Lokaljournalismus – die Reise zum Mittelpunkt des Bebens…

Vor ein paar Jahren hatte ich eine Idee, die ich erst witzig fand – und die danach in kürzester Zeit grandios gescheitert ist. Umso mehr amüsiert es mich, dass eine nur leichte Abwandlung dieser Idee gerade als das wirklich heiße Ding im Journalismus gefeiert wird. “Read

Und am Wochenende ins Frauenhaus!

Die Tage mal stand eine dieser bedauernswerten Damen im Supermarkt, die den Kunden Probeabos für die Heimatzeitung freundlich nahelegen sollen. Weil ich aus früheren Zeiten bei einer Regionalzeitung noch ganz gut weiß, was das für ein schwieriger, noch dazu auf irgendwelchen Provisionen basierender Job ist und weil es mich außerdem merkwürdigerweise interessiert hat, habe ich unterschrieben: Zwei Wochen Probeabo einer Regionalzeitung, deren Name hier nix zur Sache tut.  Weil das, was ich da lese, vermutlich in nahezu jeder Regionalzeitung Deutschlands Alltag ist. Also, schauen wir uns mal durch: Alltag einer Zeitung, Anfang 2017.

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Lokaljournalismus: Es bleibt, wie es ist

Als ich mein Volontariat bei einer kleinen Tageszeitung in Niederbayern absolviert habe, war allen Beteiligten klar: Lange geht das so nicht mehr weiter mit dem Lokaljournalismus.

Wir, das waren gleichermaßen: Leser und Journalisten. Beide ahnten wir, dass das alles schon sehr speziell ist. Dieses ständige „alles ist gut“, das mantra-artige „Aufsteigerregion Niederbayern“ (eine sehr schöne PR-Leistung der CSU, so einen Begriff in den Sprachgebrauch zu etablieren). Der Terminjournalismus, die Vereinsberichterstattung. Die grässlichen Fotos, das gestelzte Deutsch, das…ach, Sie wissen, was ich meine, wen Sie sich jemals einen durchschnittlichen deutschen Lokalteil zu Gemüte geführt haben.

Das alles ist mittlerweile ziemlich genau 30 Jahre her. Die Vokabeln, mit denen man Lokaljournalisten belegt, sind oft noch dieselben. Bei den einen mehr und bei den anderen weniger verdient hört man immer noch: Terminjournalismus. Heile-Welt-Journalismus. Gar-kein-Journalismus. Vermutlich gibt es nach wie vor nur wenige Lokalredakteure, deren Blatt nicht schon mal als „Käseblättchen“ geschmäht wurde. Und das unfassbar dämliche Argument, unfassbar dämliches Zeug ins Blatt heben zu sollen, existiert auch immer noch: Ihr bringt doch sonst auch jeden Schmarrn!

Kurz gesagt: Es hat sich nicht so viel Grundlegendes geändert seit 1986.

Das Phänomen Lokaljournalismus

Der Lokaljournalismus, zumal der gedruckte in der Tageszeitung, ist ein echtes Phänomen in Deutschland.  Mitten in den größten Umbrüchen  ist er erstaunlich veränderungsresistent. Und, das ist besonders verblüffend: offenbar von den Nutzern nicht anders gewollt. Das widerspricht zwar ungefähr allem, was man in Seminaren und Panels und Blogs so liest und hört, ist aber ähnlich wie beim Teletext: Auch der sieht ja immer noch so aus wie in seinen Gründertagen. Würde man ihn modernisieren wollen, es gäbe vermutlich einen Aufstand bei den Nutzern.

Wenn es um Lokaljournalismus geht, sind die Nutzer in Deutschland ein  konservatives Volk. Nach wie vor stehen Lokaljournalisten nicht gerade an der Spitze der Ansehens-Skala. Und unverändert gilt der Lokaljournalismus vielen als etwas, was zwar irgendwie notwendig, aber kein richtiger Journalismus ist. Lokalzeitung? Hat man halt, findet sie aber so sexy wie ein paar alte Socken.

Dam müsste es doch mit dem Teufel zugehen, würde man im Zeitalter der hemmungslosen Digitalisierung nicht auch diese ganzen verstaubten Käseblättchen vom Markt fegen und durch irgendwas Hippes ersetzen können. Apps beispielsweise. Oder Blogs. Oder irgendwas mit sozialen Netzen.

Lokales im Web? Eher unwichtig.

