Das Stinkefinger-Komplott

Der „Spiegel“ macht mal wieder irgendwas mit Hitler und der Rest debattiert über die Echtheit eines ausgestreckte Mittelfingers. Einiges läuft gerade ziemlich schief, wenn es um Journalismus und so komplexe Themen wie Griechenland geht. Was auch damit zu tun hat, dass man mittlerweile viel lieber über Personen als über Themen spricht.

Politik ist eine komplizierte Sache und Wirtschaft auch. Zusammen genommen sind Politik und Wirtschaft also eine derart komplexe Geschichte, dass es selbst für Experten nicht mehr so ganz einfach ist, Dinge plausibel zu erklären. Man hat das während der Hoch-Zeit der letzten Wirtschaftskrise gesehen, als man mit unfassbar hohen Summen irgendwelche Banken retten musste, von denen man bis dahin noch nie etwas gehört hatte. Dasselbe Spiel erlebt man nun seit einigen Jahren mit Griechenland. Da ist also ein Land, das sich offensichtlich hoffnungslos verschuldet hat und anscheinend auch nicht gewillt ist, mit der gebotenen Demut angebotene Hilfsleistungen entgegenzunehmen. Trotzdem muss man dieses undankbare Land irgendwie vor dem finanziellen Exitus retten, weil sonst irgendwie ganz Europa gefährdet ist, wenn wir Laien das richtig verstehen.

Ist es da nicht ein Traum, wenn sich die neue griechische Regierung so wunderbar auf Personen reduzieren lässt? Auf einen jugendlich-attraktiv wirkenden Regierungschef und einen Finanzminister, der so einen revolutionär-unkonventionellen Auftritt hinlegt? Und der dann auch noch, göttliche Fügung des Schicksals, den Deutschen einen echten, richtigen Stinkfeiner zeigt? Großartig. Weil sich über so einen Stinkefinger und die Frage ob er denn nun hat oder nicht wunderbar erregt debattieren lässt. Viel besser und einfacher und mit sehr viel klareren Antworten, als wenn es um die Frage geht, was ein Grexit am Ende jetzt eigentlich für die Eurozone bedeuten würde.

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Gewissheiten hat man ja inzwischen so gut wie keine mehr. Weder weiß man, was richtig noch was falsch ist noch weiß man, wer jetzt noch gut und böse ist im großen Spiel um die möglichst einfache Darstellung einer immer schwierigere Welt. Bei Jauch und Bild zeigen sie einen Finanzminister mit ausgestrecktem Mittelfinger, um sich darüber gebührend zu erregen. Böhmenmann behauptet, er habe den Mittelfinger gefaked, um dann kurz darauf zu erklären, dass die Geschichte vom Fake natürlich nur ein Fake war. Und weil die Welt in diesen Tagen so furchtbar kompliziert geworden ist und die einfachen Bilder – Mittelfinger! – ja so schrecklich verlockend sind, hat auch der „Spiegel“ zu diesem Mittel gegriffen (und nebenher seiner Irgendwas-mit-Hitler-Leidenschaft endlich mal wieder frönen können):

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Zwischendrin beklagt sich der Bild-Chef bei einem der Spiegel-Chefs, der früher mal einer der Bild-Chefs war, über dieses zweifelsohne leicht beknackte Titelbild, was auf der einen Seite schon richtig, aber auf der anderen Seite etwas irre ist angesichts dessen, dass in der Bild der Grieche als solcher bestenfalls noch als „Pleite-Grieche“ wegkommt und ansonsten nicht eben mit Samthandschuhen angefasst wird:

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Tatsächlich also ist eine hochkomplexe Debatte auf dem Level angekommen, dass darüber diskutiert wird, ob jemand einen Stinkefinger gezeigt hat und ob der „Spiegel“-Titel nicht mal der „Bild“ zu blöd gewesen wäre. Das ist auf der einen Seite irgendwie menschlich, weil es sich darüber natürlich sehr viel einfacher und mit einem angemessenen Erregungsgrad debattieren lässt; man kann seine Meinung zu solchen Themen sogar auf 140 Zeichen unterbringen. An solchen Tagen ist es mir übrigens sogar machmal richtiggehend peinlich, zu dieser ganzen Griechenland-Sache keine echte Meinung zu haben, weil man ja heutzutage zu allem eine griffige Meinung haben muss und es vermutlich problematisch ist, wenn man einräumt, weder von Finanzpolitik noch von Wirtschaft so viel zu verstehen, als dass man die Frage beantworten könnte, was jetzt wohl passiert, wenn die Griechen tatsächlich nicht mehr Mitglied der Eurozone wären.

Es hat aber auch in mehreren Dimensionen mit dem zu tun, was der notorisch kluge Stefan Plöchinger in dieser Woche geschrieben hat. Nämlich damit, dass wir mittlerweile in einer daueraufgeregten Welt viel zu sehr über Personen als über Themen reden. Hätte man sich mit der gleiche Akribie, mit der man versucht hat, die Echtheit des Fingers nachzuweisen, in das eigentliche Thema Griechenland eingearbeitet, man hätte womöglich sogar so etwas wie einen Erkenntnisgewinn daraus gezogen.

So aber weiß man jetzt noch nicht mal mit echter Gewissheit, was es jetzt mit dieser Geste auf sich hat.

 

Die Sache mit der DNA

Stellenabbau und die Suche nach bewährten Männern: Die Branche will neue Probleme mit alten Methoden lösen. Was fehlt: die Bereitschaft zu radikalem Umdenken.

Beim „Stern“ haben sie für die Nachfolge von Dominik Wichmann offensichtlich ein wichtiges Kriterium gehabt: die DNA. Genauer gesagt: die „Stern“-DNA.  Beim „Focus“ wird der designierte Chef Ulrich Reitz gepriesen als einer, der die „Focus-DNA“ in sich trägt. Ob sie beim „Spiegel“ Wolfgang Büchner jetzt auch zum Vorwurf machen, dass er die DNA des Blatts zu wenig in sich trägt, weiß ich nicht, aber möglich wär´s zumindest.

Man könnte also glauben, dass insbesondere „Stern“ und „Focus“ in den letzten beiden Jahren nur einen gravierenden Fehler gemacht haben. Nämlich Chefredakteure mit fehlender DNA zu berufen. Nachdem man diese Fehler jetzt spektakulär korrigiert haben, kann es ja dann nur noch aufwärts gehen.

Und mittendrin in diese Sache mit der DNA kommt dann eine solche Meldung: Gruner&Jahr will in den kommenden Jahren 400 Stellen abbauen. Nicht mal betriebsbedingte Kündigungen sollen ausgeschlossen sein. Bei den Tochterunternehmen soll das nicht zutreffen, dort hat man stattdessen – im schönsten PR-Sprech – „Effizienprogramme initiiert“. Wäre man ein bisschen böse, man könnte sagen:  Es gehört wohl zur Medienmanagements-DNA, dass man in Zeiten wie diesen sein Heil im Stellenabbau und der, ähm, Effizienz sucht.

Nachdem ich kein Betriebswirt bin und auch die internen Strukturen in einem Haus wie Gruner&Jahr nicht kenne, kann ich über die Notwendigkeit von solchen Sparprogrammen nicht urteilen; vermutlich ist sie sogar vorhanden, diese Notwendigkeit. Aber ein bisschen wundern darf man sich schon. Da steht die ganze Medienwelt vor völlig neuen Herausforderungen – und alles, was zur Problemlösung da ist, sind die alten Mittel? Die DNA und ein paar Sparprogramme?

Tatsächlich steht vor allem beim Thema Digitalisierung ein großes Defizit in den Büchern der meisten Häuser. Auch in Hamburg hatte die G&J-Chefin Julia Jäkel ja schon vor Jahresfrist eine Art Digitaloffensive angekündigt, die in communities of interest münden sollten. Das klingt ziemlich chic und modern, viel zu sehen ist am Markt bisher aber nicht davon. Die G&J-Maschine läuft immer noch wie ein behäbiger Tanker. Beim publizistischen Schlachtschiff „Stern“ beispielsweise ist der Umgang mit digitalen Erzählformen so konventionell und eingefahren, dass man an der Frage, wie man sich dort eine journalistische Zukunft in einer digitalen Welt vorstellt, kaum vorbeikommt. Mit ein bisschen alter Stern-DNA? Und einer Facebook-Seite, die als Linkschleuder und Social-Media-Attrappe dient? Das wäre vielleicht 2009 state of the art gewesen. Im Jahr 2014 und im Zeitalter des transmedialen Storytellings wirkt das wie ein Relikt aus alter journalistischer Zeit.

Nebenbei bemerkt: Ich frage mich ja immer, wie es geht, dass man sein „Digital-Geschäft deutlich ausbaut“, massig neue Titel lanciert und gleichzeitig 400 Jobs abbaut, aber das liegt wohl daran, dass ich kein Betriebswirt bin.

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Bei „Arte“ lief übrigens am Dienstag die ziemlich großartige Reportage „Journalismus von morgen – Die virtuelle Feder“. Dort wird viel Wahres erzählt und nebenbei muss man beim Anschauen des Films konzedieren, ob man sie mag oder nicht, dass sie bei Springer in Berlin strategisch am meisten kapiert haben. Man muss Kai Diekmann und die „Bild“ nicht mögen, aber man wird vermutlich aus Diekmanns Mund nie hören, man könne das Boulevard-Blatt nur retten, wenn man jede Menge „Bild“-DNA in sich trage. Im Gegenteil: Kaum jemand hat sich so radikal neu erfunden wie Diekmann, kaum jemand ist strategisch so weit gegangen wie „Bild“.

Den Film habe ich übrigens hauptsächlich via Mail und Social Media wahrgenommen. Angeschaut habe ich ihn dann auf dem iPad. Irgendwann mittags, als ich Zeit und Lust hatte. Sie können, wenn Sie mögen, sich ihn hier auf dieser kleinen Seite anschauen. So funktionieren Medien heute.

Mit alter DNA hat das nicht mehr sehr viel zu tun. Man würde den Dickschiffen der Branche eher wünschen, sie würden sich mal nach ein bisschen neuer DNA umschauen.

 

Bild dir deinen Jogi

Zum Einstieg heute mal eine Frage auch und ganz besonders an die Nicht-Fußballexperten unter Ihnen (also geschätzt an ungefähr zwei oder drei): Eine Mannschaft, die von den letzten 32 Pflichtspielen 28 gewonnen hat, die ihr letztes Pflichtspiel vor ziemlich genau zwei Jahren verloren hat, die in der Weltrangliste auf Platz 1 steht und bei den letzten vier großen Turnieren dreimal im Halbfinale und einmal im Endspiel stand – würden Sie der es zutrauen, dass sie Weltmeister werden kann? Ja? Echt jetzt?

Sie können sich ja noch kurz überlegen, ob sie diese überaus gewagte Prognose ernsthaft aufrecht erhalten wollen. Falls Sie zweifeln, ziehen Sie doch bitte einfach mal Deutschlands Sportjournalisten zu Rate. Die nämlich kommen heute bspw. in der FAS und im „Spiegel“ auf nahezu revolutionäre Ideen. „Kaum zu glauben, aber zum Greifen nah“, titelt beispielsweise die FAS heute. Der „Spiegel“ wiederum widmet dem Bundestrainer einen ganzen Titel und spricht von den „kühnen Strategien des Joachim Löw“. Die „Bild am Sonntag“ hat eh keinen Zweifel mehr: Jetzt werden wir auch Weltmeister.

Ja, das ist schon echt heftig: Der Weltranglisten-Erste könnte Weltmeister werden. Wenn das nicht „kaum zu glauben“ ist, was dann noch?

Das heißt, wenn man so mitliest, was Deutschlands Fußball-Schreiber in den letzten Jahren so alles geschrieben haben – man könnte meinen, Deutschland sei ein Fußball-Entwicklungsland und Jogi Löw in Wirklichkeit die Wiedergeburt von Erich Ribbeck. Löw, der nie ein großes Turnier gewinnen wird, Löw, der im entscheidenden Moment alles vercoacht, Löw, der immer nur die Schönspieler einsetzt, anstatt ein Spiel auch mal ganz dreckig mit den deutschen Tugenden (die bestehen in erster Linie darin, ein Spiel dreckig zu gewinnen) gewinnen zu lassen.

Deutschlands Fachorgan Nummer eins, die „Bild“, ist da übrigens auch immer ganz vorne dabei. Was irgendwie fast verständlich ist: Der smarte Jogi, der Taktikfuchs, der Schöngeist, das passt vermutlich nicht ganz in das Bild, das „Bild“ gerne von einem deutschen Bundestrainer hätte. Die Volkstümlichkeit fehlt Löw zur Gänze und für markige Sprüche oder Wutreden oder kaiserliche Ja, gut-Dampfplaudereien ist er auch nicht zu haben. Weswegen es kein Wunder ist, dass „Bild“ kaum eine Gelegenheit auslässt, ihn anzuzählen: Wann muss Löw gehen? Diese Frage beschäftigt das Blatt schon eine ganze Zeit, zuletzt letzte Woche. Für „Bild“ war klar: Packen wir das Viertelfinale nicht, kann er sofort seine Sachen packen, der Jogi. Halbfinale geht gerade noch so, Finale muss es eigentlich dann schon sein.

Und die ganzen „Jogi, so werden wir nie Weltmeister“-Schlagzeilen, die kann man eh nicht mehr zählen.

Aber es ist ja keineswegs nur die „Bild“. Keine große Sportredaktion im Land, die vor dem Turnier Deutschland ernsthaft zum Titelfavoriten ausgerufen hätte (im Gegensatz übrigens zu vielen Kollegen im Ausland). Als sich Marco Reus vor dem Turnier verletzte, wurde mindestens der sofortige Untergang postuliert, dabei hatte Löw doch schon vor vier Jahren gezeigt, dass er clever genug ist, solche Ausfälle zu kompensieren. Oder hat nach Südafrika nochmal irgendjemand ernsthaft nach Michael Ballack gerufen (außer der „Bild“ natürlich)?

Jetzt also Halbfinale – und die Erkenntnis: Wer im Halbfinale steht, könnte theoretisch ja auch Weltmeister werden. „Kaum zu glauben“, titelt die FAS, man müsse Löw auf Knien danken für das, was er für den deutschen Fußball getan habe, verpasst ihm der „Spiegel“ sogar eine Komplett-Rehabilitation.

Und Jogi? Bleibt cool wie immer. Wenn im Halbfinale Schluss ist, hat er es als einziger deutscher Trainer der Geschichte dennoch geschafft, seine Mannschaft in allen von ihm gecoachten Turnieren unter die letzten vier zu bringen. Auch wenn man auf die Forderungen nach seinem Rückzug warten kann, schließlich hat er dann schon wieder kein Turnier gewonnen. Für schnelle Wendungen ist Deutschlands Fußball-Journaille  immer zu haben.

Oder, wie man es auch sagen könnte:

Die Lanz-Bubble

Seit Markus Lanz „Wetten, dass…“ moderiert, müssen Menschen wie Hans Hoff ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zu ihrem Beruf haben. Hoff ist das, was man gemeinhin als „Fernsehkritiker“ bezeichnet. Das sind Menschen, die vor dem Fernseher sitzen, sich Sendungen anschauen und darüber schreiben, wie sie sie fanden. Meistens schlecht, das ist das Wesen des Kritikers.

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Somit ist es kein Wunder, dass Hans Hoff und ungefähr alle anderen hautberuflichen Kritiker Lanz und „Wetten, dass…“ seit Lanzens erster Sendung konsequent niederschreiben. Hoff und Co. müssten das allerdings inzwischen selbst langweilig finden. Weil sie jedes Mal das gleiche schreiben und weil sie vermutlich ihre Verrisse schon am Samstag nachmittag in der Badewanne fertig haben und sich die eigentliche Sendung dann nur noch ansehen, damit wenigstens keine falsche Angaben über die Gäste drinstehen. Ansonsten sind die Kritiken genauso erwartbar wie Moderationen von Markus Lanz: „Polierter Showroboter“ nennt ihn Hoff diesmal,  sein Kollege Matthias Kohlmaier hatte bei der Januar-Sendung noch behauptet, die Tatsache, dass die Sendung pünktlich zu Ende gegangen sei, sei eine Flucht vor dem damals laufenden RTL-Dschungel.

Der „Wetten, dass…“-Verriss ist mittlerweile zu einem liebgewordenen Ritual des deutschen Sonntags-Journalismus geworden. Denn die Kollegen der SZ sind damit ja nicht alleine. „Spiegel Online“ gehört ebenfalls zu den verlässlichsten Lieferanten böser Stücke. Wenn spätestens Sonntag mittag noch kein böses Wort auf der Seite zu finden ist, müsste man sich Sorgen machen und schnell jemanden vorbei schicken in Hamburg. Nicht, dass ihnen noch was passiert ist bei SpOn. An diesem Sonntag jedenfalls funktionierte die Verriss-Maschine aus Hamburg noch zuverlässig: „Eine Sendung leidet an Burn-Out“, attestierte man dem TV-Dino diesmal. Das ist die Größenordnung, in der sich „Spiegel Online“ jedesmal bewegt. Kein Wunder, ist doch Lanz der „Christian Wulff des Showgeschäfts“, für den „jede Sendung ein Endspiel“ ist. Sogar die „Bild“, ihn früheren Tagen ein glühenden Anhänger von „Wetten, dass…“ und zumindest tendenziell auch gegenüber Lanz nicht allzu negativ eingestellt, haut inzwischen jeden Sonntag danach drauf; diesmal zugegeben sogar halbwegs originell.

