Digitalisierung: Verlage zwischen Theorie und Praxis

Die analoge Medienwelt ist beinahe endgültig tot. Sagt die neue PWC-Studie“Media Outlook“. So banal, so einfach, so nachvollziehbar. Und trotzdem klaffen beim Thema Digitalisierung zwischen Theorie und Praxis in Deutschland immer noch himmelweite Unterschiede…“Read

Fünf Thesen zum Journalismus 2020

Visuelle Inhalte, Digital-Native-Style, Communities und User-Finanzierung: Fünf Thesen zu den wichtigsten Entwicklungen des Journalismus 2020.
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2016: Was war – und was nicht

Einmal im Jahr werfen wir auf dieser kleinen Seite einen Blick auf die Trends des kommenden Jahres. Und am Ende dieses Jahres steht die Frage: Was kam so – und was war völlig verkehrt? Ein Rückblick.

Der Journalismus lebt noch, so viel lässt sich wenigstens mit Sicherheit sagen. Es gibt immer noch Zeitungen, Radio und Fernsehen. Aber es gibt unverkennbar auch: mehr Digitales. Vor allem solche digitalen Dinge, die journalistisches Eigenleben führen und nicht nur einfach alten analogen Kram in neue digitale Schläuche packt.

Aber schauen wir mal, welche Trends für 2016 hier vorausgesagt wurden – und was aus ihnen geworden ist…

Prognose 1: VR kommt, aber erst später!

Der Originaltext von damals: 

„Virtual Reality! Ja, schon klar, kommt. Irgendwann. Aber nicht jetzt. Nicht solange man sich irgendwelche sperrigen Dinge überstülpen und auch ansonsten unangemessen viel Aufwand betreiben muss. Solange ist das was für Nerds (siehe auch: Brille! Watch!), aber nichts für den Massenmarkt. Wir reden dann später nochmal.“

Nein, es war noch nicht das Jahr der Virtual Reality, auch wenn es ein paar echte und auch selbsternannte Netzkenner gab, die genau das prophezeit hatten. VR hätte bereits in diesem Jahr zum Massenphänomen werden sollen. Wurde es aber nicht, aus einer Reihe von guten Gründen. Einer davon war beispielsweise, dass es einem Massenmarkt nie sonderlich zuträglich ist, wenn man sich erst einmal ziemlich teures und sperriges Zubehör zulegen muss. Für eine Sache, die eine nette und immer ausgefeiltere Spielerei ist. Aber eben: eine Spielerei, die man zum Überleben sicher nicht braucht. Das alte Spiel halt: Nerds glauben, der Rest der Welt bestehe auch aus Nerds, nur aus solchen, die es erst etwas später merken. Reden wir doch in ein, zwei Jahre nochmal, vor allem dann, wenn die Hardware günstiges geworden ist. Und wenn es Anwendungen gibt, die wirklich Spaß machen. Solange man nur zeigt, was man alles damit machen könnte, ist das kaum ein Kaufanreiz.

Prognose 2: Die (Medien-)Welt wird ein Messenger!

Der Originaltext von damals: 

„Die (Medien-)Welt wird ein Messenger. Senden und empfangen. Schon immer das Prinzip aller Kommunikation. Jetzt zusammengepackt in winzig kleinen Apps. Das ist das nächste große Ding. So einfach, so gut.“

WhatsApp ist der Standard aller (mobilen) Kommunikation geworden, Facebook will seinen Messenger ebenfalls weiter massiv in den Markt drücken. Chatbots sehen aus wie Messenger, Snapchat ist, genau betrachtet, auch nichts anderes als ein sehr, sehr bunter und greller Messenger.  Klein, wendig, schnell und einfach zu bedienen (ok, Snapchat vielleicht nicht so). Aber das Prinzip wird immer klarer: Die One-to-One-Kommunikation wird mindestens genauso wichtig wie die großen Netzwerke, in denen jeder alles lesen kann. Und nichts deutet darauf hin, dass irgendetwas diese Trends stoppen könnte.

Prognose 3: Bezahlen für Inhalt? Nichts ist selbstverständlicher.

Der Originaltext von damals: 

„Die Ausrede, man könne Journalismus im Netz nicht gewinnbringend verkaufen, die zählt für 2016 nicht mehr.“

Zugegeben, über den richtigen Weg wird immer noch gestritten. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Zumal es den einen, funktionierenden Königsweg nicht geben wird. Beim „Spiegel“ etwa debattieren sie angeblich gerade mal wieder darüber, ob das mit dem Einzelverkauf mit Laterpay wirklich so eine grandiose Idee war. Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“ will es ihnen ja gleich gesagt haben.

Aber davon abgesehen: Niemand würde heute mehr ernsthaft behaupten wollen, dass man Journalismus im Netz nicht verkaufen kann. Lediglich das wie und das wieviel sind umstritten. Und ob das wirklich für alle reicht, die sich heute am Markt tummeln, kann man natürlich auch bezweifeln.

Prognose 4:  Alte Medien sterben nicht, wandern aber in die Nische

Der Originaltext von damals:

„Natürlich wird die Nutzung von Zeitungen, Radio und Fernsehen in der bisherigen Form zurückgehen. Insbesondere der (regionalen) Tageszeitung bisherigen Prägung kann man sogar ein vergleichsweise schnelles Verschwinden in der Nische prophezeien.“

Im WDR läuft seit dieser Woche eine ziemlich empfehlenswerte TV-Serie namens „Phoenixsee“ (die ist wirklich gut!). Aber was heißt schon TV-Serie? Natürlich kann man sich jeden Montag um 20.15 Uhr vor den Fernseher setzen und die aktuelle Folge anschauen. Aber im Zeitalter des Binge-Watching setzt sich der Digitalmensch natürlich vor die Mediathek von ARD/WDR und streamst sich eine Folge nach der anderen auf den TV-Bildschirm. Da gerät die Mediathek also zum Beleg dafür, dass unsere gute, alte Fernsehwelt auch immer netflixiger wird. Wer schaut schon noch Fernsehen?

Unterdessen hat die „Passauer Neue Presse“ den „Donaukurier“ aufgekauft, während in Berlin gerade die „Berliner Zeitung“ zu einem Zombie umgebaut wird. Überhaupt hat sich auch in diesem Jahr die Trends fortgesetzt, dass die gute alte Tageszeitung weiter an Boden verliert, zumindest in der gedruckten Form.

Und selbst im Radio ist der Umbruch unverkennbar: Schulz und Böhmermann muss man nicht zwingend mögen. Aber dass ihr Podcast jetzt nicht mehr bei den Öffentlich-Rechtlichen, sondern bei Spotify läuft – noch Fragen?

Prognose 5: Qualität siegt!

Der Originaltext von damals:

„Blinkportale“ wie „Focus Online“ oder „Buzzfeed“ mögen mehr (Focus) oder weniger (Buzzfeed) erfolgreich sein, sie nerven trotzdem.“

Hm. Würde ich so heute nicht mehr schreiben. Nicht weil ich nicht glauben würde, dass Focus Online nervt. Sondern weil die immer noch sehr erfolgreich sind. Da war wohl (leider) mehr der Wunsch der Vaters des Gedankens. Natürlich gibt es auch im digitalen Zeitalter reichlich Platz für das, was wir Qualität nennen. Für reichlich journalistischen Sperrmüll wohl aber auch.

Muss wohl so sein. Und außerdem hätten ja dann die ganzen Niggemeiers dieser Welt nix mehr zu tun, wenn es anders wäre.

