Digitalisierung: Verlage zwischen Theorie und Praxis

Die analoge Medienwelt ist beinahe endgültig tot. Sagt die neue PWC-Studie“Media Outlook“. So banal, so einfach, so nachvollziehbar. Und trotzdem klaffen beim Thema Digitalisierung zwischen Theorie und Praxis in Deutschland immer noch himmelweite Unterschiede…“Read

Das OEZ und die Leere bei Twitter

Die Vorgänge am Münchner OEZ, Würzburg, Ansbach und Nizza haben eines gezeigt: Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen Journalismus und sozialen Netzwerken. Was bedeutet, dass wir als Journalisten auch etwas ganz anderes leisten müssen. Wir sind nicht Twitter – und das ist auch gut so.

Die Kollegen des Schweizer „Medienspiegel“ staunten nicht schlecht. „Ausgerechnet“ Sascha Lobo habe in seiner letzten SPON-Kolumne verkündet, künftig bei Nachrichtenlagen wie denen, von denen wir unlängst öfters welche hatten, dieses Twitter ausschalten zu wollen (angeblich auf Anraten seiner Frau). Das ist allerdings gar nicht so erstaunlich, wie es auf den ersten Blick aussehen mag, sondern spricht ziemlich für Lobo und noch mehr für seine Frau.  Weil Twitter (und andere soziale Netze) in den Tagen der Anschläge und Amokläufe unfreiwillig die Crux solcher Plattformen offenbart haben: Sie sind Fluch und Segen zugleich. Das zwingt Journalisten und Redaktionen dazu, ihre häufig uneingeschränkt positive Haltung zu solchen Instrumenten wenigstens zu überdenken.

Twitter war am Abend des Münchner Amoklaufes am OEZ eindeutig mehr Hölle als Himmel. Natürlich sind dort an diesem Abend großartige Dinge passiert. Aber in der Summe dessen, was an diesem Abend auf uns einstürzte, war es unbrauchbar und manchmal abstoßend. Man muss für letzteres nicht mal die wie immer kalkuliert provozierenden AfD-Tweets („Mit uns würde das alles nicht passieren“) heranziehen. Das ist mittlerweile so erwartbar wie öde. Es ist vielmehr der Schutz der Anonymität. In ihm entstehen Tweets wie der, in dem jemand um kurz nach 18 Uhr behauptete, am OEZ habe es einen Bombenanschlag mit 250 Toten gegeben. Das war erkennbar Unsinn. Vermutlich ist es deshalb bei diesem einen eklatanten Blödsinn geblieben.

Es war vielmehr die Flut, die Twitter zu einem Kanal machte, der kontraproduktiv wirkte. Eine Echokammer, in die unzählige Menschen hinein brüllten, so dass am Ende nichts mehr zu verstehen war. Ein Newsfeed, der vorgaukelte, es handle sich um Nachrichten im klassischen Sinn. Dabei gab es an vielen Stellen nicht nur Spekulatives sondern schlichtweg Falsches zu lesen. Selbst wenn man dagegen hält, dass es ohne soziale Netzwerke Aktionen wie die „Offenen Türen“ nicht hätte geben können: Unter dem Strich konnte man zwar Richtiges aus der Echokammer heraushören, man brauchte aber viel Glück dafür.

Lehren aus OEZ, Ansbach, Würzburg, Nizza

Das müsste man als Lehre aus den letzten Wochen als Journalist oder als Digitalstratege bedenken: Natürlich können soziale Netzwerke ein echter Segen sein. Aber sich in einen Wettlauf mit ihnen zu begeben, zu versuchen, in einem Rattenrennen um die am schnellsten herausgehauene Nachricht zu sein, führt zu nichts. Schnelles Heraushauen ist ohnehin eine eher fragliche Angelegenheit. Wenn man dann in solche Situationen wie am Münchner OEZ gerät, dann stößt diese ganze Atemlosigkeit des sogenannten Echtzeitjournalimus an ihre Grenzen. Und spätestens dann stellt sich die Frage, ob wir diese Sache mit dem Live- und Echtzeitjournalismus in sozialen Netzwerken nicht nochal überdenken sollten. Aus mehreren Gründen:

  • Echtzeit bedeutet zwangsweise immer, dass man eben auch nur Eindrücke wiedergibt. Und da ist es einfach ein Unterschied, ob man solche Eindrücke von einem Fußballspiel oder einem Amoklauf wiedergibt.
  • Soziale Netzwerke sind ein süchtig und nie zufrieden machender Mahlstrom. Sie haben keinen Anfang und logischerweise auch bei Ende. Es gibt niemanden, der sich hinstellt und sagt: Das war´s für den Augenblick, mehr wissen wir nicht – und wenn ihr noch so oft auf Aktualisieren geht. Genau das müsste man aber machen, wenn man es mit den Aufgaben des Journalismus in solchen Situationen erst meint.
  • Weil dieser Mahlstrom niemals endet und weil er nach immer neuen Tweets, Posts, Fotos und Videos schreit, ist die Verlockung naheliegend.  Man redet weiter, selbst wenn gar nichts Neues und Essentielles mehr zu sagen hat. Bei Twitter findet man trotz allem nochmal irgendwas. Im TV stehen Reporter hilflos da und müssen irgendwie verklausulieren, dass es für den Moment nichts Neues gibt.

Irgendwann gelangt man dann zu einer Simulation des Journalismus. Was unsinnig ist, ebenso übrigens wie die hysterische Debatte darum, dass ARD und ZDF während des Türkei-Putsches nicht sofort alle Programme unterbrochen haben. Da mag nichts alles optimal gelaufen sein, aber trotzdem: Wenn es halt nichts Neues gibt, dann wird das auch durch eine sofortige Programmunterbrechung nicht besser.

Ich bin in den letzten Wochen öfter mal gefragt worden, ob der Journalismus in den letzten Wochen nicht versagt hat. Die Frage zielte zumeist darauf ab, ob „der Journalismus“ nicht einfach zu langsam gewesen sei im Vergleich mit Twitter und Konsorten. Das glaube ich absolut nicht. Versagt hat Journalismus bestenfalls dann, wenn er versucht hat, das Tempo der Netzwerke mitzugehen. Es gibt nämlich einen entscheidenden Unterschied zwischen Journalismus und sozialen Netzwerken: Von Twitter erwartet niemand, dass alles, was dort steht, auch richtig ist. Von Journalisten kann und muss man das erwarten.

OEZ und ein Abend mittendrin…

Innerhalb weniger Minuten bin ich gestern Bestandteil eines Geschehens am OEZ geworden, über das fast die ganze Welt gesprochen hat. Als Betroffener ebenso wie als Journalist. Über einen Abend, an dem ich so viel wie noch nie über Journalismus und den Menschen als solchen gelernt habe…

Meine Münchner Wohnung liegt im Stadtteil Moosach. In der unmittelbaren Nähe ist die U-Bahn-Station Olympia-Einkaufszentrum. Im OEZ war ich etliche Male, im nebenan liegenden McDonalds habe ich am Dienstag Abend nach einem Konzertbesuch noch schnell ein paar Pommes gegessen. Ich kenne Moosach natürlich in- und auswendig. Und ich habe mir immer gedacht: Hier ist München wie eine nette Kleinstadt. Manchmal, wenn ich vom Flughafen oder vom Hauptbahnhof kam, dachte ich mir zudem: Hier bist du sicher. Man greift einen Flughafen an oder einen Bahnhof. Aber Moosach? Den McDonalds da? Oder das OEZ? Moosach ist ein stinknormaler Stadtteil, in dem stinknormale Leute ein stinknormales Leben führen.

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Als gestern Abend die ersten Push-Meldungen kamen, da wirkte das alles: surreal. Schüsse, womöglich Terrorismus, vielleicht Todesopfer in meiner Nachbarschaft? Ich war nicht da, als es passierte, umso unwahrscheinlicher wirkte es, als die ersten Bilder im TV und in den sozialen Netzwerken zu sehen waren: In meinem Moosach drehte die Welt plötzlich durch. Und die Menschen in den sozialen Netzwerken auch.

Man muss soziale Netzwerke großartig finden, wenn sie so funktionieren wie gestern in ihren besten Momenten. Etliche Münchner boten bei Twitter unter dem Hashtag #offeneTür Unterkünfte für Menschen an, die gestrandet waren. Die Polizei München zeigte, wie man digitale Information in solchen Zeiten macht. Ausführlich, eindringlich und trotzdem so unaufgeregt, wie es in einer solchen Situation nur geht. Bei Facebook gab es eine Funktion, in der man sich selbst und andere markieren und durchgeben konnte, dass man in Sicherheit sei.

Die Dreckschleuder auf Hochtouren

Man kann soziale Netzwerke aber auch hassen für den Dreck, den sie in solchen Momenten auskotzen. Die Gerüchte haben sich im Sekundentakt ins Absurde gesteigert, innerhalb weniger Minuten war u.a. die Rede von einem Bombenanschlag mit 250 Toten. Dass sich auch die üblichen Hetzer zu Wort meldeten, die meinten, jetzt müsse aber endlich mal Schluss mit dieser Willkommenskultur,war kaum anders zu erwarten. Was war eigentlich mit Frau von Storch und ihrem Adjutanten? Besser wird sowas leider auch nicht durch die Kollegen vom „Münchner Merkur“, die am Abend kommentierten, wie perfide es sei, ausgerechnet München zum Ziel des bestialischen islamischen Terrorismus zu machen.

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Auf der anderen Seite, so funktioniert der Journalismus nunmal im Zeitalter der rasenden Live-Berichterstattung. Ich war gestern Abend und heute nacht für Stunden bei BBC World und Deutsche Welle TV on air. Jeden zweiten Satz musste ich mit „not confirmed“ beenden. Und obwohl ich mich natürlich bemüht habe, ausschließlich (vermeintliche) Fakten zu schildern, habe ich Falschmeldungen in die Welt gepustet: nämlich die, dass es auch am Stachus zu einer Schießerei gekommen ist und dass drei Männer am OEZ geschossen haben.

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Jetzt, mit dem Abstand von einer paar Stunden, weiß ich nicht mehr, warum ich diese Meldungen abgesetzt habe, ohne sie gegenzuchecken. Allerdings, ohne dass das eine Ausrede sein soll: Man steht da plötzlich mehr oder weniger unvorbereitet und Radio- und TV-Stationen aus der ganzen Welt wollen von dir im Minutentakt etwas Neues haben. Ernsthaft hätte ich nicht mehr sagen können außer: Es gab eine Schießerei, es gibt wohl Tote, nein, wir wissen nichts über den oder die Täter. Aber so kann man natürlich keine Live-Schalte bestreiten und außerdem: Ich war an dem Abend beides, Betroffener und Journalist. Und ich habe an mir selbst festgestellt, wie groß mein Bedürfnis nach irgendwelchen Informationen ist, wie ich alles aufgesaugt habe ohne jegliche professionelle Distanz. Wie soll man auch distanziert und ruhig bleiben, wenn in deiner Nachbarschaft neun Menschen erschossen werden?

Trotzdem muss man das, zumindest als Journalist (als Betroffener kann man das von mir schlecht verlangen, finde ich). Gestern Abend haben sich über Stunden Gerüchte und Spekulationen überschlagen, obwohl die Polizei immer wieder über die sozialen Netzwerke versucht hat zu beruhigen. Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn man dann als Journalist noch snapt und twittert und haufenweise eher unbestätigtes Zeug in die Kanäle haut, immer wieder versehen mit einem relativierenden „offenbar“. Natürlich, die Maschinerie Fernsehen braucht lange, bis sie läuft (siehe hierzu auch diesen Text von Stefan Niggemeier), aber wenn sie läuft, dann halbwegs verlässlich. Die Dinge, die ich gestern in den sozialen Netzwerken gefunden haben, waren eben zu einem beträchtlichen Teil auch falsch, spekulativ und irreführend. Davon abgesehen wird sich die Polizei sicher gefreut haben, wenn sie in einer solchen Situation irgendwelche Handy-Reporter davon abhalten muss, den Einsatz zu stören.

Trotzdem, dieser dringende Wunsch von Menschen nach irgendwas neuem  ist so überwältigend groß, dass man als Journalist geneigt ist, ihm nachzugeben. In irgendeiner Schalte heute Nacht bin ich gefragt worden, ob es nicht erwartbar gewesen sei, dass der Terror auch nach Deutschland kommt. Sagen hätte ich müssen: Wir wissen ja noch gar nicht, ob es sich um Terror handelt. Aber wenn alles etwas Neues hören wollen, ist die Antwort, man müsse das doch alles erstmal abwarten, nicht sehr gefragt.

Einfach mal abwarten, das wäre eine Idee

Natürlich steht man auch nach einem Abend wie gestern wieder vor der Frage: Was darf man zeigen, was nicht? Was ist Information, Dokumentation – und was ist blanker Voyeurismus, wo beginnt die Journalisten-Show? Gestern Abend konnte ich für mich selbst die Fragen relativ leicht beantworten: Ich will – weder als Journalist noch als Betroffener – keine Bilder von abgedeckten Leichen sehen. Ich halte es für skandalös, wenn Journalisten trotz mehrfacher eindringlicher Bitte der Polizei, keine Bilder zu posten, die dem Täter potentielle Informationen geben könnten, genau das tun. Schon klar, wacklige Handybilder, die eine Straßenkreuzung in Moosach zeigen, sind wenig spektakulär. Trotzdem ist es kein Journalismus, wenn man wahl- und atemlos irgendwas postet. Dass die Polizei dann auch noch dazu auffordern musste, keine Bilder der Opfer zu zeigen, was soll man dazu noch sagen?

Mein persönlicher Zwiespalt ist auch jetzt, Stunden später, nicht aufgelöst. Nüchtern betrachtet wissen wir nahezu nichts über diese Tat. Wir wissen nichts über den Täter, nichts über seine Motive. Es ist unsinnig, jetzt über islamistischen Terror und die Konsequenzen daraus zu spekulieren. Man müsste das tun, was weder Journalisten noch die Öffentlichkeit gut können: einfach mal abwarten.

Mein Telefon hat allerdings auch heute morgen schon etliche Male geläutet und man fragt mich, wie die Dinge einzuschätzen seien.

Was weiß denn ich? Als Betroffener möchte man an einem solchen Tag einfach nur in Ruhe gelassen werden. Und als Journalist trägt man trotzdem dazu bei, dass sich dieses Rad aus Information, Spekulation und Ratlosigkeit immer weiter dreht.

Vielleicht sollte ich einfach mal raus an die frische Luft.

Wie Journalismus zum Livestream wird

Drei Tage voll dramatischer Ereignisse: Die Bedeutung von Echtzeit-Jouralismus ist uns gerade drastisch vor Augen geführt worden. Resultat: Livestream ändert schon wieder alles…

Es war ja zu erwarten, dass sich die Frage stellen würde: Was darf man alles mit diesen Livereporting-Tools, die uns mittlerweile zur Verfügung stehen? Dass man mit Facebook Live et al enorm viele Dinge machen kann, stand ja nie außer Frage. Wenn man die Ereignisse in Nizza, in Istanbul und in Würzburg betrachtet, dann ist eben auch die Verantwortung, die Journalisten für ihre Live-Auftritte fragen, ein Aspekt dieses Themas Live-Reporting.

Schneller als TV jemals sein wird

Vorweg: Nizza, Istanbul und Würzburg zeigen, wie schnell und intensiv Live-Tools den Journalismus verändern. Wie sehr er sich wegbewegen wird von starren Gebilden wie linearem TV oder auch Radio. Sie müssen ganz andere Apparate in Bewegung bringen als jemand, der vor Ort nur den Record-Button von „Facebook Live“ betätigen muss. Diesen Wettbewerbs-Nachteil werden sie nie ausgleichen können. Weswegen auch die  Forderung, ARD und ZDF bräuchten einen eigenen Nachrichtenkanal, unsinnig ist. Erstens gibt es es bereits „Tagesschau 24“ und zweitens: Auch ein solchen Nachrichtenkanal wird nie so schnell sein können wie ein Livestream im Netz. Was Fernsehsender also bräuchten, wäre ein effizientes Zusammenspiel zwischen TV und Online.

Journalisten werden sich eher früher als später mit dem Echtzeit-Thema beschäftigen müssen. Die Kritik, die insbesondere ARD und ZDF nach der Putsch-Nacht in der Türkei einstecken mussten, war ja nicht völlig unberechtigt. Und sie hat auch etwas offengelegt:  den gewachsenen Anspruch der Nutzer an Sofort-Information. Das mag in manchen Fällen zweifelhaft sein. Ändert aber nichts daran, dass dieser Anspruch in der Welt ist. Das Netz und sein Tempo haben den Journalismus mehr verändert als wie wir uns das hätten vorstellen können.

Livestream ist nicht immer die beste Idee

 

Wie aber geht man damit um? Zweifelsohne ist es keine Option, bei allen Ereignissen sofort live zu streamen. Momentan sieht es aber vielleicht gar nicht so schlecht aus für den Journalismus: Richard Gutjahr, in Nizza zufällig vor Ort, hat sich bewusst gegen einen Livestream entschieden, die Bilder aus der Türkei blieben im Rahmen – und auch die Kollegen der Mainpost in Würzburg sind verantwortungsvoll mit diesen neuen Möglichkeiten umgegangen.

Livestream Mainpost

Überhaupt die „Mainpost“: dickes Kompliment! Ich hatte ja erst unlängst noch meiner Verzweiflung über die Unfähigkeit von Regionalzeitungen beim Hochwasser in Niederbayern ziemlich drastisch Ausdruck verliehen. Die Würzburger Kollegen haben gezeigt, wie man guten (Lokal-)Journalismus im Jahr 2016 machen kann: Die Redaktion arbeitete bis in die Nacht. Sie nutzte soziale Netzwerke und Live-Videos. Und sie tat dies so unaufgeregt und dem Anlass angemessen, als würde sie nie etwas anderes machen. Keine fragwürdigen Spekulationen, keine Hektik, hoher Informationswert – so einfach und gut kann Journalismus auch in komplexen Zeiten sein!

Live is life

Erst gehypt, dann totgeschrieben – und jetzt eine existentielle Bedrohung des menschlichen Verstands: Das Thema Livestreaming hat in verblüffend kurzer Zeit alle Phasen der medialen Hysterie durch. Ein guter Grund, jetzt mal in Ruhe darüber zu reden.

baltimore_guardian

Will man ein bisschen was wissen über unsere Branche, über ihre ganze Überdrehtheit, die gelegentlich an Hysterie grenzt – man muss nur einen Blick auf die Debatte um eine App werfen, die gerade eben noch die Zukunft des Journalismus einläuten sollte. Und von der jetzt schon wieder kaum jemand mehr spricht. „Meerkat“ ist ein Synoym dafür, warum es manchmal schwierig ist, über den Journalismus der Zukunft halbwegs unaufgeregt zu diskutieren.

Die SXSW ist vor gut fünf Wochen zu Ende gegangen. Wenn man sie ein bisschen mitverfolgt hat, kann man leicht zu dem Eindruck kommen, sie habe sie ausschließlich um „Meerkat“ gedreht. Wenn in dieser Woche die re:publica in Berlin beginnen wird, dann ist die Prognose nicht allzu gewagt, dass man von „Meerkat“ nicht mehr allzu viel hören wird. Das ist auch für Digital-Verhältisse ein verblüffend schneller Verfall. Selbst dann, wenn man noch die gänginge Journalisten-Hysterie einpreist, die eindeutig für mehr Wirbel gesorgt hat, als die App in Kreisen außerhalb der digitalen Filter-Bubble jemals hervorgerufen hat. Genauer gesagt: In meinem Freundeskreis außerhalb der Bubble hat den Namen „Meerkat“ bis dato noch nie jemand gehört.

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So viel also erst einmal zu den leidigen Hysterie-Mechanismen, die unsere Branche beherrschen. Zu diesen Mechanismen gehört auch, dass sich kurz nach dem Abklingen der ersten Welle zuverlässig jemand findet, der das baldige Ende des Hypes voraussagt und nebenbei bemerkt, er habe das ja schon immer gewusst. Das ist in diesem Fall allerdings ein bisschen zu einfach. Weil man die Dinge trennen muss. Das eine Ding ist eine App, leicht überschätzt womöglich, die kurz nach dem ersten Boom schell wieder auf Normalmaß gestutzt wird.

Das andere ist ein potentiell auch journalistisch nutzbarer Kanal. Unbestritten ist, dass Livestreaming selbstverständlich eine Sache ist, über die wir Journalisten uns Gedanken machen müssen. Schon alleine deswegen, weil wir ja aus inzwischen 20 Jahren Digitalisierung-Erfahrung eines wissen sollten: Wenn wir es nicht tun, machen es andere. Davon abgesehen: Die Übertragung von Live-Bildern irgendwo hin in die Welt ist ja nichts wirklich Neues. Genau genommen gibt es da schon seit über einem halben Jahrhundert, man nennt das Fernsehen.