Bevor Sie jetzt erstaunt vermuten, ich sei der einzige lebende Journalist/Blogger, der enorm viele Sympathien für den Moderator Markus Lanz hegt: bin ich nicht, tue ich nicht. Ich amüsiere mich eher. Zum einen darüber, dass es SZ, SpOn und anderen nicht zu doof wird, dieses Ritual vierwöchentlich aufzuführen. Der journalistische Mehrwert wäre ja an sich nur gegeben, wenn irgendjemand demnächst mal feststellen würde, jetzt habe der Lanz aber mal eine richtig gute Sendung hingelegt. Alles andere – führt zu dem schönen Phänomen der Konsonanz. Der Erwartung der Leser an ihre Redaktion, ihn in ihrem gefestigten Weltbild zu bestätigen. Leseerwartung nennt man das wohl, was da passiert. Kurz gesagt: Der SZ/SpOn-Leser will bestätigt wissen, wie recht er hatte, die Sendung nicht zu schauen und den Lanz doof zu finden. Wenn es also eine Art Lanz-Filter-Bubble gibt, dann tun SZ und „Spiegel“ gerade alles dafür, dass diese Blase ja nicht platzt.

Persönlich ödet mich Journalismus an, der so furchtbar erwartbar ist. Ich mag ja Lanz-Sendungen auch nicht, weil sie so erwartbar sind. Und im Übrigen: Hey, wer verreißt jetzt eigentlich mal diesen furchtbar öden und flachen Stromberg-Film, auf den ich mich eineinhalb Jahre gefreut hatte und der zu einer meiner größten persönlichen Enttäuschungen geworden ist? Niemand vermutlich, Stromberg und Christoph Maria Herbst stecken derzeit ja eher in der überaus positiv gestimmten Filter Bubble von SZ und SpOn fest.

Breaking: Schweinsteiger ist hetero!

Die Kollegen vom „Kicker“ stehen normalerweise nicht dafür, Auslöser intensiver journalistischer Diskussionen zu sein. In der vergangenen Woche war das anders: Nach dem Outing von Thomas Hitzelsperger beschloss das Fußball-Magazin, diesem Thema keine einzige Zeile zu widmen. Mit mehreren interessanten Begründungen. Eine davon lautete sinngemäß: Das Privatleben und die sexuelle Orientierung eines Sportlers seien für die Öffentlichkeit und für die Bewertung seiner sportlichen Leistungen nicht relevant. Was auf den ersten Blick nachvollziehbar klingt, noch dazu, wo der „Kicker“ ein Sportmagazin und keine Klatschpostille ist.

In der besten aller Welten wäre es also tatsächlich so: Ob ein Fußballer (oder irgendeine andere Person des öffentlichen Lebens) schwul ist oder nicht, das interessiert keinen Menschen. Es wäre demnach auch keine einzige Meldung wert, weil ja auch niemand auf die Idee käme zu melden: Bastian Schweinsteiger heterosexuell!

Tatsächlich aber leben wir nicht in der besten aller Welten. Und natürlich gibt es gute Gründe dafür, warum sich in Deutschland noch kein einziger aktiver Spieler getraut hat, sich zu outen — und warum auch Hitzlsperger erst sein Karriereende abwartete. Dass es auf einer Seite wie „pi-incorrect“ (absichtlich kein Link) derbe Kommentare setzte, wird niemanden überraschen. Falls Sie jetzt sagen: ja klar, ist ja auch „pi-incorrect“, dann ist es ein Trugschluss, falls Sie glauben, nur in bekennend radikalen Postillen komme so etwas vor, eine kleine, verblendete Minderheit quasi. Auch ein Blatt wie die FAZ kommentierte den Fall Hitzlsperger. Und das, was man dort lesen konnte, war de facto „pi-incorrect“ auf gehobenem Niveau. O-Ton:

Für die große Mehrheit der Deutschen, die mit Homosexuellen so normal umgeht wie mit Heterosexuellen, ist das ein Schlag ins Gesicht. Es ist eine Form der Diskriminierung, die sich mindestens genau so rechtfertigen sollte, wie das die Politiker oder Geistlichen oder Eltern tun müssen, denen Homophobie unterstellt wird, nur weil sie eine abweichende Meinung haben, etwa über den künftigen Schulunterricht in Baden-Württemberg.

Um schließlich mit dem plattesten und Homophobie-typischen Satz zu schließen:

Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: „Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.“

Viel hätte nicht gefehlt und in diesem Kommentar wäre noch der Satz „Man wird doch noch sagen dürfen…“ aufgetaucht.

Bei „Bild“ wiederum wunderte sich der Briefeschreiber Wagner darüber, dass einer wie der Hitzelsperger schwul ist. Wo er doch so gekämpft und gegrätscht hat, der Hitzlsperger. Vermutlich dachte Wagner bislang, ein Schwuler würde am liebsten im Tatftröckchen auf den Platz gehen. Dass dann eine Überschrift zu einer Hitzlsperger-Geschichte auch noch in blassrosa eingefärbt war, mag ein unglücklicher Zufall sein, wenn man denn bei „Bild“ daran glaubt, dass irgend etwas ein unglücklicher Zufall ist.

Nein, es gehört natürlich immer noch Mut dazu, sich zu outen. Und es ist absurd zu glauben, dass nicht ausgerechnet der Fußball eine immer noch latent homophobe Zone ist.

Unlängst übrigens hat eine schottische Profi-Mannschaft einen Kollegen als besonders trainingsfaul gebrandmarkt. Das Ergebnis: Er musste in einem rosa Ballerinen-Outfit trainieren.

 

Klammern an „Bild“ und ein zahlendes Prozent

Wenn man sich die Reaktionen auf die erste Zwischenbilanz des „Plus“-Modells der „Bild“ anschaut, dann könnte man meinen, die Branche habe tatsächlich den Wunsch des Konzerns bei der Einführung der Bezahlinhalte erfüllt: feste Daumen drücken! Anders lässt sich der manchmal mehr und manchmal weniger verhaltene Jubel angesichts der Erfolgsmeldungen von Springer kaum erklären. „Springer zeigt, wie man im Internet Geld verdient“, habe ich heute schon gelesen. Nüchtern betrachtet hat „Bild“ dagegen nur eines bewiesen: Bezahlinhalte werden für alle, die nicht gerade sehr spezialisierte Themen bearbeiten, bestenfalls ein kleines Zusatzgeschäft bleiben. Und: Für die überwiegende Masse ist „Paid Content“ schlichtweg kein Thema. Und noch ein letztes: Für die ganz überwiegende Masse sind die Angebote, die Webseiten vor der Paywall stehen haben, meistens schon ausreichend. Um hinter die Bezahlschranke zu wollen – dazu muss man schon ein beinharter Fan des jeweiligen Angebots sein.

Gehen wir also das Beispiel „Bild“ mal genau durch: Innerhalb eines halben Jahres hat man rund 150.000 Digital-Abos abschließen können. Klingt in absoluten Zahlen viel, ist relativ gesehen aber nur unwesentlich über dem, was andere Häuser auch schaffen. „Bild“ liegt bei einer Konversion von rund einem Prozent. Gemessen bspw. an NYT oder auch der eigenen „Welt“ ist das etwas mehr als gewohnt, unter dem Strich heißt das aber eben auch: 99 Prozent der Leser nutzen „Bild“ nach wie vor, ohne für die Digital-Ausgabe zu bezahlen. Und schließlich muss man noch einen sehr speziellen Trumpf ins Feld führen, den „Bild“ hat: Bundesliga-Bewegtbilder. Das hat sonst niemand zu bieten. Es wäre also mehr als erstaunlich, hätte „Bild“ es nicht geschafft, eine höhere Konversion als andere zu erzielen.

Wenn man also davon ausgeht, dass 99 Prozent der Nutzer nicht bereit sind, für digitale Inhalte Geld auszugeben – ist es dann wenigstens dieses eine Prozent? Die Frage stellt sich im Falle „Bild plus“ nicht. Weil „Bild“ ja das Angebot nicht reduziert, sondern erweitert hat. Wer also wirklich alle Geschichten lesen will, muss zahlen. Das machen ein paar Hardcore-Fans, der Rest kommt ganz gut mit dem aus, was kostenlos zu lesen ist. Es ist also ein bisschen wie bei einer DVD: Man kann die Standardausführung bekommen und wenig bezahlen. Wenn man richtiger Fan ist, kauft man sich irgendeine Deluxe-Edition mit Bonusmaterial und anderen Gimmicks. „Bild plus“ ist also eine Art „Bild Deluxe“ – und deshalb sagt dieses Modell nicht sehr viel darüber aus, ob Menschen bereit sind, für Journalismus Geld auszugeben.

Zumal sich am grundsätzlichen Geschäftsmodell der „Bild“ nichts geändert hat: Es basiert immer noch zu 99 Prozent auf Reichweite und Werbung. Erst aus der Reichweite — die ja bei „Bild“ zweifelsohne enorm ist — entsteht die Möglichkeit, mit Zusatzinhalten nennenswert Geld zu verdienen. Da reicht dann schon eine Konversion von einem Prozent aus, um in den Millionenbereich zu kommen. Stellen wir uns dieses Modell bei einem Regionalzeitungsverlag vor, dann sehen die absoluten Zahlen schon nicht mehr so wirklich rosig aus.

„Bild“ ist auch aus anderen Gründen keine Blaupause für andere Verlage. Zum einen: „Bild“-Geschichten werden ausreichend von anderen Medien nacherzählt, auch und vor allem solche, die sich hinter der Bezahlschranke verbergen. Das klingt auf den ersten Blick ärgerlich, ist es aber auf den zweiten Blick gar nicht. Dadurch geraten nämlich auch die „Bild“-Geschichten in die sozialen Netzwerke, die normalerweise wegen der Bezahlschranke dort kein Thema wären. Soll heißen: „Bild“ bleibt trotz allem im Gespräch. Das wäre bei kleineren Medien, die weder die Reichweite noch die Themen haben, anders. Wer sich hinter die Bezahlschranke stellt, stellt sich auch bei sozialen Netzwerken ins Abseits. Und zum anderen: „Bild“ hat auch kostenfrei ein Angebot, das groß genug ist, um Reichweite zu generieren. Wenn — mal angenommen — eine Regionalzeitung nur noch die dpa-Meldungen aus dem überregionalen Geschehen frei empfänglich und den Rest bezahlpflichtig macht, dann muss sie mit massiven Einbrüchen in der Reichweite rechnen. „Bild“ kann beides, sowohl Reichweite als auch Paid Content, das ist der Unterschied.

Wobei nicht mal „Bild“ ungeschoren davon kommt, wenn es um Reichweite geht: Ein halbes Jahr nach der Einführung liegen die Reichweiten unterhalb der vor der Bezahlschranke (wenn auch, zugegeben, von einem sehr hohen Niveau kommend). Ob man allerdings schon irgendeine gültige Aussage darüber treffen kann, wie sich Bezahlschranken auf die Reichweite auswirken können, sei dahin gestellt:

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Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Drei gewinnen leicht bzw. halten ihr Niveau, drei verlieren teilweise spürbar: Es scheint immer noch so zu sein, dass regionale und produktspezifische Eigenheiten die entscheidende Rolle spielen bei dieser Frage. Und natürlich spielt auch die Form der Bezahlschranke eine wichtige Rolle. „Bild“ hat sein Angebot ja nicht wirklich reduziert, es gibt keine spürbaren Einschränkungen, außer der, dass man jetzt eine ganz bestimmte Geschichte nicht lesen kann. Nachdem aber dort noch etliches anderes Zeugs steht…so what?

Trotzdem bleibt, bei allen Besonderheiten, zumindest eine Feststellung, die vermutlich eine gewisse Allgemeingültigkeit hat: Zahlen für Journalismus, das wird im Netz weiterhin eine kleine Minderheitenveranstaltung bleiben. Bei Konversionsraten von einem Prozent wäre es absurd, irgend etwas anderes zu glauben.

Jung, schwul, Sozi? Den machen wir rund!

Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung.  (Pressekodex, Ziffer 8).

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Michael Adam ist Landrat. In einem kleinen Landkreis im Bayerischen Wald, genauer gesagt in Regen. Zugegeben, Adam ist keiner der Landräte, wie sie im Buche stehen: Er ist mit 28 Jahren der jüngste Landrat in Deutschland und er ist, was in Niederbayern durchaus ungewöhnlich ist, Sozialdemokrat.

Und er ist bekennend homosexuell.

Über Michael Adam weiß man seit dieser Woche auch noch anderes: dass er nämlich in seinem Dienstzimmer Sex mit einem Mann hatte, der nicht sein (eingetragener) Lebenspartner war. Was das die Öffentlichkeit angeht? Offenbar sehr viel, befand man bei dem kostenlosen Blättchen „Am Sonntag“, das zum kleinen Imperium der „Passauer Neuen Presse“ gehört. In der jüngsten Ausgabe der Blatts wurde detailliert geschildert, wie und warum und wo es zum „Sex im Dienstzimmer“ kam.  Die große Schwester PNP nahm den Ball mehr oder weniger dankbar auf, berief sich auf die Berichterstattung des Sonntagsblättchens und berichtete ebenfalls über die „Sex-Affäre“. Nicht weniger erstaunlich: Die Geschichte vom niederbayerischen Landrat, der sein Dienstzimmer zweckentfremdete, schaffte es als Aufmacher (!) auf die Titelseite der „Bild am Sonntag“.