(Die Trends für 2017 kommen in den nächsten Tagen mal…)

Content, Kontext, Device

Müssen wir nicht alle bei Snapchat sein? Momentan gibt es mal wieder die Debatten. So wie es solche Debatten mittlerweile alle paar Monate gibt. Der Effekt dieser Debatten ist übrigens hübsch zu beobachten: Erst stürzen sich alle einigermaßen viele wie die Lemminge auf diese neuen Dinger, man wird mit Push-Meldungen zugebombt, wer jetzt gerade snapt oder streamt – und irgendwann ist das Ding, das gerade noch die Zukunft war, tot (siehe: Meerkat). Es empfiehlt sich also bei der Beurteilung von Hypes, auch mal ein bisschen längerfristig zu denken.

Längerfristig und beurteilen, das sagt sich so leicht. Vor allem gemessen daran, dass uns mehr oder weniger kurzlebige Trends im digitalen Journalismus inzwischen seit vielen Jahren begleiten und es vermutlich eine lange Liste von Dingen gibt, deren Lebenszyklus zwischen den Polen „next big thing“  und der stillen Beerdigung nicht sehr lange war. Es gibt jedenfalls inzwischen eine ganze Menge Medienmacher, die sich mit einer ordentlichen Portion Fatalismus irgendwelche Dinge runterladen, sie ausprobieren und sie dann ggf. auch schnell wieder vergessen. Nicht alles, so viel haben wir nach rund 20 Jahren jetzt gelernt, ist es wert, dauerhaft auf dem Radar belassen zu werden.

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Aber wie beurteilt man nun, ob sich etwas lohnt oder nicht? Was macht digitales Erzählen aus, was ist Hype und was ist von Dauer? Und vor allem: Wie bekommt man Zufälligkeit und Beliebigkeit aus dem digitalen Storytelling? Was unbestritten die größte Gefahr ist, wenn man plötzlich enorm viele verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung hat: Man gerät in die Versuchung, all diese Möglichkeiten auch zu nutzen – weil man es ja kann. Und deswegen finden sich plötzlich Videos, Audios, Animationen, datenjournalistische Anwendungen und  360-Grad-Videos in einem einzigen Stück, obwohl die Hälfte davon vielleicht gar keinen Sinn macht.

Was aber macht denn dann Sinn? Das ist, will man in einem digitalen Narrativ erzählen, die wichtigste Frage. Die sich leider nur mit einem „kommt drauf an“ beantworten lässt. Das klingt auf den ersten Blick nach einer schlechten Nachricht, dabei ist das der gar nicht mal so schlecht. Weil man die Kriterien, auf die es ankommt, einschränken kann. Alles dreht sich schlechtweg um die Frage, auf welchem Endgerät welcher Inhalt in welchem Kontext stattfinden soll.

Content – Kontext – Endgerät: Diese drei Faktoren entscheiden darüber, wo welcher Inhalt angebracht ist. Und das ist auch der Grund dafür, warum ich mich gemeinsam mit der UVK-Lektorin Sonja Rothländer dafür entschieden habe, diese kleine, griffige Formel auch zum Untertitel von „Universalcode 2020“ zu machen. In der leisen Hoffnung, dass sie etwas ist, an was man sich erinnern kann, wenn man mal wieder dasitzt, vor Kameras, Aufnahmegeräten, Smartphones, Mikros und 360-Grad-Linsen, wenn man mal wieder überlegen muss, was man jetzt twittert, facebookt, snapt, instagramt, youtubet. Oder gleich einen „Instant Article“ produzieren soll, der einem kleinen multimedialen Feuerwerk gleich kommt.

Willkommen im Netz-Totalitarismus

Ist das Netz kaputt und der Journalismus dort gleich auch noch? Soweit muss man vielleicht nicht gehen. Trotzdem gibt es eine ganze Menge Dinge, die momentan in die falsche Richtung laufen.

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Vor ziemlich genau zwei Jahren schrieb Sascha Lobo in der FAZ einen Aufsatz, den ich längere Zeit für einen cleveren Schachzug eines begnadeten Eigenvermarkters gehalten habe: Das Netz sei nicht das, wofür er es gehalten habe und sei mithin ziemlich kaputt. Inzwischen, im Februar 2016, würde ich mir nicht so viel Überblick zutrauen, um gleich das ganze Netz für kaputt zu halten. Wohl aber dämmert mir mehr und mehr, dass ich vieles in der digitalen Medienszene für einigermaßen kaputt halte. Inhaltlich, strukturell und personell.

Warum ich das glaube? Mich stört zunehmend die unbedingte Fortschritts-und Technikgläubigkeit digitaler Sektierer. Mich stört die Absolutheit, mit der alles und jeder in die Ecke gestellt wird, der diesen Glauben nicht teilt. Und es stört mich, wie wir digitale Monster füttern. Wie wir Strukturen aufbauen, vor denen wir eigentlich als halbwegs bei Verstand befindliche Journalisten zurückschrecken müssten.

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Irgendwas zwischen 1,5 und 2 Milliarden Menschen auf dieser Welt vertrauen große Teile ihre Kommunikation dem Reich des Mark Zuckerberg an (über eine Milliarde bei Facebook, rund eine Miliarde bei WhatsApp, dazu noch ein paar nicht unwesentliche Millionen bei Instagram). Es ist also keineswegs übertrieben, wenn man sagt, dass das „soziale“ Netz zu einem beträchtlichen Teil in der Hand eines einzigen Konzerns ist, der sich dann auch dementsprechend benimmt.

Dieser Konzern bietet Medien seit einiger Zeit generös an, man könne sich mit ihm in die Kiste legen. Man könne auf seiner Plattform Geschichten erzählen, man könne dank seiner Reichweiten unzählige Menschen erreichen und dabei auch noch Geld verdienen. Ein Pakt mit dem Teufel ist ein Witz dagegen: Der Gigant wirft ein paar Brosamen hin, stellt aber dafür natürlich eine Rechnung. Gäbe es solche Strukturen in irgendeiner anderen Branche, die Wirtschaftsteile der Zeitungen und Sender würden sich (hoffentlich) die Finger wundschreiben.

So geht das mit diesem ganzen digitalen Kram immer. Evgeny Morozov, mit dem man natürlich keineswegs immer einer Meinung sein muss, hat das unlängst in der „Süddeutschen Zeitung“ mit den Mechanismen einer Sekte verglichen: Kommt aus irgendeiner Ecke wenig opportuner Gegenwind, sind die üblichen Verdächtigen aus dem Silicon Valley (und das keineswegs nur aus der Medienecke) jederzeit in der Lage, ihre Jünger zu mobilisieren, die dann gemeinsam zur wütenden Attacke auf den gesammelten Unverstand ansetzen. Die Silicon-Jünger gibt es auch in Deutschland zuhauf und auch hier kann man sich sicher sein, schnell als seniler Trottel hingestellt zu werden, wenn man nicht beim Wort Hackathon sofort einen Orgasmus hat.

Dabei sind wir, zumindest in Deutschland, schon länger in einer Lage, die für den Journalismus gar nicht gut sein kann. In dem der Abhängigkeit nämlich. Ich war immer ein Gegner des Leistungsschutzrechts, aber gleichzeitig hat diese Debatte auch gezeigt, wie groß die Abhängigkeit von Google inzwischen ist. Wer dort nicht gefunden wird, ist in der digitalen Welt praktisch nicht existent. Deutlich über 90 Prozent aller Suchanfragen in Deutschland kommen über Google – de facto ist da nichts anderes als ein Monopol, selbst wenn Wirtschaftstheoretiker jetzt natürlich darauf verweisen werden, dass es ja auch andere Anbieter gibt, weswegen die Vorraussetzungen für ein Monopol nicht gegeben seien.

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Noch weitere Zahlen gefällig? 87 Prozent aller Social-Media-Nutzer in Deutschland sind regelmäßig auf Facebook unterwegs, was nur noch von YouTube mit 88 Prozent übertroffen wird. Der neue Riesenkonzern Alphabet kontrolliert also nicht nur über 90 Prozent der Suchanfragen in Deutschland, sondern auch nahezu den kompletten Markt der Webvideos. Auf über der Hälfte der deutschen Smartphones läuft das Google-Betriebssystem Android. Unsere journalistische Aufregung darüber hält sich in engen Grenzen; stattdessen verbreiten wir (ich mache da leider auch nur eine bedingte Ausnahme) die reine Lehre von der unbedingten Präsenzpflicht auf allem, was aus irgendwelchen Start-Up-Kellern im Valley kommt.

Demnach müssen wir jetzt alle auf Snapchat sein, ohne uns vorher überhaupt einen Gedanken zu machen, welchen Sinn das inhaltlich machen soll. Und ob wir auf einer Plattform, deren Kernzielgruppe irgendwas zwischen 14 und 20 ist, überhaupt jemanden erreichen, der ernsthaft zu unserer potenziellen Zielgruppe gehört (wenn wir nicht gerade bei Bento arbeiten). Wir erklären also eine Poser-Plattform zur Zukunft der digitalen Kommunikation, weil es uns irgendjemand vorkaut. Wenn das so wäre, dann ist es mit unserem eigenen Kopf, den wir uns in dieser Netz-Blase so gerne attestieren, nicht wirklich weit her.

Um ehrlich zu sein: Ich fürchte sogar, dass wir in dieser Beziehung kein bisschen anders sind als diejenigen aus den „alten“ Medien, die wir gerne etwas belächeln. Es gibt ein paar (vor)laute Wortführer und eine eher lahme Herde, die dem hintertrottet, der möglichst laut und spektakulär agiert. Dass ihm Netz für eher graue Zwischentöne nicht so viel Platz ist, wissen wir ja selbst nur zu gut.

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Auf der anderen Seite ist es ja leider so, dass man, wenn es um Thema Digitalisierung geht, schnell in eine Ecke gestellt wird, aus der man dann bestenfalls in die andere Ecke wechseln könnte. Mehr geht nicht. Der Verweis darauf, dass man sich in der einen Ecke ja ganz wohl fühle, es aber dennoch das eine oder andere gibt, was in der Ecke nicht ganz so dolle ist, führt zur sofortigen Strafversetzung in die andere Ecke. Soll heißen: Man ist irgendwie Internet-Guru und wird sofort zum Internet-Skeptiker umgewidmet.

Dabei gibt es zu vieles, was man nicht akzeptieren kann, wenn einem das Netz am Herzen liegt. Das Netz allgemein und natürlich der Journalismus dort.

Worüber wir 2016 reden werden

2016 wird das Jahr, in dem sich der Journalismus so stark verändern wird wie schon lange nicht mehr. Deshalb: Die 5 wichtigsten Themen, über die wir im kommenden Jahr werden reden müssen.

 

1. Kleinteilige Welt: Partikel statt Artikel

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Das Selbstverständnis des Journalisten geht immer noch davon aus: „Richtiger“ Journalismus ist nur das abgeschlossene Stück. Egal, ob Artikel oder TV-Beitrag, wir denken in den großen Dimensionen. Und in denen, in denen das gedachte Wort „Ende“ vorkommt. Das ist allerdings ein bisschen widersinnig im Zeitalter des permanenten Newsstreams – wann, bitte schön, soll denn etwas zu Ende sein?

Natürlich, auch weiterhin gibt es die Ereignisse, über die man abschließend berichtet. Selbstverständlich werden wir weiter Kommentare, Reportagen, Analysen, „fertige“ Stücke eben produzieren. Allerdings brauchen wir dringend eine Idee, wie wir neben dem Artikel auch den Partikel als ein erstzunehmendes Narrativ etablieren.

Das ist im Übrigen keine Sache, die nur den klassischen Text betrifft. Wie sich Erzählungen zunehmend aus Partikeln zusammensetzen, erleben wir nirgendwo so drastisch wie ausgerechnet beim Thema Bewegtbild. Bei Videos war die Sache noch bis vor kurzem klar: Das ist ein „gebauter“ Beitrag. Sieht meistens aus wie Fernsehen, selbst dann, wenn der Beitrag nicht im Fernsehen zu sehen ist. Inzwischen gibt es enorm vieles, was aus Bewegtbild sein kann: ein 15-Sekünder bei Instagram, ein auch ohne Ton funktionierendes Autoplay-Stück bei Facebook oder auch ein Livestream, vermutlich der Inbegriff eines Partikels. Man loggt sich von irgendwoher ein, macht eine mehr oder weniger kurze Momentaufnahme von irgendwas und geht dann wieder.  Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil des „gebauten“ Beitrags.  Trotzdem: In der Masse wird Bewegtbild in den nächsten Jahren sehr viel mehr aus diesen winzigen Partikeln statt aus dem ganz großen Kino bestehen.

Wobei ich diesen Begriff „Narrativ“ bewusst gewählt habe. Eine Ansammlung von Tweets, Snaps, Instagram, Livestreams und Facebook-Postings ist eben erst einmal nur das: eine lose Ansammlung. Wohingegen ein Narrativ dann entsteht, wenn man gezielt anfängt, Geschichten zu erzählen. Wie also sieht diese kleinste Narrativ unterhalb des Artikels und des Beitrags aus? Vermutlich eine der spannendsten Fragen für 2016.

2. Digital vs. analog: Lassen wir den Graben Graben sein

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Seit ein paar Monaten beschäftigt mich diese Frage intensiv: Wie sinnvoll ist es zu versuchen, ein „analoges“ Publikum auf digitale Plattformen holen zu wollen? Mehr und mehr komme ich zu den Einschätzung, dass es ein komplett idiotisches Unterfangen ist. Weil es aussichtslos ist und weil wir es kaum schaffen werden, dem eingefleischten Zeitungsleser die Vorzüge eines Smartphones nahelegen zu wollen. Oder dem Fernsehzuschauer die Errungenschaften einer App. Mediennutzer sind, das zeigen nahezu alle einschlägigen Untersuchungen, beinahe so stur wie Bankkunden, die auch erst wechseln, wenn es gar nicht mehr anders geht.

Tatsächlich sind die Zuwächse bei den digitalen Medien zu einem beträchtlichen Teil einem Publikum unterhalb der 40 zu verdanken.Nahezu alle, die altersmäßig darüber liegen, mögen sich mal mehr und mal weniger für Netz und seine Segnungen interessieren, beim Medienkonsum bleiben sie aber überwiegend konservativ.

Das aber bedeutet für alle, die nicht zu der Kategorie der „Digital Onlys“ gehören, auf längere Zeit zweigeisig fahren zu müssen. Zweigleisig, weil sie ihre bisherigen analogen Angebote aufrecht erhalten müssen, um gleichzeitig neue, digitale Projekte zu etablieren. Dass man das Publikum auf beiden Seiten des digitalen Grabens miteinander versöhnen kann, ist so unwahrscheinlich, dass man es besser nicht auf einen Versuch ankommen lässt.

3. Livestreaming und anderes: Lieber jetzt als gleich!

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Journalismus war früher eine ziemlich einfache Sache. Zumindest in textlastigen Medien. Eine, in der man – stark zugespitzt gesagt – über Dinge berichtete, die in der Vergangenheit lagen. Was man in bestimmten Zyklen machte, ob nun alle 15 Minuten oder einmal im Monat. Egal also, welche Form des Journalismus man sich erwählte, ob die nüchterne Nachricht oder der feurige Kommentar: Der Begriff „live“ war dem Radio und dem Fernsehen vorbehalten.

Das lag in erster Linie daran, dass Radio und Fernsehen die einzigen Medien waren, die technisch überhaupt in die Lage kamen, Dinge live zu übertragen. Und weil sich das allmählich ändert, ist plötzlich das Thema Echtzeit eines für beinahe alle geworden. Der wirklich spektakuläre Aspekt dabei ist das Livestreaming, das 2015 mit Apps wie „Meerkat“ oder „Periscope“ seinen massenkompatiblen Durchbruch geschafft hat. Aber wie das eben so ist mit neuen Themen: Erst einmal sind es die „First Mover“, die sich mit so etwas auseinander setzen. Inzwischen aber haben eine ganze Reihe von guten Beispielen und Anwendungen gezeigt: Das Thema Livestreaming wird uns bleiben, es wird sich in nächster Zeit zu einer Selbstverständlichkeit entwickeln. So wie man inzwischen wie selbstverständlich twittert oder bei Facebook präsent ist, so wird man mit Livestreams von sonstwoher präsent sein. Gerade weil es so einfach zu handhaben, ist es für nahezu jeden interessant, der Journalismus macht: vom Lokalreporter bis zum Auslandskorrespondenten.

Das Thema hat aber noch einen weiteren Aspekt. Weil zu der bisher vergangenheitsgetriebenen Seite des Journalismus eine weitere kommt: Berichten in Echtzeit. Das kann man mit bewegtem Bild naturgemäß besonders gut. Aber Livestreams sind nicht die einzige Möglichkeit. Genau genommen gehört jede Social-Media-Plattform zu den Kanälen, die das Leben so abbilden, wie es gerade im Augenblick ist. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, kann man sicher sein: Irgendwo in den Tiefen von Twitter, Snapchat, What´sApp oder Instagram wird es abgebildet. Das ist ein Aspekt, den man gerne übersieht, wenn man von diesen Plattformen spricht. Trotzdem: Wenn sich Journalisten zukunftsfähig aufstellen wollen, entwickeln sie eine Idee davon, wie sie mit dem Thema „Live-Journalismus“ umgehen wollen.

Was auch damit zu tun hat, dass die Generation der heute 15- oder 20jährigen das wie selbstverständlich wahrnimmt und erwartet: Wenn etwas passiert, existiert davon auch ein virtuelles Abbild. Es wäre keine schlechte Idee, wenn Journalisten an diesem virtuellen Abbild mitzeichnen würden.

4. Personalisierung: Gib´s mir!

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Als ich vor ungefähr 15 Jahren das erste Mal mit dem Thema „Personalisierung“ in Berührung gekommen bin, habe ich das – zugegeben – für Quatsch gehalten. Für netten Quatsch zwar, aber eben doch für Quatsch. Damals habe ich mir gedacht: Warum soll ich möglicherweise wichtige und interessante Dinge ausblenden, die mir die lieben Kollegen aufbereiten. Das war im Jahr 2000. Da hatte ich noch den Eindruck, man könne die Massen an Medien noch halbwegs bewältigen. Heute weiß ich, dass das womöglich schon damals ein Trugschluss war. Heute ist das Realität: Wer sich die Fluten an Informationen stürzt, der ersäuft darin.  Vermutlich ist es heute der Ausweis höchster Medienkompetenz, wenn man weiß, welche Filter man ansetzen muss.

Natürlich weiß ich, dass es so etwas wie eine „Filter Bubble“ gibt. Ich weiß, dass jedes Weltbild einseitig ist, mein eigenes natürlich eingeschlossen. Aber man macht weder sein Weltbild noch seinen eigenen Informationsstand besser, wenn man planlos anfängt, irgendwo rumzusurfen. Das ist das neue Zapping – und wie das endet, wissen wir seit den Zeiten, in denen man plötzlich mehr als 30 TV-Programme zur Verfügung hatte und unleidlich wurde, weil man den ganzen Abend irgendwelches Geflimmer so ein bisschen und nichts richtig wahrnahm. Die jüngeren unter Ihnen ersetzen dieses Beispiel bitte einfach durch sinnloses Scrollen in Social-Media-Timelines. (Was im Übrigen nicht bedeuten soll, dass sinnloses Zappen und Scrollen nicht manchmal auch ganz nett wäre).

Trotzdem: Wir kommen heute an dem Thema Personalisierung und personalisierte Angebote nicht mehr vorbei (eine Erkenntnis, die ich wesentlich den großartigen Kollegen Christian Daubner, Marcus Schuler und Mustafa Isik vom BR zu verdanken habe, die ich Ihnen hiermit zum Verfolgen in den diversen Netzwerken ans Herz legen möchte). Die Sektion „Mein BR24“ ist inzwischen mein  persönlicher Favorit in der Nutzung der BR24-App geworden. Weil ich mich sehr darauf verlassen kann, tatsächlich einen Überblick über die Themen zu bekommen, die mich wirklich interessieren. Es schadet im Übrigen weder Journalisten noch Nutzern sich einzugestehen, dass man sich völlig unmöglich für alles interessieren kann. Wenn man dann so ehrlich zu sich selbst ist, dann kommt man an einem weitgehend personalisiertem Angebot nicht mehr vorbei.

Im Übrigen ist diese grandiose Erkenntnis eine, die die Großen im Netz schon lange hatten: Wer heute googelt oder bei Amazon oder Apple einkauft, kann sich darauf verlassen, dass das, was er zu sehen bekommt, so personalisiert wie nur möglich ist. Selbst wenn der User selbst sich in dem Glauben wähnt, gar nicht personalisiert zu haben.

Klingt erstmal alles nach Bagatelle und einem eher technikgetriebenen Problem. Ist es aber nicht. Weil es in der Konsequenz bedeutet, dass sich die Idee, wir Journalisten könnten mit einem Angebot ungefähr alle glücklich machen, zunehmend als nicht mehr umsetzbar erweist.

Meine These: In 10 Jahren haben sich die meisten General-Interest-Angebote erledigt.

5. Wir sehen uns alle auf dem Smartphone wieder

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Die Frage musste man sich ja bis vor kurzem immer mal noch stellen lassen: Für welches Medium arbeiten Sie? Man antwortete dann höflich, man arbeite für eine Zeitung oder beim Radio oder beim Fernsehen (wenn man „Online“ geantwortet hat, wurde man schon kurz darauf nicht mehr ernst genommen).

Das hat sich mittlerweile erledigt, zumindest dann, wenn man noch ein paar Jahre in diesem Job überleben will. Tatschlich gibt es keinen Journalismus mehr, der nicht digital wäre. Im Jahr 2016 wird man hinzufügen müssen: und mobil zudem. Die Durchdringung mit Smartphones ist inzwischen insbesondere beim jüngeren Publikum so hoch, dass diese kleine Ding mittlerweile zum wichtigsten Gerät in der täglichen Mediennutzung geworden ist. Wichtiger als jeder Fernseher, als jedes Radio. Wer nicht auf dem Smartphone präsent ist, kann sich genauso gut auch gleich eingraben lassen.

Präsenz auf dem Smartphone, das bedeutet: Man muss sich etwas einfallen lassen, was darüber hinaus geht, mobile Versionen der eigenen Webseite anzubieten. Im Gegenteil: Man muss das Smartphone im Jahr 2016 in den Mittelpunkt aller strategischen Überlegungen stellen. Weil es nicht nur ein Gerät zur potentiellen Mediennutzung ist, sondern mehr und mehr zum Mittelpunkt unseres digitalen Alltags wird. Bedenkt man dann noch, dass auch soziale Netzwerke zunehmend gerne mobil genutzt werden, dann kann man sich vorstellen, welch potentiell explosive Mischung das ist: sozial und mobil zugleich. Wenn sich ein Großteil des durchschnittlichen User-Lebens künftig so abspielt, kann man sich leicht ausrechnen, wie fahrlässig es ist, das Smartphone immer noch als ein nettes Zusatz-Gadget abzutun.

Fotos auf dieser Seite: BR, Christian Jakubetz

Scheißebombe, Mr. Jarvis!

Jeff Jarvis hat sich mal wieder geäußert und (fast) alle finden es toll. Dabei ist eine digitale Welt nach den Vorstellungen des Gurus für irgendwas weitaus unerträglicher als vieles andere.

Ab und an schreibt der „Spiegel“ Titelgeschichten, die sich mit der Digitalisierung der Welt auseinander setzen. Weil der Journalismus im Allgemeinen und der „Spiegel“ im besonderen den Dingen gerne mal etwas skeptisch gegenüberstehen, sind die Geschichten des „Spiegel“ über die Digitalisierung keine reinen Jubelarien, sondern von einer gewissen Grundskepsis geprägt, Überraschung aber auch. Dass der „Spiegel“ gerne auch seiner Rolle als Zentralorgan der Apokalyptiker gerecht wird, kommt erschwerend hinzu, so dass am Ende Geschichten über das Silicon Valley stehen, die dann so aussehen:

 

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Liest man diese Geschichte durch, muss man der dortigen Grundhaltung, die Jungs aus dem Valley würden nichts anderes tun als uns vorzuschreiben, wie wir zu leben haben, nicht zwingend teilen. Trotzdem gibt es einige Punkte, die man durchaus bedenken kann, so wie man auch als überzeugter Digital-Publizist nicht schlecht beraten ist, nicht jede digitalisierungskritische Stimme sofort als mindestens grenzdebil zu bezeichnen. Weil tatsächlich das vermutlich am häufigsten auftretende Gefühl bei diesem Thema das der Ambivalenz ist. Zu jedem „Ja“ bei diesem Thema lässt sich mühelos auch ein „Aber“ finden. Und eigentlich dachte ich, dass das spätestens seit dem Auffliegen der NSA eine Erkenntnis ist die man als common sense bezeichnen könnte.

Kommen wir damit zu einem Herrn namens Jeff Jarvis, der nicht nur von Branchendiensten wie „Meedia“ gerne als „Internet-Guru“ bezeichnet wird. So ein Guru ist eine feine Sache, weil er schon in der Stellenbeschreibung als Guru eine papstähnliche Unfehlbarkeit attestiert bekommt. Bei Jarvis gleicht auch die Verehrung zumindest in Deutschland der des Papstes (in anderen Ländern hört man lustigerweise gar nicht so viel von ihm). Jarvis findet ungefähr alles, was im Netz passiert, ziemlich großartig, schreibt schon mal Bücher mit dem Titel „What would Google do?“ und echauffiert sich sofort, wenn jemand irgendwas, was gerade im Netz passiert, nicht so toll findet, wie Jarvis es tun würde. Dafür ist er ja schließlich Guru, mit der Konsequenz, dass Jarvis auch mal einfach nur reflexgesteuert loskrähen kann und damit Schlagzeilen produziert.

Die jüngste Spiegel-Geschichte hat der Professoren-Guru auch gelesen und sie hat, wie zu erwarten war, sein Missfallen erregt. Deswegen hat er wieder tief in seiner Kiste mit den verbalen Keulen gegriffen, irgendwas von „Nazinerds“ oder „Nerdnazis“, in jedem Fall aber was mit Nazis krakeelt und zudem noch das zweifelsohne hübsche Wort „Scheißebombe“ kreiert. Das reicht im medialdigitalen Deutschland des Jahres 2015 immer noch für einen Aufmacher bei Meedia, etliche Tweets und erstaunlich viel Aufmerksamkeit dafür, dass man mit Begriffen wie „Scheißebombe“ und „Nazis“ hantiert. Die Zwischentöne mag Jarvis nicht so sehr (vielleicht ist das ja auch ein Grund für seine Popularität, die einfachen Lösungen sind schließlich immer gut). Und deswegen schreibt Jarvis über den „Spiegel“-Titel u.a.

Germany has outdone itself. In its latest issue, Der Spiegel all but portrays Silicon Valley as a nest of nerdnazis.

Outdone itself! Scheißebombe! Nerdnazis!

Man könnte, müsste, sollte über Jarvis lachen, wenn er krakeelt wie ein kleiner Junge auf dem Bolzplatz, den keiner mitspielen lässt. Wenn es nicht so traurig wäre – es reicht leider in einer vermeintlich aufgeklärten digitalen Szene völlig aus, dass einer irgendwas sagt, Hauptsache, es ist der Richtige. Jarvis, Guru = gut. Spiegel, Old Media = böse. Die Gleichung ist anscheinend für viele so verlockend, dass man Jarvis jeden hanebüchenen Quatsch durchgehen lässt, der irgendwann mal in der „prewar Propaganda“ endet.

Nein, ich teile beim besten Willen nicht jede Ansicht, die der „Spiegel“ in diesem Titel vertritt. Noch weniger teile ich aber die Absichten eines Professors und seiner Anhängerschaft, die unreflektiert jedem digitalen Irrsinn nachläuft, alles, wo „Netz“ drauf steht irgendwie toll findet, gelegentlich beim Thema „Big Data“ ins Sinnieren kommt, dann aber dann doch dem Scheißebombe-Vokabular folgt und einem Weltbild huldigt, das sich in erster Linie daraus ergibt, dass man am besten einfach das tut, was Google in einer solchen Situation täte.

Vom digitalen Fluch und Segen

Durch die Digitalisierung bekommen wir und unsere User jede Menge neuer Möglichkeiten.  Das aber ist Segen und Fluch zugleich. Deshalb: Schluss mit dem Entweder-Oder-Denken.

Es war ziemlich genau vor 15 Jahren, als ich das erste und einzige Mal in meinem Leben auf einem Podium beim Grimme-Institut saß. Damals arbeitete ich noch bei der Kirch-Gruppe, die den Älteren unter den Lesern womöglich noch ein Begriff ist. Ich sollte  die Ideen vorstellen, die es in der Gruppe zum Thema „interaktives TV“ gab und befand mich dabei in einer Art Konkurrenz mit einer Kollegin von Bertelsmann (vulgo: RTL). Ich präsentierte also die Idee eines leicht überdimensionierten Mega-Portals, das nicht weniger als ungefähr alles können sollte. Bei Bertelsmann/RTL hingegen dachten sie eher ans unmittelbare Geldverdienen. Beispielsweise so, dass man die Jeans, die Julia Roberts da gerade in „Pretty Woman“ trägt, sofort bestellen und nebenbei auch noch seine Kontoauszüge checken kann.

Ich hielt die Idee  für Unfug, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man beim Filmschauen Hosen bestellen und Kontoauszüge checken will. Weitgehend sollte ich mit meiner Skepsis recht behalten. Das Problem war, dass auch die Kollegen von RTL mit ihrer Skepsis gegenüber meinem Monster-Portal recht behalten sollten. Aus der geplanten Kathedrale wurde Jahre später eine eher bescheidene Hütte namens „Maxdome“ und Jeans bestellt man auch heute noch eher selten beim Fernsehen.

Dabei hatten wir doch unsere Modelle so schön mit Prognosen und Analysen unterfüttert. Ich hätte damals die Zahl der prognostizierten Highspeed-Anschlüsse und potentiellen Käufer auswendig herunterbeten können. Heute, mit dem Abstand von 15 Jahren, kann ich herzlich darüber lachen, welchen Unfug wir damals anscheinend glaubten. Und darüber, wie zukunftsgläubig wir waren, wenn uns nur ein irgendwie nach seriösem Berater aussehender Mensch chice Präsentationen um die Ohren haute.

Die Geschichte mit dem interaktiven Fernsehen fiel mir wieder ein, als ich das erste Mal an einem Smart TV rumspielte, von dem übrigens die Skeptiker, die es ja auch gab und gibt, immer wieder behaupteten, so etwas werde sich nie durchsetzen, weil kein Mensch Fernsehen mit Internet brauche. Tatsächlich ist also mal wieder was ganz anderes rausgekommen, als wir alle dachten. Fernseher heute sind Multimedia-Maschinen, die einem Computer immer näher kommen. Außer, dass man damit nicht arbeiten will. Aber ansonsten ist es so wie auf allen Geräten, auf denen plötzlich das Netz einzieht: Die ursprüngliche Funktion ist in den Hintergrund geraten. Kein Mensch denkt bei einem Smartphone in erster Linie an ein Telefon. So ist es jetzt auch beim Fernsehen. Smart-TV ist eine Gerätegattung, die alles mögliche kann. Unter anderem auch Fernsehen, wenn man das denn noch für nötig hält.

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So geht das mittlerweile seit 15 Jahren. Man meint gerade, eine Entwicklung halbwegs zu begreifen und daraus Idee und Strategien für die Zukunft ableiten zu können – schon ist alles wieder ganz anders. Wahllos herausgegriffen, ohne chronologische und inhaltliche Wertung:  Es gab „Second Life“, von dem es hieß, dass der Journalismus und die Medien der Zukunft auch dort stattfinden müssten. Springer gründete seinerzeit sogar mal eine eigene Zeitung für die Zweit- und Scheinwelt.  Dem Notebook wurde wahlweise eine herausragende als auch eine bescheidene Zukunft beschieden, der stationäre Rechner immer wieder mal für tot erklärt, das Tablet zum Gerät der Zukunft erklärt, ehe es in jüngster Zeit hieß, jetzt laufe es wohl doch eher auf das Smartphone und dort wiederum insbesondere auf das „Phablet“ als das Ding der Zukunft hinaus. Meine eigenen Handys waren in dieser Zeit wahlweise sehr groß, sehr klein, manchmal mit Deckel und manchmal ohne. Gemein war ihnen allen, dass man mir nach maximal einem Jahr des jeweiligen Modells sagte, dass dieses Modell jetzt aber so was von out sei und der Trend gerade ganz woanders hingehe. Ich habe deshalb geschmunzelt, als ich jetzt irgendwo gelesen habe, dass sich irgendwelche Apple-Nerds darauf freuen, wenn es demnächst tatsächlich ein iPhone Mini geben sollte. Hieß es nicht erst unlängst, dass es eigentlich auf die Größe ankomme?

Weiter auf der Liste: Die CD, die vom mp3-Format abgeschossen wurde, die wiederum iTunes erst groß und jetzt wieder eher klein machen, weil man mittlerweile nahezu alles streamen kann. In der Zwischenzeit werden in kleinen Nischen schon wieder horrende Preise für Vinyl-Alben bezahlt, die von den Anhängern dieses Tonträgers als das einzig Wahre bezeichnet werden. Für einen Toten geht es dem Vinyl jedenfalls ziemlich gut, wie übrigens auch den Büchern, die zwar zunehmend mehr digital gelesen werden. Ein Ende des gedruckten Buches kann man realistischerweise dennoch nicht absehen.

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Für all diesen Unfug – niemand wird mehr gedruckte Bücher lesen, es wird keine Medien, sondern nur noch Blogs geben – gab es irgendwann mal jemanden, der ihn geglaubt hat (Transparenz-Hinweis: Ich habe in den letzten 15 Jahren leider auch den einen oder anderen Unsinn geglaubt). Weswegen es so ganz am Anfang eines neuen Jahres eine gute Idee wäre, künftig den Absolutheits-Propheten keinen größeren Glauben mehr zu schenken. All jenen, die genau wissen, was in den kommenden Jahren passieren wird. Die die absoluten Entwicklung predigen, vom Verschwinden von irgendwas und dem Neuen, das angeblich schon ganz eindeutig am Horizont zu erkennen ist.

Weil der eigentliche Wert der Digitalisierung eben nicht darin liegt, dass man sich von irgendwas verabschieden muss. Stattdessen bekommen wir schlichtweg sehr viel mehr neue Möglichkeiten und auch Freiheiten dazu. Wer Musik lieber auf Vinyl hören will, hat dazu inzwischen genauso seine Möglichkeiten wie die Liebhaber des Streamings. Man kann sich gedruckte Bücher in das Regal stellen oder sie in einem Reader lesen. Man kann sich einen Film im Kino anschauen oder im TV oder auf DVD oder Blue-Ray oder im Netz oder gestreamt auf dem Fernseher. Man kann die Zeitung im Netz lesen oder eben doch gedruckt oder eben auch gar nicht. Oder, um nochmal auf die Hardware zurückzukommen: Man wird auch weiterhin mit dem Smartphone telefonieren können. Muss man aber nicht.

Das ist auf der einen Seite eine ganz wunderbare Sache. Und gleichzeitig eine, die dafür sorgt, dass die Debatten darüber so heftig sind. Weil es natürlich auch furchtbar verwirrend ist, wenn man so unendlich viele Optionen hat. Die Idee, dass es im Supermarkt 27 verschiedene Joghurts im Regal gibt, ist natürlich toll, weil man so viele Möglichkeiten hat. Menschlich ist es aber auch, dass man das verwirrend findet und sich manchmal wünscht, da stünden nur zwei Sorten.

Es wäre also alles in allem eine schöne Sache, würden die Entweder-oder-Debatten an ihr Ende kommen. Darum geht es nämlich gar nicht. Die entscheidende Frage für den Journalismus 2015 wird vielmehr sein: Wie bekommen wir es hin, aus dieser Flut von Möglichkeiten so etwas zu gestalten, dass am Ende die Nutzer glücklich sind – und wir damit trotzdem genug verdienen, um uns auch weiterhin um solche Fragen Gedanken zu machen?

Oder, um im Bild zu bleiben: Genügend verschiedene Joghurts haben wir jetzt hergestellt.  Jetzt müsste sie nur noch jemand kaufen.

Das Foto auf dieser Seite stammt von Jens Schmitz/pixelio.de

Am besten tun wir gar nix

Vor ein paar Tagen hat der Redakteur Ralf Heimann bekanntgegeben, demnächst seinen Dienst bei einer Tageszeitung in Münster zu quittieren. Heimann ist weder ein Berufseinsteiger, der gerne woanders hin will, noch ist er ein frustrierter alter Mann, der es sich jetzt leisten kann, in den Vorruhendstand zu gehen – und deshalb mit einem lauten Knall hinwirft. Das heißt, Frust mag in seiner Entscheidung schon eine Rolle gespielt haben. Wie dem auch sei: Ein Journalist, der früher gerne mal gerne Zeitung gemacht hat, lässt seinen Job einfach mal so hinter sich, in Zeiten wie diesen, wo sie anderswo um ihre Jobs bangen (dazu später dann mehr): Hat der Mann sie nicht mehr alle? Vermutlich schon, zumal ihm die Dimension seines Handels schon klar ist: „Operation Harakiri“ hat er augenzwinkernd seinen Blog genannt, auf dem er aktuell ziemlich viele Einblicke in das Seelenleben eines frustrierten Redakteurs gibt, der sich dennoch die Freude an seinem Beruf nicht einfach so nehmen lassen will.

Seine Geschichte sagt eine ganze Menge darüber aus, wie es gerade um unseren Berufsstand bestellt ist.  Ich kenne Ralf Heimann nicht persönlich und kann deswegen nur mutmaßen. Aber es würde mich nicht wundern, wenn es bei dieser Kündigung nicht so sehr um das Medium Tageszeitung alleine geht, von dem er sich nach eigenen Worten „entfremdet“ hat. Das deswegen nicht,  weil man von dieser Entfremdung ziemlich viel spürt momentan, vor allem dann, wenn man sich mit jüngeren Kollegen unterhält. Von denen man ja eigentlich denken sollte, dass sie noch mit einigermaßen Spaß bei der Sache sind, anders als jemand, der vielleicht aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr ganz so glücklich ist mit dem, was er seit 20 Jahren so macht.

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Im Mai war ich eingeladen beim Gewerkschaftstag des DJV in Nordrhein-Westfalen. Ich sollte dort so eine Art Keynote halten und mit rund 20 Minuten Redezeit zum Thema „Digitaler Journalismus“ auf den Tag einstimmen. Dummerweise liefen mir genau in der Woche davor eine ganze Menge junger Kollegen über den Weg: Volontäre und Studenten, die seit kurzem in diesem unserem Beruf tätig sind oder es demnächst dann mal sein wollen. Was ich erlebt habe, war genau das, was Ralf Heimann in weiten Teilen seiner Blogeinträge beschreibt. Mit dem Unterschied, dass die Herrschaften noch keine zehn Berufsjahre auf dem Buckel hatten. Die Beobachtungen waren dennoch weitgehend identisch. Dazu kam allerdings die Perspektive von jungen Journalisten, die instinktiv bemerken, dass irgendwas schief läuft, gerne dazu beitragen würden, daran etwas zu ändern und immer wieder gegen Mauern laufen.

Die Mauern waren allerdings nicht nur, wie man jetzt vorschnell annehmen könnte, irgendwelche böse Verleger und Chefredakteure (die natürlich auch). Sondern mindestens genauso die lieben Kollegen, die seit etlichen Jahren in den diversen Redaktionen sitzen und am liebsten schlichtweg negieren würden, dass sich da in den letzten 15 Jahren etwas angebahnt hat, was mit „Digitalisierung“ nur sehr technokratisch beschrieben ist und tatsächlich nichts anderes ist als die radikalste Veränderung unseres Berufs seit Menschengedenken. Der Schlag Kollegen, den vermutlich auch Ralf Heimann gut genug kennt. Dessen Philosophie darin besteht, dass sich am besten einfach nichts ändert. Egal was da draußen passiert.

Dazu kommen bei vielen Studenten ernste Zweifel, ob sie es denn wirklich mit diesem Beruf versuchen wollen. Angesichts der weiterhin eher unerfreulichen Meldungen aus der Branche ist das nicht einmal etwas, was man ihnen vorwerfen könnte. Aber was soll eigentlich aus dem Journalistenberuf künftig werden, wenn man es auf der einen Seite mit tief sitzendem Frust an der Basis bei denen, die schon drin sind zu tun hat? Und mit massiven Zukunftsängsten bei denen, die erst noch rein wollen? Das war der Grund, warum ich ziemlich spontan mein eigentliches Thema geändert und die 20 Minuten dafür genutzt habe, meinem Unmut darüber Ausdruck zu geben, welch unsinnige Debatten wir immer noch führen.

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 Ist die Zukunft des Journalismus jetzt digital oder doch eher analog oder eine Mischung aus beidem? Ist das Internet schuld daran, dass es gerade eben mal nicht so gut geht und wir es deshalb immer wieder mit unschönen Meldungen wie inzwischen schon seit Wochen beim weiterhin offenen Schicksal der Münchner „Abendzeitung“ zu tun haben. Schon klar, die Disruption greift weiter um sich: Über die AZ haben wir genug gelesen, wir kennen die Zahlen von zweitstelligen Millionenverlusten pro Jahr. Aber auch ein Blatt wie die FAZ schreibt nunmehr schon im zweiten Jahr hintereinander unerfreulich hohe Millionenverluste. Und selbst der „Münchner Merkur“, den man bisher für weitgehend krisenresistent hielt, muss sich auf schlechtere Zeiten einstellen (dass es ausgerechnet die FAZ war, die über Befürchtungen berichtete, es komme dort zu betriebsbedingten Kündigungen, war dann nicht ganz ohne Ironie). Man könnte noch eine ganze Zeit weitermachen mit der Auflistung insbesondere von darbenden Tageszeitungen, es macht nur keinen großen Sinn. Dass die bisherigen Geschäftsmodelle irgendwann mal an ein Ende kommen, das bestreitet vermutlich niemand mehr, die Suche nach den neuen Modellen hat schon lange begonnen.

Immer noch nicht richtig begonnen hat dagegen die Debatte über den Ist- und Sollzustand des Journalistenberufs. Zumindest dann nicht, wenn man darunter mehr versteht als Tarifverhandlungen um ein paar Euro mehr Gehalt und ein paar Minuten weniger Arbeitszeit. Es geht ja schließlich nicht nur darum, auf welchen Kanälen man Journalismus künftig am besten vertreibt. Stattdessen würden ein paar Gedanken nicht schaden, welchen Journalismus man eigentlich künftig gerne hätte. Das schon alleine deswegen, weil sich ja immer noch die Frage stellt, ob die nicht übermäßig ausgeprägte Zahlungswilligkeit des Publikums, die sinkenden Auflagen und Umsätze und das Abwandern von den linearen TV- und Radioprogrammen nicht auch etwas mit den Inhalten zu tun haben könnten.

Oder anders gefragt: Wer soll eigentlich Journalismus machen, den man gerne konsumiert und dann auch noch dafür bezahlt, wenn sich die fatale Mischung aus Unlust,  Verweigerungshaltung und Zukunftsangst auch nach außen hin bemerkbar macht? Womit wir dann wieder beim Kollegen Ralf Heimann wären. Ich war selbst lange genug Lokalredakteur, um bei seinen Schilderungen nicht etwa den Kopf zu schütteln, sondern mir lediglich zu denken: Da hat sich aber nicht sehr viel geändert in den letzten 15 Jahren. Ich war ein bisschen über 30, als ich mich davon verabschiedet habe. Wenn ich Heimann so lese und mich mit Volontären unterhalte, komme ich zu dem Schluss: Wäre ich geblieben, wäre ich heute Alkoholiker. Oder Zyniker. Oder beides.

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Auf diese schlaue Idee sind nur dummerweise in den letzten Jahren viele andere auch gekommen. Ich weiß nicht, was aus den ganzen Studenten geworden ist, die ich in den letzten Jahren in Passau in meinen Veranstaltungen gehabt habe. Ich weiß aber sicher, dass ein ganz beträchtlicher Teil erst gar nicht in den Journalismus gegangen ist, obwohl sie das eigentlich mal wollten und sie ihren Studiengang ja auch nicht ganz ohne Grund gewählt hatten. Es waren, so viel kann ich sicher sagen, nicht die Schlechtesten, die unserem Beruf verloren gegangen sind.

Und da reden wir dann tatsächlich noch über diese Sache mit dem Internet? Darüber, dass man jetzt vielleicht irgendwie multi- und crossmedial arbeiten könnte und versuchen müsste, auch im Netz ein paar Erlöse zu erzielen? Man müsste viel mehr darüber reden, wie wir es hinbekommen, dass man in diesem Beruf wieder in ordentlichen Rahmenbedingungen arbeiten kann. Dass man sich für diesen Beruf wieder begeistern kann, weil es (Achtung, sehr hohles Pathos!) ohne Begeisterung und Leidenschaft in diesem Beruf nicht geht.

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Irgendwann in diesem Mai war es dann auch soweit, dass sich die Hoodie-Debatte um den Kollegen Stefan Plöchinger und die SZ wieder beruhigte. Plöchinger ist mittlerweile Mitglied der SZ-Chefredaktion und alles in allem hat sich bei dieser Debatte dann auch mal wieder gezeigt, dass eben doch nicht alles so heiß gegessen wird, wie man es kocht. Bei der SZ waren sie also vernünftig, holten sich einen ausgewiesenen Top-Digitaler in die Chefredaktion und lassen ihn dabei sogar dem Vernehmen nach Kapuzenpullis tragen. Das ist für beide Seiten vermutlich die beste Lösung.

Allerdings kann man aus der inzwischen abgeebbten Hoodie-Debatte auch anderes rauslesen. Nämlich, dass das, was selbstverständlich sein sollte, noch lange nicht selbstverständlich ist. Selbstverständlich müsste es sein, dass jedes bisher analoge Medium mindestens einen Onliner in seine Chefredaktion holt. Einen, der mehr kann, als ein irgendwie erträgliches Onlineangebot zu erstellen und ansonsten nicht sehr viel zu schmettern hat. Sondern einen, der zugleich in der Lage ist, zukünftige Optionen zu erkennen und entsprechende Projekte umzusetzen. Doch das sind immer noch Ausnahmen.

Der vorhin schon erwähnte „Münchner Merkur“ beispielsweise hat sich zum Jahreswechsel mit Bettina Bäumlisberger eine neue Chefredakteurin besorgt. Frau Bäumlisberger war irgendwann mal beim „Focus“ und dann Pressesprecherin einer bayerischen Landtagsfraktion. Sie ist bestimmt eine prima Journalistin und womöglich sogar eine gute Chefredakteurin. Von einer digitalen Expertise ist allerdings weder bei ihr noch beim Rest der Chefredaktion irgendetwas bekannt. Da ist der „Merkur“ ganz sicher keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Was das sowohl für die inhaltliche Ausrichtung als auch die digitalen Perspektiven bedeutet, kann man sich leicht ausrechnen.

Keine sehr guten Nachrichten für Volontäre und Studenten vermutlich. Leider allerdings auch nicht für den Rest des Journalismus.

Total lokal? Total egal!

In Aachen hat in den vergangenen Tagen Center.tv dichtgemacht. Nach der Insolvenz im Ruhrgebiet und der Schließung in Bremen in von der einstigen Idee des „Heimatfernsehens“ nicht mehr viel übrig geblieben. Genauer gesagt: nur noch die beiden Standorte, die es auch schon zum Start gab, nämlich Köln und Düsseldorf. Dort leben die beiden Sender vor allem deswegen weiter, weil sie schon lange von den jeweiligen lokalen Platzhirschen geschluckt worden sind. Man lehnt sich also nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn man feststellt: Ohne einen halbwegs finanzkräftigen Konzern oder ein paar nicht mal sonderlich getarnte Subventionen (das Modell Bayern) im Rücken, lässt sich lokales Fernsehen nicht machen.

In Düsseldorf, weil wir gerade im Rheinland sind, hat jetzt die „Westdeutsche Zeitung“ mehr oder weniger ihren Status als vollwertige Zeitung aufgegeben. In Köln werden gerade Lokalredaktionen von MDS und Heinen-Verlag zusammengelegt, in München steht die „Abendzeitung“ kurz vor dem Aus. Man versucht in Köln zwar gerade, die Zusammenlegung irgendwie als Stärkung der publizistischen Irgendwas zu verbrämen, aber auch in diesem Fall lehnt man sich nicht weit aus dem Fenster, wenn man feststellt: Lokaler Journalismus lässt sich auch auf gedrucktem Papier nicht mehr so ganz einfach finanzieren.

In Heddesheim wiederum ist der Journalist Hardy Prothmann ansässig, der seit einigen Jahren gerne als ein Alternativ-Modell für den Lokaljournalismus durch die Republik gereicht wird (ebenso wie beispielsweise auch der Regensburger Stefan Aigner). Beide fahren das glatte Gegenmodell zum Lokaljoirnalismus bekannter Prägung, ganz egal, ob gedruckt oder gesendet: Die Publikations-Plattform ist das Netz, die Strukturen sind entsprechend klein und schlank. Und inhaltlich nehmen weder Prothmann noch Aigner ein Blatt vor den Mund. Im Gegenteil: Beide mögen ganz besonders die Geschichten, die in den großen Medien vor Ort wenig bis gar nicht auftauchen. In Heddesheim hat Prothmann sein „Heddesheimblog“ jetzt vorerst auf Eis gelegt, in Regensburg spricht Aigner immer wieder davon, dass sein „Regensburg digital“ ein Projekt ist, bei dem eine gewisse Bereitschaft zur Selbstausbeutung unabdingbar ist. Es ist also auch bei der Spezies der hyperlokalen und digitalen Publikationen nicht sehr gewagt, wenn man behauptet: schwierig, das alles zu finanzieren.

Kann es also sein, dass wir es nicht (nur) mit einer Zeitungskrise zu tun haben, sondern mit einem handfesten Problem des Lokalen? Dass man zwar weiterhin an jeder Uni, an jeder Journalistenschule und in jedem Volontariat zu hören bekommt, wie wahnsinnig wichtig dieses Lokale sei, gleichzeitig aber zunehmend seine ökonomische Basis zunehmend verschwindet?

Tatsächlich gibt es keine Mediengattung, bei der Anspruch, Wahrnehmung und Wirklichkeit so weit auseinander klaffen wie im Lokalen. Niemand käme theoretisch auf die Idee, Lokaljournalismus für überflüssig erklären zu wollen. Es existiert auch keine einzige Theorie, die erklären würde, dass sich Menschen nicht für das am meisten interessieren, was sie unmittelbar betrifft. Allerdings: Es gibt auch nichts im Journalismus, zu dem Menschen ein ambivalenteres Verhältnis haben. Nichts ist so widersprüchlich wie die Haltung zum Lokalen. Natürlich wünscht man sich eine kritische Grundhaltung und natürlich sollen Journalisten auch in der kleinsten Lokalredaktion noch den Finger in die Wunde legen. Theoretisch zumindest. Wer es in der Praxis tut, der wird dann gerne mal nicht als Aufklärer gefeiert, sondern als Nestbeschmutzer beschimpft. Ich vermute, dass Hardy Prothmann und Stefan Aigner ein Lied davon singen können. Wer umgekehrt Heile-Welt-Journalismus betreibt, muss zwar keinerlei Ärger fürchten. Er darf aber auch nicht erwarten, dass man ihm mit besonders viel Respekt für seine Tätigkeit entgegenkommt. Oder ihn womöglich sogar noch ernst nimmt. Es gibt vermutlich nur sehr wenige Lokaljournalisten, die man nicht schon mal mit milde-abschätzigen Begriffen belegt hat.

Beides ist fatal, was die ökonomische Zukunft des Lokalen angeht – und da spielt es kaum eine Rolle, ob wir jetzt von gedruckten oder gesendeten oder digitale Ausprägungen reden. Weder will man Geld ausgeben für bessere Dorfchronisten noch für Menschen, die man als Nestbeschmutzer empfindet. Die bisherige Finanzierung des Lokalen hat viel mit der schlichten Notwendigkeit zu tun. Wenn es kein anderes Angebot gibt, das über die Geschehnisse auf allerkleinstem Raum informiert (und Todesanzeigen und Prospekte liefert), dann zahlt man hat für das eine, das es gibt. Begeisterungsstürme der Nutzer und – das vor allem – bei den potentiellen Werbekunden darf man dafür allerdings nicht erwarten.

Und was, wenn sich irgendwann demnächst herausstellt, dass eine junge Generation, die in einer global-digitalen Welt aufgewachsen ist, mit dem Heimatbegriff unserer Tage gar nicht mehr viel anfangen kann?  Der Sicherheit , dass man lokalen und hyperlokalen Journalismus immer brauchen wird, sollte man sich jedenfalls nicht mehr uneingeschränkt hingeben.