Als die ARD mal was mit Hashtag machen wollte…

Die ARD hat beschlossen, es mal wieder mit hingekrampfter Pseudojugendlichkeit zu versuchen. Das Ergebnis hieß „Überzeugt uns“, wirkte wie eine Journalismus-Parodie – und zeigt das ganze Elend etablierter Medien, wenn es um ein jüngeres Publikum geht. “Read

Das Jahr, in dem das Fernsehen starb

Heute und morgen noch ein bisschen Fußball – und dann lange, sehr lange Sommerpause im Programm. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum wir uns irgendwann mal erinnern werden. An 2017. Das Jahr, in dem Fernsehen zu sterben begann. “Read

TV, abgeschafft

Bei Amazon kann man jetzt auch fernsehen. Das heißt, natürlich nicht das, was wir unter klassischem TV verstehen. Im Sinne von: Man setzt sich vor einen großen Kasten in der Mitte des Wohnzimmers und wartet darauf, was an manchmal mehr und meistens weniger Gutem kommt. Stattdessen können ab sofort alle Prime-Mitglieder zu einem leicht erhöhten Jahrespreis (49 statt 29 Euro) unbegrenzt auf die gesamte Amazon-Videothek zugreifen. Gemessen an dem, was Konkurrenten wie Maxdome oder Watchever an Preisen aufrufen: ein Kampfpreis, ein Schnäppchen.

Und damit würde ich Ihnen jetzt erst einmal gerne von meiner TV-Woche berichten. Das heißt, eigentlich habe ich es mir schon lange abgewöhnt, klassisches Fernsehen einzuschalten. Aber aus Gründen hat es sich einfach so ergeben, dass der Fernseher in dieser Woche ziemlich oft lief. Gesehen in einer Mischung aus Neugier und Ekelfaszination habe ich u.a. das Folgende:

Ein schleimbeuteliger Mann ist mit vier Frauen in einem Fickschloss eingesperrt, drei knutscht er nieder, eine nicht. Jede Woche muss jetzt eines der blonden Barbiepüppchen das Haus verlassen. Am Ende bleibt eine und ist dann die Liebe für den Rest des Lebens des sogenannten Bachelors.

Irgendwo anders treffen sich adipöse Menschen.  Sie werden ziemlich geschunden und ab und auch mal vorteilhafter gestylt. Wer am Ende etwas weniger adipös ist, ist der „biggest Loser“.

Günther Jauch stellt Quizkandidaten Fragen.

Günther Jauch stellt Politikern Fragen.

Thomas Gottschalk spricht mit Promis über deren Schulzeit.

Ein Trailer kündigt an, dass Günther Jauch und Thomas Gottschalk mit Kandidaten Spiele spielen.

In einer Arztpraxis wird ein Penis in Großaufnahme behandelt, bei dem irgendwas kaputt gegangen ist.

In einem Jugendknast sitzen Menschen, bei denen etwas mehr kaputt gegangen ist.

In Köln, Mainz und Veitshöchheim werden Menschen gezeigt, die eigenartige Kostüme tragen und über flache Witze lachen.

Oliver Kahn spielt Oliver Kahn.

Täglich eine Talkshow.

Und natürlich könnte ich noch eine ganze Zeit so weiter machen. Aber erstens möchte ich gerne Ihre Nerven schonen, zum anderen habe ich das Experiment „Eine Woche ganz normales TV“ dann doch eher wieder abgebrochen. Es ging einfach nicht mehr.

Damit kommen wir dann wieder zurück zu Amazon. Und zu Apple, zu Netflix, zu Maxdome und Watchever. Und zu der unausweichlichen Konsequenz, dass wir es zunehmend mit einem Zwei-Klassen-TV zu tun bekommen.

Das eine, das hochwertig, ständig verfügbar ist, Geld kostet, aber gemessen an dem, was man alleine monatlich an Rundfunkgebühr bezahlt, dann doch wieder günstig ist.

Und das andere: wahlweise öffentlich-rechtliches Anstalts-TV, das Mainzer Karneval für lustig, Gundula Gause für seriös und eine „Münchner Runde“ für heimatverbunden hält. Oder aber privates Fernsehen, dass wenigstens so ehrlich ist und gar keinen Hehl daraus macht, zu diesem Zwecke auch Penisse in Großaufnahmen und dicke Menschen beim Abnehmen zu senden. Dass die einen gerne mit den Fingern auf die anderen zeigen, kann man mit einem Schulterzucken abtun, weil das Publikum, dass sie alle gerne hätten, sich abgewendet hat und es weiter und in verstärktem Tempo tun wird.

Ja, natürlich kenne ich das Argument: Wenn man sucht, findet man jeden Tag im TV Perlen. Das ist ganz bestimmt so – und genau das ist auch die Crux: Ich muss suchen, ich muss jede Menge Müll und Langeweile durchwühlen, um irgendwo vielleicht mal etwas zu entdecken, was gut sein könnte.

Dagegen das: Heute Abend ist „House of Cards“-Hardcoreabend angesagt. Ganz ohne Fernseher.

Fernsehen ist immer noch das Leitmedium Nummer 1 sagen die, die es machen. Mag sein. Aber die Prognose ist nicht allzu gewagt: keine zehn Jahre mehr und TV ist das Nebenbeimedium Nummer 1. Bedeutungslos, vor sich hinplätschernd, bunt flimmernd und nett, wenn man es hat.

Muss man aber nicht. Wirklich nicht.