Und dann wirft man einen Blick auf die neuesten Zahlen von Bitcom – und man staunt: 41 Prozent informieren sich gar nicht über das Lokalgeschehen im Web. Von den verbliebenen 59 Prozent, die es doch tun, entscheiden sich 28 Prozent für die Webseite einer Lokalzeitungen. Die gehypten Lokalblogs hingegen bringen es nur auf 20 Prozent. Und auch alle anderen Anbieter, Stadtmagazine oder Lokalsender, landen mit ihren Webangeboten hinter den Lokalzeitungen.

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Das ist nicht nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Zu erklären ist er kaum, zumindest dann nicht, wenn man Menschen so reden hört über ihre Lokalredaktionen. Trotzdem gibt es eine Erklärung: Lokalzeitungs-Leser sind enorm geduldige, man könnte auch sagen: träge Kunden. Bis jemand seine Lokalzeitung abbestellt oder zur Konkurrenz wechselt, muss schon viel passieren. Mit der trägen Treue von Lesern der Lokalblätter können bestenfalls noch Banken konkurrieren, die sich ebenfalls enorm anstrengen müssen, bis sie einen Kunden zur Kündigung treiben.

Kein ganz neues Phänomen übrigens: Der Markt der Lokalzeitungen ist in Deutschland schon seit Jahrzehnten kein echter Markt. In vielen Regionen Deutschlands existieren De-facto-Monopole, die nicht mehr aufzubrechen sein werden. Wer seine Claims in einer Region abgesteckt hat, der ist dort meistens medialer Alleinherrscher.

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Tageszeitungen in Deutschland. (Grafik: ZMG)

Umgekehrt: Gerade in den letzten 12 Monaten hat sich die Euphorie um Lokalblogs deutlich abgekühlt (und ich gebe zu: Ich hatte deren Potential auch deutlich größer eingeschätzt). Tatsächlich nehmen viele ein Lokalblog gerne als zusätzliches Informations-Angebot mit, sind aber nur selten dazu bereit, dafür auch Geld auszugeben. Noch gravierender: Anzeigenkunden. Die meisten von ihnen kommen mit ihren Regionalblättern vor Ort leidlich aus, lokale Blogs sind für die meisten eine zu vernachlässigende Größe.

Der Kritiker als Nestbeschmutzer

Zumal es speziell im Lokaljournalismus noch ein weiteres Phänomen gibt, das jeder kennt, das es eigentlich nicht geben dürfte – und über das deshalb öffentlich eher weniger gesprochen wird: Natürlich wollen wir alle kritischen und unabhängigen Journalismus. Aber bitte, wenn es das um das eigene Revier geht, da wird dann aus dem kritischen Journalisten schnell ein Nestbeschmutzer. Und so genau will man es ja auch gar nicht wissen, wenn es um die eigene Haustür geht. Würde man sich also als alternatives Lokalmedium irgendwie gegen die Vorstellung der meistens heilen Welt positionieren, man könnte ebenso gut vorsorglich Insolvenz beantragen.

Es ist deshalb keine gewagte Prognose: Neben dem Teletext wird auch der (gedruckte) Lokaljournalismus von den Veränderungen durch die Digitalisierung weniger spüren als viele andere.

Wie viel Journalismus geht im Lokalen?

Jaja, der gute alte Lokaljournalismus. Immer für eine Schnurre gut. Und leicht zu kritisieren. Aber: Kann es sein, dass die Leute genau das bekommen, was sie im Lokalen wollen?

Gut möglich, dass ich mich mit diesem Beitrag selbst ins Knie schieße. Schließlich propagiere ich gerne genau das Gegenteil von dem, was hier zu lesen ist.  Wenigstens bin ich damit nicht alleine – und es gibt auch gute Gründe für das, was ich und die meisten anderen da so tun: Wir wollen uns ja nicht um unsere eigene Existenzberechtigung bringen.

Juliane Wiedemeier hat einen ganz interessanten Text geschrieben. Über die Crux der Lokalzeitungen und des Lokaljournalismus. Nicht ganz neu in der Argumentation, solche Texte finden sich schon bei nur oberflächlicher Suche im Netz zuhauf. Bevor Sie mir das irgendwann um die Ohren hauen: Ja, auch von mir. Im Kern wird in solche Texten gerne die folgende These vertreten: Alleine am Internet liegt es nicht, dass die Lokalblätter in Schwierigkeiten geraten sind. Es liegt auch daran, dass sie ziemlich öden Journalismus machen, gerade im Lokalen. Vereinsberichte, Terminjouralismus, die ganze Klaviatur, Sie wissen schon.

