Die Vorstufe zum Zeitungssterben

Drastischer Personalabbau, massive Kosteneinsparungen:  Was wir momentan mal wieder erleben, ist die Vorstufe zum großen Zeitungssterben. Wer die Hälfte seines Personals vor die Tür setzen muss, steht kurz vor der Kapitulation.

Das ist ja mal wirklich lustig: Da sucht man verzweifelt nach einer Lösung für dieses Monstrum namens Zeitungskrise – und dann liegt sie direkt vor der Nase. Man sieht quasi den Wald vor Lösungs-Bäumen nicht. Und wie einfach das geht! Da wäre man echt nicht drauf gekommen…

Die Lösung für die Probleme der Tageszeitungen geht also so: sparen! Einfach mal eben weg mit ungefähr der Hälfte des Personals, die Kosten für Inhalte reduzieren, indem man einfach nicht mehr dieses ganze exklusive Zeugs nimmt – und schon sind die Kosten so gesenkt, dass am Ende ein Gewinn fast zwangsläufig stehen muss. Betriebswirtschaft für Einsteiger, das müsste sogar ein Student im 2. Semester verstehen.

Ja, so einfach ist das, wenn man sich momentan umschaut bei einigen der leicht gebeutelten Tageszeitungen im Lande. Das Dumme ist nur: Würde ein Student im 2. Semester solche Lösungsvorschläge anbieten, man würde sie ihm vermutlich heftig um die Ohren hauen. Vermutlich sogar mit Recht. Trotzdem gibt es momentan allen Ernstes Verlage, die sich nach bekanntem Merkel-Idiom („Alternativlos!“) so aus ihrer Lage zu winden versuchen.

Da ist zum Beispiel die „Abendzeitung“ in München, die noch vor ein paar Monate insolvent war. Und in einer derart schwierigen Lage, dass ihr damaliger Eigentümer Johannes Friedmann die Lage mehr oder weniger als aussichtslos beschrieb. Jetzt, nicht einmal ein halbes Jahr später, gehört das Blatt dem Straubinger Verleger Martin Balle – und der hat die marode AZ innerhalb allerkürzester Zeit wieder in die Gewinnzone gebracht, zumindest nach seinen eigenen Angaben. Das Rezept? Belegschaft erheblich reduzieren, Produktionskosten und Auflage senken, schon rechnet sich die ganze Sache wieder. Was eigentlich nur zwei Schlüsse zulässt. Entweder waren bei der „AZ“ in den letzten 15 Jahren ausschließlich Stümper am Werk, die allesamt die einfache Lösung nicht gesehen haben. Oder man zweifelt Balles Darstellung von der wundersamen Wandlung der AZ ein bisschen an. Zumindest eines kann man festhalten, auch ohne Balle allzu böse gesonnen zu sein: In irgendeiner Weise publizistisch aufgefallen ist das Blatt seither nicht mehr. Balle dürfte das als Kompliment verstehen. Muss man aber nicht.

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In Münster wiederum steht seit gestern fest, dass die dortige „Münsterschen Zeitung“ ebenfalls den Balle-Weg gehen wird. Soll heißen: Belegschaft um mindestens 50 Prozent reduzieren, Kosten senken, wo es nur geht, Inhalte irgendwie zukaufen. Anders werde man nicht mehr überleben können, sagt der dortige Verlag mehr oder weniger unverblümt. Eine Aussage, die es vor kurzem auch schon aus Darmstadt gab, wo das dortige „Darmstädter Echo“ personell so zusammengestutzt wird, dass man bestenfalls noch von einer Notbesetzung sprechen kann. Auch in Münster und in Darmstadt wird man mehr oder weniger versuchen müssen, was die „Abendzeitung“ in München vorexerziert: mit so wenig Personal und so geringen Kosten wie nur möglich noch so etwas Ähnliches wie eine Zeitung zu produzieren. Vermutlich wird man auch von dort bald erste Meldungen hören, dass sich die Lage stabilisiert und es alles in allem wieder aufwärts geht.

Und vielleicht wird das sogar so sein. Als sehr, sehr kurzfristiger Effekt.

Aber am Ende sind diese Sparmodelle leider nur die Vorstufe zum endgültigen Untergang. Weil diese Zeitungen damit auch die letzten Spurenelemente einer eigenen Identität verlieren. Weil sie Journalismus nur noch als Informationsattrappe anbieten können. Keine Redaktion dieser Welt würde es überstehen, wenn man sie mal eben halbiert – und dann von ihr verlangt, mindestens genauso gut wie vorher zu arbeiten.

Und überhaupt, was heißt schon „genau so gut“? Eigentlich müsste das jeweilige Blatt ja besser werden. Es gibt schließlich Gründe dafür, dass diese Zeitungen in der Lage sind, in der sie sich jetzt befinden. Man müsste also das Blatt als solches überarbeiten, anpassen, besser machen, modernisieren. Und man müsste in eine digitale Zukunft investieren. Nicht nur finanziell, sondern auch personell. Was wieder nur schwerlich möglich ist, wenn man gerade eben die halbe Belegschaft vor die Tür gesetzt hat.

Natürlich, wo es kein Geld mehr gibt, das man investieren kann, ist diese Sparpolitik und die Hoffnung darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird, die vermutlich letzte Option. Wahrscheinlicher ist allerdings leider, dass wir momentan bei nicht ganz wenigen Regionalzeitungen die nächste Eskalationsstufe erleben – bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Eskalation dahingehend, dass Investitionen nicht mehr möglich sind, dass es keine Innovationen mehr gibt, dass am eigentlichen Kerngeschäft massiv gespart werden muss, während die digitale Konkurrenz wächst und wächst.

Was das wiederum in der Konsequenz bedeutet, kann jeder BWL-Student im 2. Semester erklären.

Medien 2014: Die Mutlosen

Wie sollen Print und Online künftig „zusammenwachsen“? Solche Debatten prägen ernsthaft immer noch das Jahr 2014. Bei soviel Mutlosigkeit ist es kein Wunder, dass es aus der Branche momentan mal wieder eher schlechte Nachrichten gibt.

Manchmal lohnt es sich ja doch, buchstäblich über Grenzen zu schauen. In diesem Fall: in die kleine und zumindest in Sachen Medien gar nicht so beschauliche Schweiz. Dort sitzt in Zürich die „Neue Zürcher Zeitung“. Ein Blatt, bei dem Medienjournalisten ungern auf ein Attribut wie „altehrwürdig“ verzichten. Und tatsächlich ist die NZZ ein Blatt, wie es vermutlich nur in der Schweiz möglich ist. Gegen die staubtrockene NZZ ist die FAZ knallbunter Boulevard.

Ausgerechnet bei diesem Blatt, bei dem schon ein Farbfoto ins Auge sticht, Ironie grundsätzlich verboten ist und bei dem man unmittelbar an grauhaarige Herren in Tweed-Sakkos denken muss, ausgerechnet dort also tut sich seit geraumer Zeit einiges. Die NZZ arbeitet gerade an einem Relaunch des Blattes, der es nicht bei ein paar optischen Retuschen belassen wird. Genau genommen dürfte bei der NZZ der Zukunft kein Stein auf dem anderen bleiben. Das Blatt wird dünner werden, was aber – im Gegensatz zu vielen deutschen Strategien – nicht als reine Sparmaßnahme zu verstehen ist. Stattdessen gibt es mehr Inhalte auf digitalen Kanälen. Die NZZ streicht nicht einfach Seiten, sondern richtet ihre komplette inhaltliche Strategie neu aus.

Neuausrichtung heißt in diesem Fall auch Neuausrichtung. Es geht nicht nur um eine Verlagerung ins Web. Sondern um die Frage, wie man welche Geschichte wo erzählt. Mit NZZ Stream hat sich ein hauseigenes Lab auch Gedanken darüber gemacht, ob die Art und Weise, wie Newsangebote im Netz aussehen, überhaupt noch die Richtige ist. Oder ob man nicht langsam weg müsste von der Idee, dass ein Online-Angebot eine Art Zeitung im Netz ist.

Und gleichzeitig – ja, Sie lesen richtig – investiert die NZZ. In Inhalte, in Redaktion, in eine Expansion. Demnächst geht in Wien nzz.at an den Start. Selbst eine mittelfristige Expansion nach Deutschland schließen sie in Zürich nicht aus. Das liest sich zunächst einmal bizarr, angesichts dessen, dass in Deutschland alleine in den letzten beiden Wochen in Frankfurt und in Darmstadt der Wegfall von rund 500 Jobs bekannt gegeben wurde.

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Und damit nach Deutschland. Man muss diese Geschichte aus Zürich wohl erst einmal voranschicken, wenn man sich bewusst machen will, was im Medien-Lande D.  gerade so passiert. Man muss es deswegen erzählen, weil man bei den ganzen aktuellen Debatten immer wieder den Eindruck vorgegaukelt bekommt, es sei quasi alternativlos, Stellen zu streichen, Redaktionen zu schließen und strikte Sparmaßnahmen zu verkünden. Und man muss das Beispiel NZZ erwähnen, um zu zeigen, wie sehr manche Debatten und Strategien in Deutschland aus der Zeit gefallen sind.

