeabo einer Regionalzeitung, deren Name hier nix zur Sache tut.  Weil das, was ich da lese, vermutlich in nahezu jeder Regionalzeitung Deutschlands Alltag ist. Also, schauen wir uns mal durch: Alltag einer Zeitung, Anfang 2017.

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Trump – die Chance für den Journalismus

In meinem Schädel blinkt gerade immer nur ein Wort: TRUMP! TRUMP!!!

Außer einer privaten Vorliebe für die USA habe ich mit diesem Menschen nichts zu tun. Ich lese seine diversen Ausfälligkeiten, bin einer seiner Abermillionen Follower und habe am Anfang, kurz nach seiner Wahl gedacht: Mei, die Amis mal wieder. Vier Jahre übersteht der eh nie im Amt. Eigentlich dachte ich, dass da noch irgendwas aus einer dunklen Ecke kommen müsste. Irgendeine handfeste sexuelle Belästigung oder ein paar Bemerkungen, die selbst den Amerikanern zu blöd werden. Irgendwas, weswegen man jetzt beschließen müsste, Trump doch nicht ins Amt zu lassen und stattdessen entweder Obama eine dritte Amtszeit zu gewähren. Oder wenigstens seine Michelle zur Präsidentin zu machen.

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Ein Drittel Text = keine Presse mehr!

Falls Sie es möglicherweise versäumt haben: Die Zukunft der deutschen Tageszeitungen ist gerettet. Mit einer ganz einfachen Formel. Wenn man das vorher geahnt hätte, wie einfach das ist…

Diese Formel geht so:  Auf den Startseiten maximal ein Drittel Text zeigen. Dafür mindestens zwei Drittel der Flächen mit Video- und Audioplayern oder schlicht Fotos füllen.

Das wäre, vorausgesetzt die Geschichte stimmt, das Witzigste, was man seit langem vom um witzige Einfälle selten verlegenen BDZV gehört hat. Zur Erinnerung: Der Verband hat ja schon vor Jahren das selbst dem Duden unbekannte Wort „presseähnlich“ kreiert. Jetzt liefert er konsequenterweise auch noch eine Formel hinterher, was zumindest nicht mehr als „presseähnlich“ zu gelten hat. Nämlich alle Nachrichten-Apps, die nicht mehr als ein Drittel Text auf der Startseite haben.

Wenn man es bisher noch nicht geahnt hat, spätestens jetzt hat man den Beleg: So ganz verstanden, was Journalismus im digitalen Zeitalter ausmacht, haben sie es beim BDZV auch im Jahr 2017 nicht. Mehr Ahnungslosigkeit geht jedenfalls kaum. Google soll für Snippets zahlen, die ARD nur noch ein Drittel Text auf der Startseite haben – schon ist die Verlagswelt beinahe in Ordnung. Sieht man von Bagatellen wie seit 20 Jahren sinkenden Auflagen und dem beinahe kompletten Wegfall der Anzeigen-Rubrikenmärkte mal ab. Ganz so, als ob es auch nur einen einzigen Leser gäbe, den man zurück oder neu hinzu gewönne, würden weniger Snippets bei Google auftauchen oder die Texte in der Tagesschau-App weniger.

Der BDZV will zurück ins Jahr 2001

Tatsächlich muss man auch im Jahr 20 nach der Entwicklung des massentauglichen Netzes festhalten: Viel weiter von der digitalen Realität entfernt kann man kaum sein, wie es viele deutsche Verlage immer noch sind. Und etwas hanebücheneres als die Strategie des BDZV ist schwer zu finden. Weil sie keine Strategie ist, sondern der aussichtslose Versuch, die Zeit irgendwie wieder ins Jahr 2001 zurückzudrehen.

Die schlauen Köpfe in den Verlagen (und davon gibt es weitaus mehr, als man meinen möchte) räumen das ja selbst ein, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand: Der digitale Wandel in seiner ganzen Brachialgewalt ist bei vielen Entscheidern nicht angekommen. Sie meinen immer noch, es reiche aus, ein paar Webseiten hochzuziehen, am besten kostenpflichtig. Ordentliche mobile Angebote, eine Social-Media-Strategie, die den Namen auch verdient? Eine Idee für multimediales Storytelling, für den richtigen Einsatz von Bewegtbild? Gibt´s in Einzelfällen. Aber selbst, wenn man dann noch reflexhaft auf die Leuchttürme in der Verlagslandschaft verweist: Am Ende kommt man schnell zu dem Schluss, dass für die große Masse der Verlage all das nicht zutrifft.

Stattdessen die andauernde Fixierung auf den Text: „Den eigentlichen Inhalt nehmen Nutzer nur auf, wenn sie auch die Texte lesen“, sagt BDZV-Medienpolitikchef Verdenhalven über die Tagesschau-App. Was er als Kritik meint, kommt verräterisch daher. Verräterisch, weil es das immer noch vorhandene Selbstverständnis des Verbands zeigt: Text, das ist Presse, das sind wir. Ein Verständnis, das bei Nutzern, die mit Smartphones, sozialen Netzwerken und Mini-Videos schon lange leben, bestenfalls erstauntes Kopfschütteln hervorruft. Natürlich gehören Texte zum Journalismus. Aber wenn man sie wahlweise als die Königsdisziplin oder gar als Privileg einer bestimmten Journalismus-Gattung betrachtet, zeigt man lediglich, dass man diese Sache mit dem Internet immer noch nicht verstanden hat.

Aber nehmen wir nur mal für einen winzig kleinen Moment an, die ARD würde sich selbst beschränken und der Tagesschau-App diese merkwürdige Ein-Drittel-Formel verpassen – was genau würde dann eigentlich passieren?

  • Tausende User würden enttäuscht ihre App löschen und ein Zeitungsabo bestellen!
  • Etliche Digital Natives würden endlich bemerken, dass wirklicher Journalismus nur aus Text besteht!
  • Anzeigenkunden würden zuhauf von der Tagesschau…nee, halt.

Man merkt an dieser absurden Aufzählung also leicht: Der BDZV schießt sich auf einen Feind ein, der sie nicht einziges Exemplar an Auflage kostet. Und er versäumt gleichzeitig die Gelegenheit, seine Mitglieds-Verlage mal ins Nachdenken zu bringen, ob sie es nicht selbst waren, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten den Anschluss verpasst haben. So aber: Man hat ein paar Feinde, die „Tagesschau“ und „Google“ beispielsweise, die bekämpft man – und alles wird wieder gut.

Tageszeitungen müssen so ungefähr alles überdenken

Es gäbe so vieles, an dem die immer noch klare Mehrheit der Verlage dringend arbeiten müsste. An ihrer digitalen Strategie zuvorderst. Aber auch: an den eigenen Leuten, die größtenteils immer noch Zeitungsleute sind und mit digitalem Journalismus, digitalem Vertrieb und digitalen Geschäftsmodellen eher wenig am Hut haben.  An der Idee, dass Tageszeitungen immer noch ein Produkt für alle sein sollen. Am Generationen-Abriss, der kein Naturphänomen ist, sondern natürlich auch etwas mit Inhalten zu tu  hat.

Wenn Sie es ernst meinen würden beim BDZV, dann würden sie ihren Mitgliedern eine Innovations-Offensive anbieten. Eine, die darüber hinaus geht, ab und an mal ein paar Panels zu veranstalten. Sie würden im Übrigen Innovation zum Dauerthema machen und nicht nur dann, wenn Erzfeind Google die Schatulle öffnet und ein paar Millionen springen lässt. Sie würden agieren und nicht immer nur reagieren. Und sie würden klar machen, dass sich die Dinge gedreht haben. Wer heute noch Papier bedruckt, ist in der digitalen Welt ungefähr wie der Exot, der vor 20 Jahren anfing, mit ein paar HTML-Befehlen Webseiten zu bauen.

(Offenlegung: Ich arbeite regelmäßig für den Bayerischen Rundfunk, berate aber auch Zeitungsverlage.)

Tagesschau-App: Der Musterschüler

Neu auf dem Markt: die Tagesschau-App 2.0. Sie ist ziemlich chic geworden, auch wenn man manchmal den Eindruck hat, man sitze vor einer Kreuzung aus Buzzfeed und Snapchat…

Videos im Mittelpunkt, das Format ist (fast) egal

Die „Tagesschau“ orientiert sich eindeutig an dem, was sich in den vergangen Monaten als Standard in den sozialen Netzwerken herauskristallisiert hat: eindeutiger Schwerpunkt auf kurzen Videos, die kurz und prägnant zur Sache kommen. Und die, Text-Inserts sei Dank, auch ohne Ton auskommen. Überhaupt sieht die App an vielen Stellen aus, als hätte sie sich jemand ausgedacht, der viel im sozialen Netz unterwegs ist und das meistens mit dem Smartphone. Was kein Nachteil sein muss, zumal man dann bei genauerem Hinsehen doch erkennt, dass die gute alte „Tagesschau“ dahinter steckt.

Die Debatte „Hoch- oder Querformat“ hat die Redaktion übrigens elegant entschieden: Mit einem „sowohl als auch“. Die Redaktion nimmt für sich in Anspruch, weltweit die erste News-App zu sein, die Videos in beiden Varianten im gewohnten 16:9-Format zeigt. Ob das stimmt, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber es ist zumindest eine sehr angenehme Sache, wenn man sich nicht entscheiden muss. Persönlich mag ich querformate Videos deutlich lieber. Aber wer wollte bestreiten, dass sich die Hochformat-Seher zunehmend mehr durchsetzen?

Für die Technik-Nerds unter den Lesern: Diese Wahl zwischen Quer- und Hochformat ist auch deswegen vergleichsweise einfach möglich, weil die Redaktion ein spezielles Cropping-Tool verwendet. Für jedes Einzelbild wird sofort eine Hochkant-Variante vorgeschlagen. Praktische Sache, das.

Small-Screen-Videos sind endgütig zum Massenphänomen geworden

Klar aber ist: Kurze Videos mit Text-Inserts, hochformatige Videos, Video als das allgegenwärtige Erzähl-Tool ist endgütig im Massenmarkt angekommen. Willkommen in der Digital-Welt 2017!

Dafür spricht auch, dass die Standard-Startseite der App so aussieht, als sei sie gerade bei Buzzfeed entlaufen. Oder als ob sie den Träumen eines gemäßigt radikalen Snapchat-Entwicklers entstammt. Ganz viel bewegtes Bild, nahezu kein Text mehr. Nebenbei bemerkt müsste der Verlegerverband jubeln, er hat aber reflexartig gemault, dass das natürlich alles nicht ausreicht.

Die Videos bzw. Slideshow starten schon auf der Seite, ohne dass man dafür etwas tun muss. Das ist an manchen Stellen etwas verwirrend, vor allem, wenn es sich um animierte Fotos oder um Slideshows ohne Ton handelt. Dann hat man, sofern man den Ton anhat, ein leicht irritierendes Brummen im Hintergrund. Keine Ahnung, ob ich nur zu doof war, um das herauszufinden, aber zumindest bei Fotos finde ich Brummen im Hintergrund befremdlich.

Personalisierung und Chatbot-Optik: Alles drin

Was es sonst noch gibt? Die Tagesschau-App ist jetzt konsequent und bis ins letzte Detail personalisierbar. Und wer sich auf die Suche begibt, bekommt jetzt nicht einfach irgendein Suchfeld, sondern eine Optik, die bewusst an den aktuellen Chatbot-Hype („Was möchtest du noch wissen?“) angelehnt ist.

Auch da ahnt man mittlerweile: Das ist die Richtung, in die die App- und Mobile-Züge in den kommenden Monaten fahre werden. Und damit letztendlich der ganze digitale Jornalismus. Das sich jemand mühselig durch eine Homepage und ihr im Regelfall gigantisches News-Angebot arbeitet, wird immer mehr die Ausnahme denn die Regel.

Daumen rauf oder runter?

Ganz eindeutig ist die Tagesschau-App das, was man so schön State of the art“ nennt. Ein bisschen wirkt sie, als hätte jemand einen Blick in ein imaginäres Lehrbuch geworfen und dann alles reingepackt, was er im Kapitel „Innovationen 2016“ gefunden hat. Das klingt jetzt möglicherweise böser als es gemeint ist, zumal man den öffentlich-rechtlichen ansonsten ja immer gerne einen gewissen Verstaubtheitsgrad vorwirft. Alles in allem ist sowas wie ein App-Musterschüler rausgekommen. Und wie das so ist mit den Musterschülern: An ihnen gibt es nichts auszusetzen, aber insgeheim wünscht man ihnen trotzdem mehr Coolness.

Für mich selbst habe ich entdeckt, dass das Alter immer öfter seine ganzen Tücken zeigt. Ich werde mich daran gewöhnen müssen und werde mich auch sicher dran gewöhnen. Aber sagen wir es mal so: Die „Tagesschau“ hat mir ungewollt auch all das vor Augen geführt, was ich an Snapchat nicht sonderlich mag…

Journalismus im Radikalwandel

Warum sich Journalismus 2017 so drastisch wie nie wandeln wird, welche Trends 2017 kommen und welche eher nicht – ein Blick in die Glaskugel…

Nachrichten für alle? Das war einmal.

