Als es noch DSL 1000 gab…

Wenn man ein Buch überarbeitet, das die Grundlage für ein neues Buch werden soll – dann stößt man auf echte Perlen. Vor allem dann, wenn es das eigene Buch ist, wenn es schon ein paar Jahre alt ist und wenn es sich um digitale Medien dreht…

Im Jahr 2007 also schrieb ich im Buch „Crossmedia“ das Folgende, wobei ich dringend um Beachtung meiner durchaus prophetischen Fähigkeiten bitte:

Ähnlich verhält es sich mit allen anderen Darstellungsformen, die im weitesten Sinne unter der Kategorie Multimedia einzuordnen sind. Audios, Animationen, inzwischen bei Bedarf auch hochauflösende Fotos – die Bandbreite macht vieles möglich, was früher mit dem Hinweis auf lange Ladezeiten und hohe Kosten für die User abgelehnt wurde. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt dabei natürlich auch die Tatsache, dass sich Flatrates für Online-Zugänge inzwischen weitgehend durchgesetzt haben und sich die Frage danach, ob die Ladezeiten für Nutzer überhaupt zumutbar sind, weitgehend erledigt hat. Inzwischen sind Schmalband-Zugänge ins Internet eher die Ausnahme geworden. Die Entwicklung ist eindeutig: Studien sagen voraus, dass im Jahr 2015 die Geschwindigkeit, die wir als DSL 1000 noch unlängst als Einstieg in das Breitbandzeitalter gefeiert haben, als langsam gelten wird. Man kann also getrost davon ausgehen, dass die Zugangsgeschwindigkeiten rasant steigen und damit in ebensolcher Rasanz die Multimedialität im Netz vorantreiben werden.

Jaha, DSL 1000. Das gab es wirklich mal, liebe jüngere Leser. Und es hat uns auch nicht geschadet. Obwohl, eigentlich dann wieder doch.

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Es ist also bis zu einem gewissen Grad ein ziemlicher Spaß,  dieses neue Buch mit dem Titel „Universalcode 2020“ zu schreiben. Man merkt dabei aber eben auch, in welch wahnwitzigem Tempo sich die Dinge verändert haben (und wie sie es immer noch tun). Ursprünglich wollte ich ja nur eine Aktualisierung von „Crossmedia“ machen, aber nach der Lektüre von ein paar Seiten habe ich festgestellt, dass das alles schneller geht, wenn ich (fast) alles neu schreibe. Und nachdem der gute, alte „Universalcode“ ja auch eine kleine Aktualisierung gebrauchen könnte, lag es nahe, beide Projekte zusammenzuwerfen.

Und noch etwas ändert sich ein bisschen: Der Fokus beider Bücher lag bisher eindeutig auf Journalismus. Inzwischen denke ich, dass das absurd ist, weil es alle Menschen ausschließt, die noch was anderes machen als Journalismus. Soll es ja geben. Die Aspekte der Digitalisierung, um die es auch mal ganz grundsätzlich gehen wird, sind zu viele und zu allgemeingültig, als dass man sie nur generell auf Journalisten beziehen sollte.

Und noch ein Unterschied zum „Universalcode“: 600 Seiten waren damals irgendwie auch ein Statement. Aber eines, dass auch den Nachteil hat, dass man es nicht mal eben updaten kann. Der „Universalcode 2020“ wird deshalb dünner, maximal 300 statt 600 Seiten. Wie es der Titel signalisiert: dafür lieber öfter aktualisieren. Der aktuelle Horizont reicht bis 2020. Alles, was darüber hinausgeht, wäre vermessen.

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Beim Verlag glauben sie übrigens, dass das Buch im Juni erscheinen wird. Ich lasse sie einfach mal in dem Glauben…

„Digitaler Journalismus“

Vorsicht, jetzt wird es einigermaßen kompliziert, an manchen Stellen widersprüchlich, grundsätzlich-theoretisch und auch sonst alles, was man in einem Blogbeitrag eigentlich nicht machen sollte. Geht aber leider nicht anders, weil es sich bei diesem Buch und seiner Geschichte ebenfalls um eine etwas komplizierte Geschichte handelt. Auf der anderen Seite: Was in diesem Internet ist schon einfach?

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Es war 2008, als ich zum ersten Mal mit dem UVK in Konstanz Kontakt hatte. Der Gedanke damals: ein Buch zu machen, dass in vergleichsweise kompakter Form einen Überblick über ein ganz brandheißes und nagelneues Thema geben sollte. Das Buch hieß dann auch so wie das Thema: „Crossmedia“ erschien 2009 und ich bilde mir noch heute ein, dass es ein ziemlich gutes Buch war. Noch dazu (auch das ist vielleicht nur eine Einbildung) das einzige Buch, dass sich damals mit diesem Thema auseinandersetzte.

Das war vor nunmehr sechs Jahren. Man kann sich also leicht ausrechnen, dass „Crossmedia“ im Jahr 2015 nur noch bedingten Wert hat. Es gab zwar 2011 eine zweite, überarbeitete Auflage, aber auch die ist zum einen nunmehr vier Jahre alt und zum anderen auch nicht so sehr anders in den Grundzügen, als dass man mit gutem Gewissen behaupten könnte, es sei wirklich noch up to date.

Auflage 3 – oder ganz neu machen?

Es ist ein schöner Zufall, dass gerade jetzt einiges zusammen kommt. Auch die zweite Auflage ist nämlich so gut wie verkauft. Das bestätigt, dass es zumindest grundsätzlich weiterhin Bedarf an diesem Buch gibt; zwei volle Auflagen verkauft man von journalistischen Fachbüchern nicht so ganz leicht. Und es ist eine gute Gelegenheit, über die Zukunft eines solchen Buches nachzudenken. Klar, eine dritte Auflage hat schon seinen Reiz – aber wenn man auch nur ein paar Sekunden nachdenkt, kommt man schnell auf eine grundsätzliche Frage:

Ein Buch mit Titel „Crossmedia“? Im Jahr 2015? Echt jetzt?

Natürlich nicht.

Das Thema „Crossmedia“ ist ziemlich tot und ich bilde mir (schon wieder!) ein, dass es kaum jemanden gibt, der das in den letzten zwei Jahren öfter gesagt und geschrieben hat. Da wäre es widersinnig, ein Buch mit diesem Namen herauszubringen. Auf der anderen Seite: Es ist mit zwei verkauften Auflagen ja dann doch absurd, diesen Titel einfach über Bord zu werfen. Zumal ich mir das Buch in den letzten Wochen nochmal genau angeschaut habe, nur um festzustellen: An vielen Stellen hat es – leicht modifiziert – immer noch seine Gültigkeit – und die Grundstruktur des Buchs muss man jetzt auch nicht komplett über den Haufen werden.