Beim „Spiegel“ beispielsweise debattieren sie immer noch nicht nur über ihren Chefredakteur, sondern über die Frage, ob und wie Online und Print verzahnt werden dürfen. Beim „Focus“ hat der neue Chefredakteur verkündet, es sei ihm mehr oder weniger egal, was „Focus Online“ so treibt. Beim „Stern“ ist ihnen die Frau, von der man vermutete, dass sie durchaus wissen könnte, wie man eine Digitalstrategie aufbaut, mal eben abhanden gekommen. Die FAZ streicht 200 Stellen, das „Darmstädter Echo“ löst sich beinahe komplett selbst auf. Fünf Beispiele aus Deutschland, vom großen Nachrichtenmagazin bis hin zur durchschnittlichen Regionalzeitung – und kein einziger hat eine echte Antwort auf die Frage parat, wie es denn künftig eigentlich weitergehen soll. Der „Focus“ will konservativ sein, der „Stern“ will eine anspruchsvolle „Gala“ sein und der „Spiegel“ am liebsten so bleiben, wie er ist. Zukunftsfähig ist das alles mittelfristig nicht.

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Die Kollegen der „Stuttgarter Zeitung“ haben jetzt ein interessantes Projekt gemacht: Mit „S-Vibe“ haben sie eine App rausgebracht, die so ganz anders ist als das was man bisher von Zeitungsredaktionen an Apps geliefert bekommen hat. Tobias Köhler hat drüben beim „Universalcode“ die Entstehung geschildert – auf auf einen besonders interessanten Aspekt hingewiesen: Maßgeblich inspiriert wurde die App von einem App-Entwickler. Das klingt erst einmal so furchtbar banal. Ist es aber nicht. Weil in den meisten deutschen Medienhäusern immer noch Zeitungs-, Radio- oder Fernsehmenschen plötzlich auch dieses „Online“ mitmachen sollen. Dabei ist alleine schon der Sammelbegriff „Online“ nicht mehr treffend. Nicht mehr in Zeiten, in denen Online so viel Unterschiedliches sein kann. Online, das ist heute das klassische Webangebot ebenso wie soziale Netzwerke. Wie Videoplattformen, Fotonetzwerke, mobile Applikationen. Ja, das ist alles irgendwie noch digital und irgendwie Internet. Aber in seiner Pauschalisierung genauso falsch wie die Behauptung des neuen Digitalkommissars Oettinger, Promis hätten ihre Nacktbilder ins Internet gestellt. Klar ist so eine Cloud auch irgendwie Internet. Aber eben nur irgendwie. Und so ist es eigentlich auch verkehrt, von Online-Journalismus zu reden. Man müsste eher von digitalem Journalismus reden, der auf den diversen Plattformen auch unterschiedliche Ausprägungen hat. Und deswegen von Menschen gemacht werden sollte, die diese Ausprägungen kennen. Wer sieht, wie viele Redaktionen soziale Netzwerke immer noch in erster Linie als Linkschleudern verstehen, der weiß, was gemeint ist. (Einen ausgezeichneten Text hat dazu unlängst Wolfgang Blau geschrieben. Übrigens nicht im Guardian, sondern bei Facebook). Oder diese ganzen unsäglichen Webvideos, die ungeschulte Redakteure nebenbei noch machen sollen.

Und wir debattieren ernsthaft noch über das „Zusammenwachsen“ von Print und Online?

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Es ist diese Mutlosigkeit, die mich aufregt. Die sich quer durch viele Reihen zieht. Auch da hilft ein Blick über die Grenze in die Schweiz. Dort haben die Kollegen des Schweizer Fernsehens am vergangenen Wochenende erstmals versucht, „WhatsApp“ als eine neue Art News-Kanal zu nutzen (eine Beschreibung des Projekts durch Konrad Weber findet sich hier). Ich habe keine Ahnung, ob „WhatsApp“ jemals ein Newskanal wird oder nicht doch ein eher privates Medium bleiben wird. Aber es ist zumindest einen Versuch wert, genau das herauszufinden (so wie vieles andere auch). Wenn ich dann umgekehrt sehe, dass es in der einen oder anderen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt schon als Fortschritt gesehen wird, wenn irgendjemand on air ein paar Tweets vorliest, dann bekomme ich Zweifel an der Zukunftsfähigkeit solcher Sender. Mich stört die Tatsache enorm, dass schon alleine die Möglichkeit, ein Versuch könne scheitern, dazu führt, dass man den Versuch erst gar nicht unternimmt.

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Und ganz zum Schluss noch eine Episode, die mir ernsthaft vor ein paar Jahren passiert ist. Auf irgendeiner dieser berüchtigten Medien-Panels sollte ich über die Bedeutung sozialer Netzwerke für den Journalismus sprechen. Nach meinem Vortrag unterhielt ich mich mit jemandem, der mir mit einiger Herablassung in der Stimme sagte, man habe jetzt erst etliche Millionen für ein neues Druckzentrum ausgegeben. Da habe man weder das Geld (sic!) für Twitter, noch brauche man das.

Der Herr kam aus der Chefredaktion des „Darmstädter Echos“.