Das ist in diversen Fällen natürlich kaum zu bestreiten, über die manchmal tatsächlich eher stumpfen Inhalte von Lokalteilen sind nicht umsonst über die Dekaden hinweg gefühlte 20.000 Symposien und Panels abgehalten worden. Nur über eines spricht man nicht so gerne: das ambivalente Verhältnis, das Menschen zum Journalismus haben. Man könnte auch sagen: je lokaler, je ambivalenter. Was für weit entfernte Orte gilt (Motto: immer feste drauf!), ist in den eigenen Regionen dann doch eher unerwünscht. Was anderswo als kritisch-distanzierter Journalismus gepriesen würde, gerät im eigenen Umfeld schnell in den Ruch der Nestbeschmutzung.

Die Frage müsste also tatsächlich lauten: Kann man im Lokalen überhaupt einen Journalismus machen, der nach den Kriterien des Journalismus funktioniert?

Ich erinnere mich bei diesem Thema immer an eine Geschichte, die ich vor etlichen Jahren mal in einer kleinen Lokalredaktion gemacht habe. Im Kern ging es um einen Krankenhaus-Mitarbeiter, der nicht nur das eine oder andere für seinen privaten Hausbau abgezweigt hatte, sondern zudem tatsächlich große Teile der Telefonanlage, der Patientenzimmer und der Sitzungsräume verwanzt hatte und die Gespräche belauschte. Das war für eine Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern ein veritabler Skandal – und angesichts dessen, dass ich wusste, dass unser Konkurrenzblatt die Geschichte nicht hatte, ließen wir für den nächsten Tag sogar eigens ein paar Exemplare mehr drucken.

Das Resultat war ernüchternd: An der Geschichte stimmte jedes Wort, am Tag darauf stürzten sich auch ein paar Münchner Blätter darauf – nur in meiner Kleinstadt war der Unmut groß. Den aber bekam nicht der Krankenhaus-Mitarbeiter ab. Sondern ich. Zusammengefasst lautete die Kritik: Natürlich ist das nicht ok gewesen, aber das muss doch wirklich nicht in der Zeitung stehen. Die etwas dezidiertere Version hieß: Mit meiner Veröffentlichung hätte ich dem Mann ein Weiterleben in der Stadt mehr oder weniger unmöglich gemacht. Mein vorsichtiger Einwand, ob er das nicht selber schon erledigt habe, wurde mit einem Auflegen des Hörers am anderen Ende beantwortet.

Das ist leider kein Einzelfall geblieben. In meiner Zeit in diversen Lokalredaktionen bin ich immer wieder mal an kleine und mittelgroße Skandälchen gekommen, egal ob als Autor oder als Lokalchef, der den Beitrag letztlich verantworten musste. Das Spiel war immer wieder das Gleiche: Wenn es um den eigene Mikrokosmos geht, wollen es Menschen meistens gar nicht so genau wissen.

Das steht in einem ziemlich krassen Gegensatz zu dem, was genau die selben Menschen sonst gerne an ihrem lokalen Medium kritisieren. „Käseblättchen“ ist in ganz Deutschland ein gängiger Begriff für die Zeitung vor Ort. Und wenn man dann vorsichtig nach dem Grund für diese eher unschöne Titulierung fragt, hört man eine Antwort zuverlässig fast immer: Da steht ja nie was Gescheites drin. Umgekehrt weiß aber jeder, der länger als drei Tage in einer Lokalredaktion gearbeitet hat: Was Gescheites sollte bitte aber auch immer etwas Positives sein.

Zur Ambulanz der Leser zum Lokalen gehört aber auch diese kleine Geschichte: Ich hatte mich mal ziemlich lange mit dem Gründer einer lokalen Kulturinitiative über mein damaliges Blatt unterhalten. Seine Kritik (völlig überraschend): zu viel Vereine, zu viele Termine, zu viel Käse und zu wenig Kultur. Wochen später bekam ich dann einen von dem Verein selbst verfassten Bericht über die eigene Jahreshauptversammlung. Ich hab´s gezählt: 12.000 Zeichen. Passiert war de facto nichts, teilgenommen hatten 14 Leute, das Protokoll wurde verlesen, der Vorstand per Handzeichen wiedergewählt, das Programm fürs nächste Jahr verabschiedet. Also machte ich aus 12.000 Zeichen ziemlich genau 2000.

Am nächsten Tag bestellte der Vorstand geschlossen das Blatt ab.

