Schöner klicken mit Edathy

Das Thema Edathy zeigt, woran es im digitalen Journalismus gerne krankt:  Til Schweiger und „stern.de“ haben gerade mal wieder bewiesen, dass komplexe Zusammenhänge nur stören, wenn es schnell gehen soll…

Natürlich habe ich nichts für Pädophile übrig. An Kinderpornographie ist nichts zu relativieren. Sebastian Edathy ist kein Mensch, der mir sonderlich sympathisch wäre. Sein von einem erstaunlichen Maß von Selbstgerechtigkeit geprägtes Verhalten vor, während und nach der juristischen Aufarbeitung seines vermutlich bis in alle Ewigkeit unklaren Besitzes von Material, das zumindest in die Nähe der Kinderpornographie gerückt werden kann, halte ich nur für schwer auszuhalten.

Das muss man mittlerweile schon vorwegschicken, will man nicht sofort in die Ecke eines Pädophilen-Sympathisanten gerückt werden, wenn man auch das, was in deutschen Medien in den letzten Tagen passiert ist, für unsauber hält. Bei „stern.de“ beispielsweise durfte sich Til Schweiger über das Edathy-Verfahren auslassen. Schweigers Qualifikation besteht in erster Linie darin, Vater von vier Kindern zu sein. Nach dieser Logik hat er natürlich mehr Recht dazu sich zu äußern, doppelt so viel wie ich beispielsweise. Ich habe nur zwei Kinder. Der Rechtsexperte Schweiger gibt mit markigen Worten die vox populi und nimmt damit der Redaktion ein bisschen die Drecksarbeit ab. Schweiger wechselt munter zwischen völliger Ahnungslosigkeit,  wüsten Spekulationen und erstaunlichen Unlogiken hin und her, die letztlich nur auf eines rauslaufen: Sie bedienen dieses unsägliche „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“-Gefühl, das in den letzten Jahren zunehmend zu einem argumentativen Platzhalter für all die geworden ist, die sich weigern, sich mit manchmal komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen.

“ Warum kann ein Mann, bei dem erwiesenermaßen strafbares Material gefunden und diese Tatsache in einem amtlichen Bericht dokumentiert worden ist, warum kann dieser Mensch das Gericht als freier Mann verlassen?“, schreibt Schweiger als Quintessenz  – und bringt mit diesem einem Satz das ganze Elend seines (und vieler anderer) Texte auf den Punkt. Man würde Schweiger am liebsten fragen, welche Antwort er denn auf diese rhetorische Frage hat. Wenn man Schweiger von einem Juristen antworten lassen würde, er würde ihm sagen: Genau das ist das Problem, Herr Schweiger. Man hat eben nicht „erwiesenermaßen strafbares Material“ gefunden. Wäre das so gewesen, kein Jurist dieses Landes hätte Edathy mal eben so laufen lassen. Dabei hat Schweiger die ganze Problematik dieser Geschichte selbst schon erkannt – und schreibt: „Ich kann nicht beurteilen, welche Beweise vorlagen; immerhin hat die Staatsanwaltschaft den Mann vor Gericht gebracht.“ Genau das ist das Problem. Dass übrigens jemand von einer Staatsanwaltschaft vor Gericht bringt, sagt noch nicht sehr viel aus über die tatsächliche Schuld eines Angeklagten. Wenn jeder als schuldig zu gelten hätte, der nur vor Gericht steht, unser Rechtssystem stünde völlig auf dem Kopf. Aber Hauptsache, man bedient ein inzwischen weit verbreitetes Lebensgefühl: Die da oben sind alle bekloppt, haben jegliche Maßstäbe verloren, lassen Pädophile einfach laufen und nehmen dafür arme Fußballer, die ein paar Jahre ohne Führerschein fahren, so richtig heftig ran.

