Flachsinn in der Filter Bubble

Diese Geschichte hier benötigt einen mittellangen Vorlauf. Ich habe mich sehr lange der Szene der Digitalisten sehr zugehörig gefühlt. Wenn jemand die Auffassung vertrat, zu viel flaches Zeug im Netz sei nicht allzu gesund, hat das bei mir schnell Reflexe ausgelöst. Ich dachte dann sofort an Menschen der Kategorie Manfred Spitzer, die grundsätzlich alles für gehirnschrumpfend halten, was nicht auf Papier oder noch besser Buchseiten gedruckt ist. Ich habe an eine Print-Kamarilla geglaubt, die aus reinem Eigeninteresse alles verhindern will, was digital ist. Meistens kam ich mir vor wie in den späten 70ern, in denen es gerne mal hieß, Fernsehen führe zur Totalverblödung. Flachsinn im TV also immer, nur im Netz nicht?

“Read

Heiß-hassgeliebte Bubble

Erika Steinbach, eine erzkonservative Politikerin und langjährige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, hat etwas wenig Überraschendes gemacht: Sie hat einen Tweet abgesetzt, über den man sich aufregen kann, weil er potentiell fremdenfeindlich ist. (Man kann es auch lassen, weil es nur Erika Steinbach ist, aber dazu später):

steinbach

Wenn man auch nur ein bisschen weiß, wer Erika Steinbach ist, dann kann man an diesem Tweet nichts wirklich Überraschendes finden. Frau Steinbach äußert sich regelmäßig in diese Richtung. Was übrigens ihr gutes Recht ist, ebenso wie es das gute Recht anderer ist, diesen Tweet wahlweise doof, ärgerlich, rassistisch oder einfach nur billig zu finden.

Wenig überraschend war dann auch das, was kurz darauf in meiner Filterblase einsetzte: Empörung. In meinen diversen Timelines tauchten in einem erwartbarem Tempo erwartbare Äußerungen auf. Ob diese Frau noch ganz bei Trost sei, dass dies eine Unverschämtheit ganz der Nähe geistiger Brandstiftung sei, dass diese Frau Steinbach…(setzen Sie hier bitte Beschimpfungen aller Art ein).

Ich habe mich, zugegeben, amüsiert. Über zweierlei. Darüber, dass es Menschen, die mit gezielten Provokationen Menschen provozieren wollen, immer noch vergleichsweise einfach haben, selbst bei Menschen, von denen ich eigentlich denke, dass sie für psychologische Taschenspielertricks wenig empfänglich sind. Und zum anderen darüber, wie sehr erwartbar leider auch meine eigene Filterbubble ist. So wie die Steinbach-Filterbubble erwartungsgemäß „Gutmenschen“ quäkt, brüllt meine eigene sofort „Brandstifterin“ oder Ähnliches. Das ist natürlich völlig in Ordnung so, zeigt aber, warum es so schwierig, ja beinahe unmöglich geworden ist, sich im digitalen Zeitalter in sozialen Netzwerken ernsthaft auseinanderzusetzen.

Und es zeigt auch, warum es soziale Netzwerke so furchtbar schwer machen, sich auch mal mit der – selbstredend unwahrscheinlichen – Möglichkeit auseinanderzusetzen, dass der andere Recht haben könnte. (Bevor ihr jetzt laut losbrüllt, nein, ich denke nicht, dass Frau Steinbach Recht hat). Immerhin wurde der Steinbach-Tweet fast tausend Mal gelikt, was zumindest den Rückschluss zulässt, dass es noch mindestens eine andere Filter Bubble gibt, die von sich ebenso wie wir glaubt, sie leben in der einzig richtigen Filter Bubble.

Was mich stört und weswegen ich mich nicht über diesen Tweet öffentlich ausgekotzt habe: Speziell in sozialen Netzwerken sind Likes und andere Sachen so furchtbar billig zu bekommen, wenn man nur genügend Poser-Naturell in sich hat und weiß, worauf die Horde abfährt. Die Steinbach als durchgedrehte, alte Irre darzustellen? So einfach wie billig. Dafür gibt´s ganz viel virtuelles Schulterklopfen aus der eigenen Blase, was man sich ganz leicht zunutze machen kann, wenn man denn nur weiß wie.

***

Ich geb´s gerne zu, dass es solche Tage wie der Steinbach-Tweet-Tag sind, die mein latentes Unbehagen mit meiner eigenen Was-mit-Medien-Blase weiter steigen lassen. Weil sie letztendlich den selben Herdentrieben folgt wie alle anderen Blasen auch. Weil es ein paar ungeschriebene Gesetze gibt, an die man sich genauso wie in anderen Milieus  gefälligst zu halten hat. Weil es genau solche Poser und Wortführer wie andernorts gibt, ebenso wie die treudoofen Dackel, die alles geil finden, so lange es von den richtigen Leuten kommt. Und ich mag es nicht, wenn man sich andauernd gegenseitig auf die Schulter klopft. Du findest die Steinbach auch krank? Dann gehörst du zu uns, Freibier für alle!

Und leider, liebe Bubble, ist die Welt nur selten schwarz oder weiß, sondern allermeistens einfach nur grau. Mit die besten Titelseiten und Geschichten zum Thema Flüchtlinge habe ich in den letzten Wochen ausgerechnet in der „B.Z.“ gesehen, während die größten medialen Enttäuschungen der letzten Monate ausgerechnet von Leuten verantwortet wurden, von denen ich das als allerletztes erwartet hatte.

Mein Leben in der Blase

Ab und an mache ich etwas, was mir erwartbar den Puls in die Höhe treibt: Ich kaufe mir eine FAZ. Und dann lese ich dort bevorzugt die Kommentare von den Leuten, von denen ich verlässlich weiß, dass unsere Sicht der Dinge weit auseinander liegt. Ich lese die Autoren, von denen ich ahne, dass mich über sie eher ärgere. Und ab und an finde ich manches von dem, was da steht, sogar richtig gut (gestehe mir das aber eher zähneknirschend ein). Ich lese gelegentlich auch die Kommentare aus der „Welt“ und wenn ich ganz hart drauf bin, dann sogar die Kolumnen von Jan Fleischhauer.

Das hat einen einfachen Grund: Gelegentlich muss ich raus aus meiner eigenen Filterblase. Zum einen, weil es mich langweilt, immer nur das bestätigt zu bekommen, was ich ohnehin weiß oder glaube zu wissen. Und von dem ich erwarten kann, dass es irgendwo in meiner Bubble auftaucht. Zum anderen, weil es in Zeiten der Timelines, Newstreams und Algorithmen fast schon wieder spannend ist festzustellen, dass es außerhalb der Blase sowohl Leben als auch andere Meinungen gibt.

5296780811_82869494e3_b

Womit ich nach ein paar Umwegen und Schlenkern endlich in meiner eigenen Filterblase angekommen bin. Sie lief mir in diesen Tagen vermehrt über den Weg, weil es jetzt ein neues Angebot gibt, das „piqd“ heißt und nach eigener Beschreibung eine Art Programmzeitung für das gute Netz sein soll. Experten kuratieren quasi das Netz für mich und suchen das raus, was sich zu lesen lohnt. Man kann die Idee gut finden (muss man aber nicht), wenn man aus der eigenen Bubble nicht raus will oder sich in ihr womöglich sogar wohl fühlt. Mich jedenfalls hat ein Unbehagen beschlichen, weil ich auf ein paar Leute gestoßen bin, die schon gerade an anderen Ecken des Netzes kursieren, von Blendle über diverse Blogs bis hin jetzt eben zu „piqd“. Das ist legitim, kommt mir aber gerade im Moment etwas absurd vor: Ich hatte noch nie so viele Möglichkeiten, die Welt aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten – und soll sie mir jetzt von den dann doch immer wieder gleichen Leuten erklären lassen?

Gleichwohl ist das ja schon erstaunlich: Da sind wir immer so verdammt aufgeklärt und aufgeschlossen in unserer digitalen Welt, benehmen uns aber dann auch nicht sehr viel anders als ein durchschnittlicher CSU-Parteitag. Ein paar haben immer die Klappe offen und erzählen uns auf den billigen Plätzen, was wir zu denken, zu lesen und zu glauben haben.

Und deshalb wird „piqd“ leider auf mich verzichten müssen, sorry. Nix gegen eure Leute, ich mag die zum größten Teil und spreche ihnen auch in gar keinem Fall irgendwas ab. Aber ich esse auch nicht jeden Tag das gleiche und gemeinsame Weltbilder waren mir schon immer etwas suspekt.

Und jetzt geht´s an den nächsten Kiosk. FAZ kaufen.

Foto auf dieser Seite: NASA/CXC/SAO/J.Hughes et al, Optical: NASA/ESA/Hubble Heritage Team (STScI/AURA),
CC BY-NC 2.0

Die Lanz-Bubble

Seit Markus Lanz „Wetten, dass…“ moderiert, müssen Menschen wie Hans Hoff ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zu ihrem Beruf haben. Hoff ist das, was man gemeinhin als „Fernsehkritiker“ bezeichnet. Das sind Menschen, die vor dem Fernseher sitzen, sich Sendungen anschauen und darüber schreiben, wie sie sie fanden. Meistens schlecht, das ist das Wesen des Kritikers.

bild spon sz

Somit ist es kein Wunder, dass Hans Hoff und ungefähr alle anderen hautberuflichen Kritiker Lanz und „Wetten, dass…“ seit Lanzens erster Sendung konsequent niederschreiben. Hoff und Co. müssten das allerdings inzwischen selbst langweilig finden. Weil sie jedes Mal das gleiche schreiben und weil sie vermutlich ihre Verrisse schon am Samstag nachmittag in der Badewanne fertig haben und sich die eigentliche Sendung dann nur noch ansehen, damit wenigstens keine falsche Angaben über die Gäste drinstehen. Ansonsten sind die Kritiken genauso erwartbar wie Moderationen von Markus Lanz: „Polierter Showroboter“ nennt ihn Hoff diesmal,  sein Kollege Matthias Kohlmaier hatte bei der Januar-Sendung noch behauptet, die Tatsache, dass die Sendung pünktlich zu Ende gegangen sei, sei eine Flucht vor dem damals laufenden RTL-Dschungel.

Der „Wetten, dass…“-Verriss ist mittlerweile zu einem liebgewordenen Ritual des deutschen Sonntags-Journalismus geworden. Denn die Kollegen der SZ sind damit ja nicht alleine. „Spiegel Online“ gehört ebenfalls zu den verlässlichsten Lieferanten böser Stücke. Wenn spätestens Sonntag mittag noch kein böses Wort auf der Seite zu finden ist, müsste man sich Sorgen machen und schnell jemanden vorbei schicken in Hamburg. Nicht, dass ihnen noch was passiert ist bei SpOn. An diesem Sonntag jedenfalls funktionierte die Verriss-Maschine aus Hamburg noch zuverlässig: „Eine Sendung leidet an Burn-Out“, attestierte man dem TV-Dino diesmal. Das ist die Größenordnung, in der sich „Spiegel Online“ jedesmal bewegt. Kein Wunder, ist doch Lanz der „Christian Wulff des Showgeschäfts“, für den „jede Sendung ein Endspiel“ ist. Sogar die „Bild“, ihn früheren Tagen ein glühenden Anhänger von „Wetten, dass…“ und zumindest tendenziell auch gegenüber Lanz nicht allzu negativ eingestellt, haut inzwischen jeden Sonntag danach drauf; diesmal zugegeben sogar halbwegs originell.

Bevor Sie jetzt erstaunt vermuten, ich sei der einzige lebende Journalist/Blogger, der enorm viele Sympathien für den Moderator Markus Lanz hegt: bin ich nicht, tue ich nicht. Ich amüsiere mich eher. Zum einen darüber, dass es SZ, SpOn und anderen nicht zu doof wird, dieses Ritual vierwöchentlich aufzuführen. Der journalistische Mehrwert wäre ja an sich nur gegeben, wenn irgendjemand demnächst mal feststellen würde, jetzt habe der Lanz aber mal eine richtig gute Sendung hingelegt. Alles andere – führt zu dem schönen Phänomen der Konsonanz. Der Erwartung der Leser an ihre Redaktion, ihn in ihrem gefestigten Weltbild zu bestätigen. Leseerwartung nennt man das wohl, was da passiert. Kurz gesagt: Der SZ/SpOn-Leser will bestätigt wissen, wie recht er hatte, die Sendung nicht zu schauen und den Lanz doof zu finden. Wenn es also eine Art Lanz-Filter-Bubble gibt, dann tun SZ und „Spiegel“ gerade alles dafür, dass diese Blase ja nicht platzt.

Persönlich ödet mich Journalismus an, der so furchtbar erwartbar ist. Ich mag ja Lanz-Sendungen auch nicht, weil sie so erwartbar sind. Und im Übrigen: Hey, wer verreißt jetzt eigentlich mal diesen furchtbar öden und flachen Stromberg-Film, auf den ich mich eineinhalb Jahre gefreut hatte und der zu einer meiner größten persönlichen Enttäuschungen geworden ist? Niemand vermutlich, Stromberg und Christoph Maria Herbst stecken derzeit ja eher in der überaus positiv gestimmten Filter Bubble von SZ und SpOn fest.