Nach ein paar Gesprächen mit dem Verlag bin ich deshalb jetzt zu einer etwas merkwürdigen Entscheidung gekommen. Es wird eine dritte Auflage des Buches geben, das dann aber nicht mehr so heißen wird. Aus „Crossmedia“ wird „Digitaler Journalismus“. Einiges aus „Crossmedia“ wird dann auch dort auftauchen, vermutlich aber mindestens die Hälfte wird komplett neu sein. Wie nennt man dann eine überarbeitete Version eines Buches, das auch noch einen neuen Titel bekommt? Keine Ahnung. Ist ja auch nicht weiter wichtig. Sicher ist nur: 2016 wird es erscheinen, schneller geht es nicht.

Der Unterschied zu „Universalcode“

Der eine oder andere weiß vermutlich, dass es dann ja auch noch ein anderes Buch zum Thema gibt: „Universalcode“. Den gibt es weiter, ich finde auch nach wie vor, dass sowohl das Buch als auch die Webseite nach wie vor ihre Gültigkeit haben. Der Ansatz von „Universalcode“ als Multiautoren-Buch ist auch ein anderer. „Universalcode“ ist wie eine 600 Seiten starke Bedienungsleitung für etliche Elemente aus dem digitalen Journalismus. Das will und kann das neue Buch nicht sein. Erstens wird es sehr viel kürzer, ich vermute mal, dass wir wieder bei ca. 200 Seiten rauskommen werden. Zum anderen hat es viel mehr den Charakter einer Übersicht, weswegen ich das auch alleine und ohne weitere Co-Autoren schreiben werde.

Und schließlich: Ich war damals von der Idee fasziniert, „Universalcode“ als eigenes Projekt zu stemmen. Im Nachhinein weiß ich aber auch, wie unglaublich viel Arbeit bei einem solchen Projekt in anderen Arbeiten als der des Autors steckt. Ich schließe keineswegs aus, so etwas mal wieder zu machen, bin aber bei dem aktuellen Projekt einfach nur froh, einen Verlag an der Seite zu haben, dem ich nur irgendwann mal ein fertiges Manuskript in die Hand drücken muss. Das ist eh schon Arbeit genug, so ist es ja nicht.

Also, an die Arbeit. Und wer wirklich will, kann sich die Zeit dahin ja mit der Lektüre von „Universalcode“ vertreiben…

Crossmedia ist tot

2015 kommt – und damit das Jahr, in dem die neue digitale Medienwelt endgültig Gestalt annimmt. 5 Thesen, wie man sich dort am besten positioniert.

1.Vergesst Crossmedia!

Irgendwie ist es ja schon lustig, wie das in der Branche läuft mit diesem Internet: Irgendwann ploppen ein paar Schlagworte auf, die dann liebevoll adaptiert und fortan in ungefähr jeder  Diskussion verwendet werden. „Crossmedia“ ist so eines. Es existiert zwar schon einige Jahre, trotzdem scheut sich selbst ein WDR-Intendant nicht, der „Zeit“ im Jahr 2014 ernsthaft zu erzählen, die Zukunft der gesamten Branche sei irgendwie „crossmedial“. Dem kann man natürlich nicht so richtig widersprechen. Besonders treffend ist es dennoch nicht. Weil „Crossmedia“ ja erst einmal nur eines ist: Inhalte auf zwei Kanälen auszuspielen, so dass sie sinnvoll und ergänzend miteinander verknüpft sind. Das heißt aber auch: Das eine setzt das andere voraus. Genau das ist es aber nicht, was sich aus den Entwicklungen insbesondere der letzten beiden Jahre ablesen lässt. Im Gegenteil: Angesichts der Zersplitterung in viele verschiedene Kanäle, die Nutzer inzwischen nun mal einfach frequentieren, ist es weitaus vernünftiger, erst einmal jeden Kanal einzeln zu betrachten. Das mag verwirrend klingen, weil es das pure Gegenteil von dem ist, was über Jahre hinweg postuliert wurde (Offenlegung: teilweise auch von mir). Tatsächlich aber hat das bisherige „crossmediale“ Denken zur Folge, dass zwar unterschiedliche Kanäle bestückt werden, dies aber meistens dann doch nur in der mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen Aufforderung landet, man möge doch am Ende bitte wieder zum eigentlichen „Hauptkanal“ zurück kehren. Natürlich kann es sinnvoll sein, beispielsweise eine Geschichte im Blatt mit einem Video auf der Webseite zu verbinden. Wenn sich die Idee aber alleine darin erschöpft, dann wäre es am Ende eben doch nur Zeitung (oder TV/Radio) mit ein bisschen Internet hintendran. Eine zukunftsfähige Strategie ist das aber noch lange nicht.

Und wenn wir schon dabei sind: Spätestens, seit es Wolfgang Blau bei der „Besser Online“-Tagung gesagt hat, ist das gottlob kein Sakrileg mehr: Online und Print/TV/Radio gehören nicht zwingend zusammen. Gemeinsam strategisch denken, das ist das eine. Alle zusammenwerfen, um dann Dinge zu machen, die man nur so mittelgut kann, ist das andere. Es gilt ja schon seit Jahren als common sense, dass Journalisten ungefähr alles können müssen. Das ist Unsinn, weil das niemand kann. Man muss das jeweils andere Medium begreifen, sicher. Man muss aufhören, nur an sich selbst und den eigenen Kanal zu denken, auch das ist klar.  Und wenn sich jemand findet, der für den jeweils anderen auch noch mitproduzieren kann, wunderbar. Ansonsten: Verabschiedet euch endlich von der Wunschvorstellung, dass jeder alles kann und es für jeden Beitrag noch irgendwas anderes gibt, was man anderswo ergänzend publizieren kann. Anders gesagt: Vergesst endlich die Crossmedia-Doktrin der letzten Jahre. Hübsches Schlagwort, das irgendwann aber zu Totschlagwort geworden ist.

2. Fahrt auf Sicht!

In Bamberg und in Heilbronn versuchen sie es jetzt mal mit „WhatsApp“. Wenn gefühlt die ganze Welt über dieses Ding kommuniziert, dann müsste es doch möglich sein, auch als Zeitungshaus dort ein paar Inhalte unterzubringen. Mit der Idee sind sie dort nicht ganz alleine, im Sommer hatten bereits BBC und SF mit solchen Experimenten begonnen – und auch ein renommiertes Blatt wie der „Standard“ in Wien hat inzwischen seinen eigenen Channel für den weltweit beliebtesten Messenger.

Das klingt erst einmal plausibel. Auch bei einem Netzwerk wie „Facebook“, originär sicher kein journalistisches Medium, würde heute kein vernünftiger Mensch mehr abstreiten, dass es für Medien sinnvoll ist, dort irgendwie präsent zu sein. Kein Mensch weiß, ob das funktionieren wird. Wie auch, so ganz ohne Erfahrungswerte. Es gibt gute Gründe, die dafür sprechen, dass man Menschen auf Messengern gut mit journalistischen Inhalten erreichen kann. Dummerweise gibt es aber auch genauso gute Gründe, die dagegen sprechen. Ohne den Versuch also werden wir es nie wissen. Kann sein, dass wir in ein paar Jahren über diese Schnapsidee lachen.

Aber so ist das nun mal in unserer digitalen Medienwelt. Und es ist schon immer so gewesen: Prognosen haben das Problem,  nur Prognosen zu sein. Die Weltgeschichte ist voll von legendären Falschprognosen. Man denke an die fehlenden Perspektiven für das Auto: „Die Zukunft ist das Pferd“, hat der damalige Kaiser gesagt. Oder an den schönen Satz, mehr als 640 KB Speicherplatz werde ein Mensch niemals in seinem Leben benötigen. Das Schöne wiederum ist, dass Bill Gates trotz dieser kapitalen Fehleinschätzung ein sehr reicher Mann geworden ist (also, zumindest für Gates ist das schön).

Speziell in den sich zunehmend mehr selbst beschleunigenden Entwicklungen der digitalen Welt könnte man vermutlich ein ganzes Kompendium von Fehleinschätzungen zusammenstellen und meine eigenen will ich da gar nicht ausnehmen, bevor mich jemand darauf hinweist: Ich hielt Twitter beispielsweise für komplett überflüssig und das iPhone für ein nettes Luxus-Spielzeug. Lernen kann man daraus zumindest,  nichts kategorisch auszuschließen und dabei dennoch ins Kalkül zu ziehen, mit neuen Ideen und Projekten jederzeit grandios scheitern zu können. Und dass es momentan nicht sonderlich sinnvoll ist, auf langfristige Strategien zu setzen.  Aufbauen und ggf. schnell wieder verwerfen – das ist zwar der Albtraum für Manager und Unternehmensberater, trotzdem aber kaum anders machbar.

Was die diversen „WhatsApp“-Projekte angeht, bin ich übrigens unentschieden. Weswegen ich es für eine ziemlich gute Idee halte, was die Kollegen da machen, u.a. in Bamberg und in Heilbronn: ausprobieren. Wer hinterher tönt, er habe es ja gleich gewusst (egal was), muss sich sagen lassen, bestenfalls ein risikoscheuer Wichtsack zu sein.

3.Lernt Euer Publikum kennen!

Den Seufzer kennt jeder, der schon etwas länger im Geschäft ist: Wenn wir doch bloß wüssten, was der Leser/Hörer/Zuschauer will! In den analogen Tagen, in denen man bestenfalls Quoten und Auflagen ein wenig analysieren konnte, war dieser Seufzer gerechtfertigt. Er war aber, nebenbei bemerkt, auch eine sehr kommode Ausrede: Wenn man mal wieder am Leser vorbeischrieb, konnte man darauf verweisen, dass man es eben nicht so genau weiß, was dieses Fabelwesen eigentlich will.

Ein solcher Seufzer zieht heute nicht mehr. Weil uns das Publikum jeden Tag auf sehr vielfältige Weise sagt, was er will. Gut, nicht immer so direkt. Aber es gibt mittlerweile ausreichend viele Möglichkeiten, zu den richtigen Rückschlüssen zu kommen. Man muss den Nutzer ja nicht gleich komplett gläsern machen, aber im Netzzeitalter lassen sich alleine aus dem Nutzerverhalten ganz andere Erkenntnisse als früher gewinnen.

Und man kann noch was ganz anderes machen: seine Nutzer fragen. Mit ihnen interagieren, kommunizieren. Weil soziale Netze und Kommentarfunktionen mehr sein könnten als reine Linkschleudern. Das mag banal klingen, muss man aber trotzdem so deutlich hinschreiben. Ich bin jetzt seit einem knappen Jahrzehnt immer wieder mal als Berater unterwegs – und es ist immer noch eine für mich verblüffende Feststellung: Über das Produkt wird in vielen Häusern präzise nachgedacht. Über die Leute, die es kaufen sollen, eher weniger. Fatal in einem Zeitalter, in dem sich ja nicht nur die Medien radikal wandeln. Sondern auch deren Nutzung.

Bevor das beliebte Totschlagargument kommt, man könne doch unmöglich ein Produkt nach Publikumswünschen machen, weil dabei nur Quatsch rauskommt: „Netflix“ hat das mal gemacht. Zahlen und Daten ausgewertet. Geschaut, was die User wohl gerne sehen könnten. Als man das dann wusste, hat man eine Serie in Auftrag gegeben. Weil die Leute Kevin Spacey mochten und gerne Drama-Serien zum Thema Politik und Gesellschaft sehen, hat man sich für eine Serie mit Kevin Spacey zum Thema „Politik“ entschieden. Herausgekommen ist „House of Cards“.

Nicht das schlechteste Argument dafür, sich mehr mit seinen Usern zu beschäftigen.

4. Macht aus Eurem Publikum eine Community!

Bei den „Krautreportern“ kann man alle Beiträge lesen, ohne dafür zu bezahlen. Trotzdem bezahlen Menschen für dieses Angebot. Weil sie Mitglied einer Community sein wollen. Das ist die vermutlich spannendste Erkenntnis aus dem Crowdfunding-Projekt, das irgendwann mal in der Gründung dieser Seite endete. Abonnenten der „Wired“ sind inzwischen auch nicht mehr einfach Abonnenten, sondern Member. Ein ähnlicher Gedanke wie er sich auch beim „Guardian“ durchgesetzt hat. Was ja auch naheliegend ist: Journalismus und Medien sind schon lange nicht mehr die Grundversorger von Information. Information gibt es in einem nie gekannten Überfluss. Was Journalismus also inzwischen schon heute und künftig noch viel mehr ist: der Welterklärer auf der einen und der Positionsbezieher auf der anderen Seite. Weil jede Community eine ist, in der Menschen ein paar Werte und Haltungen miteinander teilen und sie sich in ihren Haltungen tendenziell lieber bestätigt denn erschüttert sehen.

Wer also die „Wired“ liest, wird vermutlich eher zu der Kategorie der technikbegeisterten  Kulturoptimisten gehören und damit vermutlich das glatte Gegenteil eines FAZ-Lesers sein. Beide haben ihre Berechtigung und beide brauchen ihre journalistische Heimat. Dieses Lebensgefühl der journalistischen Heimat wird sich in den kommenden Jahren noch weiter verstärken – und auch an strategischer Bedeutung gewinnen. Gebt den Menschen eine Heimat und eine Community, statt sie mit Informationen zu überladen – so ließe sich ein publizistischer Auftrag für die Zukunft formulieren.

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Sagt da jemand gerade was von Filter Bubble? Natürlich. Aber es wäre naiv zu glauben, dass wir vorher nicht schon auch in einer solchen Blase gelebt hätten. Die Welt, die der „Spiegel“ seinen Lesern schildert, ist schon seit ungefähr 50 Jahren eine fundamental andere als die, die der FAZ-Leser vermittelt bekommt. Durch das Netz wird womöglich sogar die Notwendigkeit einer bubble größer. Nicht mal mehr der schlaueste Kopf ist noch in der Lage wirklich zu überblicken, was gerade alles in der Welt passiert. Dann lieber eine ordentliche Blase. Aus der kann man ja trotzdem mal nach draußen schauen.

Daraus resultiert aber auch anderes: Medien, deren Prinzip es ist, für alles und jeden ein bisschen was zu bieten, werden es zunehmend schwerer haben. Tageszeitungen beispielsweise, die gute alte „Illustrierte“ oder auch die vermeintlich großen Fernsehsender. Ihre Idee hatte ihre Berechtigung, die aber zunehmend mehr aus der Zeit fällt. Der Gedanke, einen ganzen Abend lang vor dem Fernseher zu sitzen, ist zunehmend absurd, wenn man das, was man wirklich sehen will, ganz woanders und viel einfacher bekommt. Im übertragenen Sinn gilt das ebenso für all die anderen „Wundertüten“, wie Henri Nennen mal seinen „Stern“ nannte“. Wundertüten haben – im metaphorischen Sinne – in der Zeit des Mangels funktioniert. Wer heute einem 10jährigen aus dem Supermarkt eine „Wundertüte“ mitbringen würde (wenn es denn noch welche gäbe), würde wahrscheinlich erstaunte Blicke ernten – und die Frage: Was soll das? Diese Frage muss man sich auch bei einem publizistischen Prinzip stellen, das jede Menge Zeug anbietet in der Hoffnung, dass man das eine oder andere davon interessant finden könnte. Wenn nebenan doch gleich die nächste Community ist, von der man verlässlich weiß, was man dort bekommt. Und wo man zudem auch noch gleich Menschen findet, die ähnliche Interessen und Werte haben.

Nebenbei bemerkt: Das wäre eigentlich alles keine ganz neue Erkenntnis. Lokaljournalismus ist immer schon auch ein Stück Community-Journalismus gewesen. Das gleiche Interesse ist die die gemeinsame Heimat – die außerhalb dieser Heimat in sehr vielen Fällen keinen anderen Menschen interessiert. Und nein, liebe Marketing-Manager: Zielgruppe und Community sind nicht dasselbe.

5. Entbündelte Inhalte, gebündelte Vermarktung

Meine beiden pubertierenden Töchter treiben sich bevorzugt auf Instagram rum. Da bin ich ab und an auch. Unser Verständnis von Instagram ist allerdings ein anderes. Ich sehe es immer noch als hübsche Foto-Plattform, für meine beiden Damen ist es eher ein Kommunikations-Tool.

Dafür können sie Twitter nichts abgewinnen. Ich schon.

Soll heißen: Es ist ein Irrglaube, wenn man meint, man könne im digitalen Zeitalter noch alle (oder wenigstens sehr viele) um das gleiche Lagerfeuer versammeln. Das letzte große TV-Lagerfeuer wird am Samstag gelöscht und nicht mal mehr die Kids lesen heute noch alle brav ihre „Bravo“. Man wird also, um in der Metapher zu bleiben, nicht daran vorbeikommen, viele kleinere Lagerfeuer zu entzünden, an denen sich versammelt, wer sich dort eben versammeln mag. Und das, ohne das Ziel zu haben, dass sie am Ende doch wieder zu dem einen großen Lagerfeuer kommen.

Konkret: Man erlebt noch viel zu häufig, dass beispielsweise Social-Media-Kanäle ausschließlich zu dem Ziel bespielt werden, irgendwann alle wieder zum „Muttermedium“ zu holen. Das kann, muss aber nicht der Effekt sein. Es geht vielmehr darum, eine Marke auf möglichst vielen Kanälen zu etablieren.

Aber man verdient doch mit Twitter oder Facebook kein Geld? Oder mit irgendwelchen kleinen Apps? Das mag in der einzelnen Betrachtung schon richtig sein. Geld verdient wird mit der Marke. Was letztlich zu einem scheinbaren Paradox führt: Man entbündelt seine Inhalte, um die Marke dann wieder gebündelt zu vermarkten.

Eine gute Marke und eine lebende Community – so müsste Journalismus funktionieren, wenn er auch ökonomisch überleben will.

 

Macht mehr im Netz (und weniger Crossmedia)!

Ein neues Schlagwort geistert durch den Journalismus: Transmedia. Was auf den ersten Bick einfach nur wie eine leichte Abwandlung des hinlänglich bekannten Begriffs “Crossmedia” klingt, ist in Wahrheit nichts anderen als ein Paradigmenwechsel – hin zu einem erzählenden, vielkanaligen, interaktiven Journalismus, zu dem es im digitalen Zeitalter keine Alternative gibt.

Natürlich ist die Frage legitim: Warum soll man sich das alles antun, wenn man letztlich nur eine einzige Geschichte erzählen will? Warum dann noch Twitter und Facebook und YouTube und ein paar mobile Endgeräte noch dazu? Würde es nicht ausreichen – und viele machen das ja auch so – dass man die sozialen Netzwerke als eine Art Programmteaser hernimmt (böse Stimmen nennen so was gerne auch mal “Linkschleuder”)?

Vermutlich muss man in diesem Zusammenhang zunächst auf einen Begriff kommen, der in den letzten Jahren etwas arg überstrapaziert worden ist: Crossmedia. Selten ist ein Begriff so wahl- und ideenlos benutzt worden wie dieser. Jeder, der neben einem Zeitungstext auch noch irgendwas im Netz gemacht hat, sprach danach von Crossmedia. Das ist alleine schon deshalb zweifelhaft, weil es für den Begriff Crossmedia eindeutige wissenschaftliche Definitionen gibt. Denen ist, bei manchen Unterschieden, zumindest eines gemein: Hinter dem Thema Crossmedia sollte ein stringentes Konzept stecken. Man muss demnach also tatsächlich eine Geschichte gezielt über mehrere Plattformen erzählen. Und natürlich sollte derjenige, der am anderen Ende sitzt und diese Geschichte konsumiert, irgend etwas davon haben, wenn er die Kanäle wechselt.

Tatsächlich aber gibt es immer noch viel zu viele Themen, bei denen der Begriff “Crossmedia” zweckentfremdet wird. Entweder dazu, dass man irgendwelches Material, das bei der Produktion übrig geblieben ist, wahllos ins Netz wirft und das dann “Crossmedia” nennt. Bilderstrecken sind ein schönes Beispiel dafür. Es passiert immer noch oft genug, dass sich Zeitungsredaktionen die besten Bilder von der Karte eines Fotografen ziehen und die dann für das Blatt verwenden. Der Rest, das was übrig bleibt, landet als Bilderstrecke im Netz – und man verweist dann auch noch tatsächlich stolz darauf, dass man eine Geschichte “crossmedial” aufbereitet hat. In Wahrheit handelt es sich dabei um nichts anderes als Resteverwertung. Dahinter steckt kein Mehrwert, kein Aufwand und letztlich auch kein neuer Inhalt.

Oder aber, auch gerne verwechselt: Redaktionen kündigen eine Geschichte in einem sozialen Netzwerk an – und glauben, das alleine sei schon Crossmedia. Dabei ist das nichts anderes als eine Art Programmankündigung auf einem anderen Kanal als dem altbekannten.

Mehr als Kanäle vollschütten

Man ahnt also: Crossmediales Arbeiten müsste wesentlich mehr sein als nur das Hineinschütten von Inhalten in diverse Kanäle. Dahinter müsste eine Idee stecken, die mit multimedialem Storytelling deshalb unzureichend beschrieben wäre, weil dieser Begriff schon anderweitig belegt ist. Aber zumindest der Begriff “Storytelling”, der gehört zu einem crossmediales Konzept unbedingt dazu. Weil eine Geschichte, die man über die verschiedenen Kanäle bringt, erzählt werden will. Wer keine (crossmediale) Geschichte zu erzählen hat, der kann darauf auch ganz einfach verzichten. Nirgends steht geschrieben, dass man Geschichten crossmedial erzählen muss. Schaut man sich allerdings das an, was in den letzten Jahren in vielen Redaktionen passiert ist, dann wird man den Eindruck nicht los, sie folgten einem nichtexistenten Zwang.

Tatsächlich also müsste man den meisten Redaktionen empfehlen: Lasst doch einfach mal los, so zwanghaft crossmedial sein zu wollen. Weniger kann ja durchaus mal mehr sein. Und eine crossmediale Geschichte ist nicht per se die bessere.

Natürlich drängt sich bei einer solchen These eine Frage sofort auf: Ist es nicht gerade erst common sense im Journalismus geworden, dass Journalisten auf allen Kanälen präsent sein müssen? Bekommt man nicht überall gebetsmühlenhaft erzählt, wie wichtig Facebook, Twitter und überhaupt das ganze Netz sind?

Das ist es natürlich und es ist auch weiterhin völlig richtig so. Es ist allerdings ein Unterschied, ob man auf den unterschiedlichen Kanälen präsent ist oder ob man eine einzelne Geschichte über diverse Kanäle hinweg erzählt. Das eine schließt zwar das andere nicht aus und man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Um die Verwirrung vollständig zu machen: Macht mehr im Netz und macht weniger crossmedial! Das müsste man Journalisten heute eigentlich empfehlen.

Eine andere Empfehlung ist: die Begrifflichkeiten auseinanderhalten. Das hat nichts mit wissenschaftlicher Kleinkrämerei zu tun. Sondern damit, dass crossmediales Arbeiten und transmediales Erezählen zwei grundverschiedene Dinge sind, obwohl sich beides auf den ersten Blick nahezu identisch anhört. Der Unterschied ist: Wer transmedial arbeitet, ist permanent auf vielen Kanälen vertreten – und dennoch nicht abhängig davon, ein Thema über die Kanäle erzählen zu müssen. Weil das gleichermaßen widersprüchlich wie verwirrend klingt, sollte man sich also zunächst anschauen, wie man den Begriff Transmedia definiert. Danach wird einiges deutlicher.

Der Begriff “Transmedia” bezeichnet journalistisches Erzählen einer Geschichte bzw. eines Themas über verschiedene Plattformen hinweg. Dabei werden verschiedene Techniken und Darstellungsformen verwendet. Diese Idee des “multimedialen Storytellings” basiert darauf, dass jeder Beitrag für sich auf jeder Plattform verständlich und konsumierbar sein muss. Dieser Idee steht im Gegensatz zu der crossmedialen Erzählweise, bei der es vor allem darum geht, Inhalte mit multisensorischen Hinweisen auf die jeweilige andere Plattform in vernetzter Form zu erzählen und die verschiedenen Inhalte in einen gemeinsamen Kontext zu setzen. Während also der Begriff “Crossmedia” eine Vernetzung der Inhalte als zwingende Voraussetzung beinhaltet, geht der Begriff des transmedialen Erzählens genau den gegenteiligen Weg. Die Inhalte sind nicht vernetzt miteinander, ergeben aber zusammen eine Narration über alle Kanäle des täglichen Lebens hinweg.

Dabei darf man den Begriff der Narration durchaus wörtlich nehmen: Journalismus als eine fortwährende Erzählung, die sich unabhängig macht von einzelnen Themen. Und, wenn man so will: auch von Zeit und Raum. Journalismus wäre nach dieser Definition etwas, was den ganzen Tag stattfindet, egal auf welchem Kanal. Ein so zu definierender Journalismus ist einer, der mehr wagt, als einfach ein Thema crossmedial noch in einen zusätzlichen Kontext zu setzen. Und es wäre ein Journalismus, der damit aufhört, Kanäle nach Hierarchien zu unterscheiden. Ein 140-Zeichen-Tweet hätte demnach die gleiche Wichtigkeit wie eine große Reportage. Transmedialer Journalismus als eine permanente Erzählung, der seine Nutzer potenziell durch den ganzen Tag hinweg begleitet, da wo er gerade istm so, wie er ihn gerade haben will – das wäre das Modell der Zukunft.

Aber was heißt schon der Zukunft? Wir reden von der Gegenwart und für ein mündiges, digitales und vermutlich jüngeres Publikum ist es schlichtweg das, was er von uns verlangt. Nüchtern betrachtet haben wir also gar keine andere Wahl mehr als dorthin zu gehen, wo unser Publikum ist. Weil es umgekehrt nicht oder nur noch eingeschränkt zu erwarten ist, dass dieses Publikum dorthin kommt, wo wir sind. Den Satz “Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden”, haben wir bis zur Ermüdung gehört. Weniger wahr ist er dadurch aber nicht geworden.

Trotzdem bedeutet er sehr viel mehr, als dass wir den Nutzer auf allen Kanälen darauf hinweisen müssten, welche großartigen Geschichten er nun in unserem angestammten Medium zu erwarten hat. Transmediales Arbeiten ist nicht weniger als ein kompletter Paradigmenwechsel des Journalisten-Berufs. Dabei wächst die Bedeutung von Kommunikation im ursprünglichen Sinn. Journalisten werden zunehmend zu Moderatoren einer digitalen Welt. Auch das bedeutet mehr, als dass wir künftig vermehrt auf Kommentare auf unseren Webseiten oder bei Facebook eingehen müssten. Wer sich in die digitale Welt mit ihrer Unzahl von Räumen begibt, muss zwangsläufig für Interaktion offen sein.

Telefonieren lernen…

Im Buch “Universalcode” bemüht Dirk von Gehlen (jetzt.de/Süddeutsche Zeitung) ein schönes Bild: Journalisten müssten zunehmend wieder lernen zu telefonieren. Natürlich in einem metaphorischen Sinn: lernen, wieder zu kommunizieren. Nichts anderes ist es, wenn wir bei “Twitter” und “Facebook” und all den anderen Netzen, die es da gibt und die noch kommen werden, aktiv werden. Von Gehlen nennt das Netz ein “dialogisches Medium” – und hat recht damit. Er stellt aber auch fest: “Sie (die Leser) klingeln ständig, aber die Leitung bleibt oft noch stumm.” Womöglich ist das der gravierendste Unterschied zwischen dem cross- und dem transmedialen Arbeiten: Crossmediales Arbeiten lässt sich immer noch ohne Interaktion bewerkstelligen. Für transmediales Arbeiten ist Interaktion zwingende Voraussetzung.

Transmediales Arbeiten – das bedeutet zunehmend auch: kuratieren von Inhalten. Das ist sehr viel mehr als ein paar Links zu sammeln. Es handelt sich dabei auch nicht um das schnöde Zusammentragen dessen, was andere gemacht haben. Kuratieren ist eine originär journalistische Leistung, das digitale Adäquat zur analogen Recherche. Dinge in einen Kontext zu bringen, Information aus einer täglichen Flut digitaler Datenmassen zu filtern, das ist Journalismus im besten Sinne.

Und ein Journalismus, wie er in Zeiten des digitalen Overloads unverzichtbar und letztlich auch gar nicht anders machbar ist.

Geständnisse eines selbstverliebten Laberers

Zunächst muss ich Ihnen heute ein Geständnis machen: Ich habe absolut gar keine Lösung für die Frage, wie sich eine Tageszeitung in die Zukunft retten könnte. Gar keine. Ich habe nur eine Ahnung, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Das denke ich übrigens auch vom klassischen, linearen Fernsehen. Aber eine fertige Lösung? Wenn ich sie hätte, würde ich heute noch meine Bank oder Jeff Bezos anrufen und würde das, was ich für richtig halte, ausprobieren, indem ich mir eine Zeitung kaufen würde. Muss ja nicht gleich die Washington Post sein, als kleine Experimentierfläche würde mir auch der „Dingolfinger Anzeiger“ völlig ausreichen. Aber erstens wüsste ich dann nicht so richtig, was ich damit anstellen soll und zweitens habe ich die Nummer von Jeff Bezos nicht. Deswegen wird es vorläufig dabei bleiben, dass ich lediglich hin und wieder öffentlich weiterhin behaupten werde, dass das Produkt Tageszeitung aus meiner Sicht keine große Zukunft hat. Das würde ich auch vom Tonträger CD behaupten, ohne dass ich ein Patentrezept für die Zukunft der Musikindustrie habe.

Warum das hier steht? In den letzten Monaten hat sich aus meiner Sicht mal wieder die Front zwischen Befürwortern des Modells Tageszeitung und der Skeptiker erheblich verschärft. Das ist erst mal nicht weiter schlimm, in einer guten Debatte darf es ruhig mal scheppern. Was ich allerdings weniger schätze: Es wird zunehmend persönlicher. Ein erster kleiner Höhepunkt dessen war für mich die unsägliche Debatte im „Medium Magazin“ zwischen Thomas Knüwer und Christian Lindner, bei der Sinn und Zweck der Beiträge erkennbar nicht war, Positionen auszutauschen. Sondern einfach Leute aufeinander loszulassen. Christian Lindner hat das dann auch brav getan, in dem er den „Onlinern“ (was auch immer das sein soll) Arroganz und Besserwisserei vorgeworfen hat.

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Seit gut einer Woche gibt es nun bei „Spiegel Online“ eine Debatte über die Zukunft der Zeitung. Dort haben bisher u.a. Thomas Knüwer, Mario Sixtus, Richard Gutjahr, Wolf Schneider, Armin Wolf, Stephan Weichert, Wolfram Weimer und Constantin Seibt versucht, die Frage zu beantworten, wie es um die Zukunft der Tageszeitung bestellt ist. Die Antworten der angefragten Autoren (einschließlich meiner eigenen) fielen nicht wirklich überraschend aus: Wenn man Knüwer, Sixtus, Gutjahr und ab und an mal meinen Kram liest, dann wird man schwerlich erwarten können, dass einer von uns etwas sehr viel anderes schreibt als das, was wir schon längere Zeit so schreiben und was – ich behaupte das mal einfach für die anderen mit – unserer Überzeugung entspricht.  Man kann das aus zweierlei Gründen kritisieren. Erstens, weil man schlichtweg anderer Meinung ist. Oder aber man kritisiert, dass der „Spiegel“ Leute angefragt hat, deren Haltungen weitgehend bekannt sind. Aber zu kritisieren, dass wir auf die Frage nach unserer Meinung unsere Meinung geäußert haben, ist ein kleines bisschen obskur.

Allerdings geht es offensichtlich bei der Debatte um die Zukunft der Zeitungen beileibe nicht mehr nur um die Sache als solche, sondern auch um sehr viel Emotionen. Stefan Winterbauer beispielsweise kritisiert beim Branchendienst „Meedia“ u.a. „selbstverliebtes Gelaber“ und „nervenzerfetzende Langeweile“. Und dass es ausschließlich darum gehe, dass jeder „selbsternannte Medienprophet“ bei dieser Debatte dabei sein wolle. Was im Übrigen ein hübscher Beleg dafür ist, dass Winterbauer erst genervt und dann genervt und schließlich gernervt war und deswegen nicht recherchiert hat: Bei der Debatte hat sich keiner von uns Selbstdarstellern aufgedrängt und wollte unbedingt mit dabei sein. „Spiegel Online“ hatte die Autoren angefragt. Aber es ist dann schon irgendwie erschütternd für mich selbst, wenn ein Medienjournalist offenbar denkt, ich hätte mit dem Ruf „Ich will da rein“ an der Tür des „Spiegel“ gescharrt.

Winterbauer konstatiert dann noch einen Redundanz-Overkill und merkt an, dass es sich um das ewige Geschwätz handle, das keinerlei Lösung anbietet. Tja, kann gut sein – allerdings fällt mir auch nach längerem Nachdenken nicht ein, welche probaten Lösungen ich nach Lektüre von Stefan Winterbauer oder „Meedia“ gefunden hätte. Und falls man dort jetzt einwenden sollte, dass ein guter Musikkritiker ja nicht auch gleichzeitig ein guter Musiker sein muss, würde ich sagen: Treffer. Natürlich dürfen Winterbauer und Meedia jede Kritik der Welt üben, ohne sofort eine Lösung für die Zukunft der Tageszeitung zu haben. Es ist nur schwierig, wenn man das im Gegenzug von uns verlangt.

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Zu den lustigen Wendungen dieser „Spiegel“-Debatte gehört auch, dass man Stefan Niggemeier lesen muss, um Sascha Lobo zu lesen. Lobo hat dort einen „Gastbeitrag“ verfasst, in dem er als Quintessenz mitnimmt, die SPON-Autoren würden in erster Linie sich selbst als die Lösung der Probleme anbieten. Von all den vielen Kritiken, die ich bisher gelesen habe, war das die Originellste. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich mag Sascha Lobo, finde ihn von seiner Frisur abgesehen sehr unterhaltsam und meistens auch bemerkenswert klug, nehme aber durchaus auch wahr, dass Sascha Lobos Geschäftsmodell u.a. darin besteht, sich als die Lösung aller offenen Netzfragen anzubieten. Und ich verstehe die Logik hinter dem Beitrag nicht: Richard Gutjahr beispielsweise fordert in seinem Beitrag „mehr Experimentierfreude“, Sascha Lobo attestiert ihm, eine der experimentierfreudigsten Figuren in der deutschen Medienszene zu sein. Wunderbar, würde ich daraus folgern: Da tut einer, was er selbst von anderen fordert. Mario Sixtus fordert mehr „mutige Ausprobierer“ und Lobo attestiert ihm, ein „mutiger Ausprobierer“ zu sein. So geht das am Beispiel aller Autoren weiter, am Ende kommt Sascha Lobo dann zu der verblüffenden Schlussfolgerung, die Mediendebatte kranke vor allem daran, dass ihre Teilnehmer „unfähig und unwillig“ seien, ihre eigene Perspektive mal zu verlassen.

Aber genau das ist der Punkt – der zum einen entscheidend ist für die Debatte und an dem zum anderen Herr Lobo irrt. Richard Gutjahr hätte sich ein angenehmes Leben als Moderator beim öffentlich-rechtlichen TV machen können. Mario Sixtus hätte andere Optionen gehabt, als ein neues Format zu kreieren. Thomas Knüwer wäre vermutlich heute noch beim „Handelsblatt“, hätte er sich nicht selbstständig gemacht – und (ich will Ihnen ja nicht vorjammern) ich hätte ebenfalls ein Leben in öffentlich-rechtlicher Tüdeligkeit führen können. Ich habe in meinem Leben zweimal Jobs aufgegeben, bei denen ich komplett unbefristete Verträge hatte und bei denen ich in Ruhe alt hätte werden können. Der Trugschluss, dem Sascha Lobo in seinem Text unterliegt, ist also der: Fast jeder der Autoren hat seine Perspektive schon mal verlassen und geändert, einige sogar ziemlich radikal. Das vermutlich manchmal etwas Schlaumereirische, Selbstverliebte und Arrogante an uns (nebenbei ernsthaft bemerkt: Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass das manchmal so rüberkommt) resultiert vermutlich daraus, dass wir diesen Perspektivwechsel hinter uns haben. Was im Übrigen nicht immer der Spaß ist, nachdem es manchmal nach außen klingt. Ich glaube, jeder der hier angesprochenen hat seine eigenen schmerzhaften Erfahrungen damit gemacht, wie es ist, wenn man neue Dinge ausprobieren will, die dann schlichtweg nicht so funktionieren, wie man sich das vorstellt.

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Ich nehme mich da keineswegs aus. Ich würde sogar sagen, dass ich mich in meinen Vermutungen, was die Zukunft für uns Medienmenschen bereit hält, öfter getäuscht habe als dass ich richtig gelegen wäre. Ich habe an eine große Zukunft von Blogs geglaubt, habe mich bei einem großen interaktiven TV-Projekt prächtig verhoben und meine letzten kapitalen Schnitzer waren die Vermutungen, bei Twitter handle es sich um eine Übergangserscheinung und das iPhone sei ein Spielzeug, das keiner braucht. Schon alleine wegen dieser Erfahrungen würde ich mich nicht trauen und Lösungen für Fragen propagieren, bei denen selbst der Verleger der „Washington Post“ sagt, er habe sie nicht gefunden. Im Gegenteil: Mir ist jeder suspekt, der genau wissen will, was in den nächsten 5 oder 10 Jahren passiert. Man sollte jedem mit diesem Anspruch misstrauen, egal ob er jetzt pro oder contra Tageszeitung ist, ein analoger oder doch ein digitaler Journalist.

Deswegen werde ich dennoch weiter meine Zweifel an der Zukunft der Tageszeitung haben. Und mein Respekt vor „experimentierfreudigen Figuren“ und „mutigen Erneuerern“ wird immer ungleich höher sein als vor denjenigen, die viele laute und scharfe Worte finden – und selbst zur Debatte außer kulturpessimistischem Genöle nicht sehr viel beizutragen haben.

Was vom #tag2020 übrig bleibt

Im „Spiegel“ beginnt mit der neuen Ausgabe eine größere Serie zum Thema „Zukunft der Tageszeitung“. Erzählt wird das ganze in einem neuen Format, der sogenannten „Multistory“. Das ist vermutlich die etwas hippere Variante eines crossmedialen Projekts, jedenfalls aber widmet man sich dort diesem Thema derart intensiv, dass man eine Ahnung davon bekommen  kann, wie relevant das Thema inzwischen auch außerhalb der jahrelang branchenintern heftig geführten Debatten geworden ist. So wichtig, dass man es auf den Titel gehoben hätte, ist es noch nicht, da war Napoleon schon wichtiger. (aber ok, besser als irgendwas mit Hitler). Ab morgen sollen die Debatte und das Thema auf „Spiegel Online“ weitergeführt werden und wenn die Redaktion meinen Text nicht gerade als unbrauchbar gelöscht hat, werde ich bei dieser Debatte ebenfalls vertreten sein.

Die Geschichten aus dem Heft habe ich, appseidank, heute schon gelesen. Da steht nicht viel drin, was man als mit dem Thema befasster nicht irgendwie schon mal gehört hätte (was ja auch nicht Ziel der Übung war, der normale Spiegel-Leser wird sich mit den Tücken unseres Berufs vermutlich wenig beschäftigt haben). Was aber auffällig ist: Der Ton hat sich geändert. Das klingt jetzt erst mal kryptisch. Und weil das so ist, habe ich auch darauf verzichtet, diesen Satz, diesen Eindruck in meinen Beitrag für „Spiegel Online“ zu packen. Tatsächlich aber gab es für mich bei der Lektüre der „Spiegel“-Geschichten vor allem das als ersten und bleibenden Eindruck: Wenn man das mittelfristige Ende der Tageszeitung an einem Indikator festmachen will (außer natürlich an den ganzen anderen, den Zahlen beispielsweise), dann kann man das inzwischen ganz gut an der Tonart festmachen, die inzwischen auch aus den Verlagen, ihren Geschäftsführungen, Herausgebern und Chefredakteuren angeschlagen wird. Die war noch vor gar nicht mal so langer Zeit so, dass Menschen, die an eine Digitalisierung des Journalismus glaubten, als eher bemitleidenswerte Spinner belächelt wurden. Dann kam die Phase, in der sie vom Spinner wenigstens schon mal zur Kassandra befördert wurden, dann schließlich zum Onliner, der schon auch mal wichtig werden könnte. Heute sollen sie den Verlag retten. Der FAZ attestiert der „Spiegel“ beispielsweise, man verlasse sich dort ziemlich auch den neuen Online-Chef  (der zufällig vom „Spiegel“ kommt). Wenn man vor ein paar Jahren gesagt hätte, die FAZ setze mal sehr darauf, dass die Rettung aus dem Digitalen kommen könne, man hätte ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen.  Trotzdem ist das Warten auf Müller-Blumencron womöglich gar keine schlechte Idee, wenn man im gleichen Heft zum Thema Internet ansonsten nur mal wieder das übliche Schirrmacher-Lamento liest, es gehe jetzt demnächst um die Frage nach dem Wert der geistigen Arbeit im Allgemeinen und des Journalismus im Speziellen. Das mag schon möglich sein, dass das so ist, wird aber den durchschnittlichen Nutzer im Zweifelsfall eher weniger interessieren. Und dass bei den Kollegen der „Süddeutschen“ die spannenderen Beiträge schon seit längerem mehr von Stefan Plöchinger und weniger von Kurt Kister kommen, ist auch nur bedingt ein Zufall.

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Der „Spiegel“ beschreibt in seinem ausführlichen Stück dann auch noch mal ein paar Realitäten, die sich auf Zahlen stützen. Beispielsweise über das momentan wieder mal überaus gehypte Thema „Paid Content“, bei dem sich dann rausstellt, dass die Zahlen doch nicht so großartig sind, wie man vielleicht denken könnte, nicht mal beim Lieblingsbeispiel der Branche, der „New York Times“. Dass es aus dem Hause Springer nicht fortlaufend Jubelmeldungen über „Bild plus“ und dem Pay-Modell der „Welt“ gibt, mag einer Menge von Gründen geschuldet sein. Einer davon könnte sein, dass es so viel vielleicht gar nicht zu jubeln gibt. Die Zahlen über die stetig sinkenden Auflagen sind ebenfalls jedem bekannt, der mit der Branche zu tun hat und dass weder die Vertriebs- noch die Anzeigenumsätze viel Grund zur Hoffnung geben, ist ebenfalls nicht neu.  Das alles muss man aufschreiben, wenn es um die Probleme und die Zukunft der Zeitungen geht, bringt aber die Sache nicht endgültig auf den Punkt. Dass sie Umsätze, Auflage und Relevanz verlieren, wissen sie in den meisten Häusern schon ganz gut selbst, wenn man nicht gerade beispielsweise in Passau sitzt, dort den Realitätsverlust zur Verlagspolitik erklärt und Dinge wie beispielsweise eine App für Tablets für völlig überbewerteten Unfug hält. Selbst wenn sich der Ton gegenüber Onlinern geändert und man womöglich erkannt hat, dass es ganz ohne dieses Internet nicht gehen wird, die Konsequenzen, die in den allermeisten Häusern daraus gezogen sind zu wenige – falls es überhaupt irgendwelche gibt.

Das hat damit zu tun, dass in er durchschnittlichen deutschen Tageszeitung das Thema Medienwandel (hier steht absichtlich: Medienwandel. Und nicht Internet) nicht wirklich durchdrungen und bearbeitet wird. Für die allermeisten ist die große Abenteuerwelt des Internet noch immer ein zusätzlicher Ausspielkanal. Würde man vom Chefredakteur bis zum Volo nach dem Verständnis der Digitalisierung fragen, die meisten würden sinngemäß sagen: Da kann man jetzt auch noch reinschreiben. Ist das ein Wunder, wenn sogar Journalistenausbilder wie Wolf Schneider dem Netz vor allem bescheinigen, dass in seinem großen Bauch auch Dinge Platz finden, die in die Zeitung nicht mehr reinpassen? Kurz gesagt: Wer eine Webseite betreibt und einen Facebookaccount und möglicherweise sogar eine App, der hat noch lange nicht begriffen, was Journalismus im digitalen Zeitalter bedeutet. Oder wenigstens bedeuten müsste.

Genau deswegen sind ja auch diese ganzen Debatten um Papier oder nicht Papier so sinnlos. Ich kenne kaum ein Verlagshaus, in dem sich die Debatten tatsächlich auch um ein geändertes journalistisches Rollenverständnis oder um eine neue Positionierung der eigenen Publikation in der Gesellschaft drehen würden.  So lange das aber so ist, ist es vergeudete Zeit, über digitale Produkte zu reden. Oder darüber, ob den Menschen geistige Arbeit noch irgendwas wert ist. Die Frage wäre also viel eher: Ist es die richtige geistige Arbeit, die wir da verrichten? Braucht und will die künftig überhaupt noch ein Mensch? Würde man heute einen Opel Kadett bauen, wäre die Frage ja auch nicht die, ob den Menschen die Arbeit, die hinter einem solchen Kadett steht, noch etwas wert ist. Die Frage wäre eher: Will und braucht jemand noch einen Kadett, sofern er nicht gerade alte Autos sammelt?

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Man weiß also momentan nicht so recht, ob man es als wirklichen Fortschritt verstehen soll, wenn die Onliner in den Verlagshäusern jetzt nicht mehr nur am Katzentisch sitzen und manchmal sogar als Heilbsringer angesehen werden oder gute Interviews geben dürfen.

Die Kollegen vom „Spiegel“ jedenfalls haben angekündigt, dass am Ende ihrer dreiwöchigen Debatte das Konzept und die Idee einer modernen Tageszeitung stehen soll. Wenn ich bei diesem Projekt auf etwas gespannt bin, dann auf das.

Transmedia – Hype oder Trend?

Bei der Fachtagung Crossmedia im Rahmen der Lokalfunktage Nürnberg habe ich einen kleinen Workshop zum Thema „Transmedia“ gegeben. Ist das ein Hype oder womöglich doch der neue, große journalistische Trend? Der „Mediencampus Bayern“ hat dazu ein kleines Video gedreht. Ob ich wirklich alle Fragen vernünftig beantwortet habe, frage ich mich allerdings noch immer.