Correctiv zeigt, wie man es besser nicht macht

Mit seiner „Enthüllung“ über die Vergangenheit einer AfD-Politikerin hat sich das Recherchebüro Correctiv ein klassisches Eigentor geschossen. Wenn man so mit Populisten umgehen will, hilft man ihnen eher. Wie Journalisten viel souveräner dem Populismus entgegnen können, zeigt ein aktuelles CBS-Interview mit Donald Trump…“Read

Medienwandel 2017 – ein Ausblick

Wenn man irgendwas aus den letzten Monaten mitnehmen kann, dann das: Diese Sache mit dem Medienwandel geht gerade viel schneller als erwartet. Es tritt ein, was wir eigentlich schon lange ahnen: Disruption auf allen Ebenen.

Aber das muss nichts Schlimmes sein. Im Gegenteil: So spannend waren die Zeiten schon lange nicht mehr.  Und so viele interessante neue Dinge hat es auch schon länger nicht mehr gegeben.  Ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind (ohne Anspruch auf Vollständigkeit natürlich)…

Im Gespräch mit dem netten Bot von nebenan

Zugegeben, ich bin mir immer noch nicht sicher, was ich von Chat-Bots für Journalismus halten soll. An manchen Tagen denke ich mir, dass das ein ganz lustiges Gimmick ist. An anderen Tagen halte ich das für ziemlichen Schmarrn. Weil ich einfach nur wissen will, was gerade Sache ist und mich nicht in einen Schein-Dialog mit einer Software einlassen will. Und dann wiederum denke ich mir manchmal: ja klar, schlaue Sache das. Man kann sich, wie der Resi-Gründer Martin Hoffmann immer wieder betont, möglicherweise Dinge aus einem (vermeintlichen) Gespräch leichter merken als aus einem ewig langen Textstück.

Auf der anderen Seite taucht ja dann doch in regelmäßigen Abständen etwas auf, was uns als die Zukunft der Nachrichten angepriesen wird. Demnach ist es übrigens ein Wunder, dass überhaupt noch ein einziger Menschen auf der Welt die gute, alte „Tagesschau“ schaut. Ich erinnere mich neben einigen anderen an die eine Zeit lang ziemlich gehypte Auffassung, Nachrichten ließen sich gut durch Newsgames transportieren.

Das stimmt vielleicht sogar. So, wie manches auch für die Chatbots spricht. Trotzdem sind Menschen, wenn es um Nachrichten geht, erstaunlich konservativ. Sogar diejenigen, die ansonsten nie von sich behaupten würden, konservativ zu sein.  Aber in der „Tagesschau“ verlesen immer noch Sprecher Nachrichten, im Radio gibt es sie selbst im Dudelfunk alle Stunde einmal ziemlich genau 5 Minuten lang. Alle Versuche, selbst von Dudelfunkern, aus Nachrichten eine mehr oder minder lockere Veranstaltung zu machen, sind gescheitert. Und dass die erfolgreichsten Nachrichten des Privatfernsehens (nämlich die von RTL) so erfolgreich sind, liegt auch daran, dass sie am ehesten Tagesschau-ähnlich sind.

Auf der anderen Seite: Das Netz ändert bekanntermaßen alles. Und dass man irgendwann mal Nachrichten über einen Messenger konsumiert, hätte man sich vor allzu langer Zeit auch noch nicht träumen lassen.

Gut möglich also, dass ich über diese Überlegungen in einem oder zwei Jahren herzlich lachen werde. Weil mich die Realität und dieser Medienwandel mal wieder gnadenlos überholt haben.

Medienwandel 2017: Altes geht, Neues kommt

Sicher hingegen ist: Die bisherigen Nachrichten- und Medienorganisationen bekommen Mitbewerber. Reichlich viele und reichlich gute. Es ist gerade mal knapp zehn Jahre her, da glaubten etablierte Verlagsvorstände ernsthaft, Google und viele andere seien in zehn Jahren (also 2017) tot. Und dann komme die Rückkehr zur etablierten journalistischen Ordnung. Was für ein Trugschluss…

Dabei ist es unsinnig, immer gleich die Google-Facebook-Keule zu schwingen. Das Netz hat etliche Formen von Publizistik möglich gemacht, die früher undenkbar waren. Das Recherchebüro Correctiv ist eine davon, Angebote wie „Übermedien“ oder sogar die „Krautreporter“ gehören ebenfalls dazu. Das alles wäre ohne die Digitalisierung nicht machbar gewesen. Weil (der alte Marx lässt grüßen) die Produktionsmittel in der analogen Zeit viel zu teuer gewesen wären. Eine Druckerei, einen Sender baut man nicht mal nebenbei. Man bekommt ihn nicht mal durch eine wohlwollende Crowd finanziert.

Mittlerweile sind die Investitionen für die Technik das allergeringste Problem. Somit ist auch das Medienwandel: Das gibt Journalisten die Chance, Angebote in Eigenregie großzuziehen. Das Lamento also, die publizistische Vielfalt werde durch die Digitalisierung eingeschränkt, ist unbegründet. Zumindest dann, wenn man mit „publizistischer Vielfalt“ nicht nur die diversen Lokalausgaben deutscher Regionalzeitungen meint.

Das ist für den Journalismus eine Chance und für Journalisten natürlich auch. Und in jedem Fall eine gute Sache, wenn man Geld für Inhalte ausgeben muss und nicht für irgendwelche tonnenschweren Maschinen.

Guten Journalismus gibt es mehr denn je

Es wäre ja generell eine gute Idee, auch die vielen wunderbaren Dinge zu sehen, die es im Journalismus jeden Tag gibt. Natürlich kann man die Finanzierungskrise des Journalismus nicht mal eben weglächeln. Und die Krise insbesondere der Tageszeitungen produziert auch regelmäßig eher unschöne Schlagzeilen, zuletzt mal wieder in Berlin.

Aber Moment, gab es nicht diesen einen Begriff, der eine Zeitlang zuverlässig bei jedem Panel in die Runde geworfen wurde? Stimmt, da war mal was!

Medienwandel

(Die Folie hat mein wunderbarer Kollege Kristian Laban gemacht, ich verwende sie oft und gerne bei diversen Vorträgen. Mehr über uns: www.jakubetz-laban.de)

Was wir erleben, ist nichts anderes als das, was uns zuverlässig seit vielen Jahren prophezeit wird: Disruption! Schöpferische Zerstörung!

Während also Angebote wie „Correctiv“ entstehen, gehen andere Geschäftsmodelle gerade kaputt. Das ist nun mal der Gang der Dinge und das muss auch gar nichts Schlimmes sein (außer, man ist gerade Zeitungsverleger). Dem Journalismus geht es trotzdem sehr viel besser als wir in der unserer täglichen Schwarzseherei gerne glauben.

Man muss sich ja nur mal einen Tag lang intensiv durch das (journalistische) Netz surfen: Ich muss inzwischen wirklich rigoros auch mal Dinge aussieben, weil ich nicht mehr in der Lage bin, all die großartigen Dinge, die ich jeden Tag sehe, auch zu lesen/anzuschauen/zu hören.

Da ist auch viel Unsinn dabei, sagen Sie? Natürlich. Aber gehen Sie mal zu einem beliebigen Zeitungskiosk – und Sie werden feststellen, dass das schon immer so war, seit es Medien gibt. Blühender Unsinn wächst manchmal neben den echten Perlen. Das war schon lange so, bevor überhaupt jemand den Begriff Medienwandel kannte.

Hoffnungsschimmer und Trümmer

Düstere Tage im Journalismus? Wer genau hinschaut, stellt fest: Neben rauchenden Trümmern gibt es auch einige Projekte, die den Glauben an eine Zukunft in den Medien zurückgeben.

Man könnte ein wenig verzweifeln an der Branche in diesen Monaten: Bei Gruner&Jahr gibt es seit Monaten Nachrichten, die man sich nur mit viel gutem Willen und einer fähigen PR-Abteilung schönreden kann. Beim „Spiegel“ läuft eine absurde Vorstellung aus der beliebten Reihe „Selbstzerfleischung“, bei anderen Blättern irgendwo in Deutschland gehören Entlassungen, Kürzungen und Schließungen ganzer Redaktionen zum Alltag. Man zuckt nochmal kurz zusammen, das war´s. Soll man da wirklich noch Spaß an seinem Job haben – oder womöglich sogar jungen Kollegen empfehlen, sich weiter mit einem lauten Hurra in den Journalismus zu stürzen?

Medien 2014, das ist aber auch das: Zwei Journalisten starten auf eigene Faust ein ambitioniertes Wissenschafts-Magazin (siehe auch die Geschichte drüben beim „Universalcode“). Das „correctiv“ etabliert sich als hoch spannendes Investigativ-und Rechercheprojekt. Die „Krautreporter“ haben rund eine Million Euro für ihr Reportage-Magazin eingesammelt. Und natürlich gibt es immer noch die ganzen Selfmade-Menschen, die sich im Netz als eigene Journalistenmarke etabliert haben, gute Geschichten außerhalb der Strukturen etablierter Medien erzählen und davon auch noch halbwegs passabel leben können.

Und nein, die Innovation passiert eben nicht nur an den Rändern – so schwarz-weiß ist nicht mal die Medienwelt. Es gibt eine ganze Menge an Veränderung auch bei denen, die in der digitalen Welt gerne mal ein bisschen geschmäht werden (aus Diskretionsgründen darf ich an dieser Stelle nicht allzu viel verraten). Es gibt hoch spannende Projekte wie die „NZZ“, die übrigens nebenbei bemerkt gerade Leute sucht. Es müssen gar nicht mal „NZZ“, „Guardian“ oder die „Zeit“ sein, die sich als Treiber hervortun. Wer genau und halbwegs vorurteilsfrei hinschaut, der sieht auch bei kleineren Häusern immer wieder mal interessante Ansätze.

Gespannt darf man vor allem auf das Projekt „Substanz“sein, das am kommenden Freitag an den Start gehen wird. Neben dem Modell der „Krautreporter“, die den Ansatz entwickelt haben, Geld dadurch zu verdienen, dass man eine Community gründet, ist das der nächste Weg: konsequent kostenpflichtig, vom ersten Tag an. Geld verdienen mit hochwertigem Journalismus. Mit einer Spezialisierung auf ein Ressort zudem. Gesetzt den Fall, die „Krautreporter“ und „Substanz“ funktionieren auf mittelfristige Sicht, dann wäre zumindest der Beweis erbracht, dass es eben doch funktionierende Geschäftsmodelle für Journalismus im Netz gibt. Es gibt ein Leben jenseits der bisherigen Geschäftsmodelle. Man muss es nur entdecken.

Und es gibt noch einen Grund, solchen Projekten Erfolg zu wünschen: Es wird ja viel und gerne darüber lamentiert, dass Journalismus im Netz automatisch gleichzusetzen ist mit Verflachung. „Substanz“, „Correctiv“ und „Krautreporter“ setzen genau auf das Gegenteil.

Würde das alles funktionieren – man könnte beinahe wieder Lust auf die Branche bekommen.