Die Frage danach, wie viel inhaltlichen Sinn dieses Live-Streaming macht, ist natürlich berechtigt. Irgendwas zu streamen, was keiner sehen will, führt nicht allzu weit. Aber bisher war es mit jedem neuen Kanal so, der irgendwann mal journalistische Relevanz bekommen soll: Erst mal wird ausprobiert, naturgemäß mit irgendwas. Irgendwann kommt dann dieser eine Moment, der zeigt, dass man über diesen Kanal durchaus Sinnvolles verbreiten kann. Bei „Twitter“ war das seinerzeit die Landung eines Passagier-Jets im Hudson River in New York.

Beim Thema Livestreaming hat es den eine kleinen Moment auch schon gegeben. Nicht so spektakulär wie damals New York und auch nicht so öffentlichkeitswirksam. Trotzdem: Wie der „Guardian“ mit „Periscope“ die Unruhen in Baltimore gecovert hat, war ein sehr brauchbarer Ansatz. Zumal der „Guardian“ das Material anschließend aufbereitet und somit den berechtigten Befürchtungen, Livestreaming werde unreflektiertes Zuballern mit Irgendwas, einiges entgegen gesetzt hat.

Man muss ja nicht gleich so weit gehen und behaupten, Livestreaming werde den Journalismus in seinen Grundfesten verändern.  Wohl aber wird Livestreaming zu einer echten Option für Journalismus. Immer dann, wenn es etwas zu berichten gibt. Man sollte da den User nicht unterschätzen: Wenn es nichts zu berichten gibt, wird er mutmaßlich auch nicht einschalten.

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Natürlich kann man die Gefahr sehen: Wenn wir überflutet werden von nicht mehr zu erfassenden Mengen von Echtheit-Mitteilungen, von Tweets, Statusmeldungen, Fotos und (Live-)Videos, dann droht irgendwann der Blick für das Wesentliche verloren zu gehen. Würde man sich nur von Echtzeit-Journalismus ernähren, man würde viel erfahren und am Ende doch nichts wissen. Bis dahin haben Skeptiker also durchaus recht.

Nur: Wer will das schon und wer macht das schon? Bisher war die Menschheit immer noch klug genug, nach der Aufnahme der ersten Information auch Hintergründe, Einschätzugen, Kommentare zu wollen. Die Zyklen, in denen wir neue (Echtzeit-)Informationen bekommen, sind im digitalen Zeitalter nochmal kürzer geworden. Und trotzdem nur eine konsequente  Weiterentwicklung der letzten 200 Jahre.

Ebenso wenig neu sind übrigens Kulturpessimisten, die mit der Verschärfung des Tempos und der größer werdenden Menge an Informationen die Menschheit kurz vor der Verblödung sahen.  Das hieß es bei der Einführung der Tageszeitung, des Radios, des Fernsehens und übrigens auch – des Internets. Bisher haben wir mehr Tempo und mehr Information ganz gut überstanden. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass sich daran auch durch ein paar Livestreams nichts ändert.

Alles kann, nichts muss

Es wäre ganz früher (also noch vor ungefähr 20 Jahren) eine völlig undenkbare Idee gewesen: Technik treibt den Journalismus. Genauer gesagt: Es gibt irgendwelche neuen Tools und Kanäle – und für die müssen sich Journalisten Inhalte ausdenken. Doch inzwischen ist das genau so.

Früher mal, Sie verzeihen bitte die Phrase, früher mal also war das genau andersrum: Journalisten machten ihre Zeitung, ihr Radio, ihr TV – und irgendwann mal wurden Hilfsmittel entwickelt, die diese Arbeit ein kleines bisschen einfacher machen sollten.

Bevor das jetzt zum nostalgischen Gejammer ausartet: Man muss keineswegs der Auffassung sein, dass die Zeiten schöner waren, als wir noch mit sperrigen analogen Gerätschaften hantierten. Man kommt aber an der Feststellung nicht vorbei, dass durch die Digitalisierung ein essentieller Job für Journalisten hinzu gekommen ist: sich permanent neue Kanäle und Entwicklungen anzusehen und sich dann Gedanken darüber machen, ob und wie und was man damit anfangen kann.

Technik treibt den Journalismus

Es hat sich also einiges gedreht in der Branche. Und es wäre gut, wenn wir zu einem entspannten Umgang mit diesem Wandel fänden. Schon alleine deswegen, weil wir damit den Zustand der dauernden Getriebenheit beenden könnten, wenn wir akzeptieren würden, dass diese Prägung des Journalismus durch neue Technologien noch eine ganze Zeit lang anhalten wird und es schlichtweg ein Teil unseres Jobs ist, damit umzugehen und uns Antworten auf offene Fragen einfallen zu lassen.

Es würde dabei übrigens auch helfen, wenn wir uns eine vergleichsweise banale Tatsache vor Augen führen würden: Nicht aus jedem Tool, aus jedem neuen Kanal wird das nächste große Dinge des Journalismus erwachsen. Es ist überhaupt kein Fehler, wenn man nach ausführlicher Betrachtung zu der Erkenntnis kommt: Das ist dann doch eher nichts für uns. Das Ergebnis ist in Ordnung, an der vorherigen Betrachtung kommt man allerdings trotzdem nicht vorbei.