Michael Adam hat die Vorwürfe inzwischen weitgehend bestätigt (den kolportierten Poppers-Konsum bestreitet er allerdings). Dass er hinter den Veröffentlichungen eine gezielte Kampagne vermutet, kann man ihm kaum verdenken. Angenommen, irgendein anderer Landrat in Deutschlands Provinz hätte irgendwo in seinem Dienstzimmer Sex mit einer anderen Frau gehabt: Kann man sich ernsthaft vorstellen, dass das zu einer Titelgeschichte geworden wäre? Vermutlich hätten dann Deutschlands Redaktionen ziemlich viel zu tun, ganz davon abgesehen, dass der Pressekodex eine solche Geschichte gar nicht zulässt. Wo das „Informationsinteresse der Öffentlichkeit“ bei einer sexuellen Eskapade eines Lokalpolitikers liegen soll, das würde man wirklich gerne mal erklärt bekommen. Es sei denn, man verwechselt Sensationsgier und Klatschlust mit „Information“. Tatsächlich gilt: Niemand ist zu Schaden gekommen, Landrat Adam hat sich insoweit korrekt verhalten, als dass er seine Dienstpflichten nicht verletzt hat. Der Seitensprung im Dienstzimmer geht also exakt drei Menschen etwas an: den Landrat, seinen Lebenspartner und den jungen Mann, der sich mit Adam im Dienstzimmer verlustierte. Sonst niemanden.

Und obwohl das so ist, hat diese Veröffentlichung zumindest eines geschafft: Adam zu diskreditieren, Dinge aus seinem Privatleben bekannt zu machen, die schlichtweg nicht an die Öffentlichkeit gehören.

Bei der PNP verfährt man indes gerne nach journalistischer Gutsherrenart: Freunde sind Freunde, Feinde sind Feinde. Für immer und ewig. Ein schwuler, junger, sozialdemokratischer Landrat gehört offenbar zu den Dingen, die sich mit dem Weltbild der Zeitung nicht sehr gut vertragen.

PNP-Chefredakteur Ernst Fuchs übrigens erklärt in einem Kommentar, warum sich der Landrat diese „Enthüllung“ selbst zuzuschreiben hat:

Ein Landrat, dem – politisch oder moralisch berechtigt oder nicht – zu viel Häme entgegenschlägt, kann einpacken. Im Fall Adam kommt hinzu, dass einer, der gern so scharf das Wort gegen andere führt, um so weniger mit Barmherzigkeit rechnen kann (…)

Dann wünschen wir Fuchs und der PNP, dass niemand irgendwann auf die Idee kommt, er und sein Blatt würden „scharf das Wort gegen andere führen“. Ob man das in Passau auch als Begründung für fehlende Barmherzigkeit werten würde? Und ist das ernsthaft schon „Barmherzigkeit“, wenn man als Zeitung auf schmutzige Enthüllungen verzichtet? Das sagt viel über das journalistische Selbstverständnis des Blattes aus. An Zynismus jedenfalls ist das nicht mehr zu überbieten.

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Dabei hätte es durchaus anderes zu berichten gegeben aus Passau in diesen Tagen: Der freie Journalist Hubert Denk ist offensichtlich in das Visier von Fahndern geraten, die ein über 700 Seiten starkes Dossier über ihn angelegt haben. Denk hatte über eine umstrittene Parteispende berichtet, was sehr offensichtlich nicht jedem recht war. Über den Fall Denk berichteten unlängst u.a. die „Süddeutsche Zeitung“ und der Bayerische Rundfunk. In der „Passauer Neue Presse“ war davon exakt nichts zu lesen. Denk gehört allerdings auch nicht zum Freundeskreis des Monopolblatts: Früher selbst bei der Verlegerfamilie Diekmann arbeitend, überwarf er sich mit dem Monopolisten und gibt seither sein eigenes Stadtmagazin heraus.

Der Fall Adam jedenfalls zeigt, wie unsinnig das Gerede von medialer Vielfalt in Deutschland ist, zumindest in den weniger urbanen Regionen. Adam und Denk stehen ziemlich ohnmächtig vor der Macht der PNP da: Selbst wenn es zu einer Beschwerde beim Presserat und einer anschließenden Missbilligung käme – der „Schaden“ für das Blatt wäre nicht im Geringsten mit dem vergleichbar, was Michael Adam schon jetzt hinnehmen muss.

Was die anderen schreiben