Nüchtern betrachtet konnte das ja nicht immer gut gehen: Immer noch mehr Informationen, mehr Texte, Videos, Bilder. Tausende Postings und Kommentare in sozialen Netzwerken. Und nicht mal mehr das Handy ist eine medienfreie Zone, im Gegenteil. Wer heute zu dem greift, was wir früher lustigerweise Telefon genannt hatten, muss sich erst mal durch eine Unzahl von Pushmeldungen, Apps und anderem Kram wühlen, ehe er zum Telefonieren kommt. Aber wieso überhaupt noch telefonieren, wenn man mit Messengern mal kurz das loswerden kann, wofür man früher erst umständlich ein Gespräch hätte beginnen müssen? Dumm nur, dass in einem solchen Messenger mittlerweile auch schon massenweise Medien-Content liegt.

Kurz gesagt: Dass Nutzer personalisieren müssen, ist eine logische Konsequenz aus dem ganzen medialen Überfluss, von dem wir umgeben sind. Selbst der Interessierteste ist nicht mehr in der Lage, überall dort zu lesen und zu schauen, wo er eigentlich müsste, um als halbwegs informiert zu gelten. Davon abgesehen: Die Suche nach dem, was wirklich interessant und relevant ist, kann ganz schön viel Zeit in Kauf nehmen. Und Nerven noch dazu.

2017 wird also das Jahr werden, in dem Medien sich endgültig verabschieden werden (müssen) von der Idee, man könne es mit einem Angebot allen recht machen. Und von der Idee, der User suche sich dann schon das Passende aus dem Haufen Informationen heraus, dem man ihm hinwirft. Stattdessen: Entbündelung, Personalisierung, das ganze Programm.

Projekte wie „XMinutes“ sind ein Vorläufer dessen, was uns erwartet: Die Idee nämlich, Medien und Informationen so zu präsentieren, dass wir nicht mehr endlos suchen und scrollen müssen.

Wenn man so will, dann sind auch die inzwischen einigermaßen angesagten Chatbots ein Schritt zur Personalisierung.  Denn bei ihnen geht es nicht nur primär um die andere Ansprache, sondern eben auch darum, dem User nicht einfach Nachrichten hinzuwerfen, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, andere Aspekte zu erfahren. Für jeden ist damit eine Nachricht anders – eben personalisiert.

Alles ist Video

Was waren das für selige Zeiten, in denen man als Journalist auch mal noch ein Video zu irgendwas produzieren konnte. Das war dann aber schon der Gipfel der Multimedialität: Wow, wir haben auch ein Video zu der Geschichte!

Heute: Video ist alles. Alles ist Video. Video ist nicht nur eine Erzählform, sondern der wichtigste Bestandteil eines virtuellen Echtzeit-Parallel-Universums. Egal, ob mit den inzwischen fest etablierten Livestream-Angeboten von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter oder mit irgendwas anderem: Künftig werden wir es mit einer ganzen Reihe von Anwendungen zu tun haben, die jederzeit on air gehen können, um die Wirklichkeit live zu streamen oder in kurzen Fetzen aufzunehmen. Die Snapchat-Brille ist ein erster Schritt in diese Richtung. Einer, der im Gegensatz zur Google-Brille aus zwei Gründen nicht scheitern wird. Grund eins: Die Google-Brille ist als potentielles Monster wahrgenommen worden. Eines, dass eine Welt- und Bewusstseinsveränderung bewirkt und zudem jederzeit und ohne Vorwarnung aufnehmen und senden kann.

Die Snap-Brille positioniert sich clevererweise anders. Als ein ebenso cooles wie witzig-harmloses Gadget, das eigentlich nur spielen will. Eine GoPro in klein und als Brille. Da kommt niemand auf die Idee, es handle sich dabei um ein Privatsphäre-Datenmonster.  Schon gleich gar nicht in der Snapchat-Zielgruppe. Und auch nicht beim clever aufgebauten Image der Snapchatter, nachdem es sich dabei ja nur um ein lustiges Tool für alberne 16jährige handle. Bei Google hatte man immer im Hinterkopf, dass der Konzern ja mindestens die Weltherrschaft anstrebt und es außerdem mit Daten und Privatsphäre eh nicht sehr genau nimmt.

Wie dem auch sei: Video wird das Fenster in die Welt und geht weit über das hinaus, was das Fernsehen bewirken konnte. Digitales Video ist keine „gebaute“ Kunstwelt. Keine Beiträge, in denen Menschen in merkwürdigen Verrenkungen für „Schnittbilder“ posieren müssen und in denen erst mal Kulissen aufgebaut werden müssen.

Video: haben wir alle bei uns, nutzen wir inzwischen sogar bevorzugt zum Telefonieren und ist auch für Journalisten ein Instrument, auf das sie keinesfalls verzichten sollten.

360 Grad/VR

Bei ungefähr jedem Ding, das mal groß werden könnte, tauchen ein paar grundsätzliche Fragen auf. Ist das jetzt ein Hype oder doch von Dauer? Spielzeug – oder braucht mal das wirklich? Das ist beim Thema 360 Grad auch nicht sehr viel anders und erinnert an die Debatte um das inzwischen wieder ganz schön zurückgefahrene Thema 3D. Im Kino ist man nach ein paar Filmen als Besucher schnell wieder an der Erkenntnis angelangt, dass ein Film in 360 Grad nicht besser oder schlechter, sondern bestenfalls effektreicher wird.

 

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Da ist es natürlich legitim, diese Frage auch beim Thema 360 Grad zu stellen. Der Unterschied könnte allerdings der sein: Ein Film in 3D sieht halt einfach anders aus, ist aber immer noch derselbe Film. 360 Grad bietet dagegen eine ganze Reihe journalistischer Optionen. Die wichtigste dabei: Man kann endlich den User buchstäblich an den Ort des Geschehens mitnehmen. Er kann sich selbst ein Bild machen. Und das ist dann in der Tat ein Mehrwert. Wie man eine Geschichte in 360 Grad am besten erzählt, wie man Bild, Text und andere Elemente miteinander vermischt, das wird noch eine ganze Reihe von Experimenten nach sich ziehen. Trotzdem: Auch wenn man natürlich auch in Zukunft nicht jede Geschichte als 360Grad-Story erzählen wird – spätestens im kommenden Jahr wird die Technologie zu einem (digital-)journalistischen Standard werden.

