DuMont Haus Köln Tageszeitungen

Tageszeitungen: Das große Fressen hat begonnen

Christoph Bauer hat dem „Handelsblatt“ ein bemerkenswert offenes Interview gegeben. Bemerkenswert deshalb, weil der DuMont-Chef auf die handelsüblichen Floskeln verzichtet und Klartext spricht. Müsste man das Interview in einem Satz zusammenfassen: Bauer beerdigt die analoge Medienwelt, vor allem die der gedruckten Tageszeitungen. Read More

DuMont und die fehlende Digital-DNA in den Verlagen

DuMont in Köln soll der nächste in der Reihe sein: Angeblich will sich der Verlag von seinen Zeitungen komplett trennen. Es ist gerade mal Ende Februar. Und es zeichnet sich immer mehr ab: 2019 wird das Jahr, in dem die Regionalzeitungen bisheriger Prägung endgültig ins Aus geraten. Read More

Die Xtra-Lektionen: Print für Liebhaber

„Xtra“ ist endgültig Vergangenheit. Man muss dem Kölner Projekt keineswegs nachtrauern. Aber ein paar Lektionen für die Zukunft mitnehmen. Hier die drei wichtigsten.

Vermutlich hat es in der jüngeren deutschen Mediengeschichte kaum ein Projekt gegeben, das schon vor seinem Start eine solche Mischung aus Spott, Verrissen und ungläubigem Meinen-die-das-Ernst-Staunen ausgelöst hat: Mit einer Zeitung auf und für den Boulevard, einer Art gedrucktem Internet, wollte der DMS-Verlag in Köln die Generation der digitalen Ureinwohner davon überzeugen, wie geil doch so eine Zeitung ist. Es kam wie es kommen musste: Die meisten aus der Zielgruppe fanden „Xtra“ nicht mal im Ansatz geil. Weswegen man erst nach kurzer Zeit das gedruckte Ding zu einem Online-Portal umwidmete, eher man auch dieses in den Weihnachtsfeiertagen zu Grabe trug.

Man kann daraus ein paar Lektionen mitnehmen. Die sind zwar nicht alle angenehm und leider manchmal auch absolut. Aber trotzdem: Was man aus dem Xtra-Debakel mitnehmen kann, sagt sehr viel über die Medien im Jahr 2016 aus.

1. Was nicht aufs Smartphone passt, existiert nicht

Der ursprüngliche Gedanke bei DuMont war so naiv, dass er fast schon wieder rührend ist: Wenn man dieser digitalen Generation ihr Internet einfach ausdruckt und sowohl eine Optik als auch eine Ansprache wählt, die irgendwie nach Netz klingt, dann greift diese Generation beglückt zum Papier und wird mit späterem Alter dann doch wieder zum Zeitungsleser.

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(Foto: MDS)

Die Kölner Digital Natives haben – vermutlich stellvertretend für alle anderen – eine ebenso einfache wie deutliche Antwort gegeben: Vergesst es! Mit dem Nachsatz: Weil wir kein Papier wollen. Natürlich kann man auch das, was sie da in Köln an Inhalten gedruckt haben, ziemlich hanebüchen finden. Aber noch wichtiger ist tatsächlich das „Endgerät“: Die Medienkonsumenten der Gegenwart und vor allem der Zukunft sind nur noch mit Inhalten zu erreichen, die potentiell auch auf das Smartphone passen. Mobile Webseiten, Apps, soziale Netzwerke. Was nicht bedeutet, dass sie nicht auch andere Geräte und Kanäle nutzen. Der Gradmesser von allem bleibt trotzdem das Smartphone.

Was also nicht aufs Smartphone passt, existiert in deren Wahrnehmung nicht. Papier? Braucht kein Mensch.