Ja, ich weiß: Es ist vergleichsweise einfach, Lokalredaktionen Vorhaltungen zu machen. Und nein, nicht alles was dort passiert, ist mal eben damit zu rechtfertigen, dass man es ja so furchtbar schwer habe mit den Lesern.

Nur in einem bin ich mir nicht sicher: Bekommen die Leute am Ende dann nicht doch genau den (Lokal-)Journalismus, den sie haben wollen?

(Nebenher dazu ein kleiner Lesetipp: „Die tote Kuh kommt morgen rein“ vom geschätzten Kollegen Ralf Heimann. Er weiß, wovon er spricht.)

 

Selbstenthauptung im Lokalen

Es gibt mal wieder eine neue Studie aus Dortmund. Eine, die sich mit der aktuellen Lage der Regionalzeitungen beschäftigt. Und das, was aus dieser Studie hervorgeht, müsste eigentlich alle Verlagsmanager tief beunruhigen. Nein, nicht wegen Auflagen und Umsätzen. Sondern wegen dem, was sich am Ende aus dieser Studie über ihre Zukunftsfähigkeit herauslesen lässt…

Es ist schon ziemlich lange her, genauer gesagt fast 30 Jahre, dass mir mein erster Chef immer und immer wieder eingetrichtert hat: Die Lokalzeitung wird wegen des Lokalteils gelesen. Schluss, aus. Das leuchtete mir durchaus ein. Und das, obwohl es damals sehr viel weniger Möglichkeiten für die Leser gab, an journalistischen Stoff außerhalb des Lokalen zu kommen. Ein paar Zeitungen, eine Handvoll Fernseh- und Radiosender und abends die „Tagesschau“, das war´s dann auch schon wieder. Trotzdem: Es konnte in der weiten Welt passieren was wollte, wirklich heftig und intensiv waren Leserreaktionen immer nur dann, wenn es irgendwas Aufregendes im Lokalteil gab (oder wenn wir mal wieder Fotos vertauschten oder irgendjemanden aus der Ehrengästeliste vergaßen zu erwähnen).

Ich erzähle solche Geschichten übrigens heute noch gerne Studenten oder Volontären. Und sie hören sie deutlich lieber als meine anderen Geschichten, glaube ich. Weil man mit solchen kleinen Episoden ganz einfach den Stellenwert des Lokalen aufzeigen kann. Sehr viel besser jedenfalls als mit irgendwelchen Zahlen, Studien oder, noch schlimmer, kommunikationswissenschaftlichen Theorien. Menschen wollen wissen, was daheim los ist, dann erst kommt alles andere. So einfach ist Journalismus manchmal.

Das heißt – so einfach könnte er sein. Man könnte eigentlich denken, dass beispielsweise Lokalzeitungen dieses ganz besondere Prunkstück, ihre eigentliche Daseinsberechtigung nämlich, nicht so einfach aus der Hand geben. Das tun sie aber zunehmend öfter. Kein Bauchgefühl (das natürlich auch), sondern auch in Zahlen nachweisbar. Das Dortmunder FORMATT-Institut hat in seiner zweijährlichen Untersuchung einen eindeutigen Trend festgestellt. Nämlich den, dass die deutschen Tageszeitungen am ehesten im Lokalen sparen (mehr zu den Ergebnissen drüben beim Universalcode). Vor allem in NRW hat sich ja in den letzten Jahren eine merkwürdige Form des Lokaljournalismus entwickelt: Es gibt Lokalausgaben, die nur noch den Mantel selbst herstellen und sich den Lokalteil vom Mitbewerber vor Ort befühlen lassen. Immer noch besser, als wenn die Ausgaben ganz dicht machen, argumentieren Verlage wie die WAZ dann gerne. Was wiederum nicht bedeutet, dass es nicht auch Ausgaben gibt, die ganz dicht gemacht werden.