Das Ende der Homepage

Vor kurzem habe ich mal einen Vortrag gehalten über dieses Internet und wie es sich entwickelt. Vor Menschen, die sich zwar dafür interessieren, aber nicht gerade zur digitalen Avantgarde gehören. Irgendwann sagte jemand dann mal was zum Thema „Homepage“. In dem Moment habe ich mich ertappt, wie ich innerlich ein leicht nostalgisches Grinsen aufgesetzt habe. Ach ja, die gute alte Homepage, Tage, an denen man irgendwo noch „www“ eingeben musste.

Tempi passati, es lebe der Intermediär. Also jener Zwitter, der zwar eine wie auch immer geartete Plattform zur Verfügung stellt, in dem sich Menschen und Anbieter treffen. Facebook, Snapchat, WhatsApp, der ganze Kram. Oder auch: der kleine Roboter. Nicht mehr lange – und in vielen Häusern stehen so lustige Dinger wie Amazons Alexa rum, die (wenn sie denn erstmal ein bisschen schlauer sind) die Homepage endgültig zu einem Relikt der Anfangstage des Netzes machen.dsc_6771-m4v-00_00_12_08-standbild001

Was letztendlich mit einem Phänomen zu tun hat, das immer stärker wird. Die Flut an Medien ist nicht mehr beherrschbar. Würde man den Gedanken des Systems Homepage im Jahr 2017 konsequent zu Ende denken, er würde bedeuten, dass man aus dem www-Tippen nicht mehr herauskäme. Klar, ich mache das ab und an selbst noch gar gerne, mich mal an einem bevorzugt Sonntag-Nachmittag ein bisschen durchs Netz treiben zu lassen, verschiedene Seiten anzusteuern und einfach mal zu lesen, was die so machen. Meistens ist das aber spätestens am Montag wieder vorbei. Weil mir die Zeit fehlt. Und weil es ausreichend viele Angebote gibt, die mir alles bringen, was ich brauche, ganz ohne langes Surfen.

Ruft da jemand Filter Bubble?  Weiß ich schon. Bringe ich dann ab und zu zum Platzen. Bevorzugt Sonntagnachmittags. Nur weil ich halbwegs intelligente Formeln meinen Info-Bedarf ermitteln lasse, heißt das ja noch lange nicht, dass ich dieser Formel alles glaube. Sonst müsste ich mich ja immer noch über einen Präsidenten Trump wundern.

Geschlossene Systeme, Dienstleister, Assistenten

Das alles schreit also zunehmend nach Personalisierung, die demnächst nicht mal mehr im Ansatz das sein wird, was wir momentan fälschlicherweise noch so nennen. Bisher ist das ja meistens so: Man kann anhand von ein paar Rubriken und Tags festlegen, was man bevorzugt wissen möchte. Was grundsätzlich ja nicht verehrt ist. Nur leider meistens nur so lala funktioniert. Zumindest dann, wenn Menschen dahinter stecken. Algorithmen hingegen sind, auch wenn´s weh tut, in dieser Hinsicht meistens schon schlauer als wir Menschen.

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Mittlerweile sogar schon so schlau, dass Konzerne wie Google ihre Smartphone inzwischen umbauen zu echten persönlichen Assistenten. Allerdings auch zu geschlossenen Systemen, in dem sich Nutzer noch mehr als bisher aufhalten sollen.  Wer die Entscheidung für ein Smartphone trifft, entscheidet sich auch dafür, sein halbes Leben  in die Hände eines Großkonzerns zu geben.

Engagement

Und was machen wir jetzt mit all diesen Erkenntnissen? In einem Jahr, in dem sich der Wandel noch rasanter fortsetzen wird und in dem Donald Trump Präsident werden wird? In dem Google, Facebook, Snapchat und all die anderen uns zeigen werden, was Homeless Media wirklich bedeutet? Und in dem man uns weiter als Lügner und Manipulatoren und weiß Gott noch alles bezeichnen wird?

Reden!

Das Zauberwort Engagement ist eines, dass im Journalismus auch 2016 allen Sonntagsreden zum Trotz noch nicht erst genommen wurde. Zumindest, wenn man unter Engagement mehr versteht, als gelegentlich auch mal auf einen Nutzerkommentar zu antworten.

Engagement ist mehr: Rein in die Netzwerke! Auf in den journalistischen Häuserkampf! Nicht einfach warten, bis jemand sich mal zu uns bequemt. Nicht gleich kopfschüttelnd „Populismus“ schreiben und nicht gleich jeden als Dummkopf bezeichnen, der ernsthaft (mit Betonung: ernsthaft) besorgt ist. Den Satz „Du könntest recht haben“ hart man, zur Seite gedacht, im Netz ohnehin viel zu selten.

Engagement heißt: Raus aus der journalistischen Komfortzone. 2017: mehr als je zuvor.

2016: Was war – und was nicht

Einmal im Jahr werfen wir auf dieser kleinen Seite einen Blick auf die Trends des kommenden Jahres. Und am Ende dieses Jahres steht die Frage: Was kam so – und was war völlig verkehrt? Ein Rückblick.

Der Journalismus lebt noch, so viel lässt sich wenigstens mit Sicherheit sagen. Es gibt immer noch Zeitungen, Radio und Fernsehen. Aber es gibt unverkennbar auch: mehr Digitales. Vor allem solche digitalen Dinge, die journalistisches Eigenleben führen und nicht nur einfach alten analogen Kram in neue digitale Schläuche packt.

Aber schauen wir mal, welche Trends für 2016 hier vorausgesagt wurden – und was aus ihnen geworden ist…

Prognose 1: VR kommt, aber erst später!

Der Originaltext von damals: 

„Virtual Reality! Ja, schon klar, kommt. Irgendwann. Aber nicht jetzt. Nicht solange man sich irgendwelche sperrigen Dinge überstülpen und auch ansonsten unangemessen viel Aufwand betreiben muss. Solange ist das was für Nerds (siehe auch: Brille! Watch!), aber nichts für den Massenmarkt. Wir reden dann später nochmal.“

Nein, es war noch nicht das Jahr der Virtual Reality, auch wenn es ein paar echte und auch selbsternannte Netzkenner gab, die genau das prophezeit hatten. VR hätte bereits in diesem Jahr zum Massenphänomen werden sollen. Wurde es aber nicht, aus einer Reihe von guten Gründen. Einer davon war beispielsweise, dass es einem Massenmarkt nie sonderlich zuträglich ist, wenn man sich erst einmal ziemlich teures und sperriges Zubehör zulegen muss. Für eine Sache, die eine nette und immer ausgefeiltere Spielerei ist. Aber eben: eine Spielerei, die man zum Überleben sicher nicht braucht. Das alte Spiel halt: Nerds glauben, der Rest der Welt bestehe auch aus Nerds, nur aus solchen, die es erst etwas später merken. Reden wir doch in ein, zwei Jahre nochmal, vor allem dann, wenn die Hardware günstiges geworden ist. Und wenn es Anwendungen gibt, die wirklich Spaß machen. Solange man nur zeigt, was man alles damit machen könnte, ist das kaum ein Kaufanreiz.

Prognose 2: Die (Medien-)Welt wird ein Messenger!

Der Originaltext von damals: 

„Die (Medien-)Welt wird ein Messenger. Senden und empfangen. Schon immer das Prinzip aller Kommunikation. Jetzt zusammengepackt in winzig kleinen Apps. Das ist das nächste große Ding. So einfach, so gut.“

WhatsApp ist der Standard aller (mobilen) Kommunikation geworden, Facebook will seinen Messenger ebenfalls weiter massiv in den Markt drücken. Chatbots sehen aus wie Messenger, Snapchat ist, genau betrachtet, auch nichts anderes als ein sehr, sehr bunter und greller Messenger.  Klein, wendig, schnell und einfach zu bedienen (ok, Snapchat vielleicht nicht so). Aber das Prinzip wird immer klarer: Die One-to-One-Kommunikation wird mindestens genauso wichtig wie die großen Netzwerke, in denen jeder alles lesen kann. Und nichts deutet darauf hin, dass irgendetwas diese Trends stoppen könnte.

Prognose 3: Bezahlen für Inhalt? Nichts ist selbstverständlicher.

Der Originaltext von damals: 

„Die Ausrede, man könne Journalismus im Netz nicht gewinnbringend verkaufen, die zählt für 2016 nicht mehr.“

Zugegeben, über den richtigen Weg wird immer noch gestritten. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Zumal es den einen, funktionierenden Königsweg nicht geben wird. Beim „Spiegel“ etwa debattieren sie angeblich gerade mal wieder darüber, ob das mit dem Einzelverkauf mit Laterpay wirklich so eine grandiose Idee war. Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“ will es ihnen ja gleich gesagt haben.

Aber davon abgesehen: Niemand würde heute mehr ernsthaft behaupten wollen, dass man Journalismus im Netz nicht verkaufen kann. Lediglich das wie und das wieviel sind umstritten. Und ob das wirklich für alle reicht, die sich heute am Markt tummeln, kann man natürlich auch bezweifeln.

Prognose 4:  Alte Medien sterben nicht, wandern aber in die Nische

Der Originaltext von damals:

„Natürlich wird die Nutzung von Zeitungen, Radio und Fernsehen in der bisherigen Form zurückgehen. Insbesondere der (regionalen) Tageszeitung bisherigen Prägung kann man sogar ein vergleichsweise schnelles Verschwinden in der Nische prophezeien.“

Im WDR läuft seit dieser Woche eine ziemlich empfehlenswerte TV-Serie namens „Phoenixsee“ (die ist wirklich gut!). Aber was heißt schon TV-Serie? Natürlich kann man sich jeden Montag um 20.15 Uhr vor den Fernseher setzen und die aktuelle Folge anschauen. Aber im Zeitalter des Binge-Watching setzt sich der Digitalmensch natürlich vor die Mediathek von ARD/WDR und streamst sich eine Folge nach der anderen auf den TV-Bildschirm. Da gerät die Mediathek also zum Beleg dafür, dass unsere gute, alte Fernsehwelt auch immer netflixiger wird. Wer schaut schon noch Fernsehen?

Unterdessen hat die „Passauer Neue Presse“ den „Donaukurier“ aufgekauft, während in Berlin gerade die „Berliner Zeitung“ zu einem Zombie umgebaut wird. Überhaupt hat sich auch in diesem Jahr die Trends fortgesetzt, dass die gute alte Tageszeitung weiter an Boden verliert, zumindest in der gedruckten Form.

Und selbst im Radio ist der Umbruch unverkennbar: Schulz und Böhmermann muss man nicht zwingend mögen. Aber dass ihr Podcast jetzt nicht mehr bei den Öffentlich-Rechtlichen, sondern bei Spotify läuft – noch Fragen?

Prognose 5: Qualität siegt!

Der Originaltext von damals:

„Blinkportale“ wie „Focus Online“ oder „Buzzfeed“ mögen mehr (Focus) oder weniger (Buzzfeed) erfolgreich sein, sie nerven trotzdem.“

Hm. Würde ich so heute nicht mehr schreiben. Nicht weil ich nicht glauben würde, dass Focus Online nervt. Sondern weil die immer noch sehr erfolgreich sind. Da war wohl (leider) mehr der Wunsch der Vaters des Gedankens. Natürlich gibt es auch im digitalen Zeitalter reichlich Platz für das, was wir Qualität nennen. Für reichlich journalistischen Sperrmüll wohl aber auch.

Muss wohl so sein. Und außerdem hätten ja dann die ganzen Niggemeiers dieser Welt nix mehr zu tun, wenn es anders wäre.

(Die Trends für 2017 kommen in den nächsten Tagen mal…)

Print muss man sich leisten wollen…

Zweimal Print, einmal die selbe Idee: Die neuen Ausgaben der turi2-Edition und des Gagazins „Bock“ zeigen vor allem, in welchen Nischen gedrucktes Papier immer noch unschlagbar gut ist…

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„Bock“ ist auch in der zweiten Ausgabe geiler Scheiß. Meistens zumindest. Ein Interview mit Gunter Gabriel, fernab aller journalistischer Konventionen ist da drin, ebenso wie lustige Bock-Aufkleber, die man irgendwo aufkleben kann. Kurz: „Bock“ ist das sinnloseste Heft, das man sich vorstellen kann. Das macht die Sache ja so interessant. „Bock“ schreibt über Dinge, die man noch nie wissen wollte, bemüht sich erst gar nicht, irgendeinen Eindruck von journalistischer Relevanz zu erzeugen und ist damit wunderbar entspannend. Noch wichtiger: auf seine Art einzigartig. Und damit ein Sinnbild dafür, wie Print funktionieren kann.

Nämlich dann, wenn man ein Luxusprodukt in die Hand nimmt. Eines, für das man sich bewusst entscheidet, das man sich möglicherweise aufhebt in einem Regal oder einem Sammelordner. Kurz gesagt: als ein Kulturgut, das eben kein Internet ist. Für das man sich Zeit nimmt, weil man sich Zeit nehmen will. Und das kein Ambitionen hat, einer Aktualität hinterherzuhecheln, die einen ohnehin schneller überholt als man überhaupt „Print“ sagen kann.