2. Man kann das Internet nicht drucken

Es ist ja dann doch immer wieder erstaunlich, wie oft man selbst banalste Dinge wiederholen muss, wenn es um Darstellungsformen im Journalismus geht. Eine davon: Digitaler Journalismus (nennen wir das einfach mal so) ist eine eigene Kunstform geworden, die längst über die Reproduktion von Text, Fotos, Audios und Videos hinausgeht. Umgekehrt gilt auch: Man kann digitalen Journalismus nicht auf einer analogen Plattform machen. Macht also bitte klassische Zeitung und klassisches Fernsehen da, wo der Nutzer klassische Zeitung und klassisches Fernsehen als das Medium seiner Wahl nutzt. Und macht multimedialen Journalismus da, wo Multimedia drauf steht.

Man kann das Internet nicht drucken. Ebensowenig übrigens, wie man es senden kann.

3. Nischen sind der neue Nutzerluxus

Ist es aber auf der anderen Seite nicht eine halbwegs grauenvolle Vorstellung, künftig nur noch für Smartphones zu produzieren und dort auch zu konsumieren? Ist es. Vor allem ist es  zu kurz und absolut gedacht, wenn man glaubt, man könnte im Zeitalter der überbordenden Medienangebote ernsthaft behaupten, Medienkonsum finde nur noch auf einem einzigen Gerät statt. Dafür sind die Angebote zu umfangreich und die Nutzer auch viel zu unterschiedlich. Den einen Nutzer gibt es also gar nicht. Bestenfalls eine Mehrheit. Und das ist die, die wir jetzt und vor allem in Zukunft in der Nähe von digitalen und mobilen Endgeräten verorten.

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Man kann das aber auch ganz anders machen. Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass ich nach wie vor dicke Bücher liebe und Monatstitel, vor allem so glänzende wie „Brand eins“ oder die „11Freunde“ immer noch am liebsten als Papier vor mir habe. Obwohl ich das alles natürlich günstiger und einfacher in meinen diversen Digital-Geräten haben könnte. Will ich aber nicht. Gelegentlich gehören Sachen wie gedrucktes Papier oder eine aufwändig gestaltete CD-Box zu den Dingen, die ich mir gerne als eine Art Nischen-Luxus leiste.

Wie wir überhaupt über den Umgang mit Nischen einiges aus der Musikindustrie lernen können: Die gute, alte Vinyl-Schallplatte führt inzwischen auch ein ganz komfortables Dasein in der Nische. Fernab der Stückzahlen früherer Tage, aber auskömmlich finanziert von einer kleinen, aber ebenso kauffreudigen wie kaufkräftigen Gruppe von Menschen, denen ihre „Schallplatte“ so wichtig ist, dass sie dafür ordentlich viel Geld ausgeben, obwohl jeder gute Streamingdienst nur den Bruchteil kosten würde. Es ist eben nicht nur eine Frage der Ratio, wie man mit Medien umgeht.

4. Man ist nicht hip, wenn man mit Gewalt hip sein will.

Ist so.

Zusammengefasst: Analoge Medien sind den digitalen schon rein technisch so unterlegen, dass sie nur dann noch zum Zuge kommen, wenn sich ein Nutzer – aus welchen Gründen auch immer – ganz gezielt dafür entscheidet, dieses analoge Medium zu nutzen. Stand heute dürften das immer weniger werden, was aber kein Drama sein muss.

Worauf kommt es also an? Medien für Kanäle zu machen, die dort von Nutzern ganz gezielt gewählt werden. Dazu muss man übrigens seine Nutzer und auch die Schwächen und Stärken eines Kanals ziemlich gut kennen.

Dass die Tageszeitung kein Internet ist, hätte man allerdings auch schon vorher wissen können…

Die Zeitung und ihre letzte Chance

Eine runderneuerte SZ am Wochenende mit digitaler Sonntagszeitung – und eine Nachmittagszeitung in Köln: Zwei unterschiedliche Konzepte zeigen vor allem, dass die Tageszeitung den Kampf um die Aktualitätshoheit endgültig aufgeben muss.

Am Wochenende hatte ich endlich mal wieder Zeit zum Lesen. Also, zu dieser Form des Lesens, zu der irgendwie Sinn und Verstand und vor allem etwas Muße gehören. Früher, also irgendwann vergangenes Jahr, hatte ich mir gewünscht, dass es mehr Lesestoff am Wochenende gäbe. Und nicht erst am Montag, wenn die Woche gerade erst wieder los geht.

Inzwischen hat sich die Welt geändert und ich wusste am Wochenende gar nicht mehr, wo ich anfangen sollte. Die Kollegen der SZ legten mir die erste neue Wochenend-Ausgabe ins Tablet, die tatsächlich so umfangreich wie zwei Zeitungen war. Am Sonntag legten sie dann noch mit dem neuen digitalen Wochenend-Sport nach und der neue „Spiegel“ war auch schon da. Früher wäre das der Tag gewesen, an dem ich mir vielleicht noch eine FAS gegönnt hätte, aber das war nun beim besten Willen nicht mehr drin. Kurzum: Es hab so viel Lesestoff, dass das Wochenende vollgepackt war, weil das Internet und Facebook und Twitter ja auch keine Wochenendpause machen. Im Gegenteil: Das Gemeine an diesem Internet ist ja, dass jeden Tag ein bisschen mehr drin steht.

Interessant war vor allem zu lesen, was eine Tageszeitung wie die SZ jetzt am Wochenende macht. Das ist nicht mehr Tageszeitung, sondern Magazinjournalismus. Eine Zeit, eine FAS, das alles nur auf süddeutsch. Was keineswegs als Kritik gemeint ist, sondern eher als Feststellung. Die Wochenend-SZ hat de facto den Tageszeitungs-Journalismus früherer Prägung zu Grabe getragen. Sie hat, falls es das noch gebraucht hat, den letzten Beleg dafür geliefert, dass kein Mensch mehr eine Tageszeitung braucht, die die Ergebnisse des Tages zuvor rekapituliert. Die wirklich lesenswerten Stücke (und von denen gab es einige) waren keine tagesaktuellen, sondern Hintergründe, Reportagen, Analysen. Was übrigens auch im Sonntags-Sport nicht anders war. Kein Wunder, wer braucht schließlich am Tag darauf nochmal den klassischen Spielbericht, in dem die Torschützen des Bayern-Spiels und die Zahl der gelben Karten nochmal minutiös wiedergegeben werden?

Könnte also gut sein, dass es ab kommendem Jahr ein ganz schönes Gedränge am Samstag und Sonntag geben wird. Wenn neben der umfangreichen SZ auch der „Spiegel“, der „Focus“, die FAS und die „Welt am Sonntag“ mit einer ähnlichen Vorstellung von Journalismus an den Start gehen. Ich habe keine Ahnung, wer aus diesem Duell am ehesten als Sieger hervorgehen könnte. Interessanter ist die generelle Entwicklung, die dahinter liegt: De facto verlassen die großen Printmedien im Land das Tagesgeschehen mehr und mehr dem Netz; eine Entwicklung, die auch die NZZ in Zürich angekündigt hat. Das ist nicht mehr als vernünftig und realistisch.

Tageszeitung 2015, das heißt also idealerweise: Newsstream während des Wochentags, Lesestücke dann, wenn die Menschen dafür noch am ehesten Zeit dafür haben. Ob das funktioniert wird sich erst zeigen müssen – eine Alternative zu diesem Modell existiert allerdings derzeit nicht wirklich.

Ungewollt hat übrigens Dumont in Köln den Beleg dafür angetreten, dass die Branche das inzwischen Begriffen hat: Auf die Ankündigung, demnächst eine Nachmittagszeitung zu machen, die sich irgendwie an der Ästhetik des Netzes orientiert, hat es bisher bestenfalls milden Spott gegeben.