Das aber wiederum begründet zweierlei. Zum einen: An der Idee des trial&error werden wir auf absehbare Zeit nicht vorbei kommen. Schon alleine deswegen, weil es angesichts des aktuellen Tempos der Entwicklungen keine bessere Alternative gibt und uns die User vermutlich auch nicht die Zeit geben werden, uns lange zu überlegen, ob uns das jetzt passt oder nicht. Beispiel „WhatsApp“: Wenn sich dort schon eine halbe Milliarde Nutzer versammelt haben, dann schaffen diese 500 Millionen Menschen vollendete Tatsachen. Eine Abstimmung mit dem Smartphone, wenn man so will.

„WhatsApp“ ist auch ein schöner Beleg für die zweite Sache, die aus dieser Technikgetriebenheit resultiert. Die Zahl der Kanäle und Plattformen, auf denen wir potentiell vertreten sein müssen, ist in den letzten Jahren rasant gestiegen. Sie ist mittlerweile so hoch dass sich zwei Fragen durchaus mit einiger Berechtigung stellen lassen. Zum einen: Wo soll das alles noch enden? Zum anderen: Wie sollen wir das alles noch bewältigen?

Was die Sache auch nicht eben einfacher macht: Ein Zeitalter der schnellen Entwicklungen ist leider auch ein Zeitalter der potentiellen Hypes. Beispiel gefällig? Noch vor ein paar Wochen konnte sich jeder imagemäßig in ungeahnte Höhen schwingen, wenn er eine Einladung für „Ello“ zu vergeben hatte. Inzwischen ist der Boom auch schon wieder vorbei. Womit sich die Frage, was Journalisten denn jetzt auch noch auf „Ello“ anbieten sollen, wieder erledigt hat. Vorerst zumindest. Man weiß ja nie, was als nächstes kommt in diesem Netz.

Alles kann, nichts muss

Inzwischen gibt es mit „Meerkat“ und „Periscope“ das nächste Ding, das gerade enorm gehypt wird. Man kann (und wird) sicher noch einige Zeit darüber streiten, was Journalisten mit diesem Ding anfangen können. Und auch bei dieser App wird der Grundsatz gelten: Wenn wir es nicht ausprobieren, werden wir es nie herausfinden. Trotzdem zeigt auch „Meerkat“ geradezu mustergültig, wie die Sache im Journalismus inzwischen läuft. Es gibt neue Technik, neue Plattformen – und wir sind gefordert, die Form mit Inhalt zu füllen. Selbst dann, wenn wir nicht mal wissen, ob sich die Arbeit, die man sich damit macht, jemals lohnen wird. Das erzeugt so ein bisschen Frustpotential. Und man wäre angesichts dessen auch gut beraten, nicht jeden, den diese Entwicklung nervt, sofort als technikverweigernden Ewiggestrigen zu brandmarken.

Aus „Meerkat“ und all den anderen kann etwas werden. Muss aber nicht. Alles kann, nichts muss – mit diesem Motto werden wir im Journalismus wohl noch einige Jahre leben müssen.

Echtzeit-Nichts

Es sind gerade goldene Zeiten für Nachrichten-Journalisten. Und für Menschen, die sich selbst als News-Junkies bezeichnen, obwohl dieser Begriff alleine schon verräterisch ist. In Asien sucht man nach einem mysteriös verschwundenen Flugzeug, in der Ukraine eine Lösung für einen schwelenden Konflikt und in München nach ein paar verschwundenen Steuermillionen und einem Urteil über Uli Hoeneß.

Und natürlich ist das wieder die hohe Zeit für Newsticker und Live-Blogs, für Tweets und alles andere, was inzwischen unter dem schönen Begriff „Echtzeit-Journalismus“ zusammengefasst wird. Das Dumme daran ist nur: An diesem Begriff stimmt nur der erste Teil. Mit Journalismus und mit Information haben die Fetzen, die man den ganzen Tag auf den großen deutschen Nachrichtenseiten so hingeworfen bekommt, nicht mehr sehr viel zu tun. Um genauer zu sein: eigentlich nichts.

Das wäre womöglich gar nicht so schlimm, wenn es nicht genau diese Online-Medien wären, die damit eine andere, zunehmend unschönere Seite im Netz befördern: die Neigung zu (vor)schnellem Urteil, ohne irgendetwas wirklich zu wissen, geschweige denn, es beurteilen zu können. Der fatale Hang zu dem, was inzwischen im allgemeinen Sprachgebrauch beschönigend Shitstorm genannt wird. Dabei handelt es sich dabei in den meisten Fällen nicht mehr um ernsthafte Debatten, sondern um das, was der Begriff impliziert.

Was soll auch rauskommen außer Shitstorms und vorschnelle Urteile, wenn beispielsweise „Spiegel Online“ die User dazu auffordert, etwas zu tun, was noch nicht mal ein Gericht kann? Nach eineinhalb Prozesstagen nämlich stellt „Spiegel Online“ ein Voting zur Debatte, das mit Journalismus nichts und stattdessen sehr viel mit wildem Spekulieren ohne jegliche Grundlage zu tun hat:

spon ticker

Gute Frage – an alle Küchenpsychologen und Schlaumeier, von denen sich zum Stand dieses Screenshots  8398 sicher waren: Logisch, Hoeneß wollte alles nur verschleiern. Wenn vox populi dann abgestimmt hat und angesichts der suggerierten simplen Lösungen auch nur simple Antworten rauskommen können, ist die Basis gelegt für den nächsten Shitstorm, für die nächste Empörungswelle, die in den unendlichen digitalen Weiten exakt so lange anhält, bis der nächste Aufreger kommt. Mit ein bisschen Glück also: ein paar Stunden.

