Worüber wir 2016 reden werden

2016 wird das Jahr, in dem sich der Journalismus so stark verändern wird wie schon lange nicht mehr. Deshalb: Die 5 wichtigsten Themen, über die wir im kommenden Jahr werden reden müssen.

 

1. Kleinteilige Welt: Partikel statt Artikel

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Das Selbstverständnis des Journalisten geht immer noch davon aus: „Richtiger“ Journalismus ist nur das abgeschlossene Stück. Egal, ob Artikel oder TV-Beitrag, wir denken in den großen Dimensionen. Und in denen, in denen das gedachte Wort „Ende“ vorkommt. Das ist allerdings ein bisschen widersinnig im Zeitalter des permanenten Newsstreams – wann, bitte schön, soll denn etwas zu Ende sein?

Natürlich, auch weiterhin gibt es die Ereignisse, über die man abschließend berichtet. Selbstverständlich werden wir weiter Kommentare, Reportagen, Analysen, „fertige“ Stücke eben produzieren. Allerdings brauchen wir dringend eine Idee, wie wir neben dem Artikel auch den Partikel als ein erstzunehmendes Narrativ etablieren.

Das ist im Übrigen keine Sache, die nur den klassischen Text betrifft. Wie sich Erzählungen zunehmend aus Partikeln zusammensetzen, erleben wir nirgendwo so drastisch wie ausgerechnet beim Thema Bewegtbild. Bei Videos war die Sache noch bis vor kurzem klar: Das ist ein „gebauter“ Beitrag. Sieht meistens aus wie Fernsehen, selbst dann, wenn der Beitrag nicht im Fernsehen zu sehen ist. Inzwischen gibt es enorm vieles, was aus Bewegtbild sein kann: ein 15-Sekünder bei Instagram, ein auch ohne Ton funktionierendes Autoplay-Stück bei Facebook oder auch ein Livestream, vermutlich der Inbegriff eines Partikels. Man loggt sich von irgendwoher ein, macht eine mehr oder weniger kurze Momentaufnahme von irgendwas und geht dann wieder.  Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil des „gebauten“ Beitrags.  Trotzdem: In der Masse wird Bewegtbild in den nächsten Jahren sehr viel mehr aus diesen winzigen Partikeln statt aus dem ganz großen Kino bestehen.

Wobei ich diesen Begriff „Narrativ“ bewusst gewählt habe. Eine Ansammlung von Tweets, Snaps, Instagram, Livestreams und Facebook-Postings ist eben erst einmal nur das: eine lose Ansammlung. Wohingegen ein Narrativ dann entsteht, wenn man gezielt anfängt, Geschichten zu erzählen. Wie also sieht diese kleinste Narrativ unterhalb des Artikels und des Beitrags aus? Vermutlich eine der spannendsten Fragen für 2016.

2. Digital vs. analog: Lassen wir den Graben Graben sein

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Seit ein paar Monaten beschäftigt mich diese Frage intensiv: Wie sinnvoll ist es zu versuchen, ein „analoges“ Publikum auf digitale Plattformen holen zu wollen? Mehr und mehr komme ich zu den Einschätzung, dass es ein komplett idiotisches Unterfangen ist. Weil es aussichtslos ist und weil wir es kaum schaffen werden, dem eingefleischten Zeitungsleser die Vorzüge eines Smartphones nahelegen zu wollen. Oder dem Fernsehzuschauer die Errungenschaften einer App. Mediennutzer sind, das zeigen nahezu alle einschlägigen Untersuchungen, beinahe so stur wie Bankkunden, die auch erst wechseln, wenn es gar nicht mehr anders geht.

Tatsächlich sind die Zuwächse bei den digitalen Medien zu einem beträchtlichen Teil einem Publikum unterhalb der 40 zu verdanken.Nahezu alle, die altersmäßig darüber liegen, mögen sich mal mehr und mal weniger für Netz und seine Segnungen interessieren, beim Medienkonsum bleiben sie aber überwiegend konservativ.

Das aber bedeutet für alle, die nicht zu der Kategorie der „Digital Onlys“ gehören, auf längere Zeit zweigeisig fahren zu müssen. Zweigleisig, weil sie ihre bisherigen analogen Angebote aufrecht erhalten müssen, um gleichzeitig neue, digitale Projekte zu etablieren. Dass man das Publikum auf beiden Seiten des digitalen Grabens miteinander versöhnen kann, ist so unwahrscheinlich, dass man es besser nicht auf einen Versuch ankommen lässt.

3. Livestreaming und anderes: Lieber jetzt als gleich!

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Journalismus war früher eine ziemlich einfache Sache. Zumindest in textlastigen Medien. Eine, in der man – stark zugespitzt gesagt – über Dinge berichtete, die in der Vergangenheit lagen. Was man in bestimmten Zyklen machte, ob nun alle 15 Minuten oder einmal im Monat. Egal also, welche Form des Journalismus man sich erwählte, ob die nüchterne Nachricht oder der feurige Kommentar: Der Begriff „live“ war dem Radio und dem Fernsehen vorbehalten.

Das lag in erster Linie daran, dass Radio und Fernsehen die einzigen Medien waren, die technisch überhaupt in die Lage kamen, Dinge live zu übertragen. Und weil sich das allmählich ändert, ist plötzlich das Thema Echtzeit eines für beinahe alle geworden. Der wirklich spektakuläre Aspekt dabei ist das Livestreaming, das 2015 mit Apps wie „Meerkat“ oder „Periscope“ seinen massenkompatiblen Durchbruch geschafft hat. Aber wie das eben so ist mit neuen Themen: Erst einmal sind es die „First Mover“, die sich mit so etwas auseinander setzen. Inzwischen aber haben eine ganze Reihe von guten Beispielen und Anwendungen gezeigt: Das Thema Livestreaming wird uns bleiben, es wird sich in nächster Zeit zu einer Selbstverständlichkeit entwickeln. So wie man inzwischen wie selbstverständlich twittert oder bei Facebook präsent ist, so wird man mit Livestreams von sonstwoher präsent sein. Gerade weil es so einfach zu handhaben, ist es für nahezu jeden interessant, der Journalismus macht: vom Lokalreporter bis zum Auslandskorrespondenten.

Das Thema hat aber noch einen weiteren Aspekt. Weil zu der bisher vergangenheitsgetriebenen Seite des Journalismus eine weitere kommt: Berichten in Echtzeit. Das kann man mit bewegtem Bild naturgemäß besonders gut. Aber Livestreams sind nicht die einzige Möglichkeit. Genau genommen gehört jede Social-Media-Plattform zu den Kanälen, die das Leben so abbilden, wie es gerade im Augenblick ist. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, kann man sicher sein: Irgendwo in den Tiefen von Twitter, Snapchat, What´sApp oder Instagram wird es abgebildet. Das ist ein Aspekt, den man gerne übersieht, wenn man von diesen Plattformen spricht. Trotzdem: Wenn sich Journalisten zukunftsfähig aufstellen wollen, entwickeln sie eine Idee davon, wie sie mit dem Thema „Live-Journalismus“ umgehen wollen.

Was auch damit zu tun hat, dass die Generation der heute 15- oder 20jährigen das wie selbstverständlich wahrnimmt und erwartet: Wenn etwas passiert, existiert davon auch ein virtuelles Abbild. Es wäre keine schlechte Idee, wenn Journalisten an diesem virtuellen Abbild mitzeichnen würden.

4. Personalisierung: Gib´s mir!

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Als ich vor ungefähr 15 Jahren das erste Mal mit dem Thema „Personalisierung“ in Berührung gekommen bin, habe ich das – zugegeben – für Quatsch gehalten. Für netten Quatsch zwar, aber eben doch für Quatsch. Damals habe ich mir gedacht: Warum soll ich möglicherweise wichtige und interessante Dinge ausblenden, die mir die lieben Kollegen aufbereiten. Das war im Jahr 2000. Da hatte ich noch den Eindruck, man könne die Massen an Medien noch halbwegs bewältigen. Heute weiß ich, dass das womöglich schon damals ein Trugschluss war. Heute ist das Realität: Wer sich die Fluten an Informationen stürzt, der ersäuft darin.  Vermutlich ist es heute der Ausweis höchster Medienkompetenz, wenn man weiß, welche Filter man ansetzen muss.

Natürlich weiß ich, dass es so etwas wie eine „Filter Bubble“ gibt. Ich weiß, dass jedes Weltbild einseitig ist, mein eigenes natürlich eingeschlossen. Aber man macht weder sein Weltbild noch seinen eigenen Informationsstand besser, wenn man planlos anfängt, irgendwo rumzusurfen. Das ist das neue Zapping – und wie das endet, wissen wir seit den Zeiten, in denen man plötzlich mehr als 30 TV-Programme zur Verfügung hatte und unleidlich wurde, weil man den ganzen Abend irgendwelches Geflimmer so ein bisschen und nichts richtig wahrnahm. Die jüngeren unter Ihnen ersetzen dieses Beispiel bitte einfach durch sinnloses Scrollen in Social-Media-Timelines. (Was im Übrigen nicht bedeuten soll, dass sinnloses Zappen und Scrollen nicht manchmal auch ganz nett wäre).

Trotzdem: Wir kommen heute an dem Thema Personalisierung und personalisierte Angebote nicht mehr vorbei (eine Erkenntnis, die ich wesentlich den großartigen Kollegen Christian Daubner, Marcus Schuler und Mustafa Isik vom BR zu verdanken habe, die ich Ihnen hiermit zum Verfolgen in den diversen Netzwerken ans Herz legen möchte). Die Sektion „Mein BR24“ ist inzwischen mein  persönlicher Favorit in der Nutzung der BR24-App geworden. Weil ich mich sehr darauf verlassen kann, tatsächlich einen Überblick über die Themen zu bekommen, die mich wirklich interessieren. Es schadet im Übrigen weder Journalisten noch Nutzern sich einzugestehen, dass man sich völlig unmöglich für alles interessieren kann. Wenn man dann so ehrlich zu sich selbst ist, dann kommt man an einem weitgehend personalisiertem Angebot nicht mehr vorbei.

Im Übrigen ist diese grandiose Erkenntnis eine, die die Großen im Netz schon lange hatten: Wer heute googelt oder bei Amazon oder Apple einkauft, kann sich darauf verlassen, dass das, was er zu sehen bekommt, so personalisiert wie nur möglich ist. Selbst wenn der User selbst sich in dem Glauben wähnt, gar nicht personalisiert zu haben.

Klingt erstmal alles nach Bagatelle und einem eher technikgetriebenen Problem. Ist es aber nicht. Weil es in der Konsequenz bedeutet, dass sich die Idee, wir Journalisten könnten mit einem Angebot ungefähr alle glücklich machen, zunehmend als nicht mehr umsetzbar erweist.

Meine These: In 10 Jahren haben sich die meisten General-Interest-Angebote erledigt.

5. Wir sehen uns alle auf dem Smartphone wieder

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Die Frage musste man sich ja bis vor kurzem immer mal noch stellen lassen: Für welches Medium arbeiten Sie? Man antwortete dann höflich, man arbeite für eine Zeitung oder beim Radio oder beim Fernsehen (wenn man „Online“ geantwortet hat, wurde man schon kurz darauf nicht mehr ernst genommen).

Das hat sich mittlerweile erledigt, zumindest dann, wenn man noch ein paar Jahre in diesem Job überleben will. Tatschlich gibt es keinen Journalismus mehr, der nicht digital wäre. Im Jahr 2016 wird man hinzufügen müssen: und mobil zudem. Die Durchdringung mit Smartphones ist inzwischen insbesondere beim jüngeren Publikum so hoch, dass diese kleine Ding mittlerweile zum wichtigsten Gerät in der täglichen Mediennutzung geworden ist. Wichtiger als jeder Fernseher, als jedes Radio. Wer nicht auf dem Smartphone präsent ist, kann sich genauso gut auch gleich eingraben lassen.

Präsenz auf dem Smartphone, das bedeutet: Man muss sich etwas einfallen lassen, was darüber hinaus geht, mobile Versionen der eigenen Webseite anzubieten. Im Gegenteil: Man muss das Smartphone im Jahr 2016 in den Mittelpunkt aller strategischen Überlegungen stellen. Weil es nicht nur ein Gerät zur potentiellen Mediennutzung ist, sondern mehr und mehr zum Mittelpunkt unseres digitalen Alltags wird. Bedenkt man dann noch, dass auch soziale Netzwerke zunehmend gerne mobil genutzt werden, dann kann man sich vorstellen, welch potentiell explosive Mischung das ist: sozial und mobil zugleich. Wenn sich ein Großteil des durchschnittlichen User-Lebens künftig so abspielt, kann man sich leicht ausrechnen, wie fahrlässig es ist, das Smartphone immer noch als ein nettes Zusatz-Gadget abzutun.

Fotos auf dieser Seite: BR, Christian Jakubetz

Scheißebombe, Mr. Jarvis!

Jeff Jarvis hat sich mal wieder geäußert und (fast) alle finden es toll. Dabei ist eine digitale Welt nach den Vorstellungen des Gurus für irgendwas weitaus unerträglicher als vieles andere.

Ab und an schreibt der „Spiegel“ Titelgeschichten, die sich mit der Digitalisierung der Welt auseinander setzen. Weil der Journalismus im Allgemeinen und der „Spiegel“ im besonderen den Dingen gerne mal etwas skeptisch gegenüberstehen, sind die Geschichten des „Spiegel“ über die Digitalisierung keine reinen Jubelarien, sondern von einer gewissen Grundskepsis geprägt, Überraschung aber auch. Dass der „Spiegel“ gerne auch seiner Rolle als Zentralorgan der Apokalyptiker gerecht wird, kommt erschwerend hinzu, so dass am Ende Geschichten über das Silicon Valley stehen, die dann so aussehen:

 

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Liest man diese Geschichte durch, muss man der dortigen Grundhaltung, die Jungs aus dem Valley würden nichts anderes tun als uns vorzuschreiben, wie wir zu leben haben, nicht zwingend teilen. Trotzdem gibt es einige Punkte, die man durchaus bedenken kann, so wie man auch als überzeugter Digital-Publizist nicht schlecht beraten ist, nicht jede digitalisierungskritische Stimme sofort als mindestens grenzdebil zu bezeichnen. Weil tatsächlich das vermutlich am häufigsten auftretende Gefühl bei diesem Thema das der Ambivalenz ist. Zu jedem „Ja“ bei diesem Thema lässt sich mühelos auch ein „Aber“ finden. Und eigentlich dachte ich, dass das spätestens seit dem Auffliegen der NSA eine Erkenntnis ist die man als common sense bezeichnen könnte.

Kommen wir damit zu einem Herrn namens Jeff Jarvis, der nicht nur von Branchendiensten wie „Meedia“ gerne als „Internet-Guru“ bezeichnet wird. So ein Guru ist eine feine Sache, weil er schon in der Stellenbeschreibung als Guru eine papstähnliche Unfehlbarkeit attestiert bekommt. Bei Jarvis gleicht auch die Verehrung zumindest in Deutschland der des Papstes (in anderen Ländern hört man lustigerweise gar nicht so viel von ihm). Jarvis findet ungefähr alles, was im Netz passiert, ziemlich großartig, schreibt schon mal Bücher mit dem Titel „What would Google do?“ und echauffiert sich sofort, wenn jemand irgendwas, was gerade im Netz passiert, nicht so toll findet, wie Jarvis es tun würde. Dafür ist er ja schließlich Guru, mit der Konsequenz, dass Jarvis auch mal einfach nur reflexgesteuert loskrähen kann und damit Schlagzeilen produziert.

Die jüngste Spiegel-Geschichte hat der Professoren-Guru auch gelesen und sie hat, wie zu erwarten war, sein Missfallen erregt. Deswegen hat er wieder tief in seiner Kiste mit den verbalen Keulen gegriffen, irgendwas von „Nazinerds“ oder „Nerdnazis“, in jedem Fall aber was mit Nazis krakeelt und zudem noch das zweifelsohne hübsche Wort „Scheißebombe“ kreiert. Das reicht im medialdigitalen Deutschland des Jahres 2015 immer noch für einen Aufmacher bei Meedia, etliche Tweets und erstaunlich viel Aufmerksamkeit dafür, dass man mit Begriffen wie „Scheißebombe“ und „Nazis“ hantiert. Die Zwischentöne mag Jarvis nicht so sehr (vielleicht ist das ja auch ein Grund für seine Popularität, die einfachen Lösungen sind schließlich immer gut). Und deswegen schreibt Jarvis über den „Spiegel“-Titel u.a.

Germany has outdone itself. In its latest issue, Der Spiegel all but portrays Silicon Valley as a nest of nerdnazis.

Outdone itself! Scheißebombe! Nerdnazis!

Man könnte, müsste, sollte über Jarvis lachen, wenn er krakeelt wie ein kleiner Junge auf dem Bolzplatz, den keiner mitspielen lässt. Wenn es nicht so traurig wäre – es reicht leider in einer vermeintlich aufgeklärten digitalen Szene völlig aus, dass einer irgendwas sagt, Hauptsache, es ist der Richtige. Jarvis, Guru = gut. Spiegel, Old Media = böse. Die Gleichung ist anscheinend für viele so verlockend, dass man Jarvis jeden hanebüchenen Quatsch durchgehen lässt, der irgendwann mal in der „prewar Propaganda“ endet.

Nein, ich teile beim besten Willen nicht jede Ansicht, die der „Spiegel“ in diesem Titel vertritt. Noch weniger teile ich aber die Absichten eines Professors und seiner Anhängerschaft, die unreflektiert jedem digitalen Irrsinn nachläuft, alles, wo „Netz“ drauf steht irgendwie toll findet, gelegentlich beim Thema „Big Data“ ins Sinnieren kommt, dann aber dann doch dem Scheißebombe-Vokabular folgt und einem Weltbild huldigt, das sich in erster Linie daraus ergibt, dass man am besten einfach das tut, was Google in einer solchen Situation täte.

Vom digitalen Fluch und Segen

Durch die Digitalisierung bekommen wir und unsere User jede Menge neuer Möglichkeiten.  Das aber ist Segen und Fluch zugleich. Deshalb: Schluss mit dem Entweder-Oder-Denken.

Es war ziemlich genau vor 15 Jahren, als ich das erste und einzige Mal in meinem Leben auf einem Podium beim Grimme-Institut saß. Damals arbeitete ich noch bei der Kirch-Gruppe, die den Älteren unter den Lesern womöglich noch ein Begriff ist. Ich sollte  die Ideen vorstellen, die es in der Gruppe zum Thema „interaktives TV“ gab und befand mich dabei in einer Art Konkurrenz mit einer Kollegin von Bertelsmann (vulgo: RTL). Ich präsentierte also die Idee eines leicht überdimensionierten Mega-Portals, das nicht weniger als ungefähr alles können sollte. Bei Bertelsmann/RTL hingegen dachten sie eher ans unmittelbare Geldverdienen. Beispielsweise so, dass man die Jeans, die Julia Roberts da gerade in „Pretty Woman“ trägt, sofort bestellen und nebenbei auch noch seine Kontoauszüge checken kann.

Ich hielt die Idee  für Unfug, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man beim Filmschauen Hosen bestellen und Kontoauszüge checken will. Weitgehend sollte ich mit meiner Skepsis recht behalten. Das Problem war, dass auch die Kollegen von RTL mit ihrer Skepsis gegenüber meinem Monster-Portal recht behalten sollten. Aus der geplanten Kathedrale wurde Jahre später eine eher bescheidene Hütte namens „Maxdome“ und Jeans bestellt man auch heute noch eher selten beim Fernsehen.

Dabei hatten wir doch unsere Modelle so schön mit Prognosen und Analysen unterfüttert. Ich hätte damals die Zahl der prognostizierten Highspeed-Anschlüsse und potentiellen Käufer auswendig herunterbeten können. Heute, mit dem Abstand von 15 Jahren, kann ich herzlich darüber lachen, welchen Unfug wir damals anscheinend glaubten. Und darüber, wie zukunftsgläubig wir waren, wenn uns nur ein irgendwie nach seriösem Berater aussehender Mensch chice Präsentationen um die Ohren haute.

Die Geschichte mit dem interaktiven Fernsehen fiel mir wieder ein, als ich das erste Mal an einem Smart TV rumspielte, von dem übrigens die Skeptiker, die es ja auch gab und gibt, immer wieder behaupteten, so etwas werde sich nie durchsetzen, weil kein Mensch Fernsehen mit Internet brauche. Tatsächlich ist also mal wieder was ganz anderes rausgekommen, als wir alle dachten. Fernseher heute sind Multimedia-Maschinen, die einem Computer immer näher kommen. Außer, dass man damit nicht arbeiten will. Aber ansonsten ist es so wie auf allen Geräten, auf denen plötzlich das Netz einzieht: Die ursprüngliche Funktion ist in den Hintergrund geraten. Kein Mensch denkt bei einem Smartphone in erster Linie an ein Telefon. So ist es jetzt auch beim Fernsehen. Smart-TV ist eine Gerätegattung, die alles mögliche kann. Unter anderem auch Fernsehen, wenn man das denn noch für nötig hält.

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So geht das mittlerweile seit 15 Jahren. Man meint gerade, eine Entwicklung halbwegs zu begreifen und daraus Idee und Strategien für die Zukunft ableiten zu können – schon ist alles wieder ganz anders. Wahllos herausgegriffen, ohne chronologische und inhaltliche Wertung:  Es gab „Second Life“, von dem es hieß, dass der Journalismus und die Medien der Zukunft auch dort stattfinden müssten. Springer gründete seinerzeit sogar mal eine eigene Zeitung für die Zweit- und Scheinwelt.  Dem Notebook wurde wahlweise eine herausragende als auch eine bescheidene Zukunft beschieden, der stationäre Rechner immer wieder mal für tot erklärt, das Tablet zum Gerät der Zukunft erklärt, ehe es in jüngster Zeit hieß, jetzt laufe es wohl doch eher auf das Smartphone und dort wiederum insbesondere auf das „Phablet“ als das Ding der Zukunft hinaus. Meine eigenen Handys waren in dieser Zeit wahlweise sehr groß, sehr klein, manchmal mit Deckel und manchmal ohne. Gemein war ihnen allen, dass man mir nach maximal einem Jahr des jeweiligen Modells sagte, dass dieses Modell jetzt aber so was von out sei und der Trend gerade ganz woanders hingehe. Ich habe deshalb geschmunzelt, als ich jetzt irgendwo gelesen habe, dass sich irgendwelche Apple-Nerds darauf freuen, wenn es demnächst tatsächlich ein iPhone Mini geben sollte. Hieß es nicht erst unlängst, dass es eigentlich auf die Größe ankomme?

Weiter auf der Liste: Die CD, die vom mp3-Format abgeschossen wurde, die wiederum iTunes erst groß und jetzt wieder eher klein machen, weil man mittlerweile nahezu alles streamen kann. In der Zwischenzeit werden in kleinen Nischen schon wieder horrende Preise für Vinyl-Alben bezahlt, die von den Anhängern dieses Tonträgers als das einzig Wahre bezeichnet werden. Für einen Toten geht es dem Vinyl jedenfalls ziemlich gut, wie übrigens auch den Büchern, die zwar zunehmend mehr digital gelesen werden. Ein Ende des gedruckten Buches kann man realistischerweise dennoch nicht absehen.

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Für all diesen Unfug – niemand wird mehr gedruckte Bücher lesen, es wird keine Medien, sondern nur noch Blogs geben – gab es irgendwann mal jemanden, der ihn geglaubt hat (Transparenz-Hinweis: Ich habe in den letzten 15 Jahren leider auch den einen oder anderen Unsinn geglaubt). Weswegen es so ganz am Anfang eines neuen Jahres eine gute Idee wäre, künftig den Absolutheits-Propheten keinen größeren Glauben mehr zu schenken. All jenen, die genau wissen, was in den kommenden Jahren passieren wird. Die die absoluten Entwicklung predigen, vom Verschwinden von irgendwas und dem Neuen, das angeblich schon ganz eindeutig am Horizont zu erkennen ist.

Weil der eigentliche Wert der Digitalisierung eben nicht darin liegt, dass man sich von irgendwas verabschieden muss. Stattdessen bekommen wir schlichtweg sehr viel mehr neue Möglichkeiten und auch Freiheiten dazu. Wer Musik lieber auf Vinyl hören will, hat dazu inzwischen genauso seine Möglichkeiten wie die Liebhaber des Streamings. Man kann sich gedruckte Bücher in das Regal stellen oder sie in einem Reader lesen. Man kann sich einen Film im Kino anschauen oder im TV oder auf DVD oder Blue-Ray oder im Netz oder gestreamt auf dem Fernseher. Man kann die Zeitung im Netz lesen oder eben doch gedruckt oder eben auch gar nicht. Oder, um nochmal auf die Hardware zurückzukommen: Man wird auch weiterhin mit dem Smartphone telefonieren können. Muss man aber nicht.

Das ist auf der einen Seite eine ganz wunderbare Sache. Und gleichzeitig eine, die dafür sorgt, dass die Debatten darüber so heftig sind. Weil es natürlich auch furchtbar verwirrend ist, wenn man so unendlich viele Optionen hat. Die Idee, dass es im Supermarkt 27 verschiedene Joghurts im Regal gibt, ist natürlich toll, weil man so viele Möglichkeiten hat. Menschlich ist es aber auch, dass man das verwirrend findet und sich manchmal wünscht, da stünden nur zwei Sorten.

Es wäre also alles in allem eine schöne Sache, würden die Entweder-oder-Debatten an ihr Ende kommen. Darum geht es nämlich gar nicht. Die entscheidende Frage für den Journalismus 2015 wird vielmehr sein: Wie bekommen wir es hin, aus dieser Flut von Möglichkeiten so etwas zu gestalten, dass am Ende die Nutzer glücklich sind – und wir damit trotzdem genug verdienen, um uns auch weiterhin um solche Fragen Gedanken zu machen?

Oder, um im Bild zu bleiben: Genügend verschiedene Joghurts haben wir jetzt hergestellt.  Jetzt müsste sie nur noch jemand kaufen.

Das Foto auf dieser Seite stammt von Jens Schmitz/pixelio.de

Am besten tun wir gar nix

Vor ein paar Tagen hat der Redakteur Ralf Heimann bekanntgegeben, demnächst seinen Dienst bei einer Tageszeitung in Münster zu quittieren. Heimann ist weder ein Berufseinsteiger, der gerne woanders hin will, noch ist er ein frustrierter alter Mann, der es sich jetzt leisten kann, in den Vorruhendstand zu gehen – und deshalb mit einem lauten Knall hinwirft. Das heißt, Frust mag in seiner Entscheidung schon eine Rolle gespielt haben. Wie dem auch sei: Ein Journalist, der früher gerne mal gerne Zeitung gemacht hat, lässt seinen Job einfach mal so hinter sich, in Zeiten wie diesen, wo sie anderswo um ihre Jobs bangen (dazu später dann mehr): Hat der Mann sie nicht mehr alle? Vermutlich schon, zumal ihm die Dimension seines Handels schon klar ist: „Operation Harakiri“ hat er augenzwinkernd seinen Blog genannt, auf dem er aktuell ziemlich viele Einblicke in das Seelenleben eines frustrierten Redakteurs gibt, der sich dennoch die Freude an seinem Beruf nicht einfach so nehmen lassen will.

Seine Geschichte sagt eine ganze Menge darüber aus, wie es gerade um unseren Berufsstand bestellt ist.  Ich kenne Ralf Heimann nicht persönlich und kann deswegen nur mutmaßen. Aber es würde mich nicht wundern, wenn es bei dieser Kündigung nicht so sehr um das Medium Tageszeitung alleine geht, von dem er sich nach eigenen Worten „entfremdet“ hat. Das deswegen nicht,  weil man von dieser Entfremdung ziemlich viel spürt momentan, vor allem dann, wenn man sich mit jüngeren Kollegen unterhält. Von denen man ja eigentlich denken sollte, dass sie noch mit einigermaßen Spaß bei der Sache sind, anders als jemand, der vielleicht aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr ganz so glücklich ist mit dem, was er seit 20 Jahren so macht.

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Im Mai war ich eingeladen beim Gewerkschaftstag des DJV in Nordrhein-Westfalen. Ich sollte dort so eine Art Keynote halten und mit rund 20 Minuten Redezeit zum Thema „Digitaler Journalismus“ auf den Tag einstimmen. Dummerweise liefen mir genau in der Woche davor eine ganze Menge junger Kollegen über den Weg: Volontäre und Studenten, die seit kurzem in diesem unserem Beruf tätig sind oder es demnächst dann mal sein wollen. Was ich erlebt habe, war genau das, was Ralf Heimann in weiten Teilen seiner Blogeinträge beschreibt. Mit dem Unterschied, dass die Herrschaften noch keine zehn Berufsjahre auf dem Buckel hatten. Die Beobachtungen waren dennoch weitgehend identisch. Dazu kam allerdings die Perspektive von jungen Journalisten, die instinktiv bemerken, dass irgendwas schief läuft, gerne dazu beitragen würden, daran etwas zu ändern und immer wieder gegen Mauern laufen.

