Journalismus 2015: Wie geht´s uns?

Im November soll ich eine Keynote über den Zustand des (digitalen) Journalismus halten. Jetzt grüble ich seit Wochen über der komplizierten Antwort auf eine simple Frage: Wie geht es uns eigentlich?

Eigentlich könnte die Sache eine ganz einfache sein: In unserer Branche ist man tendenziell mit einer Mischung aus Defätismus, Pessimismus und Fundamentalkritik ganz gut aufgehoben. Packt man dann noch ein bisschen Bullshit-Bingo dazu, moniert man die Verschlafenheit, die Unfähigkeit, die mangelnde Recherche und fügt man dann noch in verklausulierter Form hinzu, dass die Dinge früher ohnehin etwas besser waren, dann hat man vermutlich rund 80 Prozent der Journalisten tendenziell auf seiner Seite. Und von digitalen Medien haben sie alle keine Ahnung, außer man selbst natürlich (ich muss dabei übrigens immer an den wunderbaren Kabarett-Titel „Alles Schlampen außer Mutti“ denken).

Auf den Gedanken bin ich gekommen, weil ich am 5. November in Hamburg bei dieser feinen Veranstaltung hier die Keynote sprechen darf (auch so ein typisches und in sozialen Netzwerken gern gesehenes Understatement: Ich darf irgendwo meinen Senf dazu geben; in Wirklichkeit bin ich natürlich stolz wie Bolle). Das Thema der Keynote ist so verlockend wie tückisch: Es soll eine Art Bestandsaufnahme werden, wie es uns denn nun geht. Dem Journalismus als solchen und irgendwie auch uns, die wir ihn tagtäglich machen. Eine böse Falle, die mir Prof. Volker Lilienthal da gestellt hat. Seitdem komme ich mir vor wie ein Student, der gerade erkennt, dass das Thema der Hausarbeit, das sich der Prof ausgedacht hat, viel verzwickter ist, als es am Anfang aussah.

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Variante eins wäre also die einfache, eingangs beschriebene. Fundamentalkritik geht immer. Die „Krautreporter“ haben damit sogar mal eine ganze Million Euro gecrowdfundet, mit Fundamentalkritik ist sogar ein völlig neues Berufsbild namens Medienkritiker entstanden, was immer das auch sein mag. Das „Bildblog“ würde schlagartig drei Viertel seiner Leser verlieren, würde es jeden Tag zwei Geschichten bringen, die irgendwelche Medien mal so richtig gut gemacht haben, Niggemeier liest man vermutlich deswegen gerne, weil er es den unterschiedlichsten Kollegen regelmäßig aufs Neue mal so richtig gibt. Um bei „Turi2″ verlinkt oder zitiert zu werden, muss man sich über irgendwas so richtig ärgern oder es wenigstens kritisieren, monieren oder gerne auch mal zum Scheitern verurteilt sehen.

Meine eigenen Erfahrungen habe ich auch gemacht. Vor Jahren hatte ich in diesem Blog mal versucht, eine kleine Rubrik mit positiven Beispielen zu etablieren. Es blieb beim Versuch, weil das ungelogen die Beiträge mit den schlechtesten Klickzahlen aller Zeiten waren (und so viel Quotensau steckt dann doch noch in mir, dass ich will, dass der Quark hier wenigstens von ein paar Leuten gelesen wird). Umgekehrt kann ich auch verraten, dass in den letzten fünf Jahren drei Beiträge die höchsten Klickzahlen erreichten. Die Themen: erstens ein Krautreporter-Verriss, zweitens eine fundamentale Kritik an den Krautreportern und drittens eine hochgradig pointierte Kritik an den Krautreportern. Wenn mir mal die Leser ausgehen, schreibe ich was über die Krautreporter.

Die Rechnung geht also so: Ich stelle in Hamburg die These auf, dass der Journalismus ziemlich kaputt ist, die meisten Verlage und Sender die Entwicklungen (welche auch immer) verschlafen haben und streue dann noch die Buzzwords ein, die man bei Turi2 gerne liest. Ich vermute, es gäbe Beifall im Publikum, ein paar hübsche Tweets und bei Turi2 ein schönes Zitat mit dem Hinweis „Medienkritiker Christian Jakubetz kritisiert, dass der Journalismus kaputt ist“.

Hübscher Gedanke, das. Noch dazu mit dem Effekt, dass ich endlich mit „Medienkritiker“ einen wohlklingenden Beruf angeben könnte, wenn mich jemand fragt, was ich so mache. Bisher nehmen meine Antworten auf diese Frage gut und gerne mal ein paar Minuten in Anspruch.

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Bei Variante zwei müsste ich erheblich länger nachdenken, weil sie so einfach und leider auch so publikumswirksam nicht ist. Aber dafür ehrlicher.

Immerhin denke ich jetzt schon seit Sommer immer wieder mal darüber nach, was ich wohl erzählen könnte. Wie ich dieses vermeintlich so einfache Lilienthal-Thema beantworten könnte. Weil es ja umgekehrt natürlich keineswegs so ist, dass alles ganz wunderbar ist in dieser Branche, von ein paar kleinen Ausreißern abgesehen.

Auf jedes Beispiel, egal ob positiv oder negativ, fällt mir immer sofort eines ein, das genau das Gegenteil belegt. Ich entdecke fast jeden Tag ganz großartige Dinge, ganz egal ob im Netz, im TV, im Radio oder auf Papier. Nur um kurz darauf wieder Sachen zu sehen, an denen man verzweifeln möchte. Die Lage ist also alles andere als übersichtlich, zumal ich unlängst sogar mal eine Periscope-Reportage des „Bild“-Reporters Paul Ronzheimer gesehen habe, die ich einigermaßen beeindruckend fand. Dabei war man bisher ja wenigstens damit auf der sicheren Seite, wenn man über die „Bild“ im Allgemeinen und über Ronzheimer im speziellen was Böses gesagt hat. Und die Chance auf einen trafficbringenden Link beim „Bildblog“ hatte man auch.

300Oder der „Spiegel“. In nahezu jeder Ausgabe ärgere ich mich über routiniert hingeschluderte Texte, die immer und immer wieder die alten Klischees bedienen und die heimlich von einem Textautomaten geschrieben werden. „Spiegel Online“ ist schon lange zur Routine erstarrt und die Idee eines Babo-Checker-Portals für 18jährige flasht mich jetzt auch nicht so, dass ich in ihr die Rettung des Journalismus entdecken würde. Und die Titelbilder! Die TITELBILDER! Manchmal frage ich mich, ob nicht in Wirklichkeit die „Titanic“ die Grafikabteilung des Blattes gekapert hat.

Auf der anderen Seite lese und sehe ich dann aber immer wieder Stücke, die sind zum Niederknien gut. Alleine Cordt Schnibbens Stück über die „Gutmenschen „, die sich als freiwillige Helfer für Flüchtlinge engagieren, war die Abo-Gebühr für ein Quartal wert.

Und überhaupt: Es ist zwar auf der einen Seite vergleichsweise einfach und manchmal auch billig, sich über die etablierten, alten Tanker zu amüsieren. Aber Beispiele wie eben die vielzitierten Krautreporter haben mir dann halt doch gezeigt, dass es andere eben auch nicht besser können. Im Gegenteil: Nach zwei Monaten intensiver KR-Lektüre war ich dann um „Spiegel“, SZ oder FAZ oder auch die gute alte Tante ARD wieder ziemlich froh. Auch und gerade im Netz. Halten Sie mich meinetwegen für einen alten, langweilen Knochen, aber ich finde das, was beispielsweise sz.de oder zunehmend auch faz.net und Zeit Online machen meistens zumindest so gut, dass ich nicht vor dem Rechner sitze und mir denke: Höchste Zeit,  dass es endlich einen neuen Journalismus gibt!

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Muss man den Journalismus überhaupt retten – und wenn ja,vor was? Als ausgesprochen hilfreich bei der Diskussion dieser Frage erweist es sich regelmäßig, wenn man die Perspektive  wechselt und die eigene Filter Bubble verlässt. Außerhalb meiner eigenen Journalisten-Blase jedenfalls nimmt man das Elend dieses Berufs sehr viel entspannter wahr. Sofern man nicht gerade „Pegida“-Anhänger ist und abends mit dem Schrei „Lügenpresse!“ durch die Straßen marodiert, wird man feststellen, dass man sich in diesem Land immer noch ziemlich wunderbar über alles informieren und sich bestens unterhalten lassen kann. Die Nicht-Journalisten in meinem Freundeskreis (doch, das gibt es!) sehen mich jedenfalls immer etwas entgeistert an, wenn ich ihnen erzähle, dass diese Branche ein einziger, dem Untergang geweihter Sumpf ist, der wahlweise lügt oder doof ist.

Ohne in die Schönrednerei von Festreden zu verfallen, muss man das vielleicht ab und an mal so grundsätzlich feststellen: Wir sind nicht in Italien, wo Ministerpräsident und Medienmogul für längere Zeit mal identisch waren. Wir sind nicht in einem dieser Länder, in dem dieser Beruf potentiell riskant ist. Bei uns kann jeder weitgehend das publizieren, was er will, und wenn es noch so großer Unsinn ist (ein Recht, von dem tagtäglich Gebrauch gemacht wird, wie ein  Blick auf die täglichen Unsinnigkeiten beweist).

Selbst die „Landesverrat“-Geschichte rund um „Netzpolitik.org“ hat sich am Ende als Posse erwiesen, auch wenn das für die Truppe von Markus Beckedahl natürlich zeitweise alles andere als lustig war. Aber auch das gehört eben zum Zustand der Medien in Deutschland: Am Ende haben Beckedahl und Freunde eine ganze Menge Solidaritäts-Geld bekommen, die treibende Kraft hinter den Ermittlungen konnte sich nicht mehr halten und Netzpolitik.org steht heute möglicherweise so gut wie noch nie da.

Wie überhaupt die Publizistik im Netz ziemlich ordentlich ist. Wem die etablierten Medien nicht passen, der kann jeden Tag großartige Sachen nach eigenem Gusto lesen, sehen, hören. Ganz ehrlich: Wer nicht in seinen Leselisten und Bookmarks deutlich mehr Zeug hat, als er jemals konsumieren kann, läuft entweder blind durchs Netz oder er ist Misanthrop.

Kann sein, dass wir das selbstverständlich finden. Es schadet trotzdem nicht, sich all das gelegentlich vor Augen zu führen, bevor wir dann alle wieder den apokalyptischen Reiter spielen und uns stundenlang darüber echauffieren, dass irgendjemand irgendwo einen leicht missratenen Beitrag veröffentlicht hat.

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Aber halt, war da nicht doch noch was? Diese ganze Geschichte mit dem Medienwandel? Dieser ganze digitale Kram, der Jobabbau in vielen Redaktionen, wenn sie nicht gleich ganz geschlossen wurden? Das Problem, Menschen zum Bezahlen von digitalen Inhalten zu bewegen? Natürlich haben wir im Journalismus ein handfestes ökonomisches Problem. Das zu leugnen, fällt selbst dem größten Optimisten schwer.

Kaum anzunehmen ist auch, dass diese Branche in fünf oder zehn Jahren noch so aussehen wird wie heute. Dumm nur, dass wir keinerlei Ahnung haben, wie sie sich stattdessen präsentieren wird; auch wenn es gerade in unserer Branche ausreichend Scharlatane gibt, die aus der Behauptung zu wissen, wie die Zukunft läuft, ein halbwegs florierendes Geschäftsmodell gemacht haben. (Hinweis: Ich arbeite selbst als Berater; falls Sie mich aber mit dem Ziel buchen wollen, danach exakt zu wissen, wie die nächsten Jahre verlaufen werden, bitte ich höflich, von Anfragen abzusehen).

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Kann aber ein  Journalismus funktionieren, dem die materielle Grundlage entzogen wird? Die Frage ist natürlich rhetorisch, weil das nicht geht. Beispiele dafür gibt es heute schon in Hülle und Fülle. Es gibt in nahezu jedem Teilbereich dieser Branche Redaktionen, die so am personellen und finanziellen Existenzminimum leben, dass sie nur noch Mumien-Journalismus produzieren. Inhalte, die vordergründig überdecken, dass darunter nichts mehr an Substanz da ist. Man muss dafür nicht mal besonders exponierte Beispiele nennen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Leser dieses Textes in seinem eigenen Umfeld in kürzester Zeit ein Exempel findet.

Natürlich kann man sich auch hier trösten, so ist es ja nicht: Mit jedem sterbenden Geschäftsmodell entsteht irgendwo auch ein Neues. Das haben uns andere Wirtschaftszweige vorgemacht, das erleben wir auch im Journalismus immer wieder aufs Neue. Es ist ja auch nicht so, dass es plötzlich keinen Bedarf mehr an gutem Journalismus mehr gibt. Im Gegenteil, ich glaube, dass dieser Bedarf in einer Zeit, in der man sich jeden Tag mit unfassbarem Müll zuschütten kann, eher steigen denn sinken wird.

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Wenn Sie es denn wirklich bis ans Ende dieses langen Textes geschafft haben, würde ich daraus zweierlei Rückschlüsse ziehen.

Zum einen: Die Behauptung, die digitalisierungsdummen Menschen des Jahres 2o15 würden keine langen Texte mehr lesen, ist ziemlicher Unsinn.

Zum anderen: Sie haben Interesse an diesen Themen und geben mir möglicherweise Feedback, ob diese Gedanken halbwegs tragbar sind und ob ich auf deren Basis meine Keynote für Hamburg weiterdenken soll (oder ob sie völlig doof sind und ich alle meine Notizen wegwerfe).

Vielleicht haben Sie sogar Lust, selbst vorbeizuschauen. Nein, nicht wegen mir, aber da sind noch sehr viele andere, ganz großartige Kollegen, wegen derer allein sich der Besuch lohnt. Anita Zielina von der NZZ beispielsweise, Cordt Schnibben (Spiegel), Dirk von Gehlen (SZ), Marco Maas (das lebende Datenpaket) und noch ganz viele andere tolle Leute.

Und natürlich Volker Lilienthal. Wir haben noch ein Hühnchen zu rupfen, Herr Professor.

Crossmedia ist tot

2015 kommt – und damit das Jahr, in dem die neue digitale Medienwelt endgültig Gestalt annimmt. 5 Thesen, wie man sich dort am besten positioniert.

1.Vergesst Crossmedia!

Irgendwie ist es ja schon lustig, wie das in der Branche läuft mit diesem Internet: Irgendwann ploppen ein paar Schlagworte auf, die dann liebevoll adaptiert und fortan in ungefähr jeder  Diskussion verwendet werden. „Crossmedia“ ist so eines. Es existiert zwar schon einige Jahre, trotzdem scheut sich selbst ein WDR-Intendant nicht, der „Zeit“ im Jahr 2014 ernsthaft zu erzählen, die Zukunft der gesamten Branche sei irgendwie „crossmedial“. Dem kann man natürlich nicht so richtig widersprechen. Besonders treffend ist es dennoch nicht. Weil „Crossmedia“ ja erst einmal nur eines ist: Inhalte auf zwei Kanälen auszuspielen, so dass sie sinnvoll und ergänzend miteinander verknüpft sind. Das heißt aber auch: Das eine setzt das andere voraus. Genau das ist es aber nicht, was sich aus den Entwicklungen insbesondere der letzten beiden Jahre ablesen lässt. Im Gegenteil: Angesichts der Zersplitterung in viele verschiedene Kanäle, die Nutzer inzwischen nun mal einfach frequentieren, ist es weitaus vernünftiger, erst einmal jeden Kanal einzeln zu betrachten. Das mag verwirrend klingen, weil es das pure Gegenteil von dem ist, was über Jahre hinweg postuliert wurde (Offenlegung: teilweise auch von mir). Tatsächlich aber hat das bisherige „crossmediale“ Denken zur Folge, dass zwar unterschiedliche Kanäle bestückt werden, dies aber meistens dann doch nur in der mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen Aufforderung landet, man möge doch am Ende bitte wieder zum eigentlichen „Hauptkanal“ zurück kehren. Natürlich kann es sinnvoll sein, beispielsweise eine Geschichte im Blatt mit einem Video auf der Webseite zu verbinden. Wenn sich die Idee aber alleine darin erschöpft, dann wäre es am Ende eben doch nur Zeitung (oder TV/Radio) mit ein bisschen Internet hintendran. Eine zukunftsfähige Strategie ist das aber noch lange nicht.

Und wenn wir schon dabei sind: Spätestens, seit es Wolfgang Blau bei der „Besser Online“-Tagung gesagt hat, ist das gottlob kein Sakrileg mehr: Online und Print/TV/Radio gehören nicht zwingend zusammen. Gemeinsam strategisch denken, das ist das eine. Alle zusammenwerfen, um dann Dinge zu machen, die man nur so mittelgut kann, ist das andere. Es gilt ja schon seit Jahren als common sense, dass Journalisten ungefähr alles können müssen. Das ist Unsinn, weil das niemand kann. Man muss das jeweils andere Medium begreifen, sicher. Man muss aufhören, nur an sich selbst und den eigenen Kanal zu denken, auch das ist klar.  Und wenn sich jemand findet, der für den jeweils anderen auch noch mitproduzieren kann, wunderbar. Ansonsten: Verabschiedet euch endlich von der Wunschvorstellung, dass jeder alles kann und es für jeden Beitrag noch irgendwas anderes gibt, was man anderswo ergänzend publizieren kann. Anders gesagt: Vergesst endlich die Crossmedia-Doktrin der letzten Jahre. Hübsches Schlagwort, das irgendwann aber zu Totschlagwort geworden ist.

2. Fahrt auf Sicht!

In Bamberg und in Heilbronn versuchen sie es jetzt mal mit „WhatsApp“. Wenn gefühlt die ganze Welt über dieses Ding kommuniziert, dann müsste es doch möglich sein, auch als Zeitungshaus dort ein paar Inhalte unterzubringen. Mit der Idee sind sie dort nicht ganz alleine, im Sommer hatten bereits BBC und SF mit solchen Experimenten begonnen – und auch ein renommiertes Blatt wie der „Standard“ in Wien hat inzwischen seinen eigenen Channel für den weltweit beliebtesten Messenger.

Das klingt erst einmal plausibel. Auch bei einem Netzwerk wie „Facebook“, originär sicher kein journalistisches Medium, würde heute kein vernünftiger Mensch mehr abstreiten, dass es für Medien sinnvoll ist, dort irgendwie präsent zu sein. Kein Mensch weiß, ob das funktionieren wird. Wie auch, so ganz ohne Erfahrungswerte. Es gibt gute Gründe, die dafür sprechen, dass man Menschen auf Messengern gut mit journalistischen Inhalten erreichen kann. Dummerweise gibt es aber auch genauso gute Gründe, die dagegen sprechen. Ohne den Versuch also werden wir es nie wissen. Kann sein, dass wir in ein paar Jahren über diese Schnapsidee lachen.

Aber so ist das nun mal in unserer digitalen Medienwelt. Und es ist schon immer so gewesen: Prognosen haben das Problem,  nur Prognosen zu sein. Die Weltgeschichte ist voll von legendären Falschprognosen. Man denke an die fehlenden Perspektiven für das Auto: „Die Zukunft ist das Pferd“, hat der damalige Kaiser gesagt. Oder an den schönen Satz, mehr als 640 KB Speicherplatz werde ein Mensch niemals in seinem Leben benötigen. Das Schöne wiederum ist, dass Bill Gates trotz dieser kapitalen Fehleinschätzung ein sehr reicher Mann geworden ist (also, zumindest für Gates ist das schön).

Speziell in den sich zunehmend mehr selbst beschleunigenden Entwicklungen der digitalen Welt könnte man vermutlich ein ganzes Kompendium von Fehleinschätzungen zusammenstellen und meine eigenen will ich da gar nicht ausnehmen, bevor mich jemand darauf hinweist: Ich hielt Twitter beispielsweise für komplett überflüssig und das iPhone für ein nettes Luxus-Spielzeug. Lernen kann man daraus zumindest,  nichts kategorisch auszuschließen und dabei dennoch ins Kalkül zu ziehen, mit neuen Ideen und Projekten jederzeit grandios scheitern zu können. Und dass es momentan nicht sonderlich sinnvoll ist, auf langfristige Strategien zu setzen.  Aufbauen und ggf. schnell wieder verwerfen – das ist zwar der Albtraum für Manager und Unternehmensberater, trotzdem aber kaum anders machbar.

Was die diversen „WhatsApp“-Projekte angeht, bin ich übrigens unentschieden. Weswegen ich es für eine ziemlich gute Idee halte, was die Kollegen da machen, u.a. in Bamberg und in Heilbronn: ausprobieren. Wer hinterher tönt, er habe es ja gleich gewusst (egal was), muss sich sagen lassen, bestenfalls ein risikoscheuer Wichtsack zu sein.

3.Lernt Euer Publikum kennen!

Den Seufzer kennt jeder, der schon etwas länger im Geschäft ist: Wenn wir doch bloß wüssten, was der Leser/Hörer/Zuschauer will! In den analogen Tagen, in denen man bestenfalls Quoten und Auflagen ein wenig analysieren konnte, war dieser Seufzer gerechtfertigt. Er war aber, nebenbei bemerkt, auch eine sehr kommode Ausrede: Wenn man mal wieder am Leser vorbeischrieb, konnte man darauf verweisen, dass man es eben nicht so genau weiß, was dieses Fabelwesen eigentlich will.

Ein solcher Seufzer zieht heute nicht mehr. Weil uns das Publikum jeden Tag auf sehr vielfältige Weise sagt, was er will. Gut, nicht immer so direkt. Aber es gibt mittlerweile ausreichend viele Möglichkeiten, zu den richtigen Rückschlüssen zu kommen. Man muss den Nutzer ja nicht gleich komplett gläsern machen, aber im Netzzeitalter lassen sich alleine aus dem Nutzerverhalten ganz andere Erkenntnisse als früher gewinnen.

Und man kann noch was ganz anderes machen: seine Nutzer fragen. Mit ihnen interagieren, kommunizieren. Weil soziale Netze und Kommentarfunktionen mehr sein könnten als reine Linkschleudern. Das mag banal klingen, muss man aber trotzdem so deutlich hinschreiben. Ich bin jetzt seit einem knappen Jahrzehnt immer wieder mal als Berater unterwegs – und es ist immer noch eine für mich verblüffende Feststellung: Über das Produkt wird in vielen Häusern präzise nachgedacht. Über die Leute, die es kaufen sollen, eher weniger. Fatal in einem Zeitalter, in dem sich ja nicht nur die Medien radikal wandeln. Sondern auch deren Nutzung.

Bevor das beliebte Totschlagargument kommt, man könne doch unmöglich ein Produkt nach Publikumswünschen machen, weil dabei nur Quatsch rauskommt: „Netflix“ hat das mal gemacht. Zahlen und Daten ausgewertet. Geschaut, was die User wohl gerne sehen könnten. Als man das dann wusste, hat man eine Serie in Auftrag gegeben. Weil die Leute Kevin Spacey mochten und gerne Drama-Serien zum Thema Politik und Gesellschaft sehen, hat man sich für eine Serie mit Kevin Spacey zum Thema „Politik“ entschieden. Herausgekommen ist „House of Cards“.

Nicht das schlechteste Argument dafür, sich mehr mit seinen Usern zu beschäftigen.

4. Macht aus Eurem Publikum eine Community!

Bei den „Krautreportern“ kann man alle Beiträge lesen, ohne dafür zu bezahlen. Trotzdem bezahlen Menschen für dieses Angebot. Weil sie Mitglied einer Community sein wollen. Das ist die vermutlich spannendste Erkenntnis aus dem Crowdfunding-Projekt, das irgendwann mal in der Gründung dieser Seite endete. Abonnenten der „Wired“ sind inzwischen auch nicht mehr einfach Abonnenten, sondern Member. Ein ähnlicher Gedanke wie er sich auch beim „Guardian“ durchgesetzt hat. Was ja auch naheliegend ist: Journalismus und Medien sind schon lange nicht mehr die Grundversorger von Information. Information gibt es in einem nie gekannten Überfluss. Was Journalismus also inzwischen schon heute und künftig noch viel mehr ist: der Welterklärer auf der einen und der Positionsbezieher auf der anderen Seite. Weil jede Community eine ist, in der Menschen ein paar Werte und Haltungen miteinander teilen und sie sich in ihren Haltungen tendenziell lieber bestätigt denn erschüttert sehen.

Wer also die „Wired“ liest, wird vermutlich eher zu der Kategorie der technikbegeisterten  Kulturoptimisten gehören und damit vermutlich das glatte Gegenteil eines FAZ-Lesers sein. Beide haben ihre Berechtigung und beide brauchen ihre journalistische Heimat. Dieses Lebensgefühl der journalistischen Heimat wird sich in den kommenden Jahren noch weiter verstärken – und auch an strategischer Bedeutung gewinnen. Gebt den Menschen eine Heimat und eine Community, statt sie mit Informationen zu überladen – so ließe sich ein publizistischer Auftrag für die Zukunft formulieren.

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Sagt da jemand gerade was von Filter Bubble? Natürlich. Aber es wäre naiv zu glauben, dass wir vorher nicht schon auch in einer solchen Blase gelebt hätten. Die Welt, die der „Spiegel“ seinen Lesern schildert, ist schon seit ungefähr 50 Jahren eine fundamental andere als die, die der FAZ-Leser vermittelt bekommt. Durch das Netz wird womöglich sogar die Notwendigkeit einer bubble größer. Nicht mal mehr der schlaueste Kopf ist noch in der Lage wirklich zu überblicken, was gerade alles in der Welt passiert. Dann lieber eine ordentliche Blase. Aus der kann man ja trotzdem mal nach draußen schauen.

Daraus resultiert aber auch anderes: Medien, deren Prinzip es ist, für alles und jeden ein bisschen was zu bieten, werden es zunehmend schwerer haben. Tageszeitungen beispielsweise, die gute alte „Illustrierte“ oder auch die vermeintlich großen Fernsehsender. Ihre Idee hatte ihre Berechtigung, die aber zunehmend mehr aus der Zeit fällt. Der Gedanke, einen ganzen Abend lang vor dem Fernseher zu sitzen, ist zunehmend absurd, wenn man das, was man wirklich sehen will, ganz woanders und viel einfacher bekommt. Im übertragenen Sinn gilt das ebenso für all die anderen „Wundertüten“, wie Henri Nennen mal seinen „Stern“ nannte“. Wundertüten haben – im metaphorischen Sinne – in der Zeit des Mangels funktioniert. Wer heute einem 10jährigen aus dem Supermarkt eine „Wundertüte“ mitbringen würde (wenn es denn noch welche gäbe), würde wahrscheinlich erstaunte Blicke ernten – und die Frage: Was soll das? Diese Frage muss man sich auch bei einem publizistischen Prinzip stellen, das jede Menge Zeug anbietet in der Hoffnung, dass man das eine oder andere davon interessant finden könnte. Wenn nebenan doch gleich die nächste Community ist, von der man verlässlich weiß, was man dort bekommt. Und wo man zudem auch noch gleich Menschen findet, die ähnliche Interessen und Werte haben.

Nebenbei bemerkt: Das wäre eigentlich alles keine ganz neue Erkenntnis. Lokaljournalismus ist immer schon auch ein Stück Community-Journalismus gewesen. Das gleiche Interesse ist die die gemeinsame Heimat – die außerhalb dieser Heimat in sehr vielen Fällen keinen anderen Menschen interessiert. Und nein, liebe Marketing-Manager: Zielgruppe und Community sind nicht dasselbe.

5. Entbündelte Inhalte, gebündelte Vermarktung

Meine beiden pubertierenden Töchter treiben sich bevorzugt auf Instagram rum. Da bin ich ab und an auch. Unser Verständnis von Instagram ist allerdings ein anderes. Ich sehe es immer noch als hübsche Foto-Plattform, für meine beiden Damen ist es eher ein Kommunikations-Tool.

Dafür können sie Twitter nichts abgewinnen. Ich schon.

Soll heißen: Es ist ein Irrglaube, wenn man meint, man könne im digitalen Zeitalter noch alle (oder wenigstens sehr viele) um das gleiche Lagerfeuer versammeln. Das letzte große TV-Lagerfeuer wird am Samstag gelöscht und nicht mal mehr die Kids lesen heute noch alle brav ihre „Bravo“. Man wird also, um in der Metapher zu bleiben, nicht daran vorbeikommen, viele kleinere Lagerfeuer zu entzünden, an denen sich versammelt, wer sich dort eben versammeln mag. Und das, ohne das Ziel zu haben, dass sie am Ende doch wieder zu dem einen großen Lagerfeuer kommen.

Konkret: Man erlebt noch viel zu häufig, dass beispielsweise Social-Media-Kanäle ausschließlich zu dem Ziel bespielt werden, irgendwann alle wieder zum „Muttermedium“ zu holen. Das kann, muss aber nicht der Effekt sein. Es geht vielmehr darum, eine Marke auf möglichst vielen Kanälen zu etablieren.

Aber man verdient doch mit Twitter oder Facebook kein Geld? Oder mit irgendwelchen kleinen Apps? Das mag in der einzelnen Betrachtung schon richtig sein. Geld verdient wird mit der Marke. Was letztlich zu einem scheinbaren Paradox führt: Man entbündelt seine Inhalte, um die Marke dann wieder gebündelt zu vermarkten.

Eine gute Marke und eine lebende Community – so müsste Journalismus funktionieren, wenn er auch ökonomisch überleben will.

 

Medien 2014: Die Mutlosen

Wie sollen Print und Online künftig „zusammenwachsen“? Solche Debatten prägen ernsthaft immer noch das Jahr 2014. Bei soviel Mutlosigkeit ist es kein Wunder, dass es aus der Branche momentan mal wieder eher schlechte Nachrichten gibt.

Manchmal lohnt es sich ja doch, buchstäblich über Grenzen zu schauen. In diesem Fall: in die kleine und zumindest in Sachen Medien gar nicht so beschauliche Schweiz. Dort sitzt in Zürich die „Neue Zürcher Zeitung“. Ein Blatt, bei dem Medienjournalisten ungern auf ein Attribut wie „altehrwürdig“ verzichten. Und tatsächlich ist die NZZ ein Blatt, wie es vermutlich nur in der Schweiz möglich ist. Gegen die staubtrockene NZZ ist die FAZ knallbunter Boulevard.

Ausgerechnet bei diesem Blatt, bei dem schon ein Farbfoto ins Auge sticht, Ironie grundsätzlich verboten ist und bei dem man unmittelbar an grauhaarige Herren in Tweed-Sakkos denken muss, ausgerechnet dort also tut sich seit geraumer Zeit einiges. Die NZZ arbeitet gerade an einem Relaunch des Blattes, der es nicht bei ein paar optischen Retuschen belassen wird. Genau genommen dürfte bei der NZZ der Zukunft kein Stein auf dem anderen bleiben. Das Blatt wird dünner werden, was aber – im Gegensatz zu vielen deutschen Strategien – nicht als reine Sparmaßnahme zu verstehen ist. Stattdessen gibt es mehr Inhalte auf digitalen Kanälen. Die NZZ streicht nicht einfach Seiten, sondern richtet ihre komplette inhaltliche Strategie neu aus.

Neuausrichtung heißt in diesem Fall auch Neuausrichtung. Es geht nicht nur um eine Verlagerung ins Web. Sondern um die Frage, wie man welche Geschichte wo erzählt. Mit NZZ Stream hat sich ein hauseigenes Lab auch Gedanken darüber gemacht, ob die Art und Weise, wie Newsangebote im Netz aussehen, überhaupt noch die Richtige ist. Oder ob man nicht langsam weg müsste von der Idee, dass ein Online-Angebot eine Art Zeitung im Netz ist.

Und gleichzeitig – ja, Sie lesen richtig – investiert die NZZ. In Inhalte, in Redaktion, in eine Expansion. Demnächst geht in Wien nzz.at an den Start. Selbst eine mittelfristige Expansion nach Deutschland schließen sie in Zürich nicht aus. Das liest sich zunächst einmal bizarr, angesichts dessen, dass in Deutschland alleine in den letzten beiden Wochen in Frankfurt und in Darmstadt der Wegfall von rund 500 Jobs bekannt gegeben wurde.

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Und damit nach Deutschland. Man muss diese Geschichte aus Zürich wohl erst einmal voranschicken, wenn man sich bewusst machen will, was im Medien-Lande D.  gerade so passiert. Man muss es deswegen erzählen, weil man bei den ganzen aktuellen Debatten immer wieder den Eindruck vorgegaukelt bekommt, es sei quasi alternativlos, Stellen zu streichen, Redaktionen zu schließen und strikte Sparmaßnahmen zu verkünden. Und man muss das Beispiel NZZ erwähnen, um zu zeigen, wie sehr manche Debatten und Strategien in Deutschland aus der Zeit gefallen sind.

Beim „Spiegel“ beispielsweise debattieren sie immer noch nicht nur über ihren Chefredakteur, sondern über die Frage, ob und wie Online und Print verzahnt werden dürfen. Beim „Focus“ hat der neue Chefredakteur verkündet, es sei ihm mehr oder weniger egal, was „Focus Online“ so treibt. Beim „Stern“ ist ihnen die Frau, von der man vermutete, dass sie durchaus wissen könnte, wie man eine Digitalstrategie aufbaut, mal eben abhanden gekommen. Die FAZ streicht 200 Stellen, das „Darmstädter Echo“ löst sich beinahe komplett selbst auf. Fünf Beispiele aus Deutschland, vom großen Nachrichtenmagazin bis hin zur durchschnittlichen Regionalzeitung – und kein einziger hat eine echte Antwort auf die Frage parat, wie es denn künftig eigentlich weitergehen soll. Der „Focus“ will konservativ sein, der „Stern“ will eine anspruchsvolle „Gala“ sein und der „Spiegel“ am liebsten so bleiben, wie er ist. Zukunftsfähig ist das alles mittelfristig nicht.

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Die Kollegen der „Stuttgarter Zeitung“ haben jetzt ein interessantes Projekt gemacht: Mit „S-Vibe“ haben sie eine App rausgebracht, die so ganz anders ist als das was man bisher von Zeitungsredaktionen an Apps geliefert bekommen hat. Tobias Köhler hat drüben beim „Universalcode“ die Entstehung geschildert – auf auf einen besonders interessanten Aspekt hingewiesen: Maßgeblich inspiriert wurde die App von einem App-Entwickler. Das klingt erst einmal so furchtbar banal. Ist es aber nicht. Weil in den meisten deutschen Medienhäusern immer noch Zeitungs-, Radio- oder Fernsehmenschen plötzlich auch dieses „Online“ mitmachen sollen. Dabei ist alleine schon der Sammelbegriff „Online“ nicht mehr treffend. Nicht mehr in Zeiten, in denen Online so viel Unterschiedliches sein kann. Online, das ist heute das klassische Webangebot ebenso wie soziale Netzwerke. Wie Videoplattformen, Fotonetzwerke, mobile Applikationen. Ja, das ist alles irgendwie noch digital und irgendwie Internet. Aber in seiner Pauschalisierung genauso falsch wie die Behauptung des neuen Digitalkommissars Oettinger, Promis hätten ihre Nacktbilder ins Internet gestellt. Klar ist so eine Cloud auch irgendwie Internet. Aber eben nur irgendwie. Und so ist es eigentlich auch verkehrt, von Online-Journalismus zu reden. Man müsste eher von digitalem Journalismus reden, der auf den diversen Plattformen auch unterschiedliche Ausprägungen hat. Und deswegen von Menschen gemacht werden sollte, die diese Ausprägungen kennen. Wer sieht, wie viele Redaktionen soziale Netzwerke immer noch in erster Linie als Linkschleudern verstehen, der weiß, was gemeint ist. (Einen ausgezeichneten Text hat dazu unlängst Wolfgang Blau geschrieben. Übrigens nicht im Guardian, sondern bei Facebook). Oder diese ganzen unsäglichen Webvideos, die ungeschulte Redakteure nebenbei noch machen sollen.

Und wir debattieren ernsthaft noch über das „Zusammenwachsen“ von Print und Online?

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Es ist diese Mutlosigkeit, die mich aufregt. Die sich quer durch viele Reihen zieht. Auch da hilft ein Blick über die Grenze in die Schweiz. Dort haben die Kollegen des Schweizer Fernsehens am vergangenen Wochenende erstmals versucht, „WhatsApp“ als eine neue Art News-Kanal zu nutzen (eine Beschreibung des Projekts durch Konrad Weber findet sich hier). Ich habe keine Ahnung, ob „WhatsApp“ jemals ein Newskanal wird oder nicht doch ein eher privates Medium bleiben wird. Aber es ist zumindest einen Versuch wert, genau das herauszufinden (so wie vieles andere auch). Wenn ich dann umgekehrt sehe, dass es in der einen oder anderen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt schon als Fortschritt gesehen wird, wenn irgendjemand on air ein paar Tweets vorliest, dann bekomme ich Zweifel an der Zukunftsfähigkeit solcher Sender. Mich stört die Tatsache enorm, dass schon alleine die Möglichkeit, ein Versuch könne scheitern, dazu führt, dass man den Versuch erst gar nicht unternimmt.

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Und ganz zum Schluss noch eine Episode, die mir ernsthaft vor ein paar Jahren passiert ist. Auf irgendeiner dieser berüchtigten Medien-Panels sollte ich über die Bedeutung sozialer Netzwerke für den Journalismus sprechen. Nach meinem Vortrag unterhielt ich mich mit jemandem, der mir mit einiger Herablassung in der Stimme sagte, man habe jetzt erst etliche Millionen für ein neues Druckzentrum ausgegeben. Da habe man weder das Geld (sic!) für Twitter, noch brauche man das.

Der Herr kam aus der Chefredaktion des „Darmstädter Echos“.

Bestandsaufnahme: Wo ist die Magie hin?

Heute versuchen wir mal, drei Dinge in einen Text zu packen, die nichts miteinander zu tun haben. Apple. Die Wiesn. Und: Medien.

Fangen wir mit Apple an. Es gab mal Zeiten, da war das Magie. Nicht nur wegen der Auftritte von Steve Jobs. Sondern weil das meistens bescheiden als „one more thing“ angekündigte Teil irgendwas Atemberaubendes war. Dinge, von denen man ahnte, dass sie die (Technik-)Welt verändern werden. Dinge, die man so noch nie irgendwo gesehen hatte. Kein Wunder, dass da alle dabei sein wollten. Und kein Wunder, dass es irgendwie Event-Charakter bekam, wenn die neuen Zauberteile  dann endlich zu kaufen waren.

Aus dem Event ist inzwischen ein Ritual geworden. Apple lädt ein, präsentiert die soundsovielte Weiterentwicklung eines bekannten Gerätes, das natürlich noch noch schneller, toller und großartiger ist. Danach stehen dann alle vor den Stores Schlange. Diese Woche ist es sogar zu einer Nachricht geworden, dass der erste iPhone6-Käufer in Australien sein Handy sofort nach Verlassen des Stores fallen gelassen hat. Handy und Käufer sind aber angeblich beide wohlauf.

Magisch ist das alles nicht mehr. Rituale sind selten Magie.

Aber wie das bei Ritualen eben so ist: Da wollen alle dabei sein, weil sonst auch immer alle dabei sind. Zumal Medien dabei ja auch noch eine Rolle spielen. Wenn man wochenlang damit bombardiert wird, dass man das Ereignis XY unbedingt sehen müsse, dann glaubt man das Ende womöglich noch sogar. Wer das wiederum nicht glaubt, der muss nur mal die kommenden zweieinhalb Wochen nach München schauen. Da stehen jetzt jeden Tag schon morgens um 9 Uhr zigtausende Menschen Schlange an stinknormalen Bierzelten, um dort einen Platz zu bekommen und dann für einen Liter Bier 10 Euro zu bezahlen. Das hat sicher eine Menge Gründe; einer davon dürfte es sein, dass es mindestens der Himmel der Bayern ist, der einen da erwartet – zumindest dann, wenn man das Bohei betrachtet, das in Medien um das größte Volksfest der Welt gemacht wird. Schon interessant jedenfalls, was Menschen so alles machen, weil sie glauben, dass sie es machen müssen. Mit Magie hat allerdings auch das Oktoberfest ungefähr gar nichts zu tun.

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Kommen wir damit endlich zu Medien und Journalismus. Es gab Zeiten, da fand ich es magisch, was in den letzten Jahren passiert ist. Veränderung und Aufbruch, vielleicht nicht überall, aber an vielen Stellen. Es waren ziemlich großartige Zeiten für alle, die etwas bewegen wollten. Für diejenigen, die es überhaupt nicht schlimm finden, wenn etwas nach dem trial-and-error-Prinzip passiert. Und für alle, die eine Ahnung davon hatten, dass Medien nicht einfach so weitermachen können wie bisher; selbst wenn man selber keine wirkliche Ahnung davon hatte, wie eine Alternative aussehen müsste.

Man konnte das auch sehen. An ganz konkreten Projekten. Vor Jahresfrist beispielsweise dachte ich mir, wow, Dominik Wichmann und Anita Zielina beim „Stern“, das kann spannend werden. Der „Spiegel“ hatte mit Wolfgang Büchner einen geholt, von dem man sich sicher sein durfte, dass er den Laden mal eben umkrempeln wollen würde. Sogar beim nicht gerade für seine Experimentierfreude berühmten BR experimentierte man mit der „Rundshow“ rum. Der neue Intendant Ulrich Wilhelm kündigte den großen trimedialen Umbruch an, weswegen es seither für Intendanten als mindestens angesagt gilt, irgendwas von trimedialen Umbrüchen anzukündigen. Bei CondeNast gab es „Wired“, in der FAZ traute sich Frank Schirrmacher Dinge, die sich außer ihm vermutlich kaum jemand getraut hätte.

Herbst 2014 – und alles ist anders. Keine Spur mehr von Magie. Unsere Branche ist dem ritualisierten Apple und der langweiligen Wiesn immer ähnlicher geworden, nur in schlechter. Wichmann wurde beim „Stern“ unsanft gefeuert, Zielina ist ebenfalls weg. Es übernimmt: eine Gang aus ehemaligen Gala-Bravo-Bild-Stern-Leuten. Beim „Spiegel“ ist es mittlerweile völlig Wurscht, was bei dem Machtkampf rauskommt; es sind beide Seiten so beschädigt, dass niemand mehr ohne Gesichtsverlust aus der Nummer rauskommt. Die „Rundshow“ ist tot – und es ist keine gewagte Prognose, wenn man behauptet, dass bei den Öffentlich-rechtlichen auch weiter der Apparat stärker ist als jede Einzelperson. Vom Reformschwung des Herrn Wilhelm jedenfalls hat man jedenfalls schon länger nichts mehr gehört. Gut möglich, dass auch er den Kampf gegen das System schon verloren hat. „Wired“ startet demnächst mal wieder einen Neustart, diesmal in Berlin. Und bei der FAZ bauen sie gerade im großen Stil Stellen ab.

Täuscht der Eindruck – oder sind die guten Zeiten für digital und innovativ denkende Köpfe gerade wieder etwas schlechter geworden? Beim „Stern“ beispielsweise ist die Entscheidung für das neue Chefredaktionsteam auch eine Systementscheidung. Pro alte Stern-DNA, gegen sanfte und manchmal auch gar nicht mal so sanfte Erneuerung. Beim „Focus“ haben sie mit Ulrich Reitz jemanden geholt, der für alles mögliche steht, aber nicht für (digitale) Erneuerung. Und dass der Machtkampf beim „Spiegel“ sich nicht nur um die Person Büchner dreht, ist inzwischen auch überdeutlich. Und auch bei Sendern wie dem BR geht es ja bei Projekten wie der „Rundshow“ nicht einfach nur um ein paar Experimente. Sondern auch um die Grundsatzfrage: Wie viel lineares Fernsehen dürfen wir noch sein? Zumindest im BR ist die Frage fürs Erste beantwortet. Momentan sieht man aber auch bei den anderen Sendern keine aufregenden. Das Programm ist immer noch 80-er-Jahre-TV, es sieht nur vermeintlich besser und neuer aus.

Es hat in den letzten Jahren immer einen place to be gegeben. Und jetzt? 2014 startet Buzzfeed in Deutschland, wo man dann vielleicht lieber doch nicht arbeiten will.  Seit einem Jahr gibt es die „Huffington Post“, der man das Verdienst zubilligen muss, belegt zu haben, dass es immer noch ein bisschen schlimmer geht als „Focus online“. Vergangene Woche verblüffte die HuffPo mit 17 krassen Fakten über München, die man (Eigenwerbung) beinahe alle nicht kenne. Nach dem Lesen war ich geneigt, die Geschichte umzutiteln: Fakten über München, die man deswegen nicht kennt, weil sie kein Mensch braucht. Das schwer gehypte Ding HuffPo hat sich nach einem Jahr als die überflüssigste Neueinführung auf dem Markt erwiesen. Das ganze Wortgeklingel vorher von den neuen Formen des Journalismus, der Partizipation, des Dialogs – alles Unsinn. Belangloser und langweiliger geht es nicht.

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Gestatten Sie mir deshalb an dieser Stelle eine ganz persönliche und laute Wehklage: Ich würde so gerne mal wieder etwas Spannendes sehen und dabei mitmachen. Gerne etwas, was nicht als der große Bingbang angekündigt wird, um dann als Knallfröschlein zu enden. Wo sind eigentlich die ganzen Rundshows, die Wireds hin? Warum ist die Branche gerade so öde wie das neue iPhone 6? Warum traut sich keiner mehr was und warum sind die meisten Anfragen, die ich in diesem Jahr auf dem Schreibtisch habe, eher so, dass sie mich wenig mitreißen? Und warum besteht diese Branche aktuell eigentlich nur noch aus streichen, kürzen, sparen, schließen?

Hat das alte System vielleicht doch gewonnen?

Ende eines Geschäftsmodells

Mehr Digital, weniger Print? Falsche Debatte. Journalismus der Zukunft muss zu einem großen sozialen Netzwerk werden.

Vermutlich wäre kaum etwas so einfach zu schreiben wie der zu erwartende Beitrag eines (Medien-)Bloggers über die Lage der FAZ. Noch dazu von einem, der bekanntermaßen seit vielen Jahren gebütsmühlenhaft predigt, dass sich die Verlagshäuser digitalisieren müssen. Besser gestern als heute. Aber ganz so einfach ist das leider alles nicht mehr.

Die in dieser Woche bekannten Personal-Kahlschläge in Frankfurt sind nämlich nicht einfach nur die Konsequenz aus nicht so ganz gelungenem Management. Stattdessen markieren sie, gemeinsam mit vielen anderen Entwicklungen aus den letzten Wochen, nicht weniger als das: Auch in Deutschland sind die bisherigen analog-linearen Geschäftsmodelle des Journalismus an ihr endgültiges Ende gekommen.

Natürlich gab es einige sehr FAZ-spezifische Entwicklungen, die dort hingeführt haben, dass man in Frankfurt jetzt da steht wo man steht. In ihrer Digitalstrategie ist die FAZ seit 15 Jahren ein notorischer Spätstarter; erst seit dem vergangenen Jahr beispielsweise hat man mit Matthias Müller von Blumencron eine Personalie an die Spitze des Onlineangebots gestellt, die die Vermutung zuließ, man meine es jetzt wirklich mal ernst mit dem Qualitätsjournalismus auch im Netz. Auf der anderen Seite ist das ja auch mal ein spannendes Gedankenspiel: Bei den Spekulationen um die Schirrmacher-Nachfolge fiel der Name des Digitalchefs nicht ein einziges Mal und wahrscheinlich ist das für jeden alteingesessenen FAZ-Menschen eine absurde Vorstellung: Ein Onliner auf dem Sessel des Herausgebers? Wo kommen wir denn dahin? Ist ja schon abenteuerlich genug, dass man jetzt ernsthaft darüber spekuliert, eine Frau in das Gremium zu berufen. Eine Frau! Als Herausgeberin! Ja, so sind sie bei der FAZ, eine konservative Grundhaltung erfordert manchmal eben auch ihre Opfer.

Aber es wäre zu einfach, den digitalen Spätstart der FAZ jetzt für die Misere verantwortlich zu machen. De facto haben auch die anderen Qualitätsblätter in Deutschland in den letzten Jahren zu spüren bekommen, dass ihr früheres Geschäftsmodell so nicht mehr tragbar ist. Die SZ? Hat ihre Sparrunden hinter sich und inzwischen den Online-Chef in der Chefredaktion. Die FR? Nur noch ein Torso. Die Welt? Man darf bezweifeln, ob sie überlebensfähig wäre, stünde hinter ihr nicht Springer. Die FTD? Tot.  Nüchtern betrachtet: Die Realität kommt jetzt auch bei der FAZ an. Und auch, wenn man über die Grenzen blickt, sieht man ähnliche Entwicklungen: Gerade eben erst hat die NZZ angekündigt, die Zeitung dünner zu machen und künftig mehr ins Digitale investieren zu wollen; sowohl finanziell als auch inhaltlich.

Das alles ist im Übrigen keine Sache der Tageszeitungen alleine. Dass der „Stern“ und der „Focus“ mal eben ihre Chefredakteure gefeuert haben, hat neben den übliche Interna auch damit zu tun, dass der konventionelle Journalismus an seine Grenzen stößt. Die Debatten beim „Spiegel“ um Chefredakteur Büchner sind ja auch nur bedingt Debatten um seine Person, als vielmehr ein Kulturkampf, ein kleiner Glaubenskrieg: Wie digital wollen wir sein, wie viel klassischen (Print-)Journalismus können wir uns noch erlauben?

Dabei ist gar nicht mal mehr so die Frage, ob Journalismus gedruckt oder digital stattfindet (die Frage ist auf mittlere Sicht ohnedies entschieden). Eher geht es darum, Journalismus aus den geschlossenen Strukturen zu befreien, in dem er meistens immer noch stattfindet. Das Prinzip ist in den allermeisten Redaktionen immer noch das Gleiche: Eine weitgehend homogene und geschlossene Einheit definiert Themen und Geschichten, die sie dann wieder in einer weitgehend geschlossenen Struktur erzählt. Sowohl, was die äußere Form als auch die Interaktion mit dem Nutzer angeht. Die Redaktion entscheidet über Wertigkeit, über Bedeutung, über Darstellung. Sie selektiert, sie gewichtet. Alles so, wie wir es seit hundert Jahren machen und wie wir es gelernt haben. Danach lassen wir etwas mehr Interaktion zu als früher, man darf jetzt ein bisschen mehr kommentieren. Die allermeisten Redaktionen aber sind ihrem Nutzer deshalb auch nicht wirklich sehr viel näher als zu den Zeiten, als man noch Leserbriefe schicken durfte.

Ja und, wie soll man das auch anders machen, werden Sie jetzt womöglich entgegnen. Die Kollegen der „NZZ“ haben genau zu diesem Thema ein interessantes Experiment gestartet. Sie haben ihre Webseite für einen kleinen Versuch so umgebaut, dass die Konservativeren unter den Journalisten sofort argumentieren würden, das sei doch jetzt aber schon etwas umjournalistisch. Die Seite ist nämlich eben nicht mehr das starre und fertige Produkt einer Redaktion. Sondern stattdessen der Stream-Metapher der sozialen Netzwerke angepasst und zudem personalisierbar. Wenn man also so will: facebookisiert. Das ändert natürlich nichts daran, dass es sich immer noch um die hochwertigen Inhalte der NZZ handelt. Nur: so präsentiert, dass sie die geschlossenen Strukturen des konventionellen Journalismus verlassen. Das Ergebnis war durchaus verblüffend: Bei den digital-affinen Nutzern stieg die Verweildauer im Vergleich zu der klassischen NZZ-Seite ganz erheblich an.

Möglicherweise stellen sich Ihnen an diesem Punkt zwei Fragen. Zum einen: Darf man das überhaupt? Und zweitens: Ist es nicht gerade die Aufgabe des Journalismus, Dinge zu selektieren, dem Nutzer die Ereignisse des Tages/der Woche so zu servieren, dass er sie mundgerecht in feinen Häppchen konsumieren kann? Gerade letzteres dürfte der größte Trugschluss sein, dem man im digitalen Zeitalter erliegen kann. Es war seit jeher eine Illusion zu glauben, man könne die Realitäten der Welt innerhalb von 40 Zeitungsseiten oder 30 Minuten Sendezeit abbilden. Das waren schon immer sehr kleine und sehr subjektive Ausschnitte. Das Netz hat das jetzt auch der überwältigend große Mehrheit von Menschen klar gemacht, die sich nicht mit Medien und Kommunikationswissenschaft beschäftigt. Man muss „Facebook“ beim besten Willen nicht mögen. Eines aber ist unstrittig: Das soziale Netzwerk hat erstmals einer breiten Masse – wenn auch vielleicht ungewollt – klargemacht, dass auf der Welt jeden Tag ungleich viel mehr passiert als es eine Zeitung oder eine Sendung wiedergeben können.

Dadurch hat sich zweierlei dramatisch verändert. Zum einen: die Nutzung von (digitalen) Medien. Speziell bei einem jüngeren Publikum ist es inzwischen gelerntes Verhalten, irgendwann mal in einen Newsstream einzutauchen, ihn nach Belieben zu nutzen und ihn dann nach Belieben zu verlassen. Es hat ebenso gelernt, sich sehr selbständig die Inhalte rauszupicken, die es interessiert. Und nicht die, die andere für wichtig erachten (auch wenn das natürlich eine Illusion ist, weil im Falle von Facebook der Algorithmus eine entscheidende Rolle spielt). Dieses digitale Publikum betrachtet also womöglich Journalisten gar nicht so sehr als diejenigen, die entscheiden sollen, welchen Ausschnitt aus der Welt sie gerade zu sehen bekommen sollen. Sondern als diejenigen, die als Geschichtenerzähler das Material liefern. Dadurch – und das ist der zweite Punkt – ändert sich auch die Rolle des Journalismus. Er wird zunehmend mehr zu einem Pool guter Geschichten und idealerweise auch zu einem Treffpunkt der Interaktion. Wenn man so will, dann werden Medien künftig eher zu sozialen Netzwerken. Dass es den Bedarf für diese Form des digitalen Medienkonsums und der Interaktion gibt, mögen konservative Medienmacher gerne bestreiten. Der tägliche Blick auf Facebook sollte sie aber eines Besseren belehren. Es wäre also demnach gar nicht erstaunlich, würde man Angebote wie den NZZ-Stream in Zukunft öfter sehen. Auch wenn die Tatsache, dass die NZZ dieses Experiment nicht mehr weiter verfolgt, auf den ersten Blick nicht gerade für diese Annahme spricht.

Die Debatten beim „Spiegel“, Stern“, „Focus“, bei Gruner&Jahr und jetzt wohl auch bei der FAZ gehen deshalb nicht weit genug. Klar wäre es hübsch, wenn man Print und Online irgendwie näher zusammenführt, mehr Geld ins Digitale steckt. Der Ansatz müsste dennoch ein anderer sein. Nämlich nach Antworten auf die Fragen zu suchen, wie ein zeitgemäßer und zukünftiger Journalismus aussehen kann; wie er den Anforderungen einer digitalen Gesellschaft gerecht werden könnte. Dass man künftig Doppel-Ressortspitzen schafft, geschenkt. Das kuriert maximal ein paar Symptome, mehr nicht.

Mir ist allerdings schon jetzt, beim Schreiben dieses Betrags, durchaus bewusst, dass es sich dabei um eine Außenseiter-Meinung handelt. Die Realitäten sehen gerade ganz anders aus: Gruner&Jahr und FAZ streichen erstmal beträchtlich Stellen, der „Stern“ und der „Focus“ haben mit ihren jüngsten Personalentscheidungen eher den Eindruck erweckt, als hielten sie „Zurück in die Zukunft“ für die geeignete Strategie. Und beim „Spiegel“ stößt der Umbauer Wolfgang Büchner auf derart heftige Widerstände, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es einen „Spiegel 3.0“ auf absehbare Zeit wirklich geben könnte.

Dumm nur, dass sich die digitale Medienwelt schon längst ihre eigenen Realitäten schafft.

Den Spiegel vorgehalten

Spiegel 3.0 oder doch alles wie gehabt? Der Showdown in Hamburg steht sinnbildlich für eine ganze Branche. Weil sie durch die Debatten dort selbst einen Spiegel vorgehalten bekommt…

Natürlich ist es immer ein ganz besonderes Spektakel, wenn es beim „Spiegel“ um Köpfe geht. Vor allem wenn es der des Chefredakteurs ist. Der „Spiegel“ hat eine ganz besondere Begabung für Drama. Und wenn sie in Hamburg gerade mal wieder Drama-Tage haben, dann schaut nicht nur Mediendeutschland hin. Das ist auch diesmal nicht anders, zumal Wolfgang Büchner der ganzen Sache einen ganz besonderen Thrill gegeben hat: Das ist so ein bisschen wie „High Noon“, was sie da gerade an der Ericusspitze spielen. Für Medien und ihre Journalisten ist das ein ganz besonders gefundenes Fressen, weswegen die Medienressorts momentan von zwei Fragen dominiert sind: Wie lange macht´s der Büchner noch? Und ist das nicht sensationell, wie der „Spiegel“ das Thema digitale Transformation einfach nicht gebacken bekommt?

Dabei ist der „Spiegel“ in dieser Digitalgeschichte gar kein spezieller Einzelfall. Er steht vielmehr stellvertretend dafür, wie ungeheuer schwer sich die ganze Branche immer noch damit tut, die Grundlagen für eine gesicherte digitale Zukunft zu schaffen. Besonders lustig ist es dann, wenn Michael Hanfeld in der FAZ mutmasst, diese ganze Sache in Hamburg könne noch ein böses Ende nehmen. Das eigene Haus hat unterdessen gerade im zweiten Jahr in Folge bemerkenswerte Millionenverluste geschrieben und als Vorreiter einer plausiblen Digital-Strategie haben sie sich in Frankfurt bisher auch noch nicht hervorgetan. Dass dort mittlerweile ein gewesener Spiegel-Chefredakteur die digitalen Geschäfte managt, ist eine hübsche Fußnote. Man müsste den Herrn Müller-Blumencron mal fragen, ob er sich in Frankfurt wirklich wesentlich leichter tut als in Hamburg. Von außen betrachtet müsste man vermutlich sagen: nein.

Beim Verlagsriesen Funke in Essen haben sie zwischenzeitlich nicht nur eine Unit für digitale Projekte gegründet, sondern gleichzeitig auch noch jemanden berufen, der sich um „Innovationsmanagement“ kümmern soll. Das ist als Idee grundsätzlich nicht zu kritisieren. Man würde nur gerne anmerken, dass wir mittlerweile 2014 haben und die Idee einer Stabsstelle für Innovationsmanagement im Jahre 20 der Digitalisierung ganz sicher keine Sekunde zu früh kommt.

Im Gegenteil: Bei Funkes sind sind sie zwar vielleicht ein bisschen spät dran, immerhin aber haben sie jetzt so etwas. Das ist immer noch eher die Ausnahme denn die Regel, was man auch an der Tatsache ermessen kann, wie aufgeregt die Branche hyperventilierte, als die SZ in diesem Jahr ihren Online-Chefredakteur zum Mitglied der Chefredaktion machte. Das war ganz sicher eine kluge Entscheidung, noch dazu, wo man mit Stefan Plöchinger einen der Besten der Branche im Haus hat. Trotzdem ist es verblüffend, dass eine solche Personalie immer noch so diskutiert wird, als wenn sich die SZ entschieden hätte, fortan in kyrillisch zu erscheinen. Weil es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste, sowohl das Thema Innovationen explizit zu besetzen als auch eine Online-Redaktion und eine Print-Redaktion irgendwie miteinander zu verzahnen. Davon sind die meisten, die sich jetzt gerade genüsslich über den „Spiegel“ hermachen, ziemlich weit entfernt. Wo sind sie denn, die Innovationsmanager, die exponiert positionierten Onliner in den deutschen Verlagshäusern?

Wie die Sache beim „Spiegel“ unterdessen ausgehen wird, weiß ich natürlich nicht. Ob der Chefredakteur nächste Woche noch Büchner oder vielleicht ganz anderes heißen wird, spielt allerdings auch nicht die entscheidende Rolle. Der „Spiegel“ muss über kurz oder lang zu einem digitalen Gesamtpaket werden, das ist alles, was zählt. Bevor jetzt aber jemand von FAZ, Funke und all den anderen auf die Idee kommt „Ja, genau“ zu sagen – das gilt uneingeschränkt auch für alle anderen.

Spannende Tage also. Für den „Spiegel“. Und die ganze Branche.

Am besten tun wir gar nix

Vor ein paar Tagen hat der Redakteur Ralf Heimann bekanntgegeben, demnächst seinen Dienst bei einer Tageszeitung in Münster zu quittieren. Heimann ist weder ein Berufseinsteiger, der gerne woanders hin will, noch ist er ein frustrierter alter Mann, der es sich jetzt leisten kann, in den Vorruhendstand zu gehen – und deshalb mit einem lauten Knall hinwirft. Das heißt, Frust mag in seiner Entscheidung schon eine Rolle gespielt haben. Wie dem auch sei: Ein Journalist, der früher gerne mal gerne Zeitung gemacht hat, lässt seinen Job einfach mal so hinter sich, in Zeiten wie diesen, wo sie anderswo um ihre Jobs bangen (dazu später dann mehr): Hat der Mann sie nicht mehr alle? Vermutlich schon, zumal ihm die Dimension seines Handels schon klar ist: „Operation Harakiri“ hat er augenzwinkernd seinen Blog genannt, auf dem er aktuell ziemlich viele Einblicke in das Seelenleben eines frustrierten Redakteurs gibt, der sich dennoch die Freude an seinem Beruf nicht einfach so nehmen lassen will.

Seine Geschichte sagt eine ganze Menge darüber aus, wie es gerade um unseren Berufsstand bestellt ist.  Ich kenne Ralf Heimann nicht persönlich und kann deswegen nur mutmaßen. Aber es würde mich nicht wundern, wenn es bei dieser Kündigung nicht so sehr um das Medium Tageszeitung alleine geht, von dem er sich nach eigenen Worten „entfremdet“ hat. Das deswegen nicht,  weil man von dieser Entfremdung ziemlich viel spürt momentan, vor allem dann, wenn man sich mit jüngeren Kollegen unterhält. Von denen man ja eigentlich denken sollte, dass sie noch mit einigermaßen Spaß bei der Sache sind, anders als jemand, der vielleicht aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr ganz so glücklich ist mit dem, was er seit 20 Jahren so macht.

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Im Mai war ich eingeladen beim Gewerkschaftstag des DJV in Nordrhein-Westfalen. Ich sollte dort so eine Art Keynote halten und mit rund 20 Minuten Redezeit zum Thema „Digitaler Journalismus“ auf den Tag einstimmen. Dummerweise liefen mir genau in der Woche davor eine ganze Menge junger Kollegen über den Weg: Volontäre und Studenten, die seit kurzem in diesem unserem Beruf tätig sind oder es demnächst dann mal sein wollen. Was ich erlebt habe, war genau das, was Ralf Heimann in weiten Teilen seiner Blogeinträge beschreibt. Mit dem Unterschied, dass die Herrschaften noch keine zehn Berufsjahre auf dem Buckel hatten. Die Beobachtungen waren dennoch weitgehend identisch. Dazu kam allerdings die Perspektive von jungen Journalisten, die instinktiv bemerken, dass irgendwas schief läuft, gerne dazu beitragen würden, daran etwas zu ändern und immer wieder gegen Mauern laufen.

Die Mauern waren allerdings nicht nur, wie man jetzt vorschnell annehmen könnte, irgendwelche böse Verleger und Chefredakteure (die natürlich auch). Sondern mindestens genauso die lieben Kollegen, die seit etlichen Jahren in den diversen Redaktionen sitzen und am liebsten schlichtweg negieren würden, dass sich da in den letzten 15 Jahren etwas angebahnt hat, was mit „Digitalisierung“ nur sehr technokratisch beschrieben ist und tatsächlich nichts anderes ist als die radikalste Veränderung unseres Berufs seit Menschengedenken. Der Schlag Kollegen, den vermutlich auch Ralf Heimann gut genug kennt. Dessen Philosophie darin besteht, dass sich am besten einfach nichts ändert. Egal was da draußen passiert.

Dazu kommen bei vielen Studenten ernste Zweifel, ob sie es denn wirklich mit diesem Beruf versuchen wollen. Angesichts der weiterhin eher unerfreulichen Meldungen aus der Branche ist das nicht einmal etwas, was man ihnen vorwerfen könnte. Aber was soll eigentlich aus dem Journalistenberuf künftig werden, wenn man es auf der einen Seite mit tief sitzendem Frust an der Basis bei denen, die schon drin sind zu tun hat? Und mit massiven Zukunftsängsten bei denen, die erst noch rein wollen? Das war der Grund, warum ich ziemlich spontan mein eigentliches Thema geändert und die 20 Minuten dafür genutzt habe, meinem Unmut darüber Ausdruck zu geben, welch unsinnige Debatten wir immer noch führen.

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 Ist die Zukunft des Journalismus jetzt digital oder doch eher analog oder eine Mischung aus beidem? Ist das Internet schuld daran, dass es gerade eben mal nicht so gut geht und wir es deshalb immer wieder mit unschönen Meldungen wie inzwischen schon seit Wochen beim weiterhin offenen Schicksal der Münchner „Abendzeitung“ zu tun haben. Schon klar, die Disruption greift weiter um sich: Über die AZ haben wir genug gelesen, wir kennen die Zahlen von zweitstelligen Millionenverlusten pro Jahr. Aber auch ein Blatt wie die FAZ schreibt nunmehr schon im zweiten Jahr hintereinander unerfreulich hohe Millionenverluste. Und selbst der „Münchner Merkur“, den man bisher für weitgehend krisenresistent hielt, muss sich auf schlechtere Zeiten einstellen (dass es ausgerechnet die FAZ war, die über Befürchtungen berichtete, es komme dort zu betriebsbedingten Kündigungen, war dann nicht ganz ohne Ironie). Man könnte noch eine ganze Zeit weitermachen mit der Auflistung insbesondere von darbenden Tageszeitungen, es macht nur keinen großen Sinn. Dass die bisherigen Geschäftsmodelle irgendwann mal an ein Ende kommen, das bestreitet vermutlich niemand mehr, die Suche nach den neuen Modellen hat schon lange begonnen.

Immer noch nicht richtig begonnen hat dagegen die Debatte über den Ist- und Sollzustand des Journalistenberufs. Zumindest dann nicht, wenn man darunter mehr versteht als Tarifverhandlungen um ein paar Euro mehr Gehalt und ein paar Minuten weniger Arbeitszeit. Es geht ja schließlich nicht nur darum, auf welchen Kanälen man Journalismus künftig am besten vertreibt. Stattdessen würden ein paar Gedanken nicht schaden, welchen Journalismus man eigentlich künftig gerne hätte. Das schon alleine deswegen, weil sich ja immer noch die Frage stellt, ob die nicht übermäßig ausgeprägte Zahlungswilligkeit des Publikums, die sinkenden Auflagen und Umsätze und das Abwandern von den linearen TV- und Radioprogrammen nicht auch etwas mit den Inhalten zu tun haben könnten.

Oder anders gefragt: Wer soll eigentlich Journalismus machen, den man gerne konsumiert und dann auch noch dafür bezahlt, wenn sich die fatale Mischung aus Unlust,  Verweigerungshaltung und Zukunftsangst auch nach außen hin bemerkbar macht? Womit wir dann wieder beim Kollegen Ralf Heimann wären. Ich war selbst lange genug Lokalredakteur, um bei seinen Schilderungen nicht etwa den Kopf zu schütteln, sondern mir lediglich zu denken: Da hat sich aber nicht sehr viel geändert in den letzten 15 Jahren. Ich war ein bisschen über 30, als ich mich davon verabschiedet habe. Wenn ich Heimann so lese und mich mit Volontären unterhalte, komme ich zu dem Schluss: Wäre ich geblieben, wäre ich heute Alkoholiker. Oder Zyniker. Oder beides.

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Auf diese schlaue Idee sind nur dummerweise in den letzten Jahren viele andere auch gekommen. Ich weiß nicht, was aus den ganzen Studenten geworden ist, die ich in den letzten Jahren in Passau in meinen Veranstaltungen gehabt habe. Ich weiß aber sicher, dass ein ganz beträchtlicher Teil erst gar nicht in den Journalismus gegangen ist, obwohl sie das eigentlich mal wollten und sie ihren Studiengang ja auch nicht ganz ohne Grund gewählt hatten. Es waren, so viel kann ich sicher sagen, nicht die Schlechtesten, die unserem Beruf verloren gegangen sind.

Und da reden wir dann tatsächlich noch über diese Sache mit dem Internet? Darüber, dass man jetzt vielleicht irgendwie multi- und crossmedial arbeiten könnte und versuchen müsste, auch im Netz ein paar Erlöse zu erzielen? Man müsste viel mehr darüber reden, wie wir es hinbekommen, dass man in diesem Beruf wieder in ordentlichen Rahmenbedingungen arbeiten kann. Dass man sich für diesen Beruf wieder begeistern kann, weil es (Achtung, sehr hohles Pathos!) ohne Begeisterung und Leidenschaft in diesem Beruf nicht geht.

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Irgendwann in diesem Mai war es dann auch soweit, dass sich die Hoodie-Debatte um den Kollegen Stefan Plöchinger und die SZ wieder beruhigte. Plöchinger ist mittlerweile Mitglied der SZ-Chefredaktion und alles in allem hat sich bei dieser Debatte dann auch mal wieder gezeigt, dass eben doch nicht alles so heiß gegessen wird, wie man es kocht. Bei der SZ waren sie also vernünftig, holten sich einen ausgewiesenen Top-Digitaler in die Chefredaktion und lassen ihn dabei sogar dem Vernehmen nach Kapuzenpullis tragen. Das ist für beide Seiten vermutlich die beste Lösung.

Allerdings kann man aus der inzwischen abgeebbten Hoodie-Debatte auch anderes rauslesen. Nämlich, dass das, was selbstverständlich sein sollte, noch lange nicht selbstverständlich ist. Selbstverständlich müsste es sein, dass jedes bisher analoge Medium mindestens einen Onliner in seine Chefredaktion holt. Einen, der mehr kann, als ein irgendwie erträgliches Onlineangebot zu erstellen und ansonsten nicht sehr viel zu schmettern hat. Sondern einen, der zugleich in der Lage ist, zukünftige Optionen zu erkennen und entsprechende Projekte umzusetzen. Doch das sind immer noch Ausnahmen.

Der vorhin schon erwähnte „Münchner Merkur“ beispielsweise hat sich zum Jahreswechsel mit Bettina Bäumlisberger eine neue Chefredakteurin besorgt. Frau Bäumlisberger war irgendwann mal beim „Focus“ und dann Pressesprecherin einer bayerischen Landtagsfraktion. Sie ist bestimmt eine prima Journalistin und womöglich sogar eine gute Chefredakteurin. Von einer digitalen Expertise ist allerdings weder bei ihr noch beim Rest der Chefredaktion irgendetwas bekannt. Da ist der „Merkur“ ganz sicher keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Was das sowohl für die inhaltliche Ausrichtung als auch die digitalen Perspektiven bedeutet, kann man sich leicht ausrechnen.

Keine sehr guten Nachrichten für Volontäre und Studenten vermutlich. Leider allerdings auch nicht für den Rest des Journalismus.

Foto: Marvin Siefke/Pixelio.de

Zeitungsboykott!

Schaltet die Smartphones ab und werft die Kreditkarten weg! Was Hans Magnus Enzensberger in der FAZ an Ratschlägen für ein besseres Leben im digitalen Zeitalter gibt, ist nicht nur eine publizistische Bankrotterklärung. Es offenbart auch, dass es in diesem Land eine erstaunliche Neigung gibt, radikal gegen alles Digitale zu sein.

Hans Magnus Enzensberger hat die Lösung unserer Digitalprobleme gefunden. In der FAZ gab er zehnTipps, die sich auf einen Punkt bringen lassen: Totalverweigerung. Smartphones abschaffen, das Netz meiden, wo es geht, keine Kreditkarten mehr verwenden. Kurz gesagt: Alles, was in irgendeiner Weise Daten und Spuren hinterlässt, von der persönlichen Agenda nehmen und schon ist alles gut. Das lässt sich ganz prima auch auf alle anderen potentiellen Probleme des Lebens anwenden: nicht mehr Auto fahren – und schon gibt es keine Verkehrsunfälle und keine Luftverschmutzung mehr. Nix mehr essen, das wäre das Ende aller Lebensmittelskandale und auch gleich noch aller Figurprobleme. Wenn man dann noch aufhören würde, Zeitungen zu drucken, würde das dem Baumbestand gut tun und somit irgendwann auch mal das Waldsterben verlangsamen, falls es das überhaupt noch gibt.

Man könnte also, kurz gesagt, den Enzensberger-Text als Nonsens abtun. Weil er keine wirklich ernsthaften Alternativen bietet und weil er sich erstaunlich hartnäckig weigert, sich mit den unbestritten vorhandenen problematischen Seiten der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Trotzdem hat der Text eine andere Dimension: Er ist ein Beleg dafür, wie sehr wir im Lande D. eine erstaunliche Neigung dazu haben, radikal gegen neue, digitale Technologien zu sein. Und wie sehr es an der Differenzierung fehlt. Neue Technologien, digitale zumal, die machen bei uns immer gleich dement, sorgen für die Verdummung, für die Versklavung und nebenbei auch noch für einen totalitären Staat.

Das lässt außer Acht, dass es keine Technologie gibt, die von Grund aus gut oder böse ist. Jede Technologie, digitale zudem, kann in beide Richtungen ausschlagen. Natürlich ist es beispielsweise unbestritten, dass Daten in den Händen von Geheimdiensten eine potentielle Bedrohung sind. Niemand, nicht mal Enzensberger, wird allerdings auf der anderen Seite bestreiten können, dass sich aus großen Datensätzen auch ausgesprochen viel Gutes machen lässt. Natürlich ist Google eine potentielle Datenkrake. Auf der anderen Seite ist Google aber eben auch ein hoch innovatives Unternehmen, das an etlichen Dingen forscht, die die Welt erheblich besser machen könnten. Der “Spiegel” hat das in seiner aktuellen Titelgeschichte ausführlich beschrieben.

Man muss das ja nicht gleich von Enzensberger erwarten, aber womöglich von Menschen, deren beschäftigung mit dem Thema weiter geht, als es einfach nur für eine Bedrohung des Weltfriedends zu halten: Die großen Themen, um die es in den nächsten Jahren der Digitalisierung gehen wird, sind nicht die, die sich darum drehen, die Welt wieder in den analogen Zustand zurückzuversetzen. Die Frage ist eher: Wie lässt sich digitale Technologie beherrschen? Welche Regeln gelten im Umgang mit ihr?

Und bevor wir soweit gehen, wäre es eine Idee, die Rückstände aufzuholen, die es in Deutschland infrastrukturell immer noch gibt. Global gesehen, ist Deutschland immer noch auf einem Stand knapp überhalb eines digitalen Entwicklungslands. Es gibt zwar immer wieder mal ein paar Ankündigungen in Politik und Wirtschaft, das Netz endlich mal ein bisschen ernster nehmen und zudem für einen Ausbau der Netze sorgen zu wollen. Tatsächlich dümpeln netzpolitische und digitalwirtschaftsliche Themen irgendwo rum, ohne dass sie mit sonderlichem Nachdruck verfolgt werden. Vom neuen Digitalminister Dobrindt beispielsweise hat man noch nicht sehr viel mehr gehört, als dass er vereidigt wurde. Auf der Agenda der GroKo haben sich digitale Themen bisher ebenfalls nicht gefunden.

Und auch die deutsche Publizistik tut sich bisher nicht gerade mit differenzierten Beiträgen hervor. Solange jedenfalls das FAZ-Feuilleton nichts besseres weiß, als die Totalverweigerung als Lösung aller Dinge zu propagieren, sollte man sich dort nicht über mangelnde Digitalkompetenz einer Gesellschaft beklagen.

(Foto auf dieser Seite: Marvin Siefke/pixelio.de)

Breaking: Schweinsteiger ist hetero!

Die Kollegen vom „Kicker“ stehen normalerweise nicht dafür, Auslöser intensiver journalistischer Diskussionen zu sein. In der vergangenen Woche war das anders: Nach dem Outing von Thomas Hitzelsperger beschloss das Fußball-Magazin, diesem Thema keine einzige Zeile zu widmen. Mit mehreren interessanten Begründungen. Eine davon lautete sinngemäß: Das Privatleben und die sexuelle Orientierung eines Sportlers seien für die Öffentlichkeit und für die Bewertung seiner sportlichen Leistungen nicht relevant. Was auf den ersten Blick nachvollziehbar klingt, noch dazu, wo der „Kicker“ ein Sportmagazin und keine Klatschpostille ist.

In der besten aller Welten wäre es also tatsächlich so: Ob ein Fußballer (oder irgendeine andere Person des öffentlichen Lebens) schwul ist oder nicht, das interessiert keinen Menschen. Es wäre demnach auch keine einzige Meldung wert, weil ja auch niemand auf die Idee käme zu melden: Bastian Schweinsteiger heterosexuell!

Tatsächlich aber leben wir nicht in der besten aller Welten. Und natürlich gibt es gute Gründe dafür, warum sich in Deutschland noch kein einziger aktiver Spieler getraut hat, sich zu outen — und warum auch Hitzlsperger erst sein Karriereende abwartete. Dass es auf einer Seite wie „pi-incorrect“ (absichtlich kein Link) derbe Kommentare setzte, wird niemanden überraschen. Falls Sie jetzt sagen: ja klar, ist ja auch „pi-incorrect“, dann ist es ein Trugschluss, falls Sie glauben, nur in bekennend radikalen Postillen komme so etwas vor, eine kleine, verblendete Minderheit quasi. Auch ein Blatt wie die FAZ kommentierte den Fall Hitzlsperger. Und das, was man dort lesen konnte, war de facto „pi-incorrect“ auf gehobenem Niveau. O-Ton:

Für die große Mehrheit der Deutschen, die mit Homosexuellen so normal umgeht wie mit Heterosexuellen, ist das ein Schlag ins Gesicht. Es ist eine Form der Diskriminierung, die sich mindestens genau so rechtfertigen sollte, wie das die Politiker oder Geistlichen oder Eltern tun müssen, denen Homophobie unterstellt wird, nur weil sie eine abweichende Meinung haben, etwa über den künftigen Schulunterricht in Baden-Württemberg.

Um schließlich mit dem plattesten und Homophobie-typischen Satz zu schließen:

Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: „Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.“

Viel hätte nicht gefehlt und in diesem Kommentar wäre noch der Satz „Man wird doch noch sagen dürfen…“ aufgetaucht.

Bei „Bild“ wiederum wunderte sich der Briefeschreiber Wagner darüber, dass einer wie der Hitzelsperger schwul ist. Wo er doch so gekämpft und gegrätscht hat, der Hitzlsperger. Vermutlich dachte Wagner bislang, ein Schwuler würde am liebsten im Tatftröckchen auf den Platz gehen. Dass dann eine Überschrift zu einer Hitzlsperger-Geschichte auch noch in blassrosa eingefärbt war, mag ein unglücklicher Zufall sein, wenn man denn bei „Bild“ daran glaubt, dass irgend etwas ein unglücklicher Zufall ist.

Nein, es gehört natürlich immer noch Mut dazu, sich zu outen. Und es ist absurd zu glauben, dass nicht ausgerechnet der Fußball eine immer noch latent homophobe Zone ist.

Unlängst übrigens hat eine schottische Profi-Mannschaft einen Kollegen als besonders trainingsfaul gebrandmarkt. Das Ergebnis: Er musste in einem rosa Ballerinen-Outfit trainieren.

 

Die Paywall muss vor die Wagenburg!

Es gibt eine neue App. Sie heißt „Der Abend“ und bietet einen Überblick über den beinahe zurückliegenden Tag. Sie ist personalisierter, interaktiv, lern- und merkfähig, lässt sich insbesondere auf mobilen Geräten gut nutzen, verzichtet demnach völlig auf Papier und ist im Falle der Fälle auch so konfigurierbar, dass sie dem Design verschiedener Redaktionen angepasst werden kann. Kurz gesagt: So soll sie sein, die Zeitung der Zukunft, sofern man sich darauf einlässt, die Zeitung endlich mal davon zu entkoppeln, immer gedruckt sein zu müssen.

derabend

Kommt Ihnen nicht übermäßig spannend, innovativ und aufregend vor? Wären Sie auch selbst drauf gekommen, wenn man Ihnen mal eine Viertelstunde Zeit gegeben hätte? Mag alles sein. Trotzdem ist dieses Ergebnis, das der „Spiegel“ und der Zeitungsdebatten-Mastermind Cordt Schnibben jetzt als Resultat von #tag2020 vorgelegt haben, nicht einfach damit abzutun, dass es eher unspektakulär ist. Im Gegenteil. Denn erstens ist vieles sehr richtig und überlegenswert daran, zum anderen wirft es eine Frage auf, die man sich schon länger stellen müsste: Wenn denn alles so einfach und banal ist, wie es von Print-Seite gerne heißt (der unvermeidliche FAZ-Hanfeld und seine 2 Cent Häme stehen bereits online), warum gibt es ein solches Produkt nicht schon lange? Und wieso halten immer noch viele Verlage die Transkription einer Zeitung in ein e-Paper für die Krönung des digitalen Journalismus?

Darüber soll an dieser Stelle nicht spekuliert werden. Nicht mal, obwohl mir spontan etliche Gründe einfielen. Eines ist dennoch frappierend: wie sehr dieses Beharrungsvermögen auf Printseite immer noch ausgeprägt ist. Cordt Schnibben schildert in seiner Zusammenfassung u.a. die Reaktionen auf die Zeitungsdebatte – und wie ihm eines Morgens fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen ist, weil jemand ernsthaft behauptete, er habe ein von Matthias Döpfner geordertes, „Bild“-ähliches Konzept entworfen. Aber auch die Reaktionen aus anderen Blättern waren von beeindruckender Engstirnigkeit: In „FAS“, „Zeit“ und anderen wurden die bösen Zeitungshasser für alles verantwortlich gemacht, in der FAZ verstieg sich Stefan Schulz zu der selbst für seine Verhältnisse erstaunliche Behauptung, der Anspruch der Zeitung sei schließlich „Wahrheit“. Seinem Herausgeber Frank Schirrmacher fiel nichts anderes ein, als ernsthaft darauf zu verweisen, es dämmere gerade immer mehr Menschen, dass die Zeitung nicht von der NSA überwacht werden könne. Und auch Hanfelds neuer Text kommt nicht ohne den Hinweis aus, in der „Spiegel“-Debatte seien „Online-Onkels von der Leine“ gelassen worden, die dann ihren „Zeitungshass“ ausgelebt hätten.

Schon klar, so einfach kann man sich das natürlich machen. Alles ist gut, nur die bösen Online-Onkelz reden alles kaputt. Weil es ihnen Spaß macht, es ihr Hobby ist und dem eigenen Business schließlich auch noch gut tut. Das ist eine Wagenburg-Mentalität, die bisher noch jedem Untergang vorausgegangen ist, wobei ich beim Stichwort Untergang irgendwie an den gleichnamigen Film denken muss und an die Szene, in der der Führer irgendwelche Armeen herbeizitiert, die schon lange nicht mehr existieren. Eine solche Mentalität verhindert allerdings auch die Öffnung nach außen und die Möglichkeit, auf solche Dinge wie das Konzept „Der Abend“ zu kommen. Bevor jetzt wieder irgendein Hanfeld loskräht: Das Konzept wurde nicht von den bösen Onkelz kreiert, sondern basiert weitgehend auf dem, was User eingebracht haben. Hätte man übrigens ebenfalls selber machen können, man müsste nur mal von seinem hohen Journalisten-Roß runterkommen und aufhören zu glauben, man wisse schon, was für (Medien-)Land und Leute gut ist.

Haben sie aber nicht, sind sie aber nicht – und ich würde die Prognose wagen: Viel wird sich auch weiterhin nicht ändern, schon alleine, weil man sich ja jetzt erst mal dem Aufziehen von Paywalls widmen muss. Andersrum würde vielleicht eher ein Schuh heraus.  Journalismus neu denken, den Gegebenheiten eines digitalen Zeitalters anpassen – und dann Produkte entwickeln, die man sich auch bezahlen lassen kann. Aber, schon klar: Solange man böse Internet-Onkelz und diebische Geizhals-Leser als Feindbild ausmacht, muss man sich über die eigene Einfallslosigkeit kaum Gedanken machen.

Nachtrag: Ein anderer böser Onkel, Thomas Knüwer, hat sich ebenfalls zum Thema geäußert. Er hält die Abend-App für ziemlich konfus und nimmt die Debatte letztlich als Beleg dafür, dass sich das bedruckte Papier dem Ende nähert. Lesen kann man das hier – aber bitte nicht gleich wieder ´ne Verschwörung wittern, liebe analoge Verschwörungstheoretiker.