Auf welcher Grundlage man diese komplexe Frage nach den Hoeneß-Motiven beantworten soll, erklärt „Spiegel Online“ dann mal lieber nicht. Es ist ja auch „mühselig“, all diesen schwierigen Details zu folgen. Und mal ehrlich, soll man sich jetzt wirklich durch 70.000 Seiten Material arbeiten, die eine Schweizer Bank zur Verfügung gestellt hat, wenn es doch auch viel einfacher geht und wenn man mit einem Voting schneller zu einem Urteil kommen kann? Da ist es  wesentlich amüsanter, wenn man unmittelbar nach der Feststellung, wie mühselig das alles ist, einen Tweet zitieren kann, wonach ein Zuschauer Ärger mit der Polizei bekommen hat und vermutlich seinen Ausweis abgeben muss.

spon ticker 2

Ansonsten lässt sich das, was dort (und nicht nur dort) getickert und gebloggt wird, mit einem Satz zusammenfassen: Nichts genaues weiß man nicht. Wie auch, wenn der Prozess eineinhalb Tage alt ist, ständig neue Informationen und Sachverhalte auftauchen und man auch als Laie schon seit dem ersten Tag ahnt, dass es mit den ursprünglich angesetzten vier Prozesstagen wohl nicht getan sein wird? Wie auch, wenn wir plötzlich über das rund Sechsfache der ursprünglich zu verhandelnden Betrags reden und über eine ganze Menge zusätzlicher Sachverhalte zudem? Das aber ist in der Systematik des Echtzeit-Journalismus nicht vorgesehen, weswegen der Ticker irgendwann mal beginnt, windelweich zu werden. Auszüge gefällig?

 

  • Es wird vermutlich nicht zu einer Urteilsverkündung am Donnerstag kommen.
  •  Es sei durchaus davon auszugehen, dass weitere Termine erforderlich sein werden.
  • Rupert Stadler, Audi-Chef und Stellvertreter von Hoeneß im Bayern-Aufsichtsrat, will sich weiterhin nicht zuZukunft von Hoeneß äußern.
  • Dass die kürzlich von Hoeneß überreichten Daten schon mehr als ein Jahr alt sind, war offenbar nicht ohne weiteres ersichtlich.

(Fettungen von mir)

Merken Sie was? Vermutlich muss man davon ausgehen, dass sich jemand offenbar zur Zukunft nicht äußern will. Das ist die gefühlte Quintessenz des sogenannten Echtzeit-Journalismus von heute nachmittag. Nichts genaues wissen, aber das sehr wortreich in rasanter Taktung weitergeben und als Interaktions-Attrappe die User fragen: Und, was sagt ihr dazu?

Nein, ich bin kein Kultur-Pessimist. Trotzdem glaube ich, dass eine solche Form des „Journalismus“ Menschen weder besser an den Geschehnissen beteiligt, noch dass dadurch irgendjemand klüger wird. Im Gegenteil, das ist eine Form von gefährlicher Information: Irgendjemand, der heute den ganzen Tag an diesem Ticker hing, ging mit Sicherheit mit dem Gefühl nach Hause, jetzt mehr zu wissen als heute vormittag. Dabei weiß er nach einem solchen Rumgetickere nichts, außer, dass heute der Hoeneß-Prozesss fortgesetzt wurde.

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Man mag diese eigenartige Form von „Information“ für ein Phänomen des Echtzeit-Journalismus halten. Tatsächlich sind diese bemühten Ticker und Liveblogs nichts anderes als die Quintessenz des (verkehrten) Wegs, auf den sich der Online-Journalismus in Deutschland begeben hat. Ein Weg, der hauptsächlich und immer noch wie seit vielen Jahren auf die vermeintlichen Stärken des Netzes setzt. Auf die Schnelligkeit, auf die Möglichkeit, vor jedem und allem anderen irgendwas zu melden. Ich fürchte, in vielen Redaktionen geht man immer noch davon aus, dass Nutzer im Netz nicht in der Lage und nicht willens sind, sich auf längere, erklärende und anspruchsvolle Stücke einzulassen. Das würde zwar diametral dem Erfolg beispielsweise von dem generell immer sehr ausgeruhten „Zeit Online“ widersprechen, aber offensichtlich ist das common sense bei vielen großen Nachrichtenseiten: Hauptsache schnell, erklären kann man dann ja immer noch genug. Dabei begibt man sich lediglich in ein nicht zu gewinnendes Rattenrennen, in dem die Klickzahlen zählen und eine Marke wie der „Spiegel“ sich sukzessive selbst ruiniert (bei „Focus Online“, wo heute zweitweise drei Ticker gleichzeitig liefen, existiert wenigstens kein Name mehr, den man noch ruinieren könnte).