Die Mauern waren allerdings nicht nur, wie man jetzt vorschnell annehmen könnte, irgendwelche böse Verleger und Chefredakteure (die natürlich auch). Sondern mindestens genauso die lieben Kollegen, die seit etlichen Jahren in den diversen Redaktionen sitzen und am liebsten schlichtweg negieren würden, dass sich da in den letzten 15 Jahren etwas angebahnt hat, was mit „Digitalisierung“ nur sehr technokratisch beschrieben ist und tatsächlich nichts anderes ist als die radikalste Veränderung unseres Berufs seit Menschengedenken. Der Schlag Kollegen, den vermutlich auch Ralf Heimann gut genug kennt. Dessen Philosophie darin besteht, dass sich am besten einfach nichts ändert. Egal was da draußen passiert.

Dazu kommen bei vielen Studenten ernste Zweifel, ob sie es denn wirklich mit diesem Beruf versuchen wollen. Angesichts der weiterhin eher unerfreulichen Meldungen aus der Branche ist das nicht einmal etwas, was man ihnen vorwerfen könnte. Aber was soll eigentlich aus dem Journalistenberuf künftig werden, wenn man es auf der einen Seite mit tief sitzendem Frust an der Basis bei denen, die schon drin sind zu tun hat? Und mit massiven Zukunftsängsten bei denen, die erst noch rein wollen? Das war der Grund, warum ich ziemlich spontan mein eigentliches Thema geändert und die 20 Minuten dafür genutzt habe, meinem Unmut darüber Ausdruck zu geben, welch unsinnige Debatten wir immer noch führen.

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 Ist die Zukunft des Journalismus jetzt digital oder doch eher analog oder eine Mischung aus beidem? Ist das Internet schuld daran, dass es gerade eben mal nicht so gut geht und wir es deshalb immer wieder mit unschönen Meldungen wie inzwischen schon seit Wochen beim weiterhin offenen Schicksal der Münchner „Abendzeitung“ zu tun haben. Schon klar, die Disruption greift weiter um sich: Über die AZ haben wir genug gelesen, wir kennen die Zahlen von zweitstelligen Millionenverlusten pro Jahr. Aber auch ein Blatt wie die FAZ schreibt nunmehr schon im zweiten Jahr hintereinander unerfreulich hohe Millionenverluste. Und selbst der „Münchner Merkur“, den man bisher für weitgehend krisenresistent hielt, muss sich auf schlechtere Zeiten einstellen (dass es ausgerechnet die FAZ war, die über Befürchtungen berichtete, es komme dort zu betriebsbedingten Kündigungen, war dann nicht ganz ohne Ironie). Man könnte noch eine ganze Zeit weitermachen mit der Auflistung insbesondere von darbenden Tageszeitungen, es macht nur keinen großen Sinn. Dass die bisherigen Geschäftsmodelle irgendwann mal an ein Ende kommen, das bestreitet vermutlich niemand mehr, die Suche nach den neuen Modellen hat schon lange begonnen.

Immer noch nicht richtig begonnen hat dagegen die Debatte über den Ist- und Sollzustand des Journalistenberufs. Zumindest dann nicht, wenn man darunter mehr versteht als Tarifverhandlungen um ein paar Euro mehr Gehalt und ein paar Minuten weniger Arbeitszeit. Es geht ja schließlich nicht nur darum, auf welchen Kanälen man Journalismus künftig am besten vertreibt. Stattdessen würden ein paar Gedanken nicht schaden, welchen Journalismus man eigentlich künftig gerne hätte. Das schon alleine deswegen, weil sich ja immer noch die Frage stellt, ob die nicht übermäßig ausgeprägte Zahlungswilligkeit des Publikums, die sinkenden Auflagen und Umsätze und das Abwandern von den linearen TV- und Radioprogrammen nicht auch etwas mit den Inhalten zu tun haben könnten.

Oder anders gefragt: Wer soll eigentlich Journalismus machen, den man gerne konsumiert und dann auch noch dafür bezahlt, wenn sich die fatale Mischung aus Unlust,  Verweigerungshaltung und Zukunftsangst auch nach außen hin bemerkbar macht? Womit wir dann wieder beim Kollegen Ralf Heimann wären. Ich war selbst lange genug Lokalredakteur, um bei seinen Schilderungen nicht etwa den Kopf zu schütteln, sondern mir lediglich zu denken: Da hat sich aber nicht sehr viel geändert in den letzten 15 Jahren. Ich war ein bisschen über 30, als ich mich davon verabschiedet habe. Wenn ich Heimann so lese und mich mit Volontären unterhalte, komme ich zu dem Schluss: Wäre ich geblieben, wäre ich heute Alkoholiker. Oder Zyniker. Oder beides.

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Auf diese schlaue Idee sind nur dummerweise in den letzten Jahren viele andere auch gekommen. Ich weiß nicht, was aus den ganzen Studenten geworden ist, die ich in den letzten Jahren in Passau in meinen Veranstaltungen gehabt habe. Ich weiß aber sicher, dass ein ganz beträchtlicher Teil erst gar nicht in den Journalismus gegangen ist, obwohl sie das eigentlich mal wollten und sie ihren Studiengang ja auch nicht ganz ohne Grund gewählt hatten. Es waren, so viel kann ich sicher sagen, nicht die Schlechtesten, die unserem Beruf verloren gegangen sind.

Und da reden wir dann tatsächlich noch über diese Sache mit dem Internet? Darüber, dass man jetzt vielleicht irgendwie multi- und crossmedial arbeiten könnte und versuchen müsste, auch im Netz ein paar Erlöse zu erzielen? Man müsste viel mehr darüber reden, wie wir es hinbekommen, dass man in diesem Beruf wieder in ordentlichen Rahmenbedingungen arbeiten kann. Dass man sich für diesen Beruf wieder begeistern kann, weil es (Achtung, sehr hohles Pathos!) ohne Begeisterung und Leidenschaft in diesem Beruf nicht geht.

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Irgendwann in diesem Mai war es dann auch soweit, dass sich die Hoodie-Debatte um den Kollegen Stefan Plöchinger und die SZ wieder beruhigte. Plöchinger ist mittlerweile Mitglied der SZ-Chefredaktion und alles in allem hat sich bei dieser Debatte dann auch mal wieder gezeigt, dass eben doch nicht alles so heiß gegessen wird, wie man es kocht. Bei der SZ waren sie also vernünftig, holten sich einen ausgewiesenen Top-Digitaler in die Chefredaktion und lassen ihn dabei sogar dem Vernehmen nach Kapuzenpullis tragen. Das ist für beide Seiten vermutlich die beste Lösung.

Allerdings kann man aus der inzwischen abgeebbten Hoodie-Debatte auch anderes rauslesen. Nämlich, dass das, was selbstverständlich sein sollte, noch lange nicht selbstverständlich ist. Selbstverständlich müsste es sein, dass jedes bisher analoge Medium mindestens einen Onliner in seine Chefredaktion holt. Einen, der mehr kann, als ein irgendwie erträgliches Onlineangebot zu erstellen und ansonsten nicht sehr viel zu schmettern hat. Sondern einen, der zugleich in der Lage ist, zukünftige Optionen zu erkennen und entsprechende Projekte umzusetzen. Doch das sind immer noch Ausnahmen.

Der vorhin schon erwähnte „Münchner Merkur“ beispielsweise hat sich zum Jahreswechsel mit Bettina Bäumlisberger eine neue Chefredakteurin besorgt. Frau Bäumlisberger war irgendwann mal beim „Focus“ und dann Pressesprecherin einer bayerischen Landtagsfraktion. Sie ist bestimmt eine prima Journalistin und womöglich sogar eine gute Chefredakteurin. Von einer digitalen Expertise ist allerdings weder bei ihr noch beim Rest der Chefredaktion irgendetwas bekannt. Da ist der „Merkur“ ganz sicher keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Was das sowohl für die inhaltliche Ausrichtung als auch die digitalen Perspektiven bedeutet, kann man sich leicht ausrechnen.

Keine sehr guten Nachrichten für Volontäre und Studenten vermutlich. Leider allerdings auch nicht für den Rest des Journalismus.

Total lokal? Total egal!

In Aachen hat in den vergangenen Tagen Center.tv dichtgemacht. Nach der Insolvenz im Ruhrgebiet und der Schließung in Bremen in von der einstigen Idee des „Heimatfernsehens“ nicht mehr viel übrig geblieben. Genauer gesagt: nur noch die beiden Standorte, die es auch schon zum Start gab, nämlich Köln und Düsseldorf. Dort leben die beiden Sender vor allem deswegen weiter, weil sie schon lange von den jeweiligen lokalen Platzhirschen geschluckt worden sind. Man lehnt sich also nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn man feststellt: Ohne einen halbwegs finanzkräftigen Konzern oder ein paar nicht mal sonderlich getarnte Subventionen (das Modell Bayern) im Rücken, lässt sich lokales Fernsehen nicht machen.

In Düsseldorf, weil wir gerade im Rheinland sind, hat jetzt die „Westdeutsche Zeitung“ mehr oder weniger ihren Status als vollwertige Zeitung aufgegeben. In Köln werden gerade Lokalredaktionen von MDS und Heinen-Verlag zusammengelegt, in München steht die „Abendzeitung“ kurz vor dem Aus. Man versucht in Köln zwar gerade, die Zusammenlegung irgendwie als Stärkung der publizistischen Irgendwas zu verbrämen, aber auch in diesem Fall lehnt man sich nicht weit aus dem Fenster, wenn man feststellt: Lokaler Journalismus lässt sich auch auf gedrucktem Papier nicht mehr so ganz einfach finanzieren.