Für 5 Euro jedenfalls ist Bock ein ziemlicher Spaß. Nur einen minimalen Schwachpunkt (sonst kann man ja das Kritisieren gleich bleiben lassen!) habe ich entdeckt: Eine Geschichte darüber, dass Fluss-Kreuzfahrten von Passau nach Wien mit einer Horde Rentner nicht wirklich witzig sind – Kinder, wer in der Redaktion hat denn die Idee durchgehen lassen? Das wäre selbst der „Passauer Neuen Presse“ zu langweilig – und ist somit der einzige echte Schwachpunkt im Heft.

Noch teurer aufwändiger und natürlich auch ambitionierter wird es in der dritten Ausgabe der Turi2-Edition. Die kostet mit 20 Euro das Vierfache, ist aber erneut ein opulentes Teil geworden. Das liest man gerne, noch lieber schaut man es sich an. Die Turis haben enorm viel Zeit, Aufwand und wahrscheinlich auch Geld in Fotografie gesteckt, ebenso in ein Design, bei dem man sich wünscht, bei der Webseite würde das Team ähnlich viel investieren. Überhaupt hat man den Eindruck, Peter Turi wäre lieber Print-Verlger als Herausgeber einer Webseite, aber das ist natürlich nur Spekulation…

Klar könnte man sich das alles auch in einer App anschauen. Will man aber nicht. Weil doppelseitige Fotos halt einfach doppelseitige Fotos sind. Und weil man Luxus in der Hand haben will. Praktischen und lesenswerten Kram habe ich in meiner digitalen Welt. Bock und Turi sind eher die Design-Ausstellungsstücke, die man sich gönnt, obwohl es aus praktischer Sicht nahezu keinen Sinn macht, sich das zu gönnen.

Ansonsten ist das Heftbuch seine 20 Euro schon alleine wegen der großartigen Silke Burmester wert, die wahrscheinlich sogar ihre Beobachtungen beim Trocknen von Wandfarbe so beschreiben könnte, dass man gefesselt dran bleibt und ab und an laut lacht. Wenn es jemanden gibt, der außerhalb aller elitären Filterbubbles elitären heißen Scheiß schreiben kann, dann Silke Burmester.

Hallo, Bock und Bulo – läutet was??

Print muss man sich leisten wollen

Das alles ist also ziemlich wunderbar. Und steht auf den ersten Blick im krassen Gegensatz zu dem, was auch auf dieser kleinen Seite immer wieder postuliert wird: Die Zukunft ist digital.

Tatsächlich ist das gar kein Widerspruch. Es gibt kein Medium, keinen Kanal, der per se zum Sterben verurteilt ist. Es gibt nur: falsche Inhalte für den richtigen Kanal. Ob man eine Tageszeitung noch sehr viel länger auf Papier drucken wird, bezweifeln inzwischen sogar die Verlage. Wie das mit Wochenzeitungen weitergehen wird, kann man diskutieren. Beides sind Medien, bei denen es immer noch mehr um die Information handelt.  Das kann man genauso gut – oder womöglich besser – auf einem mobilen Device bekommen. Großartige Fotos und lange Lesestücke aber, die man sich so einfach mal leisten will…

Und jetzt lege ich den Turi und den Bulo ins Regal und freue mich auf die nächsten Ausgaben…

Eine Ohrfeige namens Trump

Die USA haben gewählt, Trump ist Präsident – und auch Journalisten, Medien und Social-Media-Enthusiasten haben eine bittere Lektion bekommen.

Natürlich bin ich kein Anhänger von Donald Trump. Wie könnte ich? Trotzdem gibt es speziell an einem Tag wie heute ein paar Dinge, die mich wahlweise erstaunen oder auch mal leicht wütend machen.

Die tiefe Kluft zwischen Medien und „denen da draußen“…

Journalisten leben gerne in ihrer eigenen Welt. Die ist, aller Krisen zum Trotz, immer noch ziemlich kuschelig. Vor allem dann, wenn es um Politik geht. Da sitzt man dann gerne in Redaktionsstuben zusammen, diskutiert den Lauf der Dinge, gibt Politikern ein paar Tips, was jetzt zu tun sei.  „Denen da draußen“ sagt man ebenfalls gerne mal, wie sie die Welt zu sehen haben. In den USA haben in diesem Jahr die 50 größte Tageszeitungen eine Wahlempfehlung für Hillary Clinton ausgesprochen. Keine einzige gab es für Trump. Kann eine Kluft noch tiefer sein?

Dabei müsste man sich nur mal mit Menschen außerhalb des eigenen Dunstkreises unterhalten. Man würde feststellen, dass die echte Welt manchmal eine andere ist als wie man sie sich wünschen würde. Immerhin hat in den USA jeder Zweite offenbar eine komplett andere Wahrnehmung als viele Journalisten. Und dass es auch in Deutschland der Begriff „Lügenpresse“ zu einem feststehen Begriff gebracht hat, mag man erschütternd finden. Neben dem propagandistischen Gedöns zeigt er aber auch, dass es diese tiefe Kluft auch in Deutschland gibt.

Aber klar, so eine Redaktion ist schon eine schöne Komfortzone. Und mit den Fingern auf die dummen Demoskopen zu zeigen ist durchaus bequemer, als mal die eigene Rolle zu überdenken.

Noch ein letztes: In en USA hat man weniger für die Person Trump gestimmt, als gegen Hillary und damit „das System“ (was auch immer das sein soll). Wenn man Journalisten auch als einen Bestandteil des „Systems“ sieht, dann war das heute Nacht auch eine Klatsche für sie.

Trump als Präsident? Es kann nicht sein, was nicht sein darf…

Präsident Trump? Das werde nicht passieren, kommentierte die SZ vergangene Woche. Weil es bei dieser Wahl nur eine Kandidatin gebe. Man müsse Hilary Clinton nicht mögen, hieß es dort sinngemäß weiter, aber der Kandidat Trump sei alles mögliche, eine Witzfigur, ein Horrorclown, ein billiger Populist, aber eben: kein Kandidat. Weswegen nach dem 9. November es Clintons vordringlichste Aufgabe sei…undsoweiterundsoweiter. Ebenfalls dieser Tage schrieb die SZ dann nochmal in den Kommentaren, es bestehe an einem Wahlsieg Clintons ja kein vernünftiger Zweifel.

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Damit stand die SZ nicht alleine, wie der schöne Ausriss aus dem „Tagesanzeiger“ belegt. Wobei ich die Frage stellt: Wie sehr muss man eigentlich die Augen verschließen können, wenn man bei einem Präsidentschafts-Kandifaten einer großen Partei mehr oder weniger ausschließt, er könne gewinnen? Noch dazu bei einem, der zwar lange in den Umfragen hinter Clinton lag, aber nie so weit, dass das Rennen aussichtslos gewesen wäre.

So ist das übrigens mit der Demokratie: Auch die andere Hälfte darf mitreden. Selbst wenn´s wehtut.

Die Arroganz der vermeintlich Klügeren

twitter_meikelobo Trump

Und wenn jetzt doch? Sind die halt alle dumm, die so einen wählen. Kann man schon mal machen, dass man rund 100 Millionen Menschen als dumm bezeichnet. Kann aber auch sein, dass das eine Analyse ist, die etwas kurz greift.

Vor allem dann, wenn es sich dabei nicht nur um ein amerikanisches Phänomen handelt. Eine rechtspopulistische Konterrevolution ist gerade fast überall zu beobachten, auch in Deutschland haben wir mit dem Thema gerade genug zu tun. Und auch hier gibt es den Reflex: Die sind ja alle dumm, die AfD und Co. wählen. Den Fehler machen vermeintlich Intellektuelle gerne mal. Kann sein, dass im Fußvolk solcher Bewegungen nicht immer die Hellsten unterwegs sind. Diejenigen, die solchen Bewegungen vorangehen, sind meistens alles andere als dumm. Man hat übrigens auch bei Trump lange genug der Verlockung nachgegeben, ihn als tumben Dummkopf darzustellen. Der Dummkopf wird demnächst Präsident der Vereinigten Staaten sein.

Zweiter Effekt: Wie wollen wir  jemals wieder zu einer halbwegs solidarischen Gesellschaft kommen, wenn wir jeden, der von unseren tollen Ideen nicht überzeugt ist, mal eben als „dumm“ abqualifizieren? Ich hatte erwartet, dass kluge Menschen bessere Ideen haben, als jemanden, der nicht auf unserer Seite ist, im Vorbeigehen ins Gesicht zu spucken.

Noch ein Gedanke: Eine der heute in meiner Timeline meist gehörten Forderungen ist, man müsse jetzt einfach mal mehr Geld in Bildung investieren, dann komme so etwas nicht mehr vor.

Alles andere steht im Tweet von Meike Lobo.

Die USA haben schon immer ein Faible für „unmögliche“ Kandidaten gehabt

Ich erinnere mich gerade an die 80er. Als die Leute, die heute vermutlich meine Timeline darstellen würden, sich über die Amerikaner amüsierten. Bei denen, so hieß es damals im linksintellektuellen Arroganz-Spott, kandidiere mittlerweile ein zweitklassiger Hollywood-Schauspieler für das Präsidenten-Amt. Der habe natürlich keine Chance, aber da könne man mal sehen, wie dumm diese Amerikaner seien.

Kurz darauf war ein gewisser Ronald Reagan Präsident und wenn man seine Bewertungen gut 30 Jahre später liest, dann klingt das alles gar nicht so schlecht. Reagan habe den kalten Krieg gewonnen, heißt es mittlerweile. Und ein bisschen auch die Mauer zum Einsturz gebracht („Tear this wall down“). Ob man jemals über einen Präsidenten Trump etwas ähnlich Gutes sagen wird, weiß ich nicht. Tatsache aber ist, dass wir uns vielleicht daran gewöhnen sollten, dass generell in den USA andere politische Karrieren möglich sind als bei uns. Dort werden Schauspieler Gouverneure und auch 2008 beispielsweise passierte etwas, was nach unserem Verständnis völlig unmöglich wäre: Ein junger, weitgehend unbekannter und noch dazu farbiger Senator wirft die haushohe Favoritin Hillary Clinton aus dem Rennen.

Mit dem Unterschied, dass Obama halt „unser“ Kandidat war.

Umgekehrt staunen übrigens Amerikaner gerne mal darüber, dass in Deutschland nur jemand Kanzler werden kann, der vorher die klassische Partei- und Ministerkarriere gemacht hat.

Was passiert, wenn man in der Filter Bubble lebt

twitter_mattheis Trump

Mir ging es ähnlich wie Philipp Matheis. Kein einziger Trump-Anhänger in meinen vielen Timelines. Nebenbei versuche ich gerade mir vorzustellen, was passiert wäre, hätte sich einer meiner  Freunde auch nur ansatzweise als ein solcher geoutet, er hätte ebenso gut behaupten können, die Erde sei eine Scheibe und werde von Dämonen regiert. Und, zugegeben: Weil ich ja auch in einer solchen Filterblase lebe und die dort installierte Echokammer keinen Zweifel gelassen hat, dass am Ende die Präsidentin Clinton heißen wird, habe ich selbst bis heute Nacht nicht geglaubt, dass Trump Präsident werden kann.

Hätte ich mal auf meinen guten Freund Anthony gehört. Ein in Deutschland lebender, aus Florida stammender Farbiger, überzeugter Demokrat: „It really can happen“, hat er mir immer und immer wieder gesagt, zuletzt vor gut einer Woche. Ich hab´ ihn belächelt. Und es darauf zurückgeführt, dass Amerikaner ja immer ein Faible für völlig unmögliche Geschichten haben.

Anthony ist übrigens weder bei Facebook noch bei Twitter.

Traumwandelnd in Digitalistan…

Ein Live-Echtzeit-Bewegtbild-Virtuelles-Netz: Wir erleben gerade, wie sich digitaler Journalismus und das Netz neu erfinden. Und diesmal ziemlich sicher alle zurücklassen werden, die einfach nur weiter Löcher stopfen wollen. Crossmedia? Tot. Willkommen in Digitalistan.

cwki56kxgaaczsx DigitalistanZwei Dinge, die mir in den letzten Tagen über den Weg gelaufen sind. Das eine: ein Interview mit Joachim Braun, Chefredakteur der „Frankfurter Neuen Presse“ im neuen „Journalist“. Daran ist nicht nur bemerkenswert, dass das DJV-Verbandsorgan noch lebt. Sondern auch die erstaunliche Karriere von Joachim, der innerhalb weniger Jahre vom Lokalchef in Oberbayern mindestens zum Messias all derer geworden ist, die wissen, dass es mit den Zeitungen so nicht weitergehen kann, die Blätter trotzdem nicht über den Haufen werfen wollen. „Wie wollen Sie die Lokalzeitung retten?“, fragt der Journalist den guten Joachim, den ich im Übrigen, nur mal als Klarstellung, wegen seiner angeborenen Bissigkeit ziemlich schätze.

Außerdem gehört er zur Generation 50plus, in der man ungefähr alles sagen darf, weil´s eh schon wurscht ist. Joachim Braun jedenfalls, um wieder zum Thema zu kommen, glaubt nicht daran, dass die meisten Verlage wirklich gut auf diese Sache mit Digitalistan vorbereitet sind.

Das ist ebenso richtig wie wenig überraschend. Und natürlich praktisch, für mich zumindest. Weil damit Joachim Braun das sagt, wofür man mich wieder als Verlags-Basher bezeichnen würde.

Man muss sich also ziemlich schnell ziemlich viel einfallen lassen, wenn man die Kurve ins gelobte Digital-Land noch bekommen will. Wie das im Einzelnen aussehen soll, verrät Kollege Braun im ausführlichen Interview mit dem „Journalist“; auf das hiermit verwiesen sein soll, wenn es denn jemals bei den Abonnenten des DJV ankommen wird.

Die zweite Sache: ein junger Mann, deutlich jünger als Joachim Braun und auch phänotypisch nicht ganz vergleichbar. Rotes FC-Bayern-Jäckchen, optische Erscheinung so wie man sich die eines Social-Media-Managers beim FC Bayern München vorstellt.  Mit Verlagen hat er nichts am Hut, mit klassischem Journalismus auch nicht. Warum auch? Als Leiter der Social-Media-Abteilung beim FC Bayern erreicht er täglich 60 Millionen Fans auf der ganzen Welt. Wenn der FC Bayern oder einer seiner Spieler also irgendwas loswerden will, den Umweg über eine Pressekonferenz oder andere Dinge muss er immer seltener gehen.

Natürlich wird auch das Weltunternehmen FC Bayern nicht völlig auf Journalismus verzichten können und nicht jeder Fußball-Fan ist hinreichend beglückt, wenn er paar bunte Snaps und Tweets serviert bekommt. Aber 60 Millionen sind 60 Millionen. Wenn man sich dann noch vorstellt, wer inzwischen alles über soziale Netzwerke kommuniziert und wie mächtig Facebook und Freunde inzwischen geworden sind, der hat auch eine Ahnung, dass eine solche Entwicklung zu Lasten des konventionellen Journalismus geht.

60 Millionen Fans weltweit, künftiger Fokus auf mehr Bewegtbild und mehr Live-Events: Social-Media-Strategie beim FC Bayern. (Foto: Jakubetz)

 

Dabei wollen sie beim FC Bayern in den kommenden Monaten schon wieder ein paar ganz andere Schritte gehen. Mehr Video, mehr Live-Events. Kurz gesagt: Geschichten erzählen in Beinahe-Echtzeit mit vielen bewegten und vermutlich manchmal auch bewegenden Bildern. Das ist nur konsequent, weil soziale Netzwerke, so wie wir sie gerade kennen, ihrem Ende entgegen gehen. Statusmeldungen, Textpostings, Links auf irgendwelche Geschichten? Willkommen im Jahr 2012. Die Zukunft wird eher eine Art Social-Live-TV, angereichert mit virtuellen Realitäten und 360-Grad-Anwendungen. Eine virtuelle Echtzeit-Parallel-Welt, gegen die unsere frühere Idee von einer Art schwarzem Brett, an das jeder irgendwas dranpinnen kann, rührend antiquiert wirkt.

Die Löcher sind noch nicht gestopft, da kommt in Digitalistan schon das nächste große Ding…

Was uns dazu führt, ob die Zeitungen und all die anderen konventionellen Medien ihre perspektivische Frage um „Sein oder Nichtsein“ beantworten können. Dass sie nicht richtig auf den digitalen Wandel eingestellt seien, sagt auch Joachim Braun (zurecht). Was allerdings auffällt: Die vergangenen Jahre Hütte man nutzen müssen, um diese Lücke zu schließen. Wenn ich mir aber gerade so anschaue, was an neuen Entwicklungen kommt, dann wird mir, ebenfalls perspektivisch, für einen großen Teil konventioneller Medien ziemlich bange. Und damit meine ich keineswegs nur Zeitungsverlage…

Was ich in der Praxis als Status quo immer wieder mitbekomme, ist das hier: Man akzeptiert inzwischen, dass dieses Internet nicht mehr weggeht. Man weiß auch, dass man mit einer Webseite alleine noch lange nicht in der digitalen Gegenwart angekommen ist. Man ahnt, dass man Social Media betreiben muss und Videos machen und multimedial Geschichten erzählen sollte. Dort aber hört es vielerorts schon wieder auf. Multimediales Storytelling? Schön und gut, aber wie genau soll das funktionieren? Videos? Sollte man haben, geht aber ohne ein bisschen Know-how und Equipment nicht.

Und überhaupt, bräuchte man für all diese hübschen Dinge nicht mehr und, sorry Kollegen, auch mal anderes Personal?  Es ist vermutlich zu viel verlangt von Menschen, die seit 25 Jahren Zeitung, Radio oder Fernsehen machen, plötzlich zum multimedialen Storyteller zu werden, selbst wenn das theoretisch noch so wichtig wäre. Dieser Status Quo in vielen Häusern ähnelt also oft immer noch eher einer provisorischen Mängelverwaltung als einer wirklichen Idee.

Während also die Lücken noch gar nicht geschlossen sind, kommt  die nächste Welle. Mit VR, mit 360-Grad-Produktionen, mit einem Allzeit-Live-Bewegtbild-Netz, das eher einer Neuerfindung des Fernsehens gleicht als dem guten, alten StudiVZ. Und dann schaue ich mich bei einer ganzen Menge Häuser um – und denke mir: Wie zur Hölle wollt ihr das eigentlich noch gestemmt bekommen?

Das ist nur was für Nerds? Die Argumentation gibt es schon seit 15 Jahren.

Schon klar, man kann darauf verweisen, dass VR und 360 Grad und all der ganze andere Kram noch ganz am Anfang stehen. Eine Sache für Nerds sozusagen. Und dass der durchschnittliche Leser/Hörer/Zuschauer irgendwo in der deutschen Provinz nicht darauf wartet, endlich seine Nachrichten durch eine VR-Brille sehen zu können. Dumm nur, dass man genau diese Art von Argumentation in den letzten 15 Jahren immer und immer wieder gehört hat. Und dass genau wegen dieser konsequent durchgehaltenen Wagenburg die Lage heute so ist, wie sie beispielsweise Joachim Braun (und neben ihm natürlich auch noch ein paar andere helle Köpfe) beschreibt.

Diesmal aber wird einiges anders sein. Weil wir gerade erleben, wie das Netz endgültig zum Netz wird. Keine Adaption mehr von Zeitung oder Fernsehen oder Radio. Sondern ein sehr eigenes, spezielles Medium. Das man verstehen und bespielen kann oder eben auch nicht. Zeit also, nicht nur Lücken zu schließen. Sondern sich an einen neuen, digitalen Journalismus zu machen – time will wait for no one…