Xaver, Franz-Peter und der Attrappen-Journalismus

Helmut Schmidt hatte es ja wie immer schon gleich gewusst: Wenn es so werde wie 1962, dann werde das „nicht sehr schlimm“, prophezeite der Lieblingsweise der Deutschen den Ausgang des Sturmtiefs namens „Xaver“. Tatsächlich war „Xaver“ dann auch wirklich nicht sehr schlimm. Und heute redet keiner mehr drüber.

Ist ja auch schon einen ganzen Tag her, als man mehr oder weniger prophezeite, wir werden alle sterben (und das auch noch dumm).

Journalismus ist in diesen Tagen zu einer ziemlich aufgeregten Sache geworden. Zu einer zudem, die sich in einer fatalen Wechselbeziehung befindet: Es muss schnell gehen und das Publikumsinteresse ist immer eindeutiger messbar. Deshalb reichen inzwischen ein paar geschickt eingestreute Reizworte, um die Herde in helle Aufregung zu versetzen. Ich würde beinahe wetten wollen, dass diejenigen Meteorologen, die zum ersten Mal den Vergleich zwischen „Xaver“ und „irgendwas mit 1962“ in die Welt setzten, das sehr bewusst gemacht haben. Der Schlüsselreiz Sturmflut 1962 löst jedenfalls bei Journalisten und Publikum ganz andere Reflexe aus, als wenn man einfach nur gesagt hätte: Es dürfte in den nächsten Tagen zu einem ziemlich schweren Wintersturm kommen.

So aber: 1962! Sturmflut! Drama! Tote! Dabei hätte man gerne mal einen Journalisten gehört, der des Altkanzlers simple Überlegung aufgegriffen hätte: Wenn vor einem halben Jahrhundert  eine Flut Schaden anrichten konnte, sich seitdem die Sicherheitsvorkehrungen erheblich verbessert haben und die Flut trotzdem „nur“ die Höhe von damals erreicht – was ist daran dann eigentlich so bedrohlich? Aber das hätte natürlich die ganze schöne Gruselgeschichte ziemlich zerstört.

Und sogar der arme Helmut Schmidt musste dran glauben: Statt einfach mal die Betriebs-Temperatur zu senken, tickerte „Spiegel Online“ raus: Helmut Schmidt gibt Entwarnung! Im ersten Moment dachte ich, ich sei beim „Postillion“ gelandet.

Stattdessen also das: Liveticker auf nahezu allen etablierten Webseiten, die aufgeregt im Minutentakt davon berichteten, dass in Cuxhaven ein Baum umgefallen sei.Ein (natürlich) ARD-Brennpunkt, in dem wie schon den ganzen Tag zuvor in anderen Sendern Menschen mit Puschelmikrofonen im Wind standen und dann in ihr Mikro brüllten, dass es windig sei. Der Klick- und Quotenerfolg gibt den Brennpunktmachern und LIvetickerern wie immer recht, der „Brennpunkt“ war am Donnerstag Quotensieger im Gesamtprogramm. Auf der anderen Seite zeigt genau das die Problematik einer solchen Form von Journalismus: Man erzeugt künstlich ein Interesse und rechtfertigt die Berichterstattung dann mit dem großen Interesse am Thema. Was bleibt, ist eine Art gefühlte Information, nichts aber, was mit wirklicher Information zu tun hat. Eine Informationsattrappe sozusagen. Am Ende wird es „Xaver“ nicht mal in irgendeinen Jahresrückblick schaffen, was auch damit zu tun hat, dass Jahresrückblicke in Zeiten von Informationsattrappen-Journalismus jetzt schon im November gesendet werden.

Kann sich übrigens noch jemand an den „Protz-Bischof“ erinnern, als ein ganzes ARD-Team den Vatikan belagerte und in Live-Aufsagern atemlos ins Mikro hechelte, man habe weder den einen (den Bischof) noch den anderen (den Papst) gesehen, es werde aber womöglich schon bald eine Entscheidung fallen? Mit ein bisschen zeitlichem Abstand fällt die Lächerlichkeit eines solchen Journalismus noch stärker ins Auge. Der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli übrigens betont und schreibt immer wieder, schon seit Jahren keinen „News“- oder Nachrichtenjournalismus mehr zu verfolgen. Und deswegen kein bisschen schlechter informiert zu sein. Ganz ehrlich: Exakt das werde ich ab dem heutigen Tag auch — naja, wenigstens versuchen.

Und wer wissen will, wie so ein Attrappen-Journalismus aussieht, bitte sehr: