Facebook und die Schattenseiten der Supermacht

Die Hoffnungen waren ja mal andere: Eigentlich träumten wir Netz-Optimisten von mehr Freiheit, von leichterer Kommunikation und von einer Vernetzung rund um den Globus (oder wenigstens: quer durch Deutschland). Bekommen haben wir einen Konzern, dessen Größe alles überragt, was wir bisher im Bereich von Medien und Kommunikation gekannt haben. Facebook: fast zwei Milliarden Nutzer. Instagram: eine halbe Milliarde. WhatsApp: rund eine Milliarde. “Read

Eine Falle namens Social Media

Populäres wird immer populärer, das Simple noch einfacher und der Laute schlägt den Nachdenklichen: Vielleicht ist dieser ganze Kram mit Social Media  für den Journalismus gar nicht so gut, wie wir immer meinen…“Read

Der blaue Planet

Facebook frisst gerade die Welt – und was machen wir? Schauen nicht nur zu, sondern helfen auch noch tatkräftig mit.

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Diesen Text werde ich bei Facebook posten, wenn er fertig ist. Vermutlich wird es, wenn überhaupt, auch nur dort Kommentare geben, weil man schon lange nicht mehr beim eigentlichen Blogbeitrag kommentiert. Wenn ich etwas Glück habe, wird der Beitrag bei Facebook ab und an geteilt, was schon alleine deswegen positiv wäre, weil sich der Algorithmus dann einbilden würde, es handle sich um einen besonders wichtigen Beitrag. Mal sehen, vielleicht mache ich auch noch ein eigenes Beitragsbild mit irgendeinem windschnittigen Zitat dazu. Das hebt die Chancen abgebucht nochmal, weil Facebook schnöde Links nach draußen nicht mehr so schätzt, Fotos und Videos aber dafür mal so richtig geil findet.

Was ich Ihnen hier erzähle, treibt einem durchschnittlichen Social-Media-Praktikanten nicht mal ein müdes Lächeln ins Gesicht. Weiß er alles schon seit dem zweiten Tag, seit ihm der Online-Chef  geflüstert hat, wie man bei Facebook richtig gut gerankt wird. Der Online-Chef wiederum weiß das vom Medienwissenschaftler oder auch nur dem Medienblogger seines Vertrauens, weil der regelmäßig aufbereitet, wie wichtig es heute ist, sichtbar zu sein. Wäre ja auch semi-idiotisch, schöne Inhalte zu produzieren, die am Ende keine findet. Gefunden werden ist die neue Überschrift, sozusagen: Ohne geht´s einfach nicht.

Facebook ist schon lange die größere Bedrohung als Google

Gefunden werden, das bedeutete noch bis vor kurzem noch hauptsächlich: Google. Das erklärt, warum vor allem Verlage lange Zeit versucht haben, Google mit rechtlichen Mitteln zur Abgabe von wenigstens ein paar Brosamen zu zwingen. Und außerdem gab es ungefähr keinen Verlagsmanager, der Google nicht mindestens als den Inbegriff des Bösen darstellte, während er gleichzeitig seinen Online-Chef und den Social-Media-Praktikanten anwies, ja auch alles dafür zu tun, dass die eigenen Texte in diesem Facebook schön platziert werden.

Tempi passati, inzwischen konzentriert sich die Frage nach der Sicht- und Auffindbarkeit vor allem auf Facebook. Könnte man zumindest meinen. Tatsächlich ist Facebook schon lange einen Schritt weitergegangen. Nämlich den hin zum eigenen Medienunternehmen, zur größten Medien- und Content-Umschlagmaschinerie, die der blaue Planet (damit ist ausnahmsweise mal nicht Facebook gemeint) jemals gesehen hat. Was bei Facebook wirklich zählt, ist der Inhalt, den das Unternehmen von uns allen bekommt: Mit allen (Copy-)Rechten und natürlich kostenlos. Als Lohn dafür bekommt man ein paar größere Brosamen, die aber, nüchtern betrachtet, auch nichts mehr ändern können an der Tatsache, dass das kleine Monstrum Facebook wirklich gerade die Welt auffrisst, wie Emily Bell unlängst geschrieben hat.

Kleine Übersicht gefällig? Fotos und Videos werden deutlich besser gerankt, wenn sie direkt auf dem Facebook-Server landen. Bedeutet in der Konsequenz nicht nur, dass die Inhalte dann Facebook gehören, sondern auch, dass man das Zuckerberg-Universum gar nicht mehr verlassen muss, will man das Foto oder Video anschauen. Mit der Live-Funktion wird Facebook nicht nur die Konkurrenten wie Twitters „Periscope“ plätten, sondern sich zudem auch ein Quasi-Monopol daran sichern, immer dann on air zu gehen, wenn in irgendjemandes Lebens irgendetwas passieren wird. Und mit den „Instant Articles“ macht sich Facebook auch noch zum Universal-Magazin für alles. Artikel aus „Zeit“, „Bild“ „FAZ“ oder „New York Times“ – bitte sehr, gibt es alles auf dem blauen  Planeten. Das ist eine bizarre Vorstellung in einer Zeit, in der sich die deutschen Verlage immer noch mit dem Thema Leistungsschutzrecht abmühen, während Facebook sehr viel erkennbarer das eigentliche Kerngeschäft angreift. Mit jeder Geschichte, die man als „Instant Article“ an Facebook abtritt, schwächt man die eigene Plattform.

Das leicht Verrückte daran: Das ist etwas, was wir de facto nicht mehr hinterfragen. In jedem Volo-Seminar hören wir inzwischen, dass man ganz selbstverständlich auf Facebook massiv vertreten sein muss. Social-Media-Redakteure, die ihre Tage und Nächte auf Facebook verbringen, sind nichts Ungewöhnliches mehr. Wir sind angekommen bei einem perpetuum mobile: Mit jedem Post, mit jedem Video und jedem Foto füttern wir das Monstrum immer weiter, was wir wiederum tun müssen, weil wir ohne das Monstrum auf eine ganze Menge Reichweite verzichten müssen.

Und, verrückt genug: Wir Medienschaffende und auch die Nutzer machen das nicht mal für ein Unternehmen, das irgendwie sympathisch wäre. Wenn über Facebook gesprochen wird, dann immer mit einem latenten Unbehagen. Dieser seit Jahren existierende Hoax, man widerspreche der kommerziellen Nutzung von Daten und Fotos, der ist zwar lustig, auf der anderen Seite aber auch bezeichnend: Er funktioniert deshalb so verlässlich, weil es eine Menge Leute gibt, die nur so eine maue Ahnung haben, dass sie sich Facebook ganz schön ausliefern.

Die publizistische Großmacht

Aber das ist ein vergleichsweise harmloser Aspekt – gemessen an der publizistischen Macht, die Facebook inzwischen hat: Dass ein Algorithmus ohnehin schon eine massive Beeinflussung dessen ist, was wir zu lesen bekommen, steht außer Frage. Wenn dann auch noch Redakteure den Algorithmus so beeinflussen, dass er bestimmte Dinge ausblendet, dann ist eine Dimension erreicht, die man sich bisher kaum vorstellen konnte:  Die größte Plattform der Welt steuert gezielt den Inhalte-Konsum ihrer Nutzer.

Womit wir wieder am Anfang wären. Es wäre natürlich schön, wenn man das einfach unterbinden könnte. Ein bisschen boykottieren oder so. Facebook und uns selbst mal zeigen, dass es ganz wunderbar auch ohne Facebook geht. Ich befürchte, das wird nicht funktionieren, weil wir stattdessen, wenn ich diesen Beitrag bei Facebook gepostet habe, bei Facebook darüber debattieren werden, warum Facebook irgendwie ganz furchtbar ist.

Die große Entbündelung

Wir denken immer noch zuviel in Kategorien wie Plattformen oder Zeitungen. Dabei zeigen Apple News und Blendle einmal mehr: Journalismus der Zukunft wird in erster Linie entbündelt stattfinden. Das muss kein Fehler sein.

Jetzt also Apple: „News“ heißt das Ding, das unter dem Strich nichts sehr viel anderes ist als eine moderne „Zeitung“ auf dem Smartphone oder dem Tablet. Verlage können für die App zuliefern und bekommen dafür irgendwie auch Geld. Wem das bekannt vorkommt: Eine sehr ähnliche Idee hatte Facebook unlängst mit seinen „Instant Articles“.

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Der Entrüstungsschub, dem sich Facebook nach der Präsentation seinen Modells ausgesetzt sah, blieb bei Apple bisher aus. Vielleicht auch deswegen, weil die Entrüstung irgendwie schon aufgebraucht war. Und vielleicht auch deshalb, weil man sich auf Journalistenseite gerade unter Schmerzen an einen Gedanken gewöhnt; gewöhnen muss: Journalismus ist schon noch wichtig und wird auch weiter gebraucht. Nur die Verpackung, das was bisher insbesondere Zeitungen waren, das sieht jetzt und in Zukunft eindeutig anders aus.

Verpackungen, das werden im Zukunft immer häufiger Kuratoren und Aggregatoren sein. Angebote wie Flipboard beispielsweise, auch wenn man sich nicht wundern sollte, wenn von Flipboard angesichts der schieren Marktmacht von Apple oder Facebook von Flipboard nicht mehr so wahnsinnig viel übrigbleibt. Ganz sicher wird auch ein Angebot wie das jetzt auch in Deutschland startende „Blendle“ seinen Anteil dazu leisten, dass sich der Journalismus zusehends entbündelt.

Das muss erst einmal nicht so schlecht sein, wie man es angesichts der kurzfristigen Hysterie  um die „Instant Articles“ hat vermuten können. Weil diese Entbündelung erst einmal nur bedeutet, dass es für Journalismus weitere Vertriebskanäle gibt – und dass man den veränderten Nutzungsegwohnheiten entgegen kommt. Es wäre schließlich naiv zu glauben, dass Journalismus auch weiterhin nur in ganzen Paketen konsumiert werden kann. Natürlich, wer seine SZ oder seinen Spiegel haben will, der wird ihn auch weiter kaufen. Komplett, auch mit den Geschichten, die er nicht lesen will. Vermutlich deshalb, weil sein Vertrauen in die Redaktionen so groß ist, dass er ihnen zubilligt, der bestmögliche Kurator der Welt zu sein.

Gleichzeitig aber gibt es eben auch all jene, die sich vielleicht für eine oder zwei Themen einer Ausgabe interessieren, deswegen aber nicht gleich 30 weitere Themen dazu kaufen wollen, die ihnen vergleichsweise egal sind. Die Musikindustrie hat genau diesen Prozess schon hinter sich. Sie beklagt zwar nicht ganz zu Unrecht, dass diese Entbündelung das Ende des Albums gewesen sei. Auf der anderen Seite hat sich aber eben auch rausgestellt, dass der Kunde dieses Konzept des kompletten Albums immer weniger goutierte.

Es wäre nicht erstaunlich, wenn der Journalismus eine ähnliche Entwicklung nähme. Wenn er sich immer weniger in ganzen „Alben“ und zunehmend mehr in Einzelteilen verkaufen würde.

Dass ein Song wie Pharell Williams´ „Happy“ über 40 Millionen Mal gestreamt werden musste, um seinem Schöpfer knapp 3000 Dollar an Tantiemen zu bringen – das steht dann leider wieder auf einem ganz anderen Blatt.

Facebooks tödliche Umarmung

Facebooks neueste Idee von den „Instant Articles“ wirft wieder einmal die Frage auf: Freund oder Feind? Die eindeutige Antwort: beides.

Bevor man sich wirklich ernsthaft mit den „Instant Articles“ von und für Facebook auseinandersetzt, darf man wenigstens ein bisschen spötteln: Über den Herrn Döpfner, oberster Springer-Chef, erklärter Gegner der „Kostenlos-Kultur“ im Netz und ebenso erklärter Befürworter des Leistungsschutzrechts, das vor allem den Content-Parasiten von Google die Grenzen aufzeigen soll. Ausgerechnet dieser Herr Döpfner ist also einer der deutschen Pioniere, wenn es darum geht, einen der ganz großen Player mit – zumindest für den User – kostenlosen Inhalt zu versorgen.

Döpfner und Springer werden gute Gründe dafür haben, ganz gewiss. Trotzdem zeigt die Sache mit den „Instant Articles“ das ganze Dilemma, in dem die Branche steckt. Nüchtern betrachtet spricht für eine Kooperation mit Facebook ja tatsächlich einiges. De facto ist das Netzwerk schon jetzt der größte Umschlagplatz für Journalismus, den es weltweit gibt. Kein Praktikant kommt mehr an seinen Redaktionsleitern vorbei, die ihm einbimsen, dass man ja auch irgendwie bei Facebook präsent sei. Der Like-Button wird heute selbstverständlich auf nahezu jeder Webseite integriert und dass man irgendwie dort vertreten sein muss, stellt beinahe niemand mehr ernsthaft in Frage.

Unbestritten ist auch, dass sich das Nutzungsverhalten gerade eines jüngeren Publikums drastisch verändert hat. Soziale Netzwerke sind für sie eben auch Nachrichtenkanäle. So, wie man seit dem gefühlten Anbeginn der Menschheit gewusst hat, dass man ja lediglich um 20 Uhr die „Tagesschau“ einschalten muss, um zu wissen, was auf der Welt passiert ist, so weiß man heute: Irgendwo bei Facebook oder Twitter wird´s schon stehen, wenn es wichtig ist. Und wenn nicht, dann wird es schon nicht so wichtig gewesen sein. Der Algorithmus und der Newsstream als neue Nachrichtenfilter, so funktioniert ein beträchtlicher Teil des Medienkonsums schon heute. Ob uns das gefällt oder nicht.

Ist es dann also nicht mehr als konsequent, wenn ma dorthin geht, wo beinahe alle sind? Und ist es umgekehrt nicht komplett sinnlos, sich in eine Verweigerungshaltung zu begeben und darauf zu hoffen, dass sie irgendwann wieder alle reumütig zurück auf die gute, alte Homepage kommen werden?

Facebook, die netzgewordene Ambivalenz

Das Bezeichnende für unseren Umgang mit den Giganten im Netz tritt auch bei den „Instant Articles“ zutage: Natürlich stärken wir die Position von Facebook ganz massiv, wenn es hochwertigen journalistischen Inhalt künftig auch dort gibt. Zumal es sich bei den „Instant Articles“ um einen Paradigmenwechsel handelt: Bisher war Facebook nur ein Umschlagplatz, der am Ende idealerweise wieder den Weg zurück zum eigentlichen Anbieter gewiesen hat. Künftig wird Facebook auch ein Medienunternehmen sein. Zwar eines, dass sich beliefern lassen muss, aber das ist dem Nutzer am Ende egal. Der freut sich vielleicht, dass er gute Geschichten jetzt noch einfacher und ohne Facebook zu verlassen bekommt. Aber dass er sich dafür beim „Spiegel“ oder der „Bild“ bedanken und vor lauter Begeisterung gleich mal ein Abo abschließt, muss man nicht zwingend erwarten.

Facebook ist netzgewordene Ambivalenz. Facebook ist ein „Frenemy“, ein Freund und Feind zugleich. Einer, der das Kunststück fertig bringt, uns zu umarmen und gleichzeitig zu erdrücken. Eine tödliche Umarmung sozusagen, das soll es ja schließlich geben.

Eine Hoffnung habe ich allerdings. Ich geb´s vorweg aber gleich zu: Es ist nur eine Hoffnung und sie lässt sich faktisch oder wissenschaftlich nicht belegen (wie das eben so ist bei vagen Hoffnungen). Irgendwann könnte sich Facebook am Stasi-Syndrom verheben. Zu groß, zu allmächtig werde zu wollen. Zu glauben, dass man den Alltag des Menschen in jeder Hinsicht dominieren kann. Nicht mehr nur sein privates Netzwerk zu sein, sondern auch massiv zu beeinflussen, was Menschen wissen und was nicht. Facebook wäre nicht der erste Gigant, dem die eigene Hybris zum Verhängnis wird.

Die Facebook-Falle

Über die Hälfte der Journalisten sind von Social Media gefrustet. Die Meldung macht seit ein paar Tagen die Runde – und sie scheint auf den ersten Blick alte Vorurteile insbesondere auf der digitalen Seite des Grabens zu bestätigen: Immer dasselbe mit diesem analogen Volk. Aber ganz so einfach kann man es sich nicht machen. Der augenscheinliche Frust zeigt vielmehr, wie sehr klassische Medien inzwischen in der Facebook-Falle gelandet sind…

Erstmal die nackten Zahlen: Es ist ja gar nicht so, wie in den meisten Meldungen geschrieben wird – nämlich, dass die Journalisten überwiegend Frust schieben. Zunächst einmal sagen 56 Prozent der befragten Journalisten, dass sich ihre Arbeit durch den Einsatz sozialer Netzwerke verbessert habe. Der Frust entsteht eher aus Enttäuschung: darüber, dass unter dem Strich nicht der Ertrag steht, den man sich erwartet hatte (was natürlich auch eine Frage falscher Erwartungen sein kann). 51 Prozent beklagen sich darüber, dass der Ertrag gemessen am Aufwand zu niedrig  ist. Oder der Aufwand zu hoch, ganz wie man will. (Detaillierte Zahlen gibt´s drüben beim „Universalcode“).

Das mag sicher zum Teil daran liegen, dass es nur wenig Strategien gibt und in vielen Fällen noch weniger Personal. Social Media ist immer noch häufig ein Nebenher-Produkt, das man halt macht, weil man es machen muss. Eine wirklich Idee davon, was man mit der Präsenz in sozialen Netzwerken erreichen will? In vielen Fälle immer noch nicht vorhanden…

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Ja, diese Sache mit den Strategien. Es wäre nicht mal sonderlich ketzerisch, würde man fragen: Habt ihr überhaupt eine? Also, eine die darüber hinausgeht, Links auf die aktuellsten eigenen Geschichten bei Facebook zu veröffentlichen. Oder gelegentlich Fragen zu stellen, die wohl so etwas wie Interaktion bedeuten sollen: Ist es bei euch heute auch so neblig? Habt ihr auch alle einen schönen ersten Advent? Klingt banal, erlebt man aber tatsächlich immer wieder. Das macht zwar auch Arbeit und Aufwand, aber es ist dann nicht  erstaunlich, dass sich der Ertrag in überschaubaren Grenzen hält. Wenn man als Nutzer am Tag von ungefähr 37 Redaktionen eher unpersönlich irgendwas gefragt wird, dann ist man nicht so sehr gewillt, darauf zu antworten. Oder womöglich irgendwas mit Interaktion zu machen.

Und überhaupt: Facebook, Goole, Twitter, all der andere Kram – es ist natürlich schon eine Idee, sich dort zu präsentieren. Aber gleichzeitig haben all diese Frenemys auch einen veritablen Nachteil: Mit jeder Aktion, und sei sie noch so klein, füttert man das Monster noch ein bisschen mehr. Natürlich gibt es die Beispiele für überaus gelungene Social-Media-Aktionen. Vor Auge halten sollte man sich aber auch das: Der allergrößte Teil dessen, was Menschen und Medien im sozialen Netz veranstalten, bleibt weitgehend folgenlos. Nur ein winziger Bruchteil wird wirklich wahrgenommen – man kennt dieses Long-Tail-Phänomen auch aus andere Teilen des Netzes. Was ja auch gar nicht anders geht, schon alleine angesichts der schiere Masse des täglich geposteten Sinn und Unsinns.

Wie gut ist also dann die Idee, das Monster jeden Tag weiter zu füttern, in der kleinen Hoffnung, dass man irgendwann mal einen Glücks-Treffer landet und seine 15 Minuten Social-Media-Ruhm abholt? Ist das in etwa so sinnvoll, wie in einem großen Raum voller heftig und laut debattierender Menschen so lange und laut zu brüllen, bis man alle anderen übertönt hat und sich damit wenigstens ein bisschen Gehör verschafft hat?

Die Frage ist, Sie ahnen es, rhetorisch. Wenn aus den bisherigen Aktivitäten im sozialen Web nicht so wahnsinnig viel Erfolgreiches und Zufriedenstellendes erwachsen ist – ist dann das soziale Netz schuld? Oder vielleicht die (falschen) Aktivitäten? Mit dem, was wir da laufend tun, vergrößern wir die Abhängigkeit von Frenemy Facebook&Co immer ein kleines Stückchen mehr. So wie ein Junkie an der Nadel (Hinweis: Ich mache das auch nicht anders, weil ich diese Beitrag natürlich später noch auf Facebook posten werde).

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Warum das alles hier steht? Weil die Journalisten-sind-gefrustet-Debatte in die falsche Richtung führt. Weil sie die ollen Kamellen zu bestätigen scheint, dass Journalisten und Medien einfach nur zu doof und faul sind, dieses Neuland zu begreifen. Die spannendere Frage wäre wer tatsächlich die: Ist es nicht langsam an der Zeit, sich aus der Rolle der Facebook-Junkies zu befreien? Eine Strategie ausschließlich darauf aufzubauen, dass man auf fremden Kanälen irgendwie wahrgenommen wird, klingt jedenfalls auf Dauer nicht wirklich zukunftsträchtig.

Das LSR und das Ende der analogen Zeiten

Das Leistungsschutzrecht ist am Ende. Das Armdrücken mit Google haben die Verlage krachend verloren. Das muss aber gar nicht mal schlecht sein.

Immerhin, eines muss man der VG Media lassen: Mit der zurückliegenden Leistungsschutzrechts-Farce hat sie dazu beigetragen, ein paar essentielle Fragen unserer  Branche beinahe final zu klären. Eine davon war ja schließlich immer: Wer braucht wen mehr? Die Verlage Google – oder doch eher umgekehrt? Die Befürworter des LSR hatten ja schließlich genau damit argumentiert: dass Google sich mit den Werten der Verlage eine goldene Nase verdient. Der Feldversuch von Axel Springer jedoch zeigt anderes. Nämlich, dass Medienunternehmen (und das gilt keineswegs nur für Verlage) ohne die Wegweiser und Aggregatoren im Netz heute nicht mehr überleben können. Nüchtern betrachtet also: eine win-win-Situation.

Am Leistungsschutzrecht war vieles verkehrt. Am verkehrtesten allerdings war und ist der Versuch, lediglich ein Symptom zu kurieren und nicht an die Ursachen der Krise heranzugehen. Das Problem ist nämlich nicht, dass Google Inhalte aus dem Netz auffindbar macht. Das eigentliche Problem ist das, was unlängst mal in der New York Times so schön als „Entbündelung des Journalismus“ beschrieben wurde. Tatsächlich also müssen sich Medienunternehmen vor allem darauf einstellen, dass Journalismus immer weniger in abgeschlossenen Produkten konsumiert wird. Und darauf, dass die gedruckte Zeitung, die eigene Webseite, der eigene Sender bestenfalls nur noch ein Aggregatszustand unter vielen möglichen ist.

Die Herausforderung wird es also sein, aus diesem „entbündelten“ Journalismus ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Eine Strategie, die den veränderten Wünschen von Usern entgegen kommt. Schließlich haben ja Google, Facebook und all die anderen den User nicht einfach einer Gehirnwäsche unterzogen. Sie haben nur Produkte entwickelt, die ziemlich exakt das liefern, was User möchten. Dagegen werden sich auch Medienunternehmen nicht sperren können. Liefern sie nicht das, was dem Kundenwunsch entspricht, werden sie Kunden verlieren (wenn ich das mal so ganz schnöde und nüchtern formulieren darf). Zu versuchen, ein geändertes Medien-Nutzungsverhaten per Gesetz wieder zurückzudrehen, ist einigermaßen absurd.

Und womöglich hat diese ganze Sache mit dem LSR ja auch etwas Gutes. Nämlich, dass wir uns jetzt als Journalisten und Medienmacher wirklich wieder den Zukunftsfragen zuwenden. Das LSR war ein letzter Versuch, die seligen analogen Zeiten in die digitale Welt hinüberzuretten. Dass das nicht funktioniert, sollte jetzt selbst dem eisernsten Google-Gegner klar geworden sein.

Die VG Media und die digitale Falle

Es gehörte zu den Nachrichten, die leicht mal ein bisschen untergehen: Google wird die so genannten „Snippets“ der Verlage aus der VG Media noch nicht aus den Suchergebnissen rausnehmen. Es gibt noch einen kurzen Aufschub. Einen Aufschub, um den die Verlage gebeten hatten. Also ausgerechnet die, die zuvor einigermaßen vollmundig angekündigt hatten, Google künftig zur Kasse bitten zu wollen, wenn der Suchmaschinen-Riese weiterhin sich mit den hochwertigen Inhalten der Verlage schmücken wolle.

Darauf hat Google dankend verzichtet und die VG Media fühlt sich deshalb jetzt, äh, ja…erpresst, genau. Das ist sehr ulkig. Noch ulkiger ist der Aufschub, um den die Beteiligten jetzt bitten. Weil er sehr deutlich die Verhältnisse ins Licht rückt. Die Machtverhältnisse. Und weil die Frage beantwortet ist, wer auf wen verzichten kann. Was eigentlich nie eine Frage hätte sein dürfen. Wenn man die Welt nicht gerade durch eine sehr rosa getönte Verlagsbrille betrachtet, dann steht außer Zweifel, wer dieses Armdrücken gewinnt.

Die Welt hat sich also gewandelt, endgültig (dies nur als Feststellung für den Fall, dass Sie sich dieser simplen Erkenntnis bisher erfolgreich entzogen haben). Die einstmaligen Gatekeeper müssen jetzt selbst erst einmal durch ein Gate, ganz egal, ob das Google oder Facebook oder wie auch immer heißt.

Kann es also angesichts dessen sein, dass wir bei den ganzen Debatten um den Medienwandel und die Digitalisierung schlichtweg die falschen Fragen stellen? Dass wir darüber streiten, wie hoch eigentlich so eine Paywall sein müsste und, ob man Geschichten multimedial-interaktiv oder nicht doch einfach ganz klassisch erzählen müsste, während die wirkliche Frage die ist:

Müssen Journalisten und Redaktionen nicht schlichtweg ihre eigenen kleinen Communitys werden?

Dafür spräche einiges. Zu allererst die Tatsache, dass wir im Netz gerade die große communitysierung erleben. Gemeinschaften und Netzwerke, wohin man schaut, das muss nicht mal der große Gleichmacher Facebook sein. Ob wir jetzt von Büchern, Musik der klassischen Medien reden, die Prinzipien eines sozialen Netzwerks halten überall Einzug. Man hört heute nicht mehr einfach Musik, sondern folgt und postet. Man liest nicht mehr einfach Bücher, sondern macht das, wenn denn das Lobo-Prinzip der Sobooks erfolgreich ist, ein soziales Erlebnis daraus. Und die Krautreporter begründen einen der Vorteile der finanziellen Unterstützung nicht nur mit irgendwelchen Mehrwerten. Sondern mit einer ganz simplen Aufforderung: Werde Teil der Krautreporter-Gemeinschaft!

Mediennutzung bekommt also zunehmend mehr auch die Züge eines Bekenntnisses. Das ist keine restlos neue Geschichte, Medien waren schon immer auch Bestandteil einer inneren und äußeren Haltung. Wer eine FAZ liest, bekennt sich – und wer die taz liest auch. Der Bezug und der Konsum von Inhalten und Informationen war schon seit jeder immer nur ein Teilaspekt. In Zeiten des Medienüberflusses und Info-Overkills gewinnt der Aspekt des Bekenntnisses zu einer Community einen immer größeren Stellenwert. Sieht man mal davon ab, dass es auch der eigenen Orientierung und dem eigenen Weltbild ganz zuträglich sein kann, wenn sich unter halbwegs Gleichgesinnten bewegt.

Es war übrigens Mark Zuckerberg himself, der schon vor Jahren erkannt hatte Für alles und jeden da draußen gibt es eine Community. Und vermutlich ist es tatsächlich so: Je globalisierter und verwirrender diese Welt da draußen, umso größer wird das Bedürfnis nach Gemeinschaften. Dass es Facebook ist, das dieses Bedürfnis momentan immer noch größtenteils stillt, lässt neben etlichen anderen Schlüssen auch diesen zu: Es gibt zu wenige, die das tun. Von Medien und dem Thema Communitys hört man vergleichsweise wenig, sieht man von den selten Ausahmen wie beispielsweise der des Guardian ab.

Stattdessen beschränken sie sich häufig auf die Rolle des Zulieferers für Facebook – und beschweren sich dann genau darüber: Facebook profitiert vom guten Job, den teuer bezahlte Redaktionen leisten. Man versucht es dann mit Leistungssschutzrechten und anderem sinnlosen Kram, der zu nichts anderem gut ist, als bestenfalls aufzuzeigen, dass man sich strategisch seit Jahren auf einem Holzweg befindet. Kurz gesagt: In nicht ganz wenigen Häusern ist die Idee, möglichst viel von dieser neuen, digitalen Welt zu verhindern, um irgendwie das alte Geschäftsmodell hinüberzuretten. Umgekehrt würde eher ein Schuh daraus:  Selbst aktiv zu werden, aus den eigenen Lesern und Nutzern eine Community zu machen. Eine, die eben nicht erst den Umweg über Facebook gehen muss, um sich auszutauschen. Eine, die so lebendig ist, dass man sich ihr gerne zugehörig und nicht als eher unwillkommenes Anhängsel fühlt.

Das schreibt sich leicht dahin, ich weiß. Aber es bleibt der einzige Weg. Die Machtverhältnisse in der digitalen Welt sind nämlich vorerst geklärt. Frag nach bei der VG Media.

Und wo bleibt eine lokale „Paper“-App?

Seit ein paar Jahren gibt es jetzt „Flipboard“.  Die Seite „Rivva.de“ existiert mit kurzer Unterbrechung auch schon ein paar Jahre, ebenso ein paar andere kleine und mittelgroße Aggregatoren. Man kann also beim besten Willen nicht behaupten, dass das Thema Aggregation im Journalismus ein wirklich neues wäre.

Facebook-Paper

Trotzdem bekommt es in diesen Tagen nochmal eine neue Dimension. Weil jetzt ein Player einsteigt, der sich nicht in irgendwelchen mehr oder wenigen kleinen Nischen von mobilen Endgeräten oder im Web rumtreibt. Sondern: der größtmöglich denkbare ist. Facebook hat jetzt in den USA eine neue App  mit dem bezeichnenden Namen „Paper“ herausgebracht (Erscheinungstermin in Deutschland ist noch offen). „Paper“ ist vordergründig betrachtet natürlich kein originär journalistisches Ding. Trotzdem aber werden dort journalistische Inhalte präsentiert werden. Weil dort Inhalte jeglicher Art aggregiert werden können und es natürlich ebenso erwartbar wie folgerichtig ist, dass dort auch Journalismus stattfindet.

Facebook macht jetzt also im Großen das, was „Flipboard“ seit Jahren im eher kleineren Maßstab macht. Der Tag, zusammengefasst und daueraktualisiert in einer einzigen App, die man wahlweise auf dem Smartphone oder dem Tablet mit sich rumtragen kann. Was wäre das anderes als eine Art neuer „Tageszeitung“? Das, wovon Zeitungsmacher schon lange immer wieder mal reden? „Der Tag“, so hieß übrigens auch die App, die der „Spiegel“ als Konsequenz aus seinem Projekt „Tag2020“ entwickelt hatte – und die durchaus einige Parallelen zu Facebooks „Paper“ aufweist.

Was ich daran so erstaunlich finde: Der Gedanke, dass tagesktueller Journalismus im digitalen Zeitalter sowohl eine neue Darstellungsform wie auch ein neues Endgerät benötigen könnte, ist ja nun wirklich kein neuer mehr. Aber wieso ist es – mal wieder – ein branchenfremder Großkonzern, der diese Idee dann letztendlich konsequent umsetzt? Und wieso führen wir in Deutschland seit Jahren erbitterte Auseinandersetzungen vor Gerichten (LSR, Tagesschau-App), anstatt endlich mal damit anzufangen, selbst Lösungen für zukunftsorientierten Journalismus umzusetzen?

Ich kapiere beispielsweise beim besten Willen nicht, warum sich nicht auch regionale Tageszeitungen endlich mal Gedanken darüber machen, wie die Idee eines Aggregators für sie umgesetzt werden könnte. Gerade im Lokalen gäbe es ausreichend Möglichkeiten, eine sich quasi selbst aggregierende Community zu schaffen. Bei der die Inhalte der Tageszeitung ein Bestandteil sind, aber eben nur einer. Wenn Menschen künftig Geld ausgeben werden für Journalismus, dann am ehesten dafür, dass sie zu einer Mischung aus Community und Datenbank Zugriff haben. Und das womöglich noch mobil – denn das mobile Endgeräte nicht die Zukunft, sondern schon jetzt die Gegenwart des Journalismus sind, das ist unbestritten. Ein „lokales Paper“ sozusagen, das ist es, an was lokale und regionale Medien jetzt arbeiten müssten.

Zu befürchten ist allerdings anderes: dass wir irgendwann mal wieder mehr oder weniger absurde juristische Auseinandersetzungen darüber erleben werden, was solche Aggregatoren dürfen – und noch mehr, was sie nicht dürfen. Die Klagewut deutscher Medien ist hinlänglich bekannt. Und die Gerichte mit ihren häufig wirklichkeitsfremden Urteilen bestärken das auch noch: Dass man jetzt Urhebervermerke mitten in Bilddateien platzieren soll und die GEMA ernsthaft über Lizenzgebühren für das Einbetten von Videos nachdenkt, lässt nichts Gutes ahnen.