In Heddesheim wiederum ist der Journalist Hardy Prothmann ansässig, der seit einigen Jahren gerne als ein Alternativ-Modell für den Lokaljournalismus durch die Republik gereicht wird (ebenso wie beispielsweise auch der Regensburger Stefan Aigner). Beide fahren das glatte Gegenmodell zum Lokaljoirnalismus bekannter Prägung, ganz egal, ob gedruckt oder gesendet: Die Publikations-Plattform ist das Netz, die Strukturen sind entsprechend klein und schlank. Und inhaltlich nehmen weder Prothmann noch Aigner ein Blatt vor den Mund. Im Gegenteil: Beide mögen ganz besonders die Geschichten, die in den großen Medien vor Ort wenig bis gar nicht auftauchen. In Heddesheim hat Prothmann sein „Heddesheimblog“ jetzt vorerst auf Eis gelegt, in Regensburg spricht Aigner immer wieder davon, dass sein „Regensburg digital“ ein Projekt ist, bei dem eine gewisse Bereitschaft zur Selbstausbeutung unabdingbar ist. Es ist also auch bei der Spezies der hyperlokalen und digitalen Publikationen nicht sehr gewagt, wenn man behauptet: schwierig, das alles zu finanzieren.

Kann es also sein, dass wir es nicht (nur) mit einer Zeitungskrise zu tun haben, sondern mit einem handfesten Problem des Lokalen? Dass man zwar weiterhin an jeder Uni, an jeder Journalistenschule und in jedem Volontariat zu hören bekommt, wie wahnsinnig wichtig dieses Lokale sei, gleichzeitig aber zunehmend seine ökonomische Basis zunehmend verschwindet?

Tatsächlich gibt es keine Mediengattung, bei der Anspruch, Wahrnehmung und Wirklichkeit so weit auseinander klaffen wie im Lokalen. Niemand käme theoretisch auf die Idee, Lokaljournalismus für überflüssig erklären zu wollen. Es existiert auch keine einzige Theorie, die erklären würde, dass sich Menschen nicht für das am meisten interessieren, was sie unmittelbar betrifft. Allerdings: Es gibt auch nichts im Journalismus, zu dem Menschen ein ambivalenteres Verhältnis haben. Nichts ist so widersprüchlich wie die Haltung zum Lokalen. Natürlich wünscht man sich eine kritische Grundhaltung und natürlich sollen Journalisten auch in der kleinsten Lokalredaktion noch den Finger in die Wunde legen. Theoretisch zumindest. Wer es in der Praxis tut, der wird dann gerne mal nicht als Aufklärer gefeiert, sondern als Nestbeschmutzer beschimpft. Ich vermute, dass Hardy Prothmann und Stefan Aigner ein Lied davon singen können. Wer umgekehrt Heile-Welt-Journalismus betreibt, muss zwar keinerlei Ärger fürchten. Er darf aber auch nicht erwarten, dass man ihm mit besonders viel Respekt für seine Tätigkeit entgegenkommt. Oder ihn womöglich sogar noch ernst nimmt. Es gibt vermutlich nur sehr wenige Lokaljournalisten, die man nicht schon mal mit milde-abschätzigen Begriffen belegt hat.

Beides ist fatal, was die ökonomische Zukunft des Lokalen angeht – und da spielt es kaum eine Rolle, ob wir jetzt von gedruckten oder gesendeten oder digitale Ausprägungen reden. Weder will man Geld ausgeben für bessere Dorfchronisten noch für Menschen, die man als Nestbeschmutzer empfindet. Die bisherige Finanzierung des Lokalen hat viel mit der schlichten Notwendigkeit zu tun. Wenn es kein anderes Angebot gibt, das über die Geschehnisse auf allerkleinstem Raum informiert (und Todesanzeigen und Prospekte liefert), dann zahlt man hat für das eine, das es gibt. Begeisterungsstürme der Nutzer und – das vor allem – bei den potentiellen Werbekunden darf man dafür allerdings nicht erwarten.

Und was, wenn sich irgendwann demnächst herausstellt, dass eine junge Generation, die in einer global-digitalen Welt aufgewachsen ist, mit dem Heimatbegriff unserer Tage gar nicht mehr viel anfangen kann?  Der Sicherheit , dass man lokalen und hyperlokalen Journalismus immer brauchen wird, sollte man sich jedenfalls nicht mehr uneingeschränkt hingeben.

Jugendsender, Facebook-Seiten und andere Innovations-Attrappen

Manchmal sind es ja die ganz simplen Anlässe, die dann zu längeren Überlegungen führen. Beispielsweise das automatisierte Abbuchen des Rundfunkbeitrags, bei dem man für ein Quartal mal eben gute 50 Euro los wird. Der Gedanke ist zwar weder neu noch originell, drängte sich aber auf: Für was eigentlich? Das öffentlich-rechtliche System würde mir jetzt antworten: Für über 60 Hörfunkwellen, für ARD und ZDF und die Dritten und den Deutschlandfunk und für jede Menge herausragender journalistischer Qualität (und aus Transparenzgründen der Hinweis: auch für mich selbst, ich bin auch schon von Gebührengeldern bezahlt worden). Selbst wenn ich dem uneingeschränkt zustimmen würde, was ich keineswegs tue, dann würde ich mir denken: stimmt, und für Rundfunkorchester, Fernsehballette, unfassbar riesige und intransparente Verwaltungskosten, für Apparatefernsehen, für den Einfluss des deutschen Bauernverbands, der FDP und des Straubinger Zeitungsverlegers auf den Chefredakteursposten des ZDF und für vieles andere auch, wofür ich über 200 Euro im Jahr eher ungern ausgebe.

Man könnte jetzt also eine umfangreiche Debatte über Sinn und Unsinn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks führen, wenn man das denn wollte. Man könnte es allerdings auch so sehen: Die Öffentlich-Rechtlichen stehen exemplarisch für das, was in den „alten“ Medienlandschaft passiert. Oder besser gesagt: nicht passiert. Man könnte es auch so formulieren: Wir „alten“ Medienmacher kommen immer erst da an, wo wir den Konsumentennachwuchs vermuten, wenn der schon lange wieder ganz woanders ist. Das Beispiel Facebook ist da nur eines von vielen.  Während sich bei uns Facebook gerade mal als Standard für Social-Media-Anwendungen zu etablieren beginnt, zieht die Karawane junger Mediennutzer schon lange weiter. Möglicherweise werden wir in dem Moment, in dem dann auch mal der mediale Mainstream Facebook als Selbstverständlichkeit ansieht, schon lange nicht mehr über Facebook reden, weil es dann so hip ist wie StudiVZ.

Es geht also schon lange nicht mehr um das, was wir lange Zeit glaubten: dass wir einfach ebenfalls ins Netz übersiedeln müssten, der Rest ergebe sich dann schon. Dass man einfach nur das, was man vorher in der heilen analogen Welt gemacht hat in diesem Internet fortführen müsse und dann ist wieder alles wie vorher. Tatsächlich aber hat die digitale Generation nicht einfach nur den Kanal gewechselt — sondern auch gleich noch einen beträchtlichen Teil der bisher bekannten Nutzungsweisen mal eben über Bord geworfen.

Das ist noch nicht überall angekommen, noch lange nicht. Mein Lieblingsbeispiel (deshalb auch das Intro mit den öffentlich-rechtlichen Sendern): der geplante Jugendkanal von ARD und ZDF, der vermutlich eh schon wieder tot ist, weil den Ministerpräsidenten der Länder berechtigte Zweifel gekommen sind, ob das in dieser Form eine geeignete Art ist, dem Totalverlust an jungen Zuschauern entgegen zu wirken. Zur Erinnerung: Die Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens  sind im Durchschnitt nochmal ein Jahrzehnt älter als ich, was schon schwer vorstellbar ist. Sie sind irgendwo in den Sechzigern angesiedelt und selbst das Satiremagazin „Quer“ im Bayerischen Fernsehen schafft es als das „jüngste“ Format des BR gerade mal auf einen Altersdurchschnitt von 58. Das ist, bei allem Respekt vor uns Älteren, keine sehr verlockende Perspektive. Und eine tragfähige für die Zukunft ohnehin nicht.

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Das Interessante an der aktuellen Situation ist also: Da verändert sich gerade mal eben die ganze Medienwelt überaus dramatisch – und wir reden immer noch darüber, dass man die analogen Medien dann halt einfach mal ins Netz holt und ein bisschen Social Media drumrum drapiert und dann ist alles wieder gut. Man müsste also (wenn er denn jemals kommt) befürchten, dass ein Jugendkanal von ARD und ZDF so aussieht, wie jüngere Menschen aus der Sicht älterer Menschen gerne fernsehen würden. Man hat vor Augen, wie irgendjemand Meldungen aus diesem Twitter vorliest und wie man eine eigene Facebook-Seite entwickelt und womöglich ab und an auch noch Leute ins Studio eingeladen werden. Oder womöglich sogar per Google Hangout dazu geschaltet werden. Aber alles in allem wäre es eben immer noch Fernsehen, so wie wir es kennen.

Aber es ist ja nicht so, dass nur die öffentlich-rechtlichen nicht so recht wissen, wie sie diesem Internet begegnen sollen. Generell lässt sich feststellen: Auch im 20. Jahr dieses Internets gibt es immer noch einen gravierenden Denkfehler: zu glauben,  es reiche aus, dass man analoge Medien einfach auf digitalen Plattformen ausspielt. Nichts anderes aber passiert momentan an vielen Stellen:  TV-Sender (da sind sich private und öffentlich-rechtliche erstaunlich ähnlich) stellen ihre gesendeten Inhalte auch in Mediatheken zur Verfügung und ab und an gibt es auch mal ein paar Outtakes oder anderes Bonusmaterial dazu. Zeitungen und Zeitschriften packen ihre gedruckten Produkte in mehr oder weniger solide gemachte Apps und bauen mehr oder weniger solide Webseiten. Gemeinsam diskutieren sie dann darüber, wer im Netz der Zukunft „Presse“ und wer „Rundfunk“ sein darf, ganz so, als hätten sie es in der Hand, das Netz nach Claims aufzuteilen. Die etwas fortschrittlicheren haben Social-Media-Strategien, andere dann wieder eher nicht. Dass aber mittlerweile ein junges Publikum diesen Plattformen schon wieder gar nicht mehr viel abgewinnen kann, ist noch nicht angekommen.

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Vielleicht muss man deshalb mal mit ein paar Zahlen hantieren: Bei den auf iOS installierten Apps hat mittlerweile „WhatsApp“ „Facebook“ als Nummer eins abgelöst, der Rückzug vom ganz großen Publikum hin zu offenbar kleineren Gruppen und damit auch zu weiter fragmentierten Märkten ist unübersehbar. Bei der Nutzung von Bewegtbild spielt das Webvideo bei diesem Publikum eine ungleich größere Rolle als das lineare Programm, der gebaute TV-Beitrag ist für diese Zielgruppe bestenfalls noch ein Relikt aus vergangenen Tagen. Natürlich verweisen TV-Sender in einem solchen Zusammenhang gerne auf ihre Reichweite und Nutzungsdauern, die in der Tat zumindest in Deutschland noch so sind, dass man nicht gerade von einer schweren Krise sprechen müsste. Aber bereits in den USA sieht das mittlerweile schon ganz anders aus – man könnte es durchaus als drohendes Unheil bezeichnen, was der „Business Insider“ beschreibt. Zusammengefasst: In den USA verabschiedet man sich inzwischen eindeutig vom klassischen, linearen TV.

Über die Auflagenentwicklung der Tageszeitungen in Deutschland muss man in diesem Zusammenhang nicht mehr sehr viel sagen. Wohin die Reise geht, ist offensichtlich. Man kann bestenfalls darüber diskutieren, wie schnell und linear es mit dem Auflagenrückgang weiter gehen wird. Dass es schon lange da ist und nicht mehr aufzuhalten sein wird, bestreiten mittlerweile nicht mal mehr die, die jeden, der so etwas vor ein paar Jahren prophezeite, wahlweise als Schwarzseher, Printhasser oder schlichtweg Luftnummer bezeichneten.

Umgekehrt: Die Bedeutung des Netzes als Informationsquelle Nummer 1, als das neue Supermedium schlechthin, geht ungebremst weiter. Inzwischen stimmen beinahe zwei Drittel der 14-29jährigen der Aussage zu, dass das Netz für sie das wichtigste Informationsmedium sei. Und selbst bei den bis 39jährigen sagt das beinahe die Hälfte der Befragten von sich.

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Kurzum: Die allermeisten Debatten, die heute noch in Sendern und Verlagen geführt werden, gehen an der eigentlichen Problematik vorbei. Weil sie das wahre Ausmaß dessen, was gerade am Markt passiert, immer noch unterschätzen. Weil sie mit einem ein bisschen aufgepeppten Jugendsender und ein paar Webseiten und krampfhaft bemühten Facebook-Auftritten etwas kompensieren wollen, was gar nicht mehr zu kompensieren: den Abriss zu einer ganzen Generation.  Auch die Tatsache, dass ein Wechsel des Trägermediums nicht zwingend auch den Abkehr von einer Medienmarke bedeuten muss, greift in diesem Fall nicht.  Weil Medienmarken wie die ARD, das ZDF oder diverse Zeitungstitel diese Generationen gar nicht mehr erreichen. Weil sie für diese Generation häufig gar nicht mehr relevant sind, weil sie sich irgendwo da aufhalten, wo der Medienkonsumenten-Nachwuchs noch nie war. Oder sich zumindest nie heimisch gefühlt hat.

Bisher also war das in den Köpfen der meisten Strategen so: Man hat sein Muttermedium, das man mit etwas Internet drapiert. Immer in der Hoffnung, dass das Publikum aus dem Netz wieder zurück kommt zur guten alten Mutter TV/Zeitung. Das ist die grundlegend falsche Denkweise. Ein Medium funktioniert heute nur noch, wenn es als stringentes Ganzes wahrgenommen wird, das auf allen Kanälen gleichermaßen glaubhaft, kompetent, unterhaltsam daher kommt. Jugendsender und Facebook-Auftritte sind so, wie sie momentan von den meisten gehandhabt werden, Innovations-Attrappen.

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Und eines noch zum Schluss: Wenn man sich ein bisschen umhört in den Verlagen und den Sendern im Jahr 2013, dann bekommt man unter der Hand gerne mal gesagt, den Wandel sei dann doch sehr viel schneller gegangen als erwartet. Kleiner Tipp für 2014: Das Karussell wird sich noch schneller drehen. Und wenn ihr so weiter macht, bleiben ganz sicher nicht alle oben.

Die Paywall muss vor die Wagenburg!

Es gibt eine neue App. Sie heißt „Der Abend“ und bietet einen Überblick über den beinahe zurückliegenden Tag. Sie ist personalisierter, interaktiv, lern- und merkfähig, lässt sich insbesondere auf mobilen Geräten gut nutzen, verzichtet demnach völlig auf Papier und ist im Falle der Fälle auch so konfigurierbar, dass sie dem Design verschiedener Redaktionen angepasst werden kann. Kurz gesagt: So soll sie sein, die Zeitung der Zukunft, sofern man sich darauf einlässt, die Zeitung endlich mal davon zu entkoppeln, immer gedruckt sein zu müssen.

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Kommt Ihnen nicht übermäßig spannend, innovativ und aufregend vor? Wären Sie auch selbst drauf gekommen, wenn man Ihnen mal eine Viertelstunde Zeit gegeben hätte? Mag alles sein. Trotzdem ist dieses Ergebnis, das der „Spiegel“ und der Zeitungsdebatten-Mastermind Cordt Schnibben jetzt als Resultat von #tag2020 vorgelegt haben, nicht einfach damit abzutun, dass es eher unspektakulär ist. Im Gegenteil. Denn erstens ist vieles sehr richtig und überlegenswert daran, zum anderen wirft es eine Frage auf, die man sich schon länger stellen müsste: Wenn denn alles so einfach und banal ist, wie es von Print-Seite gerne heißt (der unvermeidliche FAZ-Hanfeld und seine 2 Cent Häme stehen bereits online), warum gibt es ein solches Produkt nicht schon lange? Und wieso halten immer noch viele Verlage die Transkription einer Zeitung in ein e-Paper für die Krönung des digitalen Journalismus?

Darüber soll an dieser Stelle nicht spekuliert werden. Nicht mal, obwohl mir spontan etliche Gründe einfielen. Eines ist dennoch frappierend: wie sehr dieses Beharrungsvermögen auf Printseite immer noch ausgeprägt ist. Cordt Schnibben schildert in seiner Zusammenfassung u.a. die Reaktionen auf die Zeitungsdebatte – und wie ihm eines Morgens fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen ist, weil jemand ernsthaft behauptete, er habe ein von Matthias Döpfner geordertes, „Bild“-ähliches Konzept entworfen. Aber auch die Reaktionen aus anderen Blättern waren von beeindruckender Engstirnigkeit: In „FAS“, „Zeit“ und anderen wurden die bösen Zeitungshasser für alles verantwortlich gemacht, in der FAZ verstieg sich Stefan Schulz zu der selbst für seine Verhältnisse erstaunliche Behauptung, der Anspruch der Zeitung sei schließlich „Wahrheit“. Seinem Herausgeber Frank Schirrmacher fiel nichts anderes ein, als ernsthaft darauf zu verweisen, es dämmere gerade immer mehr Menschen, dass die Zeitung nicht von der NSA überwacht werden könne. Und auch Hanfelds neuer Text kommt nicht ohne den Hinweis aus, in der „Spiegel“-Debatte seien „Online-Onkels von der Leine“ gelassen worden, die dann ihren „Zeitungshass“ ausgelebt hätten.

Schon klar, so einfach kann man sich das natürlich machen. Alles ist gut, nur die bösen Online-Onkelz reden alles kaputt. Weil es ihnen Spaß macht, es ihr Hobby ist und dem eigenen Business schließlich auch noch gut tut. Das ist eine Wagenburg-Mentalität, die bisher noch jedem Untergang vorausgegangen ist, wobei ich beim Stichwort Untergang irgendwie an den gleichnamigen Film denken muss und an die Szene, in der der Führer irgendwelche Armeen herbeizitiert, die schon lange nicht mehr existieren. Eine solche Mentalität verhindert allerdings auch die Öffnung nach außen und die Möglichkeit, auf solche Dinge wie das Konzept „Der Abend“ zu kommen. Bevor jetzt wieder irgendein Hanfeld loskräht: Das Konzept wurde nicht von den bösen Onkelz kreiert, sondern basiert weitgehend auf dem, was User eingebracht haben. Hätte man übrigens ebenfalls selber machen können, man müsste nur mal von seinem hohen Journalisten-Roß runterkommen und aufhören zu glauben, man wisse schon, was für (Medien-)Land und Leute gut ist.

Haben sie aber nicht, sind sie aber nicht – und ich würde die Prognose wagen: Viel wird sich auch weiterhin nicht ändern, schon alleine, weil man sich ja jetzt erst mal dem Aufziehen von Paywalls widmen muss. Andersrum würde vielleicht eher ein Schuh heraus.  Journalismus neu denken, den Gegebenheiten eines digitalen Zeitalters anpassen – und dann Produkte entwickeln, die man sich auch bezahlen lassen kann. Aber, schon klar: Solange man böse Internet-Onkelz und diebische Geizhals-Leser als Feindbild ausmacht, muss man sich über die eigene Einfallslosigkeit kaum Gedanken machen.

Nachtrag: Ein anderer böser Onkel, Thomas Knüwer, hat sich ebenfalls zum Thema geäußert. Er hält die Abend-App für ziemlich konfus und nimmt die Debatte letztlich als Beleg dafür, dass sich das bedruckte Papier dem Ende nähert. Lesen kann man das hier – aber bitte nicht gleich wieder ´ne Verschwörung wittern, liebe analoge Verschwörungstheoretiker.

Was vom #tag2020 übrig bleibt

Im „Spiegel“ beginnt mit der neuen Ausgabe eine größere Serie zum Thema „Zukunft der Tageszeitung“. Erzählt wird das ganze in einem neuen Format, der sogenannten „Multistory“. Das ist vermutlich die etwas hippere Variante eines crossmedialen Projekts, jedenfalls aber widmet man sich dort diesem Thema derart intensiv, dass man eine Ahnung davon bekommen  kann, wie relevant das Thema inzwischen auch außerhalb der jahrelang branchenintern heftig geführten Debatten geworden ist. So wichtig, dass man es auf den Titel gehoben hätte, ist es noch nicht, da war Napoleon schon wichtiger. (aber ok, besser als irgendwas mit Hitler). Ab morgen sollen die Debatte und das Thema auf „Spiegel Online“ weitergeführt werden und wenn die Redaktion meinen Text nicht gerade als unbrauchbar gelöscht hat, werde ich bei dieser Debatte ebenfalls vertreten sein.

Die Geschichten aus dem Heft habe ich, appseidank, heute schon gelesen. Da steht nicht viel drin, was man als mit dem Thema befasster nicht irgendwie schon mal gehört hätte (was ja auch nicht Ziel der Übung war, der normale Spiegel-Leser wird sich mit den Tücken unseres Berufs vermutlich wenig beschäftigt haben). Was aber auffällig ist: Der Ton hat sich geändert. Das klingt jetzt erst mal kryptisch. Und weil das so ist, habe ich auch darauf verzichtet, diesen Satz, diesen Eindruck in meinen Beitrag für „Spiegel Online“ zu packen. Tatsächlich aber gab es für mich bei der Lektüre der „Spiegel“-Geschichten vor allem das als ersten und bleibenden Eindruck: Wenn man das mittelfristige Ende der Tageszeitung an einem Indikator festmachen will (außer natürlich an den ganzen anderen, den Zahlen beispielsweise), dann kann man das inzwischen ganz gut an der Tonart festmachen, die inzwischen auch aus den Verlagen, ihren Geschäftsführungen, Herausgebern und Chefredakteuren angeschlagen wird. Die war noch vor gar nicht mal so langer Zeit so, dass Menschen, die an eine Digitalisierung des Journalismus glaubten, als eher bemitleidenswerte Spinner belächelt wurden. Dann kam die Phase, in der sie vom Spinner wenigstens schon mal zur Kassandra befördert wurden, dann schließlich zum Onliner, der schon auch mal wichtig werden könnte. Heute sollen sie den Verlag retten. Der FAZ attestiert der „Spiegel“ beispielsweise, man verlasse sich dort ziemlich auch den neuen Online-Chef  (der zufällig vom „Spiegel“ kommt). Wenn man vor ein paar Jahren gesagt hätte, die FAZ setze mal sehr darauf, dass die Rettung aus dem Digitalen kommen könne, man hätte ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen.  Trotzdem ist das Warten auf Müller-Blumencron womöglich gar keine schlechte Idee, wenn man im gleichen Heft zum Thema Internet ansonsten nur mal wieder das übliche Schirrmacher-Lamento liest, es gehe jetzt demnächst um die Frage nach dem Wert der geistigen Arbeit im Allgemeinen und des Journalismus im Speziellen. Das mag schon möglich sein, dass das so ist, wird aber den durchschnittlichen Nutzer im Zweifelsfall eher weniger interessieren. Und dass bei den Kollegen der „Süddeutschen“ die spannenderen Beiträge schon seit längerem mehr von Stefan Plöchinger und weniger von Kurt Kister kommen, ist auch nur bedingt ein Zufall.

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Der „Spiegel“ beschreibt in seinem ausführlichen Stück dann auch noch mal ein paar Realitäten, die sich auf Zahlen stützen. Beispielsweise über das momentan wieder mal überaus gehypte Thema „Paid Content“, bei dem sich dann rausstellt, dass die Zahlen doch nicht so großartig sind, wie man vielleicht denken könnte, nicht mal beim Lieblingsbeispiel der Branche, der „New York Times“. Dass es aus dem Hause Springer nicht fortlaufend Jubelmeldungen über „Bild plus“ und dem Pay-Modell der „Welt“ gibt, mag einer Menge von Gründen geschuldet sein. Einer davon könnte sein, dass es so viel vielleicht gar nicht zu jubeln gibt. Die Zahlen über die stetig sinkenden Auflagen sind ebenfalls jedem bekannt, der mit der Branche zu tun hat und dass weder die Vertriebs- noch die Anzeigenumsätze viel Grund zur Hoffnung geben, ist ebenfalls nicht neu.  Das alles muss man aufschreiben, wenn es um die Probleme und die Zukunft der Zeitungen geht, bringt aber die Sache nicht endgültig auf den Punkt. Dass sie Umsätze, Auflage und Relevanz verlieren, wissen sie in den meisten Häusern schon ganz gut selbst, wenn man nicht gerade beispielsweise in Passau sitzt, dort den Realitätsverlust zur Verlagspolitik erklärt und Dinge wie beispielsweise eine App für Tablets für völlig überbewerteten Unfug hält. Selbst wenn sich der Ton gegenüber Onlinern geändert und man womöglich erkannt hat, dass es ganz ohne dieses Internet nicht gehen wird, die Konsequenzen, die in den allermeisten Häusern daraus gezogen sind zu wenige – falls es überhaupt irgendwelche gibt.

Das hat damit zu tun, dass in er durchschnittlichen deutschen Tageszeitung das Thema Medienwandel (hier steht absichtlich: Medienwandel. Und nicht Internet) nicht wirklich durchdrungen und bearbeitet wird. Für die allermeisten ist die große Abenteuerwelt des Internet noch immer ein zusätzlicher Ausspielkanal. Würde man vom Chefredakteur bis zum Volo nach dem Verständnis der Digitalisierung fragen, die meisten würden sinngemäß sagen: Da kann man jetzt auch noch reinschreiben. Ist das ein Wunder, wenn sogar Journalistenausbilder wie Wolf Schneider dem Netz vor allem bescheinigen, dass in seinem großen Bauch auch Dinge Platz finden, die in die Zeitung nicht mehr reinpassen? Kurz gesagt: Wer eine Webseite betreibt und einen Facebookaccount und möglicherweise sogar eine App, der hat noch lange nicht begriffen, was Journalismus im digitalen Zeitalter bedeutet. Oder wenigstens bedeuten müsste.

Genau deswegen sind ja auch diese ganzen Debatten um Papier oder nicht Papier so sinnlos. Ich kenne kaum ein Verlagshaus, in dem sich die Debatten tatsächlich auch um ein geändertes journalistisches Rollenverständnis oder um eine neue Positionierung der eigenen Publikation in der Gesellschaft drehen würden.  So lange das aber so ist, ist es vergeudete Zeit, über digitale Produkte zu reden. Oder darüber, ob den Menschen geistige Arbeit noch irgendwas wert ist. Die Frage wäre also viel eher: Ist es die richtige geistige Arbeit, die wir da verrichten? Braucht und will die künftig überhaupt noch ein Mensch? Würde man heute einen Opel Kadett bauen, wäre die Frage ja auch nicht die, ob den Menschen die Arbeit, die hinter einem solchen Kadett steht, noch etwas wert ist. Die Frage wäre eher: Will und braucht jemand noch einen Kadett, sofern er nicht gerade alte Autos sammelt?

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Man weiß also momentan nicht so recht, ob man es als wirklichen Fortschritt verstehen soll, wenn die Onliner in den Verlagshäusern jetzt nicht mehr nur am Katzentisch sitzen und manchmal sogar als Heilbsringer angesehen werden oder gute Interviews geben dürfen.

Die Kollegen vom „Spiegel“ jedenfalls haben angekündigt, dass am Ende ihrer dreiwöchigen Debatte das Konzept und die Idee einer modernen Tageszeitung stehen soll. Wenn ich bei diesem Projekt auf etwas gespannt bin, dann auf das.

Die Verlagsträume vom flotten Dreier

Der größte redaktionelle Alptraum, den ich mal hinter mich bringen musste, nannte sich „Zentralredaktion“. Dieses journalistische Monstrum sollte vor knapp 15 Jahren alle Sender und Mediengattungen der damaligen Kirch-Gruppe mit Inhalten beliefern. Alles aus einer Hand, trotzdem individualisiert, unheimlich effizient und kostensparend. Man muss das Journalisten vermutlich nicht erzählen, dass eine solche Idee nur aus den feuchten Träumen von Controllern und Vorständen kommen kann, in der Tat aber kein realistisches Konstrukt ist. Ein Inhalt, der gleichermaßen bei N 24 wie Pro 7  funktionieren soll? Kaum vorstellbar (es sei denn, man sieht sich an, was inzwischen aus der Nachrichtenattrappe N 24 geworden ist; da kann man durchaus Nachrichten zu Dokus über die größten Sattelschlepper der Welt oder irgendwas mit Wetter oder Hitler auf allen Kanälen bringen). Ein Journalist weiß also, dass die Träume von den Synergien etc. in etwa gleichbedeutend mit einem flotten Dreier ist: Die meisten Controller träumen von ihm, selten wird er wahr.

In den letzten Jahren sind die kleinen Fantasien von flotten Dreiern in vielen Verlagen wieder hochgekommen. Springer versucht sich seit Jahren an irgendwelchen eher mäßig funktionierenden Zuliefer- und Austauschmodellen, bei Gruner&Jahr hat man die ganzen Wirtschaftspublikationen mal eben in einen großen Topf geworfen und daraus kurzerhand die „Wirtschaftspresse“ gemacht. Die Funkes formerly known as WAZ lassen sich mittlerweile ihre Zeitungen im Lokalteil teilweise von der Konkurrent befüllen. Das Ergebnis ist bekannt: Die Austauscherei hat kein einziges Springer-Blatt weiter gebracht, die WAZ verliert in Dortmund mehr an Auflage als ohnehin schon in den anderen Regionen, die „Wirtschaftspresse“ ist traurige Geschichte (der Korrektheit halber sollte ich dazu fügen, dass ich an der Umsetzung einer Zentralredaktion bei Kirch ebenfalls mehr oder weniger kläglich gescheitert bin).

Dass es das neue Springerfunke-Großkonglomerat jetzt wieder mit einem synergetischen Modell versuchen will, kann man als konsequent bezeichnen. Oder auch als unbelehrbar. Jedenfalls soll ungeachtet des Verkaufs der Springer-Blätter an die Funke-Gruppe die Zulieferung der „Welt“ an die anderen weitergehen. Das klingt erst einmal logisch und nachvollziehbar, weil das ja bisher schon so war. Die tatsächliche Dimension ist allerdings die, dass die Funke-Gruppe zu einem role model für einen überaus merkwürdigen Trend in der Verlagswelt wird: Man versucht zunehmend, Zeitungen zusammenzuschustern. Von Publizistik und Journalismus kann jedenfalls bei der ehemals stolzen WAZ kaum mehr die Rede sein, eher von einer Hülle, in die verschiedene Inhalte eingekauft werden. Dass sie sich bei Springer angesichts dieses Deals freuen werden, dürfte gesichert sein. Man verkauft seinen alten Krempel und schließt dazu gleich noch einen Servicevertrag ab.

Tatsächlich muss man sich bei dieser ganzen Sache sehr viel mehr über die Funke-Gruppe wundern als über Springer. Im Ruhrgebiet kreist seit Jahren die ganz große Sparkeule, hunderte Jobs sind abgebaut, ganze Redaktionen mit einem Federstrich geschlossen worden, die Auflagen befinden sich selbst für Tageszeitungsverhältnisse in einem erstaunlich freien Fall, eine klare Digitalstrategie gibt es nicht und von einem journalistischem Profil mag man eh nicht mehr sprechen – und dann kauft man in einem kriselnden Kerngeschäft das kriselnde Kerngeschäft eines Konkurrenten dazu, um sich von diesem Konkurrenten dann mit Inhalten beliefern zu lassen? Ich habe nicht BWL studiert und würde mir auch keine übertrieben hohen strategischen Fähigkeiten zubilligen, aber um das als ziemlichen Unsinn zu erkennen, dafür reicht es sogar bei mir noch.

Und auch im gefühlten Jahr 50 nach Beginn der Digitalisierung staunt man immer noch über beträchtliche Teile der deutschen Verlage: Es fallen einem spontan nur sehr wenige ein, denen man eine stringente und zukunftsfähige Digitalstrategie zubilligen würde. Digitale Innovationen aus Verlagshäusern werden eher selten gesichtet, beim Hase- und Igelspiel mit dem Netz sind sie meistens Hase. Das Leistungsschutzrecht haben sie durchgedrückt und es wird ab morgen wirkungslos verpuffen (dazu habe ich gesondert ein paar Sätze bei „Cicero“ geschrieben). Nur was ihre eigentlichen Überlebensstrategien angeht, fällt ihnen meistens nicht sehr viel mehr ein als sparen und zusammenlegen, was sich jetzt Synergien nennt und gleich viel besser klingt.

Wie solche Geschichten meistens weitergehen, wissen BWL-Studenten übrigens sehr häufig schon nach dem zweiten Semester.

Und jetzt noch ein Pulitzer-Preis für „Hörzu“

Axel Caesar Springer, könnte er es hören, würde sich wundern. Darüber, was man ihm bald 30 Jahre nach seinem Tod alles an Wohlwollendem hinterherruft. Dass er ein großer Verleger gewesen sei, einer mit Spürnase, einer der noch publizistisch-verlegerisch gedacht habe und einer, der mit Herzblut bei der Sache war. Nicht so eine Controller-Krämerseele wie dieser Dr. Döpfner, der da mal einfach eben so Sachen verscherbelt, die quasi stellvertretend für große journalistische Traditionen stehen. Man staunt zwar ein bisschen, dass das die „Morgenpost“ und die „Hörzu“ gewesen sein sollen, ohne die Springer, ach, was reden wir, der ganze Journalismus in Deutschland nie, nie wieder so sein werden wie sie mal waren. Aber in einer hysterisch geführten Debatte macht man eben auch mal aus einer Fernsehzeitschrift eine Ikone des deutschen Journalismus.

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Vermutlich war es schlichtweg dieser sehr radikale Schnitt bei Springer, der jetzt für so viel Aufregung sorgt. In der Konsequenz ist er aber trotzdem nicht wirklich überraschend: Dass man bei Springers schon länger nicht mehr an eine große Zukunft von gedruckten Medien glaubt, war aus so vielen Äußerungen herauszulesen und in so vielen Unternehmensentscheidungen versteckt, dass man reichlich naiv sein müsste, um jetzt noch ernsthaft überrascht zu sein. Nüchtern betrachtet ist lediglich das eingetreten, was ziemlich viele der üblichen Verdächtigen aus den bloggenden Netzgemeinde schon lange prophezeien: Das Zeitfenster für Print schließt sich zunehmend. Und ebenso nüchtern betrachtet muss man Döpfner ja fast schon wieder gutes Management bescheinigen: Eine knappe Milliarde ist ein sehr ordentlicher Erlös – und die Hände an den abgestoßenen Blättern macht sich jetzt Funke schmutzig, nicht Springer. Nachdem man bei Funkes schon mal auch eine ganze Zeitung ohne Redaktion macht, haben die Herrschaften in dieser Disziplin ja vermutlich Erfahrung.

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Soweit die nüchterne Einschätzung. Die ganze Geschichte hat aber noch eine zweite und dritte Komponente. Dass der Verkauf für die betroffenen Mitarbeiter eine sehr bittere Sache ist, wird niemand bestreiten können. Anlass zur Häme gibt es nicht, selbst wenn man eine sehr nüchterne Einschätzung der Lage vornimmt. Job- und Existenzangst zu haben, das wünscht man niemandem.

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Aber der Springer-Radikalschnitt hat auch für Journalisten Konsequenzen, die nicht bei Springer arbeiten und womöglich auch gar nicht vorhaben, das jemals zu tun. Der Deal ist ein Fanal für alle, die jetzt Journalisten sind oder es noch werden wollen. Ein Fanal, dass es auch für sie nicht so weitergehen kann wie bisher. Dafür, dass das Internet eben nicht ein Betriebsunfall der medialen Geschichte ist oder nur eine nette Ergänzung dessen, was schon immer da war und auch immer bleiben wird. Wenn man so will, dann kommt der Journalismus jetzt endgültig im digitalen Zeitalter an. Die Frage dabei ist gar nicht, ob man Zeitungen lieber gedruckt oder digital konsumieren will. Es geht vielmehr darum, wie Journalismus künftig aussehen wird. Das, was Journalisten können müssen, geht weit über das hinaus, was ihnen heute abverlangt wird. Darüber würde es sich lohnen zu reden – und nicht so sehr darüber, ob jetzt eine Zeitung auf Papier oder auf dem Tablet gelesen wird. Der Journalismus, der dort gemacht wird, ist nahezu identisch (weswegen es übrigens auch ein Trugschluss ist zu glauben, die Erfindung des Tablets habe irgendwas gerettet).

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Man kommt in diesem Zusammenhang übrigens nicht daran vorbei, sich ein wenig über den Zustand des Medienjournalismus in Deutschland zu wundern. Das Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ bei WDR 5 beispielsweise hatte keine schlechtere Idee als den Zeitungswissenschaftler Horst Röper zu fragen, den sie immer fragen, wenn in irgendeinem Thema ansatzweise das Wort „Zeitung“ vorkommt. Der Wissenschaftler röperte dann auch mal in gewohnter Manier, sagte ziemlich überraschend, Springer sei ja noch ein echter Verleger gewesen und dass wir allmählich auf ein Finanzierungsproblem zusteuern, wenn „das Internet kostenlos bleibt“ (das sagte er wirklich). Danach fragten sie die Vorsitzende des Springer-Betriebsrats, ob der Schock noch tief sitze. Die Dame antwortete wahrheitsgemäß, dass der Schock noch tief sitze, um dann das übliche Zeug im Gespräch mit der Moderatorin abzusondern: dass Springer jetzt irgendwie seine Seele verkauft habe und dass Journalismus wohl keine wirkliche Rolle mehr spiele. Bei allem Respekt vor den Kollegen (und allem Verständnis für ihre jetzt ziemlich unangenehme Lage): Wenn „Bild der Frau“ und „Hörzu“ die Seele des Springerverlags gewesen wären, dann stände es vermutlich gar nicht mehr gut um Springer. Und nur mal angenommen, Döpfner hätte nicht verkauft und irgendwann mal eines der Blätter schließen müssen – die Kommentare, dass da jemand alle Zeichen der Zeit verschlafen habe, kann man sich wunderbar ausmalen. Zumal es ja schon interessant ist, wie viele Kritiker und (Medien-)Journalisten reagiert haben: Irgendwas mit Tradition und Seele und Zeitung und nicht mehr so wichtigem Journalismus tauchte immer auf, sogar beim ansonsten unaufgeregt-sarkastischem Kurt Kister in der SZ. Ganz so, als könne man mit Tradition und Seele Journalismus finanzieren. Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich darf und muss sich Medienjournalismus kritisch gerade mit Springer auseinandersetzen. Aber was mir bei den Medienmagazinen und den Röpers dieses Landes einfach nicht gefällt, ist der leicht larmoyante Grundton, diese „Früher war halt doch besser“-Haltung und die Nicht-Auseinandersetzung mit medialen Zukunftsthemen. Vom WDR und von Röper hätte ich viel lieber gewusst, wie wohl ein Springer-Verlag der Zukunft ausssehen mag und welches Muster für die Branche erkennbar sein könnte.

Aber vielleicht ist das ja auch nur einfach symptomatisch für eine Branche, die ihre Vergangenheit seit Jahren zunehmend verklärt.

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Hinweis noch in eigener Sache: Die letzte „Redaktionskonferenz“ mit Daniel Fiene und Herrn Pähler hat sich diesem Thema natürlich auch ausführlich gewidmet. Ohne Horst Röper (dafür mit, hüstel, mir).