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Fakt in diesem Fall ist: Edathy wurde nicht mit 5000 Euro „bestraft“, das Verfahren wurde gegen diese Geldauflage eingestellt. Edathy ist auch nicht wegen des Besitzes von kinderpornographischem Material verurteilt, er ist auch nicht vorbestraft. Man kann also bestenfalls über moralische Aspekte seines Verhaltens debattieren, aus juristischer Sicht ist der Fall abgeschlossen und die Einstellung (ebenfalls aus juristischer Sicht) korrekt. Das ist nicht ganz einfach zu erklären und vielleicht auch nicht ganz einfach auszuhalten. Zumindest wenn man sich den Schweiger-Text und die knapp 3000 überwiegend positiven Bewertungen seines Textes bei „stern.de“ ansieht und wenn man sich vor Augen führt, dass bald 200.000 Menschen in einer Petition den Bundestag auffordern, die Einstellung zu kassieren. Das zeugt von verblüffender Ahnungslosigkeit, wenn man ernsthaft den Bundestag zu so etwas aufforden will; wer das nicht kapiert, kann mal den schönen Begriff „Gewaltenteilung“ googlen. Das hindert aber Medien wie beispielsweise die „Abendzeitung“ nicht, nicht nur über die sinnbefreite Petition zu berichten, sondern auch noch direkt dorthin zu linken. Ganz so, als würde das irgendwas an diesem juristischen Ausgang des Verfahrens ändern.

Das alles kann man natürlich abtun als kleine, lässliche Sünden. Und als ein bisschen Perfidie seitens „stern.de“, wo man sich und den eigenen Populismus versteckt: Waren ja nicht wir, war der Schweiger! Tatsächlich aber müsste man von Journalisten gerade jetzt in Zeiten der weit verbreiteten „Man wird ja noch sagen dürfen“ und der „Wir werden zur Bananenrepublik“-Haltungen verlangen können, dass sie komplexe Sachverhalte erklären. Dazu würde beispielsweise gehören, dass man ausgiebig aufschreibt, warum die Einstellung des Edathy-Verfahrens juristisch korrekt war.  Und man müsste dazu noch erläutern, dass es mindestens schwierig ist, angesichts des in dubio pro reo-Grundsatzes öffentlich über einen Sachverhalt zu urteilen, bei dem außer der Justiz und dem Betroffenen niemand das eigentliche corpus delicti gesehen hat. Man müsste seinen Usern, und seien sie noch so aufgebracht, sanft erläutern, dass der Bundestag und dessen Petitionsausschuss das Edathy-Verfahren gar nicht anfechten können, selbst wenn noch 37 Millionen weitere Unterschriften dazu kämen. So wie man ihnen auch erklären müsste, dass der Steuersatz in Deutschland und die Milliarden-Hilfen für Griechenland nicht in einem direkten Zusammenhang stehen.

Aber für so viel Feingeisterei ist anscheinend nicht Platz und Zeit genug. Petitionen und Likes und kommentierende Schauspieler lassen sich sehr viel schöner und schneller an den Mann bringen. Reicht ja, wenn man sich dann bei der nächsten Pegida-Demo wieder ein bisschen echauffiert.

Die Vorstufe zum Zeitungssterben

Drastischer Personalabbau, massive Kosteneinsparungen:  Was wir momentan mal wieder erleben, ist die Vorstufe zum großen Zeitungssterben. Wer die Hälfte seines Personals vor die Tür setzen muss, steht kurz vor der Kapitulation.

Das ist ja mal wirklich lustig: Da sucht man verzweifelt nach einer Lösung für dieses Monstrum namens Zeitungskrise – und dann liegt sie direkt vor der Nase. Man sieht quasi den Wald vor Lösungs-Bäumen nicht. Und wie einfach das geht! Da wäre man echt nicht drauf gekommen…

Die Lösung für die Probleme der Tageszeitungen geht also so: sparen! Einfach mal eben weg mit ungefähr der Hälfte des Personals, die Kosten für Inhalte reduzieren, indem man einfach nicht mehr dieses ganze exklusive Zeugs nimmt – und schon sind die Kosten so gesenkt, dass am Ende ein Gewinn fast zwangsläufig stehen muss. Betriebswirtschaft für Einsteiger, das müsste sogar ein Student im 2. Semester verstehen.

Ja, so einfach ist das, wenn man sich momentan umschaut bei einigen der leicht gebeutelten Tageszeitungen im Lande. Das Dumme ist nur: Würde ein Student im 2. Semester solche Lösungsvorschläge anbieten, man würde sie ihm vermutlich heftig um die Ohren hauen. Vermutlich sogar mit Recht. Trotzdem gibt es momentan allen Ernstes Verlage, die sich nach bekanntem Merkel-Idiom („Alternativlos!“) so aus ihrer Lage zu winden versuchen.

Da ist zum Beispiel die „Abendzeitung“ in München, die noch vor ein paar Monate insolvent war. Und in einer derart schwierigen Lage, dass ihr damaliger Eigentümer Johannes Friedmann die Lage mehr oder weniger als aussichtslos beschrieb. Jetzt, nicht einmal ein halbes Jahr später, gehört das Blatt dem Straubinger Verleger Martin Balle – und der hat die marode AZ innerhalb allerkürzester Zeit wieder in die Gewinnzone gebracht, zumindest nach seinen eigenen Angaben. Das Rezept? Belegschaft erheblich reduzieren, Produktionskosten und Auflage senken, schon rechnet sich die ganze Sache wieder. Was eigentlich nur zwei Schlüsse zulässt. Entweder waren bei der „AZ“ in den letzten 15 Jahren ausschließlich Stümper am Werk, die allesamt die einfache Lösung nicht gesehen haben. Oder man zweifelt Balles Darstellung von der wundersamen Wandlung der AZ ein bisschen an. Zumindest eines kann man festhalten, auch ohne Balle allzu böse gesonnen zu sein: In irgendeiner Weise publizistisch aufgefallen ist das Blatt seither nicht mehr. Balle dürfte das als Kompliment verstehen. Muss man aber nicht.

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In Münster wiederum steht seit gestern fest, dass die dortige „Münsterschen Zeitung“ ebenfalls den Balle-Weg gehen wird. Soll heißen: Belegschaft um mindestens 50 Prozent reduzieren, Kosten senken, wo es nur geht, Inhalte irgendwie zukaufen. Anders werde man nicht mehr überleben können, sagt der dortige Verlag mehr oder weniger unverblümt. Eine Aussage, die es vor kurzem auch schon aus Darmstadt gab, wo das dortige „Darmstädter Echo“ personell so zusammengestutzt wird, dass man bestenfalls noch von einer Notbesetzung sprechen kann. Auch in Münster und in Darmstadt wird man mehr oder weniger versuchen müssen, was die „Abendzeitung“ in München vorexerziert: mit so wenig Personal und so geringen Kosten wie nur möglich noch so etwas Ähnliches wie eine Zeitung zu produzieren. Vermutlich wird man auch von dort bald erste Meldungen hören, dass sich die Lage stabilisiert und es alles in allem wieder aufwärts geht.

Und vielleicht wird das sogar so sein. Als sehr, sehr kurzfristiger Effekt.

Aber am Ende sind diese Sparmodelle leider nur die Vorstufe zum endgültigen Untergang. Weil diese Zeitungen damit auch die letzten Spurenelemente einer eigenen Identität verlieren. Weil sie Journalismus nur noch als Informationsattrappe anbieten können. Keine Redaktion dieser Welt würde es überstehen, wenn man sie mal eben halbiert – und dann von ihr verlangt, mindestens genauso gut wie vorher zu arbeiten.

Und überhaupt, was heißt schon „genau so gut“? Eigentlich müsste das jeweilige Blatt ja besser werden. Es gibt schließlich Gründe dafür, dass diese Zeitungen in der Lage sind, in der sie sich jetzt befinden. Man müsste also das Blatt als solches überarbeiten, anpassen, besser machen, modernisieren. Und man müsste in eine digitale Zukunft investieren. Nicht nur finanziell, sondern auch personell. Was wieder nur schwerlich möglich ist, wenn man gerade eben die halbe Belegschaft vor die Tür gesetzt hat.

Natürlich, wo es kein Geld mehr gibt, das man investieren kann, ist diese Sparpolitik und die Hoffnung darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird, die vermutlich letzte Option. Wahrscheinlicher ist allerdings leider, dass wir momentan bei nicht ganz wenigen Regionalzeitungen die nächste Eskalationsstufe erleben – bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Eskalation dahingehend, dass Investitionen nicht mehr möglich sind, dass es keine Innovationen mehr gibt, dass am eigentlichen Kerngeschäft massiv gespart werden muss, während die digitale Konkurrenz wächst und wächst.

Was das wiederum in der Konsequenz bedeutet, kann jeder BWL-Student im 2. Semester erklären.

AZ: Die Rettung, die keine ist

Die Kollegen auf den Medienseiten haben am Dienstag jubiliert: Die ebenso traditionsreiche wie insolvente „Abendzeitung“ in München ist gerettet. Der niederbayerische Verleger Martin Balle („Straubinger Tagblatt“) hat das Blatt übernommen. Allerdings unterliegen die Kollegen einem Trugschluss: Seit Dienstag gibt es keine „Abendzeitung“ mehr. Es gibt nur noch ein Blatt, das so heißt.

Zunächst einmal die Fakten: Balle ist ab sofort Mehrheitseigner, daneben beteiligt sich der Anwalt Dietrich von Boetticher an der Übernahme. Die „Süddeutsche Zeitung“ vermutet, dass Balle nicht mal eine Million Euro für die Traditionszeitung bezahlen musste. Von den knapp 100 Mitarbeitern des Verlags will Balle nach eigener Aussage maximal 25 übernehmen. Nach Tarif werden sie nicht bezahlt werden, auch das hat der Verleger bereits deutlich gemacht. Mit dem zynisch-ehrlichen Hinweis, bei keiner seiner Zeitungen Tarif zu bezahlen. Bei seinen niederbayerischen Blättern begründet er dies gerne damit, dass dort ja auch die Lebenshaltungskosten nicht so hoch seien. Wie man in München mit einem untertariflichen Gehalt überlebt, hat Balle noch nicht erklärt.

Das Blatt soll gedruckt wie online weiterbestehen. Weil das mit 25 Leuten naturgemäß nicht wirklich gut funktionieren kann, will Balle möglichst viel an Material aus seinem „Straubinger Tagblatt“ in der AZ unterbringen. Das „Straubinger Tagblatt“ ist also künftig eine Art „Mantelredaktion“ für die AZ – und da gehen die Schwächen der vermeintlichen Rettung bereits los. Das „Tagblatt“ ist eine extrem konservativ geprägte Heimatzeitung, deren Anspruch alles mögliche ist, nur nicht der, den die AZ mal hatte und den eine Großstadtzeitung generell haben muss. Und man tritt den Kollegen in Straubing auch ganz sicher nicht zu nahe, wenn man sagt: Das“Straubinger Tagblatt“ ist nicht gerade die erste Adresse, die einem einfällt, wenn man von einem journalistischen Profil und dem dazu gehörenden Anspruch spricht.

Davon abgesehen: Es ist ja nicht so, dass die Mantelredaktion in Straubing eine gut geölte Maschine für journalistische Inhalte ist. Politik und Wirtschaft bestehen zum allergrößten Teil aus dpa-Meldungen. Die kann man zwar auch in der AZ weiter verwursteln, aber wie soll ein Boulevard-Blatt aussehen, das aus Agenturmeldungen besteht?  Eigenen journalistischen Output liefern beim Tagblatt (neben den Lokalredaktionen) vor allem die Ressorts Niederbayern/Oberpfalz und der Sport. Für Niederbayern und die Oberpfalz wird sich aber in der Großstadt München ungefähr niemand interessieren, selbst wenn da plötzlich lauter Kisch-Preisträger in der Redaktion versammelt wären.

Der Sport vom „Tagblatt“ ist übrigens gar nicht mal schlecht. Aber seine Kernkompetenz besteht in erster Linie aus Eishockey und den „Straubing Tigers“. Was ja auch naheliegend ist: Der FC Bayern und die Fußball-WM liefern dpa, kein Mensch in Niederbayern kauft auch nur eine Zeitung mehr, weil ein Straubinger Sportredakteur in der Allianz Arena vor Ort ist. Was aber sollen dann die Sport-Kollegen aus Straubing der AZ zuliefern? Gerade der Sport wird in München bei fünf (!) Tageszeitungen vor Ort durch die kleinen Geschichten entschieden, die man nur hat, wenn man täglich präsent ist. Vielleicht sollte sich Verleger Balle mal einen Tag an den Trainingsgeländen vom FC Bayern und dem TSV 1860 gönnen. Und sich dann mal fragen, warum da wohl jeden Tag bei jedem Dreckwetter und selbst bei Nicht-Anlässen Reporter von AZ, tz und Bild München rumlungern. Bei tz und „Bild“ werden sie sich vor Lachen auf die Schenkel klopfen, wenn sie künftig dieses Terrain für sich alleine haben, während in der AZ nette Storys über das Straubinger Eishockey und dpa-Geschichten über den Rest stehen.

Behalten will Balle das Lokale und das Feuilleton. Also, nur das, was man zum Überleben dringend braucht. Was Balle allerdings nicht hat: ein journalistisches Konzept. Eine Idee, was eine AZ der Zukunft ausmachen könnte. Balles Konzept zur Rettung besteht in erster Linie aus: sparen. Die AZ wird aus ihren bisherigen Räumen ausziehen, er druckt das Blatt künftig (in einem kleineren Format) in wesentlich geringerer Auflage selber. Und Arno Makowsky als Chefredakteur wird gehen. Natürlich ist das Reduzieren von Kosten in der jetzigen Situation unabdingbar. Aber wenn es das einzige ist, was Balle zu bieten hat, dann kann man sich das Ende des von Balle vorläufig auf ein Jahr begrenzten Experiments schon jetzt vorstellen. Wer übrigens sehen will, wie eine Zeitung aussieht, deren wesentliches Credo es ist, möglichst billig hergestellt zu werden: Nach einem Probeabo des „Straubinger Tagblatts“ wissen Sie es.

Natürlich hat Balle erzählt, was aus seiner Sicht inhaltlich mit der AZ passieren soll. Eine Art familien- und heimatfreundliches Boulevardblatt soll daraus werden, stellt er sich vor. Da würde man ihm wünschen, sich vorher mit dem Publikum in München auseinandergesetzt zu haben. Natürlich ist familienfreundlich immer toll, aber ob das ausgerechnet in Deutschlands Single-Hauptstadt eine wirklich probate Idee ist? Und heimatfreundlich? Für seine niederbayerischen Blätter hat Balle schon des öfteren postuliert, es sei nicht ihre journalistische Aufgabe, ständig jemandem weh zu tun. Mag sein, dass das in Niederbayern so ist. Aber erstens ist München München und zweitens war die AZ immer dann gut, wenn sie gegen den Strom geschwommen ist. Oder anders, verlegerfreundlicher formuliert:  wenn sie mal jemandem wehgetan hat. Insbesondere denen, denen das tiefschwarze „Tagblatt“ ausgesprochen ungern wehtut und es deshalb auch nie tut.

Dazu kommen Voraussetzungen, für die Balle nichts kann. Aber die er kennen müsste, wenn er sich auf den Münchner Markt traut. In München tummeln sich fünf Tageszeitungen, davon drei Boulevardblätter. Das alleine ist schon ein brutaler Wettkampf. Die AZ wird weiterhin diejenige bleiben, die die wenigsten Synergien mit anderen aufweisen kann. Vor allem auf dem Boulevardmarkt. Die tz profitiert von ihrer Stellung innerhalb des Verbundes der Ippen-Blätter und die Bild ist die Bild. Balle schafft jetzt tatsächlich ein paar Synergien. Aber er hat eben nur das „Straubinger Tagblatt“, die anderen gehören zu Deutschlands Verlagsriesen.

Und schließlich noch das: Die Abendzeitung hatte in den letzten Jahren einen ordentlich funktionierenden Online-Auftritt aufgebaut. Einen, der für ein lokales Angebot gute Abrufzahlen aufwies. Nicht umsonst dürften die anderen bisherigen Bieter für die AZ, insbesondere die SZ und die Ippen-Gruppe, ihre Angebote ausschließlich auf die Online-Ausgabe bezogen haben. Balle selbst hat es mit dem Internet nicht so sehr, weder persönlich noch strategisch. Und es dürfte kein Zufall sein, dass Balle seine Übernahme der AZ vor allem damit begründet, dass er an Print glaubt und ein entsprechendes Zeichen setzen wolle. Von Online war keine Rede.

Nein, diese Rettung der AZ ist keine. Sie hat nur ihr langsames Sterben verzögert.

Die scheinbar absurde AZ-Logik

Auf die Idee muss man ja erst mal kommen: Da ist die „Abendzeitung“ in die Insolvenz gegangen – und erhöht jetzt mal eben die Preise. Und zwar nicht so, wie man das gewohnt ist, die verschämten zehn Cent, über die man dann auch noch lange Erklärstücke schreibt. Von wegen, dass irgendwie alles teurer geworden ist und dass die Zeitung XY natürlich dennoch auch weiterhin die gewohnte Qualität liefere und dass man weiterhin zu den preisgünstigsten Blättern auf der ganzen Welt gehöre. Nein, die AZ verlangt künftig für die Wochenausgabe 1 Euro und am Wochenende 1,20. Damit ist sie die mit Abstand teuerste Boulevard-Zeitung Deutschlands und fast doppelt so teuer wie ihre Münchner Mitbewerber.

Spinnen die, könnte man sich jetzt fragen. In die Insolvenz gehen und als Konsequenz daraus die Preise ganz erheblich anheben, das wäre in jeder anderen Branche Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Der „Abendzeitung“ würde ich für diesen Schritt gerne stehend applaudieren. Sieht man davon ab, dass sie ohnehin nichts mehr zu verlieren hat: Erstens können die Leser jetzt mal selbst zeigen, was ihnen ihre AZ wert ist (oder ob überhaupt). Wenn nicht, dann muss man leider festhalten: Ok, offensichtlich will das Publikum eine gedruckte AZ nicht mehr. Zweitens: Man kann sich auch ohne betriebswirtschaftliche Kenntnisse ausrechnen, wie weit eine Zeitung mit einem Copypreis von 60 Cent kommt. Das ist ein Zwitter: Dann macht man entweder gleich ein Gratisblatt draus – oder man versucht, einen marktgerechten Preis zu erzielen.

Dass sich Journalismus und Journalisten seit etlichen Jahren zu wenig selbstbewusst und deutlich unter Wert verkaufen, ist keine Feststellung, die dann anschließend in einem Genöle über die vermeintliche Kostenlos-Mentalität endet. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man für guten Journalismus auch gutes Geld verlangen darf. Und ja, eine gut gemachte Zeitung darf und muss mehr Kosten als ein Päckchen Kaugummi. Insofern, auch wenn das aus der Verzweiflung geboren ist: Die Preiserhöhung ist ein mutiger und richtiger Schritt der AZ.

Und sie wird, ob sie das will oder nicht, zu einer Probe aufs Exempel: Sieht ihre Zukunft womöglich so aus, dass sie irgendwann wochentags nur noch kostenlos im Netz und am Wochenende zudem gedruckt und gegen einen passenden Preis verkauft wird? Dass derjenige, der unbedingt bedrucktes Papier in die Hand nehmen will, dafür auch tatsächlich seinen Preis bezahlen muss? Es wäre ein Modell, das nicht ganz wenige Menschen schon vor Jahren als Zukunft für die Zeitungen prophezeit haben – das aber gleichzeitig immer als schwer vorstellbar erschien. Vielleicht werden wir ja in ein paar Jahren sagen: Die AZ, das war der Anfang. Dem dann viele andere gefolgt sind.

Der AZ jedenfalls drücke ich aus den unterschiedlichsten Gründen alle Daumen. Und wer zufällig  in München ist , der sollte ruhig mal zur AZ greifen. Ob die jetzt einen Euro oder 60 Cent kostet: Wem es das nicht wert ist, der muss sich vermutlich fragen, ob ihm Journalismus überhaupt etwas wert ist.

Das Aus der AZ

Die Abendzeitung in München hat einen Insolvenzantrag gestellt – und selten war ein solcher Antrag eine geringere Überraschung als in diesem Fall. Das ist, vorweg genommen, eine sehr traurige Geschichte. Nicht nur wegen der Kollegen dort, die vor allem in den letzten Jahren einen guten Job unter ausgesprochen schwierigen Bedingungen gemacht haben. Sondern auch, weil die AZ nicht einfach nur eine Zeitung ist. Die Abendzeitung, das war und ist auch immer noch ein Stückchen Münchner Lebensgefühl. Wer jemals „Kir Royal“ gesehen hat, weiß was ich meine.

Die Insolvenz der AZ ist aber – leider- auch eine Geschichte, die einiges über die Tageszeitungs-Branche, ihre jüngste Vergangenheit und ihre Zukunft aussagt. Sie ist ein ungewolltes role model und ein Beleg dafür, dass diejenigen, die schon seit etlichen Jahren den Tageszeitungen große Probleme prophezeien, keineswegs die Kassandra-Rufer und Nörgler sind, zu denen sie gerne gemacht werden. Es geht dabei nicht darum, ein „Ich hab´s euch ja schon immer gesagt“ in die Welt zu posaunen. Stattdessen zeigt die traurige Geschichte der AZ, wie groß die strukturellen Probleme der Branche sind, was in den vergangenen Jahren alles versäumt wurde und warum es von Jahr zu Jahr schwieriger wird, das Ruder doch noch herumzureißen.

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Arno Makowsky ist vom „Medium Magazin“ im Jahr 2008 zum „Journalist des Jahres“ gewählt worden. Mit einiger Berechtigung. Als Makowsky sein Amt als neuer Chefredakteur antrat, fand er eine Zeitung vor, die inhaltlich nur noch ein Trümmerhaufen war. Makowskys Vorgänger in der Chefredaktion hatten konsequent alle Trends verpasst, die für eine lokale Tageszeitung relevant gewesen wären. Die AZ wollte zu dieser Zeit irgendwie ganz groß sein, keine kleinen, miefigen Münchner Themen fahren, sondern in der Liga der überregionalen Blätter mitspielen. Im Netz passierte zu dieser Zeit ungefähr gar nichts. Was die AZ im Jahr 2008 in der Vor-Makowsky-Ära als Webseite bezeichnete, war ein schlechter Treppenwitz. Und nicht nur das: Es gab nicht nur keine Idee, wie man mit digitalen Medien umgehen wollte – ihre Bedeutung wurde innerhalb des Verlags und (man muss das leider so deutlich sagen) auch innerhalb der Redaktion mehr oder minder negiert. Mit den üblichen Argumenten: Mit diesem Internet verdient man kein Geld, unser Kerngeschäft ist die Zeitung und das Netz nur ein Schnorrermedium.  Was im Übrigen so ungewöhnlich nicht ist, es gibt selbst heute, im Jahr 2014, noch ausgewachsene FAZ-Redakteure, die diese Meinung vertreten.

Im Fall der AZ ist diese Verweigerungshaltung allerdings noch grotesker gewesen. Ich erinnere mich, dass ich dort vor zwei Jahren  eingeladen war und mir ein nicht ganz unbedeutender Kollege der Redaktion nach meinem Vortrag sagte, das sei alles Unfug: Geld verdiene man, indem man gute Geschichten finde, sie aufschreibe und dann am nächsten Tag in der Zeitung verkaufe. Nicht mal der Einwand des Geschäftsführers, dass man doch schon lange mit der Zeitung gar kein Geld mehr verdiene, konnte ihn in dieser Auffassung schwächen.

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Im Fall der AZ gibt es nichts zu deuten und keinen Interpretationsspielraum: Das Blatt hat innerhalb von zehn Jahren 70 Millionen Euro Verluste eingefahren, davon alleine im vergangenen Jahr 10 Millionen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war die Abendzeitung schon lange ein jeden Abend in den stummen Verkäufern auftauchender Zombie. Wären nicht die lange Tradition gewesen und die Tatsache, dass sich die Verlegerfamilie die AZ als Liebhaberei leisteten, das Aus hätte nüchtern betrachtet schon viel früher kommen müssen. Wer zehn Jahre horrende Verluste einfährt und keinerlei Perspektive auf eine Trendwende hat, ist wirtschaftlich gesehen mausetot.

Dabei hat die Redaktion in den vergangenen Jahren einiges richtig gemacht. Das Blatt wurde konsequent lokaler, die Themen München, Sport und das traditionell gute Feuilleton dominierten, die Themen der großen, weiten Welt wurden nur noch pflichtschuldig abgehakt. Im Netz baute die AZ eine zumindest akzeptable Präsenz auf und sie war eine der ersten Redaktionen, die zumindest teilweise auch die Möglichkeiten von sozialen Netzwerken für sich entdeckte.

Mit ein paar Einschränkungen natürlich: 2009 wurde die Redaktion quasi halbiert, Arno Makowsky musste 40 Leute vor die Tür setzen. Ein tiefer Einschnitt, der im Nachhinein aufzeigt, wie schwierig die Lage für Tageszeitungen geworden ist: Wenn man erstmal anfangen muss, an Personal und Papier zu sparen, dann wird es von Tag zu Tag schwieriger, ein vernünftiges Blatt zu machen. Von Investitionen in die digitale Zukunft ganz zu schweigen.

Und so fingen sie dann an, Löcher zu stopfen. Die AZ war fortan ein wandelndes Provisorium, vergleichbar in etwa mit einer Fußballmannschaft, die ab der 60. Minute eines Spiels nur noch mit acht Mann weitermachen darf. Da kann der Rest der Truppe noch so viel rennen und ackern, am Ende wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Einsicht in die Aussichtslosigkeit stehen. Um ehrlich und ganz persönlich zu sein: Im Stillen habe ich immer die Ausdauer bewundert, wie Kollegen wie Arno Makowsky, Gunnar Jans, Filippo Cataldo oder auch der Online-Chef Stephan Kabosch weiter und weiter gemacht haben. Obwohl ihnen vermutlich klar war, dass sie einen mittelfristig aussichtslosen Kampf führen. Was ich als Außenstehender immer wieder mitbekommen habe, war das: Wir würden ja gerne, aber wann sollen wir das machen? Das ist ein Argument, bei dem ich normalerweise Spontanausschlag bekomme. In diesem Fall aber war es nachvollziehbar wie selten zuvor. Eine halbierte Redaktion, etliche neue, digitale Zusatzaufgaben, dazu der traditionell ziemlich harte Münchner Zeitungsmarkt mit drei Boulevard- und zwei Kaufzeitungen. Und dann eben doch: dieses Internet mit seiner unfassbaren Menge an Informationen, gegen die 30 gedruckte Seiten nur ein schlechter Witz sind.

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Ganz sicher: Die AZ hat zu spät reagiert, viel zu spät. Das kann man der jetzigen Redaktion  nicht mehr zum Vorwurf machen. Wenn man erst im Jahr 2008 erkennt, dass es da noch sowas wie ein Internet gibt, dann muss man aber einem früheren Management und einer Ex-Chefredaktion angesichts seit Jahren sinkender Auflagen und Verlusten in Millionenhöhe schlichtweg Missmanagement und krasses Versagen vorwerfen. Die AZ ist schon vor Jahren mit Vollgas auf eine Mauer zugerast. Und um auch das klar zu sagen und um mir den Vorwurf der Schlaumeierei zu ersparen: Nein, ich hätte an der Stelle von Arno Makowsky und seinen Kollegen auch nicht gewusst, wie man den Zusammenstoß mit dieser Mauer noch verhindern kann.

Ein Menetekel ist ihre Insolvenz trotzdem. Weil es in Deutschland noch eine ganze Reihe anderer Blätter gibt, die eine AZ im Kleinen sind. Die über viele Jahre hinweg schlichtweg abgestritten haben, dass die Zukunft einer Tageszeitung weiß Gott wo liegen kann, aber ganz sicher nicht in dem Beharren darauf, dass es gedrucktes Papier schon immer gab und dass man doch nicht einfach seine Inhalte im Netz verschleudert. Vor allem letzteres Argument sollte nach der AZ-Insolvenz vom Tisch sein. Wenn das bisherige Geschäftsmodell langsam an seine Grenzen kommt, wird es Zeit, sich ein Neues zu suchen. Selbst dann, wenn man das alte Modell doch so schön fand.

Und nochmal: Die AZ-Insolvenz ist kein Anlass für Häme. Ich werde den Eindruck nicht los, dass sich viele Print-Leute inzwischen in einer argumentativen Wagenburg verschanzt haben und wahllos auf jeden schießen, der ihnen wohlmeinend empfiehlt, diese Wagenburg doch mal zu verlassen. Persönlich würde ich es den Kollegen in der AZ natürlich wünschen, dass es irgendwie weitergeht. Nüchtern betrachtet muss man aber sehen: Selbst wenn es – beispielsweise durch eine Fusion bzw. Übernahme durch die „tz“ (Ippen-Gruppe) – irgendwie weiterginge, die AZ, wie wir sie kennen, ist mit dem heutigen Tag gestorben.

Für die Zurückgebliebenen sollte das ein Anlass sein, nochmal genau darüber nachzudenken, wer hier eigentlich die Bedrohung ist: die bösen Print-Kritiker oder vielleicht doch sie selbst.

(Disclosure: Mit der AZ München habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder zu tun gehabt. Ich blogge zudem für die AZ. Mit vielen Menschen dort verbindet mich ein freundschaftlich-kollegiales Verhältnis)