Das ist mindestens erstaunlich. Weil es einer journalistischen Selbstenthauptung gleichkommt. Abseits von allen Debatten über Digital-Strategien ist das womöglich noch sehr viel gefährlicher als eher lieblos gemachte Online-Präsenzen. Das Lokale ist der große Trumpf der regionalen Zeitungen und es gibt vermutlich auch keinen einzigen Verlagsmanager, der das ernsthaft bestreiten wollte. Aber wenn wir das mal mit der Realität abgleichen: Hat eigentlich schon mal eine Meldung gelesen, dass eine Regionalzeitung ihren Aufwand im Mantel zurückfährt und dafür die Lokalredaktionen erheblich stärkt? Hat jemand mal gelesen, dass die Zeitung XY einen echten Top-Journalisten holt, der sich ausschließlich um die Lokalredaktionen kümmert? Das klingt beim Lesen vermutlich wie ein schlechter Witz, soll aber gar keiner sein. Natürlich wäre es großartig, wenn es in jeder Zeitung einen Stefan Plöchinger gäbe; also einen, der das Digitale nicht einfach nur als einen Internet-Auftritt begreift, sondern neue Formen des digitalen Journalismus zur alltäglichen journalistischen Kultur in einem Verlag einführt. Aber mindestens genauso bräuchte es in jedem Regionalzeitungs-Verlag einen, der den Lokaljournalismus behutsam stärkt und weiterentwickelt. Wenn er das auch noch mit einer Digital-Expertise koppelt, dann wäre dieser Mensch jemand, nach dem sich sämtliche Häuser dieser Republik alle Finger abschlecken müssten.

Ich weiß nicht, ob es so jemanden gibt. Aber selbst, wenn es ihn gäbe: Die Prognose ist nicht sehr gewagt, dass er trotz dieser Fähigkeiten keine allzu guten Jobchancen hätte. Die Investitionsbereitschaft ins Lokale ist immer noch verblüffend gering. Daran hat sich in den fast 30 Jahren, die ich jetzt in diesem Job arbeite, nicht sehr viel geändert. Was es gibt, sind immer noch sehr viele Lippenbekenntnisse und Sonntagsreden. Die Zahlen aus Dortmund sprechen eine andere und eine sehr deutliche Sprache.

Dazu kommt noch anderes: Der Beruf des guten, alten Lokalredakteurs bei einer Tageszeitung wird zunehmend unattraktiver. Es ist nicht nur der Kollege Ralf Heimann, der das sehr deutlich beschrieben hat. Es gibt inzwischen auch Chefredakteure und Geschäftsführer, die unverhohlen einräumen, dass es immer schwieriger wird, den Journalisten-Nachwuchs für einen Job in einer Lokalredaktion, womöglich noch irgendwo auf dem flachen Land zu begeistern.  Wer wirklich was drauf hat, vielleicht sogar noch im Netz fit ist, der wird vieles versuchen, aber nicht, auf Dauer als Lokalredakteur irgendwo zu arbeiten. Weil ihm klar sein dürfte, dass nicht nur der Job etwas fad sein könnte, sondern auch, dass die Zukunftsperspektiven nicht mehr unbedingt für ein ganzes Berufsleben tragen.

Wenn aber auf der einen Seite immer mehr gespart und reduziert wird und es auf der anderen Seite immer problematischer wird, gute junge Leute für diese Form des Journalismus zu begeistern – was soll dann aus den Regionalzeitungen mittelfristig werden? Vielleicht sollten wir darüber mal reden. Und nicht über das Internet, das Leistungsschutzrecht und überhaupt diese böse digitale Welt.

Total lokal? Total egal!

In Aachen hat in den vergangenen Tagen Center.tv dichtgemacht. Nach der Insolvenz im Ruhrgebiet und der Schließung in Bremen in von der einstigen Idee des „Heimatfernsehens“ nicht mehr viel übrig geblieben. Genauer gesagt: nur noch die beiden Standorte, die es auch schon zum Start gab, nämlich Köln und Düsseldorf. Dort leben die beiden Sender vor allem deswegen weiter, weil sie schon lange von den jeweiligen lokalen Platzhirschen geschluckt worden sind. Man lehnt sich also nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn man feststellt: Ohne einen halbwegs finanzkräftigen Konzern oder ein paar nicht mal sonderlich getarnte Subventionen (das Modell Bayern) im Rücken, lässt sich lokales Fernsehen nicht machen.

In Düsseldorf, weil wir gerade im Rheinland sind, hat jetzt die „Westdeutsche Zeitung“ mehr oder weniger ihren Status als vollwertige Zeitung aufgegeben. In Köln werden gerade Lokalredaktionen von MDS und Heinen-Verlag zusammengelegt, in München steht die „Abendzeitung“ kurz vor dem Aus. Man versucht in Köln zwar gerade, die Zusammenlegung irgendwie als Stärkung der publizistischen Irgendwas zu verbrämen, aber auch in diesem Fall lehnt man sich nicht weit aus dem Fenster, wenn man feststellt: Lokaler Journalismus lässt sich auch auf gedrucktem Papier nicht mehr so ganz einfach finanzieren.

In Heddesheim wiederum ist der Journalist Hardy Prothmann ansässig, der seit einigen Jahren gerne als ein Alternativ-Modell für den Lokaljournalismus durch die Republik gereicht wird (ebenso wie beispielsweise auch der Regensburger Stefan Aigner). Beide fahren das glatte Gegenmodell zum Lokaljoirnalismus bekannter Prägung, ganz egal, ob gedruckt oder gesendet: Die Publikations-Plattform ist das Netz, die Strukturen sind entsprechend klein und schlank. Und inhaltlich nehmen weder Prothmann noch Aigner ein Blatt vor den Mund. Im Gegenteil: Beide mögen ganz besonders die Geschichten, die in den großen Medien vor Ort wenig bis gar nicht auftauchen. In Heddesheim hat Prothmann sein „Heddesheimblog“ jetzt vorerst auf Eis gelegt, in Regensburg spricht Aigner immer wieder davon, dass sein „Regensburg digital“ ein Projekt ist, bei dem eine gewisse Bereitschaft zur Selbstausbeutung unabdingbar ist. Es ist also auch bei der Spezies der hyperlokalen und digitalen Publikationen nicht sehr gewagt, wenn man behauptet: schwierig, das alles zu finanzieren.

Kann es also sein, dass wir es nicht (nur) mit einer Zeitungskrise zu tun haben, sondern mit einem handfesten Problem des Lokalen? Dass man zwar weiterhin an jeder Uni, an jeder Journalistenschule und in jedem Volontariat zu hören bekommt, wie wahnsinnig wichtig dieses Lokale sei, gleichzeitig aber zunehmend seine ökonomische Basis zunehmend verschwindet?

Tatsächlich gibt es keine Mediengattung, bei der Anspruch, Wahrnehmung und Wirklichkeit so weit auseinander klaffen wie im Lokalen. Niemand käme theoretisch auf die Idee, Lokaljournalismus für überflüssig erklären zu wollen. Es existiert auch keine einzige Theorie, die erklären würde, dass sich Menschen nicht für das am meisten interessieren, was sie unmittelbar betrifft. Allerdings: Es gibt auch nichts im Journalismus, zu dem Menschen ein ambivalenteres Verhältnis haben. Nichts ist so widersprüchlich wie die Haltung zum Lokalen. Natürlich wünscht man sich eine kritische Grundhaltung und natürlich sollen Journalisten auch in der kleinsten Lokalredaktion noch den Finger in die Wunde legen. Theoretisch zumindest. Wer es in der Praxis tut, der wird dann gerne mal nicht als Aufklärer gefeiert, sondern als Nestbeschmutzer beschimpft. Ich vermute, dass Hardy Prothmann und Stefan Aigner ein Lied davon singen können. Wer umgekehrt Heile-Welt-Journalismus betreibt, muss zwar keinerlei Ärger fürchten. Er darf aber auch nicht erwarten, dass man ihm mit besonders viel Respekt für seine Tätigkeit entgegenkommt. Oder ihn womöglich sogar noch ernst nimmt. Es gibt vermutlich nur sehr wenige Lokaljournalisten, die man nicht schon mal mit milde-abschätzigen Begriffen belegt hat.

Beides ist fatal, was die ökonomische Zukunft des Lokalen angeht – und da spielt es kaum eine Rolle, ob wir jetzt von gedruckten oder gesendeten oder digitale Ausprägungen reden. Weder will man Geld ausgeben für bessere Dorfchronisten noch für Menschen, die man als Nestbeschmutzer empfindet. Die bisherige Finanzierung des Lokalen hat viel mit der schlichten Notwendigkeit zu tun. Wenn es kein anderes Angebot gibt, das über die Geschehnisse auf allerkleinstem Raum informiert (und Todesanzeigen und Prospekte liefert), dann zahlt man hat für das eine, das es gibt. Begeisterungsstürme der Nutzer und – das vor allem – bei den potentiellen Werbekunden darf man dafür allerdings nicht erwarten.

Und was, wenn sich irgendwann demnächst herausstellt, dass eine junge Generation, die in einer global-digitalen Welt aufgewachsen ist, mit dem Heimatbegriff unserer Tage gar nicht mehr viel anfangen kann?  Der Sicherheit , dass man lokalen und hyperlokalen Journalismus immer brauchen wird, sollte man sich jedenfalls nicht mehr uneingeschränkt hingeben.