Mich erstaunt immer wieder diese Mutlosigkeit gerade in digitalen Redaktionen. Diese Mutlosigkeit, mit der darauf verwiesen wird, dass der User es so wolle und dass man sich als potentieller Kostenverursacher auch irgendwie rechtfertigen bzw. finanzieren müsse. Das mag vordergründig nachvollziehbar sein, aber diese Argumentation führt in die Sackgasse. Weil inzwischen deutsche Nachrichtenseiten ziemlich oft klassische me-too-Angebote sind, die weitgehend das Gleiche machen und um dieselbe Klientel buhlen. Dabei gibt es einen Markt für anspruchsvollen, ordentlichen Online-Journalismus. Den machen dann dummerweise immer nur die, auf die wir dann auf irgendwelchen Panels verweisen, weil sie so vorbildlich sind.

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Letzter Gedanke am Rande noch: Beim „Tagesanzeiger“ in Zürich habe ich heute dieses Stück über Nordkorea gefunden. Kann mir jemand aus dem Stand drei deutsche Redaktionen nennen, die es in dieser Form und in diesem Umfang und derart prominent platziert ebenfalls gebracht hätten?

Xaver, Franz-Peter und der Attrappen-Journalismus

Helmut Schmidt hatte es ja wie immer schon gleich gewusst: Wenn es so werde wie 1962, dann werde das „nicht sehr schlimm“, prophezeite der Lieblingsweise der Deutschen den Ausgang des Sturmtiefs namens „Xaver“. Tatsächlich war „Xaver“ dann auch wirklich nicht sehr schlimm. Und heute redet keiner mehr drüber.

Ist ja auch schon einen ganzen Tag her, als man mehr oder weniger prophezeite, wir werden alle sterben (und das auch noch dumm).

Journalismus ist in diesen Tagen zu einer ziemlich aufgeregten Sache geworden. Zu einer zudem, die sich in einer fatalen Wechselbeziehung befindet: Es muss schnell gehen und das Publikumsinteresse ist immer eindeutiger messbar. Deshalb reichen inzwischen ein paar geschickt eingestreute Reizworte, um die Herde in helle Aufregung zu versetzen. Ich würde beinahe wetten wollen, dass diejenigen Meteorologen, die zum ersten Mal den Vergleich zwischen „Xaver“ und „irgendwas mit 1962“ in die Welt setzten, das sehr bewusst gemacht haben. Der Schlüsselreiz Sturmflut 1962 löst jedenfalls bei Journalisten und Publikum ganz andere Reflexe aus, als wenn man einfach nur gesagt hätte: Es dürfte in den nächsten Tagen zu einem ziemlich schweren Wintersturm kommen.

So aber: 1962! Sturmflut! Drama! Tote! Dabei hätte man gerne mal einen Journalisten gehört, der des Altkanzlers simple Überlegung aufgegriffen hätte: Wenn vor einem halben Jahrhundert  eine Flut Schaden anrichten konnte, sich seitdem die Sicherheitsvorkehrungen erheblich verbessert haben und die Flut trotzdem „nur“ die Höhe von damals erreicht – was ist daran dann eigentlich so bedrohlich? Aber das hätte natürlich die ganze schöne Gruselgeschichte ziemlich zerstört.

Und sogar der arme Helmut Schmidt musste dran glauben: Statt einfach mal die Betriebs-Temperatur zu senken, tickerte „Spiegel Online“ raus: Helmut Schmidt gibt Entwarnung! Im ersten Moment dachte ich, ich sei beim „Postillion“ gelandet.

Stattdessen also das: Liveticker auf nahezu allen etablierten Webseiten, die aufgeregt im Minutentakt davon berichteten, dass in Cuxhaven ein Baum umgefallen sei.Ein (natürlich) ARD-Brennpunkt, in dem wie schon den ganzen Tag zuvor in anderen Sendern Menschen mit Puschelmikrofonen im Wind standen und dann in ihr Mikro brüllten, dass es windig sei. Der Klick- und Quotenerfolg gibt den Brennpunktmachern und LIvetickerern wie immer recht, der „Brennpunkt“ war am Donnerstag Quotensieger im Gesamtprogramm. Auf der anderen Seite zeigt genau das die Problematik einer solchen Form von Journalismus: Man erzeugt künstlich ein Interesse und rechtfertigt die Berichterstattung dann mit dem großen Interesse am Thema. Was bleibt, ist eine Art gefühlte Information, nichts aber, was mit wirklicher Information zu tun hat. Eine Informationsattrappe sozusagen. Am Ende wird es „Xaver“ nicht mal in irgendeinen Jahresrückblick schaffen, was auch damit zu tun hat, dass Jahresrückblicke in Zeiten von Informationsattrappen-Journalismus jetzt schon im November gesendet werden.

Kann sich übrigens noch jemand an den „Protz-Bischof“ erinnern, als ein ganzes ARD-Team den Vatikan belagerte und in Live-Aufsagern atemlos ins Mikro hechelte, man habe weder den einen (den Bischof) noch den anderen (den Papst) gesehen, es werde aber womöglich schon bald eine Entscheidung fallen? Mit ein bisschen zeitlichem Abstand fällt die Lächerlichkeit eines solchen Journalismus noch stärker ins Auge. Der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli übrigens betont und schreibt immer wieder, schon seit Jahren keinen „News“- oder Nachrichtenjournalismus mehr zu verfolgen. Und deswegen kein bisschen schlechter informiert zu sein. Ganz ehrlich: Exakt das werde ich ab dem heutigen Tag auch — naja, wenigstens versuchen.

Und wer wissen will, wie so ein Attrappen-Journalismus aussieht, bitte sehr: