Als die ARD mal was mit Hashtag machen wollte…

Die ARD hat beschlossen, es mal wieder mit hingekrampfter Pseudojugendlichkeit zu versuchen. Das Ergebnis hieß „Überzeugt uns“, wirkte wie eine Journalismus-Parodie – und zeigt das ganze Elend etablierter Medien, wenn es um ein jüngeres Publikum geht. “Read

Xaver, Franz-Peter und der Attrappen-Journalismus

Helmut Schmidt hatte es ja wie immer schon gleich gewusst: Wenn es so werde wie 1962, dann werde das „nicht sehr schlimm“, prophezeite der Lieblingsweise der Deutschen den Ausgang des Sturmtiefs namens „Xaver“. Tatsächlich war „Xaver“ dann auch wirklich nicht sehr schlimm. Und heute redet keiner mehr drüber.

Ist ja auch schon einen ganzen Tag her, als man mehr oder weniger prophezeite, wir werden alle sterben (und das auch noch dumm).

Journalismus ist in diesen Tagen zu einer ziemlich aufgeregten Sache geworden. Zu einer zudem, die sich in einer fatalen Wechselbeziehung befindet: Es muss schnell gehen und das Publikumsinteresse ist immer eindeutiger messbar. Deshalb reichen inzwischen ein paar geschickt eingestreute Reizworte, um die Herde in helle Aufregung zu versetzen. Ich würde beinahe wetten wollen, dass diejenigen Meteorologen, die zum ersten Mal den Vergleich zwischen „Xaver“ und „irgendwas mit 1962“ in die Welt setzten, das sehr bewusst gemacht haben. Der Schlüsselreiz Sturmflut 1962 löst jedenfalls bei Journalisten und Publikum ganz andere Reflexe aus, als wenn man einfach nur gesagt hätte: Es dürfte in den nächsten Tagen zu einem ziemlich schweren Wintersturm kommen.

So aber: 1962! Sturmflut! Drama! Tote! Dabei hätte man gerne mal einen Journalisten gehört, der des Altkanzlers simple Überlegung aufgegriffen hätte: Wenn vor einem halben Jahrhundert  eine Flut Schaden anrichten konnte, sich seitdem die Sicherheitsvorkehrungen erheblich verbessert haben und die Flut trotzdem „nur“ die Höhe von damals erreicht – was ist daran dann eigentlich so bedrohlich? Aber das hätte natürlich die ganze schöne Gruselgeschichte ziemlich zerstört.

Und sogar der arme Helmut Schmidt musste dran glauben: Statt einfach mal die Betriebs-Temperatur zu senken, tickerte „Spiegel Online“ raus: Helmut Schmidt gibt Entwarnung! Im ersten Moment dachte ich, ich sei beim „Postillion“ gelandet.

Stattdessen also das: Liveticker auf nahezu allen etablierten Webseiten, die aufgeregt im Minutentakt davon berichteten, dass in Cuxhaven ein Baum umgefallen sei.Ein (natürlich) ARD-Brennpunkt, in dem wie schon den ganzen Tag zuvor in anderen Sendern Menschen mit Puschelmikrofonen im Wind standen und dann in ihr Mikro brüllten, dass es windig sei. Der Klick- und Quotenerfolg gibt den Brennpunktmachern und LIvetickerern wie immer recht, der „Brennpunkt“ war am Donnerstag Quotensieger im Gesamtprogramm. Auf der anderen Seite zeigt genau das die Problematik einer solchen Form von Journalismus: Man erzeugt künstlich ein Interesse und rechtfertigt die Berichterstattung dann mit dem großen Interesse am Thema. Was bleibt, ist eine Art gefühlte Information, nichts aber, was mit wirklicher Information zu tun hat. Eine Informationsattrappe sozusagen. Am Ende wird es „Xaver“ nicht mal in irgendeinen Jahresrückblick schaffen, was auch damit zu tun hat, dass Jahresrückblicke in Zeiten von Informationsattrappen-Journalismus jetzt schon im November gesendet werden.

Kann sich übrigens noch jemand an den „Protz-Bischof“ erinnern, als ein ganzes ARD-Team den Vatikan belagerte und in Live-Aufsagern atemlos ins Mikro hechelte, man habe weder den einen (den Bischof) noch den anderen (den Papst) gesehen, es werde aber womöglich schon bald eine Entscheidung fallen? Mit ein bisschen zeitlichem Abstand fällt die Lächerlichkeit eines solchen Journalismus noch stärker ins Auge. Der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli übrigens betont und schreibt immer wieder, schon seit Jahren keinen „News“- oder Nachrichtenjournalismus mehr zu verfolgen. Und deswegen kein bisschen schlechter informiert zu sein. Ganz ehrlich: Exakt das werde ich ab dem heutigen Tag auch — naja, wenigstens versuchen.

Und wer wissen will, wie so ein Attrappen-Journalismus aussieht, bitte sehr:

Jugendsender, Facebook-Seiten und andere Innovations-Attrappen

Manchmal sind es ja die ganz simplen Anlässe, die dann zu längeren Überlegungen führen. Beispielsweise das automatisierte Abbuchen des Rundfunkbeitrags, bei dem man für ein Quartal mal eben gute 50 Euro los wird. Der Gedanke ist zwar weder neu noch originell, drängte sich aber auf: Für was eigentlich? Das öffentlich-rechtliche System würde mir jetzt antworten: Für über 60 Hörfunkwellen, für ARD und ZDF und die Dritten und den Deutschlandfunk und für jede Menge herausragender journalistischer Qualität (und aus Transparenzgründen der Hinweis: auch für mich selbst, ich bin auch schon von Gebührengeldern bezahlt worden). Selbst wenn ich dem uneingeschränkt zustimmen würde, was ich keineswegs tue, dann würde ich mir denken: stimmt, und für Rundfunkorchester, Fernsehballette, unfassbar riesige und intransparente Verwaltungskosten, für Apparatefernsehen, für den Einfluss des deutschen Bauernverbands, der FDP und des Straubinger Zeitungsverlegers auf den Chefredakteursposten des ZDF und für vieles andere auch, wofür ich über 200 Euro im Jahr eher ungern ausgebe.

Man könnte jetzt also eine umfangreiche Debatte über Sinn und Unsinn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks führen, wenn man das denn wollte. Man könnte es allerdings auch so sehen: Die Öffentlich-Rechtlichen stehen exemplarisch für das, was in den „alten“ Medienlandschaft passiert. Oder besser gesagt: nicht passiert. Man könnte es auch so formulieren: Wir „alten“ Medienmacher kommen immer erst da an, wo wir den Konsumentennachwuchs vermuten, wenn der schon lange wieder ganz woanders ist. Das Beispiel Facebook ist da nur eines von vielen.  Während sich bei uns Facebook gerade mal als Standard für Social-Media-Anwendungen zu etablieren beginnt, zieht die Karawane junger Mediennutzer schon lange weiter. Möglicherweise werden wir in dem Moment, in dem dann auch mal der mediale Mainstream Facebook als Selbstverständlichkeit ansieht, schon lange nicht mehr über Facebook reden, weil es dann so hip ist wie StudiVZ.

Es geht also schon lange nicht mehr um das, was wir lange Zeit glaubten: dass wir einfach ebenfalls ins Netz übersiedeln müssten, der Rest ergebe sich dann schon. Dass man einfach nur das, was man vorher in der heilen analogen Welt gemacht hat in diesem Internet fortführen müsse und dann ist wieder alles wie vorher. Tatsächlich aber hat die digitale Generation nicht einfach nur den Kanal gewechselt — sondern auch gleich noch einen beträchtlichen Teil der bisher bekannten Nutzungsweisen mal eben über Bord geworfen.

Das ist noch nicht überall angekommen, noch lange nicht. Mein Lieblingsbeispiel (deshalb auch das Intro mit den öffentlich-rechtlichen Sendern): der geplante Jugendkanal von ARD und ZDF, der vermutlich eh schon wieder tot ist, weil den Ministerpräsidenten der Länder berechtigte Zweifel gekommen sind, ob das in dieser Form eine geeignete Art ist, dem Totalverlust an jungen Zuschauern entgegen zu wirken. Zur Erinnerung: Die Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens  sind im Durchschnitt nochmal ein Jahrzehnt älter als ich, was schon schwer vorstellbar ist. Sie sind irgendwo in den Sechzigern angesiedelt und selbst das Satiremagazin „Quer“ im Bayerischen Fernsehen schafft es als das „jüngste“ Format des BR gerade mal auf einen Altersdurchschnitt von 58. Das ist, bei allem Respekt vor uns Älteren, keine sehr verlockende Perspektive. Und eine tragfähige für die Zukunft ohnehin nicht.

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Das Interessante an der aktuellen Situation ist also: Da verändert sich gerade mal eben die ganze Medienwelt überaus dramatisch – und wir reden immer noch darüber, dass man die analogen Medien dann halt einfach mal ins Netz holt und ein bisschen Social Media drumrum drapiert und dann ist alles wieder gut. Man müsste also (wenn er denn jemals kommt) befürchten, dass ein Jugendkanal von ARD und ZDF so aussieht, wie jüngere Menschen aus der Sicht älterer Menschen gerne fernsehen würden. Man hat vor Augen, wie irgendjemand Meldungen aus diesem Twitter vorliest und wie man eine eigene Facebook-Seite entwickelt und womöglich ab und an auch noch Leute ins Studio eingeladen werden. Oder womöglich sogar per Google Hangout dazu geschaltet werden. Aber alles in allem wäre es eben immer noch Fernsehen, so wie wir es kennen.

Aber es ist ja nicht so, dass nur die öffentlich-rechtlichen nicht so recht wissen, wie sie diesem Internet begegnen sollen. Generell lässt sich feststellen: Auch im 20. Jahr dieses Internets gibt es immer noch einen gravierenden Denkfehler: zu glauben,  es reiche aus, dass man analoge Medien einfach auf digitalen Plattformen ausspielt. Nichts anderes aber passiert momentan an vielen Stellen:  TV-Sender (da sind sich private und öffentlich-rechtliche erstaunlich ähnlich) stellen ihre gesendeten Inhalte auch in Mediatheken zur Verfügung und ab und an gibt es auch mal ein paar Outtakes oder anderes Bonusmaterial dazu. Zeitungen und Zeitschriften packen ihre gedruckten Produkte in mehr oder weniger solide gemachte Apps und bauen mehr oder weniger solide Webseiten. Gemeinsam diskutieren sie dann darüber, wer im Netz der Zukunft „Presse“ und wer „Rundfunk“ sein darf, ganz so, als hätten sie es in der Hand, das Netz nach Claims aufzuteilen. Die etwas fortschrittlicheren haben Social-Media-Strategien, andere dann wieder eher nicht. Dass aber mittlerweile ein junges Publikum diesen Plattformen schon wieder gar nicht mehr viel abgewinnen kann, ist noch nicht angekommen.

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Vielleicht muss man deshalb mal mit ein paar Zahlen hantieren: Bei den auf iOS installierten Apps hat mittlerweile „WhatsApp“ „Facebook“ als Nummer eins abgelöst, der Rückzug vom ganz großen Publikum hin zu offenbar kleineren Gruppen und damit auch zu weiter fragmentierten Märkten ist unübersehbar. Bei der Nutzung von Bewegtbild spielt das Webvideo bei diesem Publikum eine ungleich größere Rolle als das lineare Programm, der gebaute TV-Beitrag ist für diese Zielgruppe bestenfalls noch ein Relikt aus vergangenen Tagen. Natürlich verweisen TV-Sender in einem solchen Zusammenhang gerne auf ihre Reichweite und Nutzungsdauern, die in der Tat zumindest in Deutschland noch so sind, dass man nicht gerade von einer schweren Krise sprechen müsste. Aber bereits in den USA sieht das mittlerweile schon ganz anders aus – man könnte es durchaus als drohendes Unheil bezeichnen, was der „Business Insider“ beschreibt. Zusammengefasst: In den USA verabschiedet man sich inzwischen eindeutig vom klassischen, linearen TV.

Über die Auflagenentwicklung der Tageszeitungen in Deutschland muss man in diesem Zusammenhang nicht mehr sehr viel sagen. Wohin die Reise geht, ist offensichtlich. Man kann bestenfalls darüber diskutieren, wie schnell und linear es mit dem Auflagenrückgang weiter gehen wird. Dass es schon lange da ist und nicht mehr aufzuhalten sein wird, bestreiten mittlerweile nicht mal mehr die, die jeden, der so etwas vor ein paar Jahren prophezeite, wahlweise als Schwarzseher, Printhasser oder schlichtweg Luftnummer bezeichneten.

Umgekehrt: Die Bedeutung des Netzes als Informationsquelle Nummer 1, als das neue Supermedium schlechthin, geht ungebremst weiter. Inzwischen stimmen beinahe zwei Drittel der 14-29jährigen der Aussage zu, dass das Netz für sie das wichtigste Informationsmedium sei. Und selbst bei den bis 39jährigen sagt das beinahe die Hälfte der Befragten von sich.

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Kurzum: Die allermeisten Debatten, die heute noch in Sendern und Verlagen geführt werden, gehen an der eigentlichen Problematik vorbei. Weil sie das wahre Ausmaß dessen, was gerade am Markt passiert, immer noch unterschätzen. Weil sie mit einem ein bisschen aufgepeppten Jugendsender und ein paar Webseiten und krampfhaft bemühten Facebook-Auftritten etwas kompensieren wollen, was gar nicht mehr zu kompensieren: den Abriss zu einer ganzen Generation.  Auch die Tatsache, dass ein Wechsel des Trägermediums nicht zwingend auch den Abkehr von einer Medienmarke bedeuten muss, greift in diesem Fall nicht.  Weil Medienmarken wie die ARD, das ZDF oder diverse Zeitungstitel diese Generationen gar nicht mehr erreichen. Weil sie für diese Generation häufig gar nicht mehr relevant sind, weil sie sich irgendwo da aufhalten, wo der Medienkonsumenten-Nachwuchs noch nie war. Oder sich zumindest nie heimisch gefühlt hat.

Bisher also war das in den Köpfen der meisten Strategen so: Man hat sein Muttermedium, das man mit etwas Internet drapiert. Immer in der Hoffnung, dass das Publikum aus dem Netz wieder zurück kommt zur guten alten Mutter TV/Zeitung. Das ist die grundlegend falsche Denkweise. Ein Medium funktioniert heute nur noch, wenn es als stringentes Ganzes wahrgenommen wird, das auf allen Kanälen gleichermaßen glaubhaft, kompetent, unterhaltsam daher kommt. Jugendsender und Facebook-Auftritte sind so, wie sie momentan von den meisten gehandhabt werden, Innovations-Attrappen.

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Und eines noch zum Schluss: Wenn man sich ein bisschen umhört in den Verlagen und den Sendern im Jahr 2013, dann bekommt man unter der Hand gerne mal gesagt, den Wandel sei dann doch sehr viel schneller gegangen als erwartet. Kleiner Tipp für 2014: Das Karussell wird sich noch schneller drehen. Und wenn ihr so weiter macht, bleiben ganz sicher nicht alle oben.

Eine Kapitulation, ein Sapperlott und viele keine Antworten

Manchmal wirkt das Zusammentreffen zweier Ereignisse wie eine blanke Satire. Da ist zu einen der heutige Beginn der „Medientage“ in München, die laut Eigenwerbung „Europas größter Medienkongress“ sind, tatsächlich aber eher eine Recyclingmaschine gut abgehangener Trends darstellen. 61644-logo-pressemitteilung-medientage-muenchen.jpg
Da gibt es heute beispielsweise einen „Online-Gipfel“ (sie haben es dort recht mit den Gipfeln), der die „neuen Regeln der Medienökonomie“ zum Thema hat. Diese Regeln lassen sich laut Webseite mit „anytime, anywhere…“ zusammenfassen – und wenn Sie jetzt den Eindruck haben, diesen Begriff  zum ersten Mal im Jahr 2003 gehört zu haben, dann liegen Sie vermutlich gar nicht so falsch. Dass man dieses Thema vom „Chef Digital Officer“ von Pro7Sat1 und einer Irgendwas von Nestlé diskutieren lässt, passt ins Bild. (Mehr zu den Medientagen lesen Sie beim Kollegen Knüwer).

Und wenn Ihnen das zu abstrakt ist: In den ersten beiden Stunden der heutigen Veranstaltung hat der ZDF-Intendant Twitter als „Quelle“ bezeichnet und der Münchner Mittelgroßverleger Dirk Ippen ganz stolz erzählt, dass in den Redaktionskonferezen seiner Blätter auch immer die Onliner dabei sitzen. Sapperlott, hätte der große Harry Valérien vermutlich dazu gesagt.

Während die Medientage also alles in allem zu einer Veranstaltung geworden sind, bei der sich etablierte Medien und ihre Macher gegenseitig versichern, es sei alles gut und es werde im Fall der Fälle schon nichts so schlimm kommen, wie man immer hört, hat die einstmalige WAZ- und heutige Funke-Gruppe in diesem Jahr zunächst anders zugeschlagen. Der spektakuläre Deal und der damit verbundene Kauf der gesamten Regionalzeitungssparte von Springer wirkte ein bisschen wie die Botschaft: Seht her, es geht doch! Wir glauben an die gute, alte gedruckte Zeitung. So sehr, dass wir uns mal eben für eine knappe Milliarde neue Blätter zulegen. Soll also noch irgendeiner behaupten, Print hätte keine Zukunft.

Dabei sind sie bei Funkes lediglich weniger ehrlich als der gewesene Verleger der „Washington Post“, der freimütig einräumte, der Verkauf seines Blatts an Jeff Bezos habe auch damit zu tun, dass er kein Rezept gegen die Digitalisierung und die Zeitungskrise gefunden habe. Die Funke-Gruppe hat zwar die Springer-Blätter aufgekauft (ein Deal, bei dem Springer deutlich besser abschneidet übrigens), aber in ihrem ureigensten Kerngeschäft bereitet man seit längerem die Kapitulation vor: Noch bis zu Jahresende werden wieder Lokalredaktionen geschlossen bzw. soweit entkernt, dass nur noch eine Fassade übrig bleibt. Und das nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr.

Die Frage ist dabei gar nicht mal so sehr, wie sich das eigentlich mit dem milliardenschweren Zukäufen aus Hamburg verträgt. Die Frage ist sehr viel mehr: Welche Antworten haben Medienunternehmen (und keineswegs nur Verlagshäuser) überhaupt noch auf die aktuelle Entwicklung? Das Schließen und Streichen bei Funkes ist schließlich alles mögliche, nur keine Antwort. Das sind lebensverlängernde Maßnahmen ohne einen Hauch von Zukunftsfähigkeit. So wie es eine ganze Branche schon geraume Zeit gerne macht: Sie behauptet zwar immer, sie werde in der bisherigen Form überleben, ganz sicher sogar. Nur warum das so sein sollte, das beantwortet man leider nicht (übrigens vermutlich auch bei den Medientagen 2013 nicht).

Und nein, das ist kein Verlagsbashing, kein Händereiben angesichts einer „Zeitungskrise“. Das Thema Veränderung geht sehr viel weiter, bis hin in die Grundfesten des linearen Fernsehens. „RTL war gestern, die ARD – vorgestern: Eine Generation wendet sich vom Fernsehen ab“, schrieb beispielsweise die „Zeit“ in diesen Tagen und blieb mit dieser Zustandsbeschreibung weitgehend unwidersprochen. Das Dilemma ist dort das gleiche wie bei den Verlagen: Sehr viel mehr als „wir machen demnächst dann auch mal mehr im Internet“ ist den deutschen Sendern, gleich ob privat oder öffentlich-rechtlich, bisher nicht eingefallen.

Dabei muss man eines ganz nüchtern sehen: Klassische Medien sind gerade dabei, eine ganze Generation von Nutzern zu verlieren. Man nehme die Zahlen des Durchschnittsalters der Zuschauer der deutschen TV-Sender, man nehme die Zahlen der wirtschaftlichen Entwicklung der deutschen Zeitungsverlage, nichts deutet darauf hin, dass diese radikale Abkehr vom System noch zu stoppen sei.

Antworten darauf, so viel ist sicher, wird es in dieser Woche auch in München nicht geben. Außer vielleicht der: Solange man in der Lage ist, glitzernde Kongresse mit Retro-Themen abzuhalten, tut es immer noch nicht ausreichend weh.

Und vor dem Tagblatt grasen glückliche Kühe

Mit Zeitungen, so der erste Eindruck der aktuellen Debatte, kann man irre viel anfangen. Man kann überwachungsfrei in ihnen stöbern, man kann sie knicken und einrollen, ohne dass das Display kaputtgeht. Und man kann sogar Fisch in ihnen einwickeln. Die Argumente, die man so hört, sind also nur bedingt dafür geeignet, der Gattung Tageszeitung eine glorreiche Zukunft vorherzusagen. Noch dazu, wo gerade in den letzten Tagen und Wochen ungeheuerliche Dinge passieren: Bei Springer wollen sie nicht mehr so richtig Verleger sein, während auf der anderen Seite des Atlantiks Mr. Amazon mal eben die „Washington Post“  einsackt. Der Satz „Ich kauf mal eben eine Zeitung“ bekommt jedenfalls gerade eine irgendwie zusätzliche Dimension.

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Die Kollegen der ARD-Sendung „TTT“ haben sich angesichts dessen des Themas ebenfalls angenommen – und die Frage gestellt: „Nur noch Rendite? Die Situation der Regionalzeitungen.“ Die Fragestellung als solche ist schon irgendwie lustig, weil man, was man als öffentlich-rechtlicher Redakteur womöglich vergisst, natürlich irgendwie Rendite erwirtschaften muss, will man als Medium am Markt überleben. Trotzdem hat man sich auf die Suche nach einem Gegenbeispiel zu den bösen Springers gemacht, die ja nur auf Rendite schauen. Gelandet sind die ARD-Kollegen dann in – Straubing. Weil hier, so textet man am Anfang des Beitrags, „ist die Zeitungs-Welt noch in Ordnung“. Verleger Martin Balle ist (die folgende Sammlung ist aus dem Beitrag):

  • gerne bei den Menschen
  • der Gesellschaft verpflichtet
  • nicht vordringlich renditeorientiert
  • kulturell mit der Region verwurzelt
  • irgendwie nicht Springer

Und auf der Weide vor dem Tagblatt grasen glückliche Kühe.

Natürlich wird dieses Eintreten für die Heimat auch belohnt: Balle berichtet von steigenden Anzeigenumsätzen und einer wachsenden Bedeutung der Lokalzeitung in einer globalisierten Welt. Auf Rendite schaut der Verleger auch, natürlich, aber in erster Linie dann doch nur, um Mitarbeiter bezahlen zu können und den Menschen im niederbayerischen Gäuboden eine gute Zeitung liefern zu können. (Untermalt wird das Idyll mit dramatischen Umschnitten zum Springer-Verlag, wo die Bösen sitzen, die einfach ihre Zeitungen verkaufen.) Das ist wirklich eine sehr schöne Geschichte. Und weil sie schön ist, haben die Kollegen von „TTT“ sicherheitshalber die Recherche dann auch eingestellt. Dass man eine Geschichte auch tot recherchieren kann, weiß man vermutlich auch dort. Deswegen sei an dieser Stelle erlaubt, noch auf ein paar Dinge hinzuweisen, die man praktischerweise gleich weggelassen hat nicht mehr ganz in den Beitrag gepasst haben:

Seine jüngeren Redakteure bezahlt das Tagblatt deutlich unter Tarif. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte Martin Balle das in diesem Jahr mal damit, dass die Lebenshaltungskosten in Straubing ja auch niedriger seien als anderswo.

Freie werden vom „Tagblatt“ traditionell schlecht bezahlt. In den Honorarspiegeln belegt man dort seit vielen Jahren einen der hinteren Plätze. Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber Reisejournalisten berichten beispielsweise im Mai 2013 davon, pro Zeile acht Cent und für jedes Foto 2,50 Euro zu bekommen.

Medienvielfalt gibt es im Balle-Beritt traditionell nicht. Das „Tagblatt“ ist in nahezu allen Gebieten seines Verbreitungsgebiets de facto das Monopolblatt. Das lokale Anzeigenblatt gehört dem Verlag, am Lokalfunk hält man die Mehrheitsanteile. Neuerdings gehört auch das Landshuter Lokalfernsehen mehrheitlich zum Verlag. Anteile an diversen Lokalradios und dem Regensburger Lokal-TV noch nicht eingerechnet.

Die politische Ausrichtung des „Tagblatts“ ist, nun ja, ziemlich eindeutig. So eindeutig, dass man alles, was nicht mit CSU zu tun hat, eher ungern ins Blatt nimmt.

Das alles gab´s bei „ttt“ nicht zu sehen und nicht zu hören. Hätte aber vielleicht auch nicht in diese schöne Geschichte gepasst. Schließlich heißt es am Ende des Beitrags „Da sein für den Leser und nicht nur für die Geldgeber. In Straubing hat man sich entschieden. Und noch scheint’s zu funktionieren.“

So einfach